Arbeitshilfe Kirchengemeinden und Arbeitswelt - Diözese ...

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Arbeitshilfe Kirchengemeinden und Arbeitswelt - Diözese ...

ARBEITSHILFE

Kirchengemeinden und

Arbeitswelt


Impressum:

Fachbereich Kirche und Arbeitswelt – Arbeitnehmerseelsorge Erzdiözese Freiburg

Betriebsseelsorge Karl-Heinz Teepe

Pfr. Wolfgang Herrmann Okenstr. 15

Jahnstr. 30 79108 Freiburg

70597 Stuttgart Tel. 0761 5144-220

Tel. 0711 9791-116 bzw. -127 Fax -114 Fax 0761 5144-229

betriebsseelsorge@bo.drs.de anp@seelsorgeamt-freiburg.de

www.betriebsseelsorge.de www.arbeitnehmerseelsorge.de

An dieser Broschüre haben mitgewirkt:

Pfr. Wolfgang Herrmann (Leiter Fachbereich Kirche und Arbeitswelt), Werner Langenbacher (Betriebsseelsorge Ravensburg),

Karl-Heinz Teepe (Leiter Arbeitnehmerseelsorge Erzdiözese Freiburg), Harald Kremer (Arbeitnehmerseelsorge Karlsruhe),

Hans-Peter Mayer (Aktion Martinusmantel), Marion Sander (Sekretariat Fachbereich Kirche und Arbeitswelt)


ARBEITSHILFE

Kirchengemeinden und

Arbeitswelt

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INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort 5

1. Veränderungen der Gesellschaft und Herausforderungen für die Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge 6

2. Meine eigenen Erfahrungen mit Arbeit 12

3. Arbeitslosigkeit 18

4. Sonntagsschutz 26

5. Liturgische Bausteine und Anregungen rund um das Thema Arbeit – Arbeitslosigkeit 32

6. Glaubwürdig und nachhaltig Wirtschaften und Beschäftigen 44

7. Weiterführende Literatur/Linkliste in Auswahl 47

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VORWORT

Mit der Ihnen vorliegenden ArbeitshilfeKirchengemeinden und Arbeitswelt“ wollen wir Sie, liebe Engagierte in den Kirchengemeinden

und Seelsorgeeinheiten, für die Veränderungen und Herausforderungen in der Arbeitswelt interessieren

und ihr Augenmerk auf die Fragen der Menschen in Ihren Gemeinden lenken, die im Arbeitsleben stehen oder gerne arbeiten

möchten, jedoch ohne Arbeits- oder Ausbildungsplatz sind. Auf den ersten Blick stellt sich der Arbeitsmarkt heute so gut

wie lange nicht dar. Die Zahl der Erwerbslosen ist laut Statistik bundesweit unter die 3 Millionen-Marke gesunken, noch

nie waren so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. In einigen Regionen besteht Fachkräftemangel und

Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Auch die Zahl der jungen Erwerbssuchenden ist – im europäischen vergleich – niedrig.

Die schwere Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre scheint überwunden. Das ist gut so. Denn der Zugang zu Ausbildung

und guter Erwerbsarbeit ist der Schlüssel für eine weitreichende Teilhabe in unserer Gesellschaft. Wer aber (dauerhaft)

ohne Arbeit ist, gerät in einer auf Erfolg und Leistung ausgerichteten Gesellschaft schnell an den Rand.

Die Arbeitswelt unterliegt einem stetigen Wandel, der bei allen guten Nachrichten auch Anlass zur Sorge gibt. Der Trend

weg von abgesicherten langfristigen Arbeitsbeziehungen hin zu prekären Arbeitsverhältnissen (Teilzeit, Leiharbeit, Werksverträgen...)

ist ungebrochen. Der Niedriglohnbereich umfasst mittlerweile nahezu 25% aller Arbeitsverhältnisse. Flexibilisierung

und zunehmende Leistungsverdichtung führen zu einer steigenden Zahl von psychosozialen Erkrankungen

(z.B. Burn-out). Die Langzeitarbeitslosigkeit hat sich verfestigt.

Abschnitt 1 der Arbeitshilfe zeigt diese Entwicklungstendenzen in der Arbeitswelt auf.

„Arbeit ist mehr als das halbe Leben“ – so ein Sprichwort. Wo und wie aber können die prägenden und manchmal auch

bedrückenden Erfahrungen von Menschen mit und ohne Arbeit in den Kirchengemeinden zur Sprache gebracht werden.

Abschnitt 2 gibt dazu Hinweise und Anregungen, den Sozialraum ihrer Kirchengemeinde in den Blick zu nehmen.

Die zunehmende „Ökonomisierung“ unserer Gesellschaft macht auch vor den kulturellen und religiösen Freiräumen unserer

Gesellschaft nicht halt. Öffnungszeiten im Einzelhandel bis spät in die Nacht und am Wochenende sowie Sonntagsarbeit

nehmen zu und zersplittern Familien wie das Freizeitverhalten.

Abschnitt 4 möchte auf die besondere Bedeutung des arbeitsfreien Sonntages aufmerksam machen und bietet Anregungen,

aktiv für den Sonntagsschutz einzutreten.

Die Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung bemisst sich auch an der Fähigkeit, auf die Fragen der Menschen nach guter

Arbeit und würdigen Arbeitsbedingungen einzugehen und mit der befreienden Botschaft Gottes in Beziehung zu setzen.

Abschnitt 5 dieser Arbeitshilfe bietet dazu liturgische Anregungen und Modelle.

Auf die enge Verknüpfung von Arbeit und dem eigenen Konsumverhalten und die Möglichkeit, durch ein faires, nachhaltiges

und soziales Kaufverhalten zur Sicherung guter Arbeit und der Schonung natürlichen Ressourcen beizutragen, macht

Abschnitt 6 aufmerksam.

Weiterführende Literatur und Links (jeweils in Auswahl) finden sich in Abschnitt 7.

Wir hoffen, dass diese Arbeitshilfe Ihnen in Ihrer praktischen Arbeit eine Hilfe ist. Über Anregungen und Rückmeldungen

Ihrerseits würden wir – die Betriebsseelsorge und Arbeitnehmerseelsorge – uns freuen.

Freiburg/Stuttgart, im März 2012

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

1.

Die Arbeitswelt von heute und das ökonomische Denken

prägen die Menschen in unserer Gesellschaft in vielfältiger

Weise. Politische, technische und ökonomische Veränderungen

bestimmen unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

Das private, berufliche und ehrenamtliche Leben

hat sich an vielen Vorgaben der Wirtschaftswelt zu orientieren.

Flexibilität

Der Takt des Alltags und der Beziehungen wird untergeordnet

zugunsten der Vorgaben der Arbeitswelt. Die Arbeitszeiten

bestimmen die Lebenszeiten. Flexible

Arbeitszeitgestaltungen sind nicht immer zum Nutzen der

Erwerbstätigen, sondern können auch zur Geisel für Partnerschaft

und Familie werden. Im Dienstleistungsbereich

werden zuweilen Arbeiten mit nach Hause genommen,

freiwillige Mehrarbeit wird von bestimmten Berufsgruppen

selbstverständlich erwartet. Der Zugriff auf die Nacht und

den Sonntag hat in den letzten Jahren zugenommen.

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1. VERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND HERAUSFORDERUNGEN

FÜR DIE BETRIEBS- UND ARBEITNEHMERSEELSORGE

Dreischichtbetrieb rechnet sich für das Unternehmen, nicht

aber für den Menschen, wenn die Folgeschäden eingerechnet

werden. In der Gesellschaft werden kollektive

Rhythmen aufgegeben (gemeinsamer Feierabend, verlässliche

Zeitplanung für ehrenamtliches Engagement, sonntäglicher

Ruhe- und Feiertag), Erholungs- und Sozialzeiten

werden individuell gestaltet.

Leistungsverdichtung führt zu Burn-out

In den letzten Jahren hat eine Optimierung der menschlichen

Arbeitskraft stattgefunden. Jede frei verfügbare Minute

am Arbeitsplatz wurde durchrationalisiert und

optimiert. Keine Gelegenheit, sich mit dem Kollegen/der

Kollegin kurz auszutauschen. Leistung ist das oberste

Gebot.


VERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE BETRIEBS- UND ARBEITNEHMERSEELSORGE

Selbst Beziehungsarbeit, wie zum Beispiel in Sozialbereichen,

wurde in Leistungskriterien umgewandelt. Für

menschliche Momente bleibt kaum oder wenig Zeit. So

bleibt am Ende des Arbeitstages oft das Gefühl, nicht

genug geleistet zu haben. Das Erfolgsgefühl will nicht aufkommen,

weil immer noch mehr Arbeit daliegt. Die ständige

Leistungsanforderung macht Menschen zunehmend

zu schaffen. So ist es nicht verwunderlich, dass ein neues

Phänomen am Horizont aufgetaucht ist: Burn-out – ein

Erschöpfungssyndrom. Menschen aus allen Arbeitsschichten

sind der Gefahr des Ausbrennens ausgesetzt.

Eine schleichende Spirale, welche die Menschen immer

mehr nach unten zieht, bis sie in einer tiefen Depression

gelandet und nicht mehr arbeitsfähig sind. Betroffene, Angehörige

und Arbeitskollegen sehen oft hilflos zu; eine Lösung

ist meistens nur mit fachlicher Anleitung und mit

vielen Krankheitstagen möglich.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Mobbing

Die Verdichtung der Arbeitsleistung und der „Kampf um

den Arbeitsplatz“ haben in den vergangenen Jahrzehnten

ein neues Phänomen zutage gebracht: Mobbing. Der Mobbingbericht

der Bundesregierung stellt fest, dass jede

siebte Person in ihrem Arbeitsleben damit rechnen muss,

Mobbing zu erfahren. Mit Psychoterror und unmenschlichen

Attacken werden Menschen drangsaliert und fertig

gemacht, bis sie selber nicht mehr zur Arbeit fähig sind

oder ihre Arbeitsleistung nachlässt. Sie stehen alleine da

und haben kaum betriebliche Unterstützung, da es selten

ein Konfliktmanagement in Betrieben gibt. Längere Krankheitszeiten

oder der Verlust des Arbeitsplatzes sind die

Folge, aber auch gewollt. Ungelöste Konflikte in Betrieben

sind nicht nur menschliche Tragödien, sondern werden

richtig teuer für Wirtschaft und Gesellschaft, wenn die Ausfall-

und Krankheitstage mitgerechnet werden.

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Kultur des Kapitalismus

Die Kultur des Kapitalismus verlangt zunehmend Flexibilität

in der Mobilität und in den Arbeitsstrukturen. Idealerweise

sollte nach kapitalistischer Ideologie keiner eine

Familie haben, denn die bindet und macht abhängig. Jederzeit

haben wir durch die Republik zu reisen und dort

präsent zu sein, wo Mangel an Arbeitskräften herrscht.

Von jungen Menschen wird erwartet, sich zwischen Flensburg

und Bodensee zu bewegen.

Niedriglohn und Aufstockung

Die Angst am und um den Arbeitsplatz hat dem Konkurrenzdenken

Vorschub geleistet. In vielerlei Formen und

Maßnahmen wurden die Menschen zu immer mehr Zugeständnissen

getrieben: Kompromisse bei den Arbeitszeiten,


Zugeständnisse bei den Arbeitsbedingungen und Kürzungen

bei den Arbeitslöhnen waren die Folge. Nach und nach

hat sich in unserer Gesellschaft ein Niedriglohnsektor gebildet,

der durch die Maßnahmen der Agenda 2010 gefördert

wurde. Ja nicht in Hartz IV abrutschen, alles andere

ist besser – so die gängige Meinung. Unternehmen hatten

so die Möglichkeit, gering höhere Löhne als den Hartz-IV-

Satz zu zahlen; eine Maßnahme, die von den Arbeitsagenturen

gefördert wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass

der Bereich des Niedriglohns kontinuierlich gestiegen ist

und heute bereits fast eine Million Erwerbstätige zu ihrem

Einkommen aufstockende Hilfe zum Leben brauchen. Für

Unternehmen ist die Staatsleistung eine Subventionierung

des Arbeitslohnes.

Leiharbeit und Befristungen

VERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE BETRIEBS- UND ARBEITNEHMERSEELSORGE

Ein großer Teil der neu geschaffenen Arbeitsplätze wird

über Leiharbeit organisiert. Die Politik hat die Deregulierung

von Leiharbeit in der Hoffnung vorangetrieben, dass

diese Art der Beschäftigung zum Sprungbrett für einen

Dauerarbeitsplatz wird. Doch stattdessen hat sich die Leiharbeit

zum Normalarbeitsverhältnis etabliert. Leiharbeit

findet sich in allen Branchen und Strukturen: ob Ingenieure,

Pädagogen, Bürokaufleute oder Produktionshelfer

– allen gemeinsam ist, dass sie in der Regel 30-40 % weniger

verdienen als die Stammbelegschaft. Ausgeschlossen

sind sie von Sonderzahlungen oder Sozialleistungen

(Betriebsrente, Kantine-Ermäßigung, Fahrtkostenzuschüsse),

obwohl sie diese mit erarbeitet haben.

Gesetzliche Regelungen lassen eine zweijährige Befristung

des Arbeitsvertrages ohne Sachgrund zu. Neueinsteiger erhalten

auf Anhieb keine unbefristete Zusage. Mit Sachgrund

können Arbeitsverhältnisse jahrelang befristet

werden. Eine verlässliche Planung und Investition in die

Zukunft ist für Beschäftigte dabei nicht mehr möglich.

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit ist zwar auf dem Rückzug, betrifft aber

immer noch Menschen aus allen Erwerbsschichten. Wer

arbeitslos wird, erlebt zunächst einen Schock und eine

Stigmatisierung. Ab einem entsprechenden Alter oder mit

körperlichen Einschränkungen lassen sich kaum neue Arbeitgeber

finden. Hartz IV geistert in den Köpfen der Menschen

und verbreitet gesamtgesellschaftlich Ängste.

Generation Jugend

Trotz guter Qualifizierung erhalten junge Menschen keinen

dauerhaften Arbeitsplatz, sondern zunächst nur Praktikumsplätze,

um angeblich Arbeitserfahrungen zu machen.

Bezahlt werden diese Plätze entweder gar nicht oder nur

mit Praktikantenzuwendungen. Gearbeitet werden muss

aber mit ganzer Energie. Junge Leute werden hin- und

kleingehalten; eine verlässliche Lebens- oder Familienplanung

wird erschwert und in die Zukunft geschoben. Jugendliche

mit Handicaps oder Förderbedarf werden bei

der Vergabe von Ausbildungsplätzen oft links liegen gelassen.

Entzug der sozialen Verantwortung

Die zunehmende Globalisierung führt zu Verunsicherung

und zum Angstfaktor. Arbeitsplätze werden in Billiglohnländer

mit wenigen oder gar keinen Umwelt- oder Sozialstandards

verlegt, weil dadurch höhere Renditen zu

erzielen sind. Die Unternehmen entziehen sich der gesellschaftlichen

Verantwortung, obwohl sie oft den Aufbau

und die Entwicklung ihrer Produkte mit Hilfe von gesellschaftlichen

Subventionen erst geschafft haben.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Reichtum und Armut

Die internationale Bankenkrise hat die Weltwirtschaft in

den Bann gezogen; sie zeigt, auf welch tönernen Füßen

sie steht. Die maßlose Gier, aus Geld noch mehr Geld zu

schöpfen, hat längst dazu geführt, dass sich die internationalen

Kapitalmärkte von der realen Wirtschaft losgekoppelt

und sich bedrohlich verselbstständigt haben. Die

Kluft zwischen Reich und Arm wird zunehmend größer.

Fast eine Million Geld-Millionäre leben in unserem Land,

10 % der Haushalte besitzen über 60 % des Gesamtvermögens.

Dagegen haben 50 % der Haushalte keine 10 %

Anteil am Vermögen.

Rente mit 67

Zur Entlastung der Sozialsysteme und zur Gewinnmaximierung

menschlicher Arbeitskraft wurde die Erwerbszeit

ausgeweitet. Bei der Rente mit 67 geht es neben der Maximierung

gleichzeitig um eine Rentenkürzung, da es vielen

Menschen nicht möglich ist, die volle Arbeitskraft bis

67 zu leisten. Betriebe haben selten ein Management für

altersgerechtes Arbeiten; ebenso fehlt es an flexiblen Aussteigemodellen,

so dass nur der vorzeitige Renteneintritt

mit Abschlägen möglich wird.

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HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE

BETRIEBS- UND ARBEITNEHMERSEELSORGE

Kerngeschäft von Kirche ist die Präsenz in der Gesellschaft.

Durch Wort und Tat soll allen Menschen die befreiende

und frohe Botschaft von Gottes Gegenwart mitten in unserem

Leben und in unserer Geschichte bezeugt werden.

Ein zentraler Ort dieser Präsenz ist die Arbeitswelt, in der

wir eine dreifache Dimension von Kirche erleben:

Solidarische Kirche

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine Solidaritätserfahrung.

In Jesus Christus wurde er selbst Mensch

und suchte die Nähe zu den Benachteiligten. Solidarität

ist die gemeinsame Plattform der Menschen in der Arbeitswelt

und der Akteure der Betriebsseelsorge. Solidarität

lässt die biblische Dimension von Gerechtigkeit und Liebe

erfahren.

Prophetische Kirche

Propheten und Künder übersetzen die biblische Botschaft

ins Hier und Heute. Sie nehmen die Veränderungen und

Zeichen der Zeit wahr und stellen sie in den Kontext der

biblischen Vision einer gerechten Welt. Kirche macht den

Schrei der Unterdrückten hörbar, gibt den Sprachlosen eine

Stimme und hinterfragt die Mächtigen.

Missionarische Kirche

Die biblische Botschaft treibt in die Weite, sie drängt danach,

sich anderen mitzuteilen und andere zu begeistern.

Nach Gott gefragt zu werden oder Menschen einzuladen,

über ihr Leben und ihre Arbeit nachzudenken, sind missionarische

Ansätze für uns.


Fazit

VERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE BETRIEBS- UND ARBEITNEHMERSEELSORGE

Kirche in der Welt von heute muss um der Menschen und

um Gottes willen politisch werden. Je mystischer wir in

Gott verankert sind, desto politischer dürfen und müssen

wir werden. Nur so nimmt das Reich Gottes hier auf Erden

Konturen an, die auf seine Vollendung hindeuten. Gerechtigkeit

ist eines der Markenzeichen des biblischen Gottes,

Liebe schon der Abglanz einer göttlichen Wirklichkeit.

( Vgl. Kirche im Betrieb. Leitlinien für katholische Betriebsund

Arbeitnehmerseelsorge in Deutschland, Mai 2010,

Abschn. 2.1.; weitere Informationen:

www.betriebsseelsorge.de)

WERNER LANGENBACHER, BETRIEBSSEELSORGE RAVENSBURG

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

2.

Der Bereich Arbeitswelt spielt im Leben der Pfarrgemeinden

und in der Pastoral leider kaum ein Rolle, obgleich er

einen wesentlichen Lebensinhalt der Gemeindemitglieder

darstellt. Im Sinne einer ganzheitlichen Seelsorge dürfen

wir diesen Lebensbereich nicht ausklammern, ja wir sollten

den Austausch darüber fördern, Anstöße dazu geben.

Die Berufs- und Arbeitswelt prägt unser Leben entscheidend,

ihre Umbrüche wirken massiv in die Familien und

Beziehungen hinein. Wie wenig Austausch darüber stattfindet,

zeigt folgendes Beispiel: Auf die Frage bei einem

Bildungsabend in einer Pfarrei bei Freiburg, wo denn die

elf anwesenden Teilnehmer beschäftigt seien, gab es zweimal

den nachfolgenden, in etwa gleich lautenden Wortwechsel:

„Ich dachte bisher, du bist bei dem Betrieb in A.

beschäftigt, seit wann arbeitest du denn bei B.?“ „Schon

fast vier Jahre, in A. wurde doch damals die Hälfte der

Leute entlassen!“ Überrascht bin ich auch immer wieder,

dass Betriebs- oder Personalräte erzählen, dass sie im

Pfarrgemeinderat ihrer Kirchengemeinde mitarbeiten.

Selbst unter Mitgliedern der kirchlichen Verbände, die sich

oft monatlich treffen, wird die Berufs- und Arbeitswelt viel

zu wenig thematisiert.

Nachfolgende Impulse und Fragen möchten anregen, im

Pfarrgemeinderatsgremium bzw. im Sachausschuss Berufsund

Arbeitswelt über die persönlichen Erfahrungen mit (Erwerbs-)Arbeit

und Beruf ins Gespräch zu kommen.

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2. MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN MIT ARBEIT

Berufs-Biografie

Was wollte ich (als Kind bzw. Jugendlicher) einmal werden?

Was habe ich gelernt (bzw. musste ich lernen) und welche

Tätigkeiten habe ich bisher ausgeübt?

Was hat sich in der Zeit meiner Berufstätigkeit in der

Arbeitswelt verändert? (Anforderungen, Arbeitszeiten,

Betriebsklima, Mobilität etc.)

Wo arbeite ich derzeit und wie sieht diese Tätigkeit

aus? (Methode: Collage auf einer Landkarte anfertigen

– Ziel: Text bzw. Bilder geben die erlernten und ausgeübten

Berufe aus der Gruppe wieder. Die Orte zeigen

an, wo die Teilnehmer arbeiten.)

Wie geht’s?

Wie geht es mir mit meiner derzeitigen Arbeit? (Methode:

Bildersprache – Ich wähle ein Bild aus, das zu

meiner Arbeit passt bzw. welches mein Empfinden gegenüber

der derzeitigen Tätigkeit am ehesten ausdrückt.)

Was macht mir Sorge in Bezug auf meine Arbeit?

Wie sehen meine Zukunftsaussichten/Perspektiven in

Bezug auf meine Erwerbsarbeit aus?

Welche Auswirkungen hat meine Erwerbstätigkeit auf

Ehepartner und Familie, auf Beziehungen und ehrenamtliches

Engagement?

Sehe ich häusliche Arbeit (Erziehung, Pflege, Haushalt)

bzw. ehrenamtliche Arbeit als gleichwertig zur außerhäuslichen

Erwerbsarbeit an?


Glaube und Arbeit

Welche Werte kann ich in meiner Arbeit bzw. am Arbeitsplatz

entdecken, erfahren und erleben?

Kommt meine Arbeit im Leben bzw. im Gottesdienst der

Pfarrgemeinde vor?

Hat sich schon einmal jemand aus dem kirchlichen Umfeld

für meinen Beruf bzw. meine Arbeit interessiert?

Welche Wünsche habe ich in diesem Zusammenhang

an die Seelsorger/-innen?

MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN MIT ARBEIT

Soweit aus dem Seelsorgeteam niemand beim Gespräch

anwesend war, tauschen wir uns mit den örtlichen Seelsorgern/Seelsorgerinnen

über die Inhalte unseres Gesprächs,

speziell über unsere Wünsche an die Pastoral aus.

Es ist hilfreich, wenn jemand nach vorheriger Absprache

die Moderation des Austauschs bzw. Gesprächs übernimmt.

An zwei Stellen wurden methodische Vorschläge

gemacht. Bei einer Abendveranstaltung lässt sich sicher

nur einer realisieren. Zu beachten ist auch: Nicht jede/r

Teilnehmer/-in will und muss zu den einzelnen Bereichen

etwas sagen.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

ARBEITSSITUATION IN UNSERER GEMEINDE

Was und wo arbeiten die Gemeindemitglieder?

Die seit Jahrzehnten anhaltende Situation mit einer hohen

Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft macht es erforderlich,

dass wir uns um die Gemeindebürger kümmern.

Dabei geht es allerdings nicht „nur“ um die Arbeitssuchenden,

sondern unser Augenmerk muss auch den abhängig

Beschäftigten mit ihren Sorgen und Problemen

gehören. Trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung gibt

es in vielen Betrieben sogenannte prekäre Beschäftigungsverhältnisse

(Leiharbeit, 400 Euro-Jobs, Befristungen oder

sehr niedrige Löhne). Dies hat Auswirkungen bis in die

kleinsten Einheiten unserer Gesellschaft.

Die Maßnahmen/Reformen der Politik, ob aus den Hartz-

Papieren oder auch aus der Agenda 2010, sowie die Forderung

nach weiterer Deregulierung durch die Arbeitgeberverbände

und die Politik sind leider alles Schritte,

welche die Situation am Arbeitsmarkt verschärfen und die

zu zusätzlichen Unsicherheiten bei den Menschen führen

werden.

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Wir möchten Ihnen nachfolgend einige Anregungen und

Hinweise geben, wie Sie die Betriebs- und Arbeitsstrukturen

sowie die Arbeitsverhältnisse in Ihrem Ort bzw. in Ihrer

Pfarrei oder Seelsorgeeinheit kennen lernen können. Sie

erhalten dadurch einen guten Einblick, wenngleich Sie natürlich

nicht alles in Erfahrung bringen können. Eine weitere,

breiter angelegte Arbeit ist die Erstellung einer

sozialen Landkarte der Pfarrei oder Seelsorgeeinheit (Vorschlag

unter:www.arbeitnehmerpastoral.de/Materialien).

Welche Betriebe gibt es in unserer Pfarrei?

Branchen (Handel, Dienstleistung, Gesundheit, Gastronomie,

Tourismus, Metall, Baubereich, Industrie, Handwerk

...)

Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe

Inhabergeführte Betriebe, Zweigniederlassungen, Konzerne

...


Wie wird dort gearbeitet,

wo liegen die Schwerpunkte der Betriebe?

Arbeitszeiten (z.B. Schichtbetrieb-Vollconti, Öffnungszeiten,

Bürozeiten, Wochenendarbeit ...)

Arbeitsplatzbeschreibung/Arbeitsumstände (Lärm, Hitze,

Büro, Hallen-Gebäude, wetterabhängiger Arbeitsplatz,

Außen bzw. Innen-Beschäftigung, Montagetätigkeit ...)

Arbeitsorganisationen (Gruppenarbeit, Akkord, Leistungsentlohnung,

Überwachungstätigkeit, Großraumbüros,

Verantwortungsbereiche ...)

Wer arbeitet im Betrieb?

Beschäftigte im Betrieb (gesamt, in den einzelnen Abteilungen

...)

Frauen- und Männeranteil

ausländische Mitbürger, Menschen mit Behinderung,

Jugendliche

Gibt es einen Betriebsrat?

MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN MIT ARBEIT

Mit dieser Frage bekommen Sie eine erste Anlaufstelle im

Betrieb, die es unter anderem auch ermöglicht, weitere

Kontakte aufzubauen. Denn neben der Geschäftsleitung

hat in der Regel der Betriebsrat Informationen über den

Betrieb. Zugleich kann er auch Betriebsbesuche und Gespräche

mit den Beschäftigten organisieren. So bekommen

Sie einen Einblick in die Aufgaben, Belastungen, Sorgen,

aber auch Freuden der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Als Mitglied des Kirchen- bzw. Pfarrgemeinderates (PGR)

sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Seelsorgeteam versuchen,

einen Überblick über die Situation der Beschäftigten

in der Gemeinde zu bekommen. Nach einer ersten Bestandsaufnahme

werden Sie vermutlich feststellen, dass

Sie bisher recht wenig über die Strukturen des Arbeitsmarktes

in Ihrer Umgebung wissen. Für eine weitere Vertiefung

bzw. um auch entsprechende Kontakte aufbauen

zu können, sollten Sie neben den Betriebsratsmitgliedern

Kontakt zu Kommunalpolitikern aufnehmen, noch dazu,

wenn diese in einem Betrieb Ihrer Gemeinde beschäftigt

sind. Aber auch den DGB und die Einzelgewerkschaften

sowie die KAB und Betriebsseelsorge können und sollten

Sie mit einbinden. Durch Ihren ersten Schritt, mit dem Sie

auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zugehen, eröffnet

sich ein Feld, in dem in der Regel der überwiegende

Teil Ihrer Gemeindebürger in unterschiedlichen Berufen

und Positionen ihren Lebensunterhalt erarbeiten müssen.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Aus dieser Sichtweise betrachtet ergibt sich für viele Diskussionen

und Entscheidungen ein neuer Gestaltungsspielraum

und eine neue, spannende pastorale Arbeit vor

Ort.

(Text in Anlehnung an die Arbeitshilfe „Berufs- und Arbeitswelt

des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Regensburg

und der Betriebsseelsorge im Bistum Regensburg“.)

Solidarität zeigen

Ein sehr wichtiges und in der Öffentlichkeit sehr geschätztes

Aufgabenfeld im Bereich der Arbeitswelt ist das Engagement

der Pfarrgemeinde oder Seelsorgeeinheit bei

Krisensituationen von Betrieben oder bei Streiks. Es gibt

immer wieder Situationen, wo Teil- oder Komplettbetriebsschließungen

– oft aus Gründen der Gewinnmaximierung

der Eigentümer – anstehen und die Arbeitnehmer vor dem

Nichts stehen. In der täglichen Arbeit der Betriebsseelsorge

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erleben wir immer wieder, wie kleine und einfach zu bewerkstelligende

Gesten in solchen Situationen (z.B. Anwesenheit

und ein kurzes Grußwort bei einer Betriebsversammlung

oder der Beistand vor dem Werkstor bei

einem Streik) bei den Arbeitnehmern sehr positiv ankommen.

Für viele Betriebsräte, selbst wenn sie eher kirchenfern

sind, sind die Solidaritätsbekundungen und das wirkliche

Interesse der örtlichen Kirchenvertreter ein wichtiges Zeichen

der Solidarität und Ermutigung, gerade auch in hoffnungslosen

Situationen; manchmal gelingt es durch solche

breit angelegten Solidaritätsaktionen sogar, die Geschäftsleitung

zum Umdenken zu bewegen und die Krisensituation

positiv enden zu lassen. Sehr oft hören wir den Satz "Gut,

dass ihr da seid!" – da sind wir solidarische und missionarische

Kirche zugleich. Hierzu gehört auch, Sensibilität für

die Arbeitsplatzsituation oder Arbeitslosigkeit (der Eltern

oder von Angehörigen) bei Gemeindefesten oder in der

Erstkommunion- oder Firmvorbereitung zu bedenken.


Eine andere Form der praktischen und schnell umsetzbaren

Solidarität ist das Zur-Verfügung-Stellen von Räumlichkeiten

der Pfarrei für Treffen beispielsweise von

Menschen, denen die Entlassung droht, oder für die Sitzungen

eines Betriebsrates, dem im Betrieb nur sehr

schlechte oder gar keine Räumlichkeiten für Sitzungen zur

Verfügung gestellt werden. Ihre zuständigen Betriebsseelsorger

oder Arbeitnehmerseelsorger können Ihnen für

Ihre Region jederzeit konkrete Beispiele benennen, wo

dies schon so geschehen ist oder sogar gerade geschieht.

MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN MIT ARBEIT

(Tipp: Ausstellung „Gute Arbeit“ der KAB,

Tel.: 0711 9791-127)

KARL-HEINZ TEEPE, REFERATSLEITER ARBEITNEHMERPASTORAL

ERZBISTUM FREIBURG

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

3.

ARBEITSLOSIGKEIT ALS HERAUSFORDERUNG

FÜR DIE KIRCHENGEMEINDE

Wer sich mit der Arbeitswelt auseinandersetzt, kommt an

der Frage der Arbeitslosigkeit nicht vorbei. Für uns Christinnen

und Christen ist es ein hoher Wert, solidarisch für

einander da zu sein und gegen soziale Missstände einzutreten.

Es widerspricht unserer Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit,

wenn es Schwestern und Brüdern verwehrt ist,

mit eigener Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen,

und sie ihr Leben in entwürdigender Abhängigkeit

von Sozialleistungen und staatlicher Gängelung bestreiten

müssen. Wir bleiben nicht gleichgültig, wenn Arbeitslosigkeit

materielle Not und seelisches Leid bei den Betroffenen

und ihren Familien verursacht.

Die gute Wirtschaftsentwicklung der letzten 3 Jahre hat

mit einiger Verspätung auch den Arbeitsmarkt erreicht. Im

Frühjahr 2012 liegt die Zahl der amtlich erfassten Arbeitslosen

bei einem Rekordtief von unter 3 Millionen und ist

so niedrig wie seit 1992 nicht mehr. Das ist eine gute

Nachricht, waren es doch vor 5 Jahren noch über 4 Millionen

Arbeitslose. Jugendliche finden wieder einen Ausbildungsplatz

und selbst Langzeitarbeitslose und/oder

ältere Arbeitssuchende können von der guten Konjunktur

profitieren – auch, weil in den Unternehmen ein Umdenken

stattfand und man wieder vor der eigenen Haustür

nach Fachkräften schaut, anstatt das mediale Fachkräftemangel-Gezetere

der Vorjahre zu erheben.

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3. ARBEITSLOSIGKEIT

Die gute Nachricht vom Arbeitsmarkt kann Carolin Bogner

nicht wirklich froh stimmen:

"Mir hilft es nichts, wenn die Arbeitslosenzahl unter 3 Millionen

sinkt". Die ehemalige Trainerin eines Fitness-Studios

gilt ohne staatlich anerkannten Beruf als "Ungelernte

ohne Berufsabschluss" und ist mit 50 Jahren nicht mehr

die Jüngste. Diese Umstände mindern ihre Chancen auf

dem Arbeitsmarkt enorm. Mit jeder Absage schwindet ein

Stück Selbstwertgefühl und steigt die Angst, auf Hartz-IV

angewiesen zu sein. So wie sie, fühlen sich viele andere

verloren und verlassen.

In der Tat erleben wir gegenwärtig, wie durch die konjunkturelle

Entspannung am Arbeitsmarkt das Problem der

strukturellen Arbeitslosigkeit im öffentlichen Bewusstsein

in den Hintergrund rückt. Damit wird auch den benachteiligten

Personengruppen, ihren sozialen Nöten und seelischen

Leiden weniger Aufmerksamkeit zu Teil. Letztes

Jahr wurde von der Allgemeinheit ohne größere Proteste

hingenommen, dass die arbeitsmarktpolitischen Sparmaßnahmen

und die Verschlankung der Arbeitsförderungs-Instrumente

überproportional gerade die Arbeit Suchenden

im Hartz IV-Hilfesystem treffen, die am meisten Unterstützung

benötigen.


Was die Gemeinde tun kann

Inwieweit wir uns als christliche Gemeinde dem Problem

der Arbeitslosigkeit zuwenden und uns der Betroffenen

annehmen können, hängt ab von den konkreten Anfragen,

Nöten und Möglichkeiten vor Ort. Jede Gemeinde muss

für sich entscheiden, ob sie den Skandal der Arbeitslosigkeit

auf gesellschaftlicher Ebene angeht oder ob sie Unterstützung

auf der pastoralen und personalen Ebene

anbietet, um Betroffenen ganz praktisch zu helfen. Welcher

Weg auch immer gewählt wird, die vorrangige christliche

Option ist es, mit denjenigen Menschen zu sein, die

Gefahr laufen, in einer ausweglosen Sackgasse und Armutsfalle

zu verkümmern. Weiter unten werden Handlungsmöglichkeiten

aufgezeigt.

Arbeitslos ist nicht gleich arbeitslos

ARBEITSLOSIGKEIT

Bei allem, was die Gemeinde unternimmt, gilt es eines zu

bedenken: So vielfältig die sozialen Lagen und Bezüge der

Menschen zur Arbeitwelt, so unterschiedlich sind die individuellen

Betroffenheiten und der persönliche Umgang mit

der Stellensuche und Arbeitslosigkeit. Jugendliche Ausbildungssuchende,

die kaum einen Betrieb von innen sahen,

befinden sich in einer gänzlich anderen Situation als der

frühere leitende Angestellte, der sich eingestehen muss,

nun auch zu den Langzeitarbeitslosen zu gehören und der

erkennt, dass ihm nach dem erlittenen Statusverlust auch

der Verlust des erarbeiteten Vermögens droht, wenn es

gegen die Hartz-IV-Leistungen aufgerechnet wird.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

In jedem Fall durchkreuzt Arbeitslosigkeit

Lebenswege

Fehlende berufliche Perspektiven in jungen Jahren bedingen

mitunter Frustration, Abkoppelung von der Gesellschaft

und Flucht in Subkulturen. Statistisch geht

diese Situation einher mit erhöhtem Sucht- und Gewaltpotential

und Fremdenfeindlichkeit.

Langzeitarbeitslosigkeit führt häufig zum Verlust sozialer

Kontakte, zum Rückzug auf sich selbst und zur Isolation,

teils mit gravierenden psychischen und gesundheitlichen

Folgen.

Arbeit bedeutet Anerkennung in der Gesellschaft, Konsummöglichkeiten,

Lebensstil, Einfluss, Selbstwert. Der

Verlust von Anerkennung und Selbstwert bereitet jungen

wie älteren Betroffenen massive Probleme.

Auf Dauer leiden die Partnerschaft und das familiäre

Umfeld erheblich unter Arbeitslosigkeit.

Tun sich Männer in der Krisenbewältigung schwerer als

Frauen?

Phasen der Arbeitslosigkeit

Schock über die ausgesprochene Kündigung

Optimismus in der ersten aktiven Phase der Stellensuche

Pessimismus durch Fehlschläge

Angst vor dem sozialen Abstieg durch Hartz IV

Fatalismus – deutlich eingeschränkte Erwartungen für

die Zukunft

Depressionen, Aggressivität, Alkohol, Abkopplung von

der Realität (Erfahrungen der Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorge)

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Einfache Handlungsmöglichkeiten

Arbeitslosigkeit thematisieren. Gerade in einer Zeit,

in der die Wirtschaftskrise überwunden scheint, gilt es, das

Problem der Arbeitslosigkeit in der Gemeinde wach zu halten,

genau hinzuschauen, Solidarität zu üben und Vorurteilen

entgegen zu treten.

Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Gemeindegremien

besprechen (1x pro Jahr)

Thematische Gottesdienste (z.B. Josefstag – Jugendarbeitslosigkeit,

Maifeiertag – Tag der Arbeit, September

– Caritassonntag, Oktober – Woche der Sozialen

Gerechtigkeit, Martinstag – Aktion Martinusmantel für

Arbeitslose)

Arbeit und Arbeitslosigkeit in der Erwachsenenbildung

und Jugendarbeit aufgreifen

"Kümmerer" in oder außerhalb der Gemeinde finden,

die sich des Themas annehmen (Bereitschaft und Eignung

vorausgesetzt)

Orientierung finden & geben. Hinterfragen aktueller

wirtschaftlicher Entwicklungen und ihrer Wirkungen auf

die Arbeitswelt aus christlicher Sicht und unter ethischen

Aspekten. Bedeutung von Arbeit und Erwerbsarbeit, Familie

und Beruf, Spannung von Tätigsein und Leben. Auseinandersetzung

mit anderen Sichtweisen.

Gesprächsabende, Informationsveranstaltungen, Filmabende

etc., veranstaltet durch die katholische Erwachsenenbildung,

KAB, Kolping, CKD, Frauenbund, Diözese

usw.

Referent/innen aus anderen Kulturen, Wissenschaft,

Wirtschaft und Politik einbinden.


Mit Arbeitslosen und Arbeitgebern reden. Gemeindemitglieder

suchen direkte Kontakte und informieren sich

aus erster Hand.

Besuch von Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten

für Arbeitslose (z.B. Jugendberufshilfe-Projekte, Caritas-Maßnahmen,

etc.).

Besuch von Betrieben und Gespräche mit Chefs, Personalern

und Betriebsräten über betriebliche Zwänge und

Einstellungspraxis.

Praktische Hilfe und Mitarbeit bieten. Die Gemeindemitglieder

helfen in Projekten mit.

Erkundung, wo Mitarbeit gewünscht und benötigt wird.

Werbung, Ermunterung von Freiwilligen, z.B. als Ausbildungspaten.

Ideen unterstützen. Ideelle und praktische Unterstützung

von Initiativen und Anliegen.

Initiativen für soziale Gerechtigkeit und gute Arbeit unterstützen,

diesbezügliche Anliegen der katholischen

Verbände, Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge oder

anderer Gruppen (Attac, Gewerkschaften, etc.) weitertragen.

Sich in der Kommune, der Politik und der Wirtschaft für

diese Positionen einsetzen.

Hilfreiche Kontakte vermitteln (Fachleute, einflussreichen

Personen, Entscheidungsträger).

ARBEITSLOSIGKEIT

An das Hilfenetz vermitteln. Seelsorge und personale

Hilfe in Notlagen überfordern schnell eine Gemeinde, vor

allem wenn wenig hauptamtliche pastorale Mitarbeitende

zur Verfügung stehen. Oft müssen professionelle Stellen

helfen.

Sich über das Hilfenetz und -angebot kundig machen.

Durch Anlaufstellen oder Ansprech-Personen für Erstberatung

und -gespräche zur Verfügung stehen. Nötigenfalls

weitervermitteln an psychosoziale Dienste der

Caritas, Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge, Jugendberufshilfe,

Schuldnerberatung, Migrationsdienste, medizinische

Dienste, Rechtsberatung, Sozialämter/

Jobcenter etc.

Gute/r Arbeitgeber/in sein. Manche Gemeinde beschäftigt

Personal in Kindergärten und weiteren Einrichtungen.

Alle Möglichkeiten ausschöpfen, um v.a. auch benachteiligten

Arbeitslosen eine gute und vernünftige Arbeit

zu bieten. Dazu gehört auch die Bereitstellung von Praktikumsplätzen,

Ein-Euro-Jobs usw. in Zusammenarbeit

mit Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten.

Als Gemeindemitglied – sofern die Möglichkeit besteht

– in der Firma für diese Forderungen einstehen.

Bei Auftragsvergaben Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte

berücksichtigen (z.B. Catering, Reinigungsdienste,

Möbelschreinerei, Entrümpelungen etc.).

21


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Anwaltschaftlich eintreten. Arbeitslose haben keine

Lobby. Es findet sich zwar Fürsprache in Parteien, Wohlfahrtsverbänden,

Gewerkschaften und Kirchen, doch oft

nur am Rande, weil "Arbeitslosigkeit" jeweils nicht das

Kerngeschäft ist.

Anwaltschaftlich für Arbeitslose eintreten, indem die

Gemeinde solidarisch, prophetisch und missionarisch

vermittelt, dass wir als Kirche verlässlich an der Seite

von Arbeitslosen und Benachteiligten stehen.

Einzelne Gemeinde-Mitglieder können darüber hinaus

durch ihre Stellung im Beruf, in Gremien in- und außerhalb

der Kirche, im öffentlichen Leben und in der Politik

christlich-anwaltschaftlich Einfluss ausüben.

Arbeitslose im Gemeindeleben Mensch sein lassen.

Wenn Tag ein, Tag aus alles um das Problem der Arbeitslosigkeit

kreist, ist das schwer zu ertragen.

Gelegenheiten in der Gemeinde schaffen, die die Probleme

vergessen lassen.

Begegnungen und Tätigsein ermöglichen, durch die

Menschen als Menschen und nicht als Problemfall

wahrgenommen und geschätzt werden.

Bei Veranstaltungen, Freizeiten und Ausfahrten berücksichtigen,

dass manche Gemeindemitglieder nur ein

sehr knappes Budget haben.

Feiern.

22

METHODE: SOZIALRAUM-WERKSTATT

ARBEITSLOSIGKEIT

Diese auf einem Dreischritt basierende Mapping-Methode

kann in einer Schwerpunktsitzung oder Klausur des Kirchengemeinderates,

des Pastoralteams, des Caritas- und

Sozialausschusses etc. durchgeführt werden. Sie soll durch

Moderation begleitet werden.

Ziel: Ausgehend von einer Sozialraum-Analyse stellt die

Gemeinde fest, ob und welche Herausforderung das Problem

der Arbeitslosigkeit für sie darstellt, um dann zu überlegen,

was zu tun ist.

1. Unsere Wahrnehmung von Arbeitslosigkeit in

der Gemeinde

a) Wie ist die Arbeitslosigkeits- und Beschäftigungssituation

in der Region, was erfahren wir aus der Presse?

Welche Besorgnis erregende Entwicklungen, die Arbeitslosigkeit

begünstigen (z.B. Betriebsschließungen)

finden wir vor?

b) Welche Betroffenheiten und Nöte begegnen uns?

Gibt es Unterbeschäftigung, verdeckte Arbeitslosigkeit

oder "entmutigte Erwerbslose"?

Welche Familien sind in Not durch Erwerbslosigkeit?

Erreichen uns Unterstützungsanfragen und "Hilferufe"?

Welche Gruppen nehmen wir besonders wahr (z.B.

Hauptschüler, Jugendliche, Langzeitarbeitslose, Hartz-IV-

Bedürftige, Allein-Erziehende, Migranten, Ungelernte,

Menschen mit Behinderung, Beschäftigte bestimmter

Branchen etc.)?

c) An welchen Orten ist Arbeitslosigkeit präsent?

Wo leben betroffene Familien?

Wo treffen wir erwerbslose, arbeitssuchende Menschen

(Stadtteile, bestimmte Lokalitäten, Tafelläden, Schulen,

Berufsvorbereitungsmaßnahmen, Qualifizierungsprojekte

etc.)?


d) Das soziale Netz:

Welche Organisationen und Einrichtungen geben soziale

und berufliche Hilfen, Orientierung und Beratung

(Schulen, Jobcenter, Arbeitsagentur, Caritas/Diakonie,

Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge, etc.)?

Welche Organisationen und Gruppen machen sich stark

für gute und gerechte Arbeit (Verbände, z.B. KAB, Landvolk,

Jugendverbände, Gewerkschaften, etc.)?

Welche Arbeitslosen-Selbsthilfeprojekte und/oder Qualifizierungs-,

Trainings-, Beschäftigungsprojekte gibt es

(Neue Arbeit, Fairkauf-Läden, Berufsförderungsprojekte,

etc.)? Einzelpersonen, Unternehmen, Politiker, die sich

für „Gute Arbeit“ einsetzen

(Beobachtungen auf Kärtchen festhalten, in den Ecken

eines Quadrats anordnen.

Dort wo möglich, Verbindungslinien ziehen – so zeichnen

sich Schwerpunkte ab.)

2. Unsere Herausforderung durch Arbeitslosigkeit

a) Welche Wahrnehmungen erscheinen uns besonders

relevant? (Ausrufezeichen)

b) Wo müsste das soziale Netz und seine Angebote verstärkt

werden? (Vorschläge festhalten)

c) Haben wir Wissenslücken, wo benötigen wir weitere

Informationen? (Fragezeichen)

d) Welche Herausforderung erkennen wir für unsere Gemeinde?

(Auf Karte festhalten)

3. Der Herausforderung begegnen

ARBEITSLOSIGKEIT

a) Was tun wir schon: Integration von Arbeitslosen im Gemeindeleben;

bereits vorhandene Anlaufstellen, Seelsorger

und Personen, die sich kümmern und einsetzen;

Aktivitäten, Veranstaltungen, Interventionen; Aufgreifen

in der Liturgie, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung.

(diese Kärtchen ebenfalls durch Linien zuordnen, wo

möglich)

b) Welche weiteren Aufgaben können und wollen wir angehen?

Können wir Initiativen, Patenschaftsprojekte

etc. unterstützen? (sich kleine, machbare Aufgaben vornehmen

– keine Großprojekte)

c) Welche Unterstützung, Partner, Impulse benötigen wir

dafür?

d) Ggf. Vereinbarungen und Planung nächster Schritte.

Anm.:

Viele Anregungen entstammen der Arbeitshilfe "Wenn Arbeitslosigkeit

Lebenswege durchkreuzt", erarbeitet im

Ausschuss für Soziale Fragen (ASF) im katholischen Dekanatsverband

Göppingen-Geislingen.

Die Sozialraum-Analyse basiert auf einem Vorschlag der

Diözese Linz zur Erstellung einer sozialen Landkarte, 2011

Weitere Gedanken steuerte Harald Kremer von der Arbeitnehmerseelsorge

Karlsruhe bei.

HARALD KREMER, ARBEITNEHMERSEELSORGE KARLSRUHE

HANS-PETER MAYER, AKTION MARTINUSMANTEL

23


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Praxisbeispiel Ausbildungspaten

Für Jugendliche ist es ein manchmal schwieriges Unterfangen,

sich über ihren Berufswunsch klar zu werden und

einen Ausbildungsplatz zu finden, vor allem wenn sie die

Schule mit einem schlechten oder gar ohne Bildungsabschluss

verlassen. Etwa 15 bis 25 Prozent der Auszubildenden

brechen, je nach Region, ihre Ausbildung auch

wieder ab und stehen dann erneut mit leeren Händen da.

Viele finden im Elternhaus nicht die notwendige Unterstützung.

Oft fehlen soziale Bindungen, Ausdauer, Gesprächsfähigkeit,

Selbstbewusstsein und die Fähigkeit,

Hilfsangebote zu erkennen und Gebrauch davon zu machen.

Eine interessante und sinnvolle Möglichkeit, jungen Menschen

in dieser für sie so entscheidenden Situation zur

Seite zu stehen, bieten Jobpaten- oder Ausbildungspatenmodelle.

Sie gibt es mittlerweile an vielen Orten. Erwachsene

- oft auch Menschen, die nicht mehr im Erwerbsleben

stehen - stellen sich mit ihrer Erfahrung und ihrem 'know

how' zur Verfügung und begleiten sie mit Rat und Tat, in

enger Vernetzung und Begleitung durch die Schule und

anderer Einrichtungen wie der Caritas oder Betriebsseelsorge.

Hier ein Beispiel aus der Region Ostwürttemberg. Wenn

Sie Unterstützung bei der Gründung eines solchen Ausbildungspaten-

bzw. Jobpatenmodells wünschen oder wissen

möchten, wo in Ihrer Nähe ein solches Projekt bereits existiert,

wenden Sie sich an Ihre Betriebs-/Arbeitnehmerseelsorge

oder auch an die Caritas in Ihrer Region.

24

Jobpaten im Landkreis Heidenheim

Ohne Ausbildung – keine Zukunft

Eine erfolgreiche Berufsausbildung ist entscheidend für

den Lebensweg eines Jugendlichen.

Ziel des Jobpatenprojekts ist es, mit Schülerinnen und

Schülern von weiterführenden Schulen Berufsperspektiven

zu entwickeln und sie beim Einstieg in eine Berufsausbildung

zu unterstützen und zu begleiten.

Den Paten stehen professionelle Begleiter mit Rat und Tat

zur Seite. Das Jobpaten-Projekt wird von der CaritasFreiwilligenAgentur

und der Katholischen Betriebsseelsorge

begleitet und unterstützt.

Willkommen als Jobpaten sind alle, die eine hilfreiche Beziehung

zu einem Jugendlichen aufbauen möchten.


Wem nutzt das Engagement des Jobpaten?

Den Jugendlichen,

denn mitten in der Pubertät verstehen sie oft sich selbst

und die Menschen um sich herum nicht:

Es kümmert sich jemand, der zu einer realistischen

Berufsausbildung motiviert.

Praktikumsplätze werden gemeinsam gesucht.

Bei Bewerbungen gibt es Unterstützung.

Gegen Unlust und Frustration wird angegangen.

Den Ausbildungsbetrieben:

Die Jugendlichen sind motivierter und interessierter.

Es kümmert sich jemand während der Startphase der

Ausbildung.

Die Jobpaten halten Kontakt zur Berufsschule.

Das Risiko eines Abbruchs der Ausbildung ist geringer.

Schüler und Jobpate: Gemeinsam auf dem Weg

Schülerinnen und Schüler können sich freiwillig für die Begleitung

durch eine/n Jobpaten/in entscheiden.

Dauer der Patenschaft: 1 - 2 Jahre

Unterstützung durch Eltern ist Voraussetzung

Im Abschlussjahr können die Paten den Jugendlichen bei

der Berufswahl und der Suche einer

Ausbildungsstelle helfen:

Hilfe bei der Suche nach weiteren Praktika

Gemeinsame Betriebsbesuche

Unterstützung beim Erstellen von

Bewerbungsunterlagen

Organisieren von Nachhilfe

Im ersten Lehrjahr hält der/die Jobpate/in regelmäßig Kontakt

zum Ausbildungsbetrieb und zum Berufsschullehrer.

Er oder sie motiviert, ermutigt und begleitet über die Hürden

im ersten Lehrjahr.

Ein Kooperationsprojekt von

Seelsorgeeinheit Lone Brenz -

Kath. Kirche in Herbrechtingen

Katholische Betriebsseelsorge

Ost-Württemberg

Caritas Ost-Württemberg

Auerbachstiftung

ARBEITSLOSIGKEIT

25


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

4.

... weil ich euch den Sabbat als Ruhetag gegeben habe,

Ex.16,29 – Sonntag im Spannungsfeld von Religion, Arbeit,

Konsum, Freizeit und Muße.

Sonntag – ein schützenswerter Tag im

Wandel der Gesellschaft

Der Sonntag ist in seiner Vielfalt und Beständigkeit für die

individuelle Lebensgestaltung der Menschen ein Tag wie

kein anderer. Die 7-Tage-Woche gestaltet einen Rhythmus

in unserer Gesellschaft, der seit ungefähr 4000 Jahren das

Leben vieler Völker prägt. Der Rhythmusaspekt vermittelt

den Menschen und den Gemeinschaften eine Regelhaftigkeit

des Lebens. Der nahezu auf der ganzen Welt anerkannte

Wochenrhythmus ist geprägt vom Sonntag, der

eine frühe soziale Errungenschaft darstellt und auch heute

als Phase der Ruhe, der Gemeinschaft, der Befreiung von

Sachzwängen, Fremdbestimmung und Zeitdruck unverzichtbar

ist.

Können Sie sich noch an diese Zeit erinnern?

am Samstagabend hat man sich gebadet

die Wohnung und die Schuhe wurden geputzt

Hof, Wege und Straße wurden gesäubert

am Sonntag zog man sich festliche Kleider an

man ging zur Kirche

es gab besseres Essen

man machte einen Familienspaziergang

Man bereitete sich auf den Sonntag vor und feierte ihn.

Über Jahrhunderte hinweg wurde der Sonntag so gestaltet.

Heute fragen wir uns, was ist davon geblieben?

26

4. SONNTAGSSCHUTZ

Vielleicht sind Sie froh, dass der Sonntag heute vielerorts

ein anderes Gesicht hat. Doch haben wir eine sinnvolle

Sonntagsgestaltung gefunden? Erleben wir den Sonntag

als befreiendes Aufatmen, als einen Tag, der mich meine

Beziehung zu mir, zu meinen Mitmenschen und zu Gott

erneuern lässt?

Wenn wir heute über den Sonntag sprechen, sprechen wir

über einen herausgehobenen Tag in einer pluralen Gesellschaft.

Die ursprünglichen christlichen Symbole, die mit

ihm untrennbar verbunden sind (Glockengeläut, Gottesdienstbesuch),

haben ihre Bedeutung zum Teil eingebüßt.

Die ursprüngliche Sinngebung ist verblasst, aber nicht verschwunden,

sie sucht sich oft nur andere Formen. Der

Sonntag war diesbezüglich immer in Bewegung. Der Sonntag

ist von Beginn an immer gleichzeitig religiöses Brauchtum

und Teil der kulturellen und sozialen Tradition einer

Gesellschaft gewesen.

In der Wahrnehmung des modernen Menschen beschränkt

sich die regelmäßige Wochenzäsur schon längst nicht

mehr auf den freien Sonntag. Ein schönes Wochenende

wünscht man sich gegenseitig in den Büros und Fabriken,

aber auch bei Polizei, den Verkehrsbetrieben und in den

Krankenhäusern, also selbst dort, wo auf Grund der besonderen

Aufgabenstellung ein ganzes freies Wochenende

eher die Ausnahme darstellt. Der Samstag und der Sonntag

haben ein ganz eigenständiges Profil, sowohl was ihre

Entstehungsgeschichte als auch daraus resultierend ihr

Image und ihre soziale Bedeutung angehen. Dabei hat es

der Sonntag unter dem Aspekt seiner Beliebtheit sogar ein

wenig schwerer, trotz einer erheblichen Liberalisierung der

Sonntagskultur in den vorangegangenen Dekaden. Es ist

vor allem sein christlicher bzw. kirchlicher Ursprung, der

ihn zu einem der herausgenommenen Zeitinstitutionen des

christlichen Abendlandes gemacht hat, ähnlich dem Freitag

im Islam oder dem Sabbat im Judentum, auf den er

sich in seiner Herkunft bezieht. Der Sonntag ist somit ein


christlich begründeter Feiertag in einer weithin weltlichen

Gesellschaft.

Und wir dürfen nicht ignorieren, dass viele Menschen den

Sonntag als Problemtag wahrnehmen, an dem unterschiedliche

Erwartungen zusammentreffen und manche

Alleinstehende ihre Einsamkeit doppelt empfinden. Auch

sind immer mehr Menschen ohne Erwerbsarbeit und aus

dem Lebensrhythmus von Erwerbsarbeit und Sonntagsruhe

ausgegrenzt.

Dennoch kann man Umfragen entnehmen, dass die Menschen

ihren Sonntag als Bestandteil des Wochenendes

nicht missen möchten. Die Suche nach gemeinsamer Zeit

SONNTAGSSCHUTZ

wirkt dem Trend zur Individualisierung in unserer Gesellschaft

entgegen.

Wie ist der Sonntag in der Bundesrepublik Deutschland

rechtlich geschützt?

Der Sonn- und Feiertagsschutz ist in Artikel 140 Grundgesetz

in Verbindung mit Artikel 139 Weimarer Reichsverfassung

grundgelegt. Dieser lautet wie folgt:

„Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage

bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung

gesetzlich geschützt.“

27


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Auf dieser Grundlage sind die wichtigsten einfachgesetzlichen

Vorschriften im Bereich des Arbeitsschutzes im Arbeitszeitgesetz

(bis 1994 in der Gewerbeordnung) sowie

im Ladenschlussgesetz auf Bundesebene und in den Sonnund

Feiertagsgesetzen der Länder ausdrücklich geregelt.

Die Bundesrepublik Deutschland ist das einzige Land in

der Europäischen Union, in dem die Sonn- und Feiertagsruhe

verfassungsrechtlich garantiert ist. Der Gesetzgeber

darf die geschützte Einrichtung nicht abschaffen und bei

der Formulierung von Gesetzen den Wesensgehalt der Institution

nicht antasten. Die staatliche Garantie der Sonnund

Feiertage ermöglicht es den Religionsgemeinschaften,

gemäß ihrem Kultus religiöse Feierlichkeiten vorzunehmen.

DER SONN- UND FEIERTAGSSCHUTZ UNTER-

STÜTZT DIE GRUNDWERTE DER VERFASSUNG

Die Arbeitsruhe dient Ehe und Familie, Nachbarschaft und

Verein, Freundschaft und Versammlung, Wissenschaft und

Kunst sowie der Religion.

Das deutsche Feiertagsrecht statuiert ein grundsätzliches

Arbeitsverbot an Sonn- und Feiertagen, von dem nur begrenzte

Ausnahmen zugelassen werden. In engen Grenzen

gestaltet der Gesetzgeber zum einen die Arbeit trotz des

Sonntags, das heißt ihrer Natur nach werktägliche Arbeiten,

die auf Grund ihrer Unaufschiebbarkeit oder weil sie

zu einer notwendigen Grundversorgung gerechnet werden,

am Sonntag erlaubt sein sollen. Daneben ist die sogenannte

Arbeit für den Sonntag gestattet. Betätigungen,

die der Befriedigung spezifisch sonntäglicher Bedürfnisse,

insbesondere freizeitlicher Interessen dienen und somit der

Zweckbestimmung des Sonntags entsprechen, werden als

zulässig angesehen, auch wenn sie gewerblich angeboten

werden. Gemeint sind hier nur zeitgebundene Dienstleistungen,

die unbedingt am Sonntag verrichtet werden müssen,

um das freizeitliche Interesse zu befriedigen.

28

Neuregelung der Verkaufssonntage im

Ladenöffnungsgesetz Baden-Württemberg

Das Ladenöffnungsgesetz Baden-Württemberg hat seit

6. März 2007 das Ladenschlussgesetz auf Bundesebene

abgelöst, was die Regelungen zur Verkaufsöffnung an

Sonn- und Feiertagen anbelangt.

Zum einen wurde die zulässige Höchstzahl der verkaufsoffenen

Sonntage von vier auf drei im Jahr reduziert, zum

anderen wurden die Anlässe, die für einen verkaufsoffenen

Sonntag herangezogen werden können, um die örtlichen

Feste erweitert.

Gerade im letzten Bereich ist seit Jahren zu beobachten,

dass der Erfindergeist örtlicher Werbegemeinschaften des

Handels im Kreieren von entsprechenden Anlässen nicht

zu überbieten ist.

Anhörungsrecht der Kirchen

Nach § 8 Abs. 1 Satz 3 wird ein Anhörungsrecht der zuständigen

kirchlichen Stellen vor Zulassung der Verkaufsöffnung

eingeführt, soweit weite Bevölkerungsteile der

jeweiligen Kirche angehören. Diese Vorschrift wird von den

zuständigen Behörden so ausgelegt, dass eine Anhörung

unserer zuständigen kirchlichen Stellen auf jeden Fall zu

erfolgen hat. Das Anhörungsrecht besteht nicht für die Feiertage

des 1. Mai und des 3. Oktober.

Bildet eine Messe oder ein Markt den Anlass für den Verkaufssonntag,

besteht ein Anhörungsrecht nach § 12 Abs.

3 Sonn- und Feiertagsgesetz Baden-Württemberg (FTG).

Die Messe oder der Markt müssen nach der Gewerbeordnung

festgesetzt werden. Hierbei ist eine Befreiung von

den Vorschriften des Sonn- und Feiertagsgesetzes erforderlich

(§ 12 FTG).


2007 hat der Vorsitzende der DBK, Erzbischof Dr. Robert

Zollitsch, in seinem Fastenhirtenbrief „Sonntag – Tag der

Sammlung“ den Stellenwert des Sonntags deutlich herausgestellt:

„Zeit haben für Gott und Zeit haben füreinander:

Das ist am Sonntag nur möglich, wenn er von

Arbeit, die den Alltag bestimmt, freigehalten wird.

Weil der Sonntag für uns Christen ein so hohes Gut darstellt,

darum treten wir mit aller Entschiedenheit dafür ein,

den Sonntag nicht ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu

opfern. Unser Engagement für den Schutz des Sonntags

und damit auch gegen jegliche Ausweitung der Sonntagsarbeit

hat den tragenden Grund darin, dass für uns die

Sammlung zum Gottesdienst und das Zusammenkommen

in der Familie und untereinander einen ganz entscheidenden

Wert darstellen. Ich bin überzeugt, von der Gestalt des

Sonntags hängt die Gestalt unseres Menschseins und unserer

Welt ab. Darum bitte ich alle, die für den Sonntagsschutz

Verantwortung tragen, um Gottes und der

Menschen willen den Sonntag von allem freizuhalten, was

ihn einem Werktag, einem Arbeitstag gleichschaltet.“

Als Christinnen und Christen Zeugnis

für den Sonntag ablegen

Als Christinnen und Christen können wir uns nicht damit

abfinden, dass der Sonntag als Symbol der Freiheit und

Menschenwürde rein wirtschaftlichen Scheinvorteilen geopfert

wird. Gegenwart und Vergangenheit zeigen, dass

eine Gesellschaft, die den Sonntag entehrt, sich auf Talfahrt

begibt.

Schon in der wohl ältesten Erwähnung des Sabbatgebots

im Alten Testament in 34,21 wird das Ruhegebot hart

gegen allen ökonomischen Vorteil gestellt:

"Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tage sollst du

ruhen, auch in der Zeit des Blühens und des Erntens."

Der Gewinn durch den Sabbat wiegt mehr als alle durch

die Arbeitsruhe erlittenen Verluste, das Heilsgebot Gottes

steht über dem ökonomischen Gebot der Stunde.

Es kostet viel Mut, sich dem derzeit unübersehbar in Gang

befindlichen gesellschaftlichen Trend zur Aushöhlung des

Sonn- und Feiertagsschutzes und somit der Ökonomisierung

aller Lebensbereiche entgegenzustellen. Überzeugend

kann unsere Argumentation für den Schutz der Sonnund

Feiertage nur dann sein, wenn wir in unserem eigenen

Lebenskreis Zeugnis für den Erhalt der Sonn- und Feiertage

ablegen und uns öffentlich gegen die Vereinnahmung der

Sonn- und Feiertage auf dem Hintergrund ökonomischer

Interessen einsetzen.

MATERIAL UND TEXTE: DR. ASTRID DEUSCH, FREIBURG

ZUSAMMENSTELLUNG: KARL-HEINZ TEEPE

www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de

SONNTAGSSCHUTZ

29


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Stellen wir uns vor, es findet ein Verkaufssonntag

in unserer Gemeinde statt und keine Christin und

kein Christ geht hin!

Ideen für Aktivitäten in Pfarrgemeinden

und Seelsorgeeinheiten

Den Sonntag/die Ladenöffnung am Sonntag zum

Thema machen in Ihren Gremien und Dienstbesprechungen.

Vortrag von Frau Dr. Deusch/Betriebsseelsorge bei KFD,

Kolping, KAB, Männerwerk, Altenwerk …

Aktionstag 3. März.

Podiumsdiskussion mit Betroffenen und einem guten

Moderator.

Der Pfarr-/Kirchengemeinderat oder die Seelsorgeeinheit

beschließt, an Sonntagen keine Basare etc. durchzuführen.

Klausuren des PGR oder Seminare enden am Samstagabend.

Unsere Arbeitshilfen nutzen.

Ich kaufe nicht am Sonntag ein.

KARL-HEINZ TEEPE, LEITER ARBEITNEHMERSEELSORGE

ERZDIÖZESE FREIBURG

30


Materialhinweise:

Arbeitshilfen und Broschüren zum Thema Sonn- und Feiertagsschutz:

Sonntag – Tag der Sammlung

Fastenhirtenbrief des Herrn Erzbischof, 2007,

zu beziehen über das Erzbischöfliche Ordinariat,

Schoferstr. 2, 79098 Freiburg

Sonntag – ein Geschenk Gottes für die Menschen.

Weitere Verkaufssonntage.

§ 8 Ladenöffnungsgesetz Baden-Württemberg

Dr. A. Deusch, Arbeitshilfe mit einschlägigen

Gesetzestexten und Gottesdienstvorschlag, 2007

Die rechtlichen Grundlagen des Sonn- und

Feiertagsschutzes in Baden-Württemberg

Dr. A. Deusch, Broschüre, 2009

… weil ich euch den Sabbat als Ruhetag

gegeben habe, Ex. 16,29, Sonntag im

Spannungsfeld von Religion, Arbeit, Konsum,

Freizeit und Muße

Dr. A. Deusch, Broschüre zum Diözesantag der

Erzdiözese Freiburg am 2.7.2006

Die Materialien von Frau Dr. Deusch können Sie über das

Referat Arbeitnehmerpastoral in Freiburg beziehen.

SONNTAGSSCHUTZ

Links:

www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de und

www.freiersonntag.at (breites Bündnis und Grundlage für

die deutschen Allianzen)

www.anderezeiten.de bzw. www.anderezeiten.de/

unsere-aktionen/sonntags-erfindung-der-freiheit/

www.sonntagsallianz-bayern.de

31


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

5.

Der Fachbereich Kirche und Arbeitswelt – Betriebsseelsorge

in der Diözese Rottenburg-Stuttgart wie die Arbeitnehmerseelsorge

in der Erzdiözese Freiburg stellen Ihnen

gerne Gottesdienstentwürfe rund um das Thema Arbeit –

Arbeitslosigkeit zu Verfügung. Nach gemeinsamer Terminabsprache

gestalten wir auch einen Gottesdienst in Ihrer

Gemeinde oder vermitteln eine/n Referent/-in für einen/

ein Vortrag/Fachgespräch.

Kontakt:

Fachbereich Kirche und Arbeitswelt

Betriebsseelsorge

Jahnstr. 30

70597 Stuttgart

Tel. 0711 9791-116 bzw. -127

betriebsseelsorge@bo.drs.de

www.betriebsseelsorge.de

Arbeitnehmerseelsorge Freiburg

Okenstr. 15

79108 Freiburg

Tel. 0761 5144-220

Fax 0761 5144-229

anp@seelsorgeamt-freiburg.de

www.arbeitnehmerseelsorge.de

32

5. LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA

ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

LITURGISCHE BAUSTEINE ALS ANREGUNG:

Kyrie

Für viele Menschen bedeutet ihre Arbeitslosigkeit tiefes

Leid, das von vielen, die Arbeit haben, nicht gesehen wird.

Christus, du lädst alle zu dir, die in Not sind.

Herr, erbarme dich.

Wir erleben in unserem Land das Entstehen einer immer

tiefer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, die von

vielen stillschweigend toleriert wird. Christus, du

trittst ein für Gerechtigkeit und rufst uns zur Tat.

Christus, erbarme dich!

Wir erleben ungerechte Strukturen in der Verteilung der

Güter und zu wenig Mut, neue, befreiende Wege miteinander

zu gehen. Christus, du gehst uns voran und stärkst

uns auf unserem Weg.

Herr, erbarme dich!

Tagesgebet

Herr, unser Gott, dein Geist ruft uns auf, in den Umwälzungen

unserer Gesellschaft die Freuden und Sorgen der

Menschen zu teilen und mitzuarbeiten an einer gerechten

Welt. Befähige uns als deine Kirche, all denen besonders

nahe zu sein, die an der Ungerechtigkeit unserer Gesellschaft

leiden.

Darum bitten wir durch Jesus Christus ...


Biblische Texte zum Thema Arbeit – Arbeitslosigkeit

– Sonntagsschutz (eine kleine Auswahl):

Gen 1,26-31 (Schöpfungsbericht -> Gottesebenbildlichkeit

des Menschen)

Gen 2,2-4a (Ruhe am siebten Tag -> Sonntagsschutz)

Dtn 5,12-15 (Sabbatheiligung -> Sonntagsschutz)

Mt 10, 5-15 (Wer arbeitet, hat Recht auf seinen Unterhalt)

Mt 20, 1-16 (Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ->

Bedürfnislohn)

Lk 12, 16-21 (Gleichnis vom reichen Kornbauern -> Wider

der Spekulation)

Lk 19, 11-27 (Gleichnis vom anvertrauten Geld - > Kritik

an ausbeuterischem Umgang mit dem Geld); auch:

Sozialkritik der atl. Propheten ...

Fürbitten

Vorschlag: immer nach 3 Sätzen ein gesungener Zwischenruf

(z. B. Taizé-Kyrie) oder gesprochen:

V: Gott, Schöpfer der Welt A: Wir bitten dich, erhöre uns.

Gott, Schöpfer der Welt, wir leben in einer Zeit des Umbruchs,

in der vieles neu gestaltet wird. Unsere Sorgen und

Bitten bringen wir voll Vertrauen zu dir:

Für alle, die derzeit keine Erwerbsarbeit oder keinen

Ausbildungsplatz finden können.

Für alle, die schon lange vergeblich nach einer Anstellung

suchen.

Für alle, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden.

Für alle, die nach der Ausbildung keinen Einstieg ins

Berufsleben finden.

Für alle, die in befristeten Arbeitsverhältnissen stehen.

Für alle, die um ihren Arbeitsplatz bangen.

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

Für alle, deren Arbeit nicht richtig bewertet wird.

Für alle, die sich unterbezahlt fühlen.

Für alle, auf deren Kosten Profit gemacht wird.

Für alle, die in Billiglohnländern unterbezahlt arbeiten.

Für alle, die auf diese Jobs angewiesen sind.

Für alle, die sich gerade so über Wasser halten mit dem,

was sie verdienen.

Für alle, die sich für ihre Angestellten nicht interessieren.

Für alle, für die Menschen nur austauschbare

Nummern sind.

Für alle, die in der Arbeitsvermittlung tätig sind.

Für alle, die Leitungsfunktionen ausüben.

Für alle, die in ihrer Firma für ein gutes Klima sorgen.

Für alle, die als Vorgesetzte um das Wohl ihrer Angestellten

bemüht sind.

Für alle, die in Politik und Gesellschaft Verantwortung tragen.

Für alle, die sich in Gewerkschaften solidarisieren.

Für alle, die sich in Arbeitsloseninitiativen engagieren.

Für alle, die ihre Arbeit krank gemacht hat.

Für alle, die im Alter an den Spätfolgen ihrer Arbeit leiden.

Für alle verstorbenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ...

(unseres Verbandes/unserer Kirchengemeinde/unserer Einrichtung...)

Barmherziger Gott, du hast uns Menschen erschaffen als

dein Abbild, um deine Schöpfung zu bewahren und die

Welt mitzugestalten. Hilf uns, dies mit unserer täglichen

Arbeit in rechter Weise zu tun. Darum bitten wir durch

Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

33


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Gabengebet

Herr, unser Gott, wir haben Brot und Wein bereitet –

Früchte der Erde und harter, menschlicher Arbeit. Erneuere

unser Herz, damit wir fähig werden, alles, was wir von dir

empfangen haben, mit denen zu teilen, die in Not sind. So

bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlussgebet

Gott, unser Vater, du bist gütig und gerecht, du siehst nicht

auf die Hände, sondern auf das Herz. Keiner ist vor dir unnütz,

ob er Arbeit hat oder arbeitslos ist. Wir alle sind gesandt,

die Frohe Botschaft zu verkünden und mit dir an

einer gerechten Welt zu arbeiten. Du liebst alle Menschen,

besonders die Kleinen, Schwachen und Benachteiligten.

Begleite uns alle mit deinem Segen und schenke uns deinen

Frieden durch Christus, unsern Herrn. Amen.

