VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Lebendige Verbindung mit den Massen 553

- Industrie, Baugewerbe 1,0

- Land- und Forstwirtschaft 0,7

Die Angehörigen der KPdSU waren innerhalb der sowjetischen Gesellschaft nicht

gleichmäßig verteilt. In manchen nationalen Bereichen waren sie deutlich unterrepräsentiert,

innerhalb der zahlenmäßig stärksten Nationalität, der russischen, waren sie

etwas überrepräsentiert. Sehr hoch war der Anteil der Parteimitglieder unter den

durch Bildung ausgewiesenen Führungsschichten. Auch in der Chruscev-Ära war die

KPdSU - wie früher - eine Partei der „Verwalter", sie besetzte die Schlüsselstellungen

in Wirtschaft und Verwaltung. Doch suchte die Parteiführung seit 1956 auch

durch die Rekrutierungspolitik den Abstand zwischen Führung und Gesellschaft zu

verringern. Die Massen sollten an die Partei herangezogen, die Partei selbst aktiviert

werden 148 . Das geschah im übrigen nicht nur durch Erweiterung der Partei, sondern

auch durch Ausdehnung der Parteischulung, die nun auch in vermehrtem Maße Parteilose

erfaßte mit dem Ziel, um die KPdSU ein Parteilosenaktiv zu schaffen, eine

Schicht von Mobilisatoren, die zwischen Partei und Gesellschaft vermittelte 149 .

Hand in Hand mit der Ausweitung und der tendenziellen Proletarisierung des Mitgliederbestandes

gingen Bemühungen, die Parteiarbeit neu zu beleben. Chruscev ging

auf dem XX. Parteitag mit den Leistungen des Parteiapparates scharf ins Gericht:

Man muß bekennen, daß unsere Parteikader über viele Jahre hinweg nicht im Sinne einer

hohen Verantwortlichkeit gegenüber der Lösung der praktischen Fragen des Wirtschaftsaufbaus

erzogen worden sind. Das hat zu einer weiten Verbreitung von kanzleihaft-bürokratischen

Methoden bei der Leitung der Wirtschaft geführt, dazu, daß viele Parteifunktionäre

sich mit Organisationsarbeit im Bereich des Wirtschaftsaufbaus nicht wirklich

befaßten, daß sie sich in die Ökonomie nicht tief einarbeiteten, und daß sie nicht selten den

lebendigen Prozeß der Organisation der Massen durch Redereien ersetzt haben, daß sie in

einem endlosen Papiermeer untergingen 150 .

Der Erste Sekretär des ZK kritisierte die Inhaltsleere der Parteiarbeit, ihre Massenferne,

die bürokratisch verkleidete Untätigkeit der Funktionäre, das Fehlen konkreter

Leitungstätigkeit, insbesondere auf Rayonsebene. Chruscev verlangte vom Apparat

der KPdSU einen besseren Kontakt zur Bevölkerung - eine „lebendige Verbindung"

-, zum anderen aber auch praktische Einflußnahme auf Entscheidungen von

Wirtschaft und Verwaltung 151 . Die Partei, die unter Stalin aus weiten gesellschaftlichen

Bereichen verdrängt worden war, sollte wieder eine wirkliche Funktion erhalten

und neu belebt werden. War ein erster Schritt die Verbreiterung der Mitgliederbasis

und vorsichtige Demokratisierungsbestrebungen in den Grundorganisationen 152 , so

war der nächste die Reorganisation des Parteiapparates, die allerdings nicht auf eine

148

Vgl. Breslauer, in: Problems of Communism 1976, Sept./Okt., S.24; Curaev, in: Partijnaja Zizn'

1958,No.23,S.17.

149

Vgl. Breslauer, Khrushchev, S. 128 f.; ders., in: Problems of Communism 1976, Sept./Okt., S. 24.

150

XX s-ezd, t.1, S.103.

151

Ebenda, S. 103 ff.; vgl. Suslov, ebenda, S. 275 ff.

152

Vgl. etwa: Otcetno-vybornye sobranija i konferencii, in: Partijnaja Zizn' 1957, No. 18, S. 3-9.

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