Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

zerstörbare Schönheit und Kraft dieser Gebilde, daß selbst die

Widerwiliii^sten, die jetzt dem Alten nur ihr verworfenes Wesen

aufprn«4en wollen, wenn sie nur eine Zeitlang mit jenen mensch-

lichen Meisterschöpfungen Umgang gepflegt haben, unweigerlich

gebändigt werden, sich der reinen Größe der Antike beugen

müssen und von dorther vielleicht sogar die Erlösung von der

Qual der eigenen Verdorbenheit in Gesinnung und Form erhalten

werden. Eine andere Art der Reinigung und Sühnung

der modernen Depravation als durch die Antike ist für mich

überhaupt nicht vorstellbar. Entweder man greift nach diesem

Rettungsanker in dem Augenblick der letzten Verzweiflung oder

der Verfall ist endgültig und unabwendbar.

Man Wird fragen: Was diese ganze Darlegung im Rahmen

meiner Abhandlung bezwecke? Mir scheint, der weitere Aus-

blick in das Gesamtverhältnis der Gegenwart zur antiken Kultur

kann uns Mut und Zuversicht verleihen, auch den näheren

Anschluß an Piaton, dessen Wiederkehr, dessen „Epiphanie'"

nicht für außer dem Bereich der Denkbarkeit liegend anzusehen.

Vor allem möchte ich die Aufmerksamkeit auf folgenden Vergleich

lenken: was Nietzsche für die Vorsokratiker

recht ist, sollte uns für Sokrates und Piaton billig

sein. Nietzsche ist in der jüngsten Epoche zweifellos die

stärkste geistige Potenz, er erstreckt seine Wirksamkeit auf das

Gesamtgebiet unserer Bildung nach allen ihren Auszweigungen

hin. Ich verweise zur Beleuchtung dessen auf meinen Vortrag:

„Nietzsche und die Gegenwart'' in der Sammlung „Nietzsche-

Vorträge".*) Wenn nun Nietzsche für seine gesamte Weltan-

schauung, für seinen philosophischen Lebensstil Anschluß bei

der vorsokratischen Epoche des älteren Griechentums sucht,

was hindert uns weiterzugehen, dem Werdegange des griechischen

Geistes selbst zu folgen und nun nicht mehr

vorzugsweise jenes ältere Griechentum, sondern vielmehr die

seit Altem anerkannte Höhe und Vollendung des

griechischen Geistes in Sokrates und Piaton auf den Schild

zu heben — gegen Nietzsche! — und in diesen Gestalten

und ihren Werken die vorbildliche und erziehende Kraft, die

uns nottut, zu suchen? Mit diesem Vergleich und in dieser

*) E. Horneffer, Nietzsche-Vorträge 15.— 17. Tausend, Leipzig 1920.

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