VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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Lebendige Verbindung mit den Massen 539

dem sie dies versuchte, wollte die Chruscevsche Führung die bürokratischen Elemente

in der sowjetischen Verwaltung bekämpfen und Sowjetbürger dazu bringen, sich

mit Staat und Führungsgruppe stärker zu identifizieren 72 . Eine Politik, die Bürger im

Vorfeld von Entscheidungen in erweitertem Maße zur Beratung heranzog, griff nach

1953 rasch Platz. Nach 1957, als sich Chruscev in der Parteispitze durchgesetzt hatte,

wurde diese Entwicklung noch weiter vorangetrieben 73 .

Bereits in seiner Rede auf dem XX. Parteitag hatte der Erste Sekretär des ZK sich

für eine Wiederbelebung der Sowjets eingesetzt und den fehlenden Kontakt zwischen

Deputierten und "Wählern beklagt 74 . Anfang 1957 setzte das ZK diese Anregungen in

ein Dekret um, in dem die bisherige Sowjetarbeit scharf kritisiert wurde. Es wurde

vermerkt, daß Staats- und Wirtschaftsapparat in der Regel vor den Sowjets nicht Rechenschaft

ablegten, daß die Sowjets von den Massen isoliert seien, daß ein Aktiv um

die Sowjets herum nicht existiere und daß die Apparate der Sowjets schleppend arbeiten

75 . Das alles müsse sich ändern. Die Revitalisierung politischen Lebens, die das ZK

hier forderte, sollte nicht auf die Sowjets beschränkt bleiben. In allen Bereichen von

Wirtschaft und Verwaltung sollte über die existierenden Massenorganisationen und

neu zu schaffende Partizipationsorgane die Selbsttätigkeit der Sowjetbürger gefördert

werden 76 . „Man muß", erklärte Chruscev 1958 auf dem XIII. Kongreß des Komsomol,

„die Selbsttätigkeit weiter entwickeln. Energie habt ihr viel." 77 Und 1959, auf

dem XXI. Parteitag, entwarf er das Bild eines Staates, in dem Massenorganisationen

sukzessive Funktionen des Verwaltungsapparates übernahmen, um auf diese Weise

die „sozialistische Demokratie" zu verwirklichen 78 . Diese Vorstellungen bildeten den

Rahmen für eine Politik, in der eine große Anzahl Bürger bei der Vorbereitung und

bei der Umsetzung von Entscheidungen herangezogen wurden.

Sehr früh wurde Fach- und Führungspersonal im Rahmen von Allunionskongressen,

Fachkonferenzen und erweiterten ZK-Plena in die Vorbereitung grundlegender

Entscheidungen einbezogen. Diese Praxis, in den Anfangsjahren der Sowjetmacht erprobt,

in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit fallengelassen, erlebte nach

1953 einen neuen Aufschwung 79 . Nachdem es 1950-52 praktisch keine unions- bzw.

72 Vgl. Breslauer, in: Cohen, Soviet Union, S. 55; zum Komplex Partizipation vgl. M. Mommsen, Vom

Untertan zum Bürger, Berlin 1987 (im Druck).

73 Vgl. G. W. Breslauer, Khrushchev and Brezhnev as Leaders: Building Authority in Soviet Politics,

London 1982, S. 127 ff.

74 XX s-ezd, S. 91 f.

75 KPSS t.7, S. 237 ff.

76 Vgl. J. E. Volkow, Tak rozdaetsja kommunisticeskoe samoupravlenie, Moskva 1965, S. 19 ff.; Breslauer,

in: Cohen, Soviet Union, S.50; Meissner, in: Boettcher, Bilanz, S. 144.

77 Chruscev, S. N.: Stroitel'stvo kommunizma v SSSR i razvitie sel'skogo chozjajstva, 8 Bde., Moskva

1962-1964, t. 3, S. 173.

78 Vneocerednoj XXI s-ezd KPSS. 27 janvarja-5 fevralja 1959 goda. Stenograficeskij otcet, 2 Bde.,

Moskva 1959, Bd. 1,S. 103 ff.

79 Vgl. V. F. Kotok, S-ezdy i sovescanija trudascichsja - forma neposredstvennoj demokratii, Moskva

1964,S.52ff., 56 f.

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