VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 521

trat, sang und jodelte" 206 . Die Begeisterungsstürme des ausländischen Publikums

wollten kein Ende nehmen, wußte dieses doch sehr wohl, daß ausländischen Arbeitskräften

das Tragen von Trachtenkleidung verboten war.

Anfang 1944 glaubte die Gestapo belegen zu können, daß die nationalen Widerstandsbewegungen

Nord- und Westeuropas mit Hilfe der Fremd- und Zwangsarbeiter

ihren Kampf auch auf das Reichsgebiet ausdehnten. Insbesondere der französische

Widerstand sollte konkrete Handlungsanweisungen an die französischen

Zivilarbeiter gegeben haben 207 . In den Akten der bayerischen Archive finden sich nur

Mutmaßungen über die angebliche Fernsteuerung der Fremden, Rache wurde Kollaborateuren

dagegen massiv angedroht. Den 41jährigen Italiener Karl Cechorin, einen

Bäcker aus dem friaulischen Görz, erreichte in Hartkirchen am Inn im Dezember

1944 das folgende Schreiben italienischer Antifaschisten 208 : „Verräter! Endlich habe

ich Deine Adresse herausgefunden! Erinnere Dich an den Verrat vom 12. 11. 1942, wo

durch deine Schuld Patrioten erschossen wurden, und unter ihnen mein Bruder! Denke

daran, daß dieses Blut nach Rache schreit! Du glaubtest hier in Deutschland in Sicherheit

zu sein, aber auch hier sind wir unser viele. Und jetzt sei auf der Hut! Auge

um Auge, Zahn um Zahn. So wirst auch du und deine Spießgesellen dasselbe Ende

finden, d.h. Deine Familie. Denk daran, daß du in Deutschland Dein Ende finden

wirst. Wir werden Dir bald einen kleinen Besuch machen!

Verräter! Du bist nicht wert, daß die Erde Dich trägt! Du hast diejenigen verraten,

welche kämpften, um unser Land von Vandalismus zu befreien. Vielleicht wirst Du

mich bald kennenlernen."

Die Herzen der Ausländer im Reich wurden weniger vom Gedanken an Rache bewegt.

Celina Drozdek faßt deren Sehnsucht in ihren Erinnerungen in markanten

Worten zusammen: „Die Ausländer in Deutschland sprechen zwar alle ihre eigene

Sprache, aber einen Satz verstehen sie alle: ,Deutschland kaputt.' " 209

206 Ebenda, März 1944.

207 Erlaßsammlung, S. 197-201.

208 StAL,Rep. 164/6, 1014.

209 Hungern für Hitler, S. 195.

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