Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

— das nannte ich dionysisch, das erriet ich als die Brücke

zur Psychologie des tragischen Dichters."

Man Wird diese Erwähnung als Abschweifung empfinden,

aber es lag mir an dem erkennbaren Nachweis, wie hier wieder

die Antike ideenzeugend, produktiv gewirkt hat. Nietzsche ist

gleichfalls,' wie unsere großen Dichter, ohne die Antike nicht

denkbar, mag man auch die Art, wie er die für ihn vorbildlichen

antiken Phänomene verwertet hat, beanstanden. Er hat Funken

des Lebens aus ihnen herausgeschlagen. Und das bedeutet

etwas! Waren denn die Vorstellungen, die Goethe, Schiller,

Humboldt, die ganze damalige Zeit von den Griechen hatten,

historisch richtig? Und doch waren sie auch nicht so ganz

unrichtig, wie heute vielfach geglaubt wird. Es mischte sich

in diesem Bilde Wahrheit und Irrtum. Beides zu sondern und

klarzustellen ist dann eben Aufgabe der Wissenschaft. Und so

wird auch das Bild, das Nietzsche von der Antike gezeichnet

hat, das ihm vorschwebt, Wahrheit und Irrtum enthalten. Daß ihm

das Verdienst, eine ganz neue Verlebendigung des griechischen

Lebens erreicht zu haben, nicht abgestritten werden kann, davon

bin ich tief durchdrungen. So mag die historische Wissenschaft

auch hier, wie bei dem Idealbilde vom Griechentum unserer

klassisch-neuhumanistischen Zeit, mit aller Strenge dieses Bild

prüfen, ergänzen, korrigieren. Daß auch von Nietzsches Konzeption

etwas wenigstens haften bleiben, sich bewähren und

in den Besitzstand der Wissenschaft Aufnahme finden wird, bezweifle

ich nicht. Und schon ist die Wissenschaft auf dem

besten Wege, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn dieses Ziel

vielleicht auch den einzelnen Forschern selbst ganz unbewußt

bleiben mag. Glaubt man denn, es sei der reine Zufall,

daß zu der nämlichen Zeit, da Nietzsche aus dem antiken

Mysterienwesen, aus einem Zweige der griechischen Religion

Quellen lebendiger Wahrheit und Kraft aufzutun und auszu-

schöpfen suchte — es sei der reine Zufall, daß gleichzeitig die

gelehrte, streng empirisch-historische Forschung sich gerade um

die Erkenntnis jener geschichtlichen Erscheinungen bemüht wie

nie zuvor? Man vergleiche, was ich schon oben sagte von der

Parallelität des Erkenntnisstrebens und der idealbildenden Kräfte,

daß sie heimlich und unbemerkt auf ein Ziel hinsteuern. Gleichzeitig

mit der Ausbildung der „dionysischen" Weltanschauung

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