Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

der Erkenntnis im kantischen Sinne, die unausrottbar ist, die

immer wieder ihr Recht fordern wird.

In der Unlösbarkeit dieser Aufgabe liegt freihch eine un-

heilbare Tragik. Und keiner der Denker hat diese Tragik tiefer

erfaßt und erlebt als Kant, ja sein ganzes Schaffen kann man

als Darstellung dieser Tragik der menschlichen Erkenntnis be-

zeichnen, die er zu vollem Bewußtsein zu erheben versuchte,

wie er es mit den einleitenden wuchtigen Worten der Kritik der

reinen Vernunft zu erschütterndem Ausdruck bringt: „Die

menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer

Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt

wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die

Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht

beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der

menschlichen Vernunft."

Dennoch darf sich das menschliche Denken dieser Tragik

nicht durch einen endgültigen, unbedingten Verzicht beugen.

Es ist das auch nicht der Sinn der Kantischen Philosophie

gewesen, da Kant nur Klarheit über die Grenzscheidung der

Erkenntnisformen anstrebte, durch seine Trennung der theoretischen

und praktischen Gewißheit dem Wissenschaftlichen und

metaphysisch - religiösen Bedürfnis gleicherweise Geltung und

Recht zu verschaffen suchte. Ob seine Form der Grenzscheidung

dieser Aufgaben eine abschließende Lösung bedeutet, ob

vor allem auch die Begründung seiner Grenzbestimmung Be-

stand haben wird, ist eine andere Frage. Jedenfalls würde ein

völliger Verzicht auf letzte Synthesen der menschlichen Vor-

stellungen, der menschlichen Begriffsbildung zu einer unsäglichen

Verarmung des menschlichen Geisteslebens, der gesamten

Kultur führen, einer Verarmung, die doch auch an dem un-

philosophischen Zeitalter der letzten Generationen bereits als

unheilvoll genug erkennbar geworden ist.

Übrigens haftet die gleiche Tragik allen großen Versuchen

und Leistungen des Menschen an. Die Philosophie steht mit

dieser Tragik des Unvermögens durchaus nicht allein. Wer der

Tragik entrinnen will, muß sich in enge Grenzen bannen, darf

sich nur sehr eingeschränkte Aufgaben stellen. Alles hohe

Streben streift an die Grenze des Menschlichen und ist damit

zum tragischen Scheitern verurteilt. Welcher Künstler, und sei

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