Die Stadt Cambrai, verfassungsgeschichtliche Untersuchungen aus ...

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Die Stadt Cambrai, verfassungsgeschichtliche Untersuchungen aus ...

Einleitung.

Wohl kein Gebiet der deutschen Verfassungsgeschichte

ist umstrittener als dasjenige der Städteverfassung im Mutetalter.

Die Rechtshistoriker haben sich schon lange dieses

Gebietes bemächtigt und für die Stildteverfassrng allgemeine

Normen aufzustellen versucht. Gehen mich hier schon die

Meinungen jener Forscher in wichtigen Punkten auseinander L),

so hat weiter die Erforschung der Verfassung einzelner Städte

doch gezeigl., wie wenig Gleichartiges die Städte in ihrer

Entwicklung aufweisen, und wie verkehrt es ist, schon jetzt

ein abschliefsendesUrteil über diesen schwierigen Gegenstand

zu fällen2).

Die vorliegende Abhandlung, welche einige Punkte der

Städleveifassung Cambrais aus dein bis gegen Ende

des zwölfien Jahrhunderts erörtert, setzt sich mit den Meinungen

der Rechtshistoriker grundsätzlich nichi. auseinander

Sie beschränkt sich darauf, nach gewissen Gesichtspunkten

kritisch gesichtet das Material darzubieten. was die Geschichtsschreibung,

Urkunden und andere Zeugnisse für Garnbrai

aufbewahrt haben. Denn der Verfasser ist der Ansichte

dafs nur die Erforschung der Verfassung der, einzelnen St:idt

1) Ich verweise hier nur auf die Iekannen Werke von Arnold,

Heusjer, liege1 und von Maurer. Wie sehr weiehl wiederum von diesen

in rIer Auffassung jener \Terldfltnisse Nitzsch ah (,Ministerialität und

i3ilrgei'tum im 11. Und a A. 2. l a hrhu nd erL")

3) eL O. Lorenz. über dcii Unterschied von Ileielisstädten und

I.andstädterr mit besonderer flerncksiclil.iguimg von Wien. Wien 1578.

bcuent

II I Ii I II M 111100111 IIIH

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-2--

auch unsere Erkenntnis der allgemeinen Entwicklung fördern

kann.

Weiter werden die politischen Beziehungen des Bistums

Cambrai, welche sich in jene! Zeit, so vielseitig gestalteten, nur

insoweit berücksichtigt, als sie in erkennbar bestimmender

Weise auf den Gang der städtischen Verfassungsentwicklung

eingewirkt haben. Wer sich hierüber genauer unterrichten

will, findet reichlichen Stoff hierfür namentlich ii) den ‚‚lahrbüchern

des Deutschen Reichs", ferner in den Einleitungen der

Schrillen von C. Bohert, Numismatique de Canibrai. Paris 1861.

De Smedt, Gestes des &ques de Ca.rnbrai, Paris 1880.

im Zusammenhange behandelt ist, besonders die Zeit von

1092-1191. von E. iloeres: „das Bistum Cambrai. Seine politischen

und kirchlichen Beziehungen zu Deutschland, Frankreich

und Flandern. Diss. Leipzig 1.882."


Inhalt.

1, Die Stadt. Cauibrai. Die Ausbildung der bischöflichen Hoheit

11. Verfassungsentwicklung und Geschichte der spii tereu Bnrggra Cschaft

iii Camhrai. der Cljatellenie, bis ins 12. Jahrhundert 14

III. Die Aiu.hilduug der städtischen Verfassung bis gegen Ende des

12. .IaJnhunderts ..................99

1) Einleitendes .................. 44

ri. Stiidhsche Verhältnisse

b. Das Schöffengericht...............

e. Beziehungen der cives zur städtischen Regierung . 46

2) Die Cnrmunc in Caml)rai .............50

a. Die Coinuiunebitd tmgen bis zum Jahre 1184 .....51.

h,'Die Communeverfltssung nach dem Privileg von 1184

und anderen urkundlichen Zeugnissen jener Zeit . . flfl

3) Das Stadtrecht Bischof Rogers von 1185 .......72


II

Die Stadt Cambrai. Die Ausbildung der bischöflichen Hoheit.

Der Ursprung der Stadt Cambtai (Camet-a(„uni) geht hi

die Zeiten der römischen Weltherrschaft zurück. Die ..Tabula

Peutirtgeriana' verzeichnet .Cameracurn', also können wir die

Existenz dicset Stadt mit, Gewii'sheit Ende des vierten und

Anfang des fünften Jahrhunderts annehmen').

Nach der fränkischen Eroberung wurde sie die Residenz

eines Gaukönigs; zur Zeit Chlodwigs herrschte dort dessen

Vetter Rachnacher 2). Zu Beginn des sechsten Jahrhunderts

wurde von Arras 3) der l3ischo(ssitz nach der Stadt Gambrai

verlegt., weil, wie 'gemeldet wird. der Klerus hier angesehene'

und die Bevölkerung zahlreicher war'). Hierdurch war von

selbst eine Reihe neuer Ansiedlungen in der durch die Folgen

der Völkerwanderung verödeten römischen Stadt beding!.

Neuen Zuzug erhielt ferner die Stadt du reh den Schutz.

den sie den Einwohnern durch ihre Befestigungen gegen die

cf. C. Robert., Nuinismatique de Cainhrav. Paris 186i p. 4.

) Gregor v. Tours. Flistor in Fraueoru,,, Iii,, tL c. 9 ii. 42. Dom.

Booquet, Becueii des historiens etc. mm. ii. -

3) s. die Vita des Vedastus. Acta SS. zum 1.. Fehr., p. 801.

-

) Geste episcopouiin Ca,neracensiu,n. Monuin. Gerjn. Seri1,tores

(M. G. SS.) t. Vii. p.flO:I.. (Excerpta per ni(,,. S. Gang. e. 4.)

Die spätere liberi eferung verlegt. auch sehe,, in die Zeit der rO-.

‚‚‚isehei, WeItI,errsehart einen Bisehofssitz dahin. der dann während der

Völkerwanderung einging. ef. Gesta epise. Ca,nerai. M. C. SS. Vit.

lib. 1, e. 5; Series episc. i,' inonasterio Mo,,tis S. MieI,aelis rouser.

M. 6. 58. XIII, p. 750. 45; ehren. Vedastinum. M. G. 88 XIII, p. 682.


- (3 -

verheerenden Einfälle der Normannen) und später der Ungarn6)

wie gegen das Raubwesen der im Lande errichteten Burgen

gewähren konnte 10). Camhrai, die Hauptstadt des pagus Cameraeensis)

(Le CamhrAsis), war in dein ganzen Gaue der einzige

durch ein wohlhefestigl.es Kastell geschützte Ort. Erst. zur Zeit

Bischof Erluins (095—i.0t2) 8) ward im Südosten des Gaues

das ‚Neue Kastell." Novum Castelluni, das spätere Catean-

Ca.mbrdsis angelegt'), bei dessen Erbauung in dem Chronicon

S. Andreae mon. ganz besonders auf das Bedürfnis einer

Abwehr gegen die feindlichen Überfälle hingewiesen wird 10).

denen die Bewohner der Umgegend ausgesetzt waren. Das

rasche Anwachsen fl) dieser neu gegründeten Stadt. erlaubt uns

einen- gleichen Sehlufs auf die Zunahme der Bevölkerun g Cambrais

selbst zu machen. -

Mit, der Ausdehnung des Stadtbezirks ging die Sorgfalt.

für die Erweiterung seiner Befestigungen Hand in Hand. Das

Kastell .bildete die iill.este Befestigung der Stadt, und mufalste

5) Die Jahrbücher von S. Vaast (M.. G. 88. II) melden im Jahre 881

von einem Überfall der Stadt durch die Normannen. ef. Gesta ep. Garn.

S. VII, tib 1, c. 59.

im Jahre 01.1 wurden die Normannen im Kammerichgan geschlagen:

(Iliron. Sithiense. II. Boriqnet. t. IX, IM. 0., 85. XIII.

0) Gesla ep. Garn. 1, ii. 75.

7) Nach den Untersuchungen Le Glavs (Glossaire Lopographique ne

Irincierr Camhr&is, Gamhrav 1849, s. die introduetion) deckt sich der

Kammerichgau im allgemeinen mit den Grenzen des Archidiakonats. von

Garnbrai. das wiedenim die Dekanate Gnrnhra'i. Cateau und I3ea.urnetz

tmnfafst.e.

8) Bezüglich der Bestimmung der Regierungsjahre der Bischöfe Garnbrais

vgl. Bohert. Numisinatique de Gainhray. p. 86: Le Glav. Rccherdies

sur ]öghse 111n3lrnpohtaine; Gesta ep. Garn. Id. 0. 58. Vii (die hier,

irr den Notn gegebenen Daten).

.0) Gesta ei). Garn. f, c. 112: (Stumpf. Kaiserurkunden Nr. 1257)

Otto 141. verleiht dem Bischof Eriuin für das von ihm gegründete Castellnm

5: Mariae: Marktrecht. Zoll, Münze und Gerichtsbarkeit (Havenna

21April 1.001). Zwei Jahre später bestätigte Heinrich ii. diese

'Verieihung (Gandersl]einl. 23. Mai 100:1 Strnrmpf..Kaiserurkundemi Nr, 1359).

10) man.

Ghron. 5, Andreae lib. 1 7 c. 2 'ff. M. G. 58. STIL p. 527.

II) Ctrron. S. A'rrdreae (s.vorlr. Aran.) lib. t, c. 11.


—/ —

in seinem Umkreise ihre wichtigsten Gebäude. 1-her befand

sich die 1(athedi'ale' 2), die Wohnung des Bischofs 12) und des

Cliatelains' 5). Bischof Dodilo (887-904) erweiterte die Mauern

des Kastells und nahm die Kirche zum lt Otbert, in dasselbe

auf' 1). Die übrigen Stadtteile, welche sich um das Kastell

angebaut hatten, waren später durch eine hölzerne Schutzwehr

(vailo ligneo) nach atifsen hin abgeschlossen Auch dieser

Umkreis wurde bald überschritten. Bischof Liethert (1051 bis

1076) führte die Kirche zum h. Grabe mit dem daselbst an:

gelegten Friedhofe, welche vorher aufserhalb des Amhitus der

Stadt lag, in denselben ein 10). Ein grofses Verdienst um die

Verbesserung der städtischen 13efestigurmgswerke erwarb sich

Bischof Gerard II. (1076-92). Mit Hilfe der Bürgerschaft

versah er die Stadt in ihrem ganzen Umfange mit einer

Steinmauer, Türmen und Gräben und haute das Kastell weiler

aus

Ans der Zeit, wo noch Reichsgrafen in der Stadt die

Verwaltung führten, ist nur wenig bekannt. Indes gerade aus

jenen Jahren, wo der Übergang der öffentlichen Gewalt auf

' 1h Le Gtay. Beeliercties sur i'gtise inStropotitaine de Gsnibrni. Paris

1825, p. 10: i.,'eneein!e Hans Inqnette s5 Irouvait renferinSe la catli&irate

de GaTIibr;Ii se noininail. Le Chateau, qni eninprennit en oulre Je patais

episeopal et 'nlbave de samt AnborL cf. Diplom Ottos 1. vorn t3. Juni

958 m1- Bischof Bercugar (Stumpf. Kaiserurkunden Nr. 257): hier findet

sieh der Passus: in honoren, et memorian, sanciac Mariac genetricis

ne perpetua.e virginis in eastello Gajneraeensi construetain. -

Durch eine Feuersbrunst ward im Jahre 1148 der gröfste Teil des Kastells

eingeflschert. ef. Annales Gameracenses ad. a, 1148. (Al. G. 58.

XV]. p.

51.7.) Imieent]inm vero grave factnin est lii hac urbe. Nam epis-

copahis eeclesia cum omnibus oftieiuis atque omnibus Episeopii dotnibus

ac 0mw eastello. unacnrn eeelesia saneti Autberti igni vastaha stitit.

II) s. Abschnitt ii: wo fiber den Chatelhain gehandelt wird.

• 14) Uesta ep. Garn. M. G. 55. Vif, lib. 1, c. 64.

15) . . totam in circuitn civitatern vallo Iigneo plins edmpositam

Gesta Gerardi lt, ep. r.. 5. (M G. 55. VII p. 499.)

) Diplom Bischof Lietherts für das monasleriurn St. Sepuleri vom

Jahre 1064 Miraeus 7 opera diploniatica, torn. 1, .p. 155.

17) Gesta Gerardi II, ei). eS. (Gesta ep. Garn. Al. G. 85. 'itt.)


-. 8—

den Bischof sich volLzög. sind uns wichtige Naclirict,ten von

der Camhraier Bischofsgeschiichte") aufbewahrt. Zu Beginn

des zehnten Jahrhuliderts wird ein Graf isaak 19) in der Stadt

erwähnt. In seinem 13esitz 90) sind die Hallte des in der Stadt

helegenen Kastells, die Hält I.e der öffentlichen Abgaben und

eine der beiden Münzslütten 2t) daselbst, ferner als Reichslehen

die in nächster Nahe der Stadt befindliche und zu ihrem

ambitus 22) gehörige Königsablei des li. Gaugeriemis (St G("v).

10) Gesta episeoportlin Uan,eraee,,siu,n M. C; 55. VII.

0) Grar lsaa k wird am früheste,, in einer Urkunde von 91 genaitut

zu einer Zeit. wo Westflanken no(Al die Herrschalt übel Cambrai ausiibte

(Miraeus, op. dipl. ton'. 1, p. 3(;. und Gesta ei). Garn. lib. 1. e. 67).

Ebenso wird sein Name erwälml in einem llrkiindeiifragmeiil. Karls des

l-infflltigen (Robert, Nurnismatiquc de G, p. 307). - lsaaks 1 iruterschrift

erscheint auch unter '1cm zwjse,he,i Heinrich1. ‚‚‚‚d Karl von

Westfranken abgeschlossenen Vertrage bezüglich des Rückfalls Lothringens

an Ostfranken. (Mirae,is ‚ op. dipl. 1 7 p. 38.) - Ferner wir,'

er erwähnt in den zuverhiissigen A,,nalen F'lodonrds zu den .lnI,rcn 924

‚n,d 949. (M. G. 55. 111.)

20) GesLa Hl). Gani. 1. c. 71 Tone I.emporis lsaak co,nes a.hhal iii,icumm

beati iluniberti ein, ut patilo supemnis (lixiinns. episeopnni StepI,an,,u

rex Karolus prefecerat (e. 67) possidehat. ipsamque regiani et loe.upIctnn

abhatiain sanetissimi Gaugerici euro Omnibus appendiciis sibi bei,efieia -

tain de regio rare tenebat. dimidiui,, s ciii cc t Caineracae uri,is ca -

stehtuni euro medietate qnoque pubhicorum veet igahium sim'ilque etia,,,

c11111 ahtera inoneta, Die Hälfte des Kastells. der (SiTcntlie],c,i Abgaben

der Stadt und der angeführten Nünzsta.tte (s. Anm. 21) werde,, als

Appeudleien also zu St. G(„rv gefafst (dimidium s cii, ct).

21) Es gab in Garnhra i wahrsdhei nhi ei, zwei Münzstätte,,. wo voll die

eilte in der Stadt selbst, die andere in St. Cciv sieh befand. ef. Robert

Num. de, Cainhr;xy. __L .Robert heziei,l ..sinulque etinin euro altera ‚noneta'

(s. Anm. 20) auf die letztgenannte aus der sich noch Münze,, vom König

h-'ippin, Karl d. Gr. und Karl d. Kahle,, erl,aite,, habe,,. Der Wortlaut

schliefst i,ulcs nicht aus. dafs auch unter „ahtcra moneta'' die Häute -

der ii, der Stadt befindliche,, Mü,,ze gedacht werden könnte, zumal die

beiden vorher aufgeführten l3esitzreehte des Grafen Isaak eine Teihuig

dieser öffentlichen Rechte anzudeuten scheinen (s. p. 9). Uher die Annahme

einer l,albhiscl,öfliehen und haihh'.öuigliehen Münze ef. Roh,ert.Nuin.

p. 5. - Wir besitzen Mihizc,i mit dci,, Bild lis eines fliseh,ofs erst aus der

Zeit des Bischofs Nieola,,s dc Fontaines (1247-1275). während selten im

Jahre 941 dem Bischof Zoll und Münze verliehen wurden. (An,n. 253

22) Gesla ep. Ca,r,, 1 7 c. 75: n,nne suhurhiu,n eu,n le,nio Snneti

Gangeriei coinbussei'n,,t.


Hierzu kommt allein noch i.ufserhalb der Stadt die. Abtei des

lt. Hunihert (Maroilles im !-Iennega.u), welche erst im Jahre 921

von Karl III. von Westfranken an Bischof Stephan von Carnbrai )

verliehen und von diesem vielleicht weiter dein Grafen zu Leben

gegeben war. Schon nach den liieraufgeflibrten, vorzugsweise

auf die Stad(. und deren ambitus bezüglichen Rechten des Grafen

könnte die Vermutung ausgesprochen werden, dafs dieser

öffentlicher Beamter für den Stadtbezirk gewesen, und dieser

vielleicht ans der Verwaltung deGmies damals ausgeschieden

sei. Nicht minder möchten die in der Bischofsgesclsichte

dargelegten .VerlüUtnisse 24) - die Klage über das bireme

dbminium in der Stadt (Bischof und Graf werden „rectores"

genannt), das Bestreben des Gralen die ALleinherrschaft daselbst

an sich zu reifsen (solus videlieet posten, totius urbis

indiscrete negotia possessurus) - die Annahme .isahks als

Stadtgrafen stützen.

Dieser gräflichen Gewalt gegenüber befand sich der Bischof,

wie auch die Ansführtingel] der Bischofsgeschichte zeigen, in

einer sehr gedrückten Lage. Die Immunität, in deren Besitz

sich die Bischöfe schon seit längerer Zeit befanden 25), mochte

dagegen nur ein kleines (iegeisgewicht bedeuten. Eine Frage

wäre noch, wer die übrigen Hälften jener dem Grafen zuerkannten

Kompetenzeil in der Stadt. besessen haben könne.

Trotzdem eine besondere Verleihungsnrkunde nicht vorliegt,

21)- s, Anm. 19.

24) Gesla. ep. Garn. 1. c. 71 11.

25) Das erste Diplom. das die Immunität verleiht. ist vorn Kaiser

Ludvig im Jahre. 8153 (Gesta ep. Cam. 1, e. 39) ausgestellt und stützt

sieh mir nur gleiche urkundliche Ausfertigungen Kaiser Karls und König

Pipisins. 1-heran schliefsen sieh die Diplome König Arnulfs vor' 894,

Worms. IL ‚Iuni 894 (Gesta ep. Garn. 1, c. 62) 7 König Ottos 941, Inge]heim.

30. ‚Iuni (Gesta ep. Garn; 1. c. 76. Die Urkunde nimmt auf ein

ähnliches Diplom Karls III. von Westfranken Bev.ug, das uns nicht erhalten

ist). Ottos ii.. 977. Tiel, 1. März 977 (Böhmer. Acta Imperii

Nr. 227). Ottos in.. 991. Nvmwegcn. 28. Mai (Gesta ep. Gani. 1, c. 107)

von Heinrich Ii,, 1003, Gandersl,ci,n. 23. Mai. (Stumpf. Kaisenirkunden

Nr. 1359.)


10 —

wird man wohl nicht fehigehen, wem) man dieselben, nämlich

die Hälfte des Kastells - die Kathedrale war in demselben

gelegen 12) - und der öffentlichen Abgaben dem Bischofe

zuweist: Wird doch gerade bezüglich der letzteren in der

Bischofsgeschichte auf die Streitigkeiten der beiderseitigen

Beamten bei Einziehung der GeCäfle hingedeutet 25). Dieser

mifslicbe Zustand 'der Doppelherrschaft war zudem damals

durch das gewaltthätige Auftreten des Grafen lsaak gegenüber

dem Bischof ganz unerträglich geworden. Hier inufsle Abhilfe

geschafft werden. Dieselbe wurde denn auch in der folgenden

Zeit in der allmählichen Übertragung der gräflichen J.ecliLe

auf den Bischof gefunden. - Zunächst wurde im Jahre 94,1.27)

dem Bischofe Zoll und Münze in der Stadt überwiesen. Dieser

Verleihung folgte im Jahre 948 eine noch wichtigere. Als

nämlich Otto 1. im Jahre 946 in der Nähe von Cambrai ein

Heer zusammenzog, um dem Könige von Westfrancien Hilfe

gegen dessen aufrührerische Grofsen zu brihgen 25), nahm dci'

damalige Bischof Fulbert von Camhrai die günstige Gelegenheit

wahr, um dein Könige seine Beschwerden gegen den Grafen vorzutragen.

König Otto ging willfährig auf dieselben ein, hielt nach

seiner Rückkehr aus Westfrancien Gericht über den Grafen ab,

verurteilte ihn (secundum legis publicae iudicium privato cornit.e)

und verlieh 29) dein Bischof die von jenem vorher besessen(,>

20) Gesta ep. Garn. 1 1 c. 71. Semper enirn inter rninistroe eortl,n pro

rebus exigendis audiehatur cenfragosa seditin etc.

s. Anm. 25.

20) Gesta ep. Garn. 1. 72 if.

Widukind. Res gästae SaxonicaeM. G. SS. Iii: berichtet entgegen der

Darstellung der Bischofsgeschichte (welche König C)Itn erst auf seiner

Rückkehr aus dem Feldzuge nach Ca mhrai kommen 191s1.) in lib. lii, c. -2:

Rex vero in Galiiam proficiseens expeditionem coacto apud Cameracam

nrbern exercitu. t'estfflat nitrare regnurn Karoli etc.

")- Gesta ep. Garn. 1: c. 73.

Aachen ; 30. April 948. Stumpf, 1< aiserurkunden Nr. 161. ltG. 0. 1

Nr. 1.00.

Zur Absetzung des Grafen lsaak mag vielleicht auch dessen Stellungiahnie

in den politischen Wirren des jahres 939 beigetragen haben


- Ii

reiche Königsabtei St. G&y mii allein Zubehör und Rechten:.,.

abhatiam Sancti Gangerici omnein ex intgro curn omnibus

rebus et possessionibus clomi ext.raque pertinentibus, sicuti

iuris nostri hactenus iuste et legaliter visa est fuisse concessa

paritei' omni puhlica fuuclione vel exactione ad im fatum

sancti tnonaslerii locuin perLinenl.e etc. Der Bischof erhielt

auch ausdrücklich für St. Göry die volle öffentliche Gewalt in

dem Umfange wie sie bisher das Reich besessen und durch

den Grafen lsaak, wie wir aus der Bischofsgeschichte wissen,

zuletzt hatte ausüben lassen, Die hierauf bezügliche Stelle

der Urkunde von 948 lautet: ....iii nullus comes vel quilibet

rei publicae minister lilie potestatein haheat nut inallum teuencli

vel hahuum vel freda exigenda nut aliquam dist.rictioncm faciencla,

sed per omnia ita sub potestate sint episcopi, qui dcc

praesl.ante per successio]iem eidern praefuerit ecclesiae, deinceps

et in perenni tempore, sicui.i usque modo iuris fuerunt potestatis

nostrae.

Diese Überl.raung der Königsabtei St. GArv, schlofs indes

noch bei weitem Wichtigeres, als man aus dein Inhalt der

Urkunde allein entnehmen könnte. in sich. Hierauf führt uns

eine wertvolle Bemerkung in der Bischofsgeschichte. Bei Er-

wrihnuiig jener Schenkung ist da gesagt 30): abbatiam Sancti

Gangerici ex integritale (die Urkunde von 948 gebraucht in

ähnlicher Weise den Ausdruck ‚ex integro') supradictarum

rerum, unde videlicet contenlio coeperat.....contradidit (Otto 1.).

'(Floduai'di annales ad a, 939). Graf Isaak wird unter den abtrünnigem

lothringischen Grafen genannt. welche damals an König Ludwig von

Westfrancien sich ri nzuschl ieleii suchlenz die Geistlichkeit beteiligte sich,

wie gemeldet wird, nicht au dieser ikwegung und hielt an König Otto

fest. Ob hiernach vorher die Meinungsverschiedenheit in jenen politischen

Fragen zu 'reiferen Konflikten zwischen Bischof und. Grafen in

(kimhrai, woranr die Riseliofsgeschiehi.c (Gesta ep. Garn. 1, c. 71) mit

den Worten ..denigue etiain allernis conflictibus gravis inter se contentin

adolevit'. anspielt, Anlafs gegeben hat, WEst sieh nicht genau feststellen.

Jedenfalls hat das reiehsfeindliclie Verhalten Isaaks an seiner Absetzung

mitgewirkt.

°) G esl.0 e p. Cam. 1. c. 73.


12 -

Diese letztere Stelle kann sich nun meiner Auffassung nach nur

auf die in cap. 71 der Bischofsgeschichte als Appendix zu

St. G6ry (s. Anm. 20) angegebenen Stücke beziehen, nämlich

auf: dimidium seilicet Cameracae urbis castellum curn medietate

quo(Iue pnbticorurn vectigalium. etc. Denn gerade hieran knüpft

der Verfasser seine Auseinandersetzungen über die Streitigkeiten

zwischen dem Bischof und Grafen. Es kann hiernach die

Meinun g der Bischofsge schihte nur dahin gehen, dals der

Bischof mit St. Gry auch jene dem Grafen bisher in der

Stadt zustehenden Besitzrechte erhalten habe. Nur dadurch

konnte ja auch dem zwiespältigen Regimente iii der Stadt

durch König Otto ein Ende gemacht werden. Hatte aber hiermit

der Bischof, wie für St. Gdry, so auch für die Stadt die volle

gräfliche Gewalt erhalten? Nach der ganzen . Sachlage dürfte

dies wohl bejaht werden können.

Freilich scheint dagegen eine Urkunde aus dem Jahre

1007 31) zu sprechen, welche damals erst dem Bischofe die ge-

samten öffentlichen Rechte im comitat-us Caineracensis verleihl.

Auffallen inufs aber, dal's in dieser Urkunde der. wichtigen

Bischofsstadt Camhrai mit keinun Worte gedacht wird. Sollte

man nicht darnach vielleicht glauben, dafs die Grafscha.ftsverleihung

sich nicht auf die Stadt. sondern nur auf aufserhalb

derselben gelegene Gebietsteile des l(amniericligaues »2) beziehe,

zumal es doch nach dem vorhergehenden (s. S. 9) uns als sehr

wahrscheinlich gelten mufs, dafs der Stadtbezirk aus dem Gaue

ausgeschieden sei und eine Grafschaft für sich gebildet habe,

deren Verwaltung jener öfter genannte Isaak gehabt habe?

51) Aachen, 22. OICL 1(X)7. Stumpf, Kaiset-urkunden Ni. 14-ö5. - Die

Echtheit der Urkunde it nicht anzuzweifeln, cii Hoeres. das Bistum

Cambrai, Diss, Leipzig 1882. p. 5.

5) Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts erscheint ein Ar,tul(' als

Graf in Cambrsis (pagus Cameraeensis). Argument für Arnulf als colnes

Cameracensis ist, vor allem der Hinweis in der urkunde Ottos 111. von

1001 (Gesta ep. Cam. 1, 112): castellurn ganciae Mariae, quod vocatur

antea Vendelgeias. rjuod situt,, esi uI page Cameracensi ne eomitatu


- 13 -

Es hestiitigt diese Annahme vol1ncls das nachdrückliche

Hervorholen eines Beamten der bischöflichen Herrschaft, ds

Gastellanus, irF der Geschichte der letzten Hilifte des 10. Jahrhunderts.

Dieser ist jedenfalls, wie wir im folgenden" zeigen

werden, als Erbe der griifliclien Gewalt jenes Isaak vor dein

Jahre 1.007 anzusehen. Sein Amt hat nicht im Jahre 1.007

eine Versl.ärkung durch Kompetenzen der öffentlichen Gewalt

erfahren., wie die ausführliche Berichterstattung der Bischofsgeschichte

aus jener Zeit. lehrt (s. S. 21 f.). Wir lesen da nicht

von der Übertragung neuer Rechte, sondern von einem heftigeh

Kampfe des Castellanus mit dein um die Behauptung

Lind Vererbung der biher in seinem Besitz befindlichen Rechte

(s. S. 22). Alle diese Punkte sind der Auffassung günstig.

dafs schon im Jahre 948 nach der Absetzung des Grafen lsaak

der Bischof ii) den Besitz der gräflich en Gewalt im Stadtgebiete

gelangt ist

Arnrrili conritis. - Arnulf erscheint auch in arrilererr Teflon ' des Gaues

thatig Er schiitzL die südliche Grenze mit Hilfe des Grulen Goclefrjd

(Gesta ep. Can. 1. J. 102) gegen die Einfiille des Grafen Otto von

nandois, der zuerst in der Gegend von Gern' ( e r. t,6 Glav, Glossaire

lopogr. p.IbJ. zu Gliarle Na 7: Gouv ei) Arruuaise ‚tait induhitahiernent

du Cainbrisis) sieh festsetzte, und dann durch Erbaunrig einer Burg hei

Vincliv (dietat eutern ah erbe lrae quattuor rnilihus : Geste ep. Ca in. 1.

02) die Stadt Cn.mlrrai selbst gefährdete. Der enge Ausehlufs Ariiulfs

an Bischof Er)rnn von Carnbrai angesiciris der von Norden drohenden

Angriffe des Grafen Baldnin von Flandern durfte dies ebenfalls heshuitigen.

(3 es ep. Garn. 1. e. 114: Erininns episeoprrs erna Arnalpiro cornite.

ntpote urm eojmrrunis dedihionis Stil) irnperio ColiSoeiO - familiaritatein

hrahehat. Wie ganz anders stand indes damals der Bischof Erinin mit

seinem c:hratella.in Walther (s. S. 23 lfl. - Graf Arnulf versah gleichfalls

in einen( Teil von Hennegan, wo ra]enciermnes gelegen ist (Arnulf wird

Gesta ep. Garn. 4 c. 114 \alentianensis genannt und Gesfa eh). Garn II,

e. 30 als Stifter eines Klosters in Valeuciennes aufgeführt). gril fliehe

h'mrnktinnen. Vgl. Hirsch, Jalmrhiicher des deutschen Reichs unter Heinrieb

II.. Rd .1. Ii. 39 .4. fl.: JJ Ii. 9 if

Abschnitt II.


III

Verfassungsentwicklung und Geschichte der späteren Burggraf-

schaft in Cambrai, der Chatellenie, bis ins zwölfte Jahrhundert.

Dafs der Bischof im Jahre 948 die bisher von dem Reichsbeamter

in der Stadt. geübten Rechte erworben hat., dafür

sollte uns nach dem vorhergehenden das Auftreten eines bischöflichen

Beamten, welcher mit den hauptsächlichsten Rechten der

früheren Reichsgewalt belehnt war, ein Beweis sein.

Zu Beginn der Regierung Bischof Tetdos (972-978),

also 25 Jahre nach der Absetzung des Grafen saak (948) erhalten

wir in der Cambraier Bischofsgeschichte (lih. 1 7 c. 92)

die erste Kunde von einem angesehenen bischöflichen Beamten.

dem .‚Gastellanns". Es ist dies ein gewisser Johannes, welcher

daselbst durch die Worte ‚.majordoinatti ceteris prestahat in

urbe suh pontificali auctoritate' uns als der erste bischöfliche

Beamte gekennzeichnet. wird. Abgesehen von dieser hervorragenden

Stellung ist die Benennung jenes Johannes als „casteilanus''

für die Bestimmung seines Amtes von der höchsten

Wichuigkeit. Welche Bedeutung hat nun dieser Titel in jenen

Gegenden? Wir finden übereinstimmend, dafs mit ‚‚CastellanusY

in vielen Gegenden Flanderns, wie überhaupt des nordöstlichen

Frankreichs und Belgiens Beamte benannt werden, welche aIi

Vertreter eines Grafen im Stadtgebiet, namentlich militärische,

aber auch gerichtliche Funktionen zu versehen hal:ten 1); Ihren

er. Warnkönig und Stein. Französische Staats- und ltechtsgdschiehte,

Rd. 1. p. 244: Statt der Vieoites findet man an anderen Orten

als regelmäUsige Stellvertreter des Grafen in militärischer Beziehung und

mit Gerichtsbarkeit. versehen die chätelains 1. 5. W.

J. A. Gin'. Les Gtrfl telains dc Saint-Onier. (Bihtiot tique de l'(:cn]e

des chartes etc. IM. ..........s. daselbst. die Introduction.)

er. Waitz. Deutsche Verfassungsgesetnclite. fld. 7 ti. 43 ff.


-- -

Sitz haben sie in dein Obhut, anvertrauten ‚‚castetluin"

der Stadt (der vorher genannte castellanus Johannes haut

sieh im castellum ohne Erlaubnis des Bischofs Tetdo eine Burg

(gesta ep. Cam. 1 : c. 92)2), vo1ier sieh auch ihr Name „caslelhinus"

Chatetlain. ein 'Wort, das dein .,Burggraf'

gleichkommt. ableitet. Das Gebiet, in dessen Umfange sie thätig

sind, heifst ihre eastellania, Chaiellenie.

Dafs wir für den Chatellain von Cambrai solche Kompetenzen

in analoger Weise anzunehmen berechtigt sind, das

lbhrt uns fernerhin die in fran',Msischer Sprache uns über-

lieferte Eidesformel 3), deren Inhalt wir im folgenden kurz

angeben wollen.

Der Chatellain verspricht darin treue Erfüllung seiner

Lehnspflichten dem Bischof, seinem Herrn und zwar naö]i dem

Recht, wie es in Lothringen gilt, unter Ansschlufs der Sitten

und Gebriuche im westfränkischen Reiche'); er verspricht

2) Auch fehlt es nicht. all Hinweisen iii der folgenden ZeiL dafs die

Gtiate!tains voll im Casteltum ihren Sitz hatten, Bei der

Wiederaufiinlijrie dies Chateltains Walther II. in der Stadt wird der Ausdruck

‚‚in casteltnm recipere' gebraucht. (Gesta ep. Garn. ' lii. c. 3.9).

Auch im 12. JallFlillTidC11 Irefien wir den G)ial.ehlnin Simon dort mi,

‚‚Prostraveri nt dounnin suani (se. Sini on is eastellani durch die Coi ii )ii ne)

hac in nrbe valde bonani, qnae serlehat in sacrato San ctae Nariac atrio.

(Gesta Nicholai episeopi Str. :2. 325. M. 6. 55. XIV. p. 2414 Die

lIla rienkirclie tag aber im casteltuin der Stadt

) Ans der ..Gtironiqne de C:ainhrai par Paul Geli& entnommen ‚'ori

Le Garpentier. }hstoire de Camhrav et dii 'Garnhrsis. Bli. L p. 248.

In der Gestalt, wie ans die Eidesforjnet überliefert isL gehört sie

vahirseheinlic]i (tcii) 12.. jahrbunrlert in, woranr die ErvRhiiuiig der

Commune in der Stadt (s. Abschnitt. III, 3 der Abhandlung) hind intel..

Doch finden sich in ihr auch einzelne Bestandteile. die auf eine ältere

Zeit hinweisen (s. Anm. 4).

4) ‚ . ‚ ei 21011 calant et nient ten,nit )es ' us et knsluines des Karliens

et Gapetiens, los et tioneur Vous ferai, colnme tes .tCevatiers t.o-

thriiis a ieinrs Sires 'ei evesque font." Auffallende Übereinstimmung

mit diesem Satz der Eidesforinet zeigt das in den Gesta. Gerardi ei). '

lib. III. e. 44) (Id. G. SS. VII) angeführte Schriftstück (c. utO ei postposiiis

Karleiisihns enstuniiis ta)ein honorem tihi ohservaho. qnaleni Lotharienses

nnitiies dominis si(s et episeopis), ebenso eine Stelle ans der Ur-

9*


- 16 -

ferner Schutz der Kirche und ihren Angehörigen, Schulz den

Bürgern der Stadt an Leib und Leben, in ihren Rechten und

Besitz gegen alle ‚Eingrifre fremder Personen, soweit seine

Cbatellenie reicht (es folge) weitere Ausführungen Nber den

vom Ciiatellain züi leistenden militärischen Schutz): er gelobt

endlich über das Recht aller Unterthanen des Bischofs zu

wachen und Recht zu sprechen nach Urteil und )3eistimmung

dr Pairs und Schöffen`). (Sein Vorsitz im Pairs- und Schöffen-

gericht wird dadurch angezeigt.)

Dürfen wir nun hiernach dcii Chatellairi unbedenklich afs

den Nachfolger des alten Burggrafen nach Begründung der

bischöflichen Hoheit in der Stadt ansehen. so haben wir sein

\Terhiiltnis zur bischöflichen Herrschaft noch nach einer anderen

Seite hin zu untersuchen;

Die Bedeutung der Chatellenie in Cainhra.i beruhte nicht

minder auf dein eines anderen wichtigen Amtes, nän]-

lich der Vogtei des Stiftes. Ob durch die oben schon citieric

I


- t -

Stelle der 13ischofsgeschichte .‚rnajordoinatu edens preslahat etc»

nicht allein die vor der übrigen bischöflichen Lehnsmannschafl.

angesehene Stellung des Cliatel]ain .s, sondern speciell durch

das Wort .inajordomalus" der Besitz des Majordomats oder

Vicedoruitts °)' das die Vogtei in sich fafste, angedeutet weiden

soll, will ich nicht urgieren jedenfalls wird jenem schon zu

Beginn des elften Jahrhunderts in den ‚‚Gesta. Gerardi episcopi

(gesta ep. Cam. III, 2.)' der Titel eines ..castellanus advocatusqne

civitatis" beigelegt, wobei nicht daran zu denken ist.

dafs er erst damals die Vogtei erhalten hätte. da seit Bischof

Gerard im Gegenteil der Epiecopat darauf ausging, die 1:1c1 . -

schaft des Chatellains immer mclii einzuschränken 7).

Es ist dies auch vollkommen daraus klar, dafs der Cliatelhin

wtihrend der Sedisvaianz iii umfassender Weise die weltlichen

.Rechte des Bischofs ausübte, wofür ich zum Belege nur

die Mahnung Bischof Erluins (995-1012) e welche er kurz vor

seinem Ende an den Chalellain Walther II. richtete, anrühren

will'): ut - ecclesiinii lideliter et, viriliter teneal, donec alter

1astor suceedat (gesta ep. Cam. 1, 11.8). -

Als Vogt des Stiftes hatte der Chatellain die Verwaltung

der bischöflichen Güter zu leiten und während der Vakanz

sodann den Nachlafs des Bischofs zi.i bewahren und die Aus-

0) \\r aitz - deutsche \'erfassnngsgesc]i. 13d. 6, p. 301, Nr. 2: In

Deutschland heifst zunächst in den geistlichen Stiftern ein höherer Beamter.

der die weltlichen Beelite zu üben, die Verwaltung der Güter zu

leiten auch wohl die kriegerische Mannschaft zu führen hat, bald Majordonjus.

bald Vicednniinus. S. auch 13d. VII p. 45

ljher den Vidarne in iraukrciclx s. \Va ra könig ‚‚‚id 5 tu in, .frz.

Staats- und Bechtsgesc:h. 13d, 1. p. 227: ‚‚Von den Kirchenvögten

s. P- 24 lt

8) Gcsta ei). Cuin. 1, c. 110, 117-120. Gesla Lietherti ei)- e. 5 7 6.

(M. G. 55. VII, 441I lt.) überall erscheint hier der Chatel min wiilirend der

Sedisvakanz als Stellvertreter des Bischofs. Er verfügt über die bischöflichen

Einnahmen, lagert sich in die. bischöfliche Pfalz ein und erhebt

in unumsclü-linkter Weise Abgaben voll Bewohnern der Stadt. Nach

der Entfernung des Chatellains aus seinem .Amte (s. S. 32 f.) erblicken

Wir an seiner Stelle einen bischöflichen Vieedonnnus, derrnit ähnlichen

Befugnissen in solcher Zeil ausgestattet war. S. Anm. 55.


18

Übung des ins spolii zu hindern"). Diese Befugnisse wurden

später von der Vogtei abgesondert und einem besonderen Beamten,

dein \Ticeduminus, wie wir noch zeigen werden ID), übertragen.

Der Vogt stand ferner an der Spitze der bischöflichen

Lehnsmannschaft, deren AnFührung und Gerichtsbarkeit ihm

oblag.

Die mit so weitgehenden Kompetenzen ar.rsgestalteten Ulmteilains

in Camhrai waren nicht aus der Reihe der bischöflichen

Ministerialen, sondern aus einem freien Fierrengeschlecht

aus der Unigegend Cambrnis gewählt. Der Chatellain Johannes

gehörte einer in Cambr6sis und Vermandois angesehenen Fainilie

au ''). Sein Nachfolger, der Chatellain Walther, war ein

durch seine Macht weithin angesehener Burgherr von Lenst2).

Aus (leni 1-lause dieses Walther nebst. seinen Seitenlinien

stammte die ganze Reihe der Chatellains von Uamhrai ah durch

die folgenden Jahrhunderte hin 3)

Gegenilhei' diesem seinem ersten Beamten und Leimsträger

haUe der Episcopat lange Zeit nicht die Macht, seine

) ef. Warnkönig und Stein. franz. Staats- ‚und fleehtsgeseh.. Rd. 1.

227 7 vgl. Anm. 8. 23, hö und 57.

Uher die Verurteilung eines ?dinisteriale,r narneits.IinI.herts dnrcl,

den Chalellain Walter s. gesta ep. Garn. iii e.39.

S. Anm. 5. 57.

10) Seite 32 C.

Gesta. ep. Gain. 1. 92 potens tam Caineraeeusinni quain \'errnan-

detistun,.

38) Gesl.a ep. Garn. 1. 92. Waltenis quidein Lenensis eat r

.si va4sallus

iuxta emineiutiarn se(tularis potestatis darus. - Zu den ‚.aequales", deren

Gericht der f:l,atellairu Walther II. untersteht, zählen unter anderen der

König B othert voin Frankreich und der Graf 0 In von Ghainpagi ic. er .

gesta ep. Cai,i. III. c. 10-48.

18) Nach dem Tode des Chalellains Walther )J. (t 1041.) ging ‚die

Chateilenic nach kurzer Zwisehenherrseha rt des Johannes, \'ogts von

Arras. an Hngo. den Neffen Waithers über (s. Seite 28 F.). Von diesem

stammen in gerader Linie die Chatellnins Hugo ii., Simon. Hugo 111. ah.

Letzterer star)) im Jahre 1190. Die Chatellerne erbte von ihm 1-leldiarde,

seine Nichte. Diese vermählte sie), mit Andreas. dnniinns de Montrnirail,

der dinn die Reihe der Cliatellains von Camlirai weiter fortsetzte.

cl', le Glav. gl. top.. p. 1643.


- lt) -

Oberherrschaft voll und ganz zur Geltung zu bringen. Die

Kämpfe, welche ehedem zwischen dein Burggrafen und dem

Bisehofe um die Herrschaft in der Stadt geführt waren, wurden

von den Chalellains in ihrem Bestreben, sich eine vorn Bischof

möglichst u abhiingige Stellung zu verschaffen, erneuert.. Erst

am Schinfs des elften Jahrhunderts, nach langen und heftigen

Streitigkeiten gelang es den Bischöfen, die Gewalt des Chatellains

wesentlich einzuschränken, worauf dann ein friedlicheres

Einvernehmen zwischen beiden sich Bahn brach.

Gleich bei der ersten Erwähnung eines Chatehlains in der

Carnbraier .B:iscliofsgeschichle 14), des obengenannten Johannes,

werden wir in die Kämpfe der beiden Gewalten in der Stadt eingeführt`).

Jener hatte die Abwesenheit seines Oberherrn, des

Bischofs '.ITetdo, benutzt,, um sich im . Kastell der Stadt eine Burg

zu hauen, wozu er obendrein das für den Ausbau der daselbst

befindlichen Kathedrale bestimmte Baumaterial sich aneignete. -

TeI]o wurste sich gegen diese Willkür nicht anders zu schützen,

als dafs er seinen Lehnsmann mit Gewalt aus der Stadt vertrieb.

Da jedoch dieser bald unter seiner Verwandtschaft in

lTcrmna.ndois einen grofsen Anhang fand, kam der Bischof in

neue Bedrängnis, in der ihm die Hilfe Walthers, eines mächtigen

Burgherrn von Lens, selbst gegen die Verpflichtung. dessen

Suim die Chatellenie auszuhändigen, nur erwünscht sein

konnte. Diese Hilfe bot ihm aber auf die Dauer auch keine

Sicherheit.

Walther hatte es hei dein Handel nur darauf abgesehen,

auf möglichst. leichte Weise seihst in den Besitz der

14) Gesta Cl). Cain. 1 2 92.

Eine DarsteJiong luerüher findet sich schon hei Hirsch Jahab.

des deutschen Bciel,s unter Heinrich Ii. Bil. 1. p. 35ö-359. Rd. ii,

p. 31.7-324,

Da es meine Absicht war, neben den Yerfassuiigsver]iä]lntssen auch

einen kurzen Überblick über die Geschichte der Chatel]enie zu geben,

für die reich, es iMa turin 1 vorliegt, so mufste des Zusammen in iges wegen

aiie.ii hier manches vie,ter ;itirgeiioininea werden.


20 -

Chatellenic zu gelangen") und unterstützte den Bischof, als ihre

Übergabe erfolgt war, nur lau, so dafs dieser schhefslich genötigt

war, mit seinem früheren Chatellain sieb auszusöhnen

und ihn für den Verlust seines Amtes anderweitig reichlich

zu entschädigen. Die Aufnahme Wailhers brachte dem Bischof

ebensowenig Vorteil Jener erwies sich in der Folge noch

anfsiissiger als sein Vorgänger und machte sowohl Tel.do, wie

dessen Nachfolgern, den Bischöfen Rothard und Erluin, viel zu

schaffen,

• Durch Walther ward der Grund zu der späteren •Macht

der Cliaiellenie gelegt. Durch List und Gewalt gelang es ihm.

seinen Lehnshesitz bedeul.encl zu mehren. wobei ihm von seiten

der schwachen Bischöfe nicht genug Widerstand entgegengesetzt

wurde. Unter Vorgabe eines drohenden Angriffs König

Lothars von Frankreich, dessen Abwendung er sich zuschrieb.

- \VllfsIe er Vorn Bischof Tetdo sich reiche Lehen und Geselue ike

'°) Walther forderte die Chatellenic für seine', glciclniainigcn Soli,,,

nahm sie aber zuerst selbst in .Besitz. Die Belehnung des Sohnes (W. II.)

Wallhers 1. bezieht Hirsch (Jahr]). des deutschen Reichs Unter Heinrich II.

Rd. II. p. 317 f.) auf die. Al)s ichf \Valthers 1., die Chatehlenic in seinen,

Hause erblich xi, machen. Auf eine schon damals zugestandene Vererlunig

wird indes in e. lt?. 118 des ersten Iinches der l3ischofsgesch..

wo gerade fiber die Nachfolge Walthers 11. in der Claatellenie mit Bischof

Erluin verhandelt wird, kein Bezug genommen, was doch für die Durchfnhrn,,

g der ganzen A migelegen] i eit von Ii o]ier Bedeutung sein mufste.

Eine lnterpretation der in c. 92 (lib. 1 g(„sta ep. cnn.) für die Ubernahir,e

der Cliatellenic iii Betracht kommenden Stellen läfst allerdings

eine solche durch Walther 11. nicht zu. -. - polhicitus sane (Walther l

quoil si (ihio suo aeqnivoco (W. lt.). quidquid Johannes tenehat. heneliciaverit.

eumqiie (nicht W. lT. so,Iciem W. 1., was ans der zweiten

Stelle erhellt) vice Tohannis ndsciscere voluerit. 1 otis virihus u. 5. w.

Quare letus episeopus illum (1.) recepit, sed et, qnod rogahat, ahsqne

difficultate ei contradidit (die Belehnung seines Sohnes mit der Chalellenie).

Qui (W. L) linnen posten u. s. w.. s. Seite 22 f

Die Erblichkeit der Cliatellenie ist zu!' Zeit Bischof Gerards

(1012-1051) n,heanstandet. Qesta ep. Camerac. Wi. c. 43. Si Wal-

- tenis innrtuns fuerit, et adhrnc films eins in hotestate jiostra 'fuerit.

reddemnus ihlum mihitihus suis et bonn sajictne huins cccl esin c qii inc

per rectitudinein pnlei- tenet.


- 21 -

zu verschaffen `). Bischof Rothard (979-905) vergab zahleiche

Benefizien an ihn, um nur in Frieden nut dem unruhigen

Lehnsman ne leben zu können 18), Nach seinem Tode wurden

nach dem l3ericht'°) der Bischofsgeschichte die Güter des Bischofs

und der Kirche in unerhörter Weise von dem Chatellain und

den Vasallen des Stifts beraubt.

Bischof Erluin (995-1.012) führte deswegen, als ei' im

Jahre 996 seine Weihe in Rom ernpling, hei dein apostolischen

Stuhle Beschwerde, worauf Papst. Gregor mii. einem Erlafs20)

antworiete, der in den schärfsten Ausdrücken jene Vorginge

im Bistum rügte. in diesem Erlasse wird ausgeführt, dafs der

bischöfliche Besitz bereits seit längerer Zeit gewaltsam beraubt.

und das Spolienrecht in der mifsbräuchlichsten Weise nach

dem Tode des Bischols und der anderen Kleriker ausgeübt

sei. Der Chatellain, der dies alles verhüten sollte, hatte an

diesen Vorkommnissen im Bistum gerade den 1-tanpianteil und

sorgte natürlich für die Erweiterung seines Besitzes in erster

Linie. Bischof Erinin forderte von ihm noch später ein bischöfliches

Gut, die Villa Salliacuni Saillv in Cainbr&is) zurück

das ei' widerrechtlich an sich gebracht. hatte 21) Die Rückgabe

desselben war eine der Bedingungen. unter welchen der Bischof

Gesin ei. Garn 1 2 98.

'5) Gesta ep. Garn. 1, 102.

'0) Gesta et). Garn. 1. 11.0,

20)Erluii, ei opfine seine Weihe in Böen vorn Papst Gregor V. zur

selben Zeit, wo Otto h- zinn Kaiser gekrönt 'wurde. 111 einer daseibsl

abgehaltenen Synode brachte dci' Bischof ilarni seine Beschwerden gegen

die im I3is(,u ni Carnbrai verflljien Usurpationen vor. we]ehe die iluIIe

Papst Gregors von 996 nach sich zogen (Gesta ei). Garn, 1. 1.10. itt).

Aus ihr gehen uns najnnt]ich folgende Stellen die Beschwerden Erluins

näher an'.,.] acrirnahilern ab Co (Er]nin) quc rirnonialn audivi uns. seilhicet,

quod tempore antecossonim slioriilii irhem episcopinrn inultipliciter

o liia]ignis hominihus depraedatum sit. — Hoc qiioque nobis siinilitei'

iiiti,uaturn ost 2 quoi] oheunte episeopo vel ceteris sacerdotihus

pi'aedictae sanci.ae Gameraceusis aecclesiae ahiqui diaho]ieo re&eti spiritu,

soleaiit res ecclesiasticas 2 qiiae vel episeopus sive etian,

sneer(lotes reliquerinh, deripere et dovastare etc.

21)Gesta op. Garn. 1, c. 117.


- 22 -

die Vererbung der Chatellenle zugestehen wollte. - Gerade

diese Verhandlungen Walthers bezüglich der Lehnsfolge seines

Sohnes und ihre schliefsliche Erledigung zeigen, wie machtlos

damals der Episcopat dein gegenüber war"). Als

Bischof Erluin bei anfänglicher Nachgiebigkeit sich später weigerte,

eine solche Lehnsfolge gut zu heifsen, versammelte der

Chatellain noch kurz vor seinem Ende seine Lehnsleute um

sich, liefs sie Treue seinem Sohne schwören und ermahnte sie,

diesen auch gegen den Willen des BischoFs in seiner Stellung

zu beschützen. So geschah es auch. Nach dem Tode Waithers

behauptete sich sein gleichnamiger Sohn als Usurpator iiti Besitze

der Chatellenie. Mochte der Bischof sich auch anfangs

hiergegen auflehnen, später blieb ihnm kein anderer Ausweg, als

eine Vermittlung, die ihm durch einen Verwandten Walthers 11..

Seiber von Lena, angeboten wurde, anzunehmen. Er bestätigte

Wallher TI. gegen Zahlung einer Bufse von 20 Pfund Silber

für vorher von diesem verübten Frevel im Besitz der Chatellenie.

Alles, was Erluin noch thun konnte, bestand darin, dafs

er dein angesichts der Sedisvakanz, welche hei

seinem kränklichen Zustande jeden Augenblick zu erwarten

war, den Schutz der Kirche ans Herz legte, bis ein neuer

Bischof gewählt sei.

Walther handelte indessen nichts weniger als den

sehen des Bischofs gemäfs. Der Eintritt der Vakanz war ihm

der günstige Augenblick, eine Gewaltherrschaft in der Stadt

zu errichten. Es war seine Pflicht als Verwalter der bischöflichen

Güter für die Hinterlassenschaft des Bischofs Sorge zu

tragen und dieselbe gegen einen Mifahrauch des Spolienrechls

sicher zu stellenil). Was war aber ein solches Amt lii seinen

') Gcsta ep. Cant. 1. g. 117 ff.

s. Anm. 9. eL Le Clay, Glossaire topogr.. p. ib4. 155. Irgend

ein Anspruch auf die bischöflichen Einkünfte während der Sedisvakariz,

sowie auf die bewegliche Habe des verstorbenen Bischofs wird wohl

dem Cljateilain als Vogt (vicedoniinus) zugestanden haben, da ein solcher

auch später vom Domkapitel als es die Vidaniie erworben hatte


- 23 -

Händen? Gerade dieses gestattete ihm Mifsbräuche der ärgsten

Art,. Er besetzte, als Bischof Erbin kaum die Augen geschlossen

halte, den bischöflichen Palast mit seinen Vasallen, brach in

die Stallungen des Bischofs ein und vergeudete die bischölikhen

Einkünfte. Schlimm waren die bischöflichen Unlerthanen daran,

die des schützenden Armes ihres geistlichen Herrn entbehrten.

.Brandschalznngen aller Art hatten sie vom Chatellain zu er-

dulden; wer sich seinem Willen nicht fügte, wurde ins Gefängnis

geworfen 24).

Da war es denn eine Wohithat, als der nett

Bischof Gerard 25) (1012-51.) in Cambrai anlangte. Mit ihm

ward dem Bistum nach langer Zeit wieder eine tüchtige Ober-

leitung gegeben. Es war dies aber auch für die traurigen

Verhältnisse Camhrais geradezu eine Notwendigkeit, und zwar

nicht nur wegen der vom Chateltain schwer bedrückten bischöf-

lichen Unt.erthanen, sondern vor allem wegen des zurück-

gegangenen bischöflichen Ansehens. Der Episcopat hatte sich

(s, S. 3:3 und Anm. 55 und Ani,i. 57 daselbst), erhoben wurde, im Jahre

1252 intiMe aber das Domkapitel infolge eilles Dekrets des Bischofs

Nicolaus de Fontaines auf sei" Anrecht bezüglich der beweglichen (i 11er

des Bischofs verzichten (Le (mv 7 gl. top.. p. 155).

Der Cl,aI.ellaiu machte nalürlicl, von einem derarti gen l3eehte de,,

ima ogem essensten Gebrauch, so dafs auch hiermit ein Teil der Klagen

nach jeder Sedisvakanx zu beziehen ist. Die Besetzung der hischöfliebe,,

Pfalz war ein unerlaubter Schritt des Chatellains, welcher bei

der Ankunft, Bischof Gerards Laufs strengsLe gertigt wurde: ..uiiio et

1 1 11 0 spirilu cnn, aliis maus etian, (Immun episcopaleni 000lli lare presunipserit.

rogaiit. (Gesla ep. Garn. iii, c. 1.)

24) Qui (Chatelinin Walther Ii.) magis magisque elleratus patriis

iisih,s teir,eratis, i,,Loterabiles iniurias ‚niseris exercuit in civihus. Qui -

en uI pecuniam nun dabat, in vinel lt 5 rapiebatur. - (. reberrim e deplora.iitiiim

civiunl con(Iuestiones invicem couieruntur. ifliserOs Se f1011 lia.bere

patronum. so(] expitatorein publicum.

W) Hirsch, Jahrh. d. ‚lentschei, Iteichs unter Heinrich lt. 13d. 11,

320 ff. :344 ff. - Der Lebensgeschichte Bischof Gerards ist das dritte

1311011 der C:ambraier Bisehofsgesehichte gewidmet. Flur die weitere

\rerfoluung der Kämpfe zwischen Episcopat und Chatellenie ist darin

reiches Material geboten.


- 24 -

seit Bischor Tetdo unfähig gezeigt, die mächtigen .Chalellairis

sie]) unterzuordnen. Noch zu Beginn der Regierung Gerards

wird dem Auftreten des Ciratellains \'Valtber nachgesagl er

reifse die Oberherrschaft völlig an sich und lasse dein l3iscliole

nur den Namen und den Schien seiner Ehre'' 86)

Unter Gerard beginnt nun ein langandauernde.,' Kampf

zwischen Bischof und Chatellain, welcher schliefslich die Herr-

schaft des ersteren wieder zinn vollgültigen Ausdruck brachte.

Die Amtseinführung Bischof Gerards durch eine kaiserliche

Gesandtschaft 27) und die von ihr ausgesprochene höchste Mifs-

billigung über das Benehmen des Chatellains während der

Sedisvakanz machten zunächst auf diesen wenig Eindruck.

Er verharrte in seiner anmafsenden Haltung und leistete weder

einer ihm von dem Bischof zugegangenen Weisung des Kaisers.

dem ‚jene Verhältnisse in Camhrai nicht unbekannt geblieben

waren, Folge, noch war er da-zu zu bewegen, Gerard zur

Ordination nach Rheirns zu geleiten. Der Bischof, dem aufsei'-

dein hei seiner Rückkehr vom Kaiser laute Klagen über ihn.

wegen willkürlicher Ausübung seines Amtes 28) zu Ohren kamen.

wandle sich -sofort an den Kaiser, um von ihm in dieser

schwierigen Lage unterstützt zu werder,. Dieser entsprach

alsbald seinem Wunsche und euisandte die Grafen Godefrid

und l-Ieriman 20) nach .Cainbrai, damit sie den unbolmäfsigeii

Chatellain zur Rechenschall. zügen. Dies verfelille seine Wir-

20) Es ist dies einer der Vorwnrfe. welche die von, Hei':], gesa

nilten Grafen G odefricl und ]Ie rünan (s. Anm. 29) gegen vier, Chate 1 tal'

Walther II. erheben: „Sibi (Walther) eniln totius ici prepol.estatem

per ritus u surp 11 re C) isCOpo ve ni solu ni irr ii' ca ne s pecie n hen ori -

reliriquere. (Gesta ep. Garn. 1]]. e. 2.)

27) er. Hirsch (Anm. 2ü). 13d. ii,. p. :121

20) Sie reversus (l3ischof Gerard) mn]ta iteruin mai21 rqrperit: quijipe

querutis paupeimin elamorihus Iriste pulsatus. quorurn Walterus alios

verberahat dios ir,suetis exactionibus semper vexahat. (Gesta ei),

Garn. ilt. c. 2.)

29) Godefrid II., Graf von Verdn,,, der s pätere Herzog von Niederlothringen,

iieriir,an, der I3111der dieses, Graf von henlra.in. cf. )Ii,'sr:Ir.

Bd. 1, 1)322.


- 25 -

kung nicht. Walther fühlte sich in seiner Stellung geflhdet

und erklärte sich zu jeder Genngliiuting dein gegenüber

bereit. Gegen Obergabe voll Geiseln und das Versprechen.

dem Bischof für allen zugefügten Schaden vollkommenen Ersatz

bis zu einem restgesetzten Placitum zu hiei.en, gaben sich die

Gesandten des Kaisers. durch die Bitten Gerards selbst erweicht

zufrieden, setzten aber die Drohung hinzu. dafs Walther sich

dem Kaiser zur Aburteilung zu stellen habe. falls er diese

Genugthu ing nicht in der bestimnil en Frist geleistet habe.

Allein. kairni hatten die Gesandten Camhrai verlassen und der

Bischof sich zum Kaiser nach Metz begehen, als der Chatellain

von neuem den Frieden störle. die Güter des l3ischoLs verwüstete

und durch Sengen und Brennen im Subnrbiuni der

Stadl. selbst Schaden anrichte«,. Die Zeiten aber. wo er ungehindert

sich solchen Unfug erlauben konnte, waren vorilber

Bischof Gerard forcierte gleich nach seiner Biickkehr den

Friedensbrecher vor sich und hielt ihm in der schärrsten Weise

dcii neuen Vertragsbruch vor. Dies halle Wall.her nicht erwartet.

ünd er warb in Ansehun g seiner jetzt verschlimmerten

Lage' gewichtige Personen zu Fürsprechern in seiner Sache,

so den König Rothert voll und den Grafen Odo

von Champagne. Durch diese liefs sich Bischof Gerard, mitbestimmt

durch den traurigen Zustand der inneren Bistumsverhü

ltnisse, bewegen mit Walther sich auszusöhnen. - Aber

liese Aussöhnung stellte nur fü:r den Augenblick den I?rieden

her. Es kam zu neuen Zwistigkeiten, deren Beilegung ebenso

wenig Bestand hatte. Die in der Bischofsgeschichle mitgeteilten

Schiiftslück(,30) Über die zahlreichen Vergleiche des Bischofs

80) Sie sind enthalten in e. 40—dS der (iest,i Gerardi cl). (Gesla ep.

Garn. )ii); angekündigt waren sie aber schon in e. 3 der Gesta durch

die Worte liuiusrnodi tarnen conventioties suoruni arnicornni säerarnentö

collatis. - Durch die Znsajnnieustr.11iing der zahlreichen Vergleiche will

tier Verfasser der Gesta die hewunderungstviirdige Geduld des Bischofs

und die grenzenlose llnbotiniifsigkeit des Gliatellains dein Leser in das

rechte l:1icht setze,,, wie er dies in c. 39 anssprieliL - Die Schriftstücke

selbst bestehen nur aus liruchstückeit der allen lirknnden;vgl. Über sie


- 2t1 -

-mit seinem Chatellain geben uns ein Bild von der Hartnäckig-

keiL mit welcher auf beiden Seiten um die Herrschaft gestritten

wurde. Bischof Gerard war mit allen Mitteln bemüht, auch

seine weltliche Oberherrschaft in der Stadt aufrechtzuerhalten

und liefs den Chatellain durch die schärfste Kontrolle dessen

Abhängigkeit fühlen; dieser hingegen, der durch eigene" Besitz

und die Lehnsschatt der hervorragendsten weltlichen Rechte

des Bischofs der mächtigste Mann im Bistum war, war zu

stolz, dem geistlichen Oberherrn gegenüber die Rolle eitles

Dieners zu spielen; er erwiderte die zahlreichen Cliikanen des

Bischofs mit ebenso hituligen gewaltsamen Eingriffen ii) den

Besitz der Kirche. Allmählich war auf beiden Seiten eine

Erbitterung eingetreten, welche jede Versöhnung ausschiols.

Selbst der Tod Waithers, der endlich jenem fast dreifsig Jahre

lang geführten Kampfe im Jahre 1041 ein Ziel setzte, vermochte

nicht den Zwiespalt völlig zu lösen. Bischof' Gerard weigerte

sich hartnäckig, den Kirchenbann, der Walther vorher getroffen

hatte, von dem Verstorbenen aufzuheben trotzdem diese' noch

vor seinem Tode nach der Aussage von Zeugen ein reuiges

Bekenntnis seiner Schuld abgelegt hatte"). Es bedurfte erst

Hirsch. Bd. II. p. 323 n. 344. - Der letzte dieser Vergleiche, die cmivent.io

apud Selielmas oppiduin facto" (e. 4) vermochte ebensowenig,

wie alle vorhergehenden, den Frieden auf die Dauer herzustellen, Die

im übrigen Teile der Gesta enthaltenen Notizen (e. 50. 53. 51) dienen

lediglich dazu, den unversöhnlichen Gegensatz zwischen l3isehof irnd

Gliatellaiji noch mehr zu kennzeichnen. Cf. Steindorif. Jahrh. ii. deiitschen

Reichs nnter Heinrich lii. lId. 1, p. 48 u. 144 11.

)

8t

Die .Annales .Elaone,ises min. ad. a. 1041 (M. G. SS. V) und

das Glironicon S. A.irl reac mon. (lib. Il. e. 8. 2.1. G. 55. VII) ergtinzen

die kurze Angabe seines Endes in der )iischofsgeschichte (Oese ep.

Garn. contin. c. 2. M. G. 55. VII. p. 44*)). - T)afs der Chatellain sein

Ende gefunden hal,e, als er gerade vor den Thüren ('er Kathedrale betete,

wird von deinChro,ucon 5. Andrcae mit Reserve (ad ostluin Sanctae

Mariae, d uni oraret, ii t n tu. t nos id paruin conipe rlum liabeinns) angegeben.

1) er Ort, an welchem sein Mord verübt wurde, In achte viel -

leicht eine sl ehe Anslegnng zu Gunsten Walthers annehmbar, da man

lenken kann. dafs dessen Familie alle Mittel (bei tlem W'iderstande des

Bischofs) nnwandt.e. um ihrem 2.iitgliedc eine ehrenvolle (irabstiilte zu

sichern. -


27 -

der eindringlichen Vorstellungen des.. Erzhishofs Wido von

Bheirns und des Grafen Balduin V von. Flandern heim 13iscl'ioft.

um dem Chatellain eine ehrenvolle Ruhestätte zu sichern82).

Der Erfolg in der vorangegangenen Zeit war unzweifelhaft

auf der Seite des. Episeopats, das durch Bischof Gerard in

seiner Herrschaft bedeutend gefestigt war. Allein er konnte

sich erst dann unangefochten seiner Herrschaft in der Stadt.,

erfreuen, wenn es ihm gelang die' Befugnisse des Chatellains

einzuschränken. Dies war erst den Nachfolgern Gerards, den

Bischöfen Liethert und Gerard lt., iip Verfolg der gleichen Ziele

vorbehalten.

Ungünstig für die Ma.chtenl.wicklung der. Chatellains im

El ause Waltliers war zunächst die schwankende Nachfolge.

Der Cha.lellain Walther 11. hatte nunlich nur einen einzigen,

noch unmündigen Sohn hinlerlassen), und die Sorge

Für die Verwaltung und Bewahrung der flechte desselben Ed

seiner Witwe Ermentrud zu. Um diese in ihrem ganzen Umlange

vertreten zu können, entschlofs letztere sich zu einer

neuen Heirat. mit Johannes. dem Vogt von Arras. Bischof

Gerard hat zweifelsohne diesen als stellvertretenden Chatellain

anerkannt, wofür uns ein Diploin 84) 'vom Jahre 1046 biirgt, in

welchem die Unterschrift des Johannes als Chatellain an der

Spitze der übrigen Lehnsleute des Stifts erscheint. Der 'vorzeitige

Tod des Sohnes und Erben des verstorbenen Chatctlains

führte zu Zwistigkeiten zwischen Johannes, welcher sein Amt

weiter versah, und einer Partei, an deren Spitze der spätere

Bischof Liet.hert stand. Dieser trat für Hugo. dcii Netten des

) '\\Tift ] 1 r ward ist' Kloster des Ii. .Ainandus (Si., Aniand iii Henne-

Will) begraben allwo sich die Jnsehrift. findet: Continet hnee fossa

finalteri prilicipis ossa quem eaJ'neraeensis oranteni percnl.it elisis.

(A in. Elison. i'nsii. a. 10+1.)

°) ‚GesI.a ep. Garn. Contin. (Jesta Lietberli ei). M. G. 33. VII.

439 ff. cl. Steindorff.,lalirb. d. deutschen Reichs unten Heinrich III.

Hd. lt p.. 147 Vf.. IM Vf.,, 278 11.

S4) Le 0 lav. Gossaire Lopogr.. p 5 u. 144; Miraens. op. dipl. 1, p. 55.

Es ist die SI.iftnngsnrkunde der Abtei St. A ndr in Gateau-Ca.mhr&is.


-- 28 -

Chalellains Walther 11 ciii, welcher damals noch minderjährig

war. Nach langen Streitigkeiien wurde die Angelegenheit durch

die Dazwischenkruft Kaiser Heinrichs dahin geordnet, dafs

Johannes von der Chatelle]]ie zurücktrat ). nachdem er ander-

\veitig entschädigt w'ir und jener Hugo endgültig im Besitz

der Cliatellenje anerkannt wurde.

\\ Tjihreud der Zeit der Minderjährigkeit Hugos verwall etc

Anseim von Fliheinont, ein ' mächtiger bischöflicher I\linisteriale.

die Chatellenie. Später übernahm dann Hugo mit Eintritt der

Mündigkeit selbst die Verwaltung.

Zu einem gedeihlichen Zusammenwirken des Chatella ins

und Bischofs kam es alle]) jetzt nicht. Es zeigte sieh immer

mehl dafs die Stellung des Chatellains mit der des Bischofs

in der Stadt sich nicht vereinigen lasse. Hugo erbte mit dem

Amte auch das herrische Auftreten seiner Vorgänger und machte

sich bald den Bischof zum Feinde.

- Durch die gewaltsame Einforderung einer bis dahin unbekannten

Abgabe hei i-lolzfuhren in die Stadt, sowie durch

Anlage eines Holzmagazins im geheiligten Bezirke der Kirche

zum Ii. Autheri setzte er sich in Widerspruch zI.l dem 13isc11ofe').

a5) Johannes hat niehd die bJiatehienio weitergcfnhrt, wie (lies Si.ei,,-

Iorhl(AII]I1 .33) Rd. II. p. 285 anzunehmen Sehe j ilt. Es geht (lies dellihicil

e. :1.4 der Gesta Lielberti ep, hervor:

c. J .L hiecedenle itnperatore in regiä sili pntrinin recessil quo'ju(!

dornnus Lieh],ei-tns episcr}pns Ca,,,erai:,-n,, in eivitate],, SI1RIT). Qui liiigonem

pner,,n, - non a. so rep]PlIIit (entzog hin nicht die Ohalellenic) -

duce,,s in irrilum do,,u]ri illilfl castellaturac. quod per ioientialn inipe-

‚atoris donare enactus in .IoI,anni (ilhergioht den, Johannes ‚‚iohi die

CIlatd]lenie). Iloc a,,Le,n lachinn imperator ne peituhil, nid!aqne i,,i,irin

I )lOinde episecipillil afrceii, (der Kaiser schreitet nicht gegen 'im,en,e,lten

hiiigehnrsani Lietberts (in). quiu potius dolIlun ihind, quod ah Hin joi]all,,i

i:ictni,, Nierat 7 s,,is i,,,lneribus :ihioque hjenehieio resta,,rnvit (enisehidigt

den Jol,au,,es für den Verlust der Chiatelienie) II. 5. W.

Für die Richtigkeit dieser Aufünssung bürgt der Eingang von e. lt

der Gesta Lieihcrti eji.. der sich ohne Schwierigkeit an das vorausgegangene

ansclil,etsi : hiiterea Hugo castohlatura donnlus aeiate i''°ci,:

1)81 etc.

O) (jesta 1,iehberii ep. c. JR n.


- 29 -

Dorn bischöflichen Curhicular und Villicus Erinena]d nahm ei

ferner zehn Kühe fort und legte ihn zu alledem in Ketten;

aus denen ihn erst das Einschreiten Bischof Lietberts (1051

bis 1076) befreite. Namentlich war es aber die ungerechte

und willkürliche Handhabung seines richterlichen Amtes gegen

angesehene Bürger der Stadt 87). welche Lietbert zur Verhängung

der schärfsten Strafen veranlafste. Der. Bischof sprach

die Exkommunikation über ihn aus, nachdem alle Ermahnungen

vergeblich gewesen waren. Hugo verliefs hierauf Camhrai und

begab sich zu dem Grafen von St. Quentin. Bald kehrte er

aber wieder in die Nähe der Stadt zurück und machte durch

Rauben und Plündern die Umgegend unsicher, so dafs Lietbert

wiederholt mit Gewalt gegen ihn einschreiten mufste.

Besondere Verhältnisse zwangen jedoch den Chaf.e]lain,

sich mit seinem Oberherrn wieder in Einvernehmen zu setzen:

Es war dies seine mit Ada, Nichte der Gräfin Richilde von

Mons, beabsichtigte Heirat, zu deren Vollzug er , zuvor die

Aufnahme in die Kirchengemeinschaft vom Bischof erbitten

intilste.

Lietbert erblickte hierin eine günstige Gelegenheit. (1cm

(Uia.t.ellail) Beschränkungen in seinenr Amte ar.rtzuerlegen. rind

er verlangte für die Befreiung vorn Kirchenbann die Herausgabe

sämtlicher Lehen der Chatellenie innerhalb des Gebiets

der Stadt als Gegenleistung. Fluge gab. so schwer es ihm

werden niochl.e ‚ seine Zustimmung und erklärte sich zum

Verzichte bereit`,'). Die Gesta Lietherti cl). c. 20 melden ühe

3) OesU.. Lietherti ep. c. 18: Cives nanque rneiiores et ditiores C,11'

tiiii)eli;i et iriiuriis ifficiebat, alios indeinpnatos ci iruudicatos in eippo

vii issirfln coneluderis.

Die bei Le Carpentier (histoire de Carnbrav ei du Camhr€sis,

b)n. IV, 9) urrd Le Glav (01. tot). p. 128) sich findende Ijrhmde, welche

eine Verzi chtieisLu Fig zum Gegenstande hat, ist nicht ohne Bodenken,

na nentlich boziiglich der dort verzeichneten Zeugen. (iie 01w, gi. top.,

p. 128. Die Anmerkung zur Urkunde.) Möglicherweise ist dieselbe auch

dein Inhalte ‚ach mii liii Co der Costa Lietberrj c. 20 und der Gesta

Gerardi ep. lili. III, c. 441 (s. Arm. .1') gefälscht,

3


- 30 -

jenen Verzicht: werpivit palain omnibus pra.esentc episcOpo

suisque inilitihus, praesente comilissa Ricliilde suiscjue principibus

quicquid hahehat heneftcii infra civitatein ipsam Camerad;

sicque absolutos fidelitatern episcopo Fecit dc reliquis

castellatitrae horns eI mdc obsides dedit.

Die Macht des Chalellamns war so an einem wichtigen

Punkte durchbrochen, und die 1-ler,schaft des Bischofs iii der

Stadt bedeutend gehoben.

Der ersten Einschränkung des Chatellains Hugo folgte bald

noch eine zweite und umfassendere. Kaum war der Friede

mit dein Bisehofe hergestellt als Hugo durch Beraubung der

im Walde Atrevasia (ha fort d'Arrouaise, Gesta Lietlierti ei).

Anm. 8) weidenden Viehherden der Catnbraier Bürger von

neuem denselben brach ). Von seinem Oberherrn wurde er

zur Rückgabe des Geraubten aufgefordert. Als er dein nicht

stattgab, ward er schlie.fslich vor das Gericht seiner Pairs

beschieden. Hier wurde er Für schuldig befunden und jetzt

auch seiner übrigen Letten, die ihm nach jenem erste') Vergleich

noch verblieben waren, verlustig erklärt, infolge diese,-

Verurteilung richtete-Hugo seinen ganze!) Zorn gegen dcii Bischof

und liefs sich soweit hinreifsen, dafs er ihn, als er bei der

Vornahme von Amtshandlungen sich aufserhalh der Stadt. in

der villa Buriceltum aufhielt, überliel und als Gefangenen nach

Oisy, seinem Fainiliensitze. führte. AUS dieser Gefangenscha Ci.

wurde der Bischof bald darnach durch das Einschreiten des

'Grafen Arnull' III. von Flandern 40) und dessen Mutter, der

Gräfin Richildc, erlöst und in ehrenvolle,' Weise nach C,unbrai

zuri%ckgeleitel. Für Hugo selbst zog dieser Gewaltaki seine

völlige Austreibung aus Camhi'sis nach sich. Ruhe und .lfriedeti

kehrten darauf im Bistum ein, so lange lJei.bert regiert(„.

) Ciesta Lietheati ei) . c. 21.

40) i)iese Ereignisse fallen in die Jahre 1070-71. da Gi',,C Ärjujif

nur so lange ge iii Flandern regierle. Er fiel .i in Xi inpfe gegen seinen

Ohein Enhert, in der Schlacht hei Kassel. (Chron. St Andreae mol,.

iih. ti. c.3', M. G. 55. Vii, p.?.)


- 31 -

Hugo halte aber die Hoffnung nicht aufgegeben. seinen

verlorenen Posten w.iedr einzunehmen, obschon er es nicht

wagle, an den von ihm schwer milsliandelten Bischof Anträge

clieserbalb zu richten.

Als nach dem Tode Lietherts Gerard 11. (1076-1092) die

Leitung des Bistums übernahm, trat er, unterstützt von dem

Grafen Rohen, von Flandern, an diesen heran mit einem Gesuch

um Restitulion 41). Gerard willfahrte demselben, indem

er Hugo wenigstens einen Teil seiner Lehen zurückgab. nicht

aber diejenigen, welche er vorher in der Stadt besessen hatte.

Hiermit nicht zufrieden, machte 1-lugo wiederholte Versuche,

auch diese zu erwerben. Der Bischof verweigerte indes aus

guten Gründen sie ihm hartnäckig und war am Ende, als

Hugo aus Ärger darüber in die Güter des Bischofs und der

Kirche einbrach zu demselben Schritte genötigt, den schon sein

Vorgänger, um sich den Frieden im Bistum zu wahren,: gethan

hatte. Mit Hilfe des Grafen von Flandern befreite er sein Land

von dem Ruhestörer 42). Der Chatellain floh nach England und

kehrte zu Lebzeiten Bischof Gerards nicht in das Bistum zurück.

Diese Zurtckdrängung und zeitweise völlige Entfernung

des Chatellains aus seinem Amte bildet in der Entwicklung

der städtischen Verhältnisse Camhrais, worauf wir noch besonders

eingehen werde11 45). ein wichtiges Moment. Im Jahre

1065 verlor der Clia.tellain den bisher geübten Einflufs im

Stadtgebiet. Erst im Anfang des folgenden Jahrhunderts (1103)

ward er restituiert"). Die Zwischenzeit hatte aber manches

geändert., so dafs an eine Wiederherstellung seiner allen

Herrschaft in der Stadt nicht zu denken war.

41)Gesta ei). Carn. Contin. Gesta (rnrdi II ep. M. IJ. SS. VII,

II. 49? ff.

42)Die Verireibung Ilugos ist jedenfalls in die letzl.en Jahre der

Regierung Gerards (1' 10132) zu setzen. da eine Urkunde des Grafen

flobert l. von Flandern aus dem Jahre 1085 (Miracus, op. dipl. torn. lt .

p. 1138) sowohl das Signum ilugonis castellani, als des Bischofs (icrard

bringt. Abschnitt III. 1.

44) Seite 35 f.


- 32 -

Wer versah nun in der dazwischen liegenden Zeit seine

Stelle? Im Schöffengericht'), das auch unter der bischöflichen

Herrschaft in der Stadt fortbestand und dessen Leitung dem

Chatellain als dem Verwalter der bischöflichen Gerichtsrechte

bis dahin oblag, war dies jedenfalls der Praepositus 46) (Pr)v6t),

von dessen Dasein wir in jener Zeit nur verehizett, aber später

öfter Kunde erhalten. Wir kommen auf ihn noch in anderem

Ziisainmenhange zurück 47) . -

Ferner begegnet uns in Urkunden dieser Zeit ein frlinisteriale

nut dein .‚Vicedominus" (vidame 48). Zuerst kommt ein

solcher in dem Diplom Bischof lietberLs von 1075) vor,, wo

ein Fulco so genannt wird (5. Fuleonis (!asati et vicedonhni).

'g Abschnitt lii.

40) Bekannt ist aus der Zeit Bischof Lietberts (1051-70) der Praepositus

(Pr5vöt) Wihold, welcher bei der Gefangeiirialime des Bischofs

durch den Chat,e]lain (s. Seite :30) von diesem getötet wurde. Sein Name

findet sieh audi in Urkunde!) dieser Zeit erwähnt. so in der Lietberts

von 1074 (Le Glay ; gl. top. p.. 11), wo von Wibold (lidelis et jniles

Huster) berichtet wird. dafs er von den Feinden der Kirche ermordet sei,

unter den Zeugen ole, urkunde voii 1071 Le Carpentier tom IV, p. 10).

steht auch der praeposihis Wibold. - Le Glay (gl. top. p. 159) bezeicln,et

den II] der Urkunde von 1095 (gt top. p. 22) erwähnten Alard

als ‚prv5t dvii et Iaique. - Jeden falls ist auch der in dem Chron.

S. Andreae 1W. II als index et civitatis pi'oeurator" und im Diplom

l.,ietherts (Niraens. op. dipl. 1.155) als. ‚iiirlex eivitatis ei, imnister"

bezeichnete Erleholdus:

Über das Amt des Pr(„vöt cl'. Warnköiiig und Stein. fix. Staats- und

Heehtsgesch. 1, p. 244.

47) Abschn. 111, 1..

9 Die Angaben De S,nedk (liestes des vqnes de Cambrai, Paris

1880. lritrod. Nr. 29) über (teil gehen nicht über das hinaus.

was schon von ‚je Carpentier (hist. de Cainhray etc. 1. p. 251) gesagt

ist. Die Urkunde von 1.153. welche Le Carpentier (IV, 20) verzeichnet,

ist unecht (s. Anm. 52). Die Virla,nie hat auch längei- bestanden als

bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, wie Le Carpentier meint (s. Seite 34).

Ob dci- Vidaine schon vor dein Jahre 1005 vielleicht als Unterbeamter

des Cliatellains existiert hat. möchte ich sehr bezweifeln. Die Urkunde

voll 1010, in welcher Le Carpentier den Namen. des Vidame Fulco gelesen

haben will, hai er in seiner Ilrknndensaminlnng (toln IV) nicht

mitgeteilt. t.

') J.,e (3lav gl. toj). pa .....


- 33 -

Dieser Fulco ist als Vicedo]Tinus ebenso in den Urkunden50)

Bischof Gerards ii. von 1086. 1088 und 1091 aufgeführt. Es

ist auffallend, dals erst in Urkunden nach dem Jahre 106551)

ein Vicedominus sich findet., nicht minder auffltllend, dafs ei'

nach der Rückkehr des Chäteuains (11.03) wieder atis ihnn

verschwindet 52). Der Vicedominus dürfte drnacli, worauf

schon der Gebrauch dieses Titels hei anderen Stiftern aufmerksani

inacisil, die Funktionen des Chatetlains, so lange

er aus seiner Stellung entfernt war, und zwar insbesondere

diejenigen, weiche mit der bischöflichen Vogtei in engerer

Beziehung standen, in umfassender Weise a.nsgeübt. haben.

So wird ihm die Leitung in allen lehusrechtlichen Angeleg(3nheiten

zugestanden haben, In dieser Eigenschaft leistet er dein

Bischof Walcher, als er in Caiuhrai einzieht, vor dem. Klerus

und den anderen Dienstmannen den Treueid 54), Weiter wird

50) 1.086 Mi raens. op. dipl. L p. 51 ..f.

1089: eliendas. 1. p. 75.

1091: Le Cla y. gl. top. p. 1.9.

61) Die Urkunde des Chatellahis Hugo von 1.065 (s. Anm. 38) weist

schon das S. Fnlcardi Levini vicedoinini aoL aber die Glaubwürdigkeit

der hier gegebenen Unterschriften isl. sehr in Frnge gestellt (s. Anm. 38).

In einer IJrkunde. des I3iseiiofs Nicolaus von 1153 (Le Glay. gl.

top. p. 134: 1,eCarpentier. hisL dc Cambrav IV. 20) wird allerdings ein

‚sieedonunus Fnleo erwähnt ..Theoderiei monteni. pmm dedit Polen

vicedorniiius Caineracensis pro peecatis etc,. 14 Diese ihm hier zogescloiiehene

Schenkung des .‚Theoderici moos geht, aber noch in die Zeit der

Gründung des. .l(lotei •s St. Andr. für welches sie bestimmt war, unter

Gerard .l. (10t2-51) zurück (cd. Chronicon 5. Andreae man. i. p. 13 und

Gesta ei). Garn. III. 49) und wird da auf Tleriward. dessen Enkel ein

Fulco (jedenf:dls (ler, welcher im Jahre :1099 getötet wurde: Aniiales

Camerac. ad. a. 1099. 58. Xvi) war. bezogen. - Die Flilsehieng der

Urkunde ich, aber auch ans anderen Gründen erwiesen und darf auf die

Nennung des Fnlco kein Gewicht gelegt . werden. - Sonst habe ich

weder im Text einer llrkunde ‚ noch unter den Zeugenreihen einen

Ministerialen als Vicedominus später aufgefunden. - Eine Urkunde von

1220 gicht den einzigen Nachweis, dafs dennoch das \nicedominat. wenn

auch nicht in derselben Gestalt, don hestanden Fiat. S. Anm. 57.

") S. Ann. 0.

') Gesta Gaicheri ei. Garn. (Cont. der Gen La ep. Garn. Al. G. SS. XIV,

Str. 104. 105).


- 34 -

er die Verwaltung des weltlichen Besitzes des Bischofs gehabt

haben. Hierfür ist bezeichnend sein Verhalten nach dem Tode

Gerards .11., das sich in nichts von dem des Chatellains in

frühere), Zeit unterscheidet. Er lagert sich mit den übrigen

Dienstinannen des Stifts in die bischöfliche Pfalz ein und zieht

die bischöflichen Einkünfte 65) an sich, darunter auch diejenigen,

welche dein Episcopat aus der Stadt zustehen, ohne dafs es

iii in ‚jemand streitig macht.

Bei der Wiedereinsetzung lingos in die Chatellenie im

Jahre 1,103 kehrte das Vicedominnt (Vidamie) nicht, wie man

annehmen könnte, vollstundig in seinen Besitz zurück. Unter

dein der Vidamie 50) erhielt sich ein gesondertes Amt,

das die Verwaltung der bischöflichen Güter und die während

der Sedisvakanz üblichen Verpflichtungen in sich fafste.

Dasselbe bestand bis zum fahre 1220), wo es ein

Manasses von Beauvoir an das Donikapitel verkaufte. Die

Vidamie hatte seit dein Jahre 1103, wie es erklärlich ist,

keine gröfsere Bedeutung gehabt.

) Gesta Gaicheri ep. Str. 58-60 (N. G. SS. XlV). Hier beziehen

sich die nachstehenden Stellen auf die vorn Vicedominus in Besitz

genommenen bischöflichen Einkünfte während der Sedisvakanz Vivens

dc episcopio e neu curat de episcopo (Str. 59) md: Gandet, juod polest

altins et elerieis cl eivihus et quia suis nsibus urbis suecednnt redditus

(Str. 60). S. Anm. 23.

")Was Le GIny. gl. top. p. 154. 155. im Ansehbifs an die Erwähnung

des vicedominus Euleo iii der Urkunde von 1075 (gi, top. p. 12)

aber die \'idarnie sagt, kann nur Geltung für die spätere Gestalt derselben

haben. -

') Die hieriiber ausgestellte Urkunde Bischof Gottfrieds von Camhrai

findet sieh:.,Ficken Ilherreste des deutschen Reichsarehn ys in Pisa

Wiener S. 13. Phil. bist. ICh. 3d. XIV. p. 166 II, - Dafs der Vice-

‚tomini,s ‚ wie vorher der Chatelhün, während der Erledigung des

Bischofsstuhles in die Rechte des Bischofs eintrat, beweist eine Stelle

ans dem Stadtrecht Bischof CoLtfrieds von 1227 (Miraeus, op. dipl. IV,

p. 397 11.): 11cm vacante Sede, praepositt et scabini et tote civitas tenehitur

Capitulo, quod est inloco Viccdomini, endern mode quo te,,ehatur

prius episcopo. iii itern posse habebit Capitulum. ‚1nod episcopus.

Et capituturn tenebitur sirniliter civil.ali, donee alius electus fuerit et de

Regahibus investitus . .Dieselben Rechte gingen also ei' des Domkapitel

später Über.

0


- 35 -

Um auf den früheren Chatellain 1-Ingo zurückzukommen,

so war dieser nach dein Tode Bischof Gerards II. wieder im

Bistum erschienen und hatte sich an die aufrührerischen Va-

sallen angeschlossen welche er überredete, sich Burgen im

Lande zu bauen Lind unter die Lehnshoheit des Grafen Robert

voll zu stellen--1 . Bei der Verfolgung dieser aufsässigen

Lehnsleute und der Zerstörung ihrer Burgen durch

Bischof Walcher wird zwar anfangs noch der Name Buges

genannt-,'), aber wir hören später von seiner Unterwerfung

nichts, trotzdem ei vorher doch den Hauptanteil an den Un-

ruhen im Bistum gehabt hatte. Es ist, daher wahrscheinlich,

dafs er sich schal) im Interesse seiner Restitution dein

I3ischofe genü.hert. hat. Imiahire 1103 nahm er dann eine

andere günstige Gelegenheit wahr, um schnell zn seinem Ziele

zu gelangen. Die Cornniune in Camhrai hatte den Bischof

Walcher genötigt, die Stadi zu verlassen, und einem ange-

sehenen iMinisterialen dein Godefrid von Riheinont, die Ober-

leitung Lind die bischöflichen Einkünfte anvertrau00). All

wandte sich Hugo wegen Rückgabe der Chatellenic und erhielt

08) Cf. E. II Der . ' Dis Bistum Cambrai. 'Seine politischen und

kirnhtichen Beziehungen zu Deutschland, Finikreieh und Flandern n. s.

- Hier ist die Geschichte des Bistums von 1092-1171 dargestellt -

Für die vorliegende Arbeit bildet sie eine willkommene Ergänzung, da

hei der ßrürl.em'ung der nun folgenden •Verlassungsfrageii nianeimes kürzer

abgehandelt werden konnte.

Hoeres. p. 1.3. hält den unter Bischol' Wnlelmer auftretenden hugo

für den Sohn des ‚‚einst vom Bischof Gerard II. abgesetzten Cl,ateltains".

.Diesdr Annahme widerspricht sowohl: Str. 452 der Gesta Galcheri ep.:

‚eastellaniam petiil, quam in secund i Gerardi temporihus iam pemdidit."

als aneh: Gesta Orlonis ep. e. 1 (SS. XIV; p. 211: Prelihato (s. Note 1)

der M. G. daselbst) enim Ilngoni castellano Ca rneraei casteilniam reddid

lt infra urbemn per magnamn pecuiiiafll, quamn sibi ‚iunnuam reddendarn

l,iethertus fmrn,averat per exeommunicntiOneni. - Wann Hugo gestorben

ist. täfst sich nicht mehr na(hweisen.

Sein gldiclmnamiger Sohn mod faelifolger tritt erst zu Beginn der

Flegiening Bischof Burchards auf: Gesta Bnrchardi ep. c. 2. (M. G.

SS. (IV. l- 213.)

50) Gesta Galeberi ep. Str. 107 ff.

00) l-loeres. das flisuimi Cammmhrai. (s. Anm. 5$. p. 20-25.)


- -

sie auch. Als Bischof Walcher darauf nach der Beseitigung

Godefrids wieder in die Stadt aufgenommen wurde, hat er Hugo

gegen Zahlung einer Geldsumme in seinem Amte bestätigt 61). -

Die Einsetzung 1-h.igos in seine alte Stellung - die Gesla

Odonis ep. c. 1 berichten gerade die Rückgabe der castellania

infra urbem von seiten Walchers - brachte indes nicht den

alten Gegensatz gegen das bischöfliche Regimeni wiederum

zum Ausdruck. Keineswegs bedingungslos wird daher Hugo

sein Amt übernommen haben. Auf die Abzweigung der Vi-

damie haben wir vorher bereits hingewiesen. Hierzu kamen

unbedingt Beschränkungen seiner Gerichtsrechte in der Stadt,

denn gerade sie hatten immer zu Streitigkeiten mit; dem l3ischofe

geführt G2) . Der Verlust seines Vorsitzes im Stadtgericht. dem

Schöffengericht, welcher gegen Ende des zwölften Jahrliunderls

zweifellos feststeht Gs) . wird demnach in zweiter Linie hierher

zu setzen sein. Derselbe wird hei de in welcher

ihn schon während der Zwischenzeit hatte, verblieben sein. -

Für den thatsiichlichen Rückgang des Einflusses des Chatel-

lains in der Stadi. ist ein klarer Beweis sein friedliches Ver-

balten gegenüber der Commnne °j, welche bei Erweiterung

81) Gesta Odonis ep. c, 1. M. CL 55. XIV p. 211.

81) s. Anm. 24. 28. 3.

Ii) z. 13. die Urkunde Kaiser 1 :'riedr.ie .l is Oh' liiseI,0C Boger Von

21, Mai 1182 (Böhmer, Acta Imp. Sei. Nr. 141) enthält den Passus: liceat

rnemornto episeopo cl suecessoribus in praedieta eivit.ate cameraco

libere et pacifice instittiere praepositos sims et seahinos seeretos ei

honae opinionis viros, cnn aul.ean episeopo placuerit querelas eivitatis

audiet et terrninahit. rel praepositis snis et seahinis audiendas relinqnel..

Hiernach ist für den Vorsitz des CInal.ellains im Schöffengericht kein

Baum gelassen (s. Anm. 5). Sowohl das :Recht des Bischofs 7 iröpste

und Schöffen einzusetzen, als dasjenige. dem Schöffengerichte selbst' zu

präsidieren, ist ein 13eweis ‚lariir. dafs das Schöffengericht in direkte

Beziehung zum Bischof getreten ist..

Bei der Begelung der .Jurisdictionsverhältnisse zwischen Bischof

und Commune gegen Ende des 12. Jalnrl,uinderts wird die Person des

ChateI]ains gar nicht erwähnt.; wir hal,en daher keinen Grund den Verlust

seiner Gerichtsrechte in der Stadt. soweit sie sich auf das Selnöffeingeriet

nt beziehen, zu bezweifeln.

04) s, Abschn,, III. :4, Die Comrrnnn,e in Cannlnrtni.


- 37 -

ihrer Kompetenzen, speciell ihrer .lurisdictionsrcchte, nicht

weniger mit ihm, wenn er noch solche verwaltete, hätte aneinander

geraten müssen, als mit dein Wohl komnit.

dagegen der Chatellain in anderen Fragen mit der Commune

der Stadt in Konflikt, so zur Zeit des Bischofs Nicolans

(1136-1167), als es sich um seine Belehnung mit dein Kastell

S. Aubert handelte; die Gommune widersetzte sich einer solchen.

weil sie in der Sleigerun g der Macht jenes eine Gefahr für

die Stadt zu erblicken glaubte 1-1). Wir sehen ihn auch umgekehrt,

mit der Bürgerschaft gemeinschaftliche Sache machen,

wie es in dem Feldzuge gegen den aufrührerischen Gerard von

S. Aubert im Jahre 1.133 geschah ).

Was für Rechte dein sonst noch nacir dieser

Zeit in der Stadt belassen waren, läfst sich im einzelnen nicht

mehr feststellen, jedenfalls waren sie nicht mehr derartig, da.fs

sie auf den Gang der städtischen Verfassungsentwicklung wesentlich

einzuwirken vermochten. Die Leitung der Stadtverl.eidigung.

zu der er mit' den übrigen bischöflichen Lehnsmannen

verpflichtet \var 1') - der Chatellain hatte nach wie vor seinen

Sitz im Kastell der Stadt") - wurde später auch von der

Coinmune selbst übernommen, wie überhaupt die letztere U])l

die Aufrechterhaltung des Friedens im ganzen Lande sich

grofse Verdienste erwarb 69).

05) Hoeres. das Bistum Carnhrai. p. 43-46.

68) Boeres. p..39-44).

87) Aus der Eidesformel des Ctjatellains (s, Anm. 4) führe ieli noch

folgendes an, w:'s nuf seine milititrisclien Funktionen Bezug nimmt: Si

lokison voloit et riqueroitque guerroier de, vielnes allencontreno ei'nemis

per Ii werde de,eine vi]le r je poiirmets ‚ne hie oltre cL Lierehe

yssir liors 01] Co deda.iis demorer aveuc vo banniers. vo avOyers, ve

pers, vo heralLs. vo varhets et, si besoign fuist aveuc vo Eskievins et Ii

eomrnungne et revenir avcuc ‚in kaskuri et vo hannieres ei] hoen ordre.

00) s. Anm. 2.

00) s. AhseI,. 111. 1. a. König Konrad richtet im Jahre 1.138 an die

Bürgerschaft die Worte: terrain simuh eustodiant, castra, qune nocent.

diruant. aut Super Ins, ne noceant. hiduciam aceipiant. Gesta Nicohi

up. Str. 447. (M. G. 55. XIV.)

cf. Annales Cameracenses ad. a. 1187. M. G. 55. XVI. p. 551.


- 38 -

Die Chatellenie verlegte naturgemä.Is seit jener Zeit. ihren

Schwerpunkt auf die Verwaltung ihrer zahlreichen durch ganz

Cambrüsis und darüber hinaus verbreiteten Rechte und Besitz-

tünier. Le Carpentier sagt") über den Umfang der Gerichts-

barkeit der Herren von Disy: „Die Jurisdiction dieser edlen

Familie war so grofs, dafs sie von den Thoren der Stadt

Cambrai bis in die Unigegend von Bapaurne bis zum Landsitz

Esearpel, bis über die Stadt Douay hinausreichte; sie umfafste

37 Kirchdörfer. ohne die Flecken, Burgen und festen Plätze

zu zählen." Der Chatellain hatte trotz der erlittenen Einbufse

doch nächst dem Bischofe die mächtigste Stellung im Bistum

und behielt in allen lehnsrechtlichen Angelegenheiten der Va-

sallen und Ministerialen des Stifts seine alte Bedeutung`).

70) Le Carpertier, bist. de Cainbrn i lii. p. 840. Le. Glay, gl. top.

182. 183 verweist hierauf und gicht ebenfalls ein Register des Besitzes

(1er Chateller,ie, wie er es im Archive der alten Reehnungskarnmer zu

Lilie vorgefunden hat. -

') Tiber die Lehnsabbäogigkeit der Chatellenie von Flandern wti Iirend

des 12.Jahrhunderts giebt die Arbeit von fle e re 5, (las Bistum

Camhrai etc. (s. Anm. 58) hinreichenden Aufseltufs. Ich füge noch hinzu,

dafs im Jahre 1272 die Clateller,ie durch Kauf in den Besitz des Grafen

Gny von Flandern überging. Vgl. Vredins. Geneniogia eomitum ]landriae,

preuves t. ii, p. 250.

Ebenso finden sie], bei Floeres lJntersuchnrgen über die voll dein

Grafen von Flandern erstrebte Schirrnvogtei über das Bistum Camhrai.

Durch diese Vogtei hat Flandern indes keine Hoheit über das Bistum

begrilndet. Der Bischof von Cambrai blieb in direkter Abhängigkeit vor'

Kaiser und Reich. cl', Ficker. Von Heiclisfürstenstande, p. 273. 274,

-.


1 ii

Die Ausbildung der städtischen Verfassung bis gegen Ende des

zwölften Jahrhunderts.

‚. in)eitendes.

Im folgenden wendet sich die Untersuchung hauplschhcli

den städtischen Verfassungsverhältnissen zu, wie sie gegen

Ende des zwölften Jahrhunderts in einigen wichtigen urkundlieber)

Zeugnissen, so besonders der CoinmunecharLe Kaiser

Friedrichs von 1184 1) und dem Stadtrecht Bischof Bogers von

1185 2) , sich uns darstellen.

Bei der Bedeutung, welche die Bildung der Gommune in

der Stadt auf die Entwicklung der städtischen Verfassung

jener Zell, gehabt hat, schien eine kurze Darstellung des

geschichtlichen Verlaufs jener Bewegung am Platze zu sein').

Ans welchen Verhältnissen f.ritherer Zeit sich die gegen

Ende des zwölften Jahrhunderts bezeugten Verfassungszustände

entwickelt haben, läl'st sieh bei der dürftigen Überlieferung

nur unvollkommen beantworlen Wir beschränken uns darauf,

einiges wenige, was sich noch aus der voranliegenden Periode,

insonderheit über die cive, die wichtigste Klasse der städtischen

Bevölkerung, feststellen lüTst, anzugeben.

a) Städtische Verhältnisse.

Schon gegen Ende des elfter) Jahrhunderts tritt in der

Geschichte Canibrais eine Krasse der Einwohnerschaft, die

s. Abschnitt III, 2. 1).

8) Abschnitt 111, 3.

3) Abschnitt 11], 2. a.


1'

40 --

cives. in wirksamer Weise hervor, im Laule des zwölften

Jahrhunderts erweisen sich die cives als Sie starke Partei

in allen städtischen Angelegenheiten 4). Wer sind nun diese

cives? Auf welcher Grundlage erwuchs ihr Stand in der

Stadt? Auf diese Fragen, welche die Erforschung der Städteverfassung

in den Vordergrund stellt, geben die Quellen nur

wenig Aufschluss. Wo die cives mit anderen Teilen dci'

Stai1tbevökerung genannt werden, erkennen wir eine deutliche

Scheidung vom Klerus und anderen als casal.i und milites

aufgeführten Personen")- Namentlich tritt dies da hervor, wo

die specielle Vertretung des Bischofs in Urkunden als dessen

‚personae" der Gesamtheit der cives (civiLas) gegenübergestellt,

wird, wie dies z. B. in einer Urkunde von 1122) geschieht

durch: ‚.consilio personarum nostra.rum et totins eivitatis."

Diese „personae" des Bischofs gieht eine Urkunde von 1.12117)

genauer an durch .‚consilio ei, assensu arclndiaconortim ei

casatornm totiusqne civitatis prilnorum civinmG). Vertreter

des Klerus und casati sind demnach als solche personae des

Bischofs zu betrachten. Was haben wir nun unter den hier

von den cives streng unterschiedenen .,casati" zu verstehen?

Diese Frage haben wir, bevor wir die Stellung dci' cives weiter

erörtern, zunächst zu erwägen.

Die Zuzählung der casati zu den •‚personae'' des Bischofs

deutet zuächst auf nahe Beziehungen jener zum bischöflichen

Hofe hin. Wir lesen weiter ihren Namen schon in Urkunden

des elften Jahrhunderts 7). während die cives erst später da

4) s. S. 49 1'. S. 52 lT.

&) Le GIav. gl. top. p. :36.

ß) Ähnliche Wendungen finden sich A 'in. Cn,nerac. ad. a. 1152.

(M. Ci. 55. XVI.): personis suis cum civibl]s cong!otneratis; ad.

a. 1153.: Postea dornnus episeopus personis snis lina cum (:ivihus

conglorneratis saluhre sihi dari constiltum poposcit. - Gesta Nichoia i

ep. Str. 66 (lii. 6. 55. XIV); in conspectn insignitim videiicet ca sa -

torurn, cl ericoruin et civiuni.

7) .s. Anm. 3?. (Die Zahlen beziehen sich nur auf Annertiin gen

dieses Abschnittes)


- 41. -

genannt werden; wir erkennen daraus ihre einflussreiche Stellung

in der Stadt. Im zwölften Jahrhundert wo ihr Wirken

klarer hervortritt, erscheinen sie mii, den cives als die Teile

der Stadtbevölkerung, welche auf die stridtische Regierung

Einilufs haben'). Leider gehen die Urkunden bezüglich etwa

von den casatit in der Stadt verwalteter Ämter keinen Aufsehlufs,

doch dürfte man nicht felilgehen, wenn man in ihnen

Personen der bischöflichen Ministerialität sieht. Nach dieser

Richtung sind denn auch die casati schon von anderer Seite

erklärt.. l3ethmann, der Herausgeber der Carnbra:ier Bischofs-'

geschichte, scliliefst sich so der Auffassung eines verdienten

Vorschers auf dein der Cambraier Geschichte, Le

Glnys, an 9), welcher casati als ‚.domestici" fafst..Für die

Richtigkeit dieser Auffassung zeugt auch eine Urkunde von

1073 10 ) , wo eine Zeugerireihe die Überschrift trägt: .„Signa

casatorum sive domesticorurn nostrorun). liiil.er ‚‚domestici"

sind aber Ministerialen zu verstehen. Das Wort ‚casatus"

selbst möchte ich übersetzen durch mit einer Behausung''

(casa) ausgestattel. (vom Bischofe).

