Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

herstellen. Methodisch mag diese Beschränkung durchaus richtig

und zu billigen sein. Aber die in dieser Selbstbeschränkung

zurückgestellten Probleme hören deshalb doch nicht auf Probleme

zu bleiben und werden früher oder später immer wieder

vor- und herandrängen an den fest umschlossenen Kreis jener

lösbaren Fragen mit sicherem und gleichmäßigem Fortschritt

der Forschung. Ist dem aber so, dann muß jede Einzelwissen-

schaft die Verbindung mit ihrer eigenen Vergangenheit und

geschichtlichen Entwicklung sorgsam aufrecht erhalten. Denn

die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie die allgemeine Geschichte

auf allen Gebieten, keine einheitliche Linie, sondern

ein mannigfaltiges Schwanken mit Kommen und Gehen, Auftauchen

und Wiederverschwinden von Ideen, Anschauungs-

v;eisen, Gesichtspunkten. Und oft genug hat die Erfahrung

gelehrt, daß wertvolle Anregungen und Gedanken lange in der

Vergangenheit unbeachtet blieben und schlummerten, um, später

wieder aufgenommen, die fruchtbarsten Wirkungen auszuüben,

der Forschung höchst bedeutsamen Anstoß zu geben.

Bei dem ganz und gar hypothetischen Charakter nun der

Philosophie, soweit sie mit der Tendenz auf eine allgemeine

Weltanschauung hin zur Metaphysik wird, treffen diese Ver-

hältnisse und Bedingungen noch in weit erhöhtem Maße zu.

Hier steht der forschende Geist vor dem Problem schlechthin

und wahnwitzige Überhebung wäre es, wenn eine bestimmte

Generation bei dieser Sachlage gerade ihre Stellung und Auf-

fassung als Definitivum hinstellen wollte, was auch nicht einmal

nach der negativen Seite hin methodisch zulässig ist. Gewiß

ist der Stand der empirischen Forschung für die Beurteilung

der allgemeinen und allgemeinsten Probleme von größtem Ge-

wicht. Aber da im Metaphysischen doch das Wesentliche die

hypothetische Idee zu leisten hat, ist es nicht nur denkbar und

möglich, sondern von vornherein höchst wahrscheinlich, daß auch

frühere Epochen beachtenswerte, des Nach- und Überdenkens

würdige Ideen hervorgebracht haben. Mögen in solchen Epochen

die empirischen Daten bei dem geringen Ausbildungsgrade der

Einzelwissenschaften nur sehr kümmerliche und dürftige Hand-

haben geboten haben für die Betätigung des spekulativen Geistes,

dieser spekulative Geist kann seiner Natur nach trotz der geringen

Förderung von Seiten der empirischen Kenntnisse dennoch

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