VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

HANS-HENNING SCHRÖDER

„LEBENDIGE VERBINDUNG MIT DEN MASSEN"

SOWJETISCHE GESELLSCHAFTSPOLITIK .

IN DER ÄRA CHRUSCEV

1. Einleitung

Der Tod Stalins am 5. März 1953 setzte in der Sowjetunion einen Prozeß politischen

Wandels in Gang. Die Anzeichen waren für das sowjetische Publikum und die ausländischen

Beobachter augenfällig: die politische Repression wurde eingeschränkt, die

Literatur erhielt einen größeren Freiraum - 1954 erschien der erste Teil von Erenburgs

„Tauwetter" - 1 , die allmächtige Führerfigur wurde durch eine „kollektive Führung"

ersetzt und schließlich, 1956 auf dem XX. Parteitag, parteiöffentlich demontiert

2 . Die Partei- und Sowjetspitze machte damit ihre Abkehr von den Formen

politischer Herrschaft deutlich, die sich seit Beginn der forcierten Industrialisierung

im Sowjetstaate herausgebildet hatte. Das Stalinsche System war als Mobilisierungsregime

in der Phase beschleunigten industriellen Aufbaus entstanden. Die politische

Bürokratie hatte um den „vozd"' - den „Führer" Stalin - einen Kult inszeniert, durch

den dieser Figur große Macht zuwuchs. Massenrepressionen, deren politische Ratio

nicht erkennbar war, hatten jede potentielle Opposition mundtot gemacht, aber auch

jegliche Initiative erstickt. Die anfangs ungeheuer dynamische Sozialstruktur erstarrte,

soziale Unterschiede wurden durch materielle und immaterielle Privilegien deutlich

markiert. Politische Entscheidungen wurden innerhalb eines kleinen Führungszirkels

gefällt. Facheliten waren davon genauso ausgeschlossen wie die breite

Bevölkerung, für die Politik allein im Rahmen ritualisierter Masseninszenierungen

stattfand. Am Arbeitsplatz durch ein rigides Arbeitsrecht diszipliniert, waren die Sowjetbürger

Objekt einer Kommandowirtschaft, die auf Wünsche und Bedürfnisse

der Gesellschaft keine Rücksicht nahm. Xenophobie und bewußte Ausgrenzung

einzelner Bevölkerungsgruppen - der „Kulaken" in den dreißiger Jahren, der

Juden, Tartaren u. a. in der Nachkriegszeit - prägten das soziale Klima der Stalin-

Jahre.

Mit der Kritik des Personenkults hatten Stalins Nachfolger einen ersten Schritt getan.

Es bedurfte jedoch weiterer Maßnahmen, um die Verunsicherung der Facheliten,

die Innovationsfeindlichkeit der Führungsapparate, das Desinteresse der unmittelbaren

Produzenten zu überwinden. Die „kollektive Führung", in der der Erste Sekretär

des ZK, Chruscev, zunehmend an Gewicht gewann, initiierte denn auch Reformen in

1 Zur „Tauwetter"-Periode vgl. M. Slonim, Die Sowjetliteratur. Eine Einführung, Stuttgart 1972,

S. 353 ff.; vgl. auch Russische sowjetische Literatur im Überblick, Leipzig 1970, S.284f., 321, 343;

Istorija russkoj sovetskoj literatury, Moskva 1974, S. 514 ff.

2 Vgl. Rezoljucii XX s-ezda Kommunisticeskoj Partii Sovetskogo Sojuza, Moskva 1956, S. 21.

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