Gegen Ende des zwölften Jahrhuncleris verschwindet dann

in Urkunden allmählich der Name casati, an seiner Stelle

finden wir eine neue. Bezeichnung vor: die von ‚‚serjanti'' (seivientes)

11). In dein Stadtrecht Bischof Rogers von 1185

1) s. Abschnitt 111. 1. c. und III. 2, a.

9) vgl. Note 72 Bel.hmanns zu Gesta Lictherti cli. (Gesta cp. Cant.

1M. CL 55. Vii) c:. III: easati : AttachS ä la maison. domestici. A Canjhrai

celLe duornination s'appliquoit ‚snrLonl, auix 24 francs fiöves (s ‚Anm.

11 ii. 12) ulstituös pour connaitre sur je conjuröinent du Graudhailli des

;u.fta ires Ffjo(lales etc. (nach Le Glay).

19) Miraeus., op. dipl. 1, i. öS. Die Datierung der Urkunde macht

Schwierigkeiten. da die am Ende vermerkten Regieruuogsjahre Bischof

Lietherl.i (23) und König lieiiurichs (22) Für dieselbe die Jahre :1073

und 1077 ergeben; ich entscheide nAcl, für 1073. da im Jahre 1077

Bischof Gerarul II.. schon iii Ca:mhrai eingesetzt war,

- '') y

- B. - clerico et miiiti ne sartianto liceat vendere hereditatem

(Urk. von 1184. Böhmer. A. J. Nr. 147) - viginti qualtsor serj all Ii


- 42 -

werden 24 11) solcher serjanti des Bischofs und dazu noch

vier der Kathedrale und solche von anderen Kirchen") der

Stadt genannt"). Ihre feoda (bischöfliche Häuser, casae?)

sind von allen städtischen Lasten befreiL'), wie ja auch der

gesamte bischöfliche Besitz von der Stadt nicht besteuert

werden konnte. Wir haben hiernach in ‚serjanti" nur eine

andere Benennung fFui' die vorher als casati aufgeführten Per-

sonen zu sehen.

Zu bemerken ist noch. dafs in den Zeugenreihen von

Urkunden des elften und der 'ersl.eii Hülfte des zwölften

Jahrhunderts statt der später häufigeren Bezeichnung ‚.casati"

anfangs auch die der milites gebraucht ist, wo der Gegenstand

der Beurkundung eine Standesverschiedenheit der den Bischof

beratenden Personen nicht begründet `). Es soll hier indes,

wie die Wiederkehr derselben Namen") in den Zeugenreihen

solcher Urkunden zeigt, durch die wechselnde Bezeichnung

keine Standesverschiedenlieit ausgedrückt werden Anders

liegt die Sache, wo casali mit milites zusammen genannt sind.

episeopi 1). et quatinor serjanti ecelesiac beatae Mariac etc. - libori

sunt ab o,nni onere civitatis (Stadtrecht Bischof flogen vor, 1185. Le

Glay. p. 77) .s. Aiim. 9.

12)

s. Stadtrecht von 1185. Seite, 80.

vgl. Anm. 9 und: Le Carpeirtier, hist. de Cainhrai etc. Loin. J Des

Grands l3ailhis de (lnnhr&is. des 24 Frarres tiefocx. - Aus eurem Diplom

Bischof Gurs vol 1248 erfahren wir noch.. clafs die 24 serjanti des

bischöflichen Hofes auf ihre besonderen flechte arm demselben Verzichl.

geleistet haben. (Wauters, ta hie cirronol. des ehastes et liplomnes, opi.

lv. p. 4&).

s. Anm. 11 lInd dazu aus dciii Stadtrecht mccli: F'eodm serjamt'

torum ccclesiarmmnm S. vittclicet Gaugerici. S. Auherti, 5. Sepuleri et

janitorumn ab omui sirul. oimere ]ihera civitn.tis. s. Seite 79.

14) s. Anm .37 und Seile 46 fi',

15) . So werden zwei des Namens Johannes. die im, der Urkunde ‚voll

107 (s. Alm. 10) als casati gefülmrt sind, in den Urkunden vorm 1061

(Miraeus. imrin. Ip. i&) mmitd 1.071 (Le Glay. ). 11) als niilites bezeichnet.

Ebenso stehen ein iier'illr,l't und Alnolriclms als miiihiles III dcci allgefnhrten

Diplomn soll 1064 und, als casati in dorn von 107.


- 43 -

Wir werden da unter letzteren wohl zumeist bischöfliche

Vasallen zu verstehen haben

h) Das Schöffengericht und der Anteil der cives an

demselben.

im vorhergehenden erkannten wir die eives als einen von

den personne (clerns, casali) des Bischofs streng geschiedenen

Stand. Für unsere Erkenntnis der Stellung der cives in der

Stadt filil1. weiter ganz besonders ins Gewicht, was wir bezug-

floh der Justiz aus jener Zeit erfahren. Eine Urkunde aus

dem Jahre 112 t 1) bezeugt uns, dals in Cmnbrai ciii Schöffei'-

colleg bestand: sie isi, nnterzeichnet von zehn SchöfTen der

StadL Am bemerkenswertesten ist indes, dal's die Schöllen

aus der Urkunde sich als eives der Stadt - totius eivitatis

priinores cives - ausweisen. Was wir in der nachfolgenden

Zeil, hierüber sonst erfahren, dient nur zur Best4tigung daR

die jirteilfindor im Stadtgericht cives sind. Nach dem Stadtrecht

Bischof Rogers von 1 t85 15) wählt nämlich der Bischof>

10) z. 1.1. Dc limit hoinine noniine Werhnholclo. Str. 90. (M. G. SS.

XIV): quer' urins huiiis presiilcs et clerieoruni divites, eusati, cives.

iii te s hereditarani pienil.er de suis heneiiciis. - Gesta Gaicheri

Str. 445. (1W CL 55. XIV): iustitia dc cn.ssiis. inilitihus et deneis

sit in 1)1.1 1111 pnntiti(lis. - Geste Nichoiai Str. 4132 l\i. G. S. S. XIV):

iurai.L omnes eoinoiiiniter ipse Montensiuin comes et cas at i ei in i i Los

tqne Cr, inera ei eives etc,

Unter den milites des Bischofs ragen besonders hervor die Pares

(Pairs, vgl. iher sie: Je Cnrpeiitier. InsEeire dc Cninhr;i i et du Cainbr&tis

toni. l. im einzelnen bedürfen indes die Angaben le Carpentiers Iner

sehr der i'riihing). Die päpstlichen Bullen von 11111 (Robert. Numisrnatiqne

de Cambrav p, 311) und 1142 Il. (Miraens. 1163) hestäligen den

fisch Viren von Camhrai unler anderen: cmii es pa r es CL c ins ato s. Die

Urkunde von 1182 (flFihiner. Acta imp. Ni'. :141.) unterzeichnen von den

Laien zuerst Pares (= inilites) und dann ministri (= casati) des Bischof,

v gl, Urkunde von i170 (t,e Gia.v. gl . Lop. ji. 59): Signa parilun et Iioniin

uni ni (ir n in (vgl auch die Anm. Le Crla.vs zu dieser IJikinide).

17) Le (Ilav. gl. hi1,. p. 4.

- 10) s. S. 72 if,


- 44 -

die Schäften aus, der Zahl der inrati, diese aber sind cives 19)

Das Stadtrecht von 1227 2 1) bringt ferner folgende hierauf bezügliche

Bestimmung: ‚tales scabinos debet instituere, qui int

cives disereti et honae opinionis et asl.ricti ad onera civitatis."

Diese .Beziehungen der cives zw Gerichtspflege werfen

zugleich ein Licht auf die Bildung dieser Einwohnerklasse

selbst- lene Zuslände sind jedenfalls nicht erst geschaffen zu

einer Zeit., wo der Bischof schon die gesamten öffentlichen

Rechte in der Stadt übte, sondern sie weisen uns, wie die

Einrichtung des Schöffengerichts selbst, auf eine voranliegende

Periode zurück. Wir glauben nämlich in jenem Vorrechte der

cives für die Besetzung des Schöffenkollegs ein Erbteil zu

sehen, welches sich die ehemaligen Reichsunterihanen 'in der

Stadt auch unter der bischöflichen Herrschaft erhielten.

Wichtig ist hierbei auch, was wir über die wirtschaftlichen

Verhältnisse der cives aus der zweiten Hälfte des elften Jah r

-hunderts hören, denn es erhellt daraus, dalis die cives auch vordein

von der bischöflichen Grundherrschaft nicht allzusehr abhängig

waren, sondern einen durch Handel und Verkehr weithin

angesehenen Stand in der Stadt ausmachten. So sprechen z. B.

die Gesta Lietberti c. 18 21) von cives meliores et ditiores.

die Gesta Gerardi lT e. 3 2i) bringen Namen von cives mii hezeichnenden

Zusätzen, wie: ‚.Evrejnarus, de diii o ri 11 u s civ i -bus

'unus, Geraldus, int p,r mej'catores mmc et tons

saiis cognitus, \Vibert, cids venerabilis et inercator

per n)ulIa.s lerras cognitus. Fulhert concivis et COn'lmercatori)rudentissmn]

us.

Die civitas in der Stadt scheint demnach im wesentlichen

sich aus den unabhängigeren Teilen der Stadtbevölkerung.

etwa ans einer früheren Gemeinde freier Leute gebildet zu

S. M f. 6.1 1'. Über das \'el'liälhiis der iMinisterialeu (cnsati)

zur Commune vgl. S. ;v „ ) ff. 61 ff.

O) M iraens ei F'oppens. Opern dipl. tom. IV. p.31)i —99.

II) GesI.a PP. C:ain. M. CL ss. VII..


- 45 -

haben, welche ihre alten Rechte in der Gerichtspfle ge sich

bewahrte.

Die Lage der cives war während des zehnten und elften

Jahrhunderts unter dem bischöflichen Chalellain, welcher die

Funktionen des früheren Reichsgrafen, wie wir im vorigen

Abschnitt zeigten 22) übernahm, eine iulerst gedrückte. Der

Chatellain übte sein Amt in der härtesten Weise aus. Ei-

hörte nicht auf, die cives durch Eintreibung ungerechter Ab-

gaben zu bedrängen und durch Mifsbrauch seiner richterlichen

Gewalt in die Rechte des Schöffenkollegs einzugreifen ) 1 Bischof

Liethert hielt es daher für geraten, jenen aus seinem Amte zu

entfernen und zum Verzichte auf seine Lehen in der Stadt

Xii zwingen.

Mit der Befreiung vom Drucke des Chatellains brachen

bessere Zeiten für die civesan. Als Leiter des Schöffen-

gerichts tritt nach dieser Zeit ein ..Fraepositus"t 4) auf. Ob.

derselbe schon vorher unter dein Chatellain thätig war, ist,

nicht mehr festzustellen. In Urkunden des zwölften und drei-

zehnten Jahrhunderts, in welchen Piöbste genannt werden,

ist dann immer von mehreren die Rede 25), Wo ihre Zahl

genauer angegeben wird, erscheinen immer nur zWei26)..

s. S. 14 ff.

s. S. 23 f. 29.

s. S. :32, Anm. 4.

25) So z. 13. nie Kaiser Friedrichs vorn 21. Mai :1182 (s 5. 36,

Arno. (33) instituere prae p Osi I.o 5 silos et si:ahiuos; ferner in folgenden

Ilrki,iirleii: 1185 (Le Glavgi., top. p. 77): per iudicern domni episcopi et

pra e posito s et scabinos et inratos. 121.0 (Höherer Act. hinp. Nr. 238):

libere pro sua voluiitate p r aep 0 s i Er) 5 iiislituere et scahinos, ' 1227

(Miraeus. ep. dipl. t. 1V. p. :491 lT.): Anm. 27.

26) l)ns Stadtrecht von :1 185 unterzeichnen zwei Pröbste S. Anselhi,

‚lohianiiis (Geil) prepositerum. im Stadtrecht selbst ist die Zahl der

Pröhste nicht angegeben. Es ist diese Zweizahl aber als feststehend

xii betrachten, da sowohl hierfür sich ein Citat aus dein Jahre 1223

Preterea. (:010 f!lisset in premissa peiiitentia ordinal.urn. qnod du o pre -

flosili ci vi tat i s . . . tamdin ab adminislratione prepositure cessarent

ibe (ilav. r]. Joli. p. 1.10) und das Stadtrecht von 1227 (Miraeus, op

4


- -

so dass diese Zahl aticli schon für die vorangehende Zeit als

feststehend betrachtet, werden darf.

Die Besetzung der SchöffeosLühle und die Wahl der Rröbste

nahm von da an der Bischof allein vor 2 ), während vorher

vielleicht der Chatellain dabei mitwirkte. An diesem Rechte

hielt der Bischof in der ganzen nachfolgenden Zeit hartnäckig

fest und liefs es sich immer von neuem vom Reiche garri-

tieren, denn gerade dadurch wahrte er sich seine Hoheit. über

die Justiz in der Stadt.

c) Beziehungen der cives zur städtischen Regierung.

lii den Kreis dieser Erörteruhgen möchten wir nun noch

einen Punkt ziehen, der die Beziehungen dei cives zur städti-

schen Regierung angeht. War es den cives im LauFe dci' Zeit

gelungen, ihren Einilufs auf die städtische Regierung in irgend

einer Form zur Geltung zu bringen? Zog der Bischof Ver-

treter der civitas in Angelegenheiten der Stadt zu Rate? Die

Geschichtsschreibung meldet hierüber nichts Ihr die erste Zeit.

Wir können da allein aus Urkunden 22, welche s Ltd tische

dipL ]V p. 39:! II'): inslitnent.ur dno prepositi et qiialluorde(,ini scabini

anfiihren läfst.

27) Diplom von 1182 (s. Anm. 21:... Jiceai mernora.to episcopn ei

sllccessGribUS in 1)raedict1l civit.ate Caineraco ibere et paciice

instituere praepositos suos ei, seahinos seeretos et honae opLniOlIis

viros.. Stadtrecht Bischof Rogers 'von 1t85 (Le. CIav gl. &op. p. 77):

Dc iunk rum imrnero D. episeopus scabinos silos 9U05 volet prudeni.os

et hnnae viros opinionis ehigere dehet; Stadtrecht Bischof Gottfrieds von

1227 '(Niracus, op. dipl. t. IV pSil1 II'.): instituentur (lilo praepositi 'et

quatuordecim scabini ab episcopo in civitate Caineraeensi perinansnrl.

si episeopus voluerit per annun]. Quos tarnen oinnes vel partein inIra

aunhini arnovere, vel post annuni retinere potent episcoi itlse pront ei

Visum fuerit expedire etc.

2$) Von Urkundensamminugen kommen hier nurientheti in ßetniciti:

‚.Le Glav. G!ossaire tnpographique, Cambrai 1840' (im Anharige).

„Miraeus, Opera dipiornatica. toni. LIV.' Le Carpentier, I'listoi're ne

Gamhrai et du Camhn)sis, Leide 1.664. toni. IV.


- 47 -

Verhältnisse betreffen, einigen Aufsehlufs erhoffen. Diese

verweisen uns indes erst auf eine spillere Zeit, da die ersten

bischöflichen Diplome"), die uns erhalten sind, aus der ersten

Hälfte des elften Jahrhundrts stammen. Ihre Anzahl ist da

auch noch s phr gering. Solche Urkunden haben zum Gegen-

stande Vergebungen voll innerhalb des ambitus der

Stadt"), von Zehnten der bischöflichen Münze 31), einer Steuer-

auflage hei der I3ierfahrikat.ion 31), Übertra gungen von bischiif-

liehen Einkünften an einen zum Stellvertreter des Bischofs

ausersehenen Abt"), die Loslösung eines Brtickenzolles 33) in

der Stadt und dgl. u).

In ihrem Tel wird auf die Mitwirkung von den Bischof

beratenden Personen regelniäfsig hingewiesen, wie z. B. durch

testihus etiam idoneis suhscriptis, qtios huic rei praesentes ha-

buimos (1074) 30), bonorum virorum l.am clericorurn quain

80) Es sind zwei Urkunden alls dem Jahre 1048, ausgestellt von'

Bischof Gerard 1. Sie sind abgedruckt bei Miraeu. op. dipl. toni. 1.

p. 55 (Gründung der Abtei 5. Audr5 durch Bischof Gerard) und tcui ii.

p. 811. (Gründung eines Kanonikerkollegs durch einen 1 ng&bert). Die

erstere der beiden urkunden findet sich auch hei Le Giny. gu top. p. 5.

10) a. 1074 Le Glav, gl. top. p..l 1. Bischof .Lietbert schenkt den

Kanonikern von St. Auhert (in Canibrai) unter anderem einen Landstrich:

ex utraque parte a porta Salis ad Vin.rn S. Rernigii.

ii) a. 1075. Le (Hav. gl. top. p. 12. Schenkun g kischof Lietherts

au die Hauptkirclie St. ?dariae in Camhrai: decirnain insuper mninetae.

ie data es[ canonicis ah ipso Ouone impetalore (2o Juni 941: gesta

ep. Garn t it 76) 2 sed earn non receperant ex rnulto teir, poe. ferner:

ieddo ipsis canonicis ei matlierarn civijatis (über matljein cf. r.c Glay,

gl. "1' P 1.5.3 zu :1075)..

22) a. 109:1. Le Glav. gi. top. p. 19: suniptus nccess1l ros dc doino

i,ostro accipial. 7 oinnia altana in episeopin nostro lihera. ct Sinc persona

possideat. parternque obsoniorurn, •ivae ad cpiScOptllii pertinel. in hene-

Ii ein In s pinpiterno iu re possi(l eal..

01) a . 1121. Le Glav, gl. top. p. 34 dc .quodam lioinine linmulle

Weriin.holdo. M. 6. SEX 1V p. 214 lt (Str. 62 (T,): Le Glas, p. 169

zu Clnante 24.

s. die l lrknndcn von :1046 (Le 6 lay. al. toll : p,5). 1064 (Miraeus,

op. dipl. 1. 155). 1073 (Miracus 1 p. 58). 1089 (Miracus 1 p. 75). 1095

(Le Glav, p. 23).

4*


- 48 -

laleorum subsignatorum testimonia (107ö) 31), nomina quoque

legalium testinm tat» ciericorurn quani laicorum, .qui haec omnia

viderunt etc. (1091)32).

Die Laienunterschriften bringen bis, zu Beginn des zwölften

Jahrhunderts Namen von casati und mililes 35), zu denen dann

und wann das Signurn des Cha.Iellains und später des Vice-

dorninus hinzutritt 3"). Oh dein Bischof damals als ständiger

Rat in städtischen Angelegenheiten eine Fest normierte Ver-

Iretung solcher Personen zur Seile stand, lässt sieh aus dem

dürftigen urkundlichen Material, das noch vorliegt, nicht mehr

nachweisen 37).

Über eine Mitwirkung der eives in solchen Angelegen-

heiten erfahren wir bis zu Beginn des zwölften Jahrhunderts

weder aus Urkunden noch anderen Überlieferungen jener Zeit

etwas. Eine Urkunde aus dein Jahre 112138). die uns oben

schon beschäftigte, läfst dann zuerst die civitas als mitberalende

Partei in einer wichtigen städtischen Frage erkennen. Nebel)

den Ministerialen (casati) tiefen hier zehn Schöffen als Ver-

treter der gesamten l3cirgerschafl. (totlus civitatis priinores

cives) als Zeugen uns entgegen. Auf ihre Mitwirkung wird

s. Aiiiri. 37.

38) Der Chatellain unterzeichnet die tJrkiiiiden von 1046 (Le 0 lay.

gi. top. p. 5) und 1121 (Le Glar, p. ½). Der Viedorninns die yeti 1075

(Le Glay, p. 12), 1039 (Mirnens, 01). dipl. 1. 1 p. 75). 1.091 (Le Glay, p. 19).

17) Die Unterschrift voll Ministerialen (easati. milites) erblicken wir

indes unter allen Urkunden den wichtigeren Inhalts. Der Zahl nac] i schwankt

ihre VerIretung zwischen . 6-10 Personen. Die in Anm. 30-34 augetührteu

Urkunden ergehen Folgende Resultate: Urkunde von 1.046

7 milites und castellauns Johannes. 1064: 9 niilites'. 1072: 1.0 casati.

1071: 6 mildes, 1076: 6 casati (darunter der Vicedomiirns). 1U99: 8 casati

(lnil dein Viecdominus). 1091: die Urkunde ist an der Stelle, wo die

1 interscliriften stehen. heschiadigt. Es folgen auF das 8. des Vicedominus

noch 6 andere, Jedenfalls solche von easati. 1121: 6 casa.ti und casl.ell:i.ii,is

Hugo (weiterhin auch 10 seabini).

In den Gesta Gera.rdi 11 ep. (M. 0. 83. ''il) Ondet sich ein Hin-

‚reis auf einen bischöflichen ]tat, weicher daselbst ‚‚cnn genannt a'

wird. Bischof Gernrd antwortet der itirgerselioft: in eunia ,na tractarc

velle de fach eontrt', enm conjtir:itione (c. 2) s. S. 52.

s. Anm. 33.


- 44)

im Text der Urkunde hingewiesen mit den Worten ‚consitio

et assensu archidiaconorum nostrorum et casat.orum, totiusque

civitatis primorum civium." Die Beteiligung der „cives" an den

bischöflichen Beratungen in Sta.dtangelegeniieiten ist hiernach

hinlänglich bezeugt. Der Inhalt jener Urkunde betraf den Ah-

kauf eines lästigen Wegzolles m) auf drei Brücken der Stadt,

durch Ablösung des darauf ruhenden Lehens. Es geschah

dies, worauf besonderes Gewicht zu legen ist, durch einen

reichen Bürger der Stadt, namens Werimhold.

Ein Diplom des Jahres 112241) macht uns mit einem jenem

ähnlichen Vorgauge bekannt, Durch dasselbe wird das in der

Stadt gelegene Hospital St. .lulien unter Mitwirkung der Bürger-

schaft (consilio personarum nostrarum ei totius civitatis) und

wiederum namentlich jenes Weriinbold voll grundher-

liehen Lasten (in feodo et hominio a majoribus cur.iae epis-

copalis usque ad nost.ras dies oecupatur) befreit.

Seit dieser Zeit fehlt es nun nicht an zahlreichen Belegen1'),

welche erkennen lassen, dafs die Bürgerschaft sich das Recht,

30) Die Risrcliöfe VOi) c:ainhrai waren im Besitz des Mühlenreelits

(cf. 1145. 90, Dez. Böhmer, Beg. imp. Nr. 2251), specietl die ‚.Moleisdma

de Salis' waren ..de propio inre Cameraeensis episcopi (1121 Le

Glay 2 gi. top. p. 341. Da nun die Bürger verpflielotel. waren, die Mühlen

des Bisehol's zu benutzen, so war ein Zoll auf dcii Brücken. welche zu

diesen Mühlen führten. gewil's sehr drückend. vgl. E. 68 f. 78 (Wegzölle).

40) Te Glay, gl. top. p. 36.

41) z. 13.: in ccii spectu insig n in m videlicet ca s a 1 o r ‚im, ole rico r 51501

ei civ ifl Gerardus Novum Casteilum recidit pastori liherum (um 1133

Gesta Nieliolai ei), Str. 60 M. G. 55. XIV p. 523): persouis suis cern eivihus

congl oni erati s in niluni halmiL 1: mo iii is co os rot,, ‚in seo rsu in (Ä na ‚ii es

Carneracensesail a. 11.52. M. G. 55. XVI . 52:3); Posten doonnus epis-

Copils personis suis nun cum civibus conghonieratis salubre sihi

dari eonsulturn poposcit (Ann. Cainerac .ad . ‚. ! 159 p. 520); — quod

sibi nequaquain lieri liceret absque licentia domni presulis cc inaj e rel',

patriae et assensn totius urbis et coinmuniae. Letzteres bezieht

sich auf den Versuch des Chatcllaiois Simon. sieh unLer die Lelnishoheit

‚'011 Flandern zu begehen. (Ann. G,iin. all .a. 11.53. p. 27.)

Das Stadtrecht von 1.185 (s. S. 72 IL) enthält dann die Bestimmung

Quetiens D. episcopus consilin civium indiget in civilate, eins ad eins

deheist praesentiain colivenire.


erworben hat: bei allen wichtigen Entscheidungen der bischöflichen

Regierung ihr Wort mit in - die Wagschale zu legen,

so oft ciii städtisches Interesse iii Frage kam"). Zugleich

schert wir die Bedeutung, welche das SchöffenkolIe, nachdem

es einmal zur Vertretung der Inheressen der Bürgerschaft berufen

war, cii in 1 teti konnte.

Dasselbe hat indessen zunächst im zwölften Jahrhundert

nicht die bedeutende Stellung in Cambrai eingenommen, wie

man es hätte erwarten können. Erst im Laufe des dreizehnten

Jährhunderts ward ihm wieder der hervorragende

Platz im städtischen Leben eingeräumt 42), zu dem es schon

vorher berufen war. Die Grunde hierfür wird die nachfolgende

Darstellung bringen.

2. Die Commune in Cambrai.

Nach dem zuletzt Gesagten möchte es leicht so scheinen,

als wenn jene Errungenschaften der cives, welche sich seit

Beginn des zwölften Jahrhunderts in einer stärkeren Heranziehung

derselben in städtischen Fragen seitens des Stadtherrn

uns darstellten, das Resultat einer normalen Entwickli:ing freiwillige

Konzessionen des Bischofs au die im Laufe der Zeit

fortgeschrittene Bürgerschaft gewesen seien: Das ist aber in

Gainbrai durchaus nicht der Fall gewesen. Sie sind vielmehr

als Zugestfindnisse der bischöflichen Gewalt anzusehen welche

die nach grösserer Selbstündigkeit. strebende Bürgerschaft sich

erst erkämpft hat. Sie sind nicht zum geringsten Teil ver-

4) Durch ds Stadtrecht Bischor Gottfrieds von 1227. Miraens, op.

dipl. loin. ]V p. 391 ff.

Wie energisch die I3urgersehaft dieses Recht in Anspruch nahm,

zeigt besonders ihr Verhallen zur Zeit des Bischofs Nicolans (hiMfl—G7),

als sie der von lern vollzogenen Belehnung von St. Arbeit an

den Clmatellain Simon mit gewaffneter Hand sich widersetzte: sie ginuhle

nhmlich, dafs durch die Steigerung der Macht des Chatellains eine

Gefahr für die Sioherheil der Stadt cnvüchise, cf. Floeres. da Bistum

Carnhrni dc. p. 43 ff.


- 51 -

anlalLt durch mehrere bedeutsame Erhebungen der cives gegen

ihren Bischof, welche sich in der letzten l:lälfte des elften und

im Laufe des zwölften Jahrhunderts abspielten. Diese Erhebungen

f[irten zu einem engen Zusammenschluss aller vorn

Bischof in ihrem Besitz unabhängigeren Teile der Stadtbevölkerung,

eben der cives. Ihre Vereinigung führte zumeist den

Namen .‚Gommunia", Commune. Durch sie suchte die Bürgerschaft

sich von allen Beeinflussungen des Stadtlierrn in ihren

Angelegenheiten so weit wie möglich frei zu machen und die

Verwaltung dieser selbst iii die Hand zu nehmen"). Das

Schöffenkolleg als eine vom Bischof abhängige Behörde, deren

Leiter jedenfalls der Reihe der Ministerialen angehörte, war

wenig geeignet dazu, die Bestrebungen dci' Bürgerschaft nach

unabhilngiger Behandlung ihrer Angelegenheit zu fördern. Die

Bürger wählten daher aus ihrer Mitte eine Behörde, der sie

die Leitung der Geschüfte dci' civitas übertrug")

Es entstand so ein langandauernder Kampf zwischen Bischof

und civitas in der Stadt. welcher erst im dreizehnlen JahrhundeN.

seinen Abschlufs fand. Erst nach vielen Anstrengungen

und mit Hilfe des Reichs gelang es dem Stadtherrn seine erschütterte

Stellung wieder zu befestigen.

In der nachfolgenden Darstellung wollen wir den geschichtlichen

Gang dieser Bewegung, die Beweggründe und Ziele derselben,

soweit es nach :1cm vorliegenden Material möglich ist,

au rzudeckei suchen.

a) Die Communebildiingen in Cambrai bis zum

Jahre 1184.

Die Nachrichten, welche über das Auftreten der Commune

in Camhrai von ihrem ersten Erscheinen bis zum Jahre 1184,

44)Ober die Commune und ihr Auftreten in den fz'anzösich ca

Städten .vgl. Warnköni g u nil Stein, französische Staats- und Rechtsgeselnelice.

Bil. 1, p. 277 ff. liege1 Gesch. der' Städteverf. von Italien.

In]. 11. p. 367 ff. (Ursprung der Städtefreiheit in Frankreich.)

45) s. 5. Ci. und (iC ff.

II


t

- 52 -

wo Kaiser Friedrich 1. zuerst eine Communeverfassung für die

Stadt anerkannte, vorliegen, geben uns im grofsen und

ganzen nur ein Bild voll äufseren Eingreifen der

Commune in die Geschichte ihrer Zeit; es fehlen genauere,

Angaben über ihre Organisation und Verwaltungsthätigkeit.

Urkundliche Belege, die hierüber schon vor dem Jahre 1.184

Aufschlufs geben könnten, sind leider nicht auf uns gekommen.

Wir beschränken uns daher znnüchsl auf eine kurze Darlegung

des geschichtlichen Verlaufs der Bewegung bis zu jenem Zeitpunkte,

um bei ]Jesprechung 46) der Communecharte voll

eingehender die Grundlagen und Ziele der Commune zu erörtern.

- EJin das Jahr 1077, kurze Zeit nach der Übernahme des

Bistums durch Bischof Gerard lt., wurde in der Stadt Cambrai

zum ersten Male der Versuch gemacht. eine Cominune zu errichten,

ja zum ersten Male diesseits der Alpen 47). - Die

Bürgerschaft, die cives male consulti der Bischofsgeschichte,

benutzen die Abwesenheit ihres Bischofs. inn unter sich eine

geschworene Einigung, eine conjuratio oder communla, zu

schliessen und verpflichtet) sich gegenseitig jenen bei seiner

Rückkehr nur gegen Anerkennung ihres Bundes in die Stadt

aufzunehmen). Bischof Gerard ist durchaus nicht geneigt,

auf ihre Forderungen einzugehen, wagt aber nicht mit seinen

Mannen den Eingang zur Stadt, zi.i erzwingen und erwartet

die Hilfe des Grafen I3alduin von Molls. Doch, ehe diese

kommt, weiss er die Bürger durch das Versprechen über ihren

Bund in seiner Kurie") verhandeln zu wollen, zur Aufnahme

zu bestimmen. Dieses Versprechen war aber sehr wenig ernst

48YiL6Off.

47) Autser den Gesla Gerardi II ei). c. 2 (Al. G. SS. VH) berichtet

hierüber das Cliron. St. Andrae ‚min. lib. III c. 2: De Vastatione Carneraci

(M. G. 55. VII p.

) Gesta Gerardi if ep. e. 2: adeo sunt liter se sacramcnto cotijuncil,

quod nisi factam concederet conjurationcin. denegarent etc.

s. Anm. 37 (am Sohluts).


- 53 -

gemeint. Sobald er sich in der Stadt bfinclet, setzen seine

Anhänger die grausamste Verfolgung aller Teilnehmer der

Commune ins Werk. Man brich(. in die Häuser der Bürger

ein, raubt. plündert., so dass diese schliefslich an ihrem

Unternehmen verzweifeln und dem l3isdhof wiederum Treue

schwören- 0)

Dies ist kurz alles, was über den Verlauf der Bewegung

verlautet. Als Teilnehmer werden uns allein die cives, unter

anderen auch die Namen zweier, eines Wihert und Fulberl,

genannt'). Die Bürger handeln dabei nicht nach der Ein-

gebung eines Augenblicks, denn es wird ausdrücklich in der

Bischofsgesclnchte hervorgehoben, dafs ihr Bund schon lange

jun geheimen verabredet und sorgfältig vorbereitet gewesen sei"').

Die Bürgerschaft, beruhigte sich aber nicht hei diesm

ersten Versuch. Sie wartete nur auf eine günstige Gelegen-

heil., um von neuem hervorzutreten.

Es geschah dies im Jahre 1.102, als Gral Robert von

Flandern die Stadt hart bedrängte"). Die Bürgerseliatt er-

bietet sich die Sladtverteidigung selbst zu übernehmen, wenn

der Bischof die Bildung einer Commune gestatte 5 '). Bischof

50) Der Verfasser der Gesta Gerardi II e i). sucht den Anteil des

Bischofs an dieser treulosen Behandlung der Bürgerschaft zu verdecke,,,

indem er die Schuld allein auf dessen untergebene wälzt, aber er berichtet

uns ebenso von einem grausamen Vorgehen Gerards gegen eine,,

der Anstiftung einer treuen Conjuratio verditehligen Bürger, namens

so (lafs wir hieraus sehliefsen dürfen. wie sehr doch der Bischof

.jene Schritte hilligte. (c. 3).

61) Gesta Gerardi er). e. 3: Wil,erk eivis venerabilis. ‚nercator per

inulLas terras cognitus. F,dbert. concivis ei eoinntercator.

Die Mitglieder der Commune werde,, eheudaselhsi c. 2 als ..cives

male consu]ti" bezeichnet,

12) conspiraiionem ‚r,ulto tempore susurratani et din desideratan,

i,,ravernnt eommunia,n. Gesta Gerardi II op. e. 2. (55. VII p. 498).

') vgl. Heeres. das Bistum Camhrai p. 20 ff. s. S. 35, A,im. 58.

64) Gesia Galehcri Str. 370. 371: Hoc cives moti dubin quaesierunt

episcopotalchero suo Domino, ut pro eiusdem commodn omnes uI05

cornmuniter eOrljl,rare peritLeret. quia urbem r,on aliter nepie se ipsos

proteget.


- 54 -

Walcher gibt in seiner Bedrängnis seine Zustimmung hierzu.

Leider ist die von Walcher der Bürgerschaft ausgestellle Gommunecharte

nicht erhalten. Die Gest.a Galcheri Str. 374 ff.

geben nur den Eid an, welchen die cives ihrem Bischof leisten,

und die Verpflichtungen gegen welche dieser ihren Zusammensehluls

genehmigt. Die cives versprechen vor allein. Walclier

gegen den Gegenbischof Manasses zu unterstützen.

Der Commuine gelingt es dann, die Stadt längere Zeit

gegen die Angriffe des Flanderers zu halten. Sie läSst sich

indes, was teilweise durch die grofse Gefahr, in welche die

belagerte Stadt gerät, veranlafst wird, zu Mafsregeln verleiten.

welche weit über ihre Befugnisse hinausgehen und auch den

ihrem Bischof gegebenen Versprechungen zuwiderlaufen. Sie

nötigt den Bischof Walcher, die Stadt zu verlassen, bemächtigt

sich völlig der Herrschaft in derselben, verbündet sich mit

der bischöflichen Dienstmannschaft und setzt an die Spitze der

Stadtverteidigung den Godefrid von Rihemont, einen mächtigen

Ministerialen des Stifts, dein sie dazu) die Einkünfte des Episcopals

ühergiebt. - Wegen dieser Ausschreitungen findet die

Commune ein frühes Ende. Als im Jahre 1107 die ljnbotniässigkeii

des Flanderers den König Heinrich V. nach dein

Westen des Reiches rief, kain dieser auch nach Cambrai, forderte

die sofortige Auflösung der Commune und vernichtete

lire _Cojrimu nec! ade.

Diese zweite . Bildung der Commune zeigt uns so recht

die Machtstellung der cives in der Stadt, gegen welche der

Bischof nichts auszurichten vermag. Hervorzuheben ist das

Verhalten der bischöflichen Ministerialililt . gegenüber der

Corn nune.

Die Ninisterialen waren damals gröfstenteils Anhänger

) (Jesu. Ga]cheri Str. Sii% Bei der Auflösung der Communc durch

Heinrich \T wird auf eine solche Cha.rte hingewiesen: inbet (H&,iricli V.)

cives ve ruin La man, imt afteraul, comnpos itam ccmmnnionis cnrnilarn ante

suarn praesentiam. Str. 550, nifertur privilegiurn etc.


- 55

des Gegenbischofs Manasses und arbeiteten liii geheimen an

(fem• Stutze des vom Reiche eingesetzten Welcher 66). Die

Gommune hatte sich dagegen bei ihrer Errichhmg feierlich

zum Schulze des letzteren verpifichten müssen. Die Thatsache

nun. dafs die cives trotz ihres Eidschwures den Walcher verlassen,

ist jedenfalls auf ein zwischen jenen und den Ministerialen

getroffenes Abkommen zurückzuf ühr en. Beweis ist mir

die Einsetzung jenes Godefrid von Hibemont, wie die gleichermafsen

gegen cives und casati - [ecit ergo mx edictum, nt

veniat ad eiim grex casalorum et civium - gerichtetQn Anklagen

König Heinrichs bei seiner Ankunft in Ganihrai).

Auch später sehen wir die bischöfliche Dienstmannschaft mit

den cives Hand in Hand gehen.

Wann die Bürgerschaft zu einer neuen Verein i gu ng gelangt

ist., läfst sich bei dein Mangel all Mitliiungen

der Zeit nach nicht bestimmt feststellen. Vielleicht dürfte dies

schon zur Zeit Bischof Liethards (1131-1135) geschehen sein,

als die .Bürgerschaft gegen einen aafrührericlicn Vasallen des

Stifts, Gerard von St. Auhert, auszog 58). Ihre Existenz steht

dagegen unzweifelhaft fest zu Beginn der Regierung Bischofs

Nicolaus (1136-1167), wo ihr Name in den Kämpfen der

I3ürgerscliaft mit dem Chatellain Simon uns hflufig entgegen-

56) Boeres. das l3istuin Catuhrai. p. 10 lt

Gesta Gaicheri Str. Ö30 ff.

) Diesen Feldzug führte die .I3nrgerschaft unter Leitung des

Chatellains Simon all f eigene Veranstaltung aus. nachdem 1 Äetl ard

gegen die Gewaltthäligkeiten seines Lehnsmannes keine Abhilfe geschafft

und der Verheerung Vol) Cateau-Cambrsis ruhig zugesehen

hatte. Bei den nach Ileendigung des Kriegszuges zwischen dem Chalellain,

der Bürgerschaft und Geraril von St. Auhert angeknüpften Friedensunterhandlungen.

in die der Bischof noch so hindern(] sich eimuischte,

wird die Bereitwilligkeit der Bürgerschaft zum Absehlufs derselben ausgedrückt

durch die Worte: ad pacern statim liectitur communia, (Gesta

Liethardi ep. Str. 8:3 55. XIV.) Dies ist die einzige Erwähnung des

Namens der Crninrinne fit Zeit. Ich trage indes kein Bedenken,

die Bildung der Corninnnc mit Eröffnung des Feldzuges anzunehmen,

da für diesen eine Organisation der Bürgerschaft notwendig war.


- 56

tritt 59). Über eine Vereinbarung des Bischofs mit der Commune

bezüglich ihrer gegenseitigen Rechte erfahren wir nichts.

auch ist uns kein Schriftstück aufbewahrt, das eine solche

anzeigt.

In jenen Kämpfen, auf die wir hier im einzelnen nicht

eingehen 66), zeigt sich so recht wieder die Machtlosigkeit des

Episcopats gegenüber der in der, Comniune geeinigten Bürgerschaft.

Zum zweiten Male bemächtigt sich diese der Herischaft

in der Stadt und nimmt einen fremden Machthaber,

den Grafen Balduin von Mons, den sie zur Hilfe herbeigerufen.

iii dieselbe auf. Zur Bezahlung der dem Grafen versprochenen

Geldsumme nimmt dann die Commune eine Besteuerung (laxatin)

der Stadt vor") ; ein Beweis, mit welcher Selbstilndigkeit die

Commune ihre Herrschaft in der Stadt führte.

Die Ministerialen machten auch damals mit, der Bürgerschalt

gemeinschaftliche Sache. Sie gehen dieses Mal sogar

einen überaus engen Bund mit den cives ein, der uns in den

Gesta Nicholai Str. 261 in aller Form angekündigt wird:

‚‚cives casatos sibi attrahunt in .firmam amicitiam et honam

sust.inentiam ligatos per communiam et per fidem exhihilam.'

-

Die Bürgerschaft erscheint in alten diesen Fällen als der

leitende Teil, was :fiir ihre grosse Bedeutung in der Stadt

spricht, während die Ministerialen mehr oder weniger genötigt

sind, sich an sie anzuschliefsen, um keine Nebenrolle in solcher

Zeit zu spielen"').

ii. S. W.

50) Gesla Nicholal ei). (55. XIV) Str. 263. 275. i303. 335. 345. 332.

60) Dieselheil sind schon eingehend behandelt von lloeres. (las Bis.

turn Cambrai, p. 43 fl.

0) Gesta Nicho]ai ep. Str. 365 ff.

62 All A usbil 1 ing der Stad tverfassu ng liahei o die Ministerialen

nur wenig Anteil gehabt. \VohI wurd en aus ihnen einzelne Beamte.

wie der Pr5vöt (s. S.32.45, 761L), l3aillj (5.77 f.) und lustitiar (5. 415) gewählt,

aber in das Schöffenkolleg. die wichtigste Behörde der Stadt, konnten


- 57 -

Von Wichtigkeit sind dann noch die Enl.scheidungen,

welche König Konrad in Köln nach Beendigung der oben erwähnten

Streitigkeiten im Bistum im Jahre 11..18 trifft"). Sie

enthalten im ganzen eine Restitution der durch die Commune beeinträchligten

bischöflichen Hoheitsrechte. Dem Bischof soll

allein das Recht zustehen, eine Besteuerung (taxailo) in der

Stadt vorzunehmen: neque heere cuiquam urhem l,axare regialn

nisi per suurn presulem, qui de rege l.enel terrain (Gesta

Nicholai Str. 441), es richtete sich dies gegen den vorher herichteten)

Übergriff der Commune. Noch mehr wurde diese

von der Bestimmung getroffe n , dak der Bischof die Justiz

über die Vasallen, Ministerialen, den Klerus und deren engere

familia zu üben habe). Da es der Commune wie wir noch

zeigen werden 60), darum zu thun war, alle Stadtbewohner

einem von ihnen gehandhabten Friedensgerichte in der Stadt

zu unterwerfen, so bedeutete eine solche Exceplion in der Thal.

eine .Lahnileguug ihrer Thätigkeit.

n den Jahren 1145 und 11.46 bestätigte Konrad III. d'äiin

dem Bischof von Camhrai alle bisher vertiehenen Rechte`).

Der Commune wurde da nicht gedacht. Diese bestand aber

damals wieder. Es bezeugt dies ein längerer, für uns sehr

sie nicht gelangen, wen, sie nicht der Hürgenseliaft selbst angehörten

und zu den Lasten der Stadt beitrugen (5. 4:4 f.). Je mehr die Bürgerschaft

in der Stadt aufkam, desto geringer wurde das Ansehen der

.\linisterialen. So wurde denn auch im Jahre 124/i durch Bischof C'ruv

die Sondergerichtsbarkeit der 24 Ministerialen (serianti) des l,ischöllichen

Hofes aufgehoben und dieselben deni Schöffengericht in Kriminal- und

Civilsachen. in letzteren, soweit sie ihr bewegliches Vermögen beira fen.

unterworfen. (s. S. 40 lT.. Anm. 11. 12 3 13.)

02) vgl. besonders Gesta Nieholai Str. 437. 411. 348. M. G. 55. XIV

p -

64) 5. 50. Anm. 61.

) 5. 132 f.

Stumpf. Kaiserurkunden Nr. :4506 und :4507; Ficker. Wiener 5.

B. Phil. hist. 1


- 58 -

wertvoller Bericht der Annalen Lamberts von Wat.erlos 68)

(ad. a. 11.51) über die Verurteilung eines Klerikers durch die

Commune. Trotz des Einspruchs des ]3ichofs und ([es zu ihm

berufenen Klerus, dafs ein Kleriker nicht von Laien gerichtet

werden dürfe (ciericum non dehere pall a populo iudicari).

trotz des daran geschlossenen sirergen Verbots, Hand an die

Person oder den Besitz des Klerikers zu legen, vollzieht die

auf das Zeichen der Gemeindeglocke versammelte Commune,

mit den majores (auch seniores) communiae, ihrer Behörde,

an der Spitze, die Strafe an jenem, den sie wegen eines

Friedensbruches zur Niederreifsung seines Hauses verurteilt

hatte.

In) Jahre 11.52 wurden dem Bischof Nicolaus abermals

seine gesamten Rechte vom Reiche garantiert'-). Die Coinmune

befand sich aber auch später im vollen Umfange ihrer

'l'hätigkeit°). Es überzeugen uns hiervon die Verhandlungbn

Bischof Peters (1168-1174) mit der Comniune wegen der

Zerstörung der' bischöflichen Pfalz Thun L'ßv&ue, welche wir

ebenfalls in den Carnbraier Annalen (ad. a. 11 67) lesen fl).

Der Episcopat hatte die Gefahr unterschiitzt, weiche seiner

Oberherrschaft von seiten der Commune in der Stadt drohte.

Trotzdem dafs mit Hilfe des Reichs im Jahre 1107 durch

Heinrich V. und in) Jahre 1138 durch Konrad III - die Com-

05) iii. ti. SSX Vf. --

- 00) Fieke,-. Wiener 5. B, - Phil. bist, 1(1. 3d. XIV p- 166 lt. (Überreste

des deutschen Reichsarchivs in Pisa.) Stumpf, Kaiserurkuiirleo.

Nr. 3657. -

O) Annales Garn. ad. a. 1165 (55. XVI): Für pro crimine suo iii

eadem captus secunduni !eges tractatus ei a civ i hoi s-:i. od i tu .s e

olamatus Iiq1Jeiqlue suspeudiurn juste passus.

79 Uber die Mitwirkung der (Immune in städtischen An g ele gen -

heiten und ihre Bedeutung in dieser Periode legt Zeugnis al) die Renierkung

Lamherts von \Vaterlos in den Gn mbraier Annalen, ad. a. 1163,

wo er von dem Vorhaben des Chatellains Simon spricht, sich in die

Lelinsahlifingigkeit des Grafen von Flandern zu begehen: Es sei ili,i

(dein Chatellain) djesnielit gestattet. wird da gesagL .absque licentia donini

presulis ac niajoruin patrine et asseusu tot ins nrbi 5 et Coiflfliliniae.


- 59 -

inune gewaltsam aufgelöst! war 72), existierte sie später fort,

Im Jahre 1182 enlschlofs sich nun Bischof Roger von neuem,

die Unterstützung des Reichs gegen die wieder mächtig gewordene

Commune in Anspruch zu nehmen. Er begab sich

zu Kaiser Friedrich und erhob schwere Anklagen gegen

seine .‚btirgenses. Darai:il' wurde nach dem Sprache der Kurie

die Commune abgeurteilt und aufgehoben, weil, wie es in

dein ausgestellten Privileg 73) heilst, die Commune den

von den Kaisern erteilten Privilegien völlig entgegen sei und

der Hoheit des Bischofs zu viel Abbruch Urne. Dem Bischof

wurden imAnschlufs daran sämtliche Hoheitsrechte bestätigt,

so das Gerichtsrecht. Zoll und Münze in der Stadt, das

Mühlen- und Wasserrecht innerhalb und aufserhalh der Stadt.

Die Bürger machten nun ihrerseits Anstrengungen, ihre bisher

errungenen Rechte zu schützen. Sie begaben sich ebenfalls

zum Kaiser und trugen im Jahre 1.184 ein Privileg davon;

das ihnen ihre Freiheiten in grolsem Umtange w'ieder herstellte.

Ihr Bund erhielt von da an den Namen pax': clirninaio

con'ln]uniae noinine, quod sen'lper a.boininabile existit 74)

') S. 54 ii. 57.

73) Urkunde Kaiser Friedrichs, Mainz, 21. Mai 11A2. I3ülimer, A. I.

Nr. 141,

cf. Gesta pontif. abhr. per. Canon. C,imerac. c. 24. (M. G. ss. Vi 1

p. .510).

54) Gesta pönt. abba, (s. d. votlaerg. Anm.) e. 24: Der Verfasser

tadelt das scharfe Vorgehen Bischof lagers gegen die Bürgerschaft

(cum potins a. severitale foret 1 emperandimi), bez eic.Ixne 1 ah er die im

Jahre 1184 von der I3ügerseliaft erworbenen Freiheiten als zu weilgebende

(cives ad irnpeYlorein feslinanlins Gilin ‚anita peeunia reellrreutes.

eliininalo com'nulnae flamme. quocl seiriper abominabile existil

suh bomine pacis. man [amen pax non esset, contra episeopum ei ehencorurn

liheriatem. sicut hiodie est experiri, privileg in in so a v ol 110laie

ei seditione plenum reportaverunt).


- 60 -

b) Die Cominuneverfassung von Ca.rnbrai 75) nach dem

Privileg von 1184 und anderen urkundlichen Zeug-

nissen jener Zeit.

‚‚Friedrich . bekundet, dafs er. nachdem Bischof Roger

und die getreuen Bürger Camhrais bezüglich der Leitung, der

Gewohnheil.en und des Rechts der Stadt lange uneins gewesen,

sich um einen ehrenvollen

vollen Vergleich bemüht habe ural nach-

folgende Gewohnheiten für die Handhabung der Gesetze, die

Leitung und den guten Stand der Stadt auf Rat der Fürsten

und weiser Männer jenen gegeben habe.'

Mit -diesen Worten wird jenes denkwürdige Privileg76)

eingeleitet, das zum ersten Male bis dahin einer Cornmuiie-

verfassung die staatliche Anerkennung erteilte. Für die Er-

kenntnis der Verfassung unserer Stadt in jener Zeit ist das

Dokurneht um so wertvoller, da die Quellen der voranliegenden

Zeit über die Conirnune nur unzusammenhangendes Material

brachten, das jetzt in ein helleres Licht gesetzt. wird. Wenn

auch das Privileg nut kurze Zeit in Geltung blieb 77). so zeigt

es doch klar, wie weit die Sonderbestrebungen der Bürger-

schaft gegenüber dein bis dahin geführt haben.

) Eine

eingehende Uiitersuehung der Uoiuinuneverfassung von

1nvou, welche in manchen Punkten nil! derjenigen Canibrais sieh berührt.

liefert die Arbeit: Le Frank, llistoire de Ja ville de .No,ou:

l4ib1iothqiie de l'öcole des htuites ötudes, 1887. 75 faic.

o) Bühirier, A. J. S. Nr. 1-IM: Gelnhausen. den 20. Juni :1.181.

'') Die erste Aufhebung des Privilegs bringt ciii Diplom Kaiser

Ortes von 1201 (Cölu. den 2(1, September ‚1201. l3iilimer. ....1. S.

Ni. 230): neu ohstnnte iJiiOeiinqUe privilgio vel seripte eoutra prerlic-

1,uu libertateu, ah aliciuo predeeessnrum iiosti'oru,n ohteiI.ii et spec i1i -

liter iHn. quod preilictu.s do]lluus Fridericus eiusdeui civibus

pro eon'xnunia siih uuiiiiue pacis dicitur concessisse etc.).

Hieran schlossen sieh eine Reihe weiterer Erlasse, durch welche das

Reich die Aufhebung der Commune aussprach. Endgültig beseitigt

wurde erst die Comjuune in der Stadt durch das Stadtrecht Bischof

Uottfrieds von 1227 (Miraeum upei'a diplonia.tica 1cm. IV p, 891 (1'.).

s. Anm. 152 (p. 81).


- 61 -

Diesen Gesichtspunkt haben wir besonders bei der folgenden

Besprechung der Cominuneverfassung festzuhalten,

Ganz allgemein erkannten wir schon aus den Berichten

über die Commuhe in der voranliegenden Periode, dass diese

allein von den cives, den von der bischöflichen Grund- und

Dienstherrschaft unabhiingigeren Teilen der Stadtbevölkerung,

gebildet wurde. Das Verhalten der bischöflichen Ministerialen

in der Stadt gegenüber der Commune haben wir ebenfalls

vorher gekennzeichnet- Sie wurden zwar nicht Mitglieder derselben,

traten aber mehrmals zu ihr in nahe Beziehung78).

Alle Mitglieder der Commune, sahen wir weiter, verpflichteten

sich durch einen Eid zur Ausführung der von der Gesamtheit

gefafsten Beschlüsse 79). Ihre Vereinigung wurde daher auch

conjuratio 79) oder conjurium 80) genannt, ihre Vorsteher hiefsen

iurati 81), Geschworene. Durch diese Eidgenossenschaft ward

zugleich der Bürgerschaft die milil.ürische Bedeulung gegeben,

welche in der Geschichte Carnbrais mehr als einmal zur Geltung

kann").

