Jahresgabe/Juli 2011

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Jahresgabe/Juli 2011

Jahresgabe/Juli 2011


KUNSTHANDWERK

DER TOUAREG:

LEDER UND SCHMUCK

Die Qualität

des Roh-Leders

wird geprüft

Frisch gefärbtes

Leder trocknet

neben der

Färbetrommel

Die Lederschatulle

ist fast fertig

Beim

Aufziehen

des Leders

auf Holz

Frisch aus der

Schuh-Produktion:

individuell

und bequem

Wüstenvölker haben ihre spezifi sche Formensprache,

die sich in den Verzierungen

ihrer Gebrauchsgegenstände zeigt. Ob es

eine Kalebassenschale, der Knauf eines

Messers oder der Sattel des Reitkamels ist

– alles, was im täglichen Leben benutzt

wird, soll auch schön sein.

Die wenigen Gerätschaften, die ein nomadischer

Haushalt braucht, werden

pfl eglich behandelt und mit Achtsamkeit

eingesetzt.

Diese Philosophie kennen auch die Benediktiner

von Münsterschwarzach sehr

gut, ist Kapitel 31 der Regel des heiligen

Benedikt genau diesem Thema, dem

pfl eglichen Umgang mit Werkzeug, Gerätschaften

und Kleidung, gewidmet.

Nun sind die Tuareg in den Sahelländern

am Südrand der großen Wüste Sahara

schon längst keine Nomaden mehr,

sondern haben sich zum größten Teil in

Städten und Dörfern angesiedelt. Die

Achtsamkeit im Umgang mit ihren Werkzeugen

und bei der Herstellung kunsthandwerklicher

Produkte haben sie jedoch

beibehalten.

Diese Sorgfalt, die für die Touareg in der

Wüste überlebensnotwendig war – denn

was nützt ein lederner Wassersack am

Brunnen, wenn er schlampig genäht ist

und das Wasser unterwegs verliert? –

diese Sorgfalt bleibt bis heute sichtbar in

der Verarbeitung der modern gestalteten

Taschen, Schuhe und Schlüsselanhänger,

welche von Handwerkskooperativen in

Burkina Faso und Niger für den fairen

Handel produziert werden.

Mâitre Cissé Abala Mme Cissé

Neben der Lederverarbeitung sind die

Touareg vor allem für ihre hohe Kunst als

Silberschmiede bekannt.

Die Künstler lernen die Kunst des Silberschmiedens

in einer Designschule, die –

ausgehend von traditionellen Touareg-

Schmuckstücken wie z.B. dem Kreuz von

Agadez oder der Chat-Chat-Kette – eine

Vielzahl von edelsten Modellen hervorgebracht

hat. Der Spagat zwischen „Identität

wahren“ und der Fähigkeit, den Kundengeschmack

zu treffen, glückt den Silberschmieden

auf eine hervorragende Weise.

Jedes Schmuckstück ist ein individuell gefertigtes

Kunstwerk mit der Signatur des

jeweiligen Silberschmieds in der vom Verschwinden

bedrohten Schrift der Touareg:

Tifi nak. Moussa (Moses) Ouhmoudou

ist ein junger, moderner Targi und Silberschmied,

der in Ouagadougou einen kleinen

Laden hat.

Hier verkauft Moussa Schmuck

aus kleinen Werkstätten Burkina

Fasos und Niger. Von April

bis Juli dieses Jahres konnte

der Fair-Handel Moussa

Ouhmoudou einladen, seine

Arbeiten den mainfränkischen

Weltläden vorzustellen.

Eine reiche Auswahl des original Touareg-Schmuckes fi nden Sie im Fairhandel

der Abtei, Schweinfurter Str. 40, 97359 Münsterschwarzach

Tel: 09324-202-73, FAX: 09324-20493 oder per e-mail: info@fair-handel-gmbh.de

Beispiele davon im Internet: www.fair-handel-gmbh.de


EDITORIAL

INHALT

Seite

Br. Stephan Veith OSB

Vorwort ................................................................... 3

P. Anselm Grün OSB

Idole in der Kirche – gibt es sie noch? ....................... 4

P. Jonathan Düring OSB

Idole wirken blendend ................................................ 6

Dr. Reinhard Klos

Eine Spurensuche – Man muss kein Megastar dafür sein . 8

P. Silvanus Kessy OSB

„Gott“ geht auch ohne Mobiltelefon .......................... 10

P. Edgar Friedmann OSB

Idole und Anti-Idole ................................................ 12

Orlando Vasquez

Gottheit, repräsentiert durch ein Objekt .................... 14

Anja Legge

Von leuchtenden Fixsternen und falschen Feuern ....... 16

Fr. Karl v. Ö. Pemsl OT

Heilige als Idole ...................................................... 18

Br. Thomas Morus Bertram OSB

Mein Idol – mein Name ............................................ 20

Br. Stephan Veith OSB

Vorbilder von Mitbrüdern .......................................... 22

Hendrik Weingärtner

Wie hätte ich mich verhalten? .................................. 24

Interview: Abt Michael Reepen OSB ........................... 26

Projekt: Handwerkerausbildung in Peramiho ............... 28

Werbung Prokura: .................................................... 29

Werbung VT-GmbH .................................................... 30

Namen/Nachrichten .................................................. 32

Serie/Dank ............................................................. 37

Br. Thomas Morus Bertram OSB

Aus dem Nähkästchen geplaudert ............................ 39

Hinter den Fans der Idole steckt eine Sehnsucht nach Freiheit.

Und manchmal hängt neben den Bildern ihrer Stars der, der

die Freiheit verkörpert – Jesus Christus.

Portrait:

P. Aurelian Weiß OSB

IMPRESSuM

Ruf in die Zeit

AUSGABE JULI 2011, NR. 3/11

MISSIONSBENEDIKTINER

MÜNSTERSCHWARZACH

Das Magazin für Freunde, Förderer und Interessenten der Missionsarbeit

der Abtei Münsterschwarzach

Abonnement

Bestellung an prokura@abtei­muensterschwarzach.de

oder Telefon 09324/20­287 vierteljährlich, kostenfrei

Redaktion

Br. Stephan Veith (verantw.), Br. Thomas Morus Bertram (verantw.),

Br. Alfred Engert, P. Jonathan Düring, Br. Joachim Witt, Br. Manuel Witt

Herausgeber

Missionsprokura der Abtei Münsterschwarzach

97359 Münsterschwarzach Abtei

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Bildnachweis

J. Rogosch (S. 1), Fair­Handel (S. 2, 14, 15), Diözese Limburg

(S. 4), DAHW (S. 5), P. Jonathan (S. 7), T. Lurz (S. 8), dpa (S. 12,

16, 17, 39), KNA (S. 19, 27), Fr. Karl (S. 18), W. Nigg (S. 20), Br.

Thomas Morus (S. 9, 28, 36, 37, 40), P. Silvanus (S. 10, 11), E. Müller

(S. 24, 25), F. Bertele (S. 29), Goldschmiede (S. 30, 31), A. Legge

(S. 26, 32, 33, 34, 35), Br. Robert (S. 38)

Gesamtherstellung:

Benedict Press, Vier­Türme GmbH, 97359 Münsterschwarzach Abtei

Konzeption: Klaus Gold

BR. STEPHAN VEITH OSB

Missionsprokurator

Liebe

Leserinnen

Leser...

... das Wort „Idol“ verbinden wir meist mit der Jugend. Hat sie die richtigen Idole?

Hat sie überhaupt noch welche? Eltern schütteln den Kopf, wenn sie sich die Poster

von Fußballstars und vermeintlichen Popgrößen in den Zimmern ihrer Kinder

genauer anschauen. Geben Jugendliche allerdings an, dass sie keine Idole haben,

dann empfinden wir das als bedenklichen Mangel an Idealismus.

Woher kommt dieses gespaltene Verhältnis zum Umgang mit Idolen? Es rührt wohl

aus der doppelten Bedeutung des Begriffs. Wir verstehen darunter Götzenbilder

und Vorbilder zugleich. „Idole der Jugend“ können Michael Jackson und Johannes

Paul II. sein; Albert Schweitzer und die Beatles, Mutter Teresa und Messi, John

F. Kennedy oder Mick Jagger oder Lena oder der heilige Franziskus. Manchmal

sogar alle zusammen.

Welche Idole heute in Afrika oder Lateinamerika, in Asien oder konkret in unseren

Schulen verehrt werden, das ist Thema dieses „Rufs in die Zeit“. Und wie

wir richtig mit diesen Idolen umgehen. Und wer die wahren Helden sind. Das

können nämlich Menschen sein, von denen es gar keine Poster zu kaufen gibt.

Man muss nur richtig hinschauen.

Es grüßt Sie herzlich

3


ZuM THEMA

Idole in der Kirche

– gibt es sie noch?

von P. Anselm Grün OSB

Wenn ich ältere Menschen geistlich begleite,

erzählen sie mir oft, dass sie von ihrem

Heimatpfarrer oder ihrem Heimatkaplan

begeis tert waren. Oft war die Begeisterung

für den Pfarrer der Grund, dass sie selbst

den Priesterberuf gewählt haben. Heute

beklagen sich viele Christen, dass sie keine

Vorbilder mehr in der Kirche erleben. Lange

Zeit waren Roger Schutz oder Mutter

Teresa solche Vorbilder. Aber wo sind diese

Vorbilder heute?

Was sind Idole?

Bevor ich von Vorbildern, Idealbildern und

Idolen spreche, möchte ich eine kurze Begriffserklärung

geben. Idole sind von ihrem

Ursprung her Götterbilder. Die christliche

Tradition hat die „Idololatrie“, die Verehrung

von Götzenbildern verboten. Stattdessen

hat sie die Menschen hingelenkt zum

wahren Bild Gottes, zu Jesus Christus, in

dem Gott für uns sichtbar und anschaubar

geworden ist. Heute denken wir bei Idolen

nicht an Götzenbilder, sondern an Filmschauspieler,

Sportler oder Musiker. Junge

Menschen lassen sich von Idolen leiten.

Dabei hat ihr Schwärmen für ihre Idole

durchaus etwas mit Götzenverehrung zu

tun. Die Idole werden in den Himmel hinauf

gehoben. Ihnen wird gleichsam göttliche

Verehrung zuteil. Man verehrt die Idole, um

in ihrem Glanz den eigenen Wert zu erahnen.

Doch dies führt in der persönlichen

Entwicklung nicht weiter. Den Idolen fehlt

der Aufforderungscharakter, den Vorbilder

haben. Sie wirken oft genug als Ersatz dafür,

selber zu reifen und an sich zu arbeiten. Man

schwärmt für ein Idol und erwartet sich davon,

dass man Anteil hat an seinem Glanz.

Doch man sonnt sich in fremdem Glanz,

statt sich auf den Weg zu machen und den

Glanz der eigenen Seele zu entdecken.

Idealbilder verwandeln

den Menschen

Gegenüber den Idolen ihrer Umgebung hat

die frühe Kirche auf Jesus Christus verwiesen,

der das wahre Ebenbild des Vaters ist.

Und man hat auf die Heiligen verwiesen, die

etwas vom Glanz Jesu Christi in ihrem eigenen

Antlitz widerspiegelten. Weder Christus

noch die Heiligen waren Idole. Sie waren

vielmehr Idealbilder. Und diese Idealbilder

sollten sich in die Menschen einbilden und

sie in Berührung bringen mit den eigenen

Kräften, die in ihrer Seele bereit lagen. Die

Idealbilder verwandeln den Menschen. Sie

ziehen ihn nach vorne. Sie helfen, dass die

Menschen all das in sich entdecken, was

auch das Idealbild des Heiligen darstellt.

Bischof Dr. Franz Kamphaus

Geboren 1932 in Lüdinghausen/Münsterland.

Priesterweihe 1959.

Bischof von Limburg 1982–2007.

Für die Erziehung vieler Generationen waren

die Idealbilder eine große Hilfe, um gute

Christen zu formen, um immer wieder auch

Heilige hervorzubringen, die sich von anderen

Heiligen herausfordern ließen, sich ganz

und gar für Gott und für die Menschen einzusetzen.

Idealbilder und Vorbilder haben

die Aufgabe, den Menschen aufzufordern,

diesen Bildern ähnlich zu werden. Sie wollen

etwas im Menschen in Bewegung bringen,

während Idole oft nur zum Ersatz für das

eigene ungelebte Leben werden.

Gefahren von Idealen

In der Psychologie ist man den Idealbildern

gegenüber heute vorsichtig geworden. Denn

man sieht die Gefahr, dass jemand sich mit

einem hohen Idealbild identifi ziert und dabei

seine eigenen Grenzen überspringt. Er

hält sich selbst für ideal und verdrängt dabei

seine negativen Seiten. Die werden dann zu

Schattenseiten. Wer meint, er könne nur die

Liebe des hl. Franziskus leben, der verdrängt

seine Aggressionen. Und diese Aggressionen

werden sich dann vom Unbewussten

– vom Schatten aus, wie C.G. Jung sagt –

destruktiv auf den Menschen auswirken. Die

Liebe hat dann als Schatten das harte Urteilen

über andere, die nicht so gläubig sind.

Oder bei anderen werden die hohen Ideale

ausgeglichen durch das ständige Reden

vom Teufel. Weil man sich selbst ganz ideal

sieht, sieht man sich ständig vom Teufel angefochten.

Man wittert überall den Teufel.

Letztlich ist es der Teufel im eigenen Herzen,

den man an die Wand malt, weil man ihn

bei sich lieber nicht wahrnehmen möchte.

Richtiger Umgang

mit Idealbildern

Es braucht daher einen richtigen Umgang

mit den Idealbildern. Idealbilder fordern uns

4


heraus, locken die guten und starken und

frommen Seiten in uns hervor. Sie sind Antrieb,

an uns zu arbeiten, uns nicht zufrieden

zu geben mit einem oberfl ächlichen Leben.

Aber die Idealbilder brauchen als Ausgleich

die Tugend, die der hl. Benedikt so sehr

geschätzt hat: die Demut. Die Demut ist

der Mut, hinabzusteigen in die Tiefen der

eigenen Seele, auch in die dunklen Schattenseiten

der Seele. Demut ist verwandt mit

humilitas, was Erdverbundenheit, mit beiden

Beinen auf dem Boden stehen, meint.

Idealbilder, die uns begeistern, können uns

verlocken, so wie sie den Ikarus im griechi­

Dr. Ruth Pfau

Geboren 1929 in Leipzig.

Studium der Medizin in Mainz und Marburg.

Seit 50 Jahren als Lepra- und

Tuberkulose-Ärztin in Pakistan tätig.

schen Mythos verlockt haben. Ikarus war

so fasziniert vom Licht der Sonne, der er

entgegen fl og, dass er nicht merkte, wie

die Sonnenstrahlen das Wachs an seinen

Flügeln schmolz. So stürzte er jählings

ab. Wir sollen keine Himmelsstürmer sein,

sondern mit beiden Beinen auf der Erde

stehen. Dann können wir uns herauslocken

lassen von Idealbildern. Dann werden

wir Schritte der Entwicklung machen,

Schritte auf Gott zu. Wir werden unsere

Wahrheit immer mehr vom Licht Christi erhellen

und verwandeln lassen.

Heilende Wirkung von Idealen

Idealbilder wollen sich in uns ein­bilden,

damit wir mit dem ursprünglichen Bild in

Berührung kommen, das Gott sich von jedem

von uns gemacht hat. Wenn wir mit

dem einmaligen Bild Gottes in Berührung

sind, dann empfi nden wir inneren Frieden,

Freiheit, Liebe und Lebendigkeit. Wenn wir

uns mit zu großen Bildern identifi zieren, werden

wir blind für die eigenen Bedürfnisse

und Schattenseiten. Daher geht es darum,

sich von den Bildern der Ideale und Idole

anregen zu lassen, ohne sich mit ihnen zu

identifi zieren. Dann haben sie eine heilende

Wirkung auf uns.

Der Schweizer Psychologe C.G. Jung spricht

von archetypischen Bildern, wie sie etwa

im Bild des Heiligen uns begegnen. Diese

archetypischen Bilder haben die Wirkung,

uns zu zentrieren, uns in die eigene Mitte

zu führen, zu unserem wahren Selbst. Sie

sind Quellen innerer Kraft und Lebendigkeit.

Und sie sind notwendig für unsere innere

Heilung. Aber wenn sich jemand mit

archetypischen Bildern identifi ziert, etwa

mit dem Bild des Heilers oder Helfers, dann

wird er bei seinem Helfenwollen blind für

die eigenen Bedürfnisse, die er unter dem

Deckmantel des Helfens ausagiert.

Idealbilder unserer Zeit

Die Menschen sehnen sich heute nicht nur

nach den Idealbildern der Vergangenheit.

Sie schauen aus, ob sie heute in der Kirche

solche Idealbilder und Lichtgestalten

sehen. Da bieten sich durchaus auch heute

noch Menschen an, die überzeugen,

wie etwa Bischof Kamphaus oder Sr. Lea

Ackermann oder Dr. Ruth Pfau, die in Pakistan

als christliche Ärztin und Ordensfrau

wirkt. Allerdings gibt es nicht viele lebendige

Vorbilder. In der Vergangenheit sehen

wir mehr Ideale: Mutter Teresa, Thomas

Merton, Roger Schutz, Erzbischof Helder

Camara, Erzbischof Romero, der den Märtyrertod

starb. Es ist eine Herausforderung

an uns, authentisch unser Christsein zu

leben. Wir können nicht mit dem Vorsatz

antreten, für andere Vorbilder zu sein. Das

wird nur zu einer Ich­Aufblähung führen.

Aber wir sollen unserer Verantwortung gerecht

werden, uns vom Geist Jesu durchdringen

zu lassen. Dann dürfen wir vertrauen,

dass die Menschen auch in uns

Bilder Jesu Christi erkennen, Ikonen, die

etwas ausstrahlen von der Liebe und Freiheit

Jesu C hristi. Nicht indem wir uns den

jungen Menschen gegenüber als Vorbilder

darstellen, wirken wir als Vorbilder, sondern

wenn wir in aller Demut unser Leben

authentisch leben, wenn wir immer durchlässiger

werden für den Geist Jesu Christi.

Dann wird dieser Geist Jesu auch heute

durch Menschen hindurch die Menschen

berühren und sie zu ihrem eigentlichen

Bild hinführen, das Gott sich von ihnen

gemacht hat.

P. Anselm Grün OSB

Geboren 1945 in Junkershausen •

Profess 1965 • Priester 1971 • Seit

1977 Cellerar der Abtei Münsterschwarzach

• Geistlicher Begleiter

und Bestsellerautor christ licher

Spiritualität

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ZuM THEMA

Idole wirken blendend

von P. Jonathan Düring OSB

Im Buch Exodus des Alten Testamentes

steht das Gotteswort: Du sollst Dir kein Bild

von mir machen!

Ein Gottesbild – und sei es das frömmste

– das sich beim genauen Betrachten nicht

wieder aufl öst, ist immer eine Verzerrung

der Wirklichkeit. Das gleiche gilt auch für

das Bild, das wir uns von einem Menschen

machen können. Kein Bild erfasst das ganze

Geheimnis der menschlichen Person. Bilder

(auch Worte und Begriffe) erzeugen allzu

schnell die Illusion der Verfügbarkeit (für

eigene Interessen und Zwecke). Um eine

solche – meist geschäftsmäßige – Verfügbarkeit

aber geht es bei allen Idolen. Nach

außen hin stehen sie da als die von allen

bewunderten strahlenden Gewinner, aber

wie es ihnen nach innen hin geht, darf sogar

sie selber nicht mehr interessieren – es

könnte ihre Wirkung auf die Bewunderer

beeinträchtigen.

Idol – ein abgöttisch

verehrter Mensch

Jemand, der in der Öffentlichkeit als Idol

gilt oder von den Medien dazu gemacht

wird, ist laut Duden zunächst einmal nur ein

"abgöttisch verehrter Mensch". Der Preis für

ein Leben als Idol ist hoch. Die Scheinwerfer

der Medien werden ganz schnell zu Richt­

Scheinwerfern, die dann ein Ziel beleuchten,

das dadurch nur umso besser abgeschossen

werden kann. Der Aufwand, um immer im

rechten Licht zu erscheinen, ist gewaltig.

Dabei geht es nicht nur um die Zeit, die

dafür aufgewendet werden muss oder um

die Schminke, die auch noch die kleinsten

Fältchen zu überdecken hat, damit durch

die Bestrahler ja keine ungewollten dunklen

Stellen sichtbar werden. Idole müssen immer

blendend aussehen. Es hat ihnen auch immer

blendend zu gehen. Dass dies nicht gerade

wahrhaftigkeitsfördernd wirkt, ist verständlich.

Idole sehen dabei zwar gut aus,

sehen selber aber meistens gar nicht viel, da

sie von dem auf sie gerichteten (Blitz­)

Licht geblendet sind. Sie sollen wohl

auch gar nicht (mehr) so viel sehen und

hören von den Menschen, denn sie stehen

im Dienst derer, die sie über die reine

Menschlichkeit hinaus heben und in

göttliche Nähe rücken. Ihr eigentlicher

Lohn sind die verzückten Gesichter, das

enthemmte Kreischen, der tosende Applaus

und der rhythmische Jubel der

unüberschaubaren Menge.

Was nennst

Du mich gut?

