Psychoonkologie in der Urologie - „Akzeptanz in der ...

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Psychoonkologie in der Urologie - „Akzeptanz in der ...

Psychoonkologie in der Urologie

- „Akzeptanz in der Psychoonkologie“ –

nach einem Buchtitel von Dr.rer.nat. Dipl.Psych. Katja Geuenich

Vortrag mit Diskussion vom 23.5.2013

während des 4. Urologischen Sommerforums Sylt

Dr. Wolfgang Hagemann


Aufgaben der Psychoonkologie

Psychoonkologie lässt sich definieren als professionelle

Begleitung und Behandlung psychischer Beschwerden während

und nach einer Krebsbehandlung (Tschuschke 2011).“

„In erster Linie geht es in der Psychoonkologie darum, die

Stabilität des Patienten zu verbessern, ihn aus einem

Schockzustand, einer Krise herauszuhelfen. Erst dann sind

andere Themen und Ziele überhaupt bearbeitbar.“ (Geuenich)

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Psychoonkologie

Eine systemische Psychoonkologie strebt nach einer Akzeptanz in

vier Bereichen, um die aktive Krankheitsbewältigung zu erreichen:

Patient

Behandler und Behandlungssystem

Familie

Gesellschaft

Offenheit und Veränderungsbereitschaft in allen Bereichen ist die

günstigste Voraussetzung für eine entschieden durchgeführte

Therapie, die die Subjektivität und Individualität des Patienten

akzeptiert.

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„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“(M.

Buber)

Akzeptanz in der Psychoonkologie ist als Ergebnis einer

gelungenen Kommunikation im therapeutischem System

betrachtet werden.

Im therapeutischen System sind onkologische Kompetenz

sowie Authentizität, Neugier, Empathie und innere Präsenz,

sowie die Bereitschaft und zeitlichen Ressourcen zur

Entwicklung einer professionellen Nähe-Distanz-Balance und

klare Zielvorstellung wichtige Voraussetzungen.

Niemand kann alle Voraussetzungen alleine erfüllen.

Ziel der therapeutischen Begegnung: Ich-Stabilisierung durch

Aufbau von Akzeptanz und eines neuen Ich-Du-Verständnisses

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Niemand ist alleine krank:

Die vier Systeme der Akzeptanz

Der Patient muss akzeptieren, dass er seine körperliche Unversehrtheit

verloren hat, er sich nicht alleine aus der Gefahr herausbewegen kann

und lange Zeit abhängig ist von der Hilfe von Fachleuten

Der Behandler und das Behandlungssystem müssen akzeptieren, dass es

neben der wissenschaftlich abgesicherten für den Patienten seine

subjektiven Wahrheiten gibt, die sich aus eigener Erfahrung,

erworbenem Wissen und dem Verlust der kritischen Distanz in der Krise

zusammensetzen.

Die Familie muss akzeptieren, der objektiven medizinischen Sicht zu

folgen und eine Vielzahl von sehr persönlichen Sichtweisen zu

relativieren.

Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass der Behandlungsverlauf von

sowohl objektiven Parametern als auch subjektiven abhängig ist und die

erforderlichen Ressourcen bereitstellen

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„Wer nicht weiß, wohin er will, darf sich

nicht wundern, wenn er woanders ankommt“

Diagnose und Therapie einer Krebserkrankung stürzen einen

Menschen in eine tiefe Selbst-Wertkrise. Er regrediert, droht

sich selbst zu verlieren und bedarf der Führung zurück zu dem

allen Menschen gemeinsamen Ziel, glücklich sein zu wollen.

Die Balance von Nähe und Distanz ist oft gestört: zu viel

Distanz und Rückzug oder ungemessen klammerndes

Verhalten. Sexualität und Intimität sind gestört.

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Niemand ist nur krebskrank

Niemand ist alleine krank

Die individuellen Ressourcen zur Stärkung der eigenen Resilienz

nutzen

Familie und Freunde sind mit betroffen

Familie ist das System mit den für den einzelnen bedeutendsten

Bindungen, selbst wenn die Beziehungen untereinander schlecht

oder gar abgebrochen sind

„Die psychosoziale Seite der Krankheit ist der entscheidende Faktor,

der den kurativen Verlauf der Behandlung bestimmt.“ (S.Altmeyer;

A.Hendriscke)

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„Der Mensch ist des Menschen beste Medizin

(Paracelsus)

Der Aufbau eines tragfähigen und belastbaren Ich-Du-

Verhältnisses durch respektvolle und authentische Begegnung

von beiden Seiten ist wichtig. Nur, wer vertrauen kann, kann

auch akzeptieren!

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Psychologische Grundbedürfnisse

4 Grundbedürfnisse nach Grawe (1998, 2004):

1) Orientierung und Kontrolle

2) Bindung

3) Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung

4) Lust und Unlustvermeidung

Erfüllte Bedürfnisse sind Schutz und Ressource, während

verletzte Grundbedürfnisse Stress und verzögerten

Krankheitsverlauf verursachen

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Vier wichtige Kontexte für die Bedürfnisbefriedigung

•eigene

Person

• Freundes‐

kreis

Selbst‐

wert

Orientie‐

rung /

Kontrolle

Bindung

Lust

• Familie

• Arbeitswelt


Gute Bedürfnisbefriedigung.....

Akzeptanz +

Wohlbefinden +

Kompetenzerleben +

Konstruktives Denken +

Depression -

interpersonelle Probleme –

Misstrauen –

Vertrauensbildung +

Ansatzpunkt einer wirksamen Resilienzstärkung ist die langfristige

Verbesserung der Bedürfnisbilanz

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Niemand kann auf Dauer sein Glück auf dem

Unglück anderer aufbauen

Lösungs-

Orientierung

Zukunft planen

Verantwortung

übernehmen

Optimismus

Die Opferrolle

verlassen

Netzwerke

aufbauen

Akzeptanz


Der Körper ist der Tempel der Seele

Jeder ist sein eigener facility manager

„Sag du es ihm, spricht die Seele zum Körper, auf mich hört er

ja nicht!“

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Drei Fragekomplexe, die die

Krankheitsverarbeitung beeinflussen

Seelische und/oder psychosomatische Erkrankungen beim

Patienten oder in dessen Familie, einschließlich Sucht und

Abhängigkeitserkrankungen

Aktueller psychopathologischer Befund

Erfahrungen mit Krebserkrankung und ihre Verarbeitung in der

Familie

Aktuelle Lebenssituation zum Zeitpunkt der Diagnosestellung

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Stabile oder gefährdete Partnerschaft

Schwere bis existentielle Krisen bzw. Umbruchsphasen privat, im

Beruf, im Freundeskreis

Ungelöste/unlösbare Konflikte wie Kontaktabbrüche in der engeren

und der erweiterten Familie , im Freundeskreis

Schwere Behinderung/Krankheit/Tod eines Angehörigen/Freundes

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Wann psychoonkologische Mitbehandlung

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Warum Psychoonkologie

25 – 40% aller Krebspatienten benötigen professionelle Helfer

(Tschuschke 2005).

Direkt nach der Stellung einer Krebsdiagnose entwickeln sich

bei bis zu 48% der Patienten Symptome einer

posttraumatischen Belastungsstörung (Kornblinth 1998)

12 – 30% der KrebspatientInnen entwickeln Angstsymptome

mit klinisch relevantem Ausmaß, bis zu 40% aller PatientInnen

entwickeln klinisch relevante depressive Symptome

(Angenendt et al. 2007)

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Posttraumatische Belastungsstörung I

A. die Betroffenen waren einem kurz oder lang anhaltenden

Ereignis oder Geschehen von außergewöhnliche Bedrohung

oder mit katastrophalem ausmaß ausgesetzt – hierbei

entscheidet nicht allein das objektive Ausmaß, sondern die

subjektive Bewertung des Patienten

B. Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung

durch Flash backs, sich wiederholende Träume

C. Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr in

Zusammenhang stehen, werden tatsächlich oder möglichst

vermieden – dies bedingt erschwerte Compliance

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Posttraumatische Belastungsstörung II

1. Teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an einige wichtige

Aspekte der Belastung zu erinnern

2. Anhaltende Symptome einer psychischen Sensitivität und

Erregung (nicht vorhanden vor der Belastung) mit zwei der

folgenden Merkmale

1. Ein- und Durchschlafstörungen

2. Reizbarkeit oder Wutausbrüche – erschwert die Führung des

Patienten

3. Konzentrationsschwierigkeiten – selbst hochintelligente Menschen

„vergessen“ Absprachen, hinterfragen immer wieder

4. Hypervigilanz

5. Erhöhte Schreckhaftigkeit - bedingt Fehlinterpretationen

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Psychische Langzeitfolgen

Nach 5 oder mehr Jahren kommen die meisten PatientInnen mit

der Krankheit zurecht, dennoch blieben bei 20 – 30% der

PatientInnen ein Grundtenor an Stress (Sorge um Rezidiv, Unruhe

etc.) und eine eingeschränkte Lebensqualität nachweisbar

(Foster et a. 2009; Meyerowitz et al. 2008)

Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung

Es zeigt sich ein unflexibles und unangepasstes Verhalten:

Andauernde misstrauische oder feindselige Haltungen gegenüber der Welt

Sozialer Rückzug

Andauerndes Gefühl der Leere und/oder Hilflosigkeit, u.U. mit gesteigerter

Abhängigkeit von anderen, einer Unfähigkeit, negative oder aggressive

Gefühle zu äußern

Andauerndes Gefühl von Nervosität oder der Bedrohung: kann Neigung zu

exzessivem Trinken oder Gebrauch psychotroper Substanzen verbunden sein

Andauerndes Gefühl, verändert oder anders als die andern zu sein

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Studie zur Ärzte‐Resilienz Universitätsklinikum Heidelberg

Zusammenfassung:

Resiliente Ärzte…

1.…verfügen über eine gute Selbstwahrnehmung und Selbstkenntnis.

2.…treffen differenzierte Entscheidungen über die Investition ihrer Ressourcen:

Breite Investition, nicht nur Beruf!

3.…schützen professionelle Sinnkriterien in hinreichendem Maß.

4.…erhalten sich so Gratifikationsquellen in der Arzt‐Patienten‐Beziehung.

5.… erhöhen durch die Pflege kollegialer und außerberuflicher Beziehungen ihre

inneren Freiheitsgrade

6.… sagen beispielsweise statt: „Wenn ich Zeit habe, gehe ich joggen“ eher: „Weil

ich (regelmäßig) joggen gehe, finde und nehme ich mir Zeit dafür“

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