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BAUSTEIN: GEBET EINES ARBEITSLOSEN

Herr, weißt du, wie das ist: Wenn man arbeiten will und

nicht darf? Wenn man am helllichten Tag auf der Parkbank

sitzt? Wenn man immer wieder Absagen bekommt? Wenn

man kein Geld verdient? Herr, weißt du, wie das ist: Wenn

man Drückeberger heißt? Wenn man Faulpelz heißt? Wenn

man Krimineller heißt? Wenn man arbeitsscheues Gesindel

heißt? Herr, weißt du auch: Wie weh das tut? Wie viel Nerven

das kostet? Wie verletzend das ist? Wie unchristlich

das ist? Herr, ich möchte DIR keinen Vorwurf machen, ich

möchte es dir nur sagen dürfen, dass ich mir so mein

Leben nicht vorgestellt habe und dass ich mir so elend

überflüssig vorkomme: Nicht gebraucht, nicht gefordert,

nicht ernst genommen, nicht geliebt. So bitte ich dich Herr:

Hilf mir, dass ich Arbeit finde und dass ich auch gebraucht

werde! Amen.

QUELLE: ARBEITSLOSENSTIFTUNG LINZ


BAUSTEIN: GEBET

Wir glauben, dass der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft

stehen muss.

Wir erwarten, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht

und Herkunft ein gerechtes Einkommen für ein

menschenwürdiges Leben erhalten.

Wir hoffen, dass alle Menschen die Möglichkeit erhalten,

am wirtschaftlichen Leben mit ihren Anliegen, Fähigkeiten

und Interessen aktiv teilnehmen zu können.

Wir glauben an einen Gott der Gerechtigkeit. Und wir

glauben an Jesus, der sich für die Schwachen und für die

in der Gesellschaft am Rande Stehenden eingesetzt hat.

Wir erwarten, dass unsere Kirche diese Botschaft wahrnimmt

und ihre Praxis danach ausrichtet.

Wir hoffen, dass der Geist Gottes uns in unserem Engagement

stärkt und unterstützt, damit wir zu einer gerechten

Verteilung von Arbeit und Gütern beitragen können.

QUELLE: THEOLOGISCHE TAGE KAJÖ DEZ. 1995

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

BAUSTEIN:

GEBET DER ERWERBSARBEIT SUCHENDEN

Christus, göttlicher Herr und Meister des Lebens!

Du weißt am besten, wie es uns gerade geht. Mit anderen

trauen wir uns fast nicht mehr, darüber zu reden.

Wir sind einsam geworden und tief deprimiert, denn die

ständige Suche nach anständiger Arbeit zermürbt. Schwer

fällt es uns, dem Drang zu widerstehen, uns von allen und

allem zurückzuziehen.

Dabei muss es doch für alle auf dieser Welt eine Aufgabe

geben, die uns ausfüllt und Freude macht. Die erlaubt, uns

und unsere Lieben zu ernähren und unseren Freunden und

Verwandten Gutes zu tun.

Du, Herr, weißt ganz genau, wie sehr wir darunter leiden,

dass es im Augenblick für uns eine solche Arbeit nicht gibt

und was noch viel schlimmer ist, vielleicht noch eine

Weile nicht geben wird.

Herr, schenke doch immer wieder einen Lichtblick, damit

wir nicht ganz und gar zugrunde gehen! Und, Herr – lass

uns bald wieder eine anständige Arbeit finden – oder zumindest

eine erfüllende Aufgabe!

Amen.

BETRIEBSSEELSORGER WALTER WEDL

35


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

BAUSTEIN: GEBET

Gott,

du hast uns gerufen, die Welt durch unsere Arbeit mitzugestalten.

In jedem Menschen steckt die Fähigkeit, in dieser

Welt für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der

Schöpfung zu wirken. Sei bei uns, damit wir die Würde

aller Menschen achten; damit wir die Menschen, die mit

uns arbeiten, verstehen; damit wir in deinem Sinne handeln.

Gott,

du hast die Klagen deines Volkes aus Ägypten gehört. Wir

erleben Ungerechtigkeit in der Arbeitswelt, von Arbeitslosigkeit

betroffene Menschen werden in ihren Entfaltungsmöglichkeiten

eingeschränkt. Sei bei uns, damit wir die

Menschen nicht nach ihrer Leistung beurteilen; damit wir

aufstehen gegen Unrecht und Unterdrückung; damit wir,

wie du, mit den Benachteiligten solidarisch sind.

Gott,

am siebten Tage hast du geruht. Wir setzen uns für ein

freies Wochenende ein, damit wir Zeit haben für die Menschen

um uns und zur gemeinsamen Feier. Sei bei uns,

damit wir die Menschen wichtiger nehmen als die Maschinen;

damit wir offen werden für die Menschen in unserer

Umgebung; damit die Freude an der Fülle des Lebens an

uns sichtbar wird.

Amen.

MONIKA FELBERMAIER

36

BAUSTEIN LIED: SONNE DER GERECHTIGKEIT

1. Sonne der Gerechtigkeit

gehe auf in unserer Zeit

niemand soll ein Opfer sein

von Gewalt und Willkürmacht,

erbarm dich, Gott

2. Lass uns eins sein in der Not

kämpfen für das täglich` Brot

gib uns Menschen Kraft und Sinn

für ein Leben mit Gewinn,

erbarm dich, Gott

3. Gib uns einen wachen Blick

um im rechten Augenblick

anderer Menschen Not zu sehn

ihnen glaubhaft beizustehn,

erbarm dich, Gott

4. Schenke deinen neuen Geist

der ein gutes Leben uns verheißt

alte Fehler uns verzeiht

unsrer Hoffnung Flügel leiht,

erbarm dich, Gott

BETRIEBSSEELSORGER ALFONS FORSTER


BAUSTEIN: MONTAGSGEBET

(Netzwerk Arbeitswelt im Dekanat Göppingen-Geislingen)

Das Netzwerk Arbeitswelt in Göppingen hat von April

2009 an über mehrere Monate hinweg die Bevölkerung

im Dekanat Göppingen-Geislingen zu „Montagsgebeten“

eingeladen. Mit dieser offenen, ökumenisch vorbereiteten

liturgischen Form wurde ein Raum geschaffen, um den Fragen

und Sorgen der Menschen um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes

sowie um gute Arbeit in Zeiten der

Wirtschafts- und Finanzkrise einen Raum zu geben und

vor Gott zu tragen. Mit dem Element des „Offenen Mikrofons“

erhielten Vertreterinnen aus der Arbeitswelt – Betriebsräte,

Gewerkschaftler ... – die Möglichkeit, ein

Zeugnis von ihrer persönlichen oder betrieblichen Situation

zu geben. Das Montagsgebet fand seinen Abschluss mit

einer Prozession auf dem Rathausplatz und einer Gedenkminute.

Bspl.: Ablauf Montagsgebet am 27.04.2009

Kerzen anzünden – 19:00 Orgelvorspiel

BEGRÜSSUNG MIT EINFÜHRUNG INS THEMA.

Sprecher 1:

Herzlich heiße ich Sie hier in der Stadtkirche zu unserem

ersten Montagsgebet willkommen. Wir von der katholischen

und der evangelischen Kirche haben dazu eingeladen,

weil wir meinen, dass die Zeit dafür reif ist. So wie

vor 20 Jahren in der ausgehenden DDR die Montagsgebete

Menschen zusammengebracht hatten, die gemeinsam

um Veränderung gerungen haben, so kann dies auch

heute geschehen.

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

Wir möchten in unseren Kirchen einen Raum eröffnen –

für Sie, die Sie da sind. Ihre Sorgen, Ihre Ängste, Ihre Hoffnungen

sollen im Mittelpunkt stehen. Die Montagsgebete

sollen heute wie damals offen sein für Äußerungen der

Betroffenen.

Wir können "gemeinsam hoffen, bangen, beten" – und

wir sind gewiss, dass sich dadurch etwas verändert. Nicht

mehr als Einzelne, sondern als eine Gemeinschaft werden

wir die Kirche verlassen, gestärkt und ermutigt. Diese Stärkung

und Ermutigung brauchen wir – denn dieses Montagsgebet

hat Ereignisse und Vorgänge um sich, die uns

bewegen!

Sprecher 2:

aktuelle Anlässe dazu: Märklin, Geschmay, Oerlikon … Die

Kirchen möchten deutlich machen, dass sie hinter den Betroffenen

stehen und ihre Sorgen und Nöte teilen.

GEMEINSAME LITURGISCHE FORMEL:

Sprecher 1:

Und so sind wir zusammengekommen im Namen Gottes,

des Vaters, der unser Gebet hört.

Sprecher 2:

Wir finden uns als eine ökumenische Gemeinschaft von

Menschen zusammen, die durch Jesus Christus ihr Bangen

miteinander teilt.

Sprecher 1:

Und wir wollen uns durch Gott, den Heiligen Geist ermutigen

lassen, dass aus Angst und Mutlosigkeit neue Hoffnung

wächst.

Sprecher 2:

So sind wir zusammen im Namen Gottes, des Vaters und

des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Gemeinde: Amen.

LEKTORIN

Bibeltext: Prophet Amos 8, 4-7

Gegen die Ausbeutung

Hört dieses Wort,

die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land

unterdrückt.

Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei?

Wir wollen Getreide verkaufen.

Und wann ist der Sabbat vorbei?

Wir wollen den Kornspeicher öffnen,

das Maß kleiner und den Preis größer machen

und die Gewichte fälschen.

Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen,

für ein paar Sandalen die Armen.

Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.

Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer

Taten werde ich jemals vergessen.

LIED

OFFENES MIKROFON

(Moderation durch ein Mitglied des Netzwerks Arbeitswelt):

Jürgen Falkenstein, Betriebsrat Firma Oerlikon Schlafhorst

Renate Gmoser, 2. Bevollmächtigte IG Metall

LIED

FÜRBITTEN MIT LIED „Herr, erbarme dich“

Lektor 1:

Gebet für die, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist, für die betroffenen

Familien, für all die, die in Firmenleitungen und

Betriebsräten Verantwortung tragen.

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Lektor 2:

Gott, himmlischer Vater,

wir bitten dich für all die, die schon jetzt am Rand der Gesellschaft

stehen. Für diejenigen, die schon seit Langem

ohne Arbeit sind und keine Perspektive mehr für ihr Leben

sehen. Wir denken an die Familien, die von Arbeitslosigkeit

und Armut betroffen sind, die nur wenig am gesellschaftlichen

Leben teilnehmen können.

Und wir wollen auch nicht die Menschen in den armen

Ländern unserer Welt vergessen, die noch viel grundsätzlicher

von der Wirtschaftskrise betroffen sind. Armut, Not

und Hunger sind für viel zu viele Menschen eine Realität.

Öffne du unsere Herzen für die Menschen um uns herum.

Hilf uns, dass wir die sehen, die uns brauchen, und lass du

Solidarität und Nächstenliebe unter uns wachsen. Stärke

in uns die Hoffnung auf dich und dein kommendes Reich:

eine neue Welt, in der Friede und Gerechtigkeit herrschen.

Gemeinsam beten wir …

VATERUNSER

SEGEN

Hinweis auf Kerzen und Gang zum Rathaus -

Orgelnachspiel

Gang zum Rathaus – Kerzen werden aufgestellt

Anschließend Gesprächsmöglichkeit im Bürgerhaus

Weitere Infos:

Netzwerk Arbeitswelt Göppingen

Raabestraße 7, 73037 Göppingen

Tel.: 07161 70020, Fax: 07161 69939

E-Mail: netzwerk-arbeitswelt@kath-dekanat-gp-gs.de


BAUSTEIN FÜR EINEN GOTTESDIENST ODER

ALS IMPULS IN EINER GRUPPE ZUM WELTTAG

DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT – 20. FEBRUAR

(von Bundespräses Albin Krämer – KAB Deutschland)

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat im

November 2007 den 20. Februar zum Welttag der Sozialen

Gerechtigkeit erklärt. 2009 wurde dieser Tag zum ersten

Mal begangen. Es gilt, die Aktivitäten für Soziale Gerechtigkeit

zu fördern – im eigenen Land, auf dem eigenen

Kontinent und weltweit.

KYRIE

Herr, wir bringen zu dir die Erfahrungen unseres Lebens,

die Situation der Menschen in unserem Land:

1. Sprecher

„Breite Bevölkerungskreise wissen, dass das über Jahrzehnte

gültige Lebensmuster dieser Republik nicht mehr

selbstverständlich ist: eine Lehre machen oder ein Studium

absolvieren, einen Arbeitsplatz finden und eine Familie

gründen, einen Kredit aufnehmen und ein Haus bauen,

den Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen und für

das Alter vorsorgen. Das war die bundesrepublikanische

Realität, aber in der rapide sich ändernden Arbeitswelt

schwindet diese `Normalität` immer mehr. Dass plötzlich

die Aufträge ausbleiben oder der Arbeitsplatz wegrationalisiert

wird, kann heute auch den gut verdienenden Architekten

oder Werbefachmann treffen. Der Verdienst

bleibt aus, der Kredit kann nicht mehr bedient werden, die

Schulden steigen – dann Hartz IV, der soziale Absturz.“

(O. Schreiner, Die Gerechtigkeitslücke, S. 33) Die Mittelschicht

unserer Gesellschaft ist geprägt von der Sorge und

der Angst um den sozialen Absturz.

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

LIEDRUF:

In Ängsten die einen, und die andern leben,

und die andern leben, und sie leben nicht schlecht.

Kyrie, Kyrie eleison, Herr, guter Gott, erbarme dich.

2. Sprecher

„Irgendwie über die Runden kommen“ – das ist für viele

zum Lebensmotto geworden. Jeder Fünfte, der Vollzeit arbeitet,

kann nicht mehr von seiner Hände Arbeit leben. Er

oder sie arbeitet im Niedriglohnbereich. Menschen, die

trotz Arbeit kaum über die Runden kommen, weil ihr Einkommen

nur knapp zum Leben reicht, nennt man „Working

Poor“ oder „Prekariat“. Ursprünglich waren damit

ungelernte Arbeiter, Putzhilfen oder die Kassiererin im Supermarkt

gemeint. Doch durch die wachsende Zahl arbeitsloser

Akademiker und Menschen, die trotz guter

Ausbildung in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen

oder ewigen Praktika herumdümpeln, hat sich der Kreis

ausgeweitet. Sie leben ohne Altersvorsorge und der Kühlschrank

darf bitte auch nicht kaputtgehen. Es ist entwürdigend,

nicht vom Lohn seiner Hände Arbeit leben zu

können.

LIEDRUF:

In Hunger die einen, und wir andern leben,

und wir andern leben, die im Hunger leben schlecht.

Kyrie, Kyrie eleison, Herr, guter Gott, erbarme dich.

3. Sprecher

Nach dem jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung

leben ungefähr 15 Prozent aller Kinder unterhalb der Armutsschwelle.

In den EU-Ländern gilt ein Haushalt als arm,

wenn ihm weniger als 60 % des mittleren Nettoeinkommens

zur Verfügung stehen. In einem Kommentar der beiden

Ärztinnen Elke Schäfer von der Charité in Berlin und

Eva Landmann von der Justus-Liebig-Universität in Gießen

war zu lesen: „In Deutschland geht es für einen großen

Teil der Kinder längst nicht mehr um die Frage, ob sie

39


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Geige oder Ballett lernen, sondern ob sie morgens hungrig

zur Schule gehen oder als Vierzehnjährige nach der Schule

mit der Bierflasche in der Hand in der S-Bahn sitzen.“ Viele

Schülerinnen und Schüler kommen ohne Frühstück zur

Schule. Viele wissen nicht, wo und wie sie sich bewerben

sollen.

LIEDRUF:

Gefangen die einen, und die andern leben,

und die andern leben, und sie leben nicht schlecht.

Kyrie, Kyrie eleison, Herr, guter Gott, erbarme dich.

4. Sprecher

Papst Benedikt XVI. schreibt in seiner Enzyklika Caritas in

Veritate:

„Absolut gesehen, nimmt der weltweite Reichtum zu,

doch die Ungleichheiten vergrößern sich. In den reichen

Ländern verarmen neue Gesellschaftsklassen und es entstehen

neue Formen der Armut. In ärmeren Regionen erfreuen

sich einige Gruppen einer Art verschwenderischer

und konsumorientierter Überentwicklung, die in unannehmbarem

Kontrast zu anhaltenden Situationen entmenschlichenden

Elends stehen. Der Skandal schreiender

Ungerechtigkeit hält an. Korruption und Illegalität gibt es

leider im Verhalten wirtschaftlicher und politischer Vertreter

der alten und neuen reichen Länder ebenso wie in den

armen Ländern selbst.“ (Nr. 22)

LIEDRUF:

Geschunden die einen, und wir andern leben,

und wir andern leben, die Geschundenen leben schlecht.

Kyrie, Kyrie eleison, Herr, guter Gott, erbarme dich.

(Text Liedruf von G. Hildebrandt)

40

GEBET: (aus Gotteslob 29,2)

Herr Jesus Christus, in dir sind Himmel und Erde zusammengefasst;

auf dich hin sind wir geschaffen. Du willst

nicht, dass jeder nur für sich lebt, sondern dass alle in gegenseitiger

Liebe dir dienen und als Glieder einer Gemeinschaft

die Güter der Erde gebrauchen und teilen. Wir sollen

das Leid in der Welt heilen oder gemeinsam tragen und

miteinander die Fülle des Lebens empfangen.

Immer mehr Menschen bewohnen die Erde und suchen

Lebensraum, Arbeit und Brot; immer enger rücken wir zusammen;

immer mehr werden alle voneinander abhängig.

Mach mein Herz weit für die Anliegen der Menschen, dass

ich fähig werde, an einer Gesellschaft mitzubauen, deren

Mitte du selbst bist. AMEN.

FÜRBITTGEBET:

Du, der uns die Erde gibt, damit wir sie bewohnen,

der du die Welt siehst,

du weißt, dass wir ohnmächtig sind für Frieden

und Gerechtigkeit –

und rufst uns doch bei unserm Namen,

Mensch um Mensch,

dass wir recht handeln und gut sind.

Wir bitten dich für alle deine Menschen,

groß und klein, wie immer auch erschaffen,

überall gleich und immer wieder miteinander im Krieg.

Wir bitten dich für jene, die am wehrlosesten sind,

Kinder und Arme,

misshandelte und hungernde Menschen,

Flüchtlinge, Kranke und Sterbende;

für Menschen ohne Zukunft bitten wir,

für alle, die großes Leid ertragen müssen.

Du weißt, was in uns ist.

Nicht für den Tod, zum Leben hast du uns erschaffen.


Sende uns deinen Geist, gib uns die Kraft, Mensch zu

werden um jeden Preis;

dass wir keiner Leere nachlaufen,

vor keiner Wahrheit flüchten

und deinen Namen nicht vergessen;

dass wir dein Reich beschleunigen

und deinen Willen vollbringen:

Das Brot dieser Welt miteinander teilen und alles Böse,

das uns angetan wird, vergeben.

(Huub Oosterhuis, Im Vorübergehen, Herder 1971 S. 272ff)

ZITATE:

„Fast 60 Prozent des Reichtums in Deutschland befinden

sich in den Händen des obersten Zehntels der Gesellschaft.

Währenddessen besitzt das unterste Zehntel praktisch

keine Geld- und Sachwerte. Und es wird die Reichen niemals

einholen können. Dies birgt sozialen Brennstoff –

auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen.“ (U. Schäfer,

Der Crash des Kapitalismus, Campus-Verlag, S. 22)

„An die Stelle des „Wohlstands für alle“ ist in unserem

Jahrzehnt der „Luxus für wenige“ getreten.“ (Peter Bofinger)

„Soziale Gerechtigkeit ist für uns nicht nur eine nationale

Frage. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit endet nicht an

den Grenzen Deutschlands und auch nicht an den Grenzen

Europas. Sie ist eine internationale Frage. Bei der Generalversammlung

der WBCA in Nantes im Oktober 2009

bin ich vielen unseren PartnerInnen begegnet und es war

spürbar und sehr bewegend, wie sie sich für die Würde

der kleinen Leute einsetzen und wie wichtig für sie die Erfahrung

ist, dass es eine Solidarisierung der kleinen Leute,

der Arbeiterinnen und Arbeiter gerade auch auf Weltebene

gibt. Und das ist eine der ureigensten Aufgaben einer

jeden Gesellschaft, Menschen die Erfahrung zu vermitteln:

Du besitzt Würde und Ansehen. Wo der Mensch seine

Würde erfährt, da wird er auch befähigt, seinen Stärken

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

und Begabungen zu vertrauen, da kann er sich einbringen,

um die Gesellschaft, das tragende Miteinander mitzugestalten.“

(Albin Krämer)

Ben Salman Al Saud, ein wohlhabender Sultan, einer, der

es sich leisten konnte, die Forschercrew einer Discovery-

Expedition der NASA zu begleiten, erzählt in seinem Reisebericht:

„Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am

dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent.

Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die

Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen,

ganzen Planeten.“ (aus Reinhard Körner, Weisheit, Die Spiritualität

des Menschen, Benno-Verlag 2004, S. 13)

Kurzgeschichte: „Es gab einmal in einem riesigen Schiff

eine ganz kleine Schraube, die mit vielen anderen ebenso

kleinen Schrauben zwei große Stahlplatten miteinander

verband. Diese kleine Schraube fing an, bei der Fahrt mitten

im indischen Ozean etwas lockerer zu werden und

drohte herauszufallen. Da sagten die nächsten Schrauben

zu ihr: „Wenn Du herausfällst, dann gehen wir auch.“ Und

die Nägel unten am Schiffskörper sagten. „Uns wird es

auch zu eng, wir lockern uns auch ein wenig.“ Als die großen

eisernen Rippen das hörten, da riefen sie: „Um Gottes

willen bleibt; denn wenn ihr nicht mehr haltet, dann ist es

um uns geschehen!“ Und das Gerücht von dem Vorhaben

der kleinen Schraube verbreitete sich blitzschnell durch

den ganzen riesigen Körper des Schiffes. Er ächzte und erbebte

in allen Fugen. Da beschlossen sämtliche Rippen

und Platten und Schrauben und auch die kleinsten Nägel,

eine gemeinsame Botschaft an die kleine Schraube zu senden,

sie möge doch bleiben; denn sonst würde das ganze

Schiff bersten und keine von ihnen die Heimat erreichen.

Das schmeichelte dem Stolz der kleinen Schraube, dass ihr

solch ungeheure Bedeutung beigemessen wurde, und sie

ließ sagen, sie wolle sitzenbleiben.“ (aus: Geschichten für

Sinndeuter 1, Georgs-Verlag 1981, S. 12)

41


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

BAUSTEIN: KREUZWEG DER ARBEIT

(Betriebsseelsorge Ravensburg)

In den Jahren 2010 und 2011 fanden in den Städten

Weingarten und Ravensburg in der Fastenzeit andere

Arten von Kreuzweg statt: Kreuzwege der Arbeit. Grundidee

des Kreuzweges der Arbeit ist, hinaus auf die Straßen

des Lebens zu gehen und Orte der Arbeit aufzusuchen.

Im ersten Jahr wurde der Kreuzweg der Arbeit auf Initiative

der Betriebsseelsorge und der KAB durchgeführt. Die Katholische

Jugend Weingarten schloss sich der Grundidee

an und stieg in die Vorbereitung mit ein. Zusammen mit

Betriebsräten/rätinnen, KAB-Mitgliedern, einer Berufsschulseelsorgerin,

den Jugendvertretern und den Hauptamtlichen

von Betriebsseelsorge und KAB wurde ein

Vorbereitungsteam gebildet, welches sich über Ablauf und

Inhalt des Weges Gedanken machte. Acht Stationen wurden

ausgewählt und Orten zugeteilt. Der größte Gewinn

für das Vorbereitungsteam war die Auseinandersetzung

der jeweiligen Kreuzwegstation in Bezug zum konkreten

Ort. Alle Texte wurden selbst geschrieben und damit sehr

konkret und alltagstauglich. Auf dem Kreuzweg selbst

wurde ein Holzkreuz mitgetragen, an dem Bilder der einzelnen

Stationen von dem Misereor-Kreuzweg angeheftet

wurden. Beim Verlassen des Ortes wurde mit Kreide ein

Kreuz auf die Straße gezeichnet. Jede Station hatte die

Struktur: Vortragen der jeweiligen Station – Bezug zum

Ort – Gedanken zum Weg Jesu – Lied – Fürbitten – Gebet

– Lied.

Orte im ersten Jahr waren:

- eine Maschinenbaufirma

(Thema: Situation von Auszubildenden)

- eine Schule

(Probleme und Mobbing in einer Bildungseinrichtung)

42

- ein Arbeitslosenprojekt

(Situation von Arbeitslosengeld-II – Empfängern)

- eine Bank

(Macht des Kapitals)

- ein Supermarkt

(Situation von Beschäftigten im Handel)

- eine Apotheke

(Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem)

- das Rathaus

(Situation von Beschäftigten und Hilfesuchenden)

- der Abschluss fand in der Basilika des Klosters

Weingarten (Hoffen) statt.

Im darauffolgenden Jahr wurde die Route geändert und

folgende Orte aufgesucht:

- Agentur für Arbeit

(Arbeitslose)

- Discounter

(Situation von Beschäftigten und Zulieferern)

- Industriebetrieb

(Probleme der Mitarbeiter)

- Energieversorger

(Bedrohung der Schöpfung)

- Deutsches-Rotes-Kreuz-Zentrum

(Notleidende)

- IHK

(Menschen, die durch das Raster fallen)

- leerstehendes Ausbildungszentrum (Jugendliche)

- Abschluss war in der Kirche St. Maria in Weingarten.

Besonderer Höhepunkt war die Mitgestaltung durch eine

Jugendband und eines Chores des Körperbehinderten-

Zentrums Oberschwaben. Und 2012? Alle Beteiligten sind

der Meinung: Ohne Kreuzweg der Arbeit fehlt uns was.

Wer die Texte der beiden Kreuzwege der Arbeit erhalten

möchte, kann diese anfordern unter:

ravensburg@betriebsseelsorge.de


BAUSTEIN: AKTIONSVORSCHLÄGE UND

KONTAKTADRESSEN RUND UM DAS THEMA

ARBEIT UND ARBEITSLOSIGKEIT – WAS EINE

KIRCHENGEMEINDE KONKRET TUN KANN

Das eigene Bewusstsein für die Problemlagen schärfen

durch Gespräche, durch Organisieren von Vorträgen oder

durch das Einholen von Informationen, z. B. die Arbeitslosenzahlen

in der eigenen Gemeinde.

Sensibilität für die Arbeitsplatzsituation oder Arbeitslosigkeit

(der Eltern oder von Angehörigen) bei Gemeindefesten

oder in der Erstkommunion- oder Firmvorbereitung.

Im Kirchengemeinderat/Pastoralteam besonderes Augenmerk

legen auf die eigene Arbeitssituation, die Arbeitssituation

in den Betrieben und Einrichtungen in der

Kirchengemeinde/Seelsorgeeinheit oder auf jene Gemeindemitglieder,

die auswärts arbeiten.

Bei drohenden Betriebsschließungen, Arbeitsplatzverlusten

oder Arbeitsplatzverlagerungen solidarische Aktionen starten,

z.B. ein Solidaritätsschreiben verfassen, Kontakt mit

dem Betriebsrat aufnehmen, Betroffene in den KGR einladen,

sich bei Warnstreik oder Demonstrationen beteiligen

...

Auf betroffene Menschen zugehen, nachfragen, wie es

ihnen geht und ihnen zuhören. Eine aufbauende Kontaktaufnahme

kann manchmal schon eine wertvolle Unterstützung

sein.

Ein Netzwerk bilden, Kontakte und Informationen über Arbeitsplätze

oder Unterstützungen weitergeben an Arbeitsuchende,

an soziale Einrichtungen oder an die

Betriebsseelsorge/Arbeitnehmerseelsorge.

LITURGISCHE BAUSTEINE UND ANREGUNGEN RUND UM DAS THEMA ARBEIT – ARBEITSLOSIGKEIT

Gespräch mit Erziehern/Erzieherinnen oder Lehrern/Lehrerinnen,

wie sich die Arbeitslosigkeit der Eltern in Kindergarten

oder Schule bemerkbar macht. Gibt es

Möglichkeiten für die Kirchengemeinde, Unterstützung anzubieten?

Das gilt ebenso für benachteiligte Jugendliche

im Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf.

Unterstützung von Einrichtungen oder Projekten vor Ort,

die arbeitslosen Menschen helfen, etwa durch Mitarbeit,

materielle Unterstützung usw.

Patenschaften von Erwachsenen für Jugendliche auf Ausbildungsplatz-

oder Arbeitssuche. Die Betriebsseelsorge/

Arbeitnehmerseelsorge vermittelt gerne Kontakt zu bereits

existierenden Patenschaftsprojekten und/oder vermittelt

kompetente Gesprächspartner.

Das Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit immer wieder in die

Liturgie aufnehmen (Fürbitten, Predigt ...), besonders, aber

nicht nur, an (kirchlichen) Festtagen rund um das Thema

Arbeit (Josefstag, um den 1. Mai ..., Schulentlassfeiern etc.).

Weitere Informationen erhalten Sie u.a. auch bei

folgenden Einrichtungen:

Bischöfliche Aktion Martinusmantel (Diözese Rottenburg-

Stuttgart): www.aktion-martinusmantel.de

Eine Vielzahl von Gottesdiensthilfen rund um das Thema

Arbeit/Arbeitslosigkeit finden sich auf der Homepage der

Arbeitslosenstiftung Linz: www.arbeitslosenstiftung.at

(-> downloads)

Eine ausführliche und sehr gelungene Arbeitshilfe des Dekanates

Esslingen-Nürtingen zum dortigen Themenschwerpunkt

WertArbeit finden Sie im Internet zum

Download unter: http://www.drs.de/fileadmin/

Baukasten/Dekanat-ES/PDFs/Arbeitshilfe_WertArbeit.pdf.

Infos gibt es auch bei der Caritas und den Verbänden.

PFR. WOLFGANG HERRMANN (ZUSAMMENSTELLUNG)

43


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

6.

„Die Kirchen sind als Arbeitgeber, Eigentümer von Geldund

Grundvermögen, Bauherr oder Betreiber von Einrichtungen

und Häusern auch wirtschaftlich Handelnde. Sie

können nicht Maßstäbe des wirtschaftlichen Handelns formulieren

und öffentlich vertreten, ohne sie auch an sich

selbst und das eigene wirtschaftliche Handeln anzulegen.“

(Sozialwort der Kirchen 1997)

Bewusstes Handeln und Einkaufen

Beim Einkaufen, persönlich wie für die Gemeinde, stellt

sich die Frage: Sind die Waren

sozial produziert,

fair gehandelt,

lokal/regional hergestellt/vertrieben,

ökologisch nachhaltig?

Bei einer Reihe von Produkten gibt es Gütesiegel:

das Rugmark-Siegel für Teppiche,

das Trans-Fair-Siegel für Agrarprodukte,

Banafair für Bananen,

das Flower-Label-Programm (FLP) für Blumen,

das Xertifix-Siegel und das FairStone-Siegel für

Natursteine,

FSC-Siegel (Forest-Stewardship-Council) für Papierund

Holzwaren.

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6. GLAUBWÜRDIG UND NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN UND BESCHÄFTIGEN

Die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign

– CCC) hat eine „Sozialcharta für den Handel mit

Kleidung“ geschaffen. Über Fair-Handels-Organisationen

können fair gehandelte Textilien, Lederprodukte und Bälle

bezogen werden.

Firmen und Geschäfte können auch danach ausgewählt

werden, wie sie mit ihren Angestellten umgehen. Kaufe

ich billig, wenn ich weiß, dass die Löhne extrem gedrückt,

die Arbeitsbedingungen schlecht und die Rechte der Arbeitnehmer

eingeschränkt sind?

Beispiel: Informationen sammeln über die Postdienste/Situation

der Briefausträger: Zahlt der von der Gemeinde in

Anspruch genommene Briefzusteller Mindestlohn?


Durch sozial-verantwortliche Beschaffung können Käufer

Faktoren beeinflussen, die Gesundheit und Sicherheit am

Arbeitsplatz gewährleisten, internationale Standards für

Arbeiter und zur Arbeitsplatzqualität sichern, den Kampf

gegen illegale Arbeit und Kinderarbeit stärken und die

ethische Beschaffung von Rohmaterialien vorantreiben.

Literaturhinweis:

Nachhaltig wirtschaften –

Ökofaire Beschaffung in der Sozialwirtschaft,

hrsg. von KATE –

Kontaktstelle für Umwelt & Entwicklung, Stuttgart;

info@kate-stuttgart.org www.kate-stuttgart.org

Linktipps:

www.service-eine-welt.de/beschaffungswesen

www.zukunft-einkaufen.de

www.stilvollerleben.de (Website der KLJB)

Weltläden verkaufen fair gehandelte Waren und informieren

über gerechte Produktionsbedingungen.

-> www.weltladen.de; mittlerweile haben auch viele

Einzelhandelsketten fair gehandelte Waren in ihr Sortiment

aufgenommen.

Gemeindeverkauf: Manche Kirchengemeinden organisieren

den Verkauf von fair gehandelten Waren, z.T. in

Kooperation mit den Weltläden (s. auch Linkliste am

Ende der Broschüre, Kapitel 7).

GLAUBWÜRDIG UND NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN UND BESCHÄFTIGEN

IDEE FÜR EINE AKTION:

Fastenvorsatz: Selbstverzicht bei Ladenzeiten

Wie wäre es, sich in der Fastenzeit einmal ganz bewusst

für christliche Werte und Überzeugungen einzusetzen? Die

neuen Ladenöffnungszeiten vermindern die Zeit, die Familien

miteinander und füreinander haben. Feste gemeinsame

Zeiten, Mahlzeiten und Rituale sind wichtig für die

Stabilität von Beziehungen. Die neuen Schließzeiten berücksichtigen

diesen Aspekt nicht. Nicht nur die KAB rät

zum „freiwilligen Selbstverzicht“ – wie wär`s damit?

Laden Sie sich selbst und andere ein zu diesem Fastenvorsatz

für die kommende Fastenzeit (und vielleicht darüber

hinaus):

Ich verzichte auf Einkäufe

werktags nach 19.00 Uhr,

am Samstag nach 14.00 Uhr und

am Sonntag ganz.

Stimmen Sie mit Ihren Füßen ab! Die Öffnungszeiten der

Geschäfte richten sich nach der Nachfrage. Setzen Sie ein

Zeichen für den Schutz und die Unterstützung von Ehe und

Familie.

Ein weiteres Kriterium ist das der sozial-verantwortlichen

Beschaffung. Dabei geht es darum, die Kaufkraft

öffentlicher und privater Organisationen zu nutzen, um

solche Produkte, Arbeiten und Dienstleistungen einzukaufen,

die positive soziale Auswirkungen haben. Das bedeutet,

dass die sozialen Auswirkungen eines Produktes oder

einer Arbeit bereits bei der Beschaffung in allen Entscheidungen

und Handlungen einbezogen werden.

(Abschnitt 6 stützt sich wesentlich auf die Arbeitshilfe

WertArbeit des Dekanates Esslingen-Nürtingen)

45


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Einige Impulse zum Thema Geld – Geldanlage

1. Mein Wohlstand darf nicht Produkt struktureller

Gewalt, institutionalisierter Menschenrechtsverletzungen

oder wie selbstverständlich praktizierter

Übervorteilung anderer mittels Zinsen

und vor allem Zinseszins sein.

2. Mein Wohlstand muss dem Kriterium der Steuerehrlichkeit

standhalten.

Unter Steuern und Abgaben sind hier Finanz- und Naturaldienstleistungen

zu verstehen, mittels derer Einzelmenschen

und Institutionen seitens des Staates im

Sinne der Gesetzesgerechtigkeit zum Wohl des gesellschaftlichen

Ganzen beizutragen verpflichtet werden

(-> Eigentum verpflichtet).

3. Unannehmbar sind Erträge aus verschleierten

Finanztransaktionen

Scheinverträgen.

und undurchsichtigen

4. Unmoralisch sind Verträge aus Geschäften, bei

denen berechtigte Maßnahmen zur Sicherung

des Sozialstatus oder des Umweltschutzes umgangen

werden oder unterbleiben.

(z.B. öffentliches Beschaffungswesen; Ausgliederungstendenzen

bei Trägern des öffentlichen Dienstes und in

sozialen Einrichtungen).

5. Zweifelhaft sind Gewinne auf Grund von betriebswirtschaftlich

bedingten Rationalisierungsmaßnahmen,

bei denen Menschen ihren

Arbeitsplatz eingebüßt haben und in ihrem sozialen

Status gesunken oder gar in ihrer sozialen

Sicherheit gefährdet sind.

(z.B. Hebung des Aktienkurses durch Ankündigung von

Rationalisierungsmaßnahmen).

46

6. Stichwort Aktien/Wertpapiere

Der Besitz von Aktien gilt üblicherweise nicht als unmoralisch.

Aber es ist nicht in Ordnung, wenn aus Geld

Geld gemacht wird, ohne dass es angebunden bleibt

an produktive Arbeit. Reine Spekulation ist aus Sicht

der kath. Soziallehre ethisch nicht verantwortbar (gilt

auch für Fonds in jeder Hinsicht). (In der Praxis: wo/wie

lege ich mein Geld an? – Transparenz verlangen!!).

7. Ethisch verwerflich sind internationale Spekulationsgeschäfte,

bei der in der Realökonomie

notwendige Kapitalmengen in riesigen Proportionen

dem Wirtschaftsgeschehen entzogen

werden und als „sakrosankte“ Größen in die

transnationale Parallelökonomie aufsteigen,

damit sie von keinem Finanzamt mehr veranlagt

werden können.

8. Spekulationen mit Grundgütern und Grundbedürfnissen

müssen verboten werden.

(Wasser, Land, Lebensmittel...; keine Patente auf Lebensmittel,

Pflanzen und Tiere).

9. Anzustreben sind Geldanlagen, die eine nachhaltige,

selbstbestimmte Entwicklung von Menschen

in den armen Regionen der Welt ermöglichen.

(z.B. Oikocredit, GLS etc.; auch Corporate Responsability

Rating (CRR) – CRR ermöglicht, an der Börse notierte

Unternehmen nach ökologischen, sozialen und

kulturellen Gesichtspunkten einzuschätzen).

Linktipps:

www.oikocredit.org/de

www.gls.de

PFR. WOLFGANG HERRMANN (ZUSAMMENSTELLUNG)


7.

Weiterführende Literatur:

Aktiv für den freien Sonntag

Aktionsanregungen zum Sonntagsschutz,

hrsg. Allianz für den freien Sonntag Deutschland –

Bezug u.a. über KAB Geschäftsstelle München,

Pettenkofer Str. 8/III, 80336 München

(www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de)

Anders besser leben

Lebensstile für eine lebenswerte Welt,

hrsg. vom Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese

München und Freising, Sachausschuss Gerechtigkeit,

Entwicklung, Frieden, Schrammerstr. 3, 80333 München,

www.dioezesanrat-muenchen.de

(mit ausführlicher Liste zu Qualitätssiegeln im fairen

und regionalen Handel)

Ausbildungspatenschaften

Begleitung von Jugendlichen in der Ausbildungsplatzund

Arbeitssuche, hrsg. vom Diözesanrat der Katholiken

der Erzdiözese München und Freising

(www.erzbistum-muenchen.de/media/pfarreien/

media3912220.PDF)

Die Arbeitswelt von morgen

Wie wollen wir leben und arbeiten?,

Hg. Karin Kaudelka, Gerhard Kilger, Bielefeld 2010

WEITERFÜHRENDE LITERATUR / LINKLISTE IN AUSWAHL:

7. WEITERFÜHRENDE LITERATUR/LINKLISTE IN AUSWAHL:

Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit

Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen

und sozialen Lage in Deutschland, Bonn-Hannover

1997 (www.dbk.de)

Kirche im Betrieb

Leitlinien für katholische Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge

in Deutschland, zu bestellen über:

Fachbereich Kirche und Arbeitswelt – Betriebsseelsorge,

Jahnstr. 30, 70597 Stuttgart

Leitlinien Arbeit und Arbeitslosigkeit

Leitlinien für mehr soziale Gerechtigkeit und Inklusion

in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, März 2011,

hrsg. von HA VI Caritas , HA XI – Kirche und

Gesellschaft, Jahnstr. 30, 70597 Stuttgart,

Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart,

Strombergstr. 11, 70188 Stuttgart

Mit Geldanlagen die Welt verändern?

Eine Orientierungshilfe zum ethikbezogenen Investment,

hrsg. von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche

Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz,

Kaiserstr. 161, 53113 Bonn (www.dbk.de)

Sonntagsschutz und

sozialverträgliche Arbeitszeiten

Dokumentation der Fachtagung vom 3. März 2010,

hrsg. von der Allianz für den freien Sonntag –

Bündnis für sozialverträgliche Arbeitszeiten in

Baden-Württemberg, Köln 2010

47


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

Sozial verantwortliche Beschaffung

Wegweiser für den Einstieg,

hrsg. u.a. vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt,

Evangelische Landeskirche in Württemberg,

Federnseestr. 4, 72764 Reutlingen

Unsicher – prekär – ausgegrenzt

Der Wandel der Arbeitswelt und seine Folgen für die

Arbeitnehmer, hrsg. vom Diözesanrat der Katholiken

der Erzdiözese München und Freising, Schrammerstr. 3,

80333 München, www.dioezesanrat-muenchen.de

48

Linkliste:

Website zur Woche der Sozialen Gerechtigkeit

in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

-> www.soziale-gerechtigkeit-staerken.de

Oikocredit

Geld ethisch sinnvoll und sozialverantwortlich

investieren

-> www.oikocredit.org/de

Dachverband Entwicklungspolitik

Baden-Württemberg e.V.

Fairer Handel und nachhaltige Entwicklung in Baden-

Württemberg

-> www.deab.de

ECO WORLD – Ein Branchenportal für

ethischen Konsum; auch gleichnamige Zeitschrift

-> www.eco-world.de

Nachhaltiger Warenkorb (Broschüre)

-> www.nachhaltigkeitsrat.de

-> www.nachhaltiger-warenkorb.de

Anders besser leben

(Netzwerk für eine zukunftsfähige Lebensweise)

-> www.anders-besser-leben.de

Zum Thema Klimawandel – Gerechtigkeit –

Fairer Handel

-> www.misereor.de

-> www.brot-fuer-die-welt.de

Ausstellung zur Klimainitiative der Diözese

Rottenburg-Stuttgart mit weiterführenden Links:

-> www.energie-vom-himmel.net


Fairer Handel

-> www.gepa.de www.dwp-rv.de www.fairtrade.de

www.transfair.org www.fair-spielt.de

www.ci-romero.de

Allianz für den Klimaschutz

-> www.die-klima-allianz.de

Kritischer Konsum/Konsument

(mit ausführlicher Linkliste)

-> www.bdkj.de/kritischerkonsum

Faire Produktion von Kleidung

-> www.saubere-kleidung.de

Kampagne von Gewerkschaften und NGO

über Zusammenhänge von Marktmacht, Preiskampf und

Nicht-Einhaltung von Menschen- und Umweltrechten

-> www.supermarktmacht.de

Thema Mindestlohn (Kampagne des DGB)

-> www.mindestlohn.de

Kampagne Leiharbeit fair gestalten (IG-Metall)

-> www.gleichearbeit-gleichesgeld.de

Websites, die die gesellschaftliche Situation

kritisch reflektieren

-> www.nachdenkseiten.de www.denk-doch-mal.de

Bundesagentur für Arbeit

(Arbeitsmarktstatistik)

-> www.arbeitsagentur.de

Sozialpolitik aktuell

-> www.sozialpolitik-aktuell.de

WEITERFÜHRENDE LITERATUR / LINKLISTE IN AUSWAHL:

Thema Sonntagsschutz

-> www.allianz-fuer-den-freien-Sonntag.de

Informationen über Grundlagen und Ziele

der Allianz für den freien Sonntag

-> www.sonntagsallianz-bayern.de

Institutionen/Einrichtungen:

Gewerkschaften:

-> www.dgb.de www.igmetall.de www.verdi.de

Wertvolle Unterstützung bei den Themen

Arbeit, Arbeitslosigkeit und Armut

bieten u.a. die KAB(Katholische Arbeitnehmer-Bewegung),

Kolping, Caritas (-Regionalstellen), das Diakonische Werk,

der Paritätische Wohlfahrtsverband, der ev. Kirchliche

Dienst in der Arbeitswelt (KDA).

49


KIRCHENGEMEINDEN UND ARBEITSWELT

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