Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Nietzsche als das entscheidende Symptom des niedergehenden

Lebens, der decadence betrachtet. Daß das Postulat, die Setzung

einer imaginären, übersinnlichen Realität und die Beziehung zu

dieser immer und notwendig den Verlust der sinnlichen, be-

dingten Wirklichkeit und der Betätigung in ihr mit sich bringe,

ist entschieden unrichtig. Gewaltige Ströme von Kraft kann

der Mensch gerade aus dem Bezug zum Transzendenten, aus

der religiösen Einstellung gewinnen. Oft allerdings. Vielleicht

gar meist wird die religiöse Empfänglichkeit und Leidenschaft

erkauft um den Preis einer Unterschätzung des Diesseits, um

den Preis des mehr oder weniger ausgesprochenen Verzichtes

auf die „weltliche'' Betätigung. Es ist der vorher erwähnte

Gegensatz zwischen Religion und Kultur, der damit gegeben ist.

Piaton jedenfalls ist dieser Versuchung nicht entronnen, wie

am Tage liegt. Aber wir denken ja auch nicht entfernt an eine

blinde und unkritische Nachahmung bei der Losung: „Der

Piatonismus und die Gegenwart.'' Bei voller Würdigung der

Nietzscheschen Einwände gegen Piaton, denen zweifellos —

anders als bei Sokrates — eine gewisse Berechtigung inne-

wohnt, ist jedoch andererseits zu betonen, daß in Piaton trotz

seiner Überwertung des Transcendenten eine so gewaltige grie-

chische Vitalität noch vorhanden und wirksam ist, daß er, alles

in allem genommen, gerade als der größte Typus für die

Synthese vonReligion undKultur, Leben und transcendenter

Idee anzuschauen ist. Hier istim größten

Stil der Versuch gemacht worden, das Leben in

seiner ganzen Breite und Tiefe der transcendenten

Idee zu unterwerfen, das menschliche Leben in

seiner voll en Ausdehnung unter die organisierende

Macht des Absoluten zu rücken, es sub specie

aeterni nicht nur anzuschauen, sondern zu gestalten.

Damit erst gewinnen wir den Blick für die exemplarische und

erzieherische Bedeutsamkeit des Platonismns.

Denn in der Spannung zwischen Religion und Kultur er-

greifen wir das eigentliche Problem des modernen Lebens seit

der Renaissance, eine Gefahr, die in der Gegenwart im höchsten

Grade brennend geworden ist. Der Piatonismus wirkte in die

Folgezeit hinein in Gestalt des Christentums, zu dem er sjch

durch die Verschmelzung mit den Fermenten aus dem Orient,

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