Prävention und Schutz vor Gewalt für Frauen mit Behinderung

lvr.de

Prävention und Schutz vor Gewalt für Frauen mit Behinderung

LVR-Dezernat

Soziales und Integration

LVR-Dezernat

Klinikverbund und Verbund

Heilpädagogischer Hilfen

Prävention und Schutz vor

Gewalt für Frauen mit Behinderung

Was lernen wir aus der Bielefelder Studie?

Dokumentation der Fachtagung

am 30.11.2012 in Köln-Deutz, Horion-Haus


Impressum

Herausgeber:

LVR Landschaftsverband Rheinland

LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernat Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Hilfen

50663 Köln, Tel 0221 809-0

www.soziales.lvr.de

Redaktion:

Dr. Dieter Schartmann, Nicole Große-Erwig, Martina Kelter

Bezug:

www.soziales.lvr.de

Druck:

LVR-Druckerei, Ottoplatz 2, 50679 Köln

März 2013


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Inhalt

1. Einführung in die Veranstaltung

3

Karin Fankhaenel

2. Begrüßung und Einführung

Martina Hoffmann-Badache

Martina Wenzel-Jankowski

3. Vorstellung der Studie und deren Ergebnisse

Prof. Dr. Claudia Hornberg

4. Strukturelle Gewalt gegen Frauen mit Behinderung

und deren Unterstützungsbedarf

Dr. Brigitte Sellach

5. 4 Beispiele aus der Praxis

• Projekt „LAUT(ER)STARKE FRAUEN“, Netzwerk für Frauen und

Mädchen mit Behinderungen/chronischer Erkrankung NRW,

Monika Pelkmann

Frauenbeauftragte der WfbM in Aachen, Andrea Bongard

• Projekt „Kompetenzzentrum – in Sachen Liebe unterwegs“

(2007-2010), Beratungszentrum Lore-Agnes-Haus, Andrea

Vogt

• Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu

Gewaltprävention für Frauen mit Behinderung, LVR-HPH-Netz

Niederrhein, Ute Bremm

Moderation: Karin Fankhaenel und Petra Stahr

6. „Was nun – was tun?“

Diskussionsrunde mit Dr. Brigitte Sellach, Petra Stahr, Martina

Hoffmann-Badache, Martina Wenzel-Jankowski, Roland Borosch,

Ute Waag, Hilke Buchholz


Einführung in die Veranstaltung

Frau Karin Fankhaenel

Sehr geehrten Damen und Herren,

wir freuen uns sehr, dass wir mit

unserer Einladung eine so große

und auch prominente Resonanz erzielt

haben. Wir, dass sind einmal

der Landschaftsverband Rheinland,

vertreten durch das LVR-Dezernat

Soziales und Integration und durch

das LVR-Dezernat Klinikverbund

und zum anderen der Verbund Heilpädagogischer

Hilfen. Wir, das sind

auch die beiden Moderatorinnen des

heutigen Tages.

Unser Tagesthema lautet „Prävention

und Schutz vor Gewalt für Frauen

mit Behinderung“.

Ein spannendes Thema und das

wollen wir heute aus unterschiedlichen

Perspektiven betrachten. Aus

fachwissenschaftlicher Sicht, aus

Praxissicht und vor allen Dingen mit

Blick auf die Prävention. Wir wollen

aber auch einen Blick in die Zukunft

werfen. Wir machen das gemeinsam

und deshalb darf ich Ihnen nun

Frau Petra Stahr vorstellen, die

selbst etwas zu sich sagen wird.

Mein Name ist Petra Stahr, ich bin

Referentin und Leiterin des Netzwerkbüros

Frauen und Mädchen

mit Behinderungen / Chronischen

Erkrankungen in Nordrhein Westfalen“.

Ich bin selbst seit 33 Jahren

körperbehindert und kenne also das

Leben vor und das Leben mit der

Beeinträchtigung und weiß um die

Benachteiligungen, die es in ganz

vielen Punkten für uns nach wie vor

gibt. Ich bin 60 Jahre, habe eine

Tochter und habe mich mit dem

Thema Gewalt im Rahmen unserer

Arbeit zusammen mit Frau

Pelkmann, meiner Kollegin vom

Netzwerkbüro, auseinandergesetzt.

Wir teilen uns im Netzwerkbüro

eine Referentenstelle für das Land

Nordrhein Westfalen und haben zusätzlich

eine Sachbearbeiterin. Wir

bearbeiten unterschiedliche Themen

im Netzwerkbüro; die Broschüre

können Sie downloaden unter:

http://www.netzwerkbbüro-nrw.de

und dann sehen, welche Vielfalt an

Themen wir aus der Sicht der

Selbsthilfe bearbeiten. Wir sind gewollte

sozialpolitische Selbsthilfe,

werden vom Land Nordrhein-

Westfalen jährlich mit 140.000 Euro

finanziert und versuchen mit diesem

Geld etwas zu bewegen. Wir

bedanken uns recht herzlich, dass

wir heute hier sein dürfen und sind

sehr gespannt auf die Veranstaltung.

Mein Name ist Karin Fankhaenel,

ich bin Fachbereichsleiterin im LVR-

Dezernat Soziales und Integration.

Das Thema Gewalt gegen Frauen,

gegen behinderte Frauen, ist mir in

unterschiedlichen Bereichen in meinen

Berufsleben begegnet, seit

2000 etwas intensiver als Leiterin

des Fachbereichs „Soziales Entschädigungsrecht“.

Ganz besondere

Erfahrungen habe ich im Rahmen

des Opferentschädigungsgesetzes

gemacht. Das Thema bewegt mich

seit dem sehr. Ich darf nun Frau

Martina Hoffmann-Badache zu Wort

bitten, die uns, gemeinsam mit

Frau Wenzel-Jankowski, in den heutigen

Tag einführen wird.

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LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Begrüßung und Einführung

Rede der LVR-Dezernentin Soziales und Integration

Martina Hoffmann-Badache

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus

Politik und Verwaltung,

Frau Prof. Hornberg – Projektleiterin

der Studie und Frau Dr. Sellach

– Kooperationspartnerin der Studie.

Ich freue mich sehr, Sie zu unserer

heutigen Fachtagung begrüßen zu

können. Gemeinsam wollen wir

Antworten finden auf die Frage:

Was lernen wir aus der Bielefelder

Studie?

Diese Studie hat Anfang des Jahres

großes Echo in der Öffentlichkeit

gefunden. In der ersten repräsentativen

Untersuchung in Deutschland

zum Themenkomplex Gewaltbetroffenheit

von Frauen mit Behinderung

haben das Interdisziplinäre Zentrum

für Frauen- und Geschlechterforschung

(IFF) und die Fakultät für

Gesundheitswissenschaften der

Universität Bielefeld 1.500 Frauen

mit unterschiedlichen Behinderungen

und Beeinträchtigungen befragt.

Die Ergebnisse dieser Befragung

zeigen erschreckende Ergebnisse.

Einzelheiten werden wir ja

gleich noch hören. Zusammenfassend

kann man sagen, dass bis zu

90 Prozent der Frauen entweder in

Kindheit und Jugend oder im Erwachsenenalter

Gewalt erfahren

haben.

Die Studie macht deutlich: Frauen

mit Behinderung tragen ein auffallend

höheres Risiko, Opfer von Ge-

5

walt und Diskriminierung zu werden.

Mit dieser Studie wurde eine wichtige

Diskussion angestoßen: die Frage

nach konkreten Maßnahmen zur

Gewaltprävention. Diese Diskussion

wollen wir auch hier heute führen.

Über das, was in unseren LVR-

Einrichtungen konkret passiert in

Sachen geschlechtsspezifische Gewaltprävention,

wird als zuständige

Dezernentin meine Kollegin Martina

Wenzel-Jankowski gleich Näheres

berichten.

Ein weiterer Schritt neben der Planung

von Präventionsmaßnahmen

besteht darin, das Thema im Sinne

der UN-Behindertenrechtskonvention

weiter systematisch zu erschließen.

In der Konvention wird

ausdrücklich auf die geschlechtsspezifischen

Aspekte zum Schutz

vor Gewalt und Missbrauch hingewiesen.

Erstmalig wird die mehrfache

Diskriminierung von Frauen und

Mädchen mit Behinderung rechtlich

anerkannt.

Auch mit diesem Themenkomplex

werden wir uns heute beschäftigen

– zum Beispiel wenn wir etwas über

die die Erfahrungen von Andrea

Bongard hören, die als Gleichstellungsbeauftragte

in einer Werkstatt

der Lebenshilfe Aachen arbeitet.

Auch der LVR selber arbeitet im

Rahmendes LVR-Aktionsplans an

der Umsetzung der


UN-Behindertenrechtskonvention.

Wir entwickeln derzeit strategische

Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern

des LVR. Geschlechtergerechtigkeit

ist auch hier ein Thema.

Mir ist es als Dezernentin für Soziales

und Integration wichtig, dass

wir mehr Menschen mit Handicap

als bisher ein selbstständiges Leben

mit ambulanter Unterstützung in

den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Als einen Baustein hierzu sehe

ich, dass Menschen mit Behinderung

lernen, mit geschlechtsspezifischer

Gewalt im Alltag umzugehen.

Ich bin sehr gespannt auf die

Anregungen, die wir durch die Praxisbeispiele

heute bekommen.

Ich möchte mich bei allen, die dazu

beigetragen haben, dafür bedan-

ken, dass diese Tagung heute stattfinden

kann. Dies gilt insbesondere

Ihnen, Frau Prof. Hornberg von der

Universität Bielefeld, und Ihnen,

Frau Dr. Sellach von der Gesellschaft

für Sozialwissenschaftliche

Frauen- und Genderforschung.

Danke, dass Sie heute hier sind.

Danke auch an die engagierten Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter meines

Dezernates und des LVR insgesamt

für die Organisation, Vorbereitung

und Gestaltung der heutigen

Tagung.

Danke an Sie, liebe Gäste, für Ihr

Interesse. Ich wünsche uns allen

anregende Vorträge und Diskussionen.

Nun hat meine Kollegin Martina

Wenzel-Jankowski das Wort.

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LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Rede der LVR-Dezernentin Klinikverbund

und Verbund Heilpädagogischer Hilfen

Martina Wenzel-Jankowski

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich möchte Sie ganz herzlich

begrüßen als die zuständige Dezernentin

für den LVR-Klinikverbund

und den Verbund der Heilpädagogischen

Hilfen und damit verantwortlich

für Institutionen, die stationäre

und ambulante Betreuungsangebote

in LVR-HPH Netzen und in Bereichen

für soziale Rehabilitationen

der LVR-Kliniken vorhalten. Insoweit

bin gespannt auf die Ergebnisse

der Bielefelder Studie und frage

mich natürlich, wie sich die Ergebnisse

der Studie auswirken und

welche Weiterentwicklungserfordernisse

sich daraus für die Einrichtungen

ergeben, für die ich verantwortlich

bin. Was machen die LVR-

Heilpädagogischen Netze? Ca. 2300

Menschen mit geistiger Behinderung,

davon etwa 40% Frauen,

werden in unseren HPH-Netzen und

in den Wohnverbünden, sowie dem

ambulant betreuten Wohnen betreut.

Konkret leben zurzeit 655

Frauen mit einer geistigen Behinderung

in stationären Wohnverbünden,

248 Frauen leben im ambulant

betreuten Wohnen. In den Bereichen

für soziale Rehabilitation in

unseren LVR-Kliniken werden Menschen

mit psychischen Behinderun-

gen betreut, zurzeit etwa 140 Frauen,

die sich stationär bei uns aufhalten

und ca. 80 Frauen, die ambulant

betreut werden, was einem

Frauenanteil von 30% entspricht.

Ich glaube, in den Institutionen für

die ich verantwortlich bin, ist allen

7

Beteiligten bewusst, dass von einem

nicht unerheblichen Anteil der

bei uns lebenden und unterstützten

Personen - durchaus auch Männer -

Gewalterfahrungen in unterschiedlichen

Formen, körperliche, psychische,

sexuelle oder auch strukturelle

gemacht wurden und dass diese

die heutigen Erlebens-und Verhaltensmöglichkeiten,

mit denen wir

dann wiederum konfrontiert sind,

beeinflussen.

Wir hoffen, einen fachlich und

menschlich adäquaten Umgang, der

gerade auch im Hinblick auf Personen

mit schwierigen Erfahrungen im

besonderen Maße erforderlich ist,

in unseren Einrichtungen verwirklicht

zu haben: Qualifiziertes, für

die besonderen Problematiken sensibilisiertes

Personal, mit vielfältigen

methodischen Kompetenzen;

eine Wohnsituation, die Privatheit

und Intimität zulässt, ein respektvoller

Umgang auf Augenhöhe und

Wahrung der persönlichen Integrität,

ein annehmendes und unterstützendes

Milieu und eine mit dem

Betroffenen gemeinsam entwickelte

individuelle und nicht über sie entwickelte

Hilfeplanung.

Diese Bedingungen sind heute in

den Einrichtungen des LVR in hohem

Maße erfüllt. Die Bielefelder

Studie gibt jedoch Anlass, immer

wieder genau hinzuschauen, ob hier

Verbesserungsbedarf in unseren

Einrichtungen besteht. Ich möchte

hier die Praxisbeispiele, die Frau


Bremm vom LVR-HPH Netz Niederrhein

heute Nachmittag schildern

wird, nicht vorweg nehmen, nur

ganz kurz, ich glaube, wir müssen

vermehrt oder doch sehr stark darauf

achten, dass ausreichend qualifiziertes

Personal der Garant für

den professionellen Umgang mit

den uns anvertrauten Menschen auf

hohem Niveau ist und bleibt. Damit

Personal das dauerhaft leisten

kann, müssen wir unterstützen,

Supervision, Fortbildungen anbieten,

insbesondere auch Fortbildungen,

die den Beschäftigten Strategien

zur Gewaltvermeidung und

zum Umgang mit Gewalt beibringen,

die überhaupt dafür sensibilisieren,

was z. B. strukturelle Gewalt

in einer Institution bedeutet. Wir

glauben, dass wir bei der Alltagsgestaltung,

bei der Wohnsituation

noch einmal ganz entscheidend hinschauen

müssen. Zurzeit ist es so,

dass wir im stationären Wohnen

über Wohnangebote mit maximal 8

Plätzen verfügen. Es gibt abschließbare

Einzelzimmer, es gibt abschließbare

Nasszellen, die speziell

von Frauen oder Männern genutzt

werden. Die Gestaltung der Zimmer

erfolgt nach dem individuellen Geschmack

der Bewohnerinnen und

Bewohner. Wir haben Regeln im

Zusammenleben festgelegt, Unzufriedenheit

und Beschwerden werden

besprochen. Es gibt ein Beschwerdemanagement,

es gibt ein

Qualitätsmanagement. Unter dem

Strich wird den Bewohnerinnen und

Bewohnern in unseren Einrichtungen

ein möglichst selbstbestimmtes

Leben ermöglicht, aber ich glaube,

dass wir auf diesem wichtigen und

schwierigen Gebiet noch stärker als

bisher Angebote zu einem noch

selbständigeren und selbstbestimmteren

Leben in ambulanten Settings

entwickeln müssen, dass wir noch

weiter lernen müssen. Ich bin daher

sehr gespannt auf die Vorstellung

der Studie durch Frau Prof. Dr.

Hornberg und auf die Praxisbeispiele,

die heute Nachmittag zu hören

sein werden. Ich hoffe auf vielfältige

Anregungen für Sie, für mich,

für uns alle und danke für Ihre

Aufmerksamkeit.

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LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Vorstellung der Studie und deren Ergebnisse

Prof. Dr. Claudia Hornberg

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung.

Wir sind wie immer gerne gekommen

und freuen uns auf die Diskussion

mit Ihnen und wir haben gedacht,

wir teilen es zunächst etwas

ein. Ich werde die einführenden

Worte zur Studie halten. Wir haben

gerade schon gehört, diese hat drei

Jahre gedauert. Die methodische

Abstimmung mit den verschiedenen

Kooperationspartnern im wissenschaftlichen

Bereich hat hierbei im

Vorfeld doch sehr lange gedauert.

In der Vorbereitung der Studie haben

wir im Rahmen zweier Workshops

mit Frauen mit Behinderung

noch viele weitere Ideen erhalten.

Für mich ist an diesem Punkt ganz

wichtig zu erwähnen, dass Brigitte

Sellach und ich zwar sozusagen als

Protagonistinnen dastehen, aber

ohne die Unterstützung und Hilfe

der Praktikantinnen der Universität

und der ganz, ganz wichtigen Interviewerinnen,

die bei uns eine zentrale

Rolle gespielt haben, hätten wir

diese riesige Studie nicht machen

können.

Ein ganz herzlicher Dank gilt auch

nochmal der fachlichen Begleitung

durch ganz verschiedene Institutionen,

denn 28.000 zufällig ausgewählte

Haushalte befragt man nicht

alleine in einer 8-Mann oder 8-

Fraushow.

9

So hätten wir den Zugang zu bestimmten

Feldern, wie zum Beispiel

das Thema: „Gehörlose Frauen“,

alleine gar nicht geschafft.

Also deshalb „Danke schön“ von

uns beiden an alle, die diese Studie

ermöglicht haben.

Wir haben an 20 per Zufall ausgewählten

Standorten befragt. Das

Alter der Frauen lag zwischen 16

und 65 Jahren und wenn nun die

Frage auftaucht: „Warum sind die

Männer nicht befragt worden?“ –

das machen wir später.

Es handelt sich bei dieser Studie

nicht nur um die erste repräsentative

Befragung in Deutschland, sondern

sogar weltweit und von zentraler

Bedeutung dabei ist, dass es

einerseits diese Repräsentativität

gibt, wir aber auch erstmalig ganz

bestimmte Dunkelfelder aufgemacht

haben. Ich hatte gerade gehörlose

Frauen angesprochen. Wir

haben erstmals Frauen befragt, von

denen man früher dachte, man

könne sie gar nicht befragen.

Methodisch war das ein wichtiger

Punkt und man wird auch in der

Zukunft noch einmal drüber reden

müssen, wenn es um wissenschaftliche

Folgestudien geht, wie man

dann mit den verschiedenen Gruppen

der Betroffenen sprechen kann

und etwas auf den Weg bringen

kann.


Wir haben in der Studie zwei große

Äste gehabt.

1. Einen repräsentativen Ast, bei

dem wir Haushalte befragt haben.

Dort haben wir 800 Frauen befragt.

Wir haben aber eben auch Einrichtungen

befragt und wir haben auch

bestimmte Dunkelfelder aufgemacht

und das ist ein ganz wichtiger

Punkt. Wir haben nicht nur

in sogenannter allgemeiner Sprache

befragt, sondern wir haben auch in

einfacher Sprache befragt. Das

heißt, dass Frauen mit Lernschwierigkeiten

oder sogenannten geistigen

Behinderungen durchaus auch

befragt werden konnten, wobei wir

natürlich auch da an Grenzen gestoßen

sind, d.h. wir brauchten da

auch speziell geschulte Interviewerinnen.

2. Wir haben mit viel Unterstützung

u.a. auch des Ministeriums, einen

nicht repräsentativen Ast machen

können, in dem wir blinde Frauen

befragt haben oder Frauen mit

starken Sehbehinderungen und wo

wir schwerst körper- und mehrfach

behinderte Frauen befragt haben.

Im Hinblick auf die praxisnahe Unterstützung

bei der Versorgung gehörloser

Frauen im ambulanten Bereich

war es wichtig, im Rahmen

der nicht repräsentativen Studie

qualitative Interwies zu führen, um

hier ein andere Perspektive auf die

Dinge zu erhalten.

Zuerst möchte ich auf den repräsentativen

Ast eingehen, also, die

Ergebnisse der repräsentativen

Haushalts- und Einrichtungsbefragungen.

Wir haben zunächst in den Fragebögen

nach den Beeinträchtigungen

der Frauen gefragt, weil wir davon

ausgegangen sind, dass es einen

Zusammenhang gibt zwischen der

Lebenssituation und dem Gewalterlebnis.

Das ist wichtig, denn Gewalterlebnisse

finden auch im Alltag statt

und eben nicht nur in den Einrichtungen,

was in der Presse vielfach

fokussiert wurde. Die Frauen haben

in allen Befragungsgruppen vielfach

multiple Beeinträchtigungen und da

stellt sich die Frage. Was ist die

Henne und was ist das Ei? Macht

die Gewalterfahrung gesundheitliche

Beeinträchtigung oder machen

bestimmte gesundheitliche Beeinträchtigungen

evtl. einen Weg frei

für Gewalterfahrung?

Das sind Sachen, die nicht so ganz

einfach sind. Wir halten es aber für

ganz zentral noch mal zu schauen,

wann ist einerseits eine Behinderung

da und wann ist auf der anderen

Seite eine gesundheitliche Beeinträchtigung

erkennbar und wann

findet auch ein Gewalterleben statt.

Zentrales Ergebnis ist, dass wir

einen hohen Anteil von Frauen mit

psychischen Problemen haben.

Wir sehen hier Zahlen zwischen 58

– 88 Prozent (wenn sie sich die allgemein

Bevölkerung ansehen, haben

wir da auch eine hohe Quote an

psychischen Erkrankungen, auch da

stellt sich die Versorgungsproblematik)

als ganz wichtigen Punkt.

Auf die Frage nach dem Behindertenausweis

haben viele im Haushalt

befragte Frauen angegeben, keinen

Behindertenausweis zu haben.

