Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

überstand. Und nur in dieser Form bot sich die Synthese der

intellektuellen Erfassun«^ der Wirklichkeit dar. Die intellek-

tuelle Synthese aber ist die Voraussetzung der Synthese der

j^esaniten ^eisti^en Welt des Menschen. Denn weder Gefühle

noch Willensbestrebungen können sozusagen frei schweben, ohne

festen Anhaltspunkt einer bestimmten intellektuellen Vorstellung,

die zugleich als absoluter Wert ergriffen werden muß, um zu

dessen Realisierung die Willenskräfte in Bewegung zu setzen. Mir

scheint, wir müssen bis zum Ursprünge der Philosophie zurück-

greifen, müssen uns an denjenigen Philosophen halten, der als

der erste in der menschlichen Geschichte aus der Totalität

des menschlichen Wesens heraus auf die Totalität der

Wirklichkeit mit einem Weltbilde reagierte, der die absolute

Synthese in bisher nicht übertroffener Form subjektiv und ob-

jektiv, in seiner Persönlichkeit und seinem Werk verkörperte.

Es mag sein, daß Piaton die synthetische Leistung verhältnismäßig

leicht fallen konnte, da er bei der Anfänglichkeit und der

relativen Einfachheit der damaligen Kultur sich noch nicht einer

so ungeheuren Weite und Fülle verschiedenartigsten und wider-

sprechendsten Erfahrungsstoffes gegenübersah, daß er dement-

sprechend auch die subjektive Einheit und Ungebrochenheit des

aufnehmenden und gestaltenden Geistes trotz des auch damals

schon einsetzenden Individualismus und Subjektivismus zu bewahren

vermochte. Das mag eine psychologische und kultur-

geschichtliche Erklärung für seine synthetische Kraft oder

Leistung bedeuten. Aber die Tatsache dieser Synthese besteht,

besteht bei Piaton in einer einzig vollendeten Ausprägung, wes-

halb er den unbedingten Gegensatz zu unserer antithetischen

Verfassung intellektueller und überintellektueller Art zu bilden

vermag, er und kein anderer.

Es ist ganz unverkennbar, daß der Zug der geistigen Bewegung

der Zeit langsam, aber entschieden über den Positivismus

der reinen Tatsachenwissenschaften hinaus wieder zur

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