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Persönlich

Mein

Bodyguard

Ich frage mich, was aus dem «Hallodri des alten

Jahrtausends» geworden wäre, wenn Gott ihn,

also mich, nicht angesprochen hätte ...

Dieses Leben, das mich so viele Jahre lang geformt, geprägt

und gefordert hatte – es war ein Leben in Luxus und Entbehrung,

in Erfolg und Nichterfolg, in Liebe und Lieblosigkeit,

mit Freund und Feind, in Reichtum und Armut. Ein Leben mit

Allem und mit Nichts. Vor allem ein Leben ohne Sinn und wirkliche

Perspektiven.

Heute weiss ich aus eigener Lebenserfahrung: Was hilft all dieses

Rennen und Jagen nach Macht und Erfolg, nach Statuserhalt

und Ego-Befriedigung? Was bringt eigentlich diese ewige Sucht

nach Selbstdarstellung und die Gier nach mehr? Nichts.

Wenn ich heute in den Tratsch- und Klatschsendungen der

auf niedrigstes Niveau abgesunkenen TV-Sender sehe, wie sich

Menschen in Luftschlössern und Schuld verstricken, dann werde

Ein Weltenbummler f indet sein Zuhause

40 ethos 8 I 2011

Waldemar Grab, 55, Verlagskaufmann und

Journalist, war sieben Jahre lang in der

Luftwaffe der Bundeswehr Abteilungsleiter

der «Sektion Flugbegleiter» unter Altbundeskanzler

Helmut Schmidt und dem

Minister des Auswärtigen, Hans-Dietrich

Genscher, und flog in der Kanzlermaschine

weit über 10 000 Flugstunden mit ihnen

und den höchsten Staatsgästen der Welt

um die Welt.

Er war verantwortlich tätig im Shoppingcenter-Management,CDU-Geschäftsführer

des Hamburger Kreisverbandes

Wandsbek, Assistent des Bundestagsabgeordneten

Klaus Francke; Redenschreiber

diverser Persönlichkeiten aus Politik und

Wirtschaft sowie von 1994 bis 2000 Präsident

des Deutschen Pianistenverbandes.

ich still – und ich frage mich, was aus dem «Hallodri des alten

Jahrtausends» geworden wäre, wenn Gott ihn, also mich, nicht

angesprochen hätte. Wenn Gott nicht monate- oder gar jahrelang

vorher mein Herz peu à peu immer wieder mal geöffnet

und mir Menschen in den Weg gestellt hätte, die mir Gutes taten.

Menschen, die ihren Glauben nicht nur bezeugten, sondern auch

lebten, die einfach nur im rechten Augenblick für kurze Zeit oder

länger in meinem Leben präsent waren.

Er machte in den 90er-Jahren sein

Hobby, das Klavierspielen, zum Beruf und

spielte kurz darauf als Pianist für André

Rieu in Holland und Wolfgang Rademann

in Berlin, sass mit Peter Alexander, Paul

Kuhn, Helmut Zacharias sowie vielen weiteren

grossen und kleinen Stars am Klavier.

Bis 2004 war Waldemar Grab in 87

Weltreisen auf dem ZDF-Traumschiff «MS

Deutschland» als Showpianist tätig. Im

Jahr 2002 entschied er sich nach langen

Umwegen in den verschiedenen Weltreligionen

über die Gideonbibel, die in der

Schublade seiner Luxuskabine lag, für den

christlichen Glauben. Diese Entscheidung

prägte ihn so stark, dass er zunächst alles

aufgab, Theologie studierte und nun ein eigenes

Missions- und Sozialwerk leitet.


«Was hilft all dieses rennen und Jagen nach Macht und erfolg, nach statuserhalt und ego-Befriedigung?

Was bringt eigentlich diese ewige sucht nach selbstdarstellung und die Gier nach mehr?»

Glaube war für mich «Kirche» und Kirche, das war nichts.

Das war vor vielen Jahren zwar einmal anders und ich behaupte,

recht aktiv gewesen zu sein, was Jungschar- und Jugendzeit angeht.

Doch im Laufe der Jahre hat sich dann vieles von dem,

was man mir mitgeben wollte, ins Gegenteil gekehrt. Während

bei anderen, Gleichaltrigen, der Glaube recht tief war, das spürte

ich, war durch mein recht grosses Gabenspektrum auch in jungen

Jahren mein Kalender über alle Massen gefüllt. Keine Zeit für

ernsthaftere Bibelstudien oder Kurse. Dabeisein war alles.

Doch während bei den einen die Wurzeln recht tief in den

Boden wuchsen, war der Glaube bei mir vergleichbar mit einem

Efeu-Gewächs mit immergrünen Blättern. Es wuchs in die Breite

und in die Weite, doch leider nicht in die Tiefe, und irgendwann

stolperte ich über mein eigenes «Glaubenspflänzchen», riss es

aus und verbrannte es gedanklich auf Nimmerwiedersehen.

Und doch: Im Laufe der Jahrzehnte stellte Gott mir immer

wieder Männer und Frauen in den Weg, die mir durch ihre authentische

und ansprechende Art zu glauben zwar enorm imponierten

– es jedoch nie erreichten, mich vom «Saulus zum Paulus

zu bekehren», wir es ein Hamburger Musikprofessor beschrieb,

als er meinen Lebens-Wandel in Worte fassen wollte.

In besonderer Weise denke ich bei all den Begegnungen hier

an den Personenschützer des damaligen Bundeskanzlers Helmut

Schmidt, nennen wir ihn an dieser Stelle Jo. Während ich Ende

der siebziger Jahre auf der Kanzlermaschine, einer VFW614, als

Abteilungsleiter in der Flugbereitschaft BMVg in Köln/Bonn unter

anderem für die Bordbetreuung von Staatsgästen und in erster

Linie des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt sowie

des Ministers des Auswärtigen, Hans-Dietrich Genscher, verantwortlich

war, freundete ich mich mit Jo an, einem der Personenschützer

des Kanzlers.

Wir lernten uns kennen, trafen uns privat und die Freundschaft

mit meinem «persönlichen Bodyguard» war herzlich. Jo

und seine Frau waren damals schon fromme Leute und sie erzählten

mir immer wieder von ihrem Glauben an Christus. Doch

es tangierte mich nach einer Weile des Interesses nur oberflächlich

und ich zog weiter meinen Weg.

Jo wurde befördert und versetzt und wir verloren uns aus den

Augen. Und nun beginnt die wirkliche Geschichte: Wir trafen uns

dreissig Jahre(!) später, fünf Jahre nach meiner Entscheidung,

wieder und dann erzählte er mir in einem bewegenden Zeugnis,

dass er und seine Frau nach seinem Weggang vom Kanzler noch

weitere dreizehn Jahre lang nahezu täglich für mich gebetet hätten!

«Und dann», so gab Jo zu, «lasen wir irgendwo, was Du für

ein Lebemensch geworden bist, und haben jemand anderen auf

den Gebetszettel gesetzt.»

Wow! Während ich all die Jahre in der Völlerei des 5-Sterne-

Statuses lebte, gegen alle ethisch-moralischen Grundregeln verstiess,

beteten zwei ehemalige Freunde irgendwo alleine jeden

Morgen am Kaffeetisch für mich!

Die Früchte dieser langen Treue wurden erst 23 Jahre später

sichtbar, weil ich mich im Jahr 2002 tatsächlich für den christlichen

Glauben, für Jesus, entschied. Am Pool des ZDF-Traumschiffes

MS Deutschland, mitten im asiatischen Meer, nachts um

halb vier.

Ist das nicht eine wunderbare Geschichte, die aufzeigt, wie

Gott mit jedem von uns seine Geschichte schreibt? In der Rückblende

betrachte ich diese Wende als ein wunderbares und grossartiges

Geschenk, für das ich heute nur den Begriff der Gnade

verwenden kann.

Diese unverhoffte und im Grunde unverdiente Zuwendung

Gottes zu einem Zeitpunkt, wo mein Herz sich, bei allem beruflichen

Erfolg, so sehr nach Frieden sehnte und ich ihn tatsächlich

erhielt.

Beten Sie schon länger für einen Freund, eine Freundin, einen

Familienangehörigen? Dann bleiben Sie dran, geben Sie nicht

auf, beten Sie weiter! Beten ist Fernwärme für frierende Freunde.

Wir säen mit unserem Gebet und dem authentischen Zeugnis

für Jesus den Samen, doch Gott lässt ihn aufgehen. Und zwar zu

einem Zeitpunkt, den nur er für richtig erachtet. Seine Zeitrechnung

ist punktgenauer als jede Atomuhr! n

Waldemar Grab, 55, ist nach seiner Entscheidung für Jesus Christus aus dem

bisherigen Leben «ausgestiegen» (2004), hat eine Bibelschule besucht, lernte

dort seine Frau Margit kennen und ist heute hauptamtlich als Musikevangelist

und Direktor des international tätigen Missions- und Sozialwerkes Hoffnungsträger

e. V. in Altenkirchen/Westerwald tätig. www.hoffnungstraeger.info

«ich freundete mich mit Jo an, einem der Personenschützer des Bundeskanzlers.»

ethos 8 I 2011 41

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