Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Idee hinzudrängen beginnt. Die Ablehnung der Metaphysik

durch den Positivismus ist ja stets nur Selbsttäuschung gewesen.

Denn irgend welche einheitstiftenden, richtunggebenden allgemeinen

Ideen, die den Erfahrungsstoff aufnehmen und gestalten,

hat ja auch der Positivismus niemals verschmähen und entbehren

können. Nur daß er diese Ideen nicht bis zu ihrer letzten und

tiefsten Problematik verfolgte, sondern in irgend einem zu-

fälligen Stadium ihrer Auffassung ungeklärt, unanalysiert zur

Voraussetzung nahm und zur Anwendung brachte. Wenn Kant

sagt, Begriffe ohne Anschauung sind leer, so sind auch umgekehrt

Tatsachen ohne Ideen bedeutungslos. Ein äußerst merk-

würdiges Symptom des wiedererwachten Bedürfnisses nach der

Idee ist die Vaihinger'sche Philosophie des „Als — Ob.''

Ja man könnte diese Philosophie als einen wahrhaft Verzweifelten

Versuch betrachten, dem Positivismus der Tatsachenwissenschaften

gegenüber die Idee um jeden Preis wieder

zur Geltung zu bringen und durchzusetzen, nämlich selbst um

den Preis, die Idee lediglich als Fiktion zu fassen. Auch in

dieser anscheinend entwertetsten, abgeschwächtesten Form soll

die Idee noch ihre Bedeutsamkeit bewahren, oder vielmehr um-

gekehrt, die Idee nimmt die zarteste, unangreifbarste Form an,

unangreifbar vom Standpunkte der Tatsachenwissenschaft aus,

weil sie sich von vornherein selbst als Fiktion gibt, als bewußt

und eingestandenermaßen irrtümlich, illusionär, um dann doch

noch trotz dieses illusionären Charakters ihren Wert, auch ihren

rein theoretischen Wert zu behaupten. Man könnte von dieser

Seite aus die Vaihinger'sche Philosophie als einen ersten, schüchternen,

vorsichtigen Versuch des Wiedereintritts, der Rückkehr

der Idee interpretieren, die sich als Fiktion salviert, um die

strenge Empirie nicht zu verletzen und herauszufordern, die

allmächtige Empirie, die in dem letzten Menschenaiter den

wissenschaftlichen Geist ausschließlich und souverän beherrscht

hat. Ein gewisser großer Zug ist der Vaihinger'schen Philo-

sophie der Fiktion nicht abzusprechen, insofern hier die gesamte

menschliche Begriffsbildung einem einzigen Gedanken, einem

leitenden und schöpferischen Prinzip unterworfen wird. Ob

allerdings diese durchgehende Geltung der Fiktion als General-

nenners aller menschlichen Vorstellungsarten und wissenschaft-

lichen Arbeit wird anerkannt werden können, erscheint durch-

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