Ober die Ziele der Commune gicht uns nun die Cliarte

von 1184 den eingehendsten Aufschlul. Eines derselben war

die Aufstellung und Überwachung eines Friedens für das Stadtgebiet

in dem Umkreise einer Bannrueile und darüber hinaus.

Dieser sollte allen Bewohnern die für Handel und Verkehr

notwendige Sicherheit gewährleisten. An diesem Frieden

soll nach der Charte jeder Kaufmann teilhaben, der zum Handel

S.55L

19) S. 52 und Anm. 48. 54.

80) Gesta Gaicheri ep. Str. :372. Laudat (der Bischof) tarnen cci'-

juriurn. s. Anm. 54.

2) So werden sie liii vorliegenden Privileg (s. S. 66) und im Stadtrecht

Bischof Bogers von 1185 (s. S. 72 ff.) genannt. Die Cambraier

Annalen geben ihnen auch die Bezeichnung: seniores und najores

comrnuniae (ad. a. 1151 u. 1169) s. S. 58.

s. S. 58 f.. 56 und Anm. 55.

3) liber den Umfang der Bannmeile der Stadt Carnhrai vgl. he

GIay, gl. top. p. V. (Banhieu de Cainbrai.)

5


in die Stadt kommt, soweit nicht gegen ihn wegen Geldschuld,

Raub und dgl. eine Anklage erhoben werden kann 84). Selbst

der Totschläger und Frevler steht im Schulze der Stadt, insoweit

es das Gesetz gestattet und er bereit ist, nach den Gesetzen

der Stadt zu Recht zu stehen55).

Zur Aufrechterhall.dng des Stadtfriedens ist jeder Bürger

verpflichtet. Will ein Bürger jemand, gegen den er eine

Klage rührt, ergreifen und ruft, er ein Mitglied der Comniune

zu Hilfe, so hat es Folge zu leisten, widrigenfalls es für allen

dadurch dem anderen Teile erwachsenen Schaden aufzukommen

hat 86). Niemand darf auCserdein einem Feinde der Stadt dienen.

rind -sind in der Charte besondere Bestimmungen getroffen für

den Fall, dafs jemand vor dciii Ausbruch von Feiri(3sehgkeiten

in den Dienst getreten ist.

Diesem Stadtfrieden sollen alle Stadtbewohner gleichmäSsig

unLerworfen sein mit Ausnahme des Klerus"). Durch die

letzte Exception hai. sich aber die Corurnune nicht beschränken

lassen). Wie wir schon vor dciii Jahre 1184 voll Verurteilungen

der Kleriker durch die Commune hörten, so auch

nach der Zeit 88) Die Charl.e unterstellt ausdrücklich auch

°) Gonstitiiimus pacern cmiii inercatori ad mercaturn venienti,

oxceptis bEs. qui aut peenniae conirnodatac nut praedae factae in eives

possuist argui.

) Itein quicuequc rens rel Tons f'ator civitatern intraverit, salvus

enit ei civitas eum retinere dehet, quamdin paratns est stare histitiae'

secundum legem civitMis. Item si homicida e.ivftatem intraverit etc.

88) Quod siquis civiurn aliquem in eivitate, super quern querelarn

habet. apprehendere et leisere volens quemtibet Je pace securn in auxilium

vocaverit et inc conimnonitus ire i,ohierit, si duobus testihus super

hoc cooviciaLus fuenit, tantuindem ei persolvet, CUI Opern fcrre negavit,

quaintum vocator prohare potent se per eum amisisse.

87) z. B. 11cm iurati pacis iustitiabuni. de forefactis quorumlibet

liominum cxce ptis cl e ri eis. -

°') Über die Verurteilung eines Klerikers im Jahre 1151 vgl. S. 58

(Ann. Garn. ad. a. 1151). In der späteren Zeit hören wir über die Verbannung

eines Klerikers durch das Urteil der Commirne Näheres in

einem Briefe des Papstes Fiononlus 111. vom 4. Oct. J225 (Epistolae


- 63 -

die Ritter und freien Leute in der Stadt samt ihrer familia

und ihrem beweglichen Vermögen dein

während noch im Jahre 11.38 durch Konrad 111. diese Justiz

der Commune untersagt wurde 90).

Vor das Gericht der Cominune, das im Friedenshause der

Stadt (domus pacis) tagt, gehören alle Verletzungen des Friedens,

insbesondere Fälle der höheren . Kriminaljustiz"), wie

Totschlag, Körperverletzung, Rauh, Diebstahl, dann auch Injurienklagen.

- Der Commune ward aber noch mehr durch

die Charte überwiesen. Ihr steht auch in gewissen Fällen ein

Teil der Civilgerichtspflege zu. Es führt uns dies auf einige

in der Charte enthaltene Klauseln. So soll z. B. der Bischof

und der Klerus in Geldangelegenheiten seiner engeren familia

Recht zu sprechen haben; ist dieses aber nach Verlauf von

15 Tagen nicht geschehen, so sollen die burgenses dies thun92).

Ferner hat, der Bischof oder sein Vertreter (der Probst., im

Schöffengericht) das Gericht über bewegliche und unbewegliche

Habe der burgen ges und vustici; sind diese Rechtsgeschäfte

jedoch nach Verlauf von 15 Tagen und nach geschehener

Mahnung durch zwei Geschworene nicht erledigt, so soll ebenfalls

das Gericht der. iurati au die Stelle treten"). Dasselbe

Saeenli XllI e. Itegesl.is Pontir..koman. Seleelac. 1cm. 1 p. 205. IM. G):

- . . prb co quod (1uemdanl cl eridum i ndebite ;ulsata canlpana bani iverant

et domuin cujusdarn cano,'ici Saneli Gaugcrici viole,iI.er intiaverai,t etc.

cl j ustitiare debent j nil ites. liberos homines et eorum

In 0 hili a ei Cam ili am. Das Stadtrecht Bischof Bogers (s. S. 72 ff.) setzt

ebenfalls fest: Gapitalia nobiiiuin domus padis (wo die Commune ihre

Sitzungen abhält) iusliciabit.

)s.S.57.

2) Hiermit beschäftigen sich namentlich die ersten Artikel des

Privilegs.

92) De farnilia vorn elericorum. rjua victu enrum pascitur, hoc staluimus.

ut infra XV dies in oonti causa pecolniaria episcopi]s ei cierus

haheant iusticiare familiam suam, transa etis XV (1i ehn s, si ius Lii iam

non fecerint. burgenses hahebunt.

90) Hierüber vgl 5. 7-1 C.

5*


- 64 -

tritt ein, wenn der bischöfliche Justitiar 94) die Einsammlung

der Grichtsgelder versäumt.

Auch über die Weise des Gerichtsverfahrens in der Cominune

erfahren wir einiges wenige. Jeder Bürger ist befugt,

jeden, auch einen Fremden (forensis), wenn er eine Klage

gegen ihn hat, zum Richter zu führen. Der Angeschuldigte

kann, wenn er die Berechtigung der Anklage bestreitet, durch

einen Eid voll Schuld sich reinigen, aber in schwereren

Fällen, wie z. 13. hei Anklagen wegen Raubes, nur durch einen

Zweikampf, zu dein sich persönlich stellen inuis. Stellt

er sich zum Zweikampfe nicht., so mufs er vollen Schadenersatz

leisten. - Alle Zeugen, welche vor Gericht erscheinen,

müssen ferner vorher schwören, dafs sie w.alirheitsgemiifs angeben,

was sie gesehen und gehört haben'). Notwendig ist

aber in jedem Falle das Zeugnis von zwei Personen.

Jede . Verletzung des Stadtfriedens war mit schweren

Strafen bedroht. Dabei war für den Friedensbruch innerhalb

der. Stadt ein höheres Strafmafs angesetzt, als für solchen

anfserhalb derselben innerhalb der Bannmeile. Wer z. 13.

jemand innerhalb der Stadt tötet, soll dies mit dem Leben

büfsen; auf Totschlag innerhalb der Bannmeile steht dagegen

nur eine, wenn auch hohe Geldstrafe. Es entsprach indes

ganz dein Sinne des Stadtfriedens, dafs die Beteiligung an

einem Aufruhr aufserhaib der Stadt mit denselben St;rafen,

wie in derselben belegt wurde"). Im übrigen soll nah der

Charte ganz allgemein die Strafe aufser besonders vermerkter

Fälle, wie Totschlag und schwere Körperverletzung, aufserhaih

5. 65.

05) Nach- dem Stadtrecht- von 1185 haben auch die iurati vor Gericht

einen Eid zu leisten .: Jurati pacis) praestare debent in causa coram

iud-ice .saeramentum.

O) . . . eandem, legem subire compehlatur, quam infra rivilateni

pacein violanlibus.


- 65 -

der Stadt nur halb so grofs sein. wie für Vergehen in der

Stadt 47). - Die vom Friedensgericht zuerkannten Strafen bestehen

in) Niederreifsen des Hauses, Verbannung aus der Stadt,

Verlust. des Lebens ii. s. w. und sonst in hohen Geldhufsen.

Die Einziehung der Strafgelder und die Aufsicht über das

Gefängnis führt ein bischöflicher Just dar 96). Wer eine Geldstrafe

nicht bezahlen kann, soll indes nach fünfzehntägiger Haft

beim Bischof der Commune zur weiteren Exekution Überwiesen

werden, welche dann hei Nichtbezahlung der Strafe denselben

aus der Stadt weisen kann.

Die Verteilung der einkommenden Gerichtsgeld e r fjnde

zu gleichen Teilen zwischen Bischof und Commi:ine stall,. Es

spricht dies für die selbständige Stellung des Friedensgerichts.

In der Charl.e werden für die Überweisung der Gerichtsgelder

an die Cointnune Wendungen gebraucht, wie z. B. ad muniendani

civitatern, munitioni civiLalis oder nur civitati, iuratis.

Vielleicht haben wir hierin einen Flinweis hinsichtlich der Verwendung

der Gelder speciell für die Befesligting der Stadt zu

sehen, welche somit auch zu den Aufgaben der Commune

gehörte.

Aus dein

geht zur Genüge. hervor, dafs die

Cominune einen nicht geringen Teil der Justiz in ihre Hände

bekommen hat, ein für den Inhaber der Ge j ichisgewalt, den

Bischof, sehr gefährlicher Umstand. Allerdings sucht der

Bischof nach der Charte sich seine Hoheit zu wahren, so

dadurch, dafs die Geschworenen niemand hindern sollen,

vom Bischof sein Recht zu nehmen"), aber es wird da auch

7) Qni vero praeter lios (lnos modos (Totschlag um! Verwundung)

infra hanni ]eugam foris fecerit, tenebitur ad inerlietatem poenae vel

composilionis statntae pro forisfacto in civitate.

8) Uber den Eidschwur des lustiliar 0f. den Anhang zu dem Stadtrecht

Bischof Gottfrieds von 1227. Miracus, op. dipl. torn. IV p. SOS L

99) Praeter :Iiaec dec,ernimus, ut nullus pro vadimonio quod episCopO

dederit ant pro iusl.il.ia, quam in praesentia eins fecerit. per quratos

pacis iinpediatur. - Jtemque luillus pro aliquo inre quorl inratis pacis

fecerit ad eos pertinente a indice episcopi gravabitur.


- 66 -

hinzugefügt, dafs der Richter des Bischofs niemand belästigen

solle, von den Geschworenen sein Recht zu nehmen: de quacunque

re ad iuratos pacis ciamor praecessit, de qua iusLitiare

habeant, prout poterunt iustitiam facienl, omni petenti.

Die Geschäfte der Commune sollen nach der Charte sechs

Geschworene (inrati) führen 102), zweifellos von der Gemeinde

selbst gewählte Vertreter. Sie haben ihren Sitz im Friedenshause

der Stadt (domus pacis)'°°.

Auch in früheren Zeiten begegnen wir schon einer solchen

Behörde der Commune, wo die Vorsteher majores oder seniores

communiae 101) genannt sind.

An einer Stelle unseres Privilegs wird auch ein „Praepositus'

(Prvt) genannt, der die wichtige Obliegenheit hat, die

Comnsune durch Läuten der Gemeindeglocke einzuberufen und

jedenfalls auch weiter ihre Versammlung zu leiten. Er ist

kein specieller Beamter der Commune, was doch irgendwie

sonst angedeutet sein inüfste, sondern ohne Zweifel einer der

Pröbte. der Leiter des Schöffengerichts.

Die Thätigkeit des Schöffenprobstes an dieser Stelle kann

uns nicht auffallen, wenn wir die engen Beziehungen, welche

zwischen Schöffen und Geschworenen in jener Zeit bestehen,

in Betracht ziehen. Nach unserer Charte soll zu den Sitzungen

der jurati ein Schöffe hinzugezogen werden in gewissen Fällen

(in eis causis, in quihus solent cum iis testiticari. Genaueres

wird nicht angegeben' 02 . Nach dem Stadtrecht, von 1185

wirken ferner Schöffen und Geschworene in allen wichtigen

100)In einem amtlichen Bericht aus dein Jahre 1223 (Reparation

publique faile par leshourgeois au clergö de Camhrai. Le Glay. p. 107 ff.)

findet sich der Passus: ..l?rocessione autem usqne ad forum medium

veniente, videlicel mdc dornum p aci 5, ubi Sole n t j ur ati ad su a

pi a ci ta c live Uhr e, prius pubtice piilsata eorum caulpana, sicut pulsari

solet in denuntjati5iie hannorum etc. -

101)s. Anm. 81.

101) Sex viri iurati na dorno pa.cis possunt constitui, qui posstint

testimonium pnrtare cnn' aliquo scabinorurn in eis causis, in quihus

solent cum iss tesU[icari. Wir haben hier die einzige Erwähnung eines

SchölTens in der Charte.


-- 67 -

städtischen Angelegenheiten zusammen 103). Weiter nehmen

die Schöffen auch an der Versammlung der gesammten Cominune

teil, die ‚ja durch den Leiter ihres Gerichts, den Probst,

einberufen wird. In einem Briefe des Papstes 1-lonorius aus

dem Jahre 1225 ) werden Pröbste. Schöffen und Geschworene

(qcio'(im consilio ei auctoritate id factuin fuerat) wegen \Ter

itrteilung von Klerikern zur Rechenschaft gezogen und exconimuniciert.

Den 'Probst 105) halte somit während jener Verfassungsnrnwiklzung

durch die Cominune sich seine leitende Stellung

in allen Stadtangelegenheiten zu erhalten gewufst, wälu'cnd

die Schöffen eine Teilung mit den Geschworenen eingehen

mufsten 308)

Das \ersa!nm1ungsrecl1t war eine der hervorragendsten

Befugnisse der Commune. Schwerere \Tersl.öfse gegen den'

Frieden der Stadt werden wohl regelniäfsig in Gegenwart aller

03) S. 78 ff.

104) Brief des Papstes Floiiorii]s Dl. vorn 24. Oct. 1225 an die

flheiuiser Kirche (Epistolae Saecnli 'Alt] e. Ileg. Pontif. floinau. Sei.

ton'. 1 p. 205. M. G.) . ich teile daraus folgende Steile mit: Cnn'

enim veuerabilis futter noster G. (Goderridus) Carneracensis episcnpus

oh' in prepositos iuratos ei scahinos Ca,neraeenses, pro ec,

quo d qiiein da in clericum indehite pulsata campana Ii um iverani. et d omn m

curnsdam canouiei Sammeti Gaugeriei violenter inlraverant et canonice

monite exinde s,m.(isfacere denejahanL priino et postrnodun' in ccii lii in

quadraginta cives cameracenses. quoruifl consilio et auctoritate

i d fa c tu m fu e rat ex coi-nmuoicationis sententiam protulisset etc.

iOt) Aus diesen engen Beziehungen der Poöbste und Schliffen und

besonders der ersteren zu der Commune erklärt es sich. dafs diePrisbste

einmal im Stadtrecht von 1185 zu ihrem Namen den Zusatz ..pacis"

(= cornn,uniae) erhalten, was sonst leicht 71u anderen DeuIimmgen fuhren

könnte, (Si vero per se index id non sufficiat exsequi. p mc positi

p ii eis . . . plene supplende mandabuni executioni (s. S.77). - Die

Zugehörigkeit der Pr[hste zum Schöffengericht bez, der dornus imistiliae

(s. S. 74 f.) zeigt da nicht minder die Stelle: Ceternm si inemorati stalli

vel bigae sijo pro forefacto capia n tur ad (iO in u in in st i ti a e deferantur

sed nisi per praepositns non reddentur. s. S. 79.

iOO) s. Anjmm. 104. Recht lehrreich für die Zustande in der Stadt

Cainhrai zur Zeit der Comommune ist auch das von Le Glay (gl. topogr.


- 68 -

Communemitglieder abgeurteilt sein l0). Die Zahl dieser wird

in jenem Schriftstück '04) von 1225 auf 140 angegeben (centum

quadraginta cives, quorum consilio et auctoritate etc.). Wir

haben da wohl alle stimmberechtigten Teilnehmer der Commune

jener Zeit vor 'ins, da nach der Charte von 1.1.84 jeder

bei Strafe zum Besuche der Versammlung verpflichtet war 107)

Die Zahl derselben erscheint ziemlich gering. Vielleicht erstreckte

sich jene Verpflichtung nur auf alle Hausbesitzer unter

den cives der Stadt.

Die Bedeutung, welche diese Versammlung, in der alle

einflufsreichen Bürger der Stadt safsen, im Laufe der Zeit, erhalten

:rnufste, leuchtet sofort ein. Sie war in Sachen der

Finanzen und der Verwaltung die geeignetste Behörde in der

Stadt. In ihr geschah die Verkündigung der hanni Los); welche

bekanntlich eine auf bestimmte - Zeit angesetzte Conumsteuer

auf Brot, Wein, Fleisch ii. s. iv. bedeuteten 109). Hinsichtlich

der ‚.hanni" setzt die Charte von 1.184 fest: Nullus omnino

bannus in civitate fiel nisi per episcopuin. Die Vermutung

liegt hierbei nicht so fern ; dafs die Comini:ine oft vorher und

auch später diese Steuer ohne Befragen des Bischofs angesetzt

hat.

Dasselbe gilt bezüglich der Verwaltung der Wcgzölle in

der Stadt durch die Colnmune. Im Stadtrecht vor) '1 '185

p. 107 ft.) mitgeteilte Schriftstück: Bparaiion pub]i(Iue faite par les

bourgeois all elerg de Camhrai.

707). .1cm si ]'ru epositus convenUiin ad Soli im canpanae indixerit

Stil) poeria V solidorum pro quacunque ilccessi tate. qi.i i non verl 0 nt,

V solidos cornponat.

cf. den Bericht von' 1223 (s, Anm. 106. Hepar, publ. etc.), wo

dies ' bezeugt ist: ‚Processione anteui usque ad forliln nedium venicuite,

videlicet ante dornum pacis, ubi solent iurati ad Sna placita

COnvenire 7 prios plsata corinn calnpnna, sicut pu isa ri so 1 et in

denuntiatione halinlurllln etc.

lQl Genauere Angaben Über die .‚baini' gicht n. a, die llrklllide

des Grafen Baldijin von Henliegau von 1176 (Miraeos, op. dipl. Lii, p.

347). ferner die Coiomllnecharle voll Solesnjes aus dein Jahre 1202

(t.e Glav, gl. top. p. 88 ff.).


- 69

wird Klage "°) darüber geführt, dafs die cives seit einem Zeitraum

von 30 Jahren die Erträge aus diesem Zoll sine capitali

solvendo, sine ca.mpana sonante eingezogen hätten und werden

darin bezüglich der Verwaltung und Verwendung der Einkünfte

neue Bestimmungen getroffen.

Neben diesen beiden Fallen indirekter Besteuerung bedarf

nun die Frage der Erwägung, inwieweit ffie civitas zu direkten

Leistungen in ihrer Gesamtheit (comnlnne onus civitatis)

verpflichtet war. Unterlag zunächst die civitas einer solchen

Besteuerung (taxatio, tributuin) durch den Bischof? Die Antwort

auf diese wichtige Fiage gicht der Mönch von St. G6ry,

der Fortsetzer III) der Carnhraier Bischofsgeschichte in c. 4,

wo er der Stadt das Lob spendet: .‚ Quid autein de liherlate

huius urbis dicam, non episcopus, non imperator taxationeru

in ca fecit, non trihutum ab ca exigitur, non denique exercitum

ex ca educit nisi tantuin modo ob defensionem urbis ei, hoc

ila, ut eadein die ad domes suos valeant reverti" 112), Die

Ablösung jener Verpflichtungen (taxatio, ti'ibutum) sehen wir

hier beglaubigt. Wann und wie sie geschehen ist, das läSst

sich nicht mehr nachweisen, wohl aber unterliegt es keinem

Zweifel. dafs der Commune das \TeAlienst der Befreiung von

solchen Lasten gebührt.

Diese Thatsache erklärt uns nicht wenig das selbständige

Auftreten der Commune dem Bischof gegenüber. ZWaT' suchte

der .Bischof später seine Finanzhoheit in der Stadt dadurch

110) Civitas praecepta super suos burgcnses sir'e eapitali solvendo,

siIle cainpana sonante 1 triginta annis facere coiisuevit, episcopo tarnen

reciamante, licet hoc peregit. s. S. 78.

II) Dieser lebte in jener Zeit, wie seine Bemerkung am Ende des

ersten Kapitels der Gesta Manassis ei Galelieri (M. G. 88. p. 500) zigt:

Nos autem suceessiones pontificum ad lilo tempore usqua ad presens

tempus per annos ferme centum ab anno inearnati verbi 1090 usque

ad annum 1.180 summatim designare intendimus.

") vgl. hierzu die Bestimmung des Stadtrechts von 1185 (s. S. 71):

1). opiscopum pro sun et ecclesie et civilatis honore tuende iuvare dvilas,

seil una die duci debetet reduch


-- 70 -

zur Anerkennung zu bringen, dafs er die städtische Besteuerung

streng kontrollierte und die Uinleguiig einer „taxatio"

von seiner Erlaubnis abhängig machtE 113) Doch wir sehen oft

genug, dafs die Commune auch ohne Befragen des Bischofs

die Stadt besteuerte, so zur Zeit des Bischofs Nicolaus zur

Bezahlung der dem Grafen von Maus versprochenen Geldsumme

114) und auch später noch.

Welche Personen konnte nun die Cominune bei jey Unilegung

einer direkten Steuer (taxatio, Taille) heranziehen?

Urkunden"") jener Zeit, zeigen, dafs die Bürger ohne Beschränkung

zu solcher Steuer verjflichtet waren. die Ritter,

Dienstmannen und der Klerus in der Stadt dagegen nicht.

Bei den zahlreichen Wechselbeziehungen der cives mit

den ihrigen Stadtbewohnern waren indes in einzelnen Punkten

noch besondere Bestimmungen über die Besteuerung notwendig.

Solche enthält ein Diplom Kaiser Friedrichs von 1.184

woraus ich einige Festsetzungen mitteilen will. Kauft ein

Ritter bürgerlichen Besitz, so ist ei zu den Lasten der Stadt

verpflichtet, dasselbe gilt, wenn er hei einer Heirat mit einer

Bürgerin solchen Besitz erwirbt.; Erbschaft allein macht ihn

davon frei. Die cives unterliegen wiederum in allen Fällen

der Steuer, mögen sie nun Grundbesitz in der Stadt von

Klerikern, Rittern oder Ministerialen erben. Eine. Urkunde

113) Erst im Jahre 1285 (Colniar. 1.8. Juni 1285. Böhmer, AeLa

Imp. Sei. Nr. 4443) erhielten die Schöffen das Hecht, auch ohne jedesmalige

Erlaubnis des Bischofs der Stadt eine Taille aufzuerlegen.

III) s. 5.56.

1fl) Namentlich die Urkunde. 0 elnhatisen, 20. Juni list. Iiöluner.

A. J. S. Nr.147; s S. 80 die aus dein Stadtrecht von 1185 hierauf

bezüglichen Punkte; Urkunde Philipps von 1205: Speier. 1. Juni 1205,

Winkelmann, Acta Imperii inedil.a 1 p. 8 (Nr. 11).

ezüglich der Befreiung des Klerus von den sW.dtisehen Lasten vgl.

Urkunde Kaiser Friedrichs vom 20. Juni 1184. (SLurnph acta Nr. 102.

Stumpf. Kaiserurkunden Nr. 4380): ah ornni servitio, exa ctione ei onere

civitatis ojflnino sint exeinpti salvis constitutionibus et pactis. quan 'iii

conimunihus privilegiis et scriptis episcopi et eleri et civium continentur.


- 71 -

aus dem Fahre 1.205 115) dehnt. die Steuerpffichtigkeit dann

weiter auf Ministerialen, welche in der Stadt 1-landel treiben,

und auf Ritter und Kleriker aus, welche Hauser an Handeltreibende

vermieten u6). Soviel über die Beziehungen der

Comnuiiie und ihrer Mitglieder zu den Finanzen der Stadt.

Zu den Errungenschaften der cives gehört endlich noch,

dafs sie auch bezüglich ihrer militärischen Leistungen sich von

ihrem Stadtherrn möglichst frei gemacht haben. Sie sind nach

dein des Mönches von St. Göry nur zur Verteidigung

der Stadt verpflichtet und dürfen auch dann nicht langer als

einen Tag aufserhalb der Mauern (eadem die ad domos suos

valeant reverti) im Felde gehalten werden. Die gleiche Forderung

tritt uns im Stadtrecht von 1185 wieder entgegen"').

Der Commune selbst, ist auf der anderen Seite sogar ein

beschränktes Kriegsrecht zugestanden, wenn nämlich der Bischof

eine der Stadt aufserhaib der Bannmeile zugefügte Schmach

nicht tilgt., nachdem ihm von der Cornmune Mitteilung davon

gemach. ist 118). Ebenso soll jedem Burger aufserhaib der

Bannmeile das Recht der Selbsthilfe zuslehen, wenn der Bischof

auf erhobene Klage jenes keine Genngthuung schaffen kann.

