Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Voraussetzung. Die metaphysische Idee aber entspringt der

Intuition, der Synthese der begriffHchen Erfassungen der Wirk-

lichkeit. So ist die Intuition der Quellpunkt aller Vereinheit-

lichung theoretischer und praktischer Art.

Wenn itian nach einer synthetischen Kraft Umschau hält,

die als Gegengewicht und Gegenmacht gegen die moderne Zerklüftung

und Widersprüchlichkeit in Anspruch genommen werden

könnte, als erzieherisches Gegenbild, so vermag ich nur die

bisher unerreichte Einheitlichkeit Piatons unter diesem Gesichts-

punkt — und er dünkt mich der schlechthin entscheidende

Gesichtspunkt zu sein — als hierfür geeignet und gegeben an-

zuerkennen. Es hat zweifellos gewaltige Energieen in der

Geschichte gegeben, die bis auf den heutigen Tag fortwirken:

Jesus, Cäsar im Altertum, Luther, Kant und Goethe in den

letzten Jahrhunderten. Aber bei aller Kraft dieser Energieen

wie anderer Potenzen scheinen sie mir doch jeweils sämtlich

mit einer mehr oder weniger bestimmten, größeren oder

geringeren Einseitigkeit behaftet zu sein. Wenn Piaton einigen

dieser Erscheinungen gegenüber an Wucht, an Weite oder

Tiefe der Nach- und Auswirkung zurücksteht — was auch noch

geschichtlicher Untersuchung bedürfte — so bietet sich die un-

ermeßliche Möglichkeit der Zukunft dar, die dieses Bild völlig

verändern kann. Mehr als einmal hat es die Menschheit er-

fahren, daß aus anscheinend dauerndem geschichtlichen Schlaf

oder Halbschlaf mit unheimlicher Lebendigkeit Gestalten wieder

auferstanden, um nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden halber

Vergessenheit erst ihr Reich zu begründen, wie es ja mit dem

Griechentum in seiner Gesamtheit geschehen war. In diesem

Sinne sehe ich die einzigartige synthetische Kraft in Piaton

andere Erziehungsmächte, die heute fast souverän gelten, in

weitem Bogen dereinst überholen und in Schatten stellen. Wieviel

Erzieher sind uns im Laufe der letzten Jahrzehnte anemp-

fohlen worden! Diese Tatsache als solche ist neben allen

anderen Anzeichen ein hinlänglicher Beweis für das leiden-

schaftliche Suchen unserer Zeit, die doch offenbar von der zeitgenössischen

Philosophie nicht die heiß ersehnte, ideelle und

praktische Synthese zu entnehmen vermochte, die in tiefem

Ungenügen der empirischen Wissenschaft und der Philosophie

als formaler Grundwissenschaft, als Wissenschaftslehre gegen-

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