Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

hat, muß ihm den Zugang verschaffen zu den geheimnisvollen

Vorgängen, die er deuten soll; und nichts geheimnisvoller als

die große Persönlichkeit. Diese Ansprüche aber steigern sich

ins Ungemessne, wenn der Historiker über die einzelne ge-

schichtliche Persönlichkeit hinaus ganze Zeitalter in ihrem

Totalcharakter oder ganze Volksindividualitäten nach ihrem

Grundwesen synthetisch interpretieren will. Da kann ihm nur

die geniale Intuition den Weg weisen oder er muß auf seine

Aufgabe verzichten. Und das Seltsame bei den Geisteswissen-

schaften ist, daß, da alles Geistige nur durch Sj^mptome sich

kundgibt und niemals unmittelbar in Erscheinung tritt, die

Geisteswissenschaftler nicht einmal ihre Objekte, von jeder

Interpretation und Verknüpfung dieser Objekte noch ganz ab-

gesehen, nur als Gegenstände des Erkennens unzweideutig

herausheben können. Sie müssen, um einen Ausdruck des

Platonischen Sokrates anzuwenden, immer wie mit Schatten

kämpfen. Alles Geistige ist niemals unmittelbar sinnlich,

sondern immer nur interpretatorisch- intuitiv zu erfassen. Nur

wer das gleiche Erleben mitbringt wie der Forscher selbst, nur

wer die gleiche Fülle geistiger Erfahrungen in sich trägt und

bei der Erkenntnis des geistigen Objekts gleichsam als Maß-

stab anlegen, den geistigen Erscheinungen unterlegen kann,^

wird die Einsichten und Thesen der Forscher auf dem Gebiete

der Geisteswissenschaften auch nur verstehen können. Wer

diese geistigen Erfahrungen aus eigenem Erleben, aus eigener

Anlage und Schulung nicht in die Wagschale zu werfen hat,

wer dieser inneren Voraussetzungen entbehrt, dem muß es

vielfach scheinen, als ob der Geisteswissenschaftler sich nur

mit Phantasmagorien beschäftige.

Bei der Auffassung des Schönen, aesthetischer Objekte

ist es uns vollständig geläufig, daß eine ganz bestimmte Veranlagung,

eine subjektive Voraussetzung die Aufnahme und

Erfassung solcher Objekte bedingt. Wer dieser inneren Bedingungen

entbehrt, geht achtlos an den höchsten Leistungen,

geht an wahren Wundern der Schönheit stumpf vorüber. Aber

auch bei der Erkenntnis der Wahrheit, die in das geistig -ge-

schichtliche Leben der Menschheit eindringen will, für die der

sinnlich niemals darstellbare geistige Mensch das Objekt

bildet, auch von dieser Aufgabe gilt das Wort: „Wenn ihr's

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