Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Sachen, dieses Symbol des „Dionysischen"* mit der heißen Glut

der Ju54end ans Licht gehoben. Und am Ende seiner Schaffens-

/eit, nach einem unsä^hcli opferreichen und leidvolien Lebens-

lang, kurz vor seinem Zusammenbruch, hat er in der „Götzendämmerung",

in dem Abschnitt „Was ich den Alten verdanke"

hierauf wieder zurückgegriffen und so das Ende an den Anfang

angeknüpft, mit demselben Symbol den Ring seines Lebenswerkes

Wie begonnen so geschlossen. Um mit einem Worte

anzudeuten, was Nietzsche in diesen Erscheinungen der Antike

gesucht und gefunden hat, erwähne ich, daß der Begriff der

Natur, des Lebens, der Nietzsches Vorstellungswelt beherrscht,

nicht der der Armut ist, nichts weiß von dem Avenariusschen

„Prinzip des kleinsten Kraftmaßes" oder der abgeschmackten

Warnung Ostwalds „Vergeude keine Energie", sondern um-

gekehrt, daß seine Vorstellung vom Leben den Gedanken der

Exuberanz, der ungeheuersten Verschwendung, des Reichtums

und Überschusses in sich schließt. Und von hier aus findet

er die Bejahung und den Mut zu seiner erbarmungslos tragischen

Weltanschauung. Denn den Pessimismus Schopenhauers, die

Aufdeckung alles Grauens, aller Härte und Fragwürdigkeit im

Dasein schwächt er nicht ab, sondern vertieft und verstärkt er

noch und kommt doch zur positiven Bewertung des Daseins,

weil bei dem Überschwang der Lebenskräfte der Schmerz nur

als Reiz mehr wirkt. Das Symbol für diese Lebensfülle sieht

er im Gotte und Kulte des Dionysos, des Todes- und Lebens-

gottes, dessen Gläubige mit Lust den Schmerz suchen. In

seinem Rückblick sagt Nietzsche hierüber*): „Die Psychologie

des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und Kraft-

gefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans

wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des tragischen

Gefühls, das sowohl von Aristoteles als in Sonderheit von

unseren Pessimisten mißverstanden worden ist. Die Tragödie

ist so fern davon, etwas für den Pessimismus der Hellenen im

Sinne Schopenhauers zu beweisen, daß sie vielmehr als dessen

entscheidende Ablehnung und Gegeninstanz zu gelten hat.

Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und

härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer seiner

höchsten Typen der eigenen Unerschöpflichkeit froh werdend

*) Götzendämmerung S. W. Bd. VIII, S. 173.

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