VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

538 Hans-Henning Schröder

ziviler Ministerien dem Militär angeglichene persönliche Ränge erhielten 68 , doch

blieben Unterschiede im Sozialstatus und bei der Vergabe von Privilegien erhalten,

und sie waren für jedermann sichtbar. Das Einkommen des industriellen und politischen

Führungspersonals lag weit über dem von Arbeitern 69 . Dazu schuf der Mangel

an Wohnungen, Ferienplätzen und bestimmten Konsumgütern die Voraussetzungen

für ungleiche Verteilung. Wenn - wie es 1960 der Fall war - für 62 Millionen Arbeitnehmer

nur 6,182 Millionen Ferienplätze zur Verfügung standen 70 , wenn also offiziell

nur 10% der Beschäftigten versorgt werden konnten, so stellt das bereits eine

Quelle für Privilegierung dar. Ähnlich sah es mit den Wohnungen aus: 1970, nach einer

Periode intensiven Wohnungsbaus, lebte erst ca. ein Drittel der Arbeiterfamilien

in separaten Wohnungen, während mehr als vier Fünftel des ingenieur-technischen

Personals mit ihren Familien über eine abgeschlossene Wohnung verfügten. Ähnliches

finden wir auch bei langlebigen Konsumgütern: Besaßen Ende der sechziger

Jahre 20% der Arbeiterfamilien im Ural Kühlschränke, 57% Waschmaschinen und

11% Staubsauger, so waren die entsprechenden Prozentsätze bei technischen Spezialisten

in dieser Region 56%, 82% und 37% 71 . Unterschiede im Lebensstandard der

Masse der Beschäftigten einerseits und der technischen und politischen Führungsschicht

andererseits bestanden fort - eine „kleinbürgerliche Gleichmacherei" fand

nicht statt. Dennoch kam die Sowjetführung in der Chruscev-Ära den Wünschen und

Bedürfnissen der Bevölkerung in vielen Punkten entgegen, und dies stellte die Beziehung

zwischen gesellschaftlichen Gruppen und politischer Führung auf eine neue Basis.

Die Integration der Gesellschaft, die Abkehr von der Diffamierung einzelner

Gruppen, die ,Versöhnung' zwischen Oberschicht und unmittelbaren Produzenten -

die „Entstalinisierung" der gesellschaftlichen Beziehungen - erhielt im materiellen

Bereich eine Grundlage.

4. Instanzen politisch-gesellschaftlicher „Partizipation"

Die Neubestimmung des Verhältnisses von Gesellschaft und politischer Führung bedurfte

aber neben der Sicherung rechtlicher Normen und der Hebung des Lebensstandards

auch eines Wandels im politischen Verhalten. Wollte die Sowjetregierung

die Eigeninitiative anregen, die Bürger zur Steigerung der Produktion mobilisieren

und sie stärker zu gesellschaftlicher Tätigkeit heranziehen, so mußte sie gewisse Freiräume

gewähren und - in beschränktem Rahmen - Verantwortung delegieren. In-

68

Diese persönlichen Ränge wurden mit Erlaß vom 12.7. 54 abgeschafft; vgl. Sbornik zakonov SSSR i

Ukazov Prezidiuma Verchovnogo Soveta SSSR 1938 g.-1961 g., Moskva 1961, S. 556-8.

69

Genaue Daten dazu scheinen nicht bekannt zu sein; vgl. aber M. Yanowich, Social and Economic

Inequality in the Soviet Union. Six Studies, London 1977, S. 38 ff.; M. Matthews, Privilege in the Soviet

Union. A Study of Elite Life-Styles under Communism, London 1978, S. 21 ff.; vgl. auch oben.

70

Narodnoe Chozjajstvo 1968, S. 547, 604; vgl. S. Bialer, But Some Are More Equal Than Others, in:

Problems of Communism IX, 1960, No. 2, S. 40-50.

71

Yanowitch, S.41; Bialer, in: Problems of Communism IX, 1960, No.2, S.44.

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