VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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Lebendige Verbindung mit den Massen 535

viele, deren Renten an der unteren Grenze lagen, war die Zunahme noch weit höher

54 .

Tarifreform, Rentenreform und Steuerreform veränderten die sowjetische Sozialstruktur

zwischen 1956 und 1960 zwar nicht grundlegend, doch sind sie bezeichnend

für die Gesellschaftspolitik der Chruscevschen Führung, die versuchte, soziale Unterschiede

zu mildern, die größten sozialen Härten zu beseitigen und das Netz sozialer

Sicherung auszubessern. Es war eine Politik, die die „politische" Entstalinisierung

flankierte und die auf die wichtigsten Bedürfnisse der Bevölkerung einging, eine Politik,

die in vielem „populistische" Züge trug.

Das Chruscevsche Wohnungsbauprogramm trug diesem Trend ebenfalls Rechnung.

Der schon in den dreißiger Jahren durch den Zuzug industrieller Arbeitskraft

katastrophal knappe städtische Wohnraum war durch Kriegseinwirkung teilweise

zerstört worden. Zwar hatte man zwischen 1946 und 1956 250-300 Millionen m 2

Wohnfläche neu gebaut, doch waren allein von 1950 bis 1956 die Einwohnerzahlen in

den Städten um 18,8 Millionen gestiegen. Wohnraum war knapp, die Wohnungsverhältnisse

vielerorts unbefriedigend 55 . So war 1953 rasch eine Diskussion um Baupolitik

und Wohnungsbau in Gang gekommen, die sich sowohl mit Architektur als auch

mit Bautechnik und Arbeitskraftproblemen befaßte 56 . In einer Verfügung vom November

1955 ging die Sowjetführung mit der bisherigen Baupraxis scharf ins Gericht

57 . Der XX. Parteitag beschloß denn auch, im neuen 6. Fünfjahresplan die Planansätze

für den Wohnungsbau gegenüber dem 5. Fünfjahresplan zu verdoppeln und

die Kosten durch Anwendung neuer technischer Verfahren um 20% zu senken 58 . Mitte

1957 setzten dann ZK und Ministerrat diese recht allgemeine Direktive in konkrete

Handlungsanweisungen um 59 . Danach sollten 1956-1960 215 Millionen m 2 Wohnfläche

vom Staat, weitere 113 Millionen m 2 von Kooperativen und Privatpersonen mit

S. 419 ff.; 1959 wurden 12423 110 Rentenempfänger gezählt, Itogi Vsesojuznoj Perepisi, S.96; dabei

handelte es sich um Rentner ohne Nebenbeschäftigung; insgesamt betrug die Zahl der Personen

im Rentenalter ca. 20 Mio., ebenda.

54

Zverev, in: Finansy SSSR 1957, No. 10, S. 17; Nove, in: Problems of Communism IX, 1960, No. 1,

S.4.

55

Bevölkerungsentwicklung nach: Narodnoe Chozjajstvo SSSR 1968, S.7; Wohnraum: KPSS t. 7,

S. 279 gibt an: 300 Mio. m 2 ; A. Martiny, Bauen und Wohnen in der Sowjetunion nach dem zweiten

Weltkrieg. Bauarbeiterschaft, Architektur und Wohnverhältnisse im sozialen Wandel, Berlin 1983,

macht folgende Angaben (Schätzungen basierend auf sowjetischen Daten):

1946-50 82,2 Mio m 2 neu gebaut

1951-55 129,8

1956 48,3

260,3

Zum Wohnraumproblem vgl. ferner Martiny, S. 34 f.; Podorov, in: Partijnaja Zizn' 1963, No. 17, 2.

24; KPSS t. 7, S.280; Chruscev, XX s-ezd, Bd. 1, S.79; Angaben über Wohnraumbedarf bzw. eine

Wohnraumbilanz waren nicht zu erhalten, vgl. Martiny, S. 34 f.

56

Zur Wende der Baupolitik vgl. ebenda, S. 78 ff.

57 Ebenda, S. 108 ff.

58 KPSS t. 7, S. 161 f.

59 Vgl. ebenda, S. 278-294.

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