Obwohl er wirklich Möglich keit und

Grund genug dazu gehabt hätte, die

sich immer wieder um ihn drängenden

Menschenmengen als Beweis seiner

Größe und Genialität anzusehen, wies

Jesus seine Bewunderer immer wieder

zurück. Oft auch schroff (vgl. Mk 10,17f

und Lk 18,18f). Die – wohl sogar ehrlich

gemeinte – Frage: „Guter Meister,

was muss ich tun, um das ewige Leben

zu gewinnen?" beantwortete Jesus mit

der schroffen Feststellung: „Warum

nennst du mich gut? Niemand ist gut

außer Gott, dem Einen". Auch als eine

Frau aus der Menge seine Mutter seligpries,

weil sie ihn zur Welt gebracht

und an ihrer Brust gestillt hatte, ließ

er diese im Grunde schroff abblitzen.

Die Reaktion Jesu auf solch bewundernde

Äußerungen hörte sich eher

nach „Hört auf mit dem Quatsch!" an,

als nach Freude über die Hochachtung,

die er oder seine Mutter durch die anderen

Menschen erfahren haben.

Wer andere bewundert,

wertet sich selber ab

Es darf nicht darum gehen, einen

Menschen auf den Sockel zu stellen,

weil wir ihn bewundern wollen (oder

sollen). Bewunderung führt in die Irre.

6


Wer bewundert wird, gerät in die Gefahr des

Hochmuts. Wer andere bewundert, wertet

sich selber ab. Wer sich selber abwertet, ist

in der Gefahr, vom – natürlich heimlichen –

Neid vergiftet zu werden. Innerlich vergiftete

Menschen sind ungenießbar. Nicht selten

sogar gemeinschaftszerstörend – sosehr wie

es auch hochmütige Menschen sind.

So wie Höfl ichkeit in manchen Fällen lediglich

als galante Form der Verachtung praktiziert

wird, ist Bewunderung nicht selten

eine Form der Reduzierung auf das Unwesentliche.

Wer das Bad in der bewundernden

Menge braucht oder sucht, braucht sich

nicht zu wundern, wenn er statt in der Fülle

des Lebens in der Gülle des Lebens landet.

Es gibt genügend aktuelle Beispiele dafür,

dass dies nicht nur ein schönes Wortspiel

ist, sondern sehr wohl die Realität unserer

Mediengesellschaft beschreibt.

Hochwürden klingt merkwürdig

Wie irritierend eine plötzliche Hervorhebung

aus der Menge wirken kann wurde mir

deutlich anlässlich meiner Primiz in meiner

Heimatgemeinde. Bis dahin galt für mich

auf die Frage, wie man mich denn nun –

nach meinem Klostereintritt – ansprechen

solle, immer der Grundsatz: „Als den, den

Ihr kennengelernt habt". Für zuhause hieß

das einfach: „Als Johannes".

Nun kam ich als „Frischgeweihter" zurück.

Die Begrüßung begann schon vor dem

berühmtesten Tor der Stadt. Von dort aus

wurde ich von Vertretern der Gemeinde, von

Freunden und Bekannten vor das historische

Rathaus begleitet, wo mich der in Amtskette

erschienene Bürgermeister offi ziell und

festlich empfi ng. Ich stand etwas unbeholfen

in der Situation. Gott sei Dank wusste

ich um den Rückhalt der alten Freunde, die

mitten in der Menge dabei waren. Bis dahin

hatte mich, wenn wir uns begegneten auch

der Bürgermeister immer als „Johannes“

angesprochen. Jetzt aber begrüßte er mich

feierlich mit den Worten „Hochwürden Pater

Jonathan". Ich errötete. Jedes weitere Mal,

wenn der Titel „Hochwürden" mich traf, errötete

ich noch mehr. Als ich dann auch noch

die Gesichter meiner verschmitzt grinsenden

alten Kumpels sah, wünschte ich mir ein

tiefes Loch, in das ich verschwinden könnte.

Zu merkwürdig klang dieses „Hochwürden"

in mir nach – ich wusste, dass ich das so

nicht bin.

Willst Du bewundert

oder geliebt werden?

Am Tag der Primiz selbst nahm mich eine

alte Iphöferin, die wohl meine Unsicherheit

gespürt hat, kurz beiseite, legte die Hand

auf meine Schulter, schaute mir in die Augen

und gab mir einen von Herzen kommenden

Rat: „Du musst Dir nur klar sein, was

Du möchtest, Johannes. Möchtest Du, dass

Dich die Leute bewundern, oder möchtest

Du, dass die Menschen Dich lieben? Wenn

Du bewundert werden willst, musst Du immer

perfekt sein und kannst Dir keine Fehler

erlauben. Wenn Du geliebt werden möchtest,

darfst Du ruhig auch mal einen Fehler

machen – Du musst dann nur dazu stehen.

Das macht Dich menschlich." – Dafür bin

ich ihr von Herzen immer wieder dankbar.

Das schönste Kompliment und die größte

Würdigung ist es, wenn uns jemand in unserer

Menschlichkeit erkennt und uns dies

spüren lässt. Und wenn wir die Botschaft

des Neuen Testamentes ernst nehmen, wissen

wir, dass diese Würde auch Gott liebend

gern von uns erfahren würde.

P. Jonathan Düring OSB

Geboren 1960 in Iphofen • Profess

1984 • Priesterweihe 1989

• Seit Oktober 2008 im Priorat

Damme als Subprior und Seelsorger

tätig

7


ZuM THEMA

Eine Spurensuche

– Man muss kein Megastar dafür sein

von Dr. Reinhard Klos

„Er ist einer, der viel kann.“ – „Er rettet

Menschen und bekämpft das Böse.“ – „Er

ist ganz groß und ganz stark.“ So stellen

sich Kinder einen Helden vor. Der Radio­

Kurs von Kollegiaten des Münsterschwarzacher

Egbert­Gymnasiums hat Helden und

Heldenbilder gesucht. Im Kindergarten, in

Schulen, im Sport, in der Literatur, in der

Kirche. Gibt es das noch heute: Helden?

Ein Jahr lang beschäftigte sich der Radio­

Kurs der Klosterschule mit dem Thema

„Helden und Vorbilder“ in umfangreichen

Recherchen und Auswertungen. Die Fragestellung

war: Gibt es in einer immer unübersichtlicher

werdenden Welt noch Menschen,

die uns Halt und Orientierung bieten? Gibt

es heute noch Helden? Die Schüler suchten

Thomas Lurz aus Würzburg

Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart,

Kriegshelden und Friedensaktivisten,

real existierende und Romanhelden und

nicht zuletzt Vorbilder des Glaubens.

Beispiel 1: Sport.

Der Schwimmer Thomas Lurz aus Würzburg

hat viel erreicht. Er wurde Weltmeister und

Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen

Spielen. Wenn er siegt, jubelt ihm

das Stadion zu. Er hält sich für ehrgeizig,

trainiert über 30 Stunden pro Woche und

schwimmt dabei bis zu 110 Kilometer. Als

Held möchte er dennoch nicht bezeichnet

werden. „Zu einem Helden gehört auch,

jemand anderem in irgendeiner Form geholfen

zu haben, und das ist bei mir im

Sport eigentlich nicht der Fall.“

Beispiel 2: Jugendliteratur.

Eine Umfrage bei Fünftklässlern ergab,

dass „Charlie Bone“ dort hoch im Kurs

steht. Wenn er Bilder sieht, kann er in sie

hineingehen und mit den abgebildeten

Menschen reden. Diese magischen Kräfte

helfen ihm, die „Bösen“ zu bekämpfen. Er

hilft damit den „Guten“, ganz so wie sich

Thomas Lurz das vorstellt. Charlie Bone als

Titelheld der Reihe „Die Kinder des roten

Königs“ der britischen Autorin Jenny Nimmo

wird so zum Vorbild.

8


Beispiel 3: Kriegshelden.

Ein Wort, das uns heute nur schwer über

die Lippen geht. Die Schüler befragten Veteranen

des Zweiten Weltkriegs über ihre

Erlebnisse. Bei den Erzählungen stand

meist nicht das Töten des Feindes, sondern

die Rettung der eigenen Kameraden

im Mittelpunkt. Ein ehemaliger Unteroffi

zier erinnerte sich etwa, dass er seine

Soldaten noch rechtzeitig aus ihrem Zelt

gejagt hatte, bevor die Granate einschlug.

Die Berichte sind ein weiterer Beleg dafür,

dass praktizierte Nächstenliebe offenbar

als Wesenszug des Heldentums verstanden

wird.

Beispiel 4: Glaubenszeugen.

Die angehenden Journalisten befragten

Missionare der Abtei Münsterschwarzach

nach ihren Erfahrungen. Von Bruder Thomas

Morus Bertram erfuhren sie: Er hatte

siebenmal Malaria, er hat zwei Mitarbeiter

wegen Aids verloren und einen Großteil

seines Gehörs eingebüßt. In einer Nacht

fuhr er vier vergiftete Kinder sechs Stunden

lang auf einer Schlammstraße durch strömenden

Regen ins Krankenhaus. Drei von

ihnen überlebten. Ein Held? Bruder Thomas

Morus wiegelt ab. Auch er will nicht

als Held da stehen: „Manchmal sind es

die kleinen Dinge, die viel wichtiger sind.

Etwas, das im Verborgenen geschieht, aber

Gott sieht es.“

Feindesliebe Bruder Thomas Morus Bertram OSB

Beispiel 5: Helden des Alltags.

Die Recherchen führten die Oberstüfl er

ins Antonia­Werr­Zentrum Wipfeld, das

etwa 100 Mädchen und ihre Familien in

prekären Lebensverhältnissen betreut. Der

stellvertretende Leiter der Einrichtung, Dr.

Alfred Hußlein, erzählte von einer jungen

Auszubildenden, die er am Vortag entlassen

durfte: „Sie hatte überhaupt keine Eltern.

Da gab es so viele Rückschläge und

Tiefschläge. Niemand hätte ihr zugetraut,

dass sie ihr Leben in den Griff bekommt,

und trotzdem hat sie jetzt eine Ausbildung

zur Gärtnerin abgeschlossen. Das ist für

mich eine Heldin.“

Dr. Reinhard Klos

geboren 1974 • Studium der

Germanistik, Sozialkunde und Geschichte

in Bamberg und Würzburg

• seit 2005 Lehrer am Egbert­

Gymnasium der Benediktiner­Abtei

Münsterschwarzach.

9

Die Kandidaten auf der Tatfunk Preisverleihung


ZuM THEMA

„Gott“ geht auch

ohne Mobiltelefon

Die junge Generation Tansanias und ihre Idole

von Fr. Silvanus Kessy OSB

Jedes Alter hat seine eigenen Idole. Für

den Menschen als Wesen mit Verstand und

Dynamik gibt es in den verschiedenen Lebensabschnitten

auch verschiedene Idole.

Es ist interessant, dass die unterschiedlichen

Generationen auch verschiedene

Dinge als Idole ansehen. Die Menschen

fi nden so großen Gefallen an den unterschiedlichsten

Dingen, dass diese zum Idol

erkoren werden.

Noch vor zwei Jahren konnte man hier in

Tansania nicht über wirkliche Idole sprechen.

Bei den meisten Leuten, besonders

Das Mobiltelefon ist ständig dabei

bei den Jugendlichen, ging es eher um

Hobbies. Das Interesse lag bei Musik und

Fußball. Gegenwärtig stehen für die jungen

Leute in Tansania Mobil­Telefone und Motorräder

an erster Stelle. Das sind ihre Idole.

Die meisten jungen Menschen in Tansania

haben kein geregeltes Einkommen. Weder

Ausbildung noch einen Arbeitsplatz.

Sie sind arm. Umso mehr überrascht es

mich, dass die meisten jungen Männer und

Frauen ein Mobil­Telefon besitzen. Manchmal

haben sie sogar mehrere. In Tansania

gibt es vier große Telefongesellschaften:

Airtel, Vodacom, Zantel und Tigo. Es ist

ganz und gar nicht ungewöhnlich, dass

so mancher junge Mensch für jede dieser

Telefongesellschaften ein Handy und eine

Sim Card hat. Wenn man die Leute fragt,

warum sie so viele Handys haben, so lautet

die Antwort: um erreichbar zu sein.

Traurig ohne Handy

P. Severin vom Zakeo Zentrum hat einmal

geschrieben: „Wenn Du jederzeit und

überall erreichbar sein möchtest, kannst

Du keine wichtige Person sein. Gott ist die

wichtigste Person, aber ihn kann man auch

ohne Mobil­Telefon erreichen“. Ein junger

Mann erzählte mir, dass er ohne Mobil­

Telefon nicht mehr leben kann. Wenn er

sein Handy verlieren würde, wäre es, als ob

er etwas sehr Wichtiges in seinem Leben

verloren hätte.

Ein Oberer einer religiösen Gemeinschaft

startete ein Experiment. Er bat alle Mitglieder

der Gemeinschaft, die Handys bei ihm

abzugeben. Alle folgten dieser Bitte. Der

Obere bemerkte jedoch später, dass alle

sehr traurig waren. Es gab keine Lebendigkeit,

keine Gespräche, keine Zufriedenheit,

keinen Frieden und keine Entspannung

mehr. Alle waren trübselig, weil man ihnen

ein wichtiges Idol weggenommen hatte.

Die anderen haben’s auch

Ein weiteres Idol in Tansania sind Motorräder.

Aus China werden viele günstige Motorräder

importiert. Schon für rund 850

Euro kann man ein Motorrad erwerben. Es

ist schon verrückt, manche jungen Männer

haben keine Wohnung, kein Essen, nicht

genügend Kleidung oder Geld für Arztbesuche,

aber sie müssen sich unbedingt ein

Motorrad kaufen, denn die anderen haben

auch eines. Natürlich setzen die jungen

Leute diese Motorräder auch zum Transport

von Personen – wie ein Taxi – ein.

10


Motorräder sind nicht nur Transportmittel, sondern vor allem ein Statussymbol

Es gibt nicht nur schöne Seiten am Motorradfahren, wie die Hospitalstation II in Ndanda belegt

Aber für manche Menschen ist es nur

Show. Es wird schnell gefahren und bis

zur Höchstgeschwindigkeit beschleunigt,

um Krach zu machen und die Aufmerksamkeit

auf sich zu lenken. Die meisten haben

noch nicht einmal einen Führerschein.

Wegen zu hoher Geschwindigkeit passieren

oft Unfälle, so dass viele junge

Männer verunglücken und sich dabei ihre

Knochen brechen. Sehr anschaulich ist das

in unserem Hospital auf Station II zu sehen.

Dort liegen die jungen Männer nach

Motorradunfällen und müssen verarztet

werden.

Als Pfarrer wurde ich wegen der Handys

bereits mit Besorgnis erregenden Fällen

konfrontiert. So haben viele Ehepaare

Probleme oder sich sogar schon getrennt.

Grund: das Handy. Manche Männer und

Frauen verabreden sich über das Handy

mit ihren Zweit­Freunden oder ­Freundinnen

und das gibt Ärger…

Ein Mann beklagte sich bei mir, dass seine

Ehefrau ihm einen großen Verlust bereitet

hat. Ich fragte nach der Art des Verlusts.

Nachdem seine Ehefrau eine Nachricht von

der Nachbarsfrau auf seinem Handy gelesen

hatte, zerschmetterte sie das teure

Mobil­Telefon auf dem Boden. Dieser Verlust

war für ihn so groß, dass er nicht mehr

bereit war, weiterhin mit seiner Ehefrau

zu leben.

So zeigt es sich, dass diese Idole Unheil

gebracht haben!

11

Fr. Sylvanus Kessy OSB

Geboren 1966 in Kishumandu/

Tansania • Profess 1996 • Priesterweihe

2001 • Prior der Abtei

Ndanda seit 2010


ZuM THEMA

ZuM THEMA

Idole und Anti-Idole

Einzelpersönlichkeiten bestimmen auf den Philippinen über den Lauf der Politik

von P. Edgar Friedmann OSB

Nicht Sachfragen, sondern Persönlichkeitsprofi

le stehen auf den Philippinen in

der Politik im Vordergrund. Präsidenten

werden zu angehimmelten Idolen oder zu

Symbolen der Unterdrückung. Für die Entwicklung

des Landes ist dies eher hinderlich.

Die Philippinen waren fast 400 Jahr lang

unter spanischer Herrschaft, bevor sie im

Jahr 1898 die einzige Kolonie der USA wurden.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gab

Plakatwände für die Präsidentenwahlkämpfe

Amerika seine Kolonie auf und half dem

Land beim Auf­ und Ausbau eines demokratischen

Staatswesens. Die Verfassung des

Staates ist der der Vereinigten Staaten von

Amerika ähnlich. Damit geht eine starke

Stellung des jeweiligen Präsidenten einher.

Der Diktator Ferdinand Marcos

Nicht Idol, sondern eher Symbol, nämlich

für Unterdrückung, Ausbeutung und Korruption

war seither vor allem Ferdinand

Marcos. Von den Präsidenten nach der

amerikanischen Zeit regierte er am längsten,

von 1965 bis 1986. Er verhängte von

1972 bis 1981 das Kriegsrecht über das

Land, um gegen kommunistische und andere

Aufständische vorgehen zu können.

Nach und nach schaffte er die demokratischen

Institutionen ab und regierte nur

noch durch Dekrete. Über seine „Cronies“

– das sind „Spezis“ – beherrschte er die

gesamte Wirtschaft des Landes und entwickelte

sich auf diese Weise zum steinreichen

Diktator. Der Reichtum von Fer­

12


dinand Marcos und seiner Frau Imelda, die

heute noch am Leben ist, nahm geradezu

sagenhafte Ausmaße an. Die Philippinos

fühlten sich von Marcos mehr unterdrückt

als von den ehemaligen Kolonialmächten.

Corazon Aquino

Auf Marcos folgte Corazon Aquino. Sie

wurde sehr schnell zum Idol für Demokratie

und Freiheit. Dies lag schon an den dramatischen

Geschehnissen, die zum Sturz

des Diktators führten.

1983 wollte Oppositionsführer Benigno

Aquino aus dem Exil in den USA in seine

Heimat zurückkehren. Als er in Manila aus

dem Flugzeug stieg, wurde er angeblich

von einem kommunistischen Rebellen erschossen.

Das Volk aber wusste instinktiv,

wer die Drahtzieher des Mordes waren.

Von diesem Zeitpunkt an kam der Thron

des alternden Diktators ins Wanken und

er musste schließlich einer vorgezogenen

Neuwahl zustimmen. Die Opposition einigte

sich auf Corazon Aquino, die Witwe

ihres ermordeten Führers, als Kandidatin

gegen Marcos. Nachdem Marcos und seine

Anhänger das Wahlergebnis offensichtlich

massiv gefälscht hatten und Frau Aquino

zur Präsidentin erklärt worden war, kam

es zur berühmt gewordenen unblutigen

Rosenkranz­Revolution, bei der die katholische

Kirche entscheidend mitwirkte.

Denn der Erzbischof von Manila, Kardinal

Sin, mobilisierte Hunderte von Ordensfrauen,

die sich den anrückenden Panzern

auf den Straßen von Makati entgegenstellten.

Damit ließ das schon gespaltene Militär

den Präsidenten vollends im Stich und

Marcos fl oh innerhalb weniger Stunden

aus dem Land. Am Ende der aufregenden

Tage wurde Cory Aquino am 25. Februar

1986 als Präsidentin der Philippinen gefeiert

und ihr dramatischer Sieg machte sie

noch mehr zum Idol der Freiheit.

Als solches blieb sie bis zum Ende ihrer

sechsjährigen Amtszeit und später bis zu

ihrem Tod bei der Mehrheit der Philippinos

unumstritten. Den enormen Problemen

des Landes nach der langen Marcos­Zeit

war die politisch unerfahrene Frau jedoch

wenig gewachsen. Zu ihrem Nachfolger

als Präsident wurde der frühere Generalstabschef

Fidel V. Ramos gewählt. Dieser

erfahrene und nüchterne Mann führte das

Land in solider Weise, aber auch er konnte

die strukturellen Probleme der Gesellschaft

nicht lösen und die Tatsache nicht ändern,

dass ein hoher Prozentsatz der Philippinos

unter der Armutsgrenze lebte.

Ein Schauspieler als Präsident

So konnte sich zur nächsten Wahl ein Kandidat

zum neuen Idol für soziale Gerechtigkeit

aufschwingen, der vor allem bei den

einfachen Philippinos beliebte Filmschauspieler

Joseph Estrada. Er versprach, die

Armut nachhaltig zu bekämpfen, und wurde

trotz Warnungen zum Beispiel seitens

der Kirche auf Anhieb mit großer Mehrheit

zum Präsidenten gewählt.

Doch bereits nach zwei Jahren kam es

zu einer zweiten Revolution und Estrada

musste in Schmach und Schande der gewählten

Vizepräsidentin Gloria Macapagal­Arroyo,

der Tochter eines vor Marcos

beliebten Präsidenten, Platz machen.

Idol nach Vorbild seiner Eltern

– Präsident Benigno Aquino Jr.

Die recht lange und nicht allzu glückliche

Amtszeit von Frau Arroyo ist wohl ein

Grund dafür, dass schließlich im Jahr 2010

der Sohn von Benigno und Corazon Aquino

mit Leichtigkeit die Wahl zum Präsidenten

gewann. Benigno Aquino Jr. – genannt

Noynoy oder P­Noy – ist gewiss für das

höchste Staatsamt qualifi ziert, aber selbst

seine Anhänger geben zu, dass andere

Kandidaten bessere Führungsqualitäten

besitzen.

Der Tod seiner überaus beliebten Mutter

Corazon während der Wahlkampagne

brachte Noynoy Aquino ohne Zweifel einen

zusätzlichen Bonus als Idol für Freiheit

und Demokratie ein.

Idol der Männlichkeit

Nach meinen Beobachtungen in 28 Jahren

geht es in der Politik der Philippinos

überwiegend um Ehre und Ansehen von

Personen. Das jüngste Beispiel dafür ist der

Boxer Mani Pacquiao. Er wurde nach seinen

vielen internationalen Siegen als Idol

für Stärke und Männlichkeit im vergangenen

Jahr ins Parlament gewählt.

Sachfragen stehen demgegenüber eher

im Hintergrund. Gemeinsame Einsichten

zu gewinnen und sie demokratisch in die

Tat umzusetzen, fällt sehr schwer. Auch

deshalb wird der durchaus vorhandene

Reichtum des Landes wenig erschlossen

und die noch weithin arme Bevölkerung

kann sich kaum entwickeln.

13

P. Prior Edgar Friedmann OSB

Geboren 1940 in Bamberg • Profess

1961 • 1983 Missionsaussendung

• 1983 – 2002 Novizenmeister

und Studienpräfekt

• Seit 2002 Prior von Digos.


ZuM THEMA

Gottheit, repräsentiert

durch ein Objekt

Idole in Südamerika

Regenbogenkreuz

von Orlando Vasquez

In Lateinamerika gibt es die Angewohnheit,

Mitmenschen aus dem einen oder

anderen Grund zu idealisieren. Getragen

durch ein Massenpublikum, schaffte es

schon mancher zum Superstar. Nehmen wir wir

beispielsweise Pelé oder oder Maradona: Maradona: Aus Aus

einfachen einfachen Verhältnissen stammend, haben

es es beide über den den Fußball geschafft, geschafft, zu

Idolen zu werden. werden.

Pelé hatte das das Glück, dass dass er er mit mit 16 Jahren Jahren

bereits zum zum ersten Mal bei bei einer Weltmeisterschaft

dabei sein durfte. Aber trotz seines

Ruhmes bevorzugte er er ein einfaches

und bescheidenes Leben. Vielleicht, weil

er als Schwarzer beweisen beweisen wollte, wollte, dass

man erfolgreich sein kann, ohne dabei das

Gleichgewicht Gleichgewicht seiner Seele zu zu verlieren.

Vergötterte Stars

Auch Juan Diego Maradona wurde in jungen

Jahren zum Idol. Aufgewachsen in

einem Elendsviertel, konnte er auf einmal

all all das haben, was was das Leben ihm zuvor

versagt hatte, all all das, das, wovon wovon er als Kind Kind

nur geträumt hatte. Er kaufte seinen Eltern Eltern

und und Geschwistern Geschwistern ein ein Haus. Haus. Bis hin zu seinennen

Freunden profi tierten alle alle um um ihn herum

von seinem Erfolg. Dieser Erfolg Erfolg blendete

aber sein sein weiteres weiteres Leben, Leben, da die Menschenschen

ihn wie eine eine Gottheit behandelten.

Im religiösen Bereich Bereich gibt es viele Erfahrungen

in verschiedenen verschiedenen Teilen Südamerikas.rikas.

Mit der Ankunft Ankunft der spanischen spanischen

„Conquistadores“ begann eine Etappe

der Kriege, des Hungers und auch der

neuen Idole, die zwar zwar mitgebracht, aber

nicht als eigen angenommen angenommen wurden. Lassen

Sie mich dies anhand eines Beispiels

veranschaulichen:

14


Einer der wichtigsten Bräuche der Inkazeit

war die Prozession der Mumien während

der Sommersonnwende. Die Inkas glaubten,

dass die mumifi zierten Körper eine

gewisse Energie verwahren und dass diese

zur Lösung drängender Probleme beitragen.

Die Mumien bildeten das Fundament

der verschiedenen Orakel, deren Tempel

überall im großen „Tahuantinsuyo“ (Inkareich)

zu fi nden waren.

Verkörperung Gottes

Der Volksmund sagt, dass der damals zuständige

Bischof von Cusco die Inka­Priester

konsultierte, ob es möglich sei, die

Energie, die diese Mumien verwahrten,

in die Heiligenbilder einer katholischen

Prozession aus Barcelona zu übertragen.

Die Inka­Priester antworteten, dass dies

möglich sei, und so begann der erste

Retablo, religiöse Volkskunst aus Peru

große Prozess des Synkretismus. Für mich

bestätigt sich hiermit, dass das Thema der

Idole mehr ein externes Thema war als

eines der Inkas, da in der religiösen Mystik

nicht nur das Idol verehrt wurde, sondern

die Verkörperung Gottes im eigenen

Leben.

Gemäß der Defi nition „ein Idol ist ein Objekt,

das eine Gottheit repräsentiert“, hat

es mich berührt zu beobachten, wie in der

Volkskunst Heiligenbilder gestaltet werden.

In der peruanischen Kunst wird Gott

sehr oft als alter, weiser Mann dargestellt,

der in den Bergen lebt und sich mittels

einer Energie offenbart, die ihm aus den

Wolken zufl ießt. Damit wird verdeutlicht,

dass er ebenso im Überirdischen wie auch

im irdischen Bereich gegenwärtig ist. Auf

manchen Retablos (Altarbildern) begleitet

ihn ein Regenbogen, in welchem sich die

stärkste Form von Energie offenbart. Ihm

zur Seite fi nden sich zumeist die Sonne

und der Mond, die für die Inkas Bilder der

lebendigen Natur schlechthin sind.

Jesus wird oft als sozialer Kämpfer dargestellt,

als ein gekreuzigter Revolutionär, als

großer Heiler und als Mann, dessen Wort

zu Fleisch geworden ist. So bekundet die

Volkskunst in der Vielzahl ihrer Idole die

grenzenlos­vielfältige Energie der Schöpfertätigkeit

Gottes.

Orlando Vasquez

Geboren 1953 in Lima/Peru •

Initiator und Präsident der Organisation

Inti Raymi • Präsident

verschiedener Handwerkskomi tees

sowie Mitglied im Beratungsausschuss

der peruanischen Regierung zur Förderung

des peruanischen Handwerks.

15


ZuM THEMA

Von leuchtenden Fixsternen

und falschen Feuern

oder: Was der Heilige dem Star voraus hat

von Anja Legge

Wer erinnert sich nicht an die messianisch

anmutenden Auftritte von Michael Jackson,

an die engelsgleich­laszive Marilyn

Monroe, an kreischende Robbie­Williams­

Fans oder das Blumenmeer für die tödlich

verunglückte Lady Diana? Stars und

Sternchen gibt es in unserer multimedialen

Gesellschaft zuhauf. Sie werden in den

Himmel gejubelt, wie Heilige verehrt und

nach ihrem Tod wie Märtyrer glorifi ziert.

Doch wer sind diese „modernen Heiligen“?

Warum spielen sie heute eine so große

Rolle, dass sie gar die Seligen und Heiligen

der Kirche zu verdrängen drohen? Und:

Hat der Medienstar dem Heiligen wirklich

so viel voraus?

Kritische Erwachsene werden

Dass Idole und Vorbilder für die Persönlichkeitsentwicklung

junger Menschen unerlässlich

sind, steht außer Frage. Sie sind

notwendige Orientierungshilfen, damit aus

Kindern reife und (selbst­) kritische Erwachsene

werden können. Das sieht auch Dr.

