Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

könnte das oben erwähnte Werk von Maier über Sokrates

hierzu ersprießHche Dienste leisten. In der gleichen Richtung

Wünschte ich mir auch die Wirkung dieser anspruchslosen

kleinen Schrift und weiterer Arbeiten, welche aus ihr, von der

gleichen Idee getragen, herauswachsen werden. Denn auch

der entgegengesetzte Gedanke, lediglich aus der Antike heraus

zu einer neuen Grundlegung unseres religiös-sittlichen Lebens

zu gelangen, aus dem Geiste der antiken Philosophie allein

eine religiöse Wiedergeburt und Erneuerung herbeizuführen,

der Gedanke, dem ich in überschwänglicher Schätzung der

noch nicht gehobenen Werte des Altertums in meiner Jugend

huldigte, auch dieser Gedanke ist ebenso einseitig und fehler-

haft, wie ich freimütig einräume. Gerade die Synthese von

Antike und Christentum ist das Problem, das heimliche, stets

gesuchte und noch immer nicht erreichte Ziel unserer Bildung

und unseres Lebens. Hierfür dünkt mich keine einzige Er-

scheinung der Geschichte lehrreicher, erzieherisch bedeutsamer

als Piaton. Aus dem Griechentum hervorgewachsen, als dessen

reichste und schönste Entfaltung, ist er doch zugleich der Über-

winder des Griechentums, der zu der sinnlichen die übersinn-

liche Welt entdeckt und einführt, der in allem Wesentlichen

dem späteren Christentum vorgreift. So wird er am ehesten

die Brücke bilden können, um die höhere Verbindung dieser

Mächte herzustellen, die den tiefen Zwiespalt aussöhnt, welcher

bisher unsere geistige Welt zerklüftet hat. Mit der vorliegen-

den Arbeit (wie schon in meinem religiösen Erziehungsbuche

„Am Webstuhl der Zeit, religiöse Reden") schlage ich den

Weg in der angedeuteten Richtung ein, um jenem Ziele näher

zu kommen, indem ich die einseitige Anschauung meiner Ju-

gendepoche, da ich ausschließlich aus der antiken Welt die

Erneuerung erhoffte, ergänzend richtigstelle. Und noch in einem

anderen Sinne setze ich mit dieser Arbeit zu einer neuen Me-

thode im Aufbau meiner Gedanken an.

Ich hatte von den verschiedenen, einander ganz unab-

hängigen Symptomen der Gegenwart gesprochen, die eine

Wiederbelebung der Antike in neuer und eigenartiger Form

verheißen. Sehr frühzeitig, noch vor der Berührung mit Nietzsche,

war ich mächtig von diesem Zuge ergriffen worden. Es war

vor allem der praktische Erzieherwille bei den antiken

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