FLIEGER, FÄNGER, KATZENFLÜSTERER - Vineta-Grundschule

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FLIEGER, FÄNGER, KATZENFLÜSTERER - Vineta-Grundschule

B E W E G U N G M A C H T M E H R S P A ß A L S K E I N E B E W E G U N G

P R O J E K T E I M S P A N N U N G S F E L D V O N K U N S T + T E C H N I K

22. Oktober bis 30. Oktober 2012

FLIEGER, FÄNGER, KATZENFLÜSTERER

a m S c h n ü r c h e n u n d a u f R o l l e n

Manege frei für zwei Zirkusfamilien

wir bauen mechanische Draufgänger in drei Generationen

ein Kooperationsprojekt im Rahmen des Projektfonds kulturelle Bildung zwischen

Christian Bilger und Julia Ziegler (bildende Künstler) und der Vineta - Grundschule in Berlin Wedding als

Projektwoche für zwei Klassen der Stufen 4 und 5, 39 Kinder.

DAS THEMA

Jeder weiß, was Zirkus ist – also was ist Zirkus ?

Der wagemutige Seiltänzer, der dumme oder lustige Clown, der furchtlose Dompteur...

Ist das Zirkusleben ein freies Zigeunerleben, mit Schule nur im Winter, ansonsten Wind um die Nase ? Ist es

vorstellbar, das dieses Leben nicht immer abenteuerlich, sondern auch hart und öde sein kann ?

Lass doch den Zirkus ! sagt ein Erwachsener zu seinem Kind.

Ist eine Zirkusfamilie dasselbe wie Familienzirkus ?

Artistenfamilien entstehen wie andere Traditions-Familienbetriebe auch. Die Kinder werden von Anfang an

eingespannt und gebraucht und außerdem liegt es im Blut.

So gibt es Seiltänzerfamilien wie die Familie Traber, Dompteurfamilien wie die Familie Farell, oder vielleicht -

hier bei uns - Magier, Clowns und Bauchtänzerinnen durcheinander. Die beiden Schulklassen werden sich je

eine Familie ausdenken, sie rundum erfinden und selbst herstellen. Drei Generationen von Artisten werden

entworfen und gebaut. Vielleicht wird eine Familiengeschichte geschrieben, Lebensläufe, Stammbäume.

Wir fragen auch, was überhaupt sehens- oder zeigenswert ist – ob jemand aus der Klasse jonglieren oder auf

einem Seil laufen, Rad schlagen, Stelzen laufen kann (und das vormachen), wie man zum Meister wird und was

den anderen daran Spaß macht. Dieses Gespräch über Zirkus dauert die ganze Woche hindurch und wird

belebt mit allerlei Beispielen.

DIE PRAXIS

Wir bauenen mechanische Artisten.

Jeder entwirft eine Figur, die sich bewegen soll.

In Dreier-Gruppen entstehen dann 13 Familienmitglieder mit Holz, Stoff, Gummi, Draht... Vision und

Machbarkeit müssen ständig angeglichen werden. Wir vermitteln beim Bauen handwerkliche Techniken und

praktische Kenntnisse im Umgang mit dem Werkzeug.

Gefördert werden Experimentierfreude, handwerkliches Geschick, sprachlicher Ausdruck, logisches Denken,

poetische Offenheit, Sinn für Komik und Absurdität.

Wir wecken Interesse an Kunst und Physik.


Montag, 22.10.

8.00 Uhr beginnen wir mit dem Ausladen, vier Treppen hoch, wobei einige Jungs gleich Ihre

Gewichtheberqualitäten unter Beweis stellen möchten, statt mehrmals zu laufen.

Jede Klasse wird drei Stunden am Tag mit uns arbeiten Die Klassenlehrer Frau Casparius und Herr Wichniarz

werden in der übrigen Zeit mit den Schülern zum Projektthema Zirkus arbeiten, auch im Tagebuch.

Die 5a kommt zuerst, 21 Kinder setzen sich in der Aula erwartungsvoll in den Kreis.

Zuerst analysieren wir einfache Bewegungsmuster anhand von mitgebrachtem mechanischem Spielzeug.

Jojo und Kreisel, Dreul und Ziehkäfer - wir reflektieren die einfachen Bewegungsgesetze. Wie funktionieren

Kurbel, Pfeil, Wippe, Pendel, Kreisel... was bedeuten Antrieb, Reibung, Fliehkraft, Hebel, Stabilität.

Dann wird alles selbst erprobt und ausgiebig damit gespielt.

Weiter: Worum wird es in der Woche gehen ? am Schnürchen und auf Rollen ? Was soll das bedeuten ?

Nach dem Spielen haben sie schon jede Menge eigene Ideen.

Die Tagebücher werden ausgeteilt für Texte, Bilder und Skizzen. Sie begleiteten die praktische Arbeit.

Wir stellen dafür Aufgaben, es kann aber auch jederzeit frei gearbeitet werden. Hier werden Eindrücke

festgehalten, ein Kind kann sich auch mal zurückziehen und vertiefen, jederzeit für sich allein weitermachen,

wenn sonst an anderer Stelle gewartet werden muss.

Im Zirkus ist alles außergewöhnlich, auch unsere Hefte. Sie haben ein extremes Format, sehr hoch oder lang,

für lange senkrechte Figuren oder horizontale Zirkusdörfer bestens geeignet. Vorne drauf kommt ein Wagen,

den sie in dieser Woche bewohnen sollen,

der ihrem Artisten gehört, mit Namen und Titel.

Die erste Gruppe pfriemelt ein bißchen herum mit Miniwägelchen.

Die zweite bekommt ein Maßbrett, damit der Wagen nicht zu klein wird.

Fenster, Türen, Regenrinne...man muss ja jederzeit darin wohnen können.

Das Beispiel an der Tafel wird von den meisten vertrauensvoll kopiert,

das kriegen wir später auch noch hin mit dem Selbergestalten.

Hintereinander aufgestellt ergibt das schon einen beachtlichen Zug.

Und nun die Bewohner: wir sammeln alle Artistenberufe, die uns einfallen, an der Tafel.

Zauberer, Jongleur, Dompteur, Clown, Direktor, Bauchtänzerin...

Wir teilen den Figuren auch ein Alter zu – aber das gerät dann später etwas in Vergessenheit. Die Kinder

finden sich in Dreiergrüppchen zusammen und

dann verteilen wir die Artisten den Gruppen zu.

Jetzt hat jeder sein Ziel vor Augen und macht eine erste Figurenskizze.

Mit dieser Aufgabe entlassen wir sie für heute und sind gespannt auf morgen.

Die 4a stürmt mit 18 Kindern den Raum und ist bereits gut eingestimmt.

Sie haben eben den zauberhaften Film „le cirque/ la Magie de Calder“ von 1967 gesehen. Der französische

Künstler Alexander Calder führt hier im Alter von 70 Jahren einen kleinen mechanischen Zirkus vor, den er mit

27 Jahren gebaut hat und mit dem er damals getourt ist. Aus Draht und Kork, mit einfachsten Mitteln, entsteht

dort hohe Kunst.

Viele Figuren sind hier aufgetaucht, die man nachbauen könnte.

Auch diesmal geht es aber erstmal mit der Spielzeugkiste los...


Dienstag, 23.10.

Die 4a beginnt

Wir betrachten gemeinsam die Entwürfe, es gibt jeweils drei Clowns, Zauberer, Jongleure und Feuerspucker...

alle Clowns haben bunte Haare, alle Zauberer Hüte, da gibt es schon Einigkeiten. Die Figur soll ja eine

Mischung werden.

Welche Bewegungen sollen sie genau machen können ?

Die 5a hat gleich Gliederpuppen gemalt.

Anhand unserer mitgebrachten Modelle erklären wir das Prinzip des Antriebs über Rollen.

Man muss Gestelle bauen, die man auf Rollen schieben kann. Dann dreht sich die Achse und diese Bewegung

kann verändert werden, über weitere Räder und Riemen, über Exzenter und Hebel..

Man kann das an unseren Modellen gut erkennen. Nun muss sich jede Gruppe für eine Bewegung

entscheiden und sich überlegen, welche Körperteile beweglich und welche fest gebaut werden sollen.

Die Figuren müssen dafür in Ihre Glieder zerlegt werden.

Das Prinzip der Beweglichkeit durch Gliederung des Körpers über wir auch im Kleinen.

Ein 30cm großer Turner aus Pappe kann abgepaust und alleine nachgebaut werden – das hilft, die Wartezeit

zu überbrücken, wenn man allein nicht weiter weiß, und es hilft auch, das Prinzip zu verstehen.

Ein Kind aus jeder Gruppe widmet sich nun dem Antriebsgestell, das es unserem Vorbild entsprechen

nachbaut. Hierfür muss man Räder aussägen, eine Schiebestange, Querhölzer und Achsen abmessen und alles

verschrauben und zwar richtig.

Die beiden anderen beginnen mit dem Artistenkörper. Er wird auf Packpapier in Originalgröße entworfen,

von uns korrigiert und durchgewunken, ausgeschnitten, auf Sperrholz übertragen und dann mit Laubsägen

ausgesägt.

Zu Beginn ergibt das unglaubliche Mausezahnlinien, und einige Kinder behalten diesen charmanten, wenn

auch etwas mühsamen Stil bis zum Schluss bei – andere lernen im Laufe der Woche, gradliniger zu sägen. Alle

schaffen zunehmend mehr cm pro Sägeblatt.

Wir sind froh über die Unterstützung durch die Klassenlehrer, denn es ist viel Hilfe nötig und die Zeit vergeht

schnell.

Alle Teile werden mehr oder weniger liebevoll geschliffen – das ist auch für den reibungslosen Ablauf nötig.

Was Reibung ist und dass sie Energie verbraucht, wissen ja alle jetzt schon. Wenn also das Argument der

Schönheit nicht fruchtet, macht man den Stich mit der Funktionalität.

Die nicht Anwesenden malen inzwischen einen Stammbaum der Zirkusfamilie in ihr Tagebuch – die Lehrer

erzählen uns später, dass sie das erst erklären müssen, kaum einer wusste, was das ist.


Mittwoch, 24.10.

Weiter geht es im Zirkustempo, alle werden immer noch besser im Laubsägen, Schrauben, logisch denken.

Die Aula ist ein großer Raum mit viel Gewusel, in dem sich die meisten einigermaßen leise und zielgerichtet

bewegen – keine Sägegefechte oder Makitaduelle – die Kinder sind konzentriert und wollen gerne arbeiten.

Ab und an helfen auch Lesepaten und Buchklubanbieter mit. Es ist eine schöne Stimmung.

Wenn die Hampelfigurenglieder fertig ausgesägt und geschliffen sind, werden sie an den Übergängen mit

Löchern versehen und mit Schrauben, Muttern, Beilegscheiben und Splinten locker aneinender befestigt.

Einer hält fest, einer bohrt und schraubt.

Dann kann gemalt werden. Auch hier soll das Material möglichst zielorientiert verwendet werden, aber wir

können nicht auch das Malen ständig überwachen. Immerhin kann man sich dabei nicht verletzen. Und so

entsteht aus Magenta, Hellgrün, Coelinblau und Zitronengelb ein halber Liter graue Farbsuppe, der keinem

recht Freude macht - ein Clown wird im unbemerkten Augenblick reliefartig so zugepastet, dass er kein Glied

mehr rühren kann, dabei sieht er aber wirklich toll aus.

Auch die Räder zum Fahren und Antreiben werden bemalt.


Donnerstag, 25.10.

Heute arbeiten wir mit beiden Klassen gleichzeitig, denn es ist Zuckerfest. Einige der türkischen und

arabischen Kinder werden heute und morgen nicht oder nur kurz kommen.

So warten um 8.00 Uhr nur 30 Kinder auf den Startpfiff und dazu sechs Erwachsene – und das ist prima, denn

es gibt noch viel zu tun.

Exzentertreppchen bauen zum Beispiel, Kreise für Umsetzräder aussägen und dieselben zusammen

schrauben, die bemalten Räder mit den Achsen verkleben, damit sie nicht durchdrehen.

Und die Figur muss an das Gestell angebracht werden.

Wir fixieren sie schwebend über dem Mechanismus, mit dem sie dann verbunden wird.

Weiterhin werden auch die kleinen Turner produziert, das Tagebuch bleibt im Endspurt wie meist etwas links

liegen.

Alle arbeiten eifrig und zufrieden, das größte Glück ist es wohl, wenn man in der Pause mit wenigen anderen

oben bleiben darf und weiterbauen. Weil man dann etwas besonderes darf, weil man die Aufmerksamkeit

nicht teilen muss, weil es still ist – wir genießen das auch, sich auf ein Kind und ein Objekt zu konzentrieren,

ohne dass jemand am Ärmel rumzipfelt und „Herr Biegler“ oder Frau Zilger“ schreit... das mit den

Namen passiert immer, übrigens auch den Lehrern. Wir kommen mit den Kindernamen mithilfe täglicher

Neubeschriftung gut zurecht.

Donnerstag Mittag - der Schwertschlucker führt seine Kunst schon aus, und die Bauchtänzerin schwingt

atemberaubend ihre Hüften, so belebt und zackig, dass man verlegen wird, wenn sie auf einen zutanzt. Einige

Kinder helfen schon routiniert den anderen: ich weiß wie das geht, soll ich dir das zeigen ? super !!!


Freitag, 26.10.

Der letzte Bautag beginnt, wieder sind Kinder aus beiden Klassen da. Die Figuren gewinnen weiter an Format

und Charakter, einige wurde sehr treu gemäß dem ersten Entwurf umgesetzt, andere Kinder ließen sich ganz

vom Material leiten. Wir arbeiten alle wie die Besessenen, um alle Figuren zu vollenden. Es fehlen Fingerchen,

Hüte, Kaninchenohren, Jonglierbälle, Cellobögen...

Man muss die entsprechenden Mechanismen austüfteln, damit es glatt läuft. Das können sie noch nicht alleine,

den richtigen Winkel finden, den Draht biegen...damit der Exzenter Arme heben kann, damit der Elefant auf

die Hinterbeine steigt und der Panda turnt.

Die Artisten sind fertig. Nach dem Aufräumen machen eine erste Aufführung, der Stuhlkreis ist die

Manege, und unter viel Applaus macht jeder Zirkuskünstler mit seinen Erbauern ein paar Runden vor den

Klassenkameraden.

Nicht zum Einsatz gekommene Bilder von berühmten Seiltänzern, technischen Umsetzungen, von

Zirkusstädten und Szenen aus dem Calderfilm geben wir den Lehrern für die Tagebücher zum

Weiterarbeiten.


Dienstag, 30.10

Heute wird ein Tross bunter Figuren allen Schülern und Lehrern der Schule eine sensationelle Show bieten.

Mit Musik vorneweg, die man allerdings nicht mehr sehr gut hören kann wegen all dem aufgeregtem

Geschnatter, ziehen wir von oben nach unten durch das ganze Schulhaus. Alle Klassen, von der ersten bis zur

sechsten, reihen sich in den langen Fluren vor ihren Räumen auf, und die Zirkusleute können wie auf einem

Catwalk vorbeiflanieren und sich bestaunen und beklatschen lassen. Das ist der wohlverdiente Ruhm, und er

wird genossen.

Einen Katzenflüsterer hatten wir gar nicht dabei, zu spät.

Wieder in der Aula herrscht zwanzig Minuten Chaos, es sind offenbar die letzten Proben. Die Kinder haben

sich in den anderen Stunden Zirkusnummern ausgedacht. Mit aller Leidenschaft wird mit zwei Bällen jongliert,

auf dem Rücken des anderen geturnt und echter Quatsch gemacht.

Vive le cirque !


Bewegung macht mehr Spaß als keine Bewegung,

Projekte im Spannungsfeld von Kunst + Technik

Julia Ziegler & Christian Bilger

www.erdsaugkraft-fliegschwung.de

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