Am HaSefer [Volk des Buches] - Books and Journals

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Am HaSefer [Volk des Buches] - Books and Journals

Buchbesprechungen

BUCHBESPRECHUNGEN

Am HaSefer [Volk des Buches], Buchreihe, hg. v. Dov Eichenwald, Tel Aviv:

Yediyot Aharonot 2007ff., 24 Bde. (geplant).

Die Juden werden gern das Volk des Buches genannt, richtiger wäre vielleicht, sie

das Volk des Studiums zu nennen: Es geht die Legende, dass es eine Zeit gab, in der,

wo immer sich zwei Juden trafen, sie die Köpfe über ihren heiligen Büchern zusammensteckten.

Dabei sehen die Juden diese Literatur selbst als gar nicht so heilig an,

eher als Gebrauchsliteratur, bietet sie doch fast immer das Regelwerk für den jüdischen

Alltag – der ja für viele den eigentlichen Inhalt des Judentums ausmacht.

Der Gedanke der heiligen Gebrauchsliteratur war offenbar auch der geistige

Pate einer neuen Bücherserie, die aus Anlass von Israels Sechzigstem vom Verlag

der größten israelischen Tageszeitung herausgegeben wird: Am HaSefer – das Volk

des Buches heisst die Serie, und bezeichnenderweise wird sie mit dem Slogan beworben

„Wir führen das Volk zum Buche zurück!“. Der Slogan bezieht sich wohl

auf den Preis, der mit Hilfe einer großen Bank bei 35 Shekel pro Band gehalten

wird (ca. 6 Euro) – und das ist wirklich eine Sensation. Denn im Rahmen der Serie

sind bisher fast alle Klassiker der jüdischen Literatur erschienen: Die gesamte hebräische

Bibel in einem Band, dann die Mishnah, der Talmud-Traktat brachot, die

Pessach-Haggada, eine hebräische Übersetzung von aggadistischen Teilen des kabbalistischen

Buches Sohar, die frühen kabbalistischen Schriften Bahir und Jezira

und der Orech Chaim aus dem Shulchan Aruch, der einzige Teil dieses Gesetzeskodexes

aus dem sechzehnten Jahrhundert, der heute noch von praktischer Bedeutung

ist. Wenn hier (zumindest für orthodoxe Gläubige) der tägliche Gebrauchs-

Charakter der Serie schon recht deutlich zu Tage tritt, dann erst recht mit den beiden

jüdischen Fest-Gebetbüchern, die schon im letzten Jahr erschienen sind – genau

richtig zu den hohen Herbst-Feiertagen Rosh HaShanah und Yom Kippur. Erhältlich

sind aber auch das populärste sowie das wichtigste Buch der mittelalterlichen

jüdischen Religionsphilosophie, Jehuda HaLevis Kusari und Maimonides’ Moreh

Nevuchim. Wir Juden „leben allerdings in gewisser Weise noch im Mittelalter mit

unserem Glauben“, schrieb Hermann Cohen 1917, „nämlich in unserem Mittelalter,

in dem unsere Religionsphilosophen blühten...“ 1 – und daher galt im Judentum

das Mittelalter nicht als die finsterste Ära, sondern als die revolutionärste und radikalste

im Denken. Beide Werke legen davon Zeugnis ab, und während es Jehudah

HaLevi gelungen ist, mit seinem jüdischen Chauvinismus die Herzen der philosophisch

interessierten Jeshiva-Studenten zu erobern, hat Maimonides’ epochales Werk

die Verwirrten aller Zeiten zu neuer Hoffnung geführt, das Judentum mit der Vernunft

in Einklang bringen zu können. Die Am HaSefer-Ausgabe von Jehuda HaLevi

bringt die mittelalterliche Übersetzung von Jehuda Ibn-Tibbon mit einer Einführung

von Daniel J. Lasker, und der Maimonidische Führer ist in der modernen hebräischen

Übersetzung von Michael Schwartz aus Jerusalem erschienen, allerdings ohne den

kritischen Apparat der Originalausgabe. Ein zweiter Maimonides-Band enthält neben

Übersetzungen aus dem Arabischen das hebräische Original der ersten beiden

Bücher des Mishneh Torah – hier hätte man sich vielleicht eher das erste und das

vollständige letzte gewünscht, denn die messianischen Passagen im vierzehnten Buch

sind nicht nur wichtig für den interreligiösen Dialog, sie werden auch immer noch

in vielen Ausgaben in der zensierten Version gedruckt.

1 Hermann Cohen Werke, Bd. 17: Kleinere Schriften VI. 1916-1918. Bearb. und eingel.

v. Hartwig Wiedebach, Hildesheim 2002, S. 444.

© Koninklijke Brill NV, Leiden ZRGG 62, 1 (2010)

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Je näher die Serie der Gegenwart kommt, umso problematischer wird sie allerdings

– und liefert gleichzeitig ein etwas trauriges Bild der intellektuellen Gegenwart

Israels. Mit einer Ausnahme führt keiner der vertretenen Rabbiner einen Doktortitel,

dafür aber findet der Chassidismus breite Aufnahme – von den populären

Werken des Rabbi Nachman bis zur Chabad-Bibel, dem Buch Tanya. Ein lohnender

Band mit rabbinischen Texten aus den letzten 170 Jahren mit dem Titel Emunah

beSman Mashber (Glaube in Krisenzeiten) ist die einzige Anspielung der Serie

auf die Existenz anderer Strömungen im Judentum als der Orthodoxie, und vor

allem auf seine zunehmende Säkularisierung. Der Band enthält allerdings nur die

Reaktion orthodoxer Rabbiner auf diese Entwicklungen. Von besonderem Interesse

sind dabei vor allem Josef B. Soloveitchiks Kol Dodi Dofek im hebräischen Original,

Teile von Abraham Isaac Kooks Orot und das einzige philosophische Buch

des ersten Führers der israelischen Ultra-Orthodoxie, Rabbi Abraham Jeshajahu

Karelitz (der Chason Ish). Ein anderer Band, der der jüdischen Musar-Literatur

gewidmet ist, bringt an hebräischen Originalen den Mesillat Jesharim (Weg der

Gerechten) von Moshe Chaim Luzzatto (1707-1746) und das vielgelesene Buch

Shmirat ha Lashon des Chafez Chaim (Rabbi Israel Meir Kagan) von 1876.

Bei soviel altgläubigem Text hatten wohl auch die Herausgeber der Serie das

Gefühl, ein Zeichen ihrer Toleranz setzen zu müssen und entschlossen sich vor

kurzem kühn zu einem neuen Band, der schlicht Acherim (Andere) heisst. Doch

wo man nun Mendelssohn, Geiger oder gar Cohen erwartet hätte, erhält man hebräische

Übersetzungen von Salomon Maimons berühmter Autobiographie und

Spinozas Theologisch-Politischem Traktat. Interessanter sind da die Gegenwartsbände,

die der neuen hebräischen Literatur gewidmet sind, allen voran Agnons

bahnbrechender Roman Tmol Schilschom von 1945 (dt. Gestern, vorgestern, 1969),

aber auch ausgewählte Werke von Bialik und eine Gedichtsammlung von Lea

Goldberg – der einzigen in der Serie vertretenen Frau. Der gerade erschienene

allerneuste Band greift wieder den Gedanken der Gebrauchsliteratur auf: Eine

Sammlung aller einschlägigen rabbinischen Responsa zum Thema ‚Konversion

zum Judentum’ versucht religions-rechtliche Klarheit in eine heiß geführte aktuelle

Debatte zu bringen.

Ben Gurion University of the Negev, Beer Sheva George Y. Kohler

Bertram Schmitz: Der Koran: Sure 2 ‚Die Kuh’. Ein religionsgeschichtlicher

Kommentar, Stuttgart: Kohlhammer 2009, 363 S.

Eine große Wertschätzung genoss das Genre des Kommentars in den Augen des

Religionshistorikers Gershom Scholem. Der Grund dafür lag, so ist anzunehmen,

wohl darin, dass der Kommentator sich in seiner Arbeit als Subjekt in hohem

Maße zurück und sich ganz in den Dienst des Textes stellt, allein der Aufgabe

verpflichtet, diesen für den Leser verständlich zu machen. In der islamischen Tradition

hat der Kommentar, genauer gesagt, der Kommentar zum Koran – tafsir

genannt – einen festen Platz, das gleiche gilt für den Kommentar in der jüdischen

sowie in der christlichen Tradition. Kommentare zum Koran aus der Feder eines

westlichen Gelehrten sind jedoch eine Seltenheit, in deutscher Sprache allemal.

Ein solcher soll hier vorgestellt werden, der Kommentar zur 2. Sure von dem

Religionswissenschaftler und Theologen Bertram Schmitz.

Warum, so stellt sich schon beim Lesen des Titels die Frage, wird ausgerechnet

die 2. Sure zum Gegenstand dieses Kommentars gemacht? Diese Sure ist die

längste der 144 Suren des Korans und sie bildet, so die Prämisse, auf welcher der

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