VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Lebendige Verbindung mit den Massen 541

als Regieobjekte der Kongreßleitung bzw. der einberufenden Behörde -, doch es war

bezeichnend für den Führungsstil der Chruscev-Ära, daß die Sowjetische Führung

bei solchen Gremien öffentlich Bestätigung für politischen Kurswechsel einholte. Das

kann anhand der Baukongresse, mit denen sich A. Martiny befaßt hat, illustriert werden

86 . Bei der Eröffnung der Allunionstagung für Bauwesen und Architektur am

30.11.1954 war die politische Führungsspitze vollzählig vertreten. Der erste Sekretär

des ZK hielt ein Referat, das mit der bisherigen Praxis des Planens und Bauens scharf

ins Gericht ging. Dabei griff Chruscev auf Stellungnahmen einzelner Architekten zurück,

die er offenbar vor dem Kongress eingeholt hatte 87 . In einem symbolischen Gewaltakt

- so Martiny - stigmatisierte der Redner des ZK die bisherige Führung des

Bauwesens und des Architektenverbandes und mobilisierte gegen sie die Masse der

Architekten und Baufunktionäre. Indem er die latent vorhandene Kritik an den Zuständen

im Bauwesen aufnahm, band Chruscev nicht nur diese Fachleutegruppe in

seine Politik ein, er stellte sich selbst auch als Reformpolitiker dar und warb um politische

Unterstützung 88 . Die Initiative für den Kurswechsel in der Baupolitik ging wohl

von der Parteiführung aus, doch sie suchte dabei um Unterstützung bei den Fachverbänden

nach, und deren Angehörige nutzten den gewährten Freiraum, indem sie die

bisherige Praxis offen kritisierten. Selbst wenn es hier nicht um wirkliche Mitbestimmung

ging, so dienten die Kongresse und Konferenzen doch offenbar zur Herstellung

eines Konsenses zwischen politischer und Fachelite.

In ganz ähnlicher Weise sind wohl auch die erweiterten Plena des ZK zu interpretieren.

Seit 1953 war das ZK - in den Stalinjahren weitgehend seiner politischen Bedeutung

entkleidet - wieder stärker zu einem politischen Entscheidungsgremium geworden.

War es 1934-1953 im Durchschnitt nur einmal im Jahr zusammengetreten -

23 Plena in 22 Jahren -, versammelte es sich 1953-1960 in der Regel dreimal im Jahr

(22 Plena in 8 Jahren) 89 . Zugleich wurden die Plena des ZK für Nicht-ZK-Mitglieder

geöffnet; seit September 1953 zog man führende Mitarbeiter des Partei-, Staats- und

Wirtschaftsapparates hinzu 90 . Je nach dem behandelten Schwerpunktthema wurden

Agrarfachleute, Industriemanager oder Kulturfunktionäre zu den Plena eingeladen,

die sich derart in Foren für die Verständigung zwischen Führungsspitze und Facheliten

verwandelten 91 . Das war die Institutionalisierung des „Gesprächs mit den Leuten",

das Chruscev wieder und wieder forderte. „Die lebendige Verbundenheit mit

den Menschen", die Fähigkeit, die Leute zu organisieren und von ihnen zu lernen, sie

zur Mitarbeit heranzuziehen, das war es, was Chruscev von den politisch Verant-

86 Ebenda.

87 Ebenda, S. 99.

88 Ebenda, S. 104.

89 J. Löwenhardt, The Soviet Politburo, New York 1982, S. 97.

90 Struev, XX s-ezd, S. 381 f.; Ausnahmen waren lediglich die „geschlossenen" Plena im Dezember

1956 und Februar 1957, vgl. T. Kirstein, Die Konsultation „Außenstehender" durch die politischen

Entscheidungsgremien in der Sowjetunion, in: B. Meissner/G. Brunner (Hrsg.), Gruppeninteressen

und EntScheidungsprozeß in der Sowjetunion, Köln 1975, S. 61-77, hier S.63.

91 Ebenda, S. 64.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine