Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Irrtum wähnt, hinaus greift er auf Grund jener Voraussetzung

von dem Auf und Ab, dem Suchen und Tasten der Menschen-

geschichte zurück in fernere, ältere Zeiten der Vergangenheit,

wo er verwandtschaftliche Ideen und Kräfte sucht und findet,

um aus ihnen Stärke und Ermutigung für die Lebensarbeit der

eigenen Generation zu schöpfen. Ein verhältnismäßig nur recht

kleiner, enger Ring von möglichen Vorstellungen, denkbaren

Weltanschauungen, vertretbaren Ideen ist es, in dem das menschliche

Leben kreist. Zu den wenigen, nämlichen Grundtypen

der Vorstellung wird der menschliche Geist immer wieder zu-

rückgeführt, wenn er sie auch im einzelnen aufs reichste,

wunderbarste zu variieren vermag. So sucht die Kultur, nicht

nur der wissenschaftlich-philosophische Geist, sondern die Kultur

im Allgemeinen immer Wieder Anknüpfung an ältere Geschichtsepochen

mit verwandten Anschauungen, Gesinnungen, Tendenzen.

Nur indem sich der menschliche Geist und Wille tief in die

Vergangenheit senken, können sie weit und schöpferisch in die

Zukunft streben und ausgreifen, wie die höchsten Bäume zu-

gleich am tiefsten wurzeln müssen. Gerade die produktiven

Epochen, die dem menschlichen Gesamtbilde neue Züge ein-

graben, die menschliche Geschichte steigern, das menschliche

Wesen ausweiten, gerade solche Zeiten klammern sich an be-

stimmte, ihrer Sehnsucht und Hoffnung mit der gleichen oder

ähnlichen Lebensrichtung und wohl gar schon mit klassischen

Leistungen in dieser Richtung entgegenkommende ältere Epochen

an, fassen ihre eigene Produktivität wohl gar nur als ein Wieder-

aufleben, eine „Wiedergeburt" inzwischen verlorener und ver-

schütteter Werte auf, fühlen sich förmlich nur als Vollstrecker

„hoher Ahnen". Man denke an das Verhältnis der Renaissance,

die ja von diesem Motiv her sogar ihren Namen trägt, zur

Antike, der Reformation zum Urchristentum, des deutschen

Idealismus zum Hellenentum, der deutschen Romantik zum

Mittelalter. Und im Mittelalter selbst war jeder produktive

Schritt zugleich eine stärkere Wiederbelebung antiker Kulturelemente,

wie auch im Altertum neue Gedankenströmungen

stets ihre Quelle aus älteren, oft weit zurückliegenden Epochen

und deren Geistesschöpfungen und Heroen herleiteten. Völlig

fern liegt diesen produktiven Zeitaltern die Indifferenz der reinen

Historie. Nicht die Vergangenheit in ihrer Totalität, nach ihrem

HO

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