Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

neben dem begrifflichen Denken vorliandenen und wirl^samen,

ganz andersartigen Erkenntnisquelle, etwa dem Gefühl oder

sonstigen mystischen Fähigkeiten. Dieselben Momente, die das

vergleichende Auffassen, das logische Sondern und Abgrenzen,

das diskursive Denken einzeln hinstellt, ballen sich in der Intuition

auf eine psychologisch nicht näher analysierbare Weise

zu innerlich verknüpfter Einheit zusammen. Das intuitive Denken

ist nicht ein von dem allgemeinen Denken toto coelo ver-

schiedenes, diesem diametral und absolut entgegengesetztes

mystisches Vermögen des menschlichen Geistes. Wenn alles

Denken Verknüpfen ist, so ist das intuitive Denken das Denken in

höchster Potenz. Denn durch das intuitive Denken sollen die

durch das diskursive Denken noch nicht verknüpften und verknüpf-

baren Momente unter einen einheitlichen Begriff, unter eine

einheitliche Idee gebracht werden. Gewiß macht das intuitive

Denken Sprünge, es „rät,'' es „ahnt'' Zusammenhänge, die das

bloße diskursive Denken bei dem ersten, die Erscheinungen zu-

nächst in ihrer Verschiedenartigkeit erfassenden Eindruck nicht

sogleich als doch in der Tiefe einheitlich! und verbunden zu

begreifen vermag. Man muß sich vergegenwärtigen, daß solche

Begriffe wie „diskursives," „begrifflich -verstandesmäßiges" und

dann wieder „intuitives" Denken auch nur Abstraktionen sind,

die der nuancenreichen, unendlich beweglichen Wirklichkeit

unseres Denkens in keiner Weise gerecht werden, Begriffe,

die nur approximativen Wert haben. Wenn Bergson der begriff-

lich-verstandesmäßigen Auffassung der Wirklichkeit vorwirft,

daß sie mit der Starrheit ihrer Begriffe die flutende Wirklich-

keit vergewaltige, so ist zu betonen, daß er selbst mit der

starren Auffassung, die er von dem wissenschaftlich -begrifflichen

Erkennen hegt und gegen welches er seine Vorwürfe richtet,

das undurchdringliche, unentwirrbare Funktionieren des menschlichen

Denkens in der unerhörtesten Weise vergewaltigt,

daß es das begriffliche Erkennen und Denken,

wie er es sich ausschließlich vorstellt und als den Gegensatz

seines intuitiven Phiiosophierens erst ausstaffiert, gar nicht

gibt — in dieser Einseitigkeit nicht gibt. Das Sprunghafte,

Ahnende, Ratende des intuitiven Denkens wird infolge der

außerordentlichen Mannigfaltigkeit und Disparatheit der Er-

scheinungen eine Notwendigkeit, wenn der denkende Geist

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