Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

dicsseitiijen Leben, im Leben des Tugendhaften zu fordern und

zu behaupten. Diese Unerschütterlichkeit der ("berzeugung und

Bewahrung des „dämonischen" Sokrates — eine solche Kraft

ist etwas Dümonisches — war das Staunen der Zeit. Die Bestimmung

aber der Tugend ihrem Inhalte nach als Meisterschaft

in jedem menschlichen Tun, im Größten und Klein-

sten — das war die Forderung des Sokrates — verbunden mit

jener unbeugsamen Festigkeit stempelt meiner Schätzung nach

Sokrates zum sittlichen Genius der menschlichen Kultur schlecht-

hin, er wird damit der lebendige Ausdruck der sittlichen Idee

des Griechentums überhaupt, als des eminent kulturschöpferischen

Volkes der Weltgeschichte. Wenn das Zeltalter Lessings und

Goethes in Homer den absoluten Dichter sah — ein Wert-

urteil, das ich mit der für alles Menschliche gebotenen Ein-

schränkung trotz der Moderne auch heute noch für richtig

halte — so stehe ich nicht an, auf sittlichem Gebiete als Homer

ebenbürtig die Gestalt des Atheners Sokrates heraufzube-

schwören, als des sittlichen Genius aller Kultur.

Man erkennt, daß ich die einseitige Bevorzugung der vorso-

kratischen Epoche, wie sie Nietzsche vertritt, nicht mitmache.

Über Sokrates hat er sich völlig geirrt nach meiner Beurteilung.

Sokrates ist wahrhaftig nicht „wackelig", „dekadent". Wenn

ein Sterblicher, so stand Sokrates ^fest auf den Beinen".*)

Von Sokrates aber führt der Weg unweigerlich zu

Piaton weiter. Und damit sind wir wieder bei unserem

Hauptgegenstand. Sokrates ist der reine Ethiker, es fehlte

seinem Denken und Wirken die Metaphysik, die religiöse Fun-

damentierung und Krönung. Er kam über ein ehrfurchtsvolles

Geltenlassen der überlieferten religiösen Vorstellungen nicht

hinaus. Es fehlt ihm hier jede Leidenschaft, jede Produktivität.

Und deshalb wird stets neben ihm Jesus als der andere große

Seelenherrscher und Menschheitsbildner seine Geltung und sein

Recht behaupten, wenngleich bei ihm wieder die Leidenschaft

nach der andern, nach der religiösen Seite hin übermächtig ausgeschlagen

hat, auf Grund des starken, durch Anlage und

Schicksal großgezogenen religiösen Triebes im jüdischen Volke.

Sokrates scheint mit seiner Forderung der Meisterschaft in aller

*) Vgl. hierzu: H. Hasse, Das Problem des Sokrates bei Friedrich

Nietzsche, Leipzig 1918.

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