Das heißt für jemanden wie mich,

der es gewohnt ist, in der ärztlichen

Tätigkeit auch immer erst zentral

danach zu fragen, hat das eine

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LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

ganz wichtig Neuorientierung

gegeben, weil viele Frauen gesagt

haben, dass sie aus unterschiedlichsten

Gründen gar keinen Behindertenausweis

wollen.

Ich denke, wir müssen unser Bild,

unsere Perspektive, anders gestalten,

auch noch einmal vor dem Hintergrund

soziodemografischer Veränderung.

Die Leute werden älter

und kriegen alle mehr chronische

Erkrankungen, die nicht an eine

klassische Behindertendefinition

über den Ausweis gekoppelt sind.

Wir haben gesehen, dass die Behinderung

vielfach erst im erwachsenen

Leben aufgetreten ist.

Ich möchte mich jetzt zunächst auf

den Bereich der Gewalterfahrung,

gerade vor dem Hintergrund des

Wechselspiels, welches ich gerade

benannt hatte, beziehen.

Wir haben nachgeschaut, wie die

Gewalterfahrung in Kindheit und

Jugend ist und ich möchte Ihnen

zunächst diese Ergebnisse vorstellen.

Es ist klar festzuhalten, dass unsere

befragten Frauen häufig psychische,

körperliche und sexuelle Gewalt in

Kindheit und Jugend erlebt haben.

Was wir sehen, ist einen wechselseitigen

Zusammenhang von Gewalt

und Behinderung und eine folgende

gesundheitliche Beeinträchtigung,

die ganz vielschichtig sein

kann.

Dies muss man im Hinblick auf Versorgung

und Unterstützungsangebote

ganz klar sagen.

Wir haben zum Teil auch elterliche

körperliche Gewalt gefunden, aber

ganz zentraler Aspekt ist auch

der Bereich der psychischen Ge-

11

walt, der in vielerlei Hinsicht eine

Rolle spielte. Gerade die psychische

Gewalt ist bei unseren Frauen deutlich

höher als bei den Frauen im

Bevölkerungsdurchschnitt. Wobei

man sagen muss, wir haben hier

jetzt nicht den Bevölkerungsdurchschnitt

befragt sondern wir beziehen

uns bei den Vergleichen auf

eine alte Studie von Ursula Möller

und Monika Schröttle aus dem Jahre

2004.

Wichtig ist auch der Bereich der

körperlichen Gewalt, aber auch

zentral, weil wir glauben das ist

ein Thema für Prävention und Thema

für die Ausbildung in den verschiedenen

Berufen, ein hohes Maß

an Betroffenheit durch sexuellen

Missbrauch.

Ganz zentral auch hier in Bereichen

der Haushalts- und Einrichtungsbefragung,

wo jede dritte bis

vierte Frau angibt, sexuelle Übergriffe

im Kindes- und Jugendalter

erfahren zu haben.

Das Thema Gewalt im Erwachsenenleben,

kann man kurz zusammenfassen.

Die Frauen der Studie haben deutlich

häufiger sexuelle Gewalt im erwachsenen

Leben erfahren. Man

muss sich überlegen, was machen

wir jetzt mit den Ergebnissen, welche

Institution holen wir an Bord?

Mehr als jede dritte bis fünfte Frau

unserer repräsentativen Befragung

hat sexuelle Übergriffe im erwachsenen

Leben erlitten. Das ist eine

zwei bis dreifach erhöhte Betroffenheit

durch sexuelle Gewalt im Erwachsenenleben

gegenüber dem

Bevölkerungsdurchschnitt.


Eines der zentralen Ergebnisse,

die mich sehr betroffen gemacht

haben, ist die hohe Betroffenheit

von psychisch erkrankten Frauen

und die hohe Betroffenheit von gehörlosen

Frauen in einer Höhe von

43 Prozent.

Hier gibt es ganz klare biografische

Bezüge und das sind Zahlen, die

Konsequenzen fordern, wie ich denke.

Wir können sagen, körperliche und

psychische Gewalt im Erwachsenenleben

wurden mit 58 – 75 Prozent

bei unseren Frauen fast doppelt so

häufig erlebt wie von den Frauen im

Bevölkerungsdurchschnitt mit 35

Prozent.

Was bei uns zentral ist: Die Frauen

haben häufig sehr bedrohliche und

auch schwere körperliche Übergriffe

erlebt. Bei der psychischen Gewalt

sprechen auch da die Prozentzahlen

für sich, 68 – 90 Prozent unserer

Frauen gegenüber 45 Prozent der

Untersuchung von 2004.

Zentrale Frage ist im Augenblick,

welche Täterin und welcher Täter

kommen in Frage und vor allen

Dingen, welche Tatzusammenhänge

spielen eine Rolle?

Einige Leute haben unsere Studie

mit den Worten kommentiert: „Na,

ja, dass wussten wir ja irgendwie

alles.“ Da kann ich nur böse entgegnen:.

„Ja, schön, dass wir dies

alle wussten, ich bin inzwischen jemand

der ganz klar glaubt, wenn

sich etwas verändern soll, brauchen

wir Zahlen dazu.“

Eines zeigt unsere Studie ganz klar.

Solche Zahlen sind wichtig um zu

belegen, dass sich das jetzt keine

tendenziösen Wissenschaftlerinnen

oder gar betroffenen Frauen einbilden.

Fakt ist, die Täter und die Täterinnen

kommen überwiegend aus dem

sozialen Nahbereich. Vielfach sind

es Partner und Familienmitglieder

aber auch Täter und Täterinnen in

Einrichtungen. Wichtig ist darzustellen,

nicht nur die Einrichtung sondern

auch die Privatkontexte spielen

eine zentrale Rolle und gerade

unsere Frauen der Zusatzbefragung

sagen, sie haben in den diversesten

Lebenskontexten erhöhte Gefährdungssituationen.

Was uns natürlich auch unruhig

gemacht hat, waren die Befunde

des Gesundheitsdienstes; Stichwort

Krankenhausversorgung, gesundheitliche

psychische Versorgung von

Menschen mit Behinderung, Zugangsbarrieren

u. s. w. sind Punkte,

über die man reden muss.

Aber psychische Gewalt, das hat

auch etwas mit Verhaltensänderungen

von Behörden und Ämtern zu

tun und das ist die zweite wichtige

Baustelle. Ganz zentral auch das

fehlende Sicherheitsgefühl in Einrichtungen,

in Pflegesituationen und

zwar wichtig einerseits auf das

Personal gerichtet, aber auf der anderen

Seite auch auf Mitbewohnerinnen

und Mitbewohner gerichtet.

Das ist etwas, was ich persönlich

unterschätzt habe. Wenn Sie sich

die Zahlen dazu anschauen, fühlt

sich jede vierte bis fünfte Frau im

Kontakt mit den Pflegekräften und

mit den Unterstützungspersonen

alleine nicht sicher. Dazu kann man

das Thema gleichgeschlechtliche

Pflege angucken und muss die gegenwärtige

Stellensituation in den

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LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Einrichtungen mit einbeziehen.

Beispielsweise 50 - 75 Prozent der

Frauen gaben an, dass das Alleinsein

mit Bewohnerinnen und Bewohnern

auch ein Thema ist und in

den Institutionen beachtet werden

muss.

Ich komme hier zur Zusammenfassung

zum Thema Gewaltbetroffenheit

von Frauen mit Behinderungen

und möchte als erstes festhalten,

dass wir auf Basis unserer Daten

klar sagen müssen; die Frauen mit

Behinderung sind bislang unzureichend

geschützt vor körperlicher

Gewalt, vor sexueller und vor psychischer

Gewalt. Wir müssen daran

denken, es gibt Gewalterleben in

unterschiedlichen Lebensbereichen,

wie Privatleben, Einrichtungen und,

was besonders wichtig ist, wir

bezeichnen das in den Gesundheitswissenschaften

immer als erhöhte

Verletzlichkeit von Frauen

(oder auch Männern) die eine irgendwie

bestehende Grunderkrankung

haben.

Es ist festzuhalten, dass wir unzureichenden

Schutz haben bei Frauen

und Mädchen, die in Einrichtungen

leben, die behindert sind und

dies ist zentral, die multiple vielfältige

Gewalterfahrung in verschiedenen

Lebensbereichen haben.

Wenn man dazu die Daten der jüngeren

Frauen ansieht erkennt man,

dass die Frauen im fortgesetzten

Lebensverlauf auch mehr Gewalt

ausgesetzt sind. Das heißt, Stichworte

wie Unterstützung, Intervention,

Empowerment sind ganz

zentrale Punkte. Die betroffenen

Frauen müssen entsprechend dann

auch unterstützt und gestärkt werden.

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Ein wichtiger, ergänzender Aspekt

in der Arbeit von Barbara

Kavemann sind die Ergebnisse der

qualitativen Studie, wie z. B. spezifische

Gewaltrisiken. „Pflegebedürftigkeit

kann Übergriffe fördern und

kann Gewalt unsichtbar machen!“

ist das Zitat einer betroffenen Frau

die im Rahmen der qualitativen Befragung

interviewt wurde.

Das wissen wir eigentlich alles. Eine

klassische Pflegesituation, wo im

Grunde die Frau dann auch von der

Kontaktperson, wie ich finde sehr

distanzlos, behandelt wird in dem

gesagt wird, „stell dich einfach nicht

so an“ ist bekannt.

Die Frage ist: Wie konstruiert man

Pflege in Zeiten einer sich verändernden

pflegerischen Situation so,

dass trotzdem eine Sicherheit da

ist?

Ganz zentraler Punkt ist auch das

Thema Beschwerdemöglichkeiten

für Bewohnerinnen und Bewohner

der Behindertenhilfe. Wir haben

vielfach gehört, dass Beschwerdemöglichkeiten

im Grunde nicht gegeben

sind oder nur formal da sind,

dass es aber nur ein allgemeines

Achselzucken gibt.

Ein zweites Zitat lautet: „Das ist

eine psychiatrische Einrichtung, da

müsste man mit klar kommen.“

Das ist auch für die Gesamtbevölkerung

im Grunde inzwischen ein

Thema: Wir stehen vor der Weihnachtszeit

und haben einen Abbau

stationärer Betten in der Psychiatrie.

Wir haben im Grunde ein Defizit

in der ambulanten Versorgung. Die

Frage ist, was passiert zwischen

Weihnachten und Neujahr mit Menschen,

die in der Psychiatrie betreut

werden?


Das ist jetzt kein spezifisches Thema

für Frauen mit Behinderung. Es

ist ein allgemein gesundheitspolitisches

Thema wo wir uns etwas

überlegen müssen, gerade im Bereich

was geistige Behinderung,

was aber auch psychiatrische Erkrankungen

angeht.

Ein ganz wichtiger Punkt ist der

Mangel an Selbstwertgefühl, Respekt

und Anerkennung. Wenn

frühzeitig in der Kindheit, in der Jugend,

entsprechende Einschränkungen

des Selbstwertgefühles erfahren

werden, dann gibt es eine hohe

Wahrscheinlichkeit, dass sich das

durch das Leben zieht. Es wird da

ein gewisser Druck aufgebaut und

auch ein gewisser Schuldkomplex.

Dieser Mechanismus Lebenssituation,

Behinderung und Schuld ist

häufig miteinander gekoppelt. „Ich

bin behindert und weil ich behindert

bin, bin ich schuld, dass jemand mir

helfen muss“. Da kommt jetzt diese

Kaskade, diese Spirale zum tragen

und das ist ein ganz unguter Kreislauf.

Dieses haben die Frauen vielfach

selbst berichtet, den sehen sie

auch ganz klar. Er führt auch dazu,

dass Grenzüberschreitungen nicht

gemeldet werden, dass Grenzüberschreitungen

nicht ans Tageslicht

kommen und der dazu führt, dass

Behinderte sagen: „Ich muss ja

dankbar sein, dass überhaupt jemand

irgendetwas für mich macht“.

Das ist ganz schlecht. Es ist zu bemerken,

dass es da eine Resignation

gibt. „Kann man überhaupt etwas

daran ändern?“ Wir haben ein

ganz wichtiges Fazit aus den qualitativen

Befragungen gezogen nämlich,

dass auch da ein Wechselspiel

existiert. Wir müssen auf der einen

Seite natürlich an Unterstützungs-

möglichkeiten denken und diese

initiieren, auf der anderen Seite

müssen Frauen in die Lage versetzt

werden, sich selber als

unterstützenswert zu sehen.

Das war etwas, was im Rahmen der

gesamten Studie sehr viel Mut und

Positives gebracht hat. Die Frauen

haben klar gesagt was positiv ist

und was das bewirkt, wenn jemand

sie bestärkt, also, wenn man merkt,

dass man irgendwie Hilfe und Unterstützung

bekommt und dass

man so angenommen wird wie man

ist. Dann kann das sehr viel bewirken,

Selbstvertrauen stärken und

helfen, sich nicht abhängig zu machen.

Eine Frau hat gesagt, dass jemand

mit viel Verständnis hilft, der einem

Mut macht und sagt: „Es gibt keinen

Grund warum du mit gesenktem

Kopf durch die Gegend laufen

musst, du bist stark!“

Das Miteinander, die Eigenkraft der

Person aber eben auch die Verhältnisse

so zu schaffen, dass die Frauen

das leben können ist was ganz

Zentrales.

Ich möchte auch das zusammenfassen

und komme damit fast zum

Schluss der Ergebnisse der qualitativen

Befragung. Ganz wichtig

auch hier die Bestätigung, wir haben

eine erhöhte Verletzlichkeit von

Mädchen und von Frauen mit Behinderungen,

die auch zur Folge

haben kann, dass sie Opfer von

Gewalt und Missbrauch werden.

Dazu muss man sich die Biografien

genau ansehen und das ist insbesondere

wichtig, wenn man Unterstützungsangebote

dann auch entsprechend

einrichten will. Wir haben

ganz klar gesehen, je früher

schlechte Erfahrungen existieren,

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um so höher sind auch die negativen

Folgen für die gesamte Lebenssituation,

für den gesamten Lebensverlauf,

für die Biografie und

das hat ganz zentral etwas zu tun

mit der Partnerbeziehung, mit der

Familienbeziehung aber auch mit

der Lebenssituation, vielfach auch

in den Institutionen.

Wir sprechen da von sogenannten

Widerstandsressourcen, die ein

Mensch haben muss, die ein

Mensch entwickeln kann, wenn die

Lebensbedingungen gut sind und

die ganz wichtig sind, um eben

auch gesund zu bleiben.

Ein ganz wichtiger Punkt ergibt

sich auch aus den qualitativen Befragungssituationen,

dass vielfach

auch die Wehrlosigkeit oder eine

sogenannte eingeschränkte Wehrhaftigkeit

gezielt ausgenützt wird.

Frühzeitig müssen Mädchen, Kinder

und jugendliche Frauen eine bestimmte

Gegenwehr erlernen. Das

sage ich ganz kritisch und selbstreflektiert

in ärztlichen Kontexten,

weil ich glaube, in der Medizin muss

man sich da auch einige Dinge noch

einmal anschauen. Ein ganz zentraler

Punkt sind natürlich Schutz

und Beschwerdemöglichkeiten für

Frauen, die müssen einfach da sein

und die müssen, ganz wichtig, geschützt

da sein.

Frauen mit den sogenannten geistigen

Behinderungen sind sehr stark

eingeschränkt, sich selbständig Unterstützung

zu suchen. Ein ganz

zentraler Punkt ist, dass gerade

ihnen oft nicht geglaubt wird. In der

Reaktion auf die Studie von einigen,

uns nicht so ganz Wohlgesonnenen,

hat man uns gefragt: „Ja,

15

stimmt das denn überhaupt was die

erzählt haben?“

Wenn ich mir dann anschaue, was

große Meinungsforschungsinstitute

auf der Straße befragen, irgendwen

mit irgendwelchen Befragungen, da

kann ich auch fragen, ja, stimmt

das denn was die da alle geantwortet

haben?

Also, das ist etwas, was mich immer

noch sehr verärgert. Dass man

in diesem Kontext überhaupt die

Frage der Glaubwürdigkeit stellt,

dass finde ich, ist etwas, was überhaupt

nicht geht.

Was bei den qualitativen Befragungen

herausgekommen ist, dass viele

Frauen nicht an vorhandene

Unterstützungsangebote ran kamen.

Das muss man allerdings bilanzieren.

Was gibt es schon und

wie kann man das vielleicht anders

aufgleisen? Stichworte wie: „nicht

zielgruppengerecht“, „passt irgendwie

nicht“ und „ist auch nicht

niederschwellig genug“ und ganz

zentral die Rolle von Einrichtungen,

wo wir im Grunde ein ganz

breites Spektrum haben, ist zu betrachten.

Einrichtungen die wunderbar waren,

aber auch Einrichtungen die wie ein

geschlossenes System agierten, wo

man dann auch nicht dran kam und

wo dann auch eine höhere Wahrscheinlichkeit

besteht, dass Übergriffe

unentdeckt bleiben.

Spezifische Barrieren und Abhängigkeit

vom Personal sind ganz klare

Sachen. Das ist bekannt, aber

ich bin froh, dass wir nun die Zahlen

dazu haben.

Ein ganz wichtiger Punkt ist auch

der Anpassungsaspekt. Der ist in

den qualitativen Bereichen auch


noch einmal deutlich geworden.

Gemeint sind damit Grenzüberschreitungen,

die so eine Dynamik

haben, dass man eigentlich immer

weniger Grenzen setzt und dass

damit die Wahrscheinlichkeit der

Übergriffe gesteigert wird.

Im Grunde müssen alle Berufsgruppen

auch klar sehen, was mit einer

Grenzüberschreitung passiert und

dass gerade solche Menschen, die

schwerst körperbehindert sind, hier

wenig Widerstandsressourcen haben.

Dieses Thema Ausbildung und Bildung

ist ein ganz entscheidender

Punkt der dann dazu führen kann,

dass unter Umständen auch diese

Idee, selber Hilfe zu suchen viel zu

spät kommt.

Ich komme zum Fazit: Wir brauchen

im Grunde vermehrt eine Bestandsaufnahme.

Wir müssen

schauen, was gibt es an Aktivitäten,

wie kann man sie aber noch niedrigschwelliger

ausloten und wie

kann man sie barrierefreier machen?

Ein wichtiger Punkt, den

ich auch in Diskussionen mit betroffenen

Frauen vielfach gehört habe:

Ärzte und Ärztinnen spielen eine

Schlüsselrolle oder können eine

spielen, wenn sie den Begriff Gewalt,

im Zusammenhang mit dem

Begriff der Gesundheit sehen. Dass

sie nämlich auf der einen Seite

warnen können und auf der anderen

Seite aber auch eine ganz wichtige

Rolle übernehmen können,

Frauen in so eine erlernte Hilflosigkeit

reinzudrücken.

Wir brauchen konsequenten Schutz

in verschiedenen Bereichen, insbesondere

aber in Bereichen der Einrichtungen.

Stichworte hier: Fortbildung, Leitlinien,

gerechte Ausbildung und der

letzte, für uns ganz wichtige

Punkt ist: Stärkung des Selbstbewusstseins,

Stärkung von Selbstvertrauen!

Mein Part ist jetzt erst einmal am

Ende. Ich möchte Sie gerne hinweisen

auf die Internetseite, wo Sie die

Kurzfassung der Studie bekommen

können und auf dieses orangene

Heft, welches Sie auch beim Bundesministerium

für Familie, Senioren,

Frauen und Jugend bestellen

können.

Für Fragen stehe ich kurz zur Verfügung.

Vielen Dank!

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Fragen aus dem Publikum an Frau Prof. Dr. Hornberg

Fragesteller:

Ich habe eine Frage zu den Barrieren bei der Hilfesuche. Welche Rolle

spielt die Scham?

Antwort Frau Prof. Dr. Hornberg:

Das ist eine Frage, die würde ich direkt nach dem Vortrag von Frau

Sellach beantworten, denn da kommt noch einmal ganz viel zum Thema.

Ich finde, wir sollen die Diskussion vielleicht zusammen führen. Vielleicht,

dass jetzt einfach nur direkte Verständnisfragen geklärt werden und danach

stehen wir beide gleich zur Verfügung.

Fragestellerin:

Ich habe eine Frage zur Definition. Was verstehen Sie unter psychischer

Gewalt zwischen Ämtern und Behörden?

Antwort Frau Prof. Dr. Hornberg:

Machen wir vielleicht auch hinterher. Kommt alles bei Brigitte Sellach

gleich, dann wird das ein bisschen greifbarer.

21


Strukturelle Gewalt gegen Frauen mit Behinderung

und deren Unterstützungsbedarf

Dr. Brigitte Sellach

Meine sehr geehrten Damen und

Herren,

ich bedanke mich zunächst für die

Einladung, die Ergebnisse der Studie

zum Bereich „Diskriminierung

und strukturelle Gewaltvorstellen

zu dürfen. Dabei freue ich mich besonders,

dass ich in diesem Haus

referieren darf, das selbst sowohl

Kostenträger im Bereich der Eingliederungshilfe

ist als auch Leistungserbringer

und durch diese

Funktionen die Macht hat, Strukturen

zu beeinflussen.

Wenn wir über Diskriminierung

sprechen dann müssen wir Diskriminierung

erst einmal definieren.

Dabei haben wir zunächst an das

Deutsche Institut für Menschenrechte

angeknüpft, so dass Diskriminierung

als eine ungerechtfertigte

Ungleichbehandlung von einzelnen

Menschen oder Gruppen aufgrund

tatsächlicher oder zugeschriebener

Merkmale beschrieben

wird. Zudem sehen wir den Begriff

der Diskriminierung in Anlehnung

an Julia Zinsmeister, als mehrdimensional.

