Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

menschlichen Betätigung — das bedeutet sein Satz „Tugend

ist Wissen'' — und mit der Forderung der Selbstbeherrschung

und Selbsterkenntnis der große Genius und Heerführer der

Kultur zu sein, die in diesen Forderungen mit der u?underbaren

Einfachheit und Größe, die allem griechischen Denken

eigen ist, ihre Hauptvoraussetzungen für immer ausgesprochen

hat. Jesus ist mit seiner seelenvollen, immer wieder durch die

Jahrtausende ergreifenden Gottinnigkeit der große Genius der

Religion geworden. Und beide, Jesus und Sokrates, sprechen

aus und verkörpern mit diesen Idealbestimmungen die wahre

Bedeutung ihrer beiderseitigen Völker für die menschliche Ge-

schichte und Zukunft, des Judentums und des Griechentums,

der beiden geistigen Völker des Altertums. Denn über seiner

glutvollen Religiosität versinken für Jesus Völlig alle unmittel-

baren, natürlich-menschlichen Beziehungen, der ganze weltliche

Pflichtenkreis: Familie, Beruf, Arbeit, Staat, Volk, Wirtschaft,

Wissenschaft, Kunst usw. Teils treten diese Mächte infolge

der Primitivität seiner Kulturumgebung überhaupt nicht in seinen

Gesichtskreis, teils verleugnet er sie ausdrücklich. Das räumen

heute meist die kritischen Theologen als historische Tatsächlichkeit

ein. Nur erblicken sie darin keinen Mangel. Durch

die schrankenlose Gottesliebe ströme Wärme und Kraft als

sittliche Potenz auch in das gesamte irdische Leben ein, das

dadurch erst Seele bekomme. Indessen so einfach scheint sich

die Sachlage nicht zu verhalten. Ich glaube in der bisherigen

Geschichte eine stete Spannung zwischen Religion einer-

seits und Kultur andererseits zu beobachten. Entweder hat

sich der Mensch, der einzelne oder ganze Epochen, in das ver-

borgene Leben, in das große Geheimnis hinter den sichtbaren

Erscheinungen des Daseins versenkt, hat sich restlos an die

Gottheit hingegeben und er vergaß darüber und verachtete alle

„Welt", alle Bewährung und Erfüllung der Kraft im Endlichen

und Vergänglichen. Oder der Mensch gab sich umgekehrt

eben dieser Vergänglichkeit hin, der blendenden Erscheinung

mit all ihrem verführerischen Reiz und suchte diese greifbare

Wirklichkeit zu gestalten. Dabei aber verlor er jedesmal

die Wurzelkraft seines Daseins, er schnellte gleichsam von der

Grundlage seiner Wirklichkeit, dem metaphysischen Untergrunde

ab und verflatterte mit seinen Kräften und verzehrte sie:

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