Inklusion rückblickend aus Schülersicht - ASbH

asbh.de

Inklusion rückblickend aus Schülersicht - ASbH

Ich bin 1974 eingeschult worden. Der Einschulung ging ein einjähriger sog.

Vorschulkindergarten voraus, in dem meine Schulungsfähigkeit getestet

werden sollte. Diese Zeit absolvierte ich offenbar so erfolgreich, dass meine

Eltern das Wagnis eingingen, mich auf die Schule gehen zu lassen. Denn ein

Wagnis sollte es werden. Nicht in erster Linie wegen Zweifeln an meiner

Schulungsfähigkeit. Bereitschaft war vielmehr das Stichwort; genauer gesagt

fehlende Bereitschaft des Schulleiters, mich an seiner Schule aufzunehmen.

Sie gipfelte sinngemäß in der Frage, ob man an dem Jungen nicht noch

etwas herumoperieren könnte, um ihm das Laufen zu ermöglichen.

Durch die Intervention des Bürgermeisters meiner Heimatstadt, den meine

Eltern um Hilfe baten, bekam ich den Schulplatz letztendlich.

Am Eingang des Schulgebäudes befand sich eine hohe Stufe, die zu

überwinden mir immer wieder ein Mitschüler aus meiner Klasse half. Mit ihm,

der “wegen der Stufe” in den Pausen bei mir blieb, wobei er sich schließlich

mit anderen Schülern abwechselte, verband mich in den ersten 4 Schuljahren

eine tolle Freundschaft. Die meisten Klassenräume waren in den oberen

Etagen des alten Schulgebäudes untergebracht. Während der

Grundschulzeit “wanderten” die Klassen jahrgangsweise non einem Trakt

bzw. Stockwerk zum nächsten. Da dies für mich natürlich nicht möglich war,

blieben meine Klassenkammeraden und ich jahrelang im selben Raum. Auch

diesen Umstand trug mein Freund Ralf ohne Murren mit, obwohl er wie viele

meiner Mitschüler auch gern mit den Schulfreunden aus den Parallelklassen

zusammen gewesen wäre. Erst im Abschlussjahrgang der Grundschule

wechselte “meine” Klasse einmal den Raum.

Neben den schulischen Pflichten war die Grundschulzeit, in der sich meine

Schwäche im naturwissenschaftlichen Bereich zu manifestieren begann, von

vielen Krankenhausaufenthalten und fast täglichen therapeutischen

Anwendungen geprägt. Ohne die schier grenzenlos währende Unterstützung

durch meine Mutter hätte ich die auch für mein gesamtes familiäre Umfeld

belastende Zeit nicht so gut und so erfolgreich überstanden. Mein Bruder

musste so manches Mal zurückstecken und mit einem Kindermädchen

vorliebnehmen, weil meine Mutter mal wieder in irgendwelchen

Krankenhäuser mit mir war, während mein Vater der Familie finanziell, platt

gesagt, den Rücken freihielt.

Ein Highlight meiner Grundschulzeit möchte ich noch erwähnen.

In der 4. Klasse besuchten wir das Ehrendenkmal in Laboe. Obwohl mein

Klassenlehrer ihr davon abriet, schleppte mich meine Mutter durch das U-

Boot, das dort zu Museumszwecken stand.

Ein blauer Fleck und das Wissen, dass nicht viele Menschen je ein U-Boot

von innen sahen, blieb.

Die folgenden Jahre auf der Realschule hatten einige wenige negative

Parallelen. So das Problem der “wandernden” Klassen. Die altersbedingt

abnehmende Bereitschaft der Rücksichtnahme meiner Schulkameraden auf

einen Mitschüler im Rollstuhl war ein Problem, und Ralf war nicht mehr da,

um mir beizustehen. Er war auf das Gymnasium gewechselt, und so musste

ich das Problem nun allein anpacken. Dies wurde mir wenigstens dadurch

erleichtert, dass ich selbständig den stufenlosen Zugang zum Schulgebäude

sowie den durch eine schiefe Ebene erreichbaren Schulhof ohne Hilfe nutzen

konnte. Auch die nachträglich rollstuhlgerecht umgebaute Toilette


erleichterte mir das Leben buchstäblich.

Durch einen später fertiggestellten, ebenerdig erreichbaren Gebäudeanbau

war es meiner Klasse und mir schließlich möglich, für die letzten beiden

Jahre in der Realschule mit den anderen Klassen meines Jahrgangs

“mitzuwandern”, sodass wir Gleichaltrigen wieder unter uns waren.

Die therapeutischen Anwendungen und die teils monatelangen

Krankenhausaufenthalte mit den geschilderten Begleiterscheinungen waren

nach wie vor Teil meines Lebens. Die große Hilfsbereitschaft der Lehrerinnen

und Lehrer und die uneingeschränkte Unterstützung durch meinen

Schulleiter auf der Realschule erleichterten mir Vieles. Vor Allem meinem

Schulleiter war nur zu bewusst, dass hinter meinen schulischen Leistungen

die große Unterstützung durch meine Mutter stand, die mich tagein tagaus

von und zur Schule brachte.

Auch mich überkam die vielen Schülern mehr oder weniger ausgeprägt

bekannte Null-Bock-Phase. Dank meines Schulleiters überstand ich sie ohne

“Ehrenrunde“.

Auch die Zeit auf der Realschule hatte sogar zwei Highlights, die ich zum

Schluss gern noch erwähnen möchte.

Es war zum Einen eine zweiwöchige Fahrt mit meinem Französisch-

Leistungskurs, der auf der Realschule Wahlpflichtkurs hieß. Die Fahrt ging in

die französische Partnergemeinde meiner Heimatstadt. Dorthin begleitete

mich ein Zivildienstleistender. Neben der Art und Weise des Umgangs mit

einem Rollstuhlfahrer, die für viele meiner Gastmitschüler neues Terrain

war, ist mir die ungeheuer offene und herzliche Art, mit der meine Gastgeber

mir gegenübertraten, im Gedächtnis geblieben.

Die mehrtägige Abschlussklassenfahrt habe ich, auch in Begleitung eines

Zivis, nach Trier gemacht. Nicht nur der Genuss von Wein gehörte zu den

Erfahrungen, die ich dort erstmalig machen durfte.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine