Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Menschen. Ein Blick, ein Händedruck, ein Wort, ja eine

^anze Kette von Taten, alles, was sichtbar wird, sind nur Bruch-

stücke, Symptome. Und doch schließen wir mit Bestimmtheit

auf ein einheitliches Wesen, eine einheitliche Seele — gleichtjültig

wie Wir diese metaphysisch oder empirisch bestimmen —

die alle diese Einzelheiten nur ausstrahlt. Und von dem Wesen

dieser einheitlichen Seele versuchen wir uns Rechenschaft ab-

zulegen, diese einheitliche, allumfassende und allerzeugende

Seele suchen wir zu verstehen, sie an uns heranzuziehen oder

abzustoßen.

Und in ähnlicher Weise spricht sich nun die Gesamtheit

der Wirklichkeit, das Universum in unzähligen einzelnen Symptomen

und Erscheinungen unserem erkennenden Geiste gegen-

über aus. Wir stehen vor einer Unendlichkeit von Einzel-

erfahrungen, die uns mit ihrem Reichtum überfluten, die vor

unserem verfolgenden Blick wie eine unübersehbare Heerschaar

dahinziehen. Welche Fülle, welche vielfache Mannigfaltigkeit,

welche rätselhafte Unergründlichkeit dieser Fülle! Das Staunen

ist noch immer der beste Nährboden, die Quelle der Philosophie

geblieben. Sollte es nun gar zu voreilig, zu gewagt sein, auch

in dieser Fülle den Ausfluß, die Ausstrahlung einer Einheit zu

sehen? Es war dies das uralte, anfangs nur dumpf geahnte,

dann immer bewußter ergriffene Vermuten, Hoffen, Glauben

der Menschheit aller Generationen. Und eine so ehrwürdige

Hypothese, die sich mit so zwingender Gewalt immer wieder

aufdrängt, wird auch die entschlossenste Empirie nicht ausrotten

und umstürzen können, die Empirie, die nur die Einzelheiten sucht

oder nur die nächsten, unmittelbar erweisbaren Zusammen-

hänge. Von den nächsten Zusammenhängen wird der Blick

immer wieder weiter schweifen zu weiteren und noch weiteren

Zusammenhängen, bis er schließlich den letzten, absoluten Zusammenhang

sucht, ahnt, fordert. Das Dasein des Absoluten,

der absoluten Einheitlichkeit der Wirklichkeit wird vielleicht

Gnade finden auch noch vor recht skeptisch veranlagten Geistern.

Denn zu elementar lebt und arbeitet dieser Wille zur Einheit,

die Vermutung der Einheit, durch tausend Gelegenheiten in der

Empirie selbst genährt, in uns, als daß diese Tendenz nicht die

Hypothese der unbedingten Einheit, der Einheit im Unbedingten

für die Gesamtwirklichkeit wagen sollte. Es muß dahin gestellt

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