Wunibald Müller so, Leiter des Recollectio­

Hauses in Münsterschwarzach. Der Prozess

der Identitätsfi ndung beginne damit, dass

sich Heranwachsende zunächst einmal an

Vorbildern aus dem direkten Umfeld orientieren.

„Das können die Eltern, der Pfarrer

oder der Lehrer sein, Menschen, deren

Verhaltens­ und Sichtweisen wir übernehmen

und relativ unrefl ektiert nachahmen“,

erläutert der Theologe, Psychologe und

Psychotherapeut. Doch von ihren ersten

Vorbildern müssen sich Jugendliche im

Alter von 16 bis 23 Jahren wieder lösen.

Dieses Loslassen bringt oft eine Phase der

Unsicherheit, ja der Krise mit sich, ist aber

immens wichtig. „Erst dann kann sich der

Blumenmeer beim Tod von Prinzessin Diana.

16


Blick nach innen richten, kann ich mich

selber fragen: Was ist MEIN Lebenstraum?

Was sind MEINE Überzeugungen?“ Bei der

Beantwortung dieser Fragen können wiederum

andere Menschen helfen, Vorbilder,

die jetzt bewusst ausgewählt werden, weil

sie dem eigenen Inneren entsprechen.

„Mich haben beispielsweise der Theologe

Karl Rahner und der Psychotherapeut

Carl Ransom Rogers unheimlich fasziniert.

Die haben mich angesprochen, zu denen

habe ich aufgeschaut...“, erinnert sich

Wunibald Müller.

Wenn „Fan-Kult“

ins Negative umschlägt

Eine übersteigerte Orientierung am Vorbild

kann jedoch auch ernste Gefahren bergen.

„Der Fan­Kult schlägt dann ins Negative

um, wenn ich ein Stück meiner eigenen

Identität abtrete, mich hinter einem Idol

verstecke und es zum Ersatz für meine eigene

Identität mache“, warnt der Theologe

und Therapeut. Und doch brauchen wir

Idole. Sie begleiten uns ein Leben lang.

„In uns Menschen ist das Bedürfnis verankert,

dass wir zu jemandem aufschauen

wollen, der größer ist als wir selbst“, präzisiert

Müller.

Diese „Sehnsucht nach dem Numinosen“,

wie es Rudolf Otto nannte, will gestillt

werden. Früher waren dafür Religion und

kirchliche Vorbilder zuständig. Heute, in

einer säkularisierten Gesellschaft übernehmen

zunehmend mediale Kultfi guren aus

der Gesellschaft diese Funktion.

Letztlich gibt man sich jedoch hier mit

einem billigen Abklatsch zufrieden. Medien­Stars

– und seien sie noch so strahlend

und berühmt – können die in sie gesetzten

Erwartungen meist einfach nicht

erfüllen. Auch sie sind begrenzt, können

nicht halten, was sie versprechen.

Ein Heiliger sieht immer

zuerst den anderen

Anders bei den Heiligen. In ihnen sieht

Wunibald Müller einen tragfähigen Gegenentwurf,

ein Leitbild, das weiterbringt und

nicht zurückwirft. „Ein Heiliger sieht immer

zuerst den anderen, er erkennt die Heilig­

Edith Stein

(Ordensname: Teresia Benedicta vom Kreuz).

Philosophin, Nonne,

Märtyrerin der katholischen Kirche.

Geboren 12.10.1891 in Breslau.

Gestorben 09.08.1942

im KZ-Auschwitz-Birkenau.

1987 selig gesprochen, 1998 heilig gesprochen.

keit im anderen, nimmt aber auch dessen

Schwächen wahr. Ein Star jedoch will gesehen

und bewundert werden. Er ist narzistisch

und selbstverliebt, für andere ist da

kein Raum…“, defi niert Müller. Ein zweiter

wichtiger Aspekt ist für Müller, dass ein

Heiliger stets Gott die Ehre geben will:

„Seine Hingabe, sein Sich­Verschwenden

führt ihn zu den Menschen und zu Gott.

Die an ihn gerichtete Bewunderung gibt

der Heilige weiter. Auf diese Weise können

wir über Heilige auch mit der göttlichen

Energie in Kontakt treten.“

Ein Star hingegen gibt nichts weiter:

„Flüchtiger Ruhm und falscher Glanz bleiben

an ihm haften und blähen ihn auf…“

Früher oder später kommt es zur Explosion,

weil er den enormen Druck nicht mehr aushalten

kann. Es folgt die Flucht in Drogen,

Alkoholexzesse, Gewalt oder Depression.

„Heilige wie Mutter Theresa, Bischof Oscar

Romero oder Edith Stein sind für mich

Fixsterne, an denen ich mich ausrichten

kann. Ihre durch harte Arbeit erworbene

Heiligkeit erlebe ich als echte, handgreifliche

und konstante Orientierungshilfe, auf

die ich mich jederzeit verlassen kann. Stars

sind hingegen manchmal wie das ignis fatuus,

das falsche Feuer, die Halluzination

in der Wüste…“, resümiert Müller.

Wozu führt es?

Dennoch ist es Müller wichtig, auch hier

genau hinzusehen. „Ich möchte nicht von

vornherein sagen: Hier sind die Heiligen

der katholischen Kirche und dort die bösen

Stars. Es gibt sicherlich auch im weltlichen

Bereich Figuren, von denen etwas Positives

ausgeht… Die Grundfrage ist immer: Wozu

führt es? Macht es mich glücklicher?“ Zudem

verwischen durch das Vordringen

medialer Phänomene in die Religion die

ehemals scharfen Grenzen immer mehr.

So ist der künftige Selige Papst Johannes

Paul II. für Müller eine „Mischform mit

allen Sonnen­ und Schattenseiten“: „Johannes

Paul II. war ein zutiefst religiöser

und spiritueller Mensch, hat sein Bild durch

die Anpassung an heutige Bedürfnisse

aber auch gefährdet. Sein Beispiel zeigt,

dass es gar nicht so einfach ist, das richtige

Maß zu fi nden.“

Wir sind alle

zur Heiligkeit berufen

Wichtig erscheint am Ende für Wunibald

Müller dreierlei: „Gerade junge Menschen

brauchen konkrete Begegnungen mit Menschen,

die ihnen die befreiende Botschaft

des Christentums vorleben.“ Das können

die Brüder der Communauté de Taizé ebenso

sein wie Pater Anselm Grün. Darüber

hinaus dürfe man das Heilig­Sein nicht zu

stark überhöhen, „denn auch ein Heiliger

ist ein Sünder“.

Drittens und letztens jedoch „sollten wir

erkennen, dass auch wir dazu berufen sind,

heilig zu werden“. „Heiligkeit bedeutet der

zu werden, der zu werden Du berufen und

bestimmt bist“, zitiert Müller den Mystiker

Thomas Merton: „Und da habe ich ein Leben

lang mit mir selbst zu tun!“

17


ZuM THEMA

Heilige als Idole

Junge Menschen brauchen Leitbilder

von Fr. Karl v. Ö. Pemsl OT

Schon seit den frühesten Anfängen des

Christentums nahmen Frauen und Männer

in der Kirche eine besondere