Der Platonismus und die Gegenwart

booksnow1.scholarsportal.info

Der Platonismus und die Gegenwart

Beweis von der Treue seines Weibes. Nach wissenschaftlichem

Maßstab gemessen ruht eine solche Überzeugung auf sehr un-

sicherem Grunde. Er kann die Gattin unmöglich auf allen ihren

Wegen ständig verfolgen und beobachten. Und wie oft haben

tatsächlich wechselseitig die grausigsten Täuschungen in solchem

Verhältnis stattgefunden! Nur ein schrankenloses, freiwilliges

Vertrauen kann das Verhältnis tragen und adeln. Wie oft aber

betrügt ein solches Vertrauen! Die menschliche Seele ist erfahrungsgemäß

ein derart schwankendes, flackerndes, unbe-

rechenbares Wesen, daß auch die scheinbar Festesten plötzlich

wanken und in das Gegenteil ihres scheinbar unverlierbaren

Charakters umfallen können. Das lehrt das Leben in zahllosen

Erfahrungen unwiderleglich.

Das alles ist zuzugestehen. Und dennoch wird es immer

wieder Fälle geben so reiner und starker Liebe, daß der Ehemann

trotz aller Unbeweisbarkeit, Unberechenbarkeit und Un-

prüfbarkeit des menschlichen Wesens und Handelns totsicher

weiß, daß ihm das geliebte Wesen unter allen Umständen bis

zum Tode die Treue halten werde. Und diese Überzeugung

ist der Ankergrund seines ganzen Lebens. Es würde ihn völlig

zerreißen, sein ganzes Leben würde zusammenbrechen, wenn

er nicht dieser felsenfesten Überzeugung leben dürfte. Das ist

die Macht des Eros, der das Ungewisseste zum Gewissesten

stempelt. Diese Überzeugung und Überzeugungskraft

ist durchaus nicht blind. Die echte Liebe schärft den

Blick und ins Tiefste der Seele sucht dieser hellsichtige Blick

einzudringen. Er will sich nicht durch die ins Auge fallende

Oberfläche täuschen lassen. Hat er aber geschaut, dann steht

die Überzeugung fest, die durch nichts mehr wankend gemacht

werden kann. Rein theoretisch gemessen kann der Liebende

von der Treue der Geliebten niemals wissen, aber praktisch

glaubt er an sie mit einer Kraft, die sich für ihn bis zum

Wissen steigert.

Allerdings ist dies nur eine Analogie, aber eine Analogie,

denke ich, die lehrreich ist. So nämlich steht der Lebensstarke

auch dem ganzen Dasein gegenüber. Der Eros ergreift das

Dasein trotz seiner unergründbaren Geheimnisse mit dem gewissesten

Wissen. Auch dieser Eros, der das absolute Leben

ergreifen will, will sich nicht täuschen lassen. Die strenge Er-

102

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine