Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

ich damit auch schon späteren Ausführungen vorgreife. Die

wunderbare Verknüpfung von Erkenntnis und Kunst bei Piaton,

wie sie so in der ganzen Geschichte niemals wieder aufgetreten

ist, hat von jeher Staunen erregt. Seltener wurde beachtet, daß

beide Triebe, und Kräfte ergänzt oder vielmehr getragen, zusammengehalten,

ja geradezu erzeugt worden sind von einem

wahrhaft dämonischen Willen, auf die Gestaltung des individu-

ellen und sozialen Lebens Einfluß zu nehmen. Das Staatsideal,

das er zeichnete, war für Piaton durchaus kein Traumbild,

sondern von frühester Jugend bis zum spätesten Alter hat er

die Hoffnung auf die Verwirklichung seiner Staatstheorie —

und diese bedeutete eine Theorie der gesamten Lebensordnung

— mit heißestem Wollen und Wünschen, mit unerbittlicher

Zähigkeit festgehalten und selbst an mithandelnden, tätigen

Versuchen hat er es nicht fehlen lassen, im griechischen

Kolonialreich seinen grandiosen Lebensentwurf in die Tat um-

zusetzen — Versuche, die ihn in schwere, lebensgefährliche

Konflikte mit der spröden Wirklichkeit brachten. Die Gedanken

seiner philosophischen Spekulation, die glutvolle Kunst, mit der

er sie der Seele seines Volkes zu vermitteln suchte — das

alles floß aus seinem reformatorischen Willen, „alle Werte umzuwerten",

das ganze menschliche Leben auf eine neue

Grundlage zu stellen, ihm einen anderen Aufriß, ein anderes

Ziel zu geben. Daß die Zustände seines in voller Zersetzung

befindlichen Volkes eine derartige Idealbildung nicht mehr aufzunehmen

vermochten, daß dieser Reformwille scheiterte, bedingt

die schwere Tragik dieses wahrlich nicht wunschlosen, sondern

von mächtigstem Gestaltungswillen beherrschten Weisen, kann

aber der Weite und Kraft des platonischen Lebenstypus keinen

Abbruch tun.

Eine ähnliche Weite, die nicht nur Vielseitigkeit, Vielfältig-

keit, sondern zugleich geschlossenste Einheit war, hat die

geschichtliche Entwicklung doch wohl nicht ein zweites Mal

mehr hervorgebracht. Nur symbolisch deutet die Gestalt Faust's

auf eine ähnliche Verbindung hin, da Erkenntniswille, Glücks-

rausch, Tatwille mit der gleichen Intensität und Leidenschaft

seine Seele füllen. Allerdings treten diese Mächte oder das

Verlangen nach ihnen hintereinander, in einem fortschreitenden

Prozeß bei ihm auf, sodaß eine innerliche Einheit und wechsel-

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