Der Platonismus und die Gegenwart

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Der Platonismus und die Gegenwart

Aber diese gegensätzliche Spannung in Kant drängt notwendig

iii'er ihn selbst hinaus. In ihr liegt die außerordentliche

Anregungskraft, die produktive Wirkung dieser Philosophie be-

gründet. Unmittelbar auf Kant folgte der metaphysische Rausch

der Romantik. Man hat sich stets gewundert — besonders von

Seite der rein erkenntnistheoretischen, rein wissenschaftlichen

Auslegung Kants aus — , wie so unmittelbar nach Kant, der

doch soeben die Unmöglichkeit der Metaphysik erwiesen hatte,

dennoch sofort wieder diese Ausschweifung des metaphysischen

Denkens Platz greifen konnte. Und immer hat man von dieser

Seite aus jene metaphysische Epoche als einen unverzeihlichen

Abfall von Kant, als schwächlichen Rückgang aufgefaßt. Daß

Kant die Sphäre der Erkenntnis einschränkte, daß er der Meta-

physik als Wissenschaft vom Absoluten das Ende bereiten

wollte, ist richtig. Aber nicht verkannt darf werden, daß dieser

Akt für ihn der Ausfluß schmerzlichster, herbster Resignation

gewesen ist. So leicht wie den Neukantianern der verschie-

densten Färbung ist ihm der Verzicht auf die Metaphysik nicht

gefallen. Der psychologisch tiefer Blickende bemerkt hinter

seinen Darlegungen, wie sehr Kant das, AVas er als unmöglich

erweist, im tiefsten Grunde seines Herzens eigentlich wünscht,

ja leidenschaftlich, inbrünstig wünscht. Er ringt sich seine Er-

kenntnis ab.

dem tieferen

Er tut sich mit

Grunde seiner

dieser Erkenntnis Gewalt an. Auf

Seele lebt bei Kant — ich wage

es auszusprechen, so fremd es der allgemein verbreiteten Anschauung

von Kant auch erscheinen mag — , eine Art romantischer

Schwärmerei. Gerade daß er der Schwärmerei in

jeder Gestalt so abhold ist, beweist, daß hier für ihn selbst

eine Gefahr lag, die er bekämpfte. Warum hat denn wohl

Kant längere Zeit mit Hamann nahen Umgang gepflegt und

warum hat er diesen Umgang dann abgebrochen? Hinter den

nackten, nüchternen Tatsachen sind die inneren Erlebnisse und

Erfahrungen aufzuspüren. Man schließt ja heute die Romantik

an die Sturm- und Drangperiode an, faßt sie gewissermaßen

als deren Wiederaufleben auf. Einer ähnlichen Stimmung aber,

wie sie zur Sturm- und Drangzeit alle tieferen Geister

Deutschlands bewegte, werden wir auch bei Kant begegnen,

wenn wir recht zu suchen wissen. Kant ging doch — von

dieser Voraussetzung nur ist seine ganze Gedankenwelt, wie

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