Überblicken wir noch einmal diese Errungenschaften der

civitas in ihrer Ceminune, so erkennen wir, dafs diese auf

110) Urkunde von 1205 (s. 1. vorlierg. Anm.) - . ut servienies episnopi

Ca,nerac.. qui mercatores sinnt et in civitate negotianl.ur, datas et

tallias ad ou,js civitatis de rehus suis. quas halient, sed de feodosuo.

quod Jin hent ab e piscopo, lihere pe.i-niarieaii 1.. qnantum pertiiiet ad fendum.

Similiter Hat de domibos militum et ciericorum, quas hahent in

civitate et quas ipsi Ineant aliis qui ineis ncgotiaul.ur forensi commereio

ei eis preelum iride 1)ersoltint.

s. S. 69 und Anm. 112.

118 Addicifnus insuper. qund si episcopns dedecus extra banni

lengam eivitati irrogatum uni) emenda.verit. postquarn ei rdt a iuratis

ostensurn, Jiceat civibus illud persequi et vindicare. quandocünque

potueriui..


- 72

dein besten Wege war, die Leitung der Stadt ganz an sich

zu reifseu.

Der Episcopat' war aber noch nicht gewillt., seine Herrschaft

an die Bürgerschaft in der Stadt abzutreten. Seit dem

Jahre 1.14, wo jener Freiheitsbrief den Bürgern ausgestellt

war, entwickelte sich bis weit in das dreizehnte Jahrhundert

ein harter Kampf zwischen Commune und Episcopat über

die Herrschaft in der Stadt.

Der Widerstand des Episcopats beginnt sofort nach dem

Erlafs der Communecharte von 1184. Zwar lief-, er vorläufig

die Comniune in der Stadt noch bestehen 119) suchte aber ihre

Thäligkeit schon im folgenden Jahre durch den Erlafs eines

neuen Stadtrechts 120) wesentlich einzuschränken.

3 . Das Stadtrecht Bischof Rogers von 1185121).

„Wir und unsere Bürger haben hei unserm Bemühen,

Frieden und Freundschaft fester zu begründen, uns dem Ausspruche

von 8 Ordnern anvertraut. Diese haben auf Grund

heilsamer Gewohnheiten alter Zeit weisen Rats festgesetzt, was

sich auf uns und unsere Ehre bezieht.'

Unmittelbar auf diesen Eingang folgen die einzelnen Fest-

setzungen des Stadtrechts Sie stellen im ganzen einen Versuch

dar, die durch das Privileg von 1.184 schwer bedrohte

bischöfliche Hoheit mit. der Coinmune in ein erträgliches Ver-

Jiültnis zu setzen.

Uni einige Hauptpunkte gleich herauszugreifen. so wenden

sich eine Reihe Bestimmungen gegen die bisherige Handhabung

des Friedensgerichts in der Stadt. Durch ein umfassendes

UI) s. A,nn, 77.

10) s. d. folgenden AbsclonitL

120) Le Glay. Glofsaire (opographique. p. 77 ff.


- 73 -

Schutzrecht') will der Bischof diesem gegenüber seine Gerichtshoheit

zur Geltung bringen.

Der Bischof kann alle Stadtbewohner 123), sowohl die

Ritter und edlen Herren, als auch die cives der Stadt in seinen

Schutz nehmen. Niemand darf eine im Schutze des Bischofs

befindliche Person festnehmen oder gefangen halten 124) Dieses

Schutzrecht steht dem Bischof zu, so lange er in der Stadt.

anwesend ist 125). Bei seiner Rückkehr vorn Kaiser oder von

der Weihe kann er aufserdem alle Verbannten und schweren

Verbrecher in die Stadt zurückführen.

Die Conimune kann gegen dieses Schutzrecht, des Bischofs

Einspruch erheben 12G) Tal dies geschehen, so darf indes der

Bischof seine Schutzbefohlenen noch w9h:rend der Dauer eines

Placitums der Verfolgung des F'riedensgerichLs entziehen. Erst

dann bedarf er für eine weitere lnschutznahme der Erlaubnis

der Commune 127). Alle Ritter und Bauern aufserhaLb der

Stadt und alle edlen Leute in derselben haben erst nach zweimaliger

Ladung vor dem Gericht der Commune zu erscheinen 028).

122) F'i1 dieses Schutzrecht werden im Stadtrecht Ausdrücke gebraucht,

wie ‚‚hornin es condu cere. in civitateni coi id leere, conrtnctui ri

prelend ere, retinere' (der Vcrfo!gu ii g der Coiurniine entziehän) z. II.

(1). e1ii9c0pus) omnes nilhites ei nohiles viros et eornm falnihias - conducere

tuto polest.

222) Alias ornnes relinere potest saivo civis eapitali etc.

tfl) Si quis, quem doniinns episeopus conduxerit ab aliqno detenbis

fuerit. dicere dehet episeopus ut doininus, quo (] tiinc eum condueehnt,.

illeque liber abibit.

UI) Tota ci ic. qua in Gameraco est veh ah ca recedit rel in carn

venturus esL. huinines conducete polest etc.

220) Die Aufkündigung des Schutzrec)its oder Einsprache in dasselbe

durch die Coinjn une ist im Stadtrecht init folgenden Wendungen bezeichnet:

doriee ei (sc. episcopo) rcni]ntiaturn fucrit postquam domino

reiiuntiatein fuerit episcopo quoad ei fuerit resignatam.

112) Postquam domino renuitiatum fuerit episcopo potet hio,nines

sims conducere sni diei placiti semel sua fretus auctorilate, deinceps

aulem nonn:isi 1'ace consulta civitatis.

228) Omnes inilites et rustiei extra et nobiles infra civilatein mallentes.

suum possunt bis placituin contramandare.


- 74 -

Die Befugnisse des Bischofs hören aber hier noch nicht

auf'. Er kann das vom Friedensgerichte gefällte Urteil vollständig

aufheben'"), so dafs nicht Rand an das Vermögen der

Verurteilten gelegt werden darf. Die dabei verhängten Geldstrafen

darf er aber nicht für sich einziehen ohne die Erlaubnis

der Geschworenen. Für ihre Verbannungsurteile sollen

aber diese dem Bischof keine Rechenschaft schuldig sein ]b0)

Dieses jeden Augenblick zu gewärtigende Eingreifen

des Bischofs in die Justiz der Commune mufste ihre Wirksamkeit

aufserorde,itlich hemmen. Hieraus war kein Friede

zu erhoffen. Gerade in diesem Punkte miifste das Stadtrecht

in seiner Anwendung sich als unzulänglich erweisen und immer

Wieder auf den Widerspruch der Gommune stofsen.

Gewifs hoffte der Bischof auch durch solche Beschränkung

des Friedensgerichts die Thätigkeit dci' alten städtischen Gerichtsbehörde,

des Schöffenkollegs, zfl heben.

Welche Kompetenzen hatten nun die Schöffen für ihr

Gericht nachweislich in jener Zeit? Nicht ohne Rücksicht

auf das Fri&lensgericht. der Stadt scheint im Stadtrecht angeordnet

zu sein. dafs die domus iustitiae, wo die Schöffen ihre

Sitzungen abhiellen, dieselben Freiheiten haben solle, welche

sie zur Zeit der Bischöfe Nikolaus (1136-67) und Peter

(1.168-74) gehabt hatte"'). Leider vermissen wir sonst eine

genauere Angabe ihrer gerichtlichen Befugnisse im Stadtrecht.

Wir müssen dabei' anderweitig noch nach Aufschlüssen hierüber

suchen.

Die Charte von 1.184 erwähnt nur einmal einen Schöffen.

Sie weist uns aber von selbst auf ein Gebiet., wo die Corn-

29) ludicatuin autem potest penitus relaxare,

‚30) Si quos iudicio iurati hannierint, non habent episcopo de sna

ilistitia respoiidere.

131) Domus iustitiae ad lihertatem qua tenebatur predecessor. .1).

scilicel Ntcholai ac. D. Petri tempore libera esse debet. ins suum Universum,

quod scabinorum mubjacet indicin etc.


- 75 -

inune keine direkten 132) Rechte erhalten hatte, auf das der

Civitgerichtspflege. Wir lesen nun in der Charte bezüglich

dieser :hirisdicuon: „De heriditatibus (= unbewegliche Habe)

vero ei. rnohilibus hurgensium ei ruslicorum instiahit episcopns

ipso vel per suum ministrnin." - Was aber hier hinsichtlich

der „hurgenses" und ..rustici" von der Justiz des Bischofs im

Gegensatz zu derjenigen der Cominune festgesetzt wird das muts

sich ebenso auf die Schaffen beziehen, die mit der Verwaltung

hischöflicher Gericljisrechte betraute Behörde. Die Schöffen

werden mithin ein.solches Gericht über unbewegliche (hereditas)

und bewegliche (mobilia.) Habe in der Stadt gehabt haben.

Eine Reihe urkundlicher Belege aus der nachfolgenden Zeit

sind uns hierfür weiter Beweis genug. Jene beziehen sich

auf die wichtige Regelung der Grundhesitzverhällrisse in der

Stadt durch die Schöffen. So bestimmt das spätere S(adtrecht

-von 1.227 ) in An.. 46: ‚‚Scabini sub jurainento scabinatns

sni prornittent, quod ingressus et exitus doinorum ei heredilatum

omnium quae vendentur, infra octo dies post venditionem

reddent illis, ad quos pertinent." Diese Bestimmung

des Stadtrechts sollte aber gewifs nicht erst damals diesen

Teil der Gerichtspflege den Schaffen übertragen, sie besaSsen

Koinpetenzeü hierfür gewifs schon "vorher, und es sollte an

der Stelle nur die schnelle,. Regelung der genannten Geschäfte

betont werden"'). Der Eidschwur der Schöffenschaft

ferner, der uns vorliegV 35), bestätigt zudem gerade dies ganz

übereinstimmend, während die weiteren in jenem Stadtrecht

den Schaffen zuerkannten Teile der Gerichtspflege nicht ebenso

112 1 . S. 6:3 über die in der Charte von 11.54 enthaltenen Klauseln

hinsichtlich der Civiigerichtsflege.

31) Miraeus, opera diplorn. toni. 1V. p. 261 fl.

34) s. S. 53.

34) Niraeus, op. dipl. tom. IV p. 395 f. (Anhang zorn Stadtrecht

V011 1227).

1) Den Schöffen wurden im Stadtrecht von 1227 alle bisher von

den Geschworenen geübten Gerichtsrechte übertragen. was eine Ver-


- 76 -

erwähnt sind 136) Im übrigen schwören da die Schöffon

.‚inenrs (= rnenerez) les eitoiens et leur biens par loi et par

Bit dEskievins. Sonst erfahren wir aus jenem Eidschwure,

den die Schöffen innerhalb acht Tagen dem Kapitel leisten

sollen, dafs die Beschwerden dci Fremden (foranenses) in der

Stadt vor ihr Gericht gehören.

Eingehender beschäftigt sich dann noch später ein Diplom

aus dein Jahre 1285 mit jenem Teil der Gerichtspllege der

Schöffen ' 17). Als eine der angesehensten Aufgaben der

Schöffen in Cainhrai erkennen wir hiernacb die Führung der

Grundbücher in der Stadt.

Über die Wahl der Schöffen handelt ein Artikel des Stadtrechts

von 1185. Der Bischof soll sie aus der Reihe der

jurati" wählen: „De inratoruni nuinero 1). espiscopus scabinos

snos, quos volet., prudentes ei, hone vi:ros opinionis eligere

debet." Bei „jurati" ist wohl nicht gerade an die Behörde"')

der Commune zu denken sondern an alle Mitglieder der Commune,

da für diese ja sonst auch der Name ‚‚jurat.us'' üblich

war 139)

Die Leitung des Schöffengerichts hat der Bischof selbst

oder der damit von ihm beauftragte Beamte. Dieses ist, wie

auch schon in der vorhergehenden Zeit, einer der Pröhsl.e

gleichung mit dein der Cominune voll 1184 klar vor Augen

führt. So z. 13. die Besliinmnug von 1184: 'Item si quis in Cnrto depre-

Jiensus fuerit. per sen terit i am in r ato r ‚im udicahitur; et si in depreliensione

illa ille clii faeta est minna hniusmodi latroneni verberavenit, nullius

logis 01) line reus deputabilur etc. - verglichen mit Art. XV des Stadtrechts

von 1227: „Si quis iii furto deprehensus fuerit, per seiitentiairi

seabinorum praeposito vel praepositis re]inquitnr puniendus, tU si in

deprehensione illa et(;.

117) Freiburg 7. Dez. 128. Böhmer. 'A. J. S. Nr. 449,

88) 5. 5(3.

"°) cf. Warnkönig und Stein. frz. Staats- ii. Rechtsgeseh. Ed. 1 p. 281:

Die so unter sieh verbundenen Gemeindemitglieder heitsen dagegen

in vielen Urkunden aneli iurati. ein Wort, das in anderen gebraucht

wird zur Bezeichnung des Uommunalgerichts.


- 1/ -

(P.rd'6t) 140), denen die Exekution der voll Schöffen geffl.tlten

Urteile oblag 141) Neben diesen erscheint aber im Stadt,

recht, was .uns hier zuerst aufstöfst, ein als .iudex episcopi'

bezeichneter Beamter, welcher dem Schöffengericht: in gewissen

Fällen präsidieren kann. Sein Verhältnis zum Schöffengericht

zeigt deutlich die Bestimmung des Stadtrechts; welche in der

Übersetzung lautet: „Das gesamte Recht (der ‚dotuus iustiliae"),

das dem Urteile der Schöffen unterliegt, kann der Bischof

durch seinen ‚.judex'', wenn er irgendwie benachteiligt wird.

in. Anspruch - nehmen 2). Kann der ‚‚judex' die Exekution

nicht allein ausführen, so sollen die Pröbste. vom Bischof

dazu aufgefordert.. die Exekution voll und ganz besorgen, ohne

dafs das Urteil der Schöffen verletzt wird' 41). - Dieser ‚.Judex

episcopi' scheint hiernach zur Vertretung der besonderen

bischöflichen Interessen in der Stdt berufen zu sein. Dies

geht auch aus anderen Stellen dös Stadtrechts klar hervor.

So hat z. 13. der Bischof auf allen schiffbaren Flüssen das

Fischrechl.. Betreten die Bürger nnbefngt diese Gewässer, so

kann der Bischof zum Schutze seines Rechts Pröbste, Schäften

und Geschworene unter seinem Richter versammeln.

Dieser uns hier entgegentretende „Judex episcopi' kann

nun »-eiter kein anderer sein, als der in späterer Zeit als

„baiili" bezeichnete Beamte. Dieser hat gerade die dein

Bischof und Klerus in der Stadt zustehenden besonderen

Rechte wahrzunehmen. Nach dein von 1227 hat

er für die richtige Ablieferung der dein aus der Stadt

zufliefsenderj Einnahmen zu sorgen, wobei ihn nötigenfalls das

140)s. S. 45. Aiim. 28.

141)Si vera per §e index id non sufficiat exeqni praepositi pacis

(s. An,i,. 105), si ah episcopo inerini requisiti pieno suppiende mandabunt

exeeutioni iudicio seahinorum fliaeso per singula permanente. -

Cel.erujn. si memorati siäUi vel bigne SuD pro forefaeto rapinntur ad

(ininun) itistiti,i e defera.ntur, sed nisi pci' praepositos ‚Ion reddentur.

242) Ins soum universum, quod seahinurum suhjacei iudicio per

iudiee,n suu,n indicin seahinorurn. si super aIquo ininriarn Jatiatur J)

(lebe,( ep.iseopns nhtiuere. -

8


Schöffenkolleg zu unterstützen hat HZ) Ferner soll er in Gemeinschaft

mit den Schöffen den Fischmarkt in der Stadt beanfsichtigen

144). Da das Fischereiregal im Besitze des Bischofs

war, so erklärt sich die Thätigkeit des ‚Bailli" an dieser

Stelle. (s. S. 77,)

Der Name dieses bischöflichen Beamten erscheint ferner

im Stadtrecht von 1.185 unter den ausschlaggebenden Personen

bei allen wichtigen Festsetzungen über das städtische Verwaltungswesen.

Durch ihn will der Bischof - es ist dies ein

zweitet Punkt, wo er der Bürgerschaft gegenüber im Stadtrecht

seine Hoheit fühlbar macht - das gesamte städtische

Verwaltungswesen überwachen.

Gerade dieser Teil des Stadtrechts zeigt uns dann, wie

weit der Einflufs der Commune auch auf diesem Gebiete gedrungen

ist. Neben dem ‚.judex episcopi', der hier zuerst erscheint.,

und den Pröbsien und Schöffen, die schon vordem in

stRdtischen Angelegenheiten mafsgebend waren, treten in alten

Fällen auch die ‚jurali" als mithera.tende Personen auf.

Die Verwaltung der Wegzölle wurde schon im vorigen

.Abschnitt ' 10) erürterl,. An der Festsetzung dieser Zölle sollen

nun fortan nicht nur die jurail, sondern auch der iudex

episcopi, Pröbste und Schöffen mitwirken 146) Die Einkünfte

hieraus sollen für die Instandhaltung der Strafseil verwendet.

Terclen

Ferner sollen die genannten Personen gemeinsam das

städtische Marktwesen überwachen. Sie sollen die Matkl,stener

141) Art. 44 des Stadtrechts.

144)Art. 55.

145)B ecognoverunt equir] em. quo d per iii ilicern domui episcopi cl,

praepositos et seabinos et iuratos ii irre poni debent et proventus inne

exeunles ad usur distributi calcearurn. Das hier gebrauchte Wort

übersetze ich mit Brücken- oder Wegzoll. we]c]ie Bedeutung in lern

französischen .‚barrage" (Schlagbaum. Brückenzoll) und harrager (der

Zölln er) wiederk-ehrL Gerade zu dieser Uhersetzu ngbestimmt.

audi die


- 79 -

ansetzen'"), die Aufstellung der Wagen und Fischertische auf

dem Markte anordnen und die Mafs- und Gewichtsordnung

regeln und überwachen. Bei Verstöfseu gegen die Marktgesetze

können dabei betroffene Gegenstände mit Beschlag

belegt und in die ‚domus justitiae" gebracht werden, woher

sie ohne Erlaubnis der Pröbffl.e nicht ausgeliefert werden

dürfen 147)

Die Beziehungen, welche sich hier bezüglich des Marktwesens

zu der „dornus iustitiae; wo das Schöffengericht sich

befand, ergeben, sind wohl zu beachten Die Thätigkeit der

Schäften in diesem Teile der städtischen Verwaltung rührt gewifs

nicht erst aus der Zeit, sie haben dieselbe sicherlich schon

vorher ausgeübt. Der Stand der Verhältnisse um das Jahr 11.85

zeigt uns nur die Wandlung, welche durch das Auftreten der

Commune sich im Laufe der Zeit schon vollzogen hatte.

Neben den Pröbsten und Schöffen haben die jurati Anteil an

diesem wichtigen Verwaltungszweige. Das Neue, welches das

Stadl.:recht hinzufügt., ist wohl nur allein in der Person des

bischöflichen index zu suchen.

An, der Verwendung der Einnahmen speciell für den Wegebau. Sonst

erhielt ‚barra" auch die Bedeutung: Seifranke. Gerichtshof, Gericht

(lrz. barreau).

Über die Wegzöllc. insofern sie unter der Verwaltung der Commune

stehen of. Le Frank, Histoire dein ville de Noyon (Anm. 75) p. .137: „La

cominune percevait encore des droits de location sur la halle am drap.s

et los droits de p?age sur ]es chauses de la ville. Cc dernier

revenu se retronvait Jans beaucoup dautres citS. Cette perception du

travers ne s'tendait qn'aux lirnites de la commune. Vgl. S. 49 und

Urkunde von 1121 bezüglich des Abkaufs eines Wegzolles in der Stadt

durch einen Bürger!

146) AuF diese Marktsteuer bezieht sich der Ausdruck „otnnis tailia",

welche im Stadtrecht in Verbindung mit. „mensura et pondus ion aequunl"

genannt ist; er hedeutel demnach wohl in diesem Zusammenhange eine

auf alle Marktwaren gelegte Konsumsteuer (Ornnis tallin, meusura et

pondus nou aequuin per iudieem et scahinos et praepositos et iuratos

accipi dehent).

5. 68 lt

6


- 80 -

1.1) Betracht kommen schliefslich noch einige Sätze des

Stadtrechts bezüglich der städtischen Lasten, welchen Gegen

stand wir schon hei Besprechung der Charte von 1184 berührten

115). Es werden da die Personen und der Grundbesitz

bezeichnet, welche nicht dem .‚cornmune onus civitatis" unterliegen.

Frei von allen Lasten sind der gesamte Privatbesitz des

Bischofs 141)7 wozu namentlich die unter besonderer Verwaltung

stehenden Mühlen zu Seles 645) in der Stadt gehören, und jener

der Kirchen der Stadt"), ferner die leben der Ministerialen

des bischöflichen Hofes und der Kirchen (24 Ministerialen des

bischöflichen Hofes, 4 Ministerialen der Kathedrale und diejenigen

der Kirchen von St. C6ry 7 St. Aubert und St. Spulcre).

Ohne Erlaubnis des Bischofs darf kein Bür ger ein

bischöfliches Lehen oder die Einkünfte der bischöflichen Mühlen

in der Stadt kaufen oder in Pfand nehmen. Über die Steuerpfl.ichtigkeit

der civcs in solchen Füllen wurde schon vorher

gehandelt.

Dies 'ist im ganzen der Inhalt des Stadtrechts Bischof

Rogers 151). Namentlich das, was in ihm über das Schöffenkolleg

gesagt ist, füllt eine Lücke in unserer Erkenntnis der

Verfassungsentwickelung Camhrais aus. Wir erkennen, ciafs wir

die ]3cdeutung dieser Behörde auch in ‚jener Zeit nicht unterschätzen

dürfen. Die Schöffen haben sich ihre Mitwirkung in

145) S. 70 IL, Anm. 30.

ljher Selles (de Salis) vgl. Le Glay, gL top. p. LV!: Nom dc

Fancienne forteresse. qui d5fcmidait (.;unhrai du c5t du nor(. - Der

Stadtkomplex, wo die bischöflichen MiiJilemo lagen. sollte nach dem Stadtrecht

von der Verwaltung der civitas ausgeschlossen sein: Oomnus episcopus

mo]endhma de Selis per se per ser.iantos suos etc.

149) Ab onini lege eivitatis 1). liber est episcopus.

160) Durch das Privileg Kaiser Friedrichs vorn 20. Juni 1184 (Stumpf,

Acta Nr. 162) wurde der Klerus von alten Lasten der Stadt befreit,

s. Anm. 115, S. 70.

101) Eber einzelne Bestimmun gen. welche im n anderen Stellen erörtert

wurden. s. Anm. 41 (5. Mm). 105 (5. 67). 112 (5. 69u. 71).


- 81 -

städtischen Angelegenheiten erhalten, haben aber neben sich

überall der Commune einen Platz einräumen müssen. Wir

sehen gegen Ende des zwölften Jahrhunderts die Verwaltung

der Stadt, in den I-iiinden der beiden Kollegien, welche mit der

Zeit zum gröfsten Ansehen daselbst gelangt sind, der Schöffen

und Geschworenen. Beide Kollegien stehen unter der Leitung

der Pröbste, deren Geschii.ftskreis sieh dadurch bedeutend er-

weitert hat..

Die bischöfliche Hoheit. hatte dabei viel von ihrer Ge-

walt eingebüfst. Das Stadtrecht von 1185 sollte die bischöf-

lichen Rechte der Cominune gegenüber wieder befestigen.

Wie wenig indes die Festsetzungen desselben geeignet waren,

den Frieden in der Stadt herzustellen, das lehrt die Folgezeit!

Die Justiz der Conimune blieb der strittige Punkt mii

dein Episeopat. Auf sie beziehen sieh die zahlreichen Er-

lasse 152), welche Bischof und Bürgerschaft für den fl Bestand

ihrer Rechte in der nLiclisf.en Zeit voin Reiche erwirkten,

Erst nach langen erbitterten Kämpfen 163) brachte dann

52) s. Anm. 77 (5. 60).

in Betracht kommen folgende Diplome aus den Jahren: 1201, Cüln,

26. Sept. (Böhmer, A......Nr. 230); 1200, Speier, 1Juni (Winkelman!

', Acta Imp. med. lj 8 Nr. 11); 1209, Augsburg, 12. Jan. (Böhmer,

A. J. S. Nr. 231); 1210, Citta della Pive, lfL Jan. (Böhmer, A. J. 5.

Nr. 238); 1214 Worms. 19. Juli (billard Br6holles [citiert Ii. B.],

lusioria diplomatica tnin. 1 pars ii p. 310); vier Urkunden aus dem

Jahre 1215 (2: 29. Juli, 31. Juli, 26, Sept. lldi]iard i3raholles tom. 1 P.

Ii); 1216. Speyer, 12. April. (11. 13. T. 1, P. 11 p. 449); 1219, Nürnberg,

29. Oct. (II. 13. T. 1. P. 11 p. 693 ff.); 1226. Trient, 11. Juni (II. 13 9 II,

P. 11 p. 876 ff.); 1226, Ende Juni (Ii. 13... . 11, 2. 11629 ff.); 1226, 26. Oct.

(Winkelmann. Acta J. med. 1 Nr. ('IOS); 1226, November (ii. 13. T. II,

P. Ii p. 891 ff.); 1226, 26. November (II. B. T. P. II p. 890); 1.227,

November (Winkelmann, A. I. med. T Nr. 610); 1227 (Ii. B. T. tt,

1 1 . ii p. 895 f. Note!).

252) Die Zeiten dieses erbitterte!) Verfassungskampfes, der an interessanten

Zwischenrällen (ich verweise nur auf das von Le Clay, gl. top.

p. 107 mitgeteilte Schriftstück: Röparation publique faite par les hour

gepis au clergd du Camhrai) so reich ist, zu verfolgen, würde eine neun,

sehr ioI,uiende Arbeitbiiden und einer umfangreichen Darstellung wert sein,


- 82 -

das Stadtrecht ]3ischor Gottfrieds von 1,227 eine Lüsung

der Schwierigkeiten. Die Beseitigune der Commune mit ihrer

Sonderjustiz bildete die Basis für die neuen Vereinbarungen,

Das Resultat war die Errichtung eines Schüffenrates, bestehend

aus vierzehn auf ein Jahr gewählten Mitgliedern mit zwei

Pröbsteii an der Spitze. Auf wiesen wurden die Kompetenzen

des Coniiuunegeriehl.s zum giofsen Teil 'übertragen.

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