Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

aus der Tradition des Judentums umgewandelt hatte. Der we-

sentliche Unterschied zwischen Piatonismus und Christentum

besteht darin, daß der Piatonismus mit der Idee des Guten als

höchster, absoluter und transcendenter Macht eine sachliche

Religion darstellt, während im Christentum die Beziehung zum

Absoluten durch die Gottesidee seelenvoller, inniger, weil per-

sönlich wird, im Christentum also eine persönliche Reli-

gion in Erscheinung tritt. Dadurch aber wurde die im Plato-

nismus bereits liegende Gefahr einer vollen Aufsaugung des

Bedingten durch das Unbedingte, der Erscheinung durch das

Absolute noch bedeutend verstärkt, der Gegensatz zwischen

Religion und Kultur aufs äußerste verschärft. Darin liegt der

Wahrheitsgehalt der Kritik Nietzsches dem Christentum gegen-

über. Seit der Renaissance aber erhob sich nun mit neuer

Kraft im modernen Europa die Kulturidee des Griechentums,

nach längerer, langsamer, ruckweiser Vorbereitung, da ja diese

Kulturidee niemals völlig überwunden war, sondern in der Tiefe

weiterlebte und wirkte. Jetzt trat sie mit Energie in das Oberbewußtsein

des europäischen Lebens und seitdem schleppt

unser Leben an diesem Zwiespalt e. Die transcendente

Idee des Christentums kann nicht weichen und auch Nietzsches

leidenschaftlicher, schroffer, krampfhafter Naturalismus wird sie

nicht entthronen können. Aber auch die griechische Kulturidee

kann nicht weichen. In der Kantischen Antithetik der phänomenalen

und intelligiblen Welt erfährt der Gegensatz seine

sublimste Ausprägung und Zuspitzung. In diesem Gegensatze

wurzelt zuletzt die tiefe Erschütterung, die das moderne Chri-

stentum erfahren hat. Diesen Gegensatz zu überwinden ist

das letzte Ziel, ausgesprochen oder unausgesprochen, der mo-

dernen Reformbewegung im Christentum, der Theologie im

19. Jahrhundert. Diese Bestrebungen aber konnten bisher nicht

zum Ziele gelangen, weil von theologischer Seite, soweit ich

sehe, niemals die vollwertige Kraft der sittlichen Idee des Grie-

chentums als ebenbürtiger Größe in die christliche Ideenwelt

eingefügt worden ist, niemals mit dieser zu einer wirklichen

Einheit verschmolzen worden ist, weil die theologisch gerich-

teten Geister nach meiner Schätzung jbisher kein wahrhaft

lebendiges Verhältnis zur Antike in ihrer sittlichen Ausprägung,

zu Sokrates und Piaton haben gewinnen können. Vielleicht

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