VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

524 Hans-Henning Schröder

vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. Recht und Gesetzlichkeit wurden

öffentlich aufgewertet, die Wirtschaftsadministration reorganisiert, der Agrarsektor

reformiert, Bildungssystem, Tarifnetze und Renten neu geordnet. Auch die politische

Organisation veränderte sich: Die Partei wurde personell vergrößert, ihre gesellschaftliche

Rolle erweitert. Neue Institutionen gaben den Sowjetbürgern eine gewisse

Möglichkeit, an politischen Prozessen mitzuwirken 3 .

Diese Entwicklung erklärt sich durch eine Reihe von Faktoren. In Stalins letzten

Lebensjahren hatten sich im ökonomischen und gesellschaftlichen Bereich zahlreiche

Probleme aufgestaut. Die Schwierigkeiten im Agrarbereich, die Disproportionen

in der Entwicklung der Volkswirtschaft, der niedrige Lebensstandard, der Wohnraummangel,

Bürokratisierung und Überzentralisierung der Verwaltung machten

umfassende Reformmaßnahmen erforderlich, die auch darauf abzielen mußten,

alle Gruppen der Gesellschaft zu aktivieren und ihre Selbsttätigkeit zu fördern.

Als weiterer Faktor fiel ins Gewicht, daß die „kollektive Führung" anderer

Mittel zur Erzeugung von Legitimation bedurfte als bisher - Feindbildpropaganda,

Repression und ritualisierte Führerverehrung mußten durch Herrschaftstechniken

abgelöst werden, die den komplexer werdenden sozialen und ökonomischen

Strukturen angemessen waren. Schließlich spielten auch die Konflikte innerhalb

der „kollektiven Führung" eine Rolle, da sie die Parteiungen innerhalb der Führungsspitze

dazu veranlaßten, innerhalb der Gesellschaft um Unterstützung zu werben.

Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft - von Herrschenden und Masse der Bevölkerung

4 - veränderte sich auch durch eine Politik der „Entstalinisierung", die

nicht auf ideologische Fragen beschränkt war. Aufgabe des vorliegenden Aufsatzes

soll es sein, Elemente der Gesellschaftspolitik der „Ära Chruscev" zu sichten und näher

zu untersuchen. Auf diese Weise ist es möglich, sich der gesellschaftlichen Dimension

von „Entstalinisierungspolitik" anzunähern. Die Untersuchung des Verhältnisses

von Staat und Gesellschaft in seinen Einzelaspekten gibt schließlich auch Hinweise

darauf, inwieweit das sowjetische Herrschaftssystem in dieser Phase qualitative Än-

3 Zu dem umfassenden Wandel nach Stalins Tod vgl. R.C.Tucker, The Soviet Political Mind, New

York 1971, S. 195 f.; B.Meissner, Rußland unter Chruschtschow, München 1960, S.3 u. 265; ders.

(Hrsg.), Sowjetgesellschaft im Wandel. Rußlands Weg zur Industriegesellschaft, Stuttgart/Berlin

1966, S.59; K.C. Thalheim, Die Veränderungen des sowjetischen Wirtschaftssystems in der nachstalinistischen

Ära, in: E. Boettcher u. a. (Hrsg.), Bilanz der Ära Chruschtschow, Stuttgart/Berlin

1966, S. 113-131, hier S. 122; C.A.Linden, Khrushchev and the Soviet Leadership 1957-1964, Baltimore

1966, S.217; G. W. Breslauer, Khrushchev Reconsidered, in: S.F.Cohen u.a. (Hrsg.), The

Soviet Union Since Stalin, London 1980,S.50-70, hier S. 52 f.; vgl. unter anderem Blickwinkel auch

S. F. Cohen, The Friends and Foes of Change: Reformism and Conservatism in the Soviet Union, in:

Slavic Review 38, 1979, S. 187-202; zu Chruscevs Einschätzung vgl. [Chruscev, S.N.] Khrushchev

Remembers, New York 1971, Bd. II, 1, S.78f., 118f.

4 Angesichts der russischen bzw. sowjetischen Verhältnisse hat es Tradition, von einem „Dualismus"

zwischen Staat und Gesellschaft auszugehen; vgl. dazu R. C. Tucker, The Image of Dual Russia, in:

ders., The Soviet Political Mind, S. 121-142; auch in der untersuchten Zeitspanne ist es m. E. noch

legitim, von einem derartigen „Dualismus" auszugehen.

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