So haben wir in unserer

Studie beispielsweise gefragt, ob

eine Person sich als Frau diskriminiert

fühlt und ob sie sich als Behinderte

diskriminiert fühlt. Dies

wäre das Element von mehrdimensionaler

Diskriminierung. Unter

struktureller Diskriminierung haben

wir verstanden, dass gesellschaftliche

Strukturen als Ursachen der

Diskriminierung anzusehen sind,

dies entspricht dem herkömmlichen

Begriff der strukturellen Gewalt.

Bei der Ermittlung von Diskriminierung

haben wir in der Studie zwei

Ebenen berücksichtigt. Zunächst

haben wir die subjektiven Erfahrungen

von Diskriminierung der Frauen

selbst durch offene Fragen und geschlossene

Fragen ermittelt. Zum

Beispiel haben wir sie nach einschränkenden

Bedingungen für

Freiheit und Entscheidungen, nach

vorenthaltener Hilfe oder ein zu viel

an Hilfe und nach belästigendem,

bevormundendem oder benachteiligendem

Verhalten von Menschen

oder Institutionen gefragt.

Die zweite Ebene befasst sich mit

objektiven Hinweisen auf Diskriminierung.

Relevant ist dazu die Analyse

der Daten zur Sozialstruktur zu

Themen wie Arbeit, Einkommen

und Bildung. In der Studie bedeutet

Ungleichbehandlung eine Ungleichverteilung.

Als Vergleichswert haben

wir die Vorgängerstudie von

2004 gewählt, bei der die weibliche

Bevölkerung im Durchschnitt dargestellt

ist. Dann haben wir unsere

Daten mit dem Durchschnitt der

weiblichen Bevölkerung verglichen.

Sind z.B. 50% der weiblichen Bevölkerung

erwerbstätig, aber nur

30% unserer Frauen, die wir befragt

haben, ist hier zunächst ein

Ungleichgewicht festzustellen; wir

wissen aber noch nicht, ob es Diskriminierung

ist, dazu sind weitere

qualitative Analysen notwendig.

Forschungsbedarf besteht noch in

der Identifikation der Ursachen von

Diskriminierung.

22


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Zunächst stelle ich die Ergebnisse

zur subjektiv erlebten Diskriminierung

dar, getrennt nach Haushalts-

und Einrichtungsbefragung als repräsentative

Befragung und nach

der Zusatzbefragung. Die Zusatzbefragung

ist nichtrepräsentativ, da

diese Gruppe der Frauen nicht repräsentativ

gewonnen worden ist.

Die Frauen wurden zum Teil z.B.

durch Anzeigen oder durch den Internetauftritt

gewonnen und sind

häufig in der Behindertenbewegung

aktiv. Diese haben ein ganz anderes

Gespür für Diskriminierung und

haben dies anders thematisieren

können. So kann man die Befragungen

nicht unmittelbar vergleichen,

dennoch lassen sich Übereinstimmungen

in der subjektiv erlebten

Diskriminierung feststellen.

Frauen mit Behinderung haben fast

durchgängig zu 81% - 89% diskriminierende

Handlungen durch Personen

und Institutionen erlebt. Dabei

wurden konkrete Benachteiligungen

und Diskriminierungen

durch Menschen und Institutionen

von jeder zweiten bis dritten Frau

genannt. Zum Beispiel geben ihnen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

das Gefühl, Bittstellerinnen zu sein;

nehmen sie nicht ernst oder beraten

falsch. Dabei wurden vor allem

Arbeitsagentur und Jobcenter, aber

auch Kranken- und Rentenversicherung

genannt. Je nach Untersuchungsgruppe

wurde von 40% bis

60% der Frauen genannt, sich nicht

ernst genommen zu fühlen, dazu

gehört z.B. der Umstand, dass nicht

die Frau mit Behinderung direkt angesprochen

wird, sondern ihre Begleitperson.

Die Frauen der repräsentativen Befragung

in Einrichtungen haben besonders

häufig Erfahrungen von

Einschränkungen und Diskriminie-

23

rung erlebt. So fühlen sich 40% der

befragten Frauen in Einrichtungen

durch Regeln und Bedingungen in

der Freiheit und in Entscheidungen

eingeschränkt. Angestarrt und ungefragt

geduzt worden zu sein, gab

jede zweite bis dritte Frau in der

Einrichtungsbefragung an. In Zusammenhang

mit der Behinderung

beschimpft wurde jede zweite Frau,

die in einer Einrichtung lebt und

ungefragt oder unangenehm angefasst

wurden 40% der Frauen in

einer Einrichtung.

Ermittelt wurde zudem, ob sich die

Frauen benachteiligt fühlen, weil sie

eine Frau sind oder weil sie behindert

sind. Frauen mit sogenannter

geistiger Behinderung konnten wir

dies aufgrund der mangelnden Abstraktionsleistung

nicht fragen,

deswegen sind hier nur die Haushaltsfrauen

und die Einrichtungsfrauen

in allgemeiner Sprache befragt

worden. Festzustellen ist, dass

diese sich in ähnlichem Umfang

(22% der Frauen in Haushalten und

20% der Frauen in Einrichtungen)

wegen des Geschlechtes benachteiligt

fühlen. Aber 15% der Frauen in

Haushalten fühlen sich aufgrund der

Behinderung benachteiligt gegenüber

32% der Frauen, die mit dem

allgemeinen Fragebogen in Einrichtungen

befragt worden sind. Dies

mag daran liegen, dass die Frauen

in Haushalten häufig keinen Behindertenhaushalt

hatten und nicht

sichtbar behindert waren und sich

von daher nicht aufgrund ihrer Behinderung,

sondern aufgrund des

Geschlechtes benachteiligt fühlen.

Frauen der repräsentativen Einrichtungsbefragung

erlebten außerdem

besonders häufig Einschränkungen

und Diskriminierung durch das Le-


en in der Einrichtung. Mangelnde

Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten,

unzureichender

Schutz der Privat- und Intimsphäre,

mangelnder Schutz vor psychischer,

physischer und sexueller Gewalt

durch Bewohnerinnen, Bewohner

und Personal sind Elemente struktureller

Gewalt. Beim letztgenannten

Punkt gilt es, aufmerksam zu

bleiben. Die These, dass das Personal

auch Gewalt ausübe, ist genauer

zu untersuchen. Die Erfahrungen

aus der Studie zeigen, dass Frauen

eher psychische Gewalt/Übergriffe

seitens des Personals benannt haben,

weniger physische und sexuelle

Gewalt. Diese werden eher

durch Bewohnerinnen und Bewohner

ausgeübt. Weiterhin wurde das

Fehlen von engen und vertrauensvollen

Beziehungen, keine Paar-

und Familienbeziehungen in Einrichtungen,

fehlende Bildungs- und

Ausbildungsressourcen, kaum eigene

finanzielle Mittel und Angst vor

finanzieller Not und Existenzverlust

genannt. Letztgenanntes ist allerdings

bei Frauen in Haushalten häufiger

genannt worden, als bei den

Frauen in Einrichtungen.

Die Frauen in der Zusatzbefragung

haben ähnliche Situationen geschildert

wie die Frauen der repräsentativen

Befragung, allerdings haben

sie in einem Umfang von 95% bis

99% diskriminierende Handlungen

durch Personen und Institutionen

erlebt. Wie oben beschrieben haben

Sie ein anderes Bewusstsein von

Diskriminierung als die Frauen der

repräsentativen Befragung.

Konkrete Benachteiligung und Diskriminierung

durch Menschen und

Institutionen und belästigende, bevormundende

oder benachteiligende

Verhaltensweisen durch Perso-

nen in Zusammenhang mit der Behinderung

wurde von 64% bis 77%

der Frauen genannt, sich nicht

ernst genommen fühlen haben 70%

bis 82% der Frauen genannt. Bei

ihnen stand aber häufig die Haltung

anderer Menschen im Mittelpunkt

der Antworten, z. B. dass Busfahrer

sie an der Haltestelle stehenlassen,

weil sie die Rampen nicht rausfahren

wollen oder dass das Bahnhofspersonal

nicht helfe; beschrieben

wurden Situationen der Gleichgültigkeit

in Alltagssituationen, z. B.

werden Gegenstände nicht aus dem

oberen Regal heruntergereicht. Die

Menschen seien zu ängstlich, Hilfe

zu leisten oder schrecken zurück

aus Angst, etwas falsch zu machen.

Frauen der Zusatzbefragung gaben

ebenfalls häufig an, Einschränkungen

und Diskriminierung durch Bedingungen,

Regeln in Freiheit und

Entscheidungen erlebt zu haben

und dadurch fühlten sich ca. 75%

der Frauen, gegenüber 28% der

repräsentativen Haushaltsbefragung,

beeinträchtigt. In Zusammenhang

mit der Behinderung angestarrt

worden zu sein, gaben

70% bis 87% der Frauen an, gegenüber

31% der Haushaltsbefragungen

und im Zusammenhang mit

der Behinderung beschimpft wurden

ca. 40% bis 60% der Frauen,

gegenüber 19% der Haushaltsbefragung.

Ungefragt oder unangenehm

angefasst wurden z.B. 60%

bis 70% der blinden Frauen der Zusatzbefragung

gegenüber 19% der

Haushaltsbefragung. Mehrheitlich

thematisierten gehörlose Frauen bei

der Frage nach den Bedingungen

und Regeln, durch die sie in ihrer

Freiheit und Entscheidung eingeschränkt

werden, Kommunikationsprobleme

in verschiedenen Lebensbereichen,

so z.B. Kommunikati-

24


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onsprobleme im Arbeitsleben, bei

Betriebsausflügen oder der Weihnachtsfeier

mit Kolleginnen und

Kollegen. Andere haben Probleme,

Dolmetscher zu bekommen. Daneben

wurden auch Einschränkungen

in Bildung und Ausbildung, wie beispielsweise

die eingeschränkten

Möglichkeiten an Veranstaltungen

mit Hörenden teilzunehmen, angesprochen.

Deutlich wurden hier die

fehlenden unterstützenden Angebote,

die behindernde Umstände sind.

Im Rahmen von Inklusion bedeutet

dies, wenn Behinderung ein Hörproblem

ist, dann müssen nun die

Umstände so gestaltet werden,

dass trotzdem Kommunikation

möglich ist. Die Themen der blinden

und schwer sehbehinderten Frauen

waren vor allem Barrieren in verschiedenen

Lebensbereichen, häufig

verknüpft mit der Forderung nach

Barrierefreiheit. Im Fokus der

schwer körperbehinderten, mehrfach

behinderten Frauen standen

ebenfalls räumliche Barrieren im

Vordergrund wie beispielsweise

Treppen. So ist die Art, wie Diskriminierung

erlebt wird, immer behindertenspezifisch

zu betrachten.

Auch die Frauen der Zusatzbefragung

wurden befragt, ob sie sich

benachteiligt fühlen, wegen ihres

Geschlechts, ihres Alters, ihrer Herkunft

oder wegen ihrer Behinderung.

Die Frage, sich als Frau benachteiligt

zu fühlen, haben am

häufigsten die gehörlosen Frauen

beantwortet. Mit etwas über 20%

waren die Ergebnisse der Frauen in

Haushalten und der schwer körperbehinderten

Frauen eher ähnlich.

Fast 1/3 der gehörlosen Frauen haben

gesagt, dass sie sich als Frau

benachteiligt fühlen. 2/3 der gehörlosen

Frauen haben angegeben,

25

sich aufgrund der Behinderung benachteiligt

zu fühlen.

Es stellt sich heraus, dass die Form,

wie Diskriminierung erlebt wird,

auch durch die Art der Behinderung

bestimmt wird. Wie gesagt, thematisieren

gehörlose Frauen Kommunikationsprobleme

und fehlende

Gebärdendolmetscher, blinde Frauen

räumliche und soziale Barrieren

in allen Lebensbereichen, körperbehinderte

Frauen räumliche Barrieren.

Alle Frauen sprechen ängstliche,

gedankenlose, verächtliche

oder aggressive Haltungen anderer

Menschen als behindernde Faktoren

an; es wurden Situationen geschildert,

in denen aus Schabernack

grenzüberschreitend gehandelt

wurde. Ebenso gab es Grenzverletzung

und Bevormundung, z. B. von

Behörden und Einrichtungen des

Gesundheitswesens.

Nun berichte ich Ihnen von den objektiven

Hinweisen auf Diskriminierung

aus der Analyse der sozial

strukturellen Unterschiede. Dabei

erläutere ich wieder die Ergebnisse

der repräsentativen Studie und anschließend

die der Zusatzbefragung.

Ich beginne mit dem Wohnen in der

Einrichtung. Wir haben die Einrichtungen

so definiert, dass wir betreutes

Wohnen im Haushalt der

betreuten Frau nicht als Einrichtung

gesehen haben, da diese in der

Haushaltsbefragung eingeschlossen

waren.

Ein Drittel der überwiegend psychisch

erkrankten Frauen und zwei

Drittel der Frauen mit sogenannten

geistigen Behinderungen leben in

Wohngruppen. Nur 17% der Frauen

leben mit bis zu fünf Personen zusammen,

83% mit mehr als fünf


Personen in Gruppen, das sind vor

allem Frauen in Einrichtungen für

geistig behinderte Frauen. Auffällig

ist hier, dass mehr als fünf Personen,

nicht etwa nur bis zu 6 Personen,

sondern bis zu 12 – 14 Personen

in einer Gruppe leben. Mir wäre

ein Herzensanliegen, nachher in der

Diskussion darauf einzugehen, ob

es hier andere Wohnmöglichkeiten

gibt.

Nur etwa 40% der Frauen mit sogenannter

geistiger Behinderung

können entscheiden, mit wem sie

zusammen leben möchten. Vier von

fünf Frauen haben ein eigenes

Zimmer, aber nur 62% können die

Toiletten abschließen, bzw. 60%

können das Bad abschließen; erklärt

wird dies mit Sicherheitsproblemen.

Diese Ergebnisse wurden bei einer

repräsentativen Auswahl von Einrichtungen

ermittelt. Anhand der

Daten wird deutlich, dass Frauen

mit einer geistigen Beeinträchtigung

in der Gestaltung ihrer Wohnsituation

erheblich benachteiligt

sind. Diese Benachteiligung ist

strukturell bedingt. Fraglich ist hier,

ob dies so sein muss, bzw. es so

bleiben muss.

Nun folgen die Ergebnisse zur Frage

von Partnerschaft und Kindern. Die

Ergebnisse für Frauen, die in Haushalten

befragt wurden, entsprechen

in etwa denen der Vorgängerstudie.

So sind 55% aktuell verheiratet,

78% waren jemals verheiratet,

72% leben zum Zeitpunkt der Befragung

in einer Partnerschaft und

73% haben Kinder. Die Nähe zur

Vorgängerstudie kann mit dem Lebensphasenkonzept

begründet werden.

Da die Frauen in Haushalten

mehrheitlich im Erwachsenenalter

behindert wurden, waren die Ab-

schnitte Familiengründung, Kinder

und Partnerschaft bei Eintritt der

Behinderung bereits abgeschlossen.

Dies gilt für die anderen Gruppen

der repräsentativen Befragung

nicht. Von den Frauen in Einrichtungen,

die mit dem allgemeinen

Fragebogen befragt wurden, das

sind die psychisch beeinträchtigten

Frauen, waren nur 4% aktuell verheiratet,

42% waren jemals verheiratet,

34% leben aktuell in einer

Partnerschaft und 39% haben Kinder.

Von den Frauen mit Lernschwierigkeiten

in Einrichtungen

waren 5% aktuell verheiratet, 8%

jemals verheiratet, 42% leben aktuell

in einer Partnerschaft und 6%

haben Kinder, wobei zum Teil die

Kinder in Obhut genommen worden

sind.

Auch bei der Hälfte der Frauen, die

in einer Einrichtung leben und psychisch

krank sind, ist die Behinderung

erst im Erwachsenenalter eingetreten.

Von daher ist der Anteil

der Frauen, die verheiratet waren

oder Kinder haben recht hoch. Etwa

90% der Frauen mit geistiger Behinderung

waren schon in Kindheit

und Jugend behindert. Daher waren

Partnerschaft und Familie nicht

möglich.

Wenn Partnerschaft und Kinder für

soziale Integration, für Gefühle, für

Privatheit, für das Leben schlechthin

stehen, sind Frauen, die in Einrichtungen

leben in Bezug darauf

deutlich benachteiligt. Sowohl die

Frauen, die mit dem allgemeinen

Fragebogen befragt wurden, aber

insbesondere die Frauen, die mit

dem vereinfachten Bogen befragt

wurden, sind stark benachteiligt.

26


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Es gibt zwar vereinzelte Debatten

über Partnerschaft und über Kinder

in Einrichtungen, aber das sind exklusive

Debatten, die nicht systematisch

geführt werden. Dementsprechend

gibt es nur einzelne engagierte

Einrichtungen, die in dem

Bereich aktiv sind. Bei den Frauen

der Zusatzbefragung entspricht das

Leben in Partnerschaft und mit Kindern,

das die gehörlosen Frauen

führen, nach dem Vergleich der

Vorgängerstudie, am ehesten dem

Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung

in Deutschland. Sie haben

mit 71% deutlich häufiger Kinder,

während von den blinden und

schwer körperbehinderten Frauen

nur etwas mehr als 40% Kinder haben,

nur 46% gegenüber 57% im

Durchschnitt sind aktuell verheiratet,

68% waren jemals verheiratet,

das sind zwar weniger als im

Durchschnitt mit 73%, aber deutlich

mehr als blinde oder schwer

körperbehinderte Frauen, von denen

nur jeweils 58% aktuell in einer

Partnerschaft leben. Möglicherweise,

dies ist aber noch zu diskutieren,

ermöglicht das Leben in der

Gemeinschaft gehörloser Menschen

den Frauen eher ein Leben in Partnerschaft

und mit Kindern als den

blinden Frauen oder den Frauen mit

einer schweren Körperbehinderung.

Nun folgt ein ganz schwieriges Kapitel,

nämlich das der Sexualität

und Reproduktion. Ich möchte zunächst

auf einen Übertragungsfehler

auf Seite 41 der Kurzfassung

hinweisen. Der Anteil der Frauen

mit sogenannter geistiger Behinderung,

die Kontrazeptiva nehmen ist

zu hoch, dieser Fehler wird korrigiert.

95% der im Haushalt befragten

Frauen hatten sexuelle Erfahrun-

27

gen, gegenüber 75% der in Einrichtungen

mit einem allgemeinen Fragebogen

befragten Frauen und 37%

der in Einrichtungen mit dem vereinfachten

Fragebogen befragten

Frauen. Ich weise darauf hin, dass

wir in der Studie an die Grenzen

der Befragbarkeit gestoßen sind.

Das trifft vor allem bei den Frauen

mit einer geistigen Behinderung zu.

Zum einen konnten wir nicht alle

Frauen befragen, zum anderen

konnten wir wegen der Vergleichbarkeit

der Daten auch kein anderes

Medium wählen. So haben wir

Frauen befragt, deren Glaubwürdigkeit

seitens der Interviewerinnen

als sehr hoch eingeschätzt wurde.

Wir haben hier Frauen befragen

können, die durchaus trotz ihrer

Beeinträchtigung sexuelle Erfahrungen

leben könnten. Aber nur 37%

haben sexuelle Erfahrung. 86% der

im Haushalt befragten Frauen, 69%

der in Einrichtungen in allgemeiner

Sprache befragten Frauen - und

hier die Einschränkung - 51% der

in Einrichtungen in einfacher Sprache

befragten Frauen nehmen

Kontrazeptiva. 51%, weil hier nur

die Frauen befragt wurden, die

nicht sterilisiert waren. Von den in

Einrichtungen in vereinfachter

Sprache befragten Frauen waren

17% sterilisiert. Dies ist ein hoher

Anteil. Dennoch werden wir bei den

Zusatzbefragungen sehen, dass die

Sterilisationsrate noch höher ist.

Obwohl Frauen mit geistiger Behinderung

kaum sexuelle Erfahrungen

haben und sexuelle Erfahrungen

kaum ermöglicht werden, liegt ein

hoher Einsatz von Kontrazeptiva

vor, in der Regel in Form des 3-

Monats-Depots und eine hohe Anzahl

von Sterilisationen.

Bei den in Haushalten befragten

Frauen gibt es 17% Schwanger-


schaftsabbrüche, 15% bei den anderen

Frauen und 6% bei den Frauen

mit sogenannter geistiger Behinderung.

Zurzeit ist nicht geklärt, wie die allgemeine

Rate ist. Die Verfahren

vom Statistischen Bundesamt geben

diese Daten nicht her.

Ähnliches findet sich in der Zusatzbefragung

wieder. Die Häufigkeit

sexueller Erfahrung ist ähnlich, aber

bei der Einnahme von Kontrazeptiva

liegt der Anteil bei den Frauen,

die in Haushalten befragt wurden

bei 80%, ähnlich wie bei den blinden

Frauen und bei den schwer

körperbehinderten Frauen; bei den

gehörlosen Frauen nehmen nur

66%, also 2/3 ein Kontrazeptiva

ein. Allerdings hatte ¼ der Frauen

einen Schwangerschaftsabbruch bei

einer Sterilisierung von nur 10%.

Umgekehrt sind 26% und 25% der

schwer körperbehinderten Frauen

und blinden Frauen sterilisiert, dafür

haben sie eine geringere Zahl

von Schwangerschaftsabbrüchen.

Da stellt sich die Frage, wann die

Frauen sterilisiert worden sind und

ob es einen Zusammenhang zwischen

der Sterilisation und der Behinderung

gibt. Klar ist, dass auch

hier, dassFrauen mit einer Behinderung,

in Bezug auf Sexualität und

Reproduktion benachteiligt sind.

Dabei handelt es sich um eine

strukturelle Diskriminierung und

Benachteiligung.

Jetzt kommen wir zum Thema Ausbildung.

Das Bildungsniveau der

Frauen der Haushaltsbefragung

entspricht in etwa dem der Frauen

der repräsentativen Vorgängerstudie

auf etwas niedrigerem Niveau.

Deutlich niedriger ist das Bildungsniveau

der Frauen, die in Einrichtungen

leben. Auch hier ist wieder

der Eintritt der Behinderung zu berücksichtigen.

Ohne abgeschlossene

Berufsausbildung sind 79% der

Frauen, die mit einer geistigen Behinderung

in Einrichtungen leben

und 49% der Frauen, die mit allgemeinem

Fragebogen in einer Einrichtung

befragt wurden. Auch die

Frauen mit einer psychischen Beeinträchtigung

haben häufig keine

abgeschlossene Berufsausbildung.

Hier sind natürlich weitergehende

Untersuchungen notwendig. Zu klären

wäre, ob z. B. das Entstehen

von psychischer Beeinträchtigung in

einem Zusammenhang mit den Lebensverhältnissen

steht. Bei Frauen

mit geistiger Behinderung trat die

Behinderung bereits ab Geburt,

bzw. Kindheit ein. Dies erklärt die

fehlende Ausbildung. Fraglich ist

aber bei den psychisch erkrankten

Frauen, ob die Erkrankung eingetreten

ist, bevor sie ihre Berufsausbildung

abschließen konnten oder

erst danach. 12% der Frauen, die

in Haushalten leben, haben einen

Hochschulabschluss und 7% der

Frauen, die in allgemeiner Sprache

in Einrichtungen befragt wurden.

Auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit

und Einkommen sind Frauen mit

Behinderung benachteiligt. 88% der

Frauen, die Vollzeit beschäftigt

sind, sind Frauen in Werkstätten für

Menschen mit Behinderung. Eine

Integration in den ersten Arbeitsmarkt

ist nicht erfolgt. Der häufige

Weg von der Schule in die Werkstatt

und in die Wohneinrichtung ist

aus Sicht der Forschung eine klare

Benachteiligung in Bezug auf gesellschaftliche

Teilhabe. Von den

gehörlosen Frauen sind 69% erwerbstätig.

Ein Einkommen unter

800 und 900 Euro monatlich haben

28% und 27% der gehörlosen und

28


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blinden Frauen und 20% der schwer

körperbehinderten Frauen. Ein eigenes

Einkommen unter 1.500 Euro

haben 36% der gehörlosen Frauen.

Dies waren dann mehr im Vergleich

zu den Frauen, die in Haushalten

leben, die nur zu 22% ein eigenes

Einkommen unter 1.500 Euro haben.

Die Angst vor finanzieller Not und

Existenzverlust ist sowohl bei den

Frauen, die in Haushalten leben, als

auch bei den blinden und bei den

schwer körperbehinderten Frauen,

sehr hoch. Vor allem die zusätzlichen

Ausgaben aufgrund der Behinderung

können oftmals nicht bestritten

werden. Dies wurde mit 66

% am häufigsten von körperbehinderten

Frauen benannt.

Es hat sich herausgestellt, dass

Frauen, die aufgrund der Behinderung

im Heim aufgewachsen sind,

und dies waren vor allem die gehörlosen

Frauen aufgrund der Internatsunterbringung

und die Frauen

mit einer geistigen Behinderung,

eine hohe Benachteiligung erfahren

haben. So stellen sich auch die Betroffenheit

von Gewalt und der

mangelnde Schutz vor Gewalt als

Moment extremer gesellschaftlicher

Benachteiligung dar. Das ist von

erheblicher Bedeutung.

So ist zusammenzufassen, dass

Diskriminierung und Benachteiligung

aus der Sicht der Frauen und

aus der Analyse der objektiven Daten

sowohl durch gedankenloses,

abwertendes oder aggressives Verhalten

gegenüber behinderten Mädchen

und Frauen in der Gesellschaft

gekennzeichnet ist, als auch durch

materielle und immaterielle Barrieren

in allen Lebensbereichen, durch

strukturelle, institutionelle Rah-

29

menbedingungen, die die volle Teilhabe

an allen Lebensbereichen einschränken

und durch ein erhöhtes

Gewaltpotential gegenüber Frauen

und Mädchen mit Behinderungen

und durch mangelnden Schutz vor

Gewalt.


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Fragen aus dem Publikum an Frau Prof. Dr. Hornberg

Frau Fankhaenel:

Meine Damen und Herren, ich darf

Sie nun bitten, die Fragen jeweils

spezifisch bzw. offen zu stellen. Sie

beide verständigen sich, wer sie

beantworten will.

Petra Stahr:

Ich hatte mich ja gerade schon vorgestellt.

Mein Name ist Petra Stahr

und ich begrüße es zunächst, dass

wir endlich Daten, Zahlen und Fakten

haben. Zwar mit erschreckendem

Ausmaß, aber wir hatten bereits

im Netzwerk 2001 eine Befragung

hinsichtlich struktureller Bedingungen

und Schwierigkeiten bei

Behinderungen mit ähnlichen Ergebnissen

durchgeführt. Mein Vorschlag

wäre es, bei taubblinden

Frauen nun noch einmal genauer

hinzuschauen, weil deren Lebenssituation

noch viel komplizierter ist.

Antwort Frau Prof. Dr.

Hornberg:

Es ist natürlich klar, dass wir bestimmte

Gruppen, z.B. die Vielfältigkeit

der Migrationssituationen,

nicht befragen konnten, weil das

finanziell im Grunde nicht möglich

war. Das ist auch die Antwort auf

die oft gestellte Frage, warum wir

keine Männer befragt haben: Das

ist der Finanzsituation geschuldet.

Ein tolles Signal dafür, was interministerielle

Zusammenarbeit bedeutet

ist, dass das von der Leyen-

Ministerium jetzt auch eine kleinere

Männerstudie bezahlt. Also zunächst

kleiner, da kommt ein bisschen

was hinterher wo man aber

jetzt schon sieht, dass das zum Teil

auch deutliche Unterschiede zeigt.

45

Das gibt es noch ganz viel zu befragen.

Antwort Frau Dr. Sellach:

Da sind die Männer dabei. Wir hatten

ja Adressenlisten durch die Gewinnung

unserer Haushaltsbefragung,

da sind dann die Männer dabei,

die wir in der Frauenstudie dokumentiert

haben. Wir mussten die

Frauen erst mal suchen aber die

Männer waren dann schon da.

Antwort Frau Prof. Dr.

Hornberg:

Also, vielleicht noch mal zum Thema.

Wir mussten die Frauen suchen,

damit sie das Wort ergriffen.

Die Interviewerinnen sind nach im

Grunde „verschütt“ gegangenen,

fast epidemiologischen, Verfahren

die Straßen entlang gelaufen, haben

geklingelt und dann die direkte

Ansprache gesucht. Da haben wir

natürlich, in der Hoffnung, dass wir

irgendwoher noch mal ein bisschen

Geld für die Männer kriegen, schon

die Männer mit aufgenommen.

Frage Horst Lanberger:

Ich arbeite beim Zentrum für

„selbstbestimmtes Leben“.

Zuerst einmal vielen Dank, dass sie

alles noch einmal sehr deutlich gemacht

haben und die vielfältigen

Lebenssituationen komprimiert dargestellt

und mit der Überschrift

„Diskriminierung“ versehen haben.

Ich glaube, es ist manches Mal aus

den Köpfen rausgekommen, dass es

tatsächlich aktive Diskriminierungen

sind, die zu diesen Lebenssituationen

führen. Das ist das Eine und ich

würde gerne noch einmal die Frage

von vorhin wiederholen zum Thema

– Barriere bei Hilfesuche.


Welche Rolle spielt die Scham?

Antwort Frau Prof. Dr.

Hornberg:

Die Scham spielt meines Erachtens

eine sehr entscheidende Rolle.

Das ist etwas, was oft nicht ausgesprochen

wird und was sowohl bei

den Ergebnissen der Frauen als

auch bei denen der Männer erkennbar

ist. Was man sieht ist, gerade

jetzt in Bezug auf Hilfesystem und

Anpassung der Hilfesysteme, dass

die Scham sowohl bei Männern als

auch bei Frauen eine ganz entscheidende

Rolle spielt. D.h. so wie

unsere Hilfesysteme funktionieren

und so wie, ich bin zwar kein Mann,

aber so wie Männer funktionieren,

so wie wir uns das vorstellen,

kommen die nicht zueinander. Das

ist eines der zentralen Ergebnisse

der Männerstudie. Da ist das Thema

Scham ein ganz entscheidendes

Kriterium, warum das Hilfesystem

für Männer noch schlechter greift

als für Frauen. Deshalb vielen Dank

noch einmal für Ihre Frage.

Scham spielt eine ganz entscheidende

Rolle, bei Frauen sowieso

aber bei Männern auch und das soll

man nicht geringschätzen.

Antwort Frau Dr. Sellach:

Aber das ist nicht behindertenspezifisch.

Wie vorhin vorgetragen: Das

Selbstwertgefühl ist das entscheidende.

Ein gesellschaftliches Problem,

welches wir dann auch abgefragt

haben, ist die mehrdimensionale

Diskriminierung an Frauen.

Das ist ja auch eine Abwertung für

die Frauen als solche. Wofür haben

wir Gleichstellungspolitik usw.? Das

ist ja ein Element, das trifft behinderte

Frauen doppelt. Das kann

man aus der Studie sehen.

Wir haben den Mikrozensus 2005

auch ausgewertet. Da kommt auch

ganz deutlich die strukturelle Diskriminierung

zum Tragen.

Frage Stefanie Müller:

Ich arbeite an einer Förderschule

und ich arbeite da als Gleichstellungsbeauftragte

und mich hat etwas

besonders betroffen oder erschrocken.

Diese Aussage „ich bin

behindert und ich bin schuld, dass

ich für Pflege hier verantwortlich

bin„.

Für mich ist das auch gerade im

Rahmen der Inklusionsdiskussion

ein erschreckendes Bild. Ich bin

jetzt seit 1990 im Schuldienst und

habe das Gefühl, es hat sich grundlegend

nichts geändert. Das ist ein

Statement was ich gerne loswerden

wollte.

Petra Stahr

Für uns ist auch ganz wichtig, dass

in dieser Studie selbst alle Formen

von Beeinträchtigungen aufgegriffen

wurden. Wir vom Netzwerkbüro

haben, weil wir eben zumindest eine

kleine Geschäftsstelle sind,

hauptsächlich immer für körper-

und seelisch behinderte Frauen gearbeitet,

weil wir es kräftemäßig

nicht geschafft haben, geistig oder

lernbehinderte Frauen oder beeinträchtigte

Frauen anzusprechen.

Das bietet jetzt eine ganz neue

Chance. Das finde ich genial und

super und man kann das, glaube

ich auch, sehr gut der Politik und

den Einrichtungen vermitteln, dass

es praktisch um alle Menschen

geht.

Frage Monika Sawatschus

Ich bin Mutter einer betroffenen

behinderten Frau und zwar eine der

Gruppe derer, was so am Rande bei

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Ihnen erwähnt worden ist, die nicht

sprechend sind und Gebärdendolmetscher

brauchen.

Ich bin der Meinung, dass hier in

Deutschland eine massive strukturelle

Gewalt stattfindet; an Frauen,

die Kommunikationskonzepte bedürfen

und diese Hilfe nicht bekommen,

wenn sie jenseits des

Schulalters sind. Davon ist meine

Tochter sowohl im Wohnen als auch

in der Arbeit betroffen und meine

diesbezüglichen Anfragen haben

dazu geführt, dass ich weder von

den Behörden noch von Institutionen

wie KoKoBe etc. im Hinblick auf

die Versorgung meiner Tochter angemessen

unterstützt wurde.

Ganz im Gegenteil.

Es ist psychische Gewalt mir gegenüber

aufgetreten, weil ich für

meine Tochter Versorgung brauche,

die ich, auch im Rahmen der UN-

Menschenrechtskonvention, als ei-

47

gentlich eine ganz normale Geschichte

empfinde.

Inklusion kann erst dann stattfinden,

wenn ich die Möglichkeit habe,

mich kommunikativ in welcher

Form auch immer, über Bild, Karten

gestützte Kommunikation oder

Talker mitzuteilen. Dass in diesem

unserem Land, in Deutschland,

Menschen, die sich mit Hilfe artikulieren

könnten, diese verweigert

wird und zwar in großem Ausmaß,

auch was die Diagnose anbelangt.

Viele dieser Menschen werden als

schwer geistig behindert eingestuft,

weil sie keine Möglichkeit der

Kommunikation bekommen, mit der

sie äußern könnten, dass sie eher

kommunikationsbehindert sind als

geistig behindert.

Das halte ich persönlich für eine

ganz, ganz schlimme Geschichte

und das ist auch eine Form von

Gewalt.


4 Beispiele aus der Praxis

Moderation: Karin Fankhaenel und Petra Stahr

Projekt „LAUT(ER)STARKE FRAUEN“, Netzwerk für Frauen

und Mädchen mit Behinderungen/chronischer Erkrankung

NRW, Monika Pelkmann

Frau Fankhaenel:

Meine Damen und Herren, ich begrüße

Sie zum zweiten Teil der Veranstaltung

und möchte jetzt weitermachen

mit den 4 Beispielen aus

der Praxis. Petra Stahr und ich begrüßen,

Frau Monika Pelkmann, sie

arbeitet im Netzwerk für Frauen

mit Behinderung / chronischer Erkrankung

in Münster. Sie leitete das

dreijährige Projekt „LauterStarke

Frauen“ vom September 2008 bis

Dezember 2010. Frau Pelkmann wir

haben eben von Frau Dr. Hornberg

gehört, dass die Mediziner eine

Schlüsselrolle bei der Gewaltbekämpfung

spielen, z.B. die Wildwasser-Beratungsstellen

aus verschiedenen

Ländern. Was haben die

jeweiligen Vernetzungspartner von

der Zusammenarbeit gehabt?

Frau Pelkmann :

Die Mitarbeiterinnen frauenspezifischer

Angebote und Schutzeinrichtungen

erhielten Aufklärung über

verschiedene Behinderungsarten

und entsprechende Bedarfe, z.B.

zu den Erfordernissen grundlegender

Barrierefreiheit und es war sozusagen

auch praktische Aufklärung.

Für einige war das Projekt die

erste Gelegenheit überhaupt Kontakt

und Erfahrungen im Umgang

mit sinnesbehinderten, körper- oder

lernbehinderten Frauen zu machen.

Auf der anderen Seite konnten die

Spezialistinnen aus dem Bereich

Behinderung von den Expertisen

der Fachstellen profitieren, und aus

dem Bereich der Frauenberatung

und z.B. über Gewaltentstehung,

Erfahrungen mit Justiz und Präventionsmodelle

vertiefende Kenntnisse

gewinnen.

Beide Seiten haben auf jeden Fall

davon profitiert, dass ihre Weitervermittlungsressourcengestärkt

wurden. Im Projektverlauf

gab es vier Vernetzungstreffen u.a.

zu den Themen:

• häusliche Gewalt gegen Frauen

mit Behinderung,

• psychische Gewalt gegen

Frauen mit Behinderung,

Gewalt in Einrichtungen und

in der Pflege.

Alle Themen wurden unter besonderer

Berücksichtigung der Aspekte

der gesundheitlichen Folgen, sowie

der Strategien der Selbsthilfe zur

Prävention diskutiert. Weitere Projektziele

waren die Darstellung von

Beispielen guter Praxis und der

Entwicklung von Qualitätsstandards

für Handlungsmöglichkeiten

in Gewaltsituationen. Beispiele

guter Praxis sind das Projekt „Frauenbeauftragte

in Einrichtungen“.

Eine Vertreterin dieses Projektes

Frau Bongard, die hier bei uns sitzt,

hat davon profitiert. Das ist ein Projekt

von „Weibernetz und Menschen

zuerst. Dann das Projekt vom Bundesverband

Körper- und mehrfach

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behinderter „Frauen sind anders,

Männer auch“:, bei dem es um die

Auseinandersetzung behinderter

Menschen mit ihrer Geschlechterrolle

geht.

Bei der Beschäftigung mit Menschen

mit Behinderung steht meistens

die Behinderung im Vordergrund

und weniger die Geschlechtszugehörigkeit.

Um geschlechtsspezifische

Gewalt erkennen zu können,

ist es notwendig, sich mit den

geschlechtsspezifischen Lebenslagen

auseinanderzusetzen. Dann

das Projekt „Gesine“, welches 2012

den LWL-Preis Gesundheit bekommen

hat. Sie haben sich auf ihre

Fahne geschrieben, medizinisches

Personal fortzubilden, um für eine

verbesserte medizinische Befunddokumentation

zu sorgen und die

Mediziner zu befähigen, an die vorhandenen

Schutz- und Hilfeeinrichtungen

weiter zu vermitteln. Ein

weiteres Best Practice Beispiel,

das ist die Broschüre häusliche Gewalt,

die vorne ausliegt. Diese ist

ursprünglich entstanden von der

Selbsthilfegrupe „Gehörlose Frauen

in Münster, mit Unterstützung der

Hörbehindertenberatung „DESPARI“.

Sie ist, dank der mutigen Frauen,

die damals ihre Gewaltbetroffenheit

öffentlich gemacht haben, um zu

verhindern, dass es anderen gehörlosen

Frauen auch so geht, aus eigener

Betroffenheit entstanden.

Es ist das älteste Best Practice Beispiel.

Ich habe gesagt, wir haben

aus den Best Practice Beispielen

Handlungsempfehlungen herausgearbeitet.

Besonders evident

sind Handlungsbedarfe in verschiedenen

Bereichen wie:

• Qualifizierung,

• interdisziplinäre Vernetzung,

• Barrierefreiheit

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• sowie Öffentlichkeits- und

Bewusstseinsarbeit.

Die Qualifizierungsmaßnahmen betreffen

verschiedene Zielgruppen,

an erster Stelle stehen natürlich die

Frauen mit Behinderung selber, also

alles das, was wir mit dem Begriff,

mit dem neu deutschen Begriff

„empowerment“ bezeichnen. Dazu

gehört die Aufklärung über die

Rechte von Frauen mit Behinderung

und das Recht im Sinne der Sexualpädagogik

und Aufklärung, um bei

Frauen, die oft gar nicht wissen,

wie sie es benennen sollen was ihnen

passiert ist, überhaupt im Falle

von sexuellem Missbrauch ein Vokabular

zu haben. Weiter geht es

darum, Vertreterinnen der Selbsthilfe

zu qualifizieren. Zum Beispiel

eine Ausbildung anzubieten, damit

Frauen mit Behinderung andere

betroffene Frauen mit Behinderung

auf Augenhöhe beraten können.

Dazu gehören auch Schulungen

zum Thema Gewaltentstehung

und Deeskalation.

Auch Gesundheitsfachkräfte, Pflege-und

Assistenzpersonal in der

Behindertenhilfe, Angehörige, Lehr-

und Werkstattpersonal müssen über

die Bedarfe von Frauen mit Behinderung

aufgeklärt werden. Und

auch Fortbildungen und Qualifizierungen

zu einer adäquaten Gewaltopferversorgung

gehören dazu,

z. B. zu Präventionsfachkräften.

Auch professionell Beschäftigte

beim Opferschutz und der Opferberatung,

der Justiz und der Verwaltung

müssen über die spezifischen

Bedarfe von Frauen mit Behinderung

und zum Abbau von Kommunikationsbarrieren

geschult werden.

Es geht darum, interdisziplinäre

multiprofessionelle Vernetzungs-


und Kooperationsstrukturen aller

relevanten Akteurinnen zu fördern

und damit die Effektivität in

der Gewaltintervention zu optimieren.

Wichtig ist die Schnittstellenkommunikation

an dieser Stelle und

wir finden es nötig, dass diese separaten

Zuständigkeiten und trennenden

Strukturen abgebaut werden.

Der Bereich Barrierefreiheit, der

uns spätestens durch den Artikel 9

der UN-Behindertenrechtskonvention

bekannt geworden ist, beschreibt

die Entwicklung eines

Maßnahme- und Anforderungskataloges

zur Sicherung

barrierefreier Zugänge. Weiter geht

es um die Entwicklung und die Multiplikation

von Aufklärungs- und Infomaterial

in einfacher Sprache.

Die Weibernetzzeitschrift „Weiberzeit“,

kann man von der anderen

Seite in einfacher Sprache lesen.

Ich finde, das ist ein sehr gutes

Beispiel, ich lese die Sachen in einfacher

Sprache als Erstes, dann

weiß ich worum es im Wesentlichen

geht. Auch Beratungs- und

Kommunikationsstrategien in

einfacher Sprache gehören dazu.

Eine regionale Auflistung

barrierefreier Angebote, also Beratungsstellen,

Arztpraxen, Schutzeinrichtungen,

wie z. B. Münster

dies bereits gemacht hat.

Der letzte Bereich in denen wir

Handlungsempfehlungen entwickelt

haben, ist die Öffentlichkeits-

und Bewusstseinsarbeit, ein

ganz wichtiger Part. Das Netzwerkbüro

vertritt nicht erst seit der Ratifizierung

der UN-Behindertenrechtskonvention

das Paradigma der

Selbstbestimmung und Teilhabe

von Frauen mit Behinderung. Unsere

Broschüre „Sichtwechsel“ ken-

nen sie vielleicht schon. Wir lenken

den allvertrauten Blick von den

Handicaps behinderter Frauen auf

ihre Ressourcen und dokumentieren,

dass nicht die Behinderung,

sondern die ausgrenzenden gesellschaftlichen

Bedingungen

Barrieren schaffen und Teilhabe

verhindern.

Wir sehen in einer breit angelegten

Öffentlichkeitsarbeit zu den Themen

Behinderung, Gewalt gegen Frauen

und Männer mit Behinderung und

Sexualität von Menschen mit Behinderung

und eigentlich allen

Themen der UN-

Behindertenrechtskonvention eine

effektive Präventivmaßnahme gegen

Gewalt und Diskriminierung.

Das ist eine Langzeitaufgabe und

wir halten darüber hinaus Sensibilisierungsarbeit

für erforderlich,

z. B. über Kampagnen zur Herstellung

eines öffentlichen Bewusstsein,

über Machtgefälle, Machtmissbrauch

und Wahrnehmung der gesellschaftlichen

Verantwortung für

den Schutz von Schwächeren und

Kampagnen zum Abbau gesellschaftlichen

Normdenkens, das Aggression

mit Männlichkeit und Hilflosigkeit

mit Weiblichkeit gleichsetzt.

Unsere im Projekt erarbeiteten

Handlungsempfehlungen

wurden durch die aktuell herausgegebenen

Handlungsempfehlungen

der staatlichen Koordinierungsstelle

nach Artikel 33 UN-BRK bestätigt.

Diese hat ein Positionspapier herausgebracht

mit dem Titel „Frauen

und Mädchen“ mit Behinderung

besser vor Gewalt schützen, dies

kann man auf unsere Homepage

nachlesen. Wir und unsere Kolleginnen

vom Weibernetz haben entscheidend

daran mitzuarbeiten.

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Frauenbeauftragte der WfbM in Aachen, Andrea Bongard

Petra Stahr:

Mit großer Freude begrüße ich Andrea

Bongard heute hier im Landschaftsverband

Rheinland. Ein

erstmaliger großer Auftritt für Dich,

Andrea, Du hast gesagt, Du willst

Dich selbst vorstellen. Ich freue

mich riesig, dass Du hier bist.

Andrea Bongard (Frauenbeauftragte

der WfbM in Aachen):

Vielen Dank, dass ich hier sein darf.

Mein Name ist Andrea Bongard, ich

arbeite in den Aachener Werkstätten

und Service GmbH in Aachen,

seit 13 Jahren in der Küche, seit

2001 im Werkstattrat und ganz neu

eben als Frauenbeauftragte.

Petra Stahr:

Der Beifall gilt Dir. Frauenbeauftragte

in der Werkstatt – wie viele

gibt es in Deutschland?

Andrea Bongard:

Es gibt 14 ausgebildete Frauenbeauftragte,

davon nur zwei in NRW,

was sehr schade ist. Ich wäre dafür,

dass es mehr Frauenbeauftragte

in Werkstätten und Wohnheimen

gibt.

Petra Stahr:

Andrea, wie bist Du darauf gekommen

Frauenbeauftragte zu

werden? Hast Du Dir überlegt, ich

möchte Frauenbeauftragte werden,

oder wer hat Dich angestoßen?

Andrea Bongard:

Ich bin ja im Werkstattrat. Dort haben

wir einen Flyer bekommen von

„Weibernetz und people first“ über

die Ausbildung zur Frauenbeauftragten.

Davon war ich sehr angetan

und ich habe dann einen Be-

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werbungsbogen ausgefüllt, aus welchem

Grund ich Frauenbeauftragte

werden wollte. Ich bin froh, eine

geworden zu sein, eine ausgebildete

Frauenbeauftragte. Leider gibt es

dieses Politprojekt so nicht mehr,

da es Geld kostet.

Petra Stahr:

Ja, das ist sehr bedauerlich. Darüber

müssen wir später noch reden.

Wie sieht die Arbeit als Frauenbeauftragte

aus, was machst Du so?

Andrea Bongard:

Ich biete in der Werkstatt Frauensprechstunden

an, zu denen Frauen

zu mir kommen können, die Probleme

haben. Ich habe auch schon

vielen Frauen geholfen. Ich arbeite

außerdem auch noch in verschiedenen

Gremien, z. B. Arbeitssicherheit,

in der Lohnstufenkommission

bin ich und im Werkstattrat.

Petra Stahr:

Hast Du dafür genug Zeit, Du musst

doch arbeiten? Bekommst Du auch

Geld dafür?

Andrea Bongard:

Ich werde als Frauenbeauftragte

und auch für den Werkstattrat freigestellt.

Petra Stahr:

Welche Themen kommen auf Dich

zu? Wir sind ja heute in einer Fachtagung

zum Thema Gewalt, kannst

Du uns darüber etwas berichten?

Andrea Bongard:

Es kommen viele Frauen zu mir, die

Probleme haben mit ihrem Partner,

und eine Frau habe ich auch schon

zum Frauennotruf begleitet.


Petra Stahr:

Was hat die Frau zu Deinem Vorschlag

Hilfe von außerhalb, also

vom Frauennotruf, einzuholen gesagt?

Andrea Bongard:

Der Frauennotruf in Aachen ist leider

kein bisschen barrierefrei, ich

bedauere das sehr, aber die Zusammenarbeit

klappt trotzdem gut.

Ich habe direkt gefragt, wie es aussehen

würde, falls eine Rollstuhlfahrerin

eine Beratung bräuchte. Es

wurde mir gesagt, entweder kommt

eine Mitarbeiterin des Frauennotrufes

in die Werkstatt, oder aber wir

würden uns irgendwo anders treffen.

Petra Stahr:

Ich finde das ganz mutig, zu sagen,

Du hast Probleme und ich helfe Dir.

Du hattest mir schon erzählt, dass

die Frau Probleme mit sexualisierter

Gewalt hatte – und das war auch

nicht das erste Mal, dass Du mit

diesem Thema konfrontiert warst.

Über die Einzelfälle sprechen wir

heute aber nicht, sondern über deine

Arbeit.

Was würdest Du Dir für die Zukunft

wünschen?

Andrea Bongard:

Ich wünsche mir als Erstes, dass es

mehr Frauenbeauftragte in Werkstätten

und Einrichtungen gibt und

auch Ausbildungen dafür.

Petra Stahr:

Ausbildung zur Frauenbeauftragten.

Das Projekt ist jetzt leider abgeschlossen.

Wirst Du denn noch weiter

geschult?

Andrea Bongard:

Erst einmal nicht, da es eben keine

Ausbildungen gibt. Aber ich kriege

ganz viel Unterstützung von meiner

Werkstatt.

Petra Stahr:

Das hört sich gut an. Da kannst Du

dann hingehen und sagen: Ich habe

Probleme, ich brauche Eure Unterstützung.

Andrea Bongard:

Ja, das kann ich auf jeden Fall. Ich

habe auch eine Unterstützerin, die

heute hier ist: Sarah Isenrath.

Petra Stahr:

Du wirst also wirklich gut begleitet

und unterstützt. Das Thema Gewalt,

taucht das sonst noch irgendwie

auf, was die Räumlichkeiten

angeht zum Beispiel?

Wir haben gerade darüber gesprochen,

dass vielleicht alles zu eng ist

bei Euch, auch in der Werkstatt,

dass manche auch sehr frech werden

oder Euch diskriminieren. Gibt

es da auch Vorfälle?

Andrea Bongard:

Ja, das gibt es schon mal in den

Pausen, dann kriegen die aber direkt

was zu hören von mir.

Petra Stahr:

Ich muss sagen, ich bin total beeindruckt,

ich kenne auch Frauen aus

dem heilpädagogischen Therapiezentrum

in Saarburg, auch Frauen

mit einer Lernbeeinträchtigung oder

geistigen Beeinträchtigung. Ich bewundere

Euch und Eure Arbeit. Du

redest nicht groß drum herum,

sondern sagst, was Du brauchst,

um erfolgreich zu sein. Wir haben

hier heute auch Politikerinnen und

Politiker sitzen, andere Menschen,

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die sich kümmern können. Hast Du

da noch einen Wunsch, den Du loswerden

möchtest?

Andrea Bongard:

Wie gesagt, ich wünsche mir, dass

es mehr Frauenbeauftragte in

Werkstätten und Wohnheimen gibt

und Ausbildungen für diejenigen,

die es schon gibt und geben wird.

Petra Stahr:

Andrea, warst Du immer schon mutig

und stark?

Andrea Bongard:

Ich habe jetzt von einer Hauptamtlichen

aus der Werkstatt gehört, ich

wäre eine coole Rampensau, aber

ich bin ja auch schon Jahre im

Werkstattrat und mische gerne

überall mit. Und für Späßchen bin

ich auch zu haben.

Petra Stahr:

Aber Du kannst, wenn es nötig ist

auch jemandem auf die Finger klopfen

und sagen: So nicht. Bis hierhin

und nicht weiter.

Andrea Bongard:

Ja, Powerfrau eben.

Petra Stahr:

Andrea, ich danke Dir noch einmal

recht herzlich für Deinen Mut und

Deine Bereitschaft, hier von Deiner

Arbeit zu berichten und Dich befragen

zu lassen. Wer hat jetzt noch

Fragen?

Frage aus dem Publikum:

Was muss eine Frauenbeauftragte

können, um die Arbeit machen zu

können?

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Andrea Bongard:

Ich habe sieben Schulungen besucht,

die in Mainz stattgefunden

haben, und zu allen Schulungen

gab es verschiedene Themen, z. B.

Gewalt oder Frauennotruf-Besuche

und dort Frauenstellen. Das war

schon viel zu lernen.

Auch mit der Geschäftsleitung zu

sprechen: einmal im Jahr gibt es

ein Gespräch bei der Geschäftsleitung

und da reden wir über alle

Themen.

Frage aus dem Publikum:

Warum gibt es so wenige Frauenbeauftragte?

Andrea Bongard:

Die Aufgabe einer Frauenbeauftragten

ist noch sehr neu in Werkstätten

und Wohnheimen und teilweise

auch sehr kompliziert und schwer.

Es trauen sich nicht viele, an dieser

Ausbildung teilzunehmen.

Petra Stahr:

Ich möchte noch etwas ergänzen:

Wir haben das vorhin schon angesprochen,

das Thema Geld. Andrea,

Du hast gesagt, Du bekommst 350

Euro im Jahr, um deine Arbeit zu

erledigen.

Andrea Bongard:

Ja, und dazu sage ich, es ist zu wenig,

und ich habe auch ein Schreiben

aufgesetzt und ich habe vor,

das Schreiben an verschiedene Einrichtungen

zu schicken, z. B. an

Behindertenbeauftragter, Bundestag

und an den LVR.

Petra Stahr:

Hervorragend, das ist Demokratie

pur. Andrea, ich danke Dir nochmal

recht herzlich, dass Du heute hier

bist. Ich wünsche Dir alles Gute für


Deine Zukunft. Wir arbeiten an diesem

Punkt bestimmt zusammen, d.

h. wir unterstützen Euch in der Einrichtung

und in der Weiterförderung

von Frauenbeauftragten.

Wir vom Netzwerk werden sicherlich

darüber sprechen, mit unseren

Ansprechpartnerinnen im Ministerium

und mit dem Landschaftsverband

Rheinland, wie man diese Arbeit

stärker unterstützen kann. Ich

finde, das ist eine hervorragende

Sache. Das Projekt zur Ausbildung

von Frauenbeauftragten in Einrichtungen,

durchgeführt vom Weibernetz,

ist auf Bundesebene leider

eingestellt worden, das ist sehr

bedauerlich, gerade wo es doch so

offensichtlich eine gute Sache ist.

Ich finde, das ist die beste Prävention

durch Selbsthilfe. Andrea, ich

danke Dir. Alles Gute.

Andrea Bongard:

Vielen Dank.

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Projekt „Kompetenzzentrum – in Sachen Liebe unterwegs“

(2007-2010)

Beratungszentrum Lore-Agnes-Haus, Andrea Vogt

Ja, der Titel macht neugierig. Es

war so, dass wir in der Beratungsstelle

immer wieder Anfragen bekommen

haben zum Thema Sexualität

und geistige Behinderung.

Schwerpunktmäßig von Eltern oder

von Fachkräften oder auch von anderen

Beratungsstellen.

Wir haben gemerkt, es gibt keine

richtigen, adäquaten Antworten.

Andere Beratungsstellen konnten

nicht antworten, die hatten nicht

wirklich das Wissen, es fehlte an

Materialien und uns war klar, wir

müssen was machen, das ist ein

ganz großer Themenkomplex und

wir müssen uns diesem Thema annähern.

Dadurch, dass die Anfragen nicht

nur aus dem Essener Bereich kamen,

sondern auch weit über Essen

hinaus – ich habe letzte Woche

noch eine Anfrage aus Husum z.B.

bekommen – ist es wichtig, etwas

mobiles zu machen und zwar mobiles

im Regierungsbezirk Düsseldorf.

und zwar nicht nur mit der Zielgruppe,

also nicht nur mit Menschen

mit Behinderung zu arbeiten,

sondern auch mit dem Unterstützungssystem,

mit älteren Fachkräften

und dort Beratung anzubieten

zum Thema Sexualität und allen

Themen, die mit dem Thema Sexualität

eine Rolle spielen. Auch das

Thema Verhütung, aber auch das

Thema Liebe, das Thema Partnerschaft

und auch Schattenseite der

Sexualität, nämlich Themen wie sexualisierte

Gewalt, die auch häufig

ein Thema waren.

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Wir haben schnell festgestellt, in

Gruppenberatungen mit der Zielgruppe,

also mit Menschen mit Behinderung,

dass die Themen sich

eigentlich gar nicht so sehr unterscheiden

von den Themen von

Menschen ohne Behinderung und

da geht es ganz viel um das Thema

Liebe und Gefühle, das ist erst einmal

ganz wichtig. Bevor wir uns

dem Thema Sexualität nähern, ist

erst einmal Liebe und Gefühle ein

ganz breites Spektrum.

Wir haben in dem Projekt Material

extra anfertigen lassen, weil wir

schnell festgestellt haben, dass wir

mit unseren Standardmaterialien -

es gibt ein sogenanntes Holzpenismodell,

wo man das Kondom-

Training mit übt - nicht weiterkommen.

Menschen mit Behinderung

können das nicht umsetzen. Ich

hatte ganz am Anfang, ich kann ein

Beispiel berichten, ein ganz nettes

Pärchen bei mir in der Beratung, die

das Kondomtraining lernen wollten,

ich habe das mit denen geübt. Man

muss es stetig üben, d. h. es reicht

nicht nur eine Sitzung zu machen,

die kommen dann häufiger zu mir.

Beim vierten oder fünften Mal habe

ich gedacht, jetzt haben sie es verstanden,

die beiden sind Händchenhaltend

rausgegangen und wollten

den Holzpenis mitnehmen. Dann

war klar, nein, die wissen es nicht,

die wissen nicht, dass das Kondom

nicht über den Holzpenis kommt,

sondern über den eigenen Penis. D.

h. wir mussten Materialien anfertigen,

mit denen klar war, dass man

das übertragen kann auf den eigenen

Körper.


Wir haben Körperumrisse anfertigen

lassen, lebensgroße Körperumrisse,

die man bestücken kann, weil wir

schnell auch festgestellt haben,

dass Menschen mit Behinderung

häufig keine Sprache für den eigenen

Körper haben, das ist ganz

wichtig, gerade auch noch mal für

die Prävention für sexualisierte Gewalt.

Frauen und auch Männer,

müssen wissen, das ist ein Busen

und das ist eine Scheide.

Die Elternabende haben häufig

stattgefunden in den Schulen oder

auch in Elterninitiativkreisen. Dort

ging es häufig um Themen wie Pubertät,

aber auch um das Thema

Verhütungsmittel, um Selbstbefriedigung,

aber auch rechtliche Aspekte

zum Thema Sexualassistenz.

Ganz häufig mussten wir auch

Ängste abbauen. Auch da kann ich

gerne ein Beispiel nennen von einer

ganz netten, tollen Mutter: der

Sohn war 16, als er das erste Mal in

der Gruppe war, der war Autist und

sie hat sich immer so sehr gewünscht,

dass er eine Freundin findet.

Sie war dem Thema Sexualität

ganz offen gegenüber. Ein halbes

Jahr später rief sie mich an und

teilte mit, „mein Sohn hat jetzt jemand

kennengelernt und die wollten

zusammen auf das Zimmer, ich

habe die den ganzen Tag am Küchentisch

Mandalas malen lassen“.

Die Angst, dass oben im Zimmer

was passiert, war viel größer. Als

ich dann hinterher das Paar bei mir

in der Beratung hatte, war klar, da

ging es überhaupt nicht um das

Thema Sexualität, und da ist auch

immer wichtig noch einmal nachzufragen,

was verstehen die beiden

unter dem Thema Sexualität. Wenn

jemand in die Beratung kommt und

sagt, wir haben miteinander geschlafen,

dann heißt das nicht un-

bedingt, dass sie Sex miteinander

hatten, es kann durchaus sein, die

haben einfach nebeneinander gelegen

und haben nebeneinander

schön geschlafen.

Man muss da genau differenzieren

und daher komme ich noch einmal

gerne darauf zurück was Sie vorhin

gesagt haben, mit dem schnellen

Verschreiben von Verhütungsmitteln,

was wir leider auch immer erleben,

das wird häufig präventiv

gemacht um Schwangerschaft zu

verhindern, aber häufig wird gar

keine Sexualität praktiziert. Bei den

Gruppenangeboten für Fachkräfte

haben wir häufig in Teams Fall- und

Fachberatungen durchgeführt - leider

oft erst dann wenn das heiße

Eisen leider schon passiert ist.

Wenn ein Vorfall an sexualisierter

Gewalt passiert ist oder wenn der

Verdacht da war zu überlegen, ist

da wirklich was passiert oder ist da

nichts passiert.

In manchen Dingen konnte man

auch schnelle Abhilfe schaffen, in

manchen anderen Dingen leider

nicht. Auch da war häufiges Thema

Intimsphäre in der Pflegesituation,

wie können wir damit besser umgehen?

Wie können auch wir uns als

Mitarbeiter schützen, wenn ein 13jähriger

sich vielleicht in den Zivi

verliebt hat, was ja durchaus passieren

kann. Da muss man auch

schauen, wie gehe ich denn damit

um?

Was uns auch immer wichtig war,

war, dass wir versucht haben mit

den Mitarbeitern der Einrichtung

konzeptionell zu arbeiten, nämlich

zu schauen, wie können wir in unserem

Konzept vielleicht schon einen

Punkt zum Thema sexualisierte

Gewalt oder Prävention vor sexuali-

56


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

sierter Gewalt erarbeiten und auch

mit implementieren.

Frage:

Wie gut ist denn Ihr Angebot angenommen

worden?

Andrea Vogt:

Das Angebot lief über 3 Jahre und

ist wirklich gut angenommen worden,

wir hatten weit über 5000 Beratungen

zu diesen Themen. 1500

Einzelberatungen, davon über 500

Beratungen mit Menschen mit einer

Behinderung und 1000 Beratungen

von Fachkräften, dazu hatten wir

über 300 Gruppenveranstaltungen,

davon die Hälfte von/für Menschen

mit Behinderung. Von und für sage

ich ganz klar, weil wir auch manche

integrativ durchgeführt haben und

auch Gruppenangebote für Fachkräfte

und haben dadurch insgesamt

über 5000 Leute erreicht.

Frage:

Wie sieht es heute aus?

Andrea Vogt:

Heute sieht es so aus, dass die

Stelle leider 2010 ausgelaufen ist.

Das war eine volle Stelle, deshalb

konnten wir damals natürlich wesentlich

mehr Leute erreichen als

heute, das Thema ist uns weiterhin

auf jeden Fall wichtig, wir sind ein

sehr großes Team, wir konnten unser

Team schulen und wir machen

all das möglich was uns möglich ist.

D. h. wir beraten natürlich Menschen

mit einer Behinderung genauso

wie Menschen ohne Behinderung

weil uns einfach wichtig ist,

dass wir eine Beratungsstelle sind,

die offen ist für alle. Was auch so

sein sollte.

57

Frage von Gertrud Servos:

Ich bin Gertrud Servos, ich bin Mitglied

der Landschaftsversammlung

und vertrete also einen kleinen Teil

der Politik, aber ich bin auch Sprecherin

des Netzwerkes und vertrete

da auch einen kleinen Teil der Politik,

aber anders. Beides mache ich

ehrenamtlich. Ich möchte als Erstes

zu Ihrem Gesagten eine Anmerkung

machen. Sie haben ein gutes Beispiel

unterschlagen, nämlich die

Flirtschule. Ich fand das sehr wichtig,

es gibt eine Flirtschule für Frauen

und Männer mit Behinderung

damit sie einfach lernen, auch Kontakt

aufzunehmen. Ich glaube, dass

wir Partnerschaft nicht nur problembehaftet

sehen sollten, was man

immer bei Menschen mit Behinderung

als Erstes sieht, sondern, dass

es einfach Spaß macht und ich denke

auch diese Form der Aus- und

Fortbildung müsste weiter ausgebaut

werden. Daher jetzt noch meine

Frage, Sie haben gesagt, es gibt

dieses Projekt „Mobiles Kompetenzzentrum

– in Sachen Liebe unterwegs“

nicht mehr. Wie wird es aus

Ihrer Sicht weitergehen?

Ich möchte noch eine Frage anknüpfen.

Könnten Sie sich vorstellen,

dass es hilfreich ist, neue Konzepte

zu entwickeln, um Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter vorhandener

Beratungsstellen als Multiplikatoren

auszubilden? Ziel sollte es in NRW

sein, dass viel mehr Menschen mit

einer Beeinträchtigung von Ihrer

Beratungsarbeit profitieren können.

Das bedeutet, dass die in NRW zu

beratenden Menschen mit Beeinträchtigung

vor allem kurze Wege

zur Beratungsstelle haben sollten

und nicht zwingend bis zu Ihnen

nach Essen reisen zu müssen; so

schön das Ruhrgebiet auch sein

mag.


Dieses würde aus meiner Sicht dem

Gedanken der Inklusion entsprechen.

Das Dritte, was mir noch

ganz wichtig ist, bezieht sich auf die

Frage, ob Menschen, die sich nur

schwer sprachlich äußern können,

die Möglichkeit haben auf Gebärdendolmetscher

zurückzugreifen?

Halten Sie sprachfreie Angebote

oder gestützte Angebote für Menschen,

die sich nur mit Unterstützung

äußern können, vor?

Antwort von Andrea Vogt

Zum Einen finde ich ganz wichtig

noch einmal zu sagen, dass wir super

gerne auch Mitarbeiter in anderen

Beratungsstellen fortbilden,

denn ich sehe das genauso. Deshalb

würde ich ja z. B. auch nach

Husum fahren und dort die Mitarbeiter

schulen, damit die Mitarbeiter

dort vor Ort unsere Arbeit weiter

machen können.

Ich finde, da ist noch eine ganz

große Lücke, ich gebe Ihnen Recht,

die können nicht alle nach Essen

kommen. Ich habe durchaus auch

mit Frauen gearbeitet, die z.B. anhand

eines Talkers kommunizieren,

das ist bei uns möglich. In Bezug

auf Gebärdendolmetscher erleben

wir auch heute - u.a. in der

Schwangerschaftskonfliktberatung -

, dass es ganz oft schwierig ist, einen

Gebärdendolmetscher dafür zu

bekommen. Gerade in der Schwangerschaftsberatung

ist das Zeitfenster

sehr kurz, d.h. es muss sehr

schnell jemand zur Verfügung stehen.

Die Frauen wollen bei so einem

hochsensiblen Thema häufig

nicht ihre eigenen Dolmetscher

mitbringen, was völlig o.k. ist und

dann so schnell jemanden zu finden,

ist äußerst schwierig.

58


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu

Gewaltprävention für Frauen mit Behinderung,

LVR-HPH-Netz Niederrhein, Ute Bremm

Frau Stahr:

Jetzt kommen wir zum letzten

Highlight. Frau Ute Bremm, Sie sind

Regionalleiterin im HPH-Netz Niederrhein.

Wir haben auch bereits

miteinander telefoniert und da ich

in dem Bereich noch relativ Laie

bin, habe ich erst einmal gefragt:“

Frau Bremm, was haben Sie für

Aufgaben?“

Ute Bremm (LVR HPH-Netz Niederrhein)

Ich bin Ute Bremm, Regionalleitung

im LVR HPH-Netz Niederrhein. Ich

möchte erst einmal vorwegschicken,

dass das, was ich jetzt gleich

in meinen Ausführungen an Praxisbeispielen

zeige, durchaus auch den

Arbeitsweisen und den Konzepten

der anderen HPH-Netze entspricht,

mit denen wir ja zusammen arbeiten.

Damit spreche ich, wenn ich unsere

Praxis sage, auch immer über die

Arbeit der anderen Netze, das ist

mir ganz wichtig. Die arbeiten in

dem Bereich ganz genauso.

Das LVR HPH-Netz Niederrhein bietet

am Niederrhein, also in den

Kreisen Kleve, Wesel und in der

Stadt Duisburg für ca. 900 Menschen

mit geistiger Behinderung in

dezentralisierten Wohneinrichtungen,

also in stationären Settings

und im ambulant betreuten Wohnen

Wohnhilfen an. Das ist organisiert

in Regionen und eine dieser Regionen

wird von mir geleitet.

Ich bin dort verantwortlich für die

Qualitätssicherung und für die Qualitätsentwicklung

unserer Angebote,

da heißt bei mir jetzt ganz konkret

im Kreis Wesel für sechs stationäre

59

Wohneinrichtungen, in denen 123

Menschen leben, davon 48 Frauen

und für 30 Menschen im ambulant

betreuten Wohnen, da sind es 10

Frauen. Ambulant betreutes Wohnen

ist jetzt das Stichwort. Ich habe

ein kleines Video mitgebracht,

aus einer dieser betreuten Wohngemeinschaften

-eine reine Frauen

–WG, die wir auch ganz bewusst

konzeptionell als Frauen-WG angelegt

haben. Da sag ich gleich auch

noch näheres zu.

Vielleicht vorab, nur drei der Frauen

sprechen, alle sind gewaltbetroffene

Frauen. Eine der Frauen konnte das

Thema gar nicht aushalten, die

musste sich da rausziehen. Sie ist

schon bei der Nennung des Begriffs

Gewalt“ an diesem Traumabereich

dran, da mussten wir sehr aufpassen.

Die drei Frauen sind nicht nur geistig

behindert, sondern haben alle

auch die sogenannten Doppeldiagnosen.

Wir haben eine Suchterkrankung,

eine Psychose und eine

Persönlichkeitsstörung.

Ich habe das Video mitgebracht. Bei

der Erstellung war mir ganz wichtig,

in meinen Ausführungen nicht die

ganze Zeit über die Frauen zu sprechen,

sondern die Frauen auch

selbst zu Wort kommen zu lassen

und das tun sie.

Frau Stahr:

Wir haben schon über das Video

gesprochen. Zu Anfang ist eine Frau

zu sehen, die sehr schwer zu verstehen

ist, daher haben wir für

sehbehinderte oder blinde Frauen

im Publikum organisiert, dass die


Untertitel live von der Nachbarin

gedolmetscht werden.

Frau Ute Bremm:

Erschrecken Sie bitte nicht, die

Qualität des Filmes ist ziemlich

schlecht, wir haben das technisch

leider nicht anders hingekriegt,

aber ich glaube die sogenannte Betroffenenperspektive

kommt gut

rüber und das war uns am wichtigsten.

Vorführung des Videos

Text zu Video Frauen Wohngemeinschaft

Betreuung durch LVR HPH Netz

Niederrhein

Fr.S.: Wie ich verheiratet war, hatte

ich mich in einen verliebt. Hat auch

alles gut geklappt. Am Anfang

noch. Dann wurde das ganz

schlimm. Dann wurde ich richtig

durch die Wohnung durch gezerrt.

Wurde in die Kneipe dann mit geschleppt.

Wurde auf die Nase gepfeffert.

Der 2.Ehemann, mit dem

ich verheiratet war, der hat mich in

die Wiege geschubst. Und hat mich

aus der Wohnung rausgeschmissen.

Dann habe ich Schlagzeug gespielt.

Da wurde ich auch zusammengeprügelt

mit einem Baseballschläger.

Betreuerin: Wenn dir heute noch

mal jemand was Böses tun wollte…?

Fr.S.: Wenn ich jetzt noch… ich hab

ziemlich schlimme Sachen erlebt.

Meine Mutter weiß noch mehr als

ich…dann würde ich sofort…ich

konnte nicht die Polizei anrufen, ich

hatte kein….keine….ich konnte mich

nicht wehren…

Heute fühle ich mich stärker als wie

früher.

Betreuerin: Und ihr Beiden? Ihr

habt ja auch einiges zu erzählen.

Ihr habt ja auch schon Erfahrungen

mit Gewalt gehabt, oder?

Fr.K.: ..sehr viel…das möchte ich

jetzt nicht sagen…

Betreuerin: Brauchst du auch nicht.

Aber gibt es denn irgendwelche Sachen,

die ihr kennt, die ihr heute

macht, wenn euch irgendjemand

belästigt oder unter Druck setzt

oder Sachen macht, die ihr nicht

möchtet?

Fr.K.: Hmm - wenn mich einer

nachts dauerklingelt oder Telefonterror

macht, dreh ich mich einfach

um…stell auf lautlos…dann kann

anrufen wer will…so dass ich mal

ein bisschen Ruhe krieg…dass ich

nachts einschlafen kann…weil früher

war das so extrem…heute gar

nicht mehr so.

Betreuerin: Also machst du dein

Handy auf lautlos?

Fr.K.: es hat sich schon einiges getan…im

Gegensatz zu früher…

Zum Teil habe ich mir das selber

beigebracht und meine Mama hat

mir auch noch ein paar Ratschläge

gegeben…ja und seitdem ich hier

bin, hab ich hier meine Betreuerinnen,

die eine filmt da grad so

schön..und du…und Steffi…mit Steffi

kann ich über alles reden. Es ist

gut, dass es euch gibt.

Betreuerin: Und hast du auch schon

mal was erlebt, wo dich jemand

vielleicht überrumpelt oder schlecht

behandelt hat?

60


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Fr.M.: wenn der mich so…oder guten

Morgen sagt der dann…gibt

dann den anderen natürlich auch

die Hand. Und dann bin ich, glaub

ich die Letzte. Und dann zieht der,

der dann...ich habe die Jacke…weil

es so kalt ist… meine Hände in der

Manteltasche. Und zieht der die

immer so raus dann. Und dann

einmal wäre ich dann beinahe

…oder der wäre auf die Straße gefallen.

Betreuerin: Der wollte immer die

Hand aus deiner Tasche ziehen?

Fr.M.: Und dann hab ich dann einfach

mal einfach so gemacht….wie

der mich hochnahm.. wäre der

dann beinah auf die Straße gefallen,

aber ist nicht passiert

Betreuerin: Bist du einfach aufgestanden,

ne?

Fr.K.: Ja. Dann die letzte Zeit hat

der das dann nicht gemacht. Aber

heute wieder.

Betreuerin: Und was machst du

dann, wenn der dich so ärgert?

Fr.K.: Ja da war ich ganz laut am

Schreien und Brüllen. Ich sag: Lass

mich!

Frau Stahr:

Das kennen sicher viele aus ihrer

Arbeit mit Frauen mit Behinderung

oder wir kennen es als Frauen mit

Behinderung selbst auch, dass wir

immer wieder Situationen erleben,

wo man sagen muss: Lass mich!

Frau Bremm, Sie haben so viel zu

berichten, wir haben aber heute leider

nur wenig Zeit. Bitte können

Sie uns genau sagen, durch welche

Maßnahmen Sie betroffene Frauen,

61

im Sinne der Gewaltprävention, unterstützen?

Frau Bremm:

Unter Bezug auf den Vortrag von

Frau Prof. Dr. Hornbach versuche

ich das Wesentliche aus unserem

Systemzusammenhang heraus aufzulisten.

Es fehlen Leitlinien, es fehlen Fortbildungen,

das war die zentrale

Botschaft.

Unsere wesentlichen Leitlinien sind

u.a., das ist bei uns alles systematisch

im Qualitätsmanagement hinterlegt.

Das wird kontrolliert und da

gibt es keine Beliebigkeit. Wir haben

also eine systematische Erfassung,

z. B. der sogenannten Vorlieben

oder Abneigungen.

Hier kommt man ganz schnell an

Punkte, wo Frauen für sich sagen,

z.B. ich möchte nur von einer Frau

gepflegt werden. Darauf reagieren

wir dann. Oder wo sind meine

Schamgrenzen, die Haltung zu

Männern, die Haltung zu Sexualität.

Gerade wurde sehr alltagsnah deutlich,

wie problematisch das ist und

wie genau man da hin gucken

muss. Dann geht es direkt weiter in

den Bereich, den wir Risikomanagement

nennen. Das ist der Bereich

der Krisenprävention.

Wir nennen dies Krisenpräventionskonzept

und da ist man ja auch

schon direkt in der Gewaltprävention.

Da haben wir auch systematische

Erfassungsbögen, in denen

ganz dezidiert erfasst wird, wo die

Risikofaktoren liegen, wo die Verletzlichkeiten

und wo liegen die biografischen

Vorerfahrungen, die kritisch

werden könnten in bestimmten

Situationen.

Gibt es gar Trauma-Erfahrungen?

Dann wird genau erfasst, woran

man merkt, dass eine Frau in die


Krise kommt. Die kommt ja nicht

und sagt, ich bin in einer Krise. Das

müssen wir, besonders, wenn die

Frau sich nicht besonders gut artikulieren

kann, aus ihrem Verhalten

ableiten können; das wird genau

erfasst.

Ich möchte auch noch auf das Beschwerdemanagement

eingehen. Es

wurde gesagt, dass behinderte

Menschen in Einrichtungen keine

Möglichkeiten hätten, sich zu beschweren,

da sie in einem geschlossenen

System in einem Abhängigkeitsverhältnis

lebten. Dazu kann

ich ganz entschieden sagen, dass

das bei uns nicht möglich ist.

Es gibt zum Einen eine Kontrolle

von außen über das Wohn- und

Teilhabegesetz, welches ganz eindeutige

Kontrollmechanismen vorgibt.

Die kommen unangemeldet in

die Einrichtungen, überprüfen und

kontrollieren, was ich ganz super

finde.

Wir haben aber auch intern ein Beschwerdemanagement

mit

barrierefreien Aushängen, mit Piktogrammen,

damit ist jeder der

Kundinnen und Kunden in der Lage

zu realisieren, wer ist denn für mich

Ansprechpartner. Das sind aber

nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

sondern auch Mitbewohnerinnen

und Mitbewohner, die sich

entweder freiwillig als Unterstützer

melden oder es sind gewählte Interessenvertretungen.

Wir haben zwei

Räte, die als politische Interessensvertretung

für die Mitbewohnerinnen

und Mitbewohner aktiv sind.

Die Vorsitzende des Beirates z. B.

in meiner Region ist eine Frau, die

zwar nicht den Namen Frauenbeauftragte

hat, aber im Prinzip das

gleiche macht.

Vielleicht dazu ein Beispiel, da Beschwerdemanagement

so ein abstrakter

Begriff ist: es hat wunderbar

funktioniert am Beispiel dieser einen

Frau, die wir eben gesehen haben.

Sie hat im Laufe der Zeit gelernt,

sich in unseren Kundenbesprechungen,

die mindestens einmal monatlich

durchgeführt werden müssen -

manchmal finden sie sogar wöchentlich

statt - , sich zu Wort zu

melden und zu sagen,“ ich halte es

hier in der Einrichtung nicht mehr

aus“. Nicht, weil ihr die Einrichtung

zu viel war, sondern sie lebte in einer

Gruppe mit ganz vielen jungen

Männern, die ständig Randale gemacht

haben.

Dies hat unsere Beiratsvorsitzende

aufgegriffen und hat einen Brief geschrieben,

der ging dann an mich.

Wir haben reagiert und haben mit

einem großen Aufwand Umzüge innerhalb

des Hauses veranlasst. Wir

sind dann erst einmal mit mehreren

Frauen in ein Appartement gezogen

und von da in diese WG, die ich gerade

vorgestellt habe. Das ist ein

klassischer Weg.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

werden über die Leitlinien und

Maßnahmen, die ich gerade vorgestellt

habe, im Arbeitsalltag dazu

sensibilisiert, eine Haltung und eine

Achtsamkeit im Umgang zu finden.

Da genau hinzuhören und

schnell zu reagieren ist ein ganz

mühsamer Prozess und dazu sind

wir Tag für Tag in unseren verschiedenen

Gremien im Austausch.

Wir haben ein dezidiertes kundenorientiertes

Leitbild, mit der Hauptaussage

„unsere Unterstützung

dient der Selbstbestimmung der

Menschen“, das drückt unser Menschenbild

aus, das drückt unser

Wertesystem aus. Wir begegnen

62


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

uns auf Augenhöhe, wir gehen respektvoll

miteinander um, wir sind

alle anders, aber gleich, das ist,

abgesehen von den Maßnahmen,

schon eine Qualifizierung für unsere

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in

so einem System Haltung zu entwickeln.

Hinweis aus dem Publikum:

Als selbst Betroffene möchte ich

darauf hinweisen, dass auch im Zusammenhang

mit dem Thema Inklusion

es sehr wichtig ist, dass es

in den Schulen beginnt. Das Thema

63

gehört in die Schulen. Es ist wichtig,

dass man Umgang hat mit Menschen

mit verschiedenen Behinderungen

und deren Grenzen von

klein auf kennenlernt und vor allen

Dingen, dass auch dann für alle seitens

der Schule Aufklärung über

Gewalt, sexuelle Gewalt u.a. stattfindet.

Hier fängt Prävention an.

Frau Stahr:

Gibt es noch weitere Fragen an

Frau Bremm? Vielen Dank Frau

Bremm!


„Was nun – was tun?“

Diskussionsrunde mit Dr. Brigitte Sellach, Petra Stahr,

Martina Hoffmann-Badache, Martina Wenzel-Jankowski,

Roland Borosch, Gerhard Hermann, Hilke Buchholz

Frau Fankhaenel:

Sehr geehrte Damen und Herren, in

Anbetracht der Zeit würde ich gerne

an Sie alle je eine Frage stellen. Ich

bitte Sie, diese unter dem Blickwinkel,

was wir heute gehört haben

und was aus dem Plenum an uns

herangetragen wurde zu beantworten.

Thema unserer Podiumsdiskussion

ist: „Was nun, was tun?“.

Ich würde gerne mit Herrn Borosch

beginnen. Herr Borosch begleitet

dieses Thema schon sehr lange.

Frage an Herrn Borosch:

Inwieweit spielten für Sie bei der

Erstellung des Aktionsplanes „Eine

Gesellschaft für alle – NRW inklusiv“

die Erkenntnisse der Bielefelder

Studie eine Rolle?

Antwort Herr Borosch:

Die Landesregierung hat am

03.07.2012 den Aktionsplan „Eine

Gesellschaft für alle - NRW inklusiv“

verabschiedet. Einen solchen Aktionsplan

kann man nur unter

größtmöglicher Beteiligung derjenigen,

um die es eigentlich geht, erstellen.

Deshalb haben wir eine

Reihe von sogenannten NRW-

Dialogveranstaltungen durchgeführt,

um uns selbst zu vergewissern,

was eigentlich alles für diesen

Aktionsplan erforderlich ist und was

uns die Menschen mit Behinderung

sagen, die auch aus unserer Sicht

über eigene Kompetenz und Eigenexpertise

verfügen, die andere so

nicht haben. Im Rahmen dieser

Vorbereitungsveranstaltungen gab

es auch das Thema: „Gewalt gegenüber

Menschen mit Behinderung“.

Dabei ist u.a. herausgekommen,

was ich heute auch bei

der Vorstellung des Berichtes zur

Situation von Gewalt gegenüber

Frauen mit Behinderung bestätigt

bekommen habe.

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass

das Thema Bewusstseinsbildung,

so etwas wie inklusives Denken und

Handeln, die Achtung vor der Würde

der Menschen mit Behinderung

und alle Dinge, die mit diesem

Menschenbild in Verbindung stehen,

wie z. B. Teilhabechancen, mit in

die grundsätzlichen Überlegungen

des Aktionsplanes aufgenommen

wird. Dies wurde auch gemacht,

gegenwärtig sind wir dabei, eine

Kampagne zur Bewusstseinsbildung

vorzubereiten.

In all den Organisationen, mit denen

wir zu tun haben, ob in der eigenen

Landesregierung oder in

nachgeordneten Behörden, ist das

Thema Inklusion nicht in dem Maße

bewusst, dass es zum alltäglichen

Handeln gehört. Solange dies aber

nicht der Fall ist, werden wir immer

wieder auf Barrieren, vor allem in

den Köpfen und in den Einstellungen,

stoßen, die uns am Ende in

Situationen führen, in denen so etwas

wie strukturelle Gewalt, mangelnde

Akzeptanz, Verniedlichung

oder Herabsetzung passiert.

64


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Ich denke, diese Kampagne zur

Bewusstseinsbildung ist etwas ganz

Wesentliches und wir tun da auch

einiges, so sind wir z.B. dabei, unsere

eigenen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter zu schulen. Wir werden

an dieser Stelle mit der Landeszentrale

für politische Bildung sehr eng

zusammen arbeiten. Wir qualifizieren

auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter aus der

Selbsthilfebewegung der Menschen

mit Behinderung, in diesem Bereich

gibt es zahlreiche Organisationen,

mit denen wir zusammen arbeiten.

Am 20.12.2012 werden wir einen

Inklusionsbeirat einrichten, in

dem der weit überwiegende Teil

derjenigen, die dort mitarbeiten

und die Landesregierung unterstützen

und beraten sollen, aus dem

Kreis der Organisationen und Verbände

der Menschen mit Behinderung

kommen, die uns bei all dem,

was wir tun, begleiten.

Zudem gibt es einige Einzelprojekte.

Wir arbeiten mit dem „Netzwerk

Frauen und Mädchen mit Behinderung

NRW“ zusammen. Wir werden

gemeinsam ein Genderprojekt insbesondere

bezogen auf die Kommunen

einrichten, in dem wir uns

mit der Frage beschäftigen, wie das

mit der Umsetzung der UN-

Behindertenrechtskonvention im

Kontext der Gleichstellung von

Frauen und Männern ist, da spielen

Fragen zur Gewalt, struktureller

Gewalt, häufig auch mit hinein.

Wir werden eine Bestandsaufnahme

im Bereich der Beratungsangebote

machen. Wenn man sich mit

dem Thema Beratungsangebote für

behinderte Menschen beschäftigt,

wird man feststellen, Vielfalt ist

schön, aber was uns da an Vielfalt

65

begegnet, ist unglaublich. Wenn

man dann mal schaut, wer mit wem

nicht zusammenarbeitet, was alles

nebeneinander steht und was noch

längst nicht zusammenarbeitet…

Es ist ja auch ein Stück Inklusion,

dass diejenigen, die an der gleichen

Stelle arbeiten oder in Schnittbereichen

tätig sind, zusammen arbeiten.

Wir erleben jeden Tag aufs

Neue, dass es bei Behörden, bei

großen Verbänden, bei Firmen, in

der gesamten Gesellschaft Bereiche

gibt, in denen genau das nicht passiert.

Wir stellen uns vor, dass wir

die Beratungsangebote zu einem

ganz wichtigen Thema machen.

Dass es eine Sensibilisierungscheckliste

gibt, gehört in diesen Zusammenhang

mit hinein.

Wir haben begonnen, in NRW

Kompetenzzentren für selbstbestimmtes

Leben aufzubauen, eines

in Köln beim „Zentrum für selbstbestimmtes

Leben" Behinderter e.V.

Köln“, das zweite in Dortmund, im

westfälischen Landesteil, bei dem

Träger „MOBILE Selbstbestimmtes

Leben Behinderter e.V.“. Dies sind

Organisationen, die aus der Selbsthilfebewegung

kommen, die ausschließlich

aus der Perspektive der

Menschen mit Behinderung an der

Interessenvertretung arbeiten und

die als Anlaufstelle fungieren sollen.

Wir wollen nicht bei diesen zweien

bleiben, sondern den Aufbau von

Kompetenzzentren ausweiten, um

an dieser Stelle bewusstseinsbildend

in die Region hinein zu wirken.

Dies gilt auch für das Ansprechen

solcher Fragen, wie Gewalt

gegenüber Frauen und Menschen

mit Behinderung.

Wir sorgen derzeit gemeinsam mit

dem Behindertensportverband mittels

Qualifizierungsmaßnahmen da-


für, dass bei der Auswahl und Arbeit

der Übungsleiter darauf geachtet

wird, dass an diesen Stellen

Menschen eingesetzt werden, die

auch wirklich im Sinne der Menschen

mit Behinderung tätig sind

und nicht aus subtilen und bösartigen

eigenen Interessen. Gerade der

Sport ist ganz offensichtlich einer

der Bereiche, in denen insbesondere

hinsichtlich sexualisierter Gewalt

gegenüber Frauen und Mädchen

vieles im Argen liegt.

Im Aktionsplan sind einzelne Maßnahmen

zu sehen: Qualifizierung

der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

in Pflegediensten, Qualitätssicherung,

die Umsetzung in der Pflege.

Die Sensibilität, die notwendig ist,

um Problemen wie der Gewalt gegenüber

abhängigen Menschen entgegen

zu wirken, wird dort gestärkt.

Eine zentrale Erkenntnis für

mich, bei allen Diskussionen die ich

zum Thema Gewalt geführt habe,

ist die, dass die Quote, das tatsächliche

Vorfinden von Gewalt gegenüber

Menschen, immer dort am

größten ist, wo auch ein hohes Maß

an Abhängigkeit besteht.

Dies ist ja auch ein zentrales Ergebnis

ihrer Studie, welche mich in

dieser Hinsicht zusätzlich bestätigt

hat.

Ich bin froh, dass es solche Studien

wie diese, die Sie heute vorgestellt

haben, gibt. Auch wenn manche

Leute sagen, das hätten sie ja alles

schon vorher gewusst, ist es für die

Diskussion über dieses Thema aus

meiner Sicht ganz wichtig, dies

auch quantitativ bestätigen zu können.

Wir werden zur Unterstützung des

Inklusionsbeirates für das Land

NRW auch einen Fachbeirat haben,

der sich mit dem Thema „Partizipation

für Menschen mit Behinderung

beschäftigt. Dort werden wir diesem

Thema eine Menge Zeit widmen,

um diesen Aspekt wirklich

vernünftig aufzuarbeiten.

Ein ganz wichtiger Punkt ist der

Aufbau von Selbstbewusstsein von

Menschen mit Behinderung. Dies

hängt auch damit zusammen, dass

man Menschen mit Behinderung die

Chance gibt, ihre eigenen Interessen

entsprechend zu vertreten. Dazu

gehört wiederum, dass man die

Menschen fit macht, damit sie allen

anderen Beteiligten auf Augenhöhe

entgegentreten können. An diesem

Aspekt arbeiten wir mittels Lotsenprojekten,

ehrenamtlicher Qualifizierung

und anderer Dinge. Natürlich

wollen wir auch im Rahmen der

Vertretung der politischen Interessen

der Menschen mit Behinderung,

insbesondere auf der kommunalen

Ebene, zusammen mit den Kommunen

Wege finden, um das zu

verbessern, was noch im Argen

liegt.

Frau Fankhaenel:

Herzlichen Dank, Herr Borosch.

Bleiben wir doch bei unseren Ministerien.

Herr Herrmann, wie sieht es im Ministerium

für Gesundheit, Emanzipation,

Pflege und Alter des Landes

Nordrhein-Westfalen (MGEPA) aus,

welche Konsequenzen, welche Maßnahmen

stehen in Ihrem Hause an?

Herr Herrmann:

An erster Stelle möchte ich das

Selbstbestimmungsrecht nennen.

66


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Wer unseren Flyer kennt, weiß,

dass das Selbstbestimmungsrecht

eine zentrale Kernbotschaft des Ministeriums

ist, die sich durch unser

ganzes Haus zieht. Dies betrifft

selbstverständlich auch Frauen mit

Behinderung, die selbstbestimmt

leben und wohnen können sowie

auch in allen anderen Bereichen

teilhaben sollen.

Als die heute vorgestellte Studie

veröffentlicht wurde, haben wir

deshalb auch auf Bundesebene und

im Bundesrat zwei Beschlüsse mitgetragen

und mit in die Wege geleitet,

die eine Selbstverpflichtung für

die Gleichstellungs- und Frauenministerien

der unterschiedlichen

Bundesländer beinhalten. Das ist

die übergeordnete politische Ebene,

aber wir sind auch in unserem Ministerium

dabei, die verschiedensten

Dinge anzugehen.

Vorhin gab es einen Hinweis aus

dem Plenum, der Notruf in Aachen

sei nicht barrierefrei. Selbstverständlich

müssen wir uns damit

auseinandersetzen, dass viele Frauenhäuser

und Notrufe in NRW derzeit

noch nicht barrierefrei sind und

dass wir dahin kommen müssen,

tatsächlich flächendeckende Barrierefreiheit

zu erreichen.

Wir werden das sicherlich im Rahmen

des sehr breit aufgestellten

„Landesaktionsplanes gegen Gewalt

an Frauen und Mädchen“ tun. Dieser

Aktionsplan hat alle Frauen und

Mädchen im Blick, wobei wir bereits

entschieden und beschlossen haben,

dass Frauen und Mädchen mit

Behinderung besonders im Fokus

stehen. Ich verspreche mir von diesem

Aktionsplan, der nach und

nach entwickelt wird, dass viele

Handlungsschritte zur konkreten

Verbesserung der Situation verab-

67

redet worden sind, wenn er 2014

endgültig fertig ist. Das „Netzwerk

Frauen und Mädchen mit Behinderung

ist auch mit am Tisch und

kann sich entsprechend einbringen.

Ein weiterer Schritt, der auch schon

angesprochen wurde, ist der, dass

wir das Wohn- und Teilhabegesetz

ändern werden (auf diesem

Gebiet bin ich aber nun tatsächlich

kein Spezialist). Ein Arbeitsentwurf,

der gestern mit der Ministerin diskutiert

worden ist, soll die Einzelzimmerquote

für neue Einrichtungen

festschreiben, zudem soll verankert

werden, den Ausbau von

Einzelzimmern weiter voranzutreiben.

Auch wird ein Kernelement

sein, inwieweit in den noch bestehenden

Mehrbettzimmern verpflichtend

die Frage gestellt werden

muss, wer mit wem untergebracht

werden und wohnen möchte.

Insgesamt wird ein zentraler Aspekt

sein, das Wohn- und Teilhabegesetz

geschlechtergerecht zu gestalten,

dies soll eindeutig im Gesetz formuliert

sein. In den nächsten Monaten

wird der sehr umfangreiche und

partizipierend angelegte Prozess

beginnen, das Wohn- und Teilhabegesetz

tatsächlich entsprechend zu

ändern.

Insofern bitte ich Sie, entsprechend

Einfluss zu nehmen und sich zu

melden, damit wir in die Diskussion

darüber, was sinnvoll und was

machbar ist, einsteigen können.

Ein weiterer Aspekt ist die Förderung

von alternativen Wohnformen.

Zusätzlich befassen wir uns seit

dem Frühjahr mit dem Thema Gewalt

in der Pflege allgemein. Häufig

haben lebensältere und pflegebedürftige

Menschen den Status


eines behinderten Menschen. Insofern

wollen wir uns natürlich auch

von dieser Seite, sehr sensibel aber

dennoch konsequent, diesem Thema

widmen und schauen, wie wir

da z. B. auch über Aus- , Fortbildung

und Weiterbildungsangebote

sinnvolle Schritte gehen können.

Ein nächster Schritt ist, dass nach

unserer Zuarbeit zum Aktionsplan

„Eine Gesellschaft für alle – NRW

inklusiv“ im Frühjahr ein hausinterner

Workshop unter Beteiligung

der Ministerin stattfinden

wird. In diesem werden wir die

Themen diskutieren: Was heißt Inklusion

für unser Ministerium? Welche

Schritte müssen wir in den einzelnen

Fachbereichen gehen?

Natürlich wird auch die Abteilung

„Emanzipation“ beteiligt, damit sind

folglich auch die Aspekte Sexualität

sowie Behinderung und sexualisierte

Gewalt wichtige Themen.

Ein weiterer Punkt ist das Gesundheitssystem

insgesamt. Im Bereich

der Psychiatrie, für die wir auch zuständig

sind, gibt es derzeit eine

sehr intensive Auseinandersetzung

über das Betreuungsrecht und

über die damit verbundenen Möglichkeiten

Zwangsbehandlungen,

Zwangseinweisungen vorzunehmen.

Das Thema Zwangsbehandlungen

wird uns nicht nur in diesem eng

begrenzten Gesetzesverfahren beschäftigen,

sondern wir werden uns

im kommenden Jahr und darüber

hinaus mit dem Thema einer

„menschlicheren Psychiatrie“ befassen.

Dies wird die Aspekte

Zwangsmedikation, alles, was mit

Zwangsmaßnahmen zusammenhängt

sowie jegliche Gewaltformen

einschließen.

Die Förderung, beispielsweise auch

des „Netzwerkes für Frauen und

Mädchen mit Behinderung“, steht

nicht in Frage, dies ist auch im Koalitionsvertrag

so festgeschrieben.

Das Thema war, ist und bleibt dem

Ministerium wichtig, wir werden intensiv

daran weiterarbeiten. In diesem

Sinne stehe ich natürlich auch

für Fragen gerne zur Verfügung.

Frau Fankhaenel:

Herzlichen Dank, Herr Herrmann.

Nun begrüße ich Frau Buchholz,

beim AWO Bezirksverband Niederrhein

e.V. Referentin für den Bereich

Menschen mit Behinderung.

Frau Buchholz:

In den Beispielen meiner Vorredner

ist deutlich geworden, dass eine

ganze Menge passiert, aber, das ist

auch durch die Studie klar geworden,

offensichtlich nicht genug.

Ich würde gerne den Schwerpunkt

des Bereiches Wohnen herausgreifen.

Ich selbst bin Vertreterin

der Arbeiterwohlfahrt im Arbeitsausschuss

Hilfen für Menschen mit

Behinderung, in dieser Funktion sitze

ich auch hier. Ich denke, wir

müssen in zwei verschiedenen Richtungen

tätig werden.

Zum einen intern, d.h. wie sieht es

in unseren Einrichtungen und

Diensten aus. Diesbezüglich kann

ich mich nur meinen Vorrednern

anschließen. Natürlich haben wir

auch das Gefühl oder den Eindruck,

dass die Kollegen gut arbeiten und

unserem Leitbild folgen.

Aber dennoch trauen sich Frauen

nicht, sich zu melden wenn sie betroffen

sind. An dieser Stelle müssen

wir intern schauen, wie müssen

oder wie können wir unser Beschwerdemanagement

anders aufbauen,

denn klar ist, dass eine Ab-

68


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

hängigkeit der Bewohnerinnen und

Bewohner vorhanden ist, das kann

man auch nicht vom Tisch fegen.

Folglich stellt sich die Frage, wie wir

ein externes Beschwerdemanagement

noch anders aufbauen können,

wie Dienste noch niederschwelliger

sein können, so dass

Frauen dort hingehen. Vielleicht benötigen

wir noch mehr KoKoBe‘s

oder Sozialpsychiatrische-Zentren.

Wichtig ist auch die Fortbildung von

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Wir haben weiterhin für uns thematisiert,

das ist auch unsere Empfehlung

an alle, uns dafür einzusetzen,

dass neue Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter ein erweitertes Führungszeugnis

vorlegen müssen. Das

ist nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe

erforderlich, sondern wir

sprechen uns dafür aus, dies auch

in der Eingliederungshilfe umzusetzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der:

Wie können wir die Frauen stärken?

Wie können wir sie noch mehr beteiligen

oder Ihnen Mut machen,

sich wie Frau Bongard direkt einzusetzen?

Wir haben in allen Einrichtungen,

auch in den ambulanten

Bereichen, Behindertenbeiräte oder

Selbstorganisationen. Vielleicht ist

das beim Landschaftsverband

Rheinland einfacher, aber ich erlebe

es bei der AWO so, dass es nicht

immer leicht ist, Menschen dafür zu

gewinnen, in diesem Bereich tätig

zu werden. In dieser Hinsicht müssen

wir noch aktiver werden und

uns vielleicht noch andere Methoden

überlegen.

Innerhalb der AWO diskutieren wir

sehr wohl, wie wir Frauenbeauftragte

in den Einrichtungen implementieren

können. Vielleicht kommen

69

wir auf Sie zurück, was wir tun

können um Frauen zu erreichen, die

gerne mitmachen möchten. Das

wäre sozusagen nach innen zu

schauen, das müssen die Einrichtungen

für sich tun, wir müssen ihnen

Anregungen geben.

Auch nach außen geschaut gibt es

viele Themen wie z.B. die Zwangsbehandlung.

Beim Thema Zwangsbehandlung

sind wir gemeinsam mit

der Freien Wohlfahrtspflege aktiv.

Auch die Frage, wie wir uns untereinander

vernetzter organisieren

können, diskutieren wir gemeinsam

mit der Freien Wohlfahrtspflege. Im

Bereich Arbeit gibt es den Querschnitt

zwischen den Fachausschüssen

und ich denke, im Bereich Altenpflege

besteht diese Vernetzung

auch. Aber sicherlich bezieht es sich

auch auf den Bereich Frauen, in

dem wir aus Sicht der Eingliederungshilfe

aktiver auf die anderen

Kollegen zugehen müssen.

Natürlich betreiben wir auch Öffentlichkeitsarbeit

und bemühen uns,

die Menschen mitzunehmen. Denn

auch wenn sich die Einrichtungen

und Dienste darauf einstellen, die

Nachbarschaft tut es nicht immer.

Da stellt sich die Frage, wie wir das

Miteinander organisieren und alle

Beteiligten einbeziehen können,

damit es für alle im Sinne der Inklusion

einfacher wird.

Frau Fankhaenel.

Herzlichen Dank, Frau Buchholz.

Frau Hoffmann-Badache, welche

Erwartungen haben Sie an die Leistungserbringer,

damit Frauen mit

Behinderung besser vor Gewalt geschützt

werden?

Frau Hoffmann-Badache:

Es wurde ja im Vortrag der beiden

Wissenschaftlerinnen deutlich, dass


Frauen mit Behinderung das Leben

in einer Einrichtung ganz anders

wahrnehmen, als das Leben in einem

eigenen Haushalt.

Das waren für uns ganz wichtige

Hinweise, um noch einmal zu

schauen, welchen Beitrag wir, gemeinsam

mit den Leistungserbringern,

also mit den Trägern der

Wohnangebote, leisten können und

welche Schritte wir gemeinsam in

Richtung selbständige Wohnformen,

in Richtung mehr Selbstbestimmung,

gehen können. Denn dies

war ja ein wesentliches Ergebnis

der Studie, dass in der eigenen

Häuslichkeit ein viel selbstbestimmteres

Leben möglich ist.

Ein weiteres Stichwort sind die

Werkstätten für Menschen mit Behinderung.

Der Bericht der Gleichstellungsbeauftragten

Frau Bongard

hat mich sehr beeindruckt. Sie,

Frau Bongard, haben berichtet,

dass Sie an einer Fortbildung teilgenommen

haben, die es in dieser

Form nicht mehr gibt. Das ist ein

Hinweis für uns als Landschaftsverband

Rheinland, an dieser Stelle

weiter zu überlegen, was wir gemeinsam

mit den Werkstätten und

gemeinsam mit Ihnen und Ihren

Kolleginnen und Kollegen in den

Werkstatträten tun können.

Ein weiteres Thema, welches auch

von Frau Vogt angesprochen wurde,

ist die Beratung der Menschen mit

Behinderung. Sie haben berichtet,

dass Sie zum Teil, auch gemeinsam

mit Betroffenen beraten und gute

Erfolge erzielt haben. Das hat mich

hellhörig gemacht. Auch diesbezüglich

stellt sich uns die Frage,

wie wir auf Ihre Erfahrungen aufbauen

und in dieser Hinsicht weiter

machen können.

Frau Fankhaenel:

Herzlichen Dank, Frau Hoffmann-

Badache.

Frau Wenzel-Jankowski, was nehmen

Sie aus institutioneller Sicht

von den Ergebnissen des heutigen

Tages mit?

Frau Wenzel-Jankowski:

Diese Studie, mit der wir uns heute

beschäftigt haben, hat sehr deutlich

gemacht, dass verschiedene Wahrnehmungswelten

nebeneinander

bestehen. Dies wird sehr deutlich,

wenn man sieht, was behinderte

Frauen darüber berichtet haben,

wie sie institutionelles Wohnen und

den Umgang miteinander dort erleben.

Diesbezüglich sind für mich drei Aspekte

sehr wichtig:

Zum einen das Thema Haltung.

Wir möchten den Ansatz „Wir sind

anders aber gleich“ aus den Köpfen

auch in die Maßnahmen, in das tägliche

Geschäft und Miteinander

überführen. Dabei geht es nicht um

gut gemeintes Überbefürsorgen. In

dieser Hinsicht ist in den Angeboten

des Landschafsverbandes schon eine

Menge im Gange, wie Frau

Bremm vorhin ausgeführt hat. So

sind wir bspw. hinsichtlich Fortbildung

und Qualifizierung der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter auf dem

richtigen Weg. Dies muss man nun

an der Studie messen und schauen,

ob uns die Ergebnisse zufrieden

stellen oder ob wir uns das ein oder

andere näher anschauen müssen.

Ein sehr wichtiges Thema ist auch

das Thema Wohnen. Ich meine

nicht das ambulant betreute Wohnen,

diesbezüglich sind wir mit den

Heilpädagogischen Hilfen sowie den

70


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

sozialen Reha-Einrichtungen der

LVR-Kliniken ein großer Anhänger

und Fan. Wir sind davon überzeugt,

dass ambulant betreutes Wohnen

ein gutes Modell ist. Gleichwohl sind

wir auch für Menschen zuständig,

die man nicht ohne weiteres in ambulante

Wohnformen überführen

kann, weil sie schwer mehrfach behindert

sind oder besonders herausforderndes

Verhalten zeigen.

Im betreuten Wohnen haben wir,

wie ich eben ausführte, unsere

Gruppen, in denen jeder ein Einzelzimmer

hat und sein Bad abschließen

kann. Dennoch stellt man sich

die Frage, geht das nicht auch anders?

Gibt es alternative Wohnmodelle,

die man ausprobieren kann?

Das ist ein Punkt, den ich mitnehme:

Wir werden verschärft darüber

nachdenken, was geht noch, was

kann anders sein.

Der dritte Aspekt ist das Empfinden.

Dies meint das Leben unserer

behinderten Frauen und Männer in

den Einrichtungen, was ihre Teilhabe,

ihre Selbstgestaltung, ihre Artikulation

dessen was sie wollen und

was sie nicht wollen, betrifft.

Wir haben gehört, dass wir ein Beschwerdemanagement

haben und

dass wir in Gesprächen miteinander

die biografischen Erfahrungen austauschen.

Die Frage ist: Was folgt

daraus? Tun wir an dieser Stelle

genug oder kann man das auch

weiterentwickeln?

Es gibt die charmante Idee der

Frauenbeauftragten in WfbM - Warum

nicht auch in den Wohnangeboten?

Dieses Thema werde ich

mitnehmen und diskutieren.

71

Frau Fankhaenel:

Herzlichen Dank, Frau Wenzel-

Jankowski.

Frau Dr. Sellach, Sie haben die Vertreterinnen

und Vertreter der Institutionen

und Verbände hier auf

dem Podium gehört, wie bewerten

Sie die ersten Konsequenzen dieser

Runde?

Frau Dr. Sellach:

Ich verfalle in totale Lobpreisungen,

es wäre völlig verrückt, wenn ich

jetzt etwas anderes sagen würde.

Man sollte jeden ersten Schritt aufgreifen

und sagen: Prima, mach

doch mal endlich. Insofern wünsche

ich Ihnen alles Gute auf Ihrem

Weg.

Trotzdem hätte ich noch ein paar

Anmerkungen. Zum Beispiel Ambulant

betreutes Wohnen. Wir haben

die Frauen in Einzelwohnungen darüber

befragt, ob sie betreut werden.

Die Frauen teilten uns mit: Ja,

manchmal kommt da jemand. Wir

haben gefragt: Hast du einen Betreuer?

Was macht der denn?

Die Frauen wussten hierauf keine

Antwort. Also, manchmal kommt da

jemand hin, fragt ob alles in Ordnung

ist und das war’s. Das war

betreutes Einzelwohnen. Betreutes

Einzelwohnen ist heute in der sozialpolitischen

Landschaft ein Sparmodell,

weil es viel billiger ist, als

stationäre Unterbringung. Hier

muss man ganz genau hinschauen.

Ein erster Ansatz könnte sein, alle

Einrichtungen einzuladen, um mit

ihnen über die Studie in Bezug auf

die Ergebnisse der Einrichtungen zu

diskutieren. Diese Ergebnisse könnte

man von den Einrichtungsleitungen

und Geschäftsführungen bewerten

lassen und auch noch einmal

fragen, wie die darüber hinausgehenden

Konzepte, nämlich Ein-


zelzimmer einzurichten, aussehen.

Welche Wohnkonzepte gibt es für

Frauen? Wir müssen auch die Behinderung

bedenken.

Es muss erstens Übergänge geben,

zweitens muss es auch andere

Wohnformen geben.

Frau Schröttle und ich haben an einem

Standort selbst die Einrichtungsbefragung

gemacht, weil uns

das mal interessiert hat. Was wir

für hässliche Einrichtungen gesehen

haben, das können Sie sich überhaupt

nicht vorstellen.

Es war nicht wohnlich dort. Davon

waren nicht nur die Frauen betroffen

oder die Menschen, die dort leben.

Wir waren in einem

Betreuerzimmer, ein ganz schmaler

Schlauch, dort habe ich die Frauen

befragt. Diese Räumlichkeiten waren

auch für die Betreuer unangenehm.

Wie sollen Menschen, die dort arbeiten,

Personal, wie sollen die den

Frauen eine angenehme Atmosphäre

ermöglichen, wenn sie selbst

keine angenehme Atmosphäre haben.

Also, wie sind die Arbeitsbedingungen

z. B. von Personal in

diesen Einrichtungen?

Wir haben in Deutschland so einen

Begriff von Gemütlichkeit, den haben

die Frauen auch. Da gibt es

Haushalts- und Ernährungswissenschaftlerinnen,

die haben z. B. so

etwas wie Raumkonzepte entwickelt,

die haben Beispiele von gutem

Wohnen erarbeitet, diese sollten

einbezogen werden.

Ich vermute, dass niemand von Ihnen

auf der verantwortlichen politischen

Handlungsebene einen Überblick

über die Gestaltung der Einrichtungen

in Ihrem Verantwortungsbereich

im Rheinland hat.

Deshalb, nicht weil ich eine Wissen-

schaftlerin bin, schlage ich vor:

Lassen Sie doch mal eine kleine Untersuchung

und Bestandsaufnahme

machen, wie sieht es eigentlich in

Ihren Einrichtungen aus? Wie viele

Menschen wohnen da zusammen

auf einer Etage? Wie ist das Leben

organisiert? Wie ist die Qualität der

Einrichtung? Wie beurteilen die

Menschen die dort leben „Ihre“ Einrichtung?

Wie essen die Menschen?

Ich habe Abendbrotessen auf dem

Tisch gesehen, das war so etwas

von jenseits. Das ist die Realität

heute, dies ist keine Trägerbeschimpfung.

Es waren alle Träger

beteiligt, gerade deswegen müssen

wir noch genauer hinsehen.

Das Wohnen liegt mir wirklich am

Herzen, weil das der Alltag der

Menschen ist. Was ist z.B. auch ohne

viel Geld möglich? Was kann

man mittelfristig und auch langfristig

tun?

Frau Fankhaenel:

Ich danke Ihnen, Frau Dr. Sellach.

Gerne möchte ich aus Sicht

Nordrhein-Westfalens Frau Hoffmann-Badache

und Herr Borosch

antworten lassen.

Frau Hoffmann-Badache:

Ihre Ausführungen haben mich betroffen

gemacht. Es ist keinesfalls

so, dass im Rheinland das betreute

Einzelwohnen die einzige Alternative

zum stationären Wohnen ist. Es

ist keinesfalls so, dass das Ambulant

betreute Wohnen von uns als

Sparmodell angelegt ist. Diese Hypothese

weise ich ganz entschieden

zurück.

Das Leben alleine in der eigenen

Wohnung ist eine Wohnform, die

ein Mensch mit Behinderung wählen

kann, wenn er oder sie das möchte.

72


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Wir sind als Leistungsträger verpflichtet,

in diesem Falle die Hilfen

bereit zu stellen, die der Mensch

mit Behinderung benötigt. Unsere

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

sind diejenigen, die diesen Bedarf

zu ermitteln haben. Unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter sind

auch dafür da, sicherzustellen, dass

die Leistungen, die erforderlich

sind, erbracht werden. Ambulant

betreutes Wohnen ist kein Sparmodell,

das weise ich nochmals entschieden

zurück.

Es ist so, dass es verschiedene

Wohnformen und Wohnmöglichkeiten

gibt, alleine oder in der Gruppe.

Es gibt eine große Vielfalt von Möglichkeiten,

die durch die Leistungsanbieter

gestaltet und durch den

Landschaftsverband Rheinland unterstützt

werden. Diese Form der

Verallgemeinerung ist nicht zielführend.

Frau Dr. Sellach:

Das war jetzt nicht verallgemeinernd

gemeint. Es gibt Regionen, in

denen wird das Ambulant betreute

Wohnen dazu genutzt, nicht als

Übergang. Man muss die Situation

immer vor dem Hintergrund des

Bedarfs der Frau betrachten.

Herr Borosch:

Generelle Linie in Nordrhein-

Westfalen ist die, dass wir sagen,

die Menschen sollen dort wohnen,

wo sie wohnen wollen und mit wem

sie wohnen wollen. Wir haben an

dieser Stelle im Land NRW nicht

erst seit heute, gestern oder vorgestern

sondern schon sehr lange

eine gute Tradition in der Zusammenarbeit

mit beiden Landschaftsverbänden.

Wir arbeiten daran, riesige

Komplexeinrichtungen aufzulösen.

Dieser Prozess dauert sehr

73

lange, trotzdem haben wir uns dieser

Aufgabe gestellt. Wenn man zur

Evangelischen Stiftung Hephata

nach Mönchengladbach schaut,

sieht man, dass uns das an diesem

Beispiel auch gut gelungen ist.

Wenn Sie sich anschauen, welche

Vielfalt an Ideen und Vorstellungen

es allein in NRW zum selbstbestimmten

Wohnen gibt, die zum Teil

von Ihnen, zum Teil vom Bauministerium

NRW veröffentlicht worden

sind, dann sind wir, auch was die

konzeptionelle Seite angeht, auf

einem guten Weg.

Ich will nicht bestreiten, dass es

diesbezüglich immer wieder etwas

Neues gibt. Wir müssen an diesen

Dingen weiter arbeiten, aber das

tun wir auch. Wir sind bundesweit

das Flächenland mit dem größten

Anteil an nicht in stationären Einrichtungen

lebenden Menschen mit

Behinderung. Dies war ein Prozess

von ca. 9 Jahren. Da ist einiges

passiert, in dieser Hinsicht hatten

wir einen erheblichen Nachholbedarf.

Heute zählen wir gemessen an

der Gesamtzahl der Menschen mit

Behinderung zu denen, die im Bereich

Wohnen außerhalb von stationären

Einrichtungen den höchsten

Anteil haben. Das ist eine Leistung,

die man anerkennen muss.

Zukünftig werden wir einen Fachbeirat,

der sich mit den Themen

Barrierefreiheit und Wohnen beschäftigt

und dem Inklusionsbeirat

zuarbeitet, einrichten. Es gibt keine

Region in diesem Land, die beispielsweise

ein eigenes Institut für

das Thema Barrierefreiheit, Mobilität

und Zugänglichkeitsfragen unterhält.

Auch eine besondere Geschichte.

Das lässt man auf Bundesebene

gerade sterben, bei uns

hingegen wird es weiter ausgebaut.


Ich möchte an dieser Stelle deutlich

machen, auch in dieser Hinsicht

sind wir auf einem guten Weg. Mit

dem Landesfachbeirat, in dem die

betroffenen Menschen selbst sowie

die Vertreter der Organisationen

und Verbände der Menschen mit

Behinderung sitzen und uns mit ihrer

eigenen Expertise weiterhelfen

werden, werden wir gemeinsam an

dem Thema Wohnen und Weiterentwicklung

des Wohnens arbeiten.

Das ist eine Perspektive, die sowohl

beteiligungsorientiert ist, als auch

am Ende dazu führt, dass die Dinge

umgesetzt werden, die die Menschen

mit Behinderung tatsächlich

benötigen.

Dadurch, dass die institutionalisierten

Wohnformen auf diesem Wege

perspektivisch aufgelöst werden,

wird die Reibung, die durch das institutionalisierte

Wohnen entsteht,

zum Teil aufgehoben. Ich kann Sie

alle nur auffordern, uns bei dieser

Idee noch stärker als bisher zu unterstützen,

damit wir noch schneller

und noch konstruktiver weiterkommen.

Ich glaube im Übrigen auch nicht,

dass die Ambulante Betreuung

preiswerter ist. Denn wenn man

über den weiteren Ausbau des ambulanten

Hilfesystems an die Dinge

herangeht, erfüllt man den Unterstützungsbedarf

der Menschen sehr

viel zielgerichteter. Die Idee der

Fachleistungsstunde weist grundsätzlich

in die richtige Richtung.

Ich glaube, wir befinden uns auf

einem guten Weg. Ich kann Frau

Hoffmann-Badache nur in ihrer Bewertung

unterstützen, dass wir

zwar noch nicht da sind, wo wir hin

wollen, aber dass wir schon eine

ganze Menge erreicht haben.

Frau Fankhaenel:

Frau Wenzel-Jankowski, Sie würden

auch gerne etwas dazu sagen.

Frau Wenzel-Jankowski:

In Ergänzung dazu: Auch die Heilpädagogischen

Netze des LVR sind

vollständig dezentralisiert. Es gibt

keinen Platz mehr auf den ehemals

zentralen Klinikgeländen. Jetzt geht

es darum, diese dezentralisierten

Angebote weiter zu entwickeln.

Herr Herrmann:

Gleichwohl möchte ich dieses Thema

noch um den Aspekt der alten

Menschen ergänzen.

Wir haben an dieser Stelle alle die

gleichen Aufgaben vor uns. Es hört

nicht beim Wohnen auf, sondern es

fängt beim Wohnen an und hört im

Quartier auf. Folglich müssen wir

die Städte und Stadtteile umbauen,

dieser Prozess ist enorm und erfordert

ein umfassendes Umdenken

bspw. bei der Stadtentwicklung,

beim Bauen oder bei der Verkehrspolitik.

Wir haben uns dieses Thema als

Landesregierung eindeutig auf die

Fahne geschrieben. Wir müssen uns

diesbezüglich noch einigen, wer zuständig

ist, realistisch betrachtet

sind wir jedoch alle zuständig. Auch

werden wir den Kommunen, die in

weiten Teilen für die Umsetzung vor

Ort zuständig sind, Unterstützung

anbieten. Dies betrifft Dienstleistungsangebote

für ältere Menschen

genauso wie für behinderte Menschen,

die sich an manchen Stellen

nicht selbst helfen können.

Dieses Projekt ist von erheblicher

Größe und wird uns die nächsten

Jahre beschäftigen. Wenn wir die

Zahlen des demografischen Wandels

betrachten, mit einer steigenden

Zahl Menschen mit Behinde-

74


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

rung, wird dies unsere maßgebliche

Zukunftsaufgabe sein.

Frau Fankhaenel geht auf eine

Mitteilung aus dem Publikum

ein, leider ist die Aufnahme hier

unverständlich.

(…) Nochmal in Ergänzung, das betrifft

auch das, was ich in Altenheimen

sehe.

Wenn am Wochenende zwei Personen

mit der Betreuung von 32 Personen

betraut sind, dann brauche

ich nicht über Gewaltprävention zu

reden, sondern dann habe ich eine

Form struktureller Gewalt. Dann

gelangt man in eine andere Dimension,

nämlich die Aufwertung von

bestimmten Tätigkeitsbereichen.

Das ist eine große Aufgabe.

Herr Borosch:

In Ergänzung zu Ihrem ersten Hinweis.

Wir haben den Aktionsplan

„Eine Gesellschaft für alle - NRW

inklusiv“ im Rahmen einer interministeriellen

Arbeitsgruppe erstellt,

diese besteht auch weiterhin fort.

Ein ressortübergreifendes Arbeiten

ist bei uns schon angelegt. Dies

führt wie bei allen Verwaltungen

auch dazu, dass man einander hinsichtlich

Beteiligungsfragen, bei der

Landesbauordnung o.ä., unterstützen

muss, das ist selbstverständlich.

Aber auch in diesem Bereich

sind wir auf einem guten Weg.

Frau Fankhaenel:

Vielen Dank.

Petra Stahr, wie bewerten Sie die

Situation aus Sicht der Selbsthilfe?

Frau Stahr:

Wir vertreten die Frauen und Mädchen

mit Behinderung von Seiten

des Netzwerkbüros mit unserer ge-

75

ringen Kraft. Wir haben Querschnittsaufgaben

wie Arbeit und

Ausbildung, Gewalt oder Gesundheit

sowie eigentlich alle Themen,

die wir aus Sicht der Selbsthilfe bedienen

müssen. Das ist eine große

Fülle an Aufgaben, um diese erfüllen

zu können, benötigen wir viel

mehr Unterstützung.

Wir brauchen Schulungen für Frauen

mit Behinderung. Wir haben

immer wieder festgestellt, dass

Frauen mit Behinderung stark werden,

wenn sie in ihrem Selbstbewusstsein,

in ihrem empowerment,

das heißt nicht nur Selbstbehauptung/Selbstverteidigung,

geschult

werden.

Im SGB IX ist das Recht auf Selbstbehauptungs-

und Selbstverteidigungskurse

festgeschrieben. Die

Behindertensportverbände hätten

viele Möglichkeiten, in dieser Hinsicht

in den Kommunen etwas für

Frauen mit Behinderung zu tun. Sie

sind an vielen Punkten aber zu bequem,

sich dieses Thema anzunehmen.

Wir haben Anfragen von

Gleichstellungsbeauftragten aus

Städten, die sagen, wir möchten

gerne einen Kurs durchführen, aber

wir wissen nicht, wie wir an Fördermittel

kommen, wir müssen Anträge

stellen bei der Aktion Mensch,

wir müssen dahin, wir müssen

dorthin.

Das sind so weite Wege, die kann

eine Gleichstellungsbeauftragte

nicht alleine gehen. Die Vernetzung

muss stärker stattfinden, sie muss

begleitet werden, insbesondere in

Zusammenarbeit mit Einrichtungen

und Kommunen, vor allen Dingen

muss es kontrolliert werden.

Ich plädiere dafür, im Land NRW,

ich weiß nicht in welcher Form,

auch für dieses Thema eine Gewaltschutzbeauftragte

einzurichten. Wir


können das in unserem Büro nicht

leisten. Eben weil es nicht zu leisten

ist, möchten wir dafür auch nicht

die Verantwortung übernehmen.

Uns bei so einer Fülle von Themen

und bei einem solch hohen Grad an

Komplexität in irgendeiner Form

überall zu beteiligen, das schaffen

wir nicht.

Wir sind froh, dass es Kämpferinnen

gibt, die hinter uns stehen, mit

denen wir gemeinsam arbeiten, mit

denen wir vernetzt sind, mit denen

wir dieselben Ziele haben. In dieser

Hinsicht besteht kein Unterschied

zwischen einer Frau mit Behinderung

oder einer Frau ohne Behinderung.

Wir wissen genau, es geht um soziale

Gerechtigkeit, aber es muss koordiniert

werden. In allen Gremien,

in denen wir arbeiten, sind nur wenige

Eltern und wenige behinderte

Frauen aktiv, wie auch bei dieser

Tagung hier. Die Themen müssen

noch stärker verbreitet werden. Daran

sieht man, dass gerade auch

die Selbsthilfe intensiver unterstützt

und auch geschubst werden muss,

das Thema Prävention und Schutz

vor Gewalt zu betrachten.

Die Akteurinnen und Akteure der

Selbsthilfe sind manchmal auch

ganz schön bequem und beschäftigen

sich mit bürokratischen Themen,

die Interessensvertretung des

behinderten Menschen oder der behinderten

Frau selbst stellt dann

den Maßstab aller Dinge dar. Das

muss beurteilt werden, das muss

messbar gemacht werden. Wir haben

eine große Liste von Verbesserungsvorschlägen,

was in NRW und

bundesweit verbessert werden

könnte, aber wichtig ist, dass wir

weiter kommen in Richtung Selbstbehauptung,

Selbstverteidigung

und Unterstützung von Frauenbeauftragten.

Frau Fankhaenel:

Vielen Dank, Frau Stahr.

Ich würde Sie nun alle bitten, uns

Ihr persönliches Fazit dieses Tages,

möglichst in einem oder in zwei

Sätzen, mitzuteilen. Was nehmen

Sie persönlich von dieser Tagung

mit?

Herr Borosch:

Ich nehme von hier mit, dass es

heute eine ganze Reihe vernünftig

aufbereiteter Informationen zum

Thema Gewalt gegenüber behinderten

Frauen gegeben hat. Diese Informationen

erzeugen auf ganz unterschiedlichen

Ebenen Folgen, z.B.

auf der strukturellen und auf der

persönlichen Ebene.

Frau Buchholz:

Ich nehme viele Informationen, viele

Anregungen mit, aber auch die

persönliche Verpflichtung für mich,

dieses Thema auch innerhalb der

Freien Wohlfahrtspflege noch mehr

zu transportieren.

Herr Herrmann:

Die Betroffenheit ist sichtbar geworden

und mir auch persönlich

bekannt. Das hinterlässt bei mir

den Wunsch, dieses Thema bei uns

im Haus mit Hochdruck weiter voran

zu treiben und auch möglichst

weit oben anzusiedeln.

Frau Hoffmann-Badache:

Gleiches gilt auch für den Landschaftsverband

Rheinland als Leistungsträger.

Ich denke, wir haben

heute viel gehört und wir werden

eine Menge mitnehmen. Es gibt

noch viel zu tun.

76


LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernates Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Netze

Frau Wenzel-Jankowski:

Es war ein spannender Tag mit vielen

Informationen. Ich habe die

Wahrnehmung, dass sich die Betroffenheit

aus der Studie in viel

Energie umwandelt, dass viele Menschen

nach Hause fahren werden

und ganz viele Pläne haben, an

welchen Stellen man demnächst

noch arbeiten muss. Ich habe diese

77

Pläne jedenfalls und ich schätze, die

Netze haben sie auch.

Frau Dr. Sellach:

Ich nehme als Hessin die Zuversicht

mit, dass in NRW verantwortliche

Leute auf dem richtigen Fleck sitzen

und ihre Betroffenheit jetzt umwandeln

in Energie, Planung und

Maßnahmen.


Referentinnen und Referenten

Andrea Bongard

Lebenshilfe Aachen, Werkstätten & Service GmbH / Aachen

Roland Borosch

Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales

des Landes NRW / Düsseldorf

Ute Bremm

LVR-HPH-Netz Niederrhein / Bedburg-Hau

Hilke Buchholz

Behindertenhilfe beim AWO Bezirksverband

Niederrhein e.V. / Essen

Martina Hoffmann-Badache

LVR-Dezernentin Soziales und Integration / Köln

Karin Fankhaenel

LVR-Fachbereich Querschnittsaufgaben und

Dienstleistungen / Köln

Prof. Dr. Claudia Hornberg

Fakultät für Gesundheitswissenschaften der

Universität Bielefeld / Bielefeld

Monika Pelkmann

Netzwerkbüro für Frauen und Mädchen mit

Behinderung / chronischer Erkrankung, NRW / Münster

Dr. Brigitte Sellach

Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und

Geschlechterforschung der Universität Bielefeld / Bielefeld

Petra Stahr

Netzwerkbüro für Frauen und Mädchen mit

Behinderung / chronischer Erkrankung, NRW / Münster

Andrea Vogt

Beratungszentrum Lore-Agnes-Haus / Essen

Gerhard Hermann

Ministerium für Gesundheit, Emanzipation,

Pflege und Alter des Landes NRW

Martina Wenzel-Jankowski

LVR-Dezernentin Klinikverbund und

Verbund Heilpädagogischer Hilfen / Köln

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LVR-Dezernat Soziales und Integration

LVR-Dezernat Klinikverbund und Verbund Heilpädagogischer Hilfen

50663 Köln, Tel 0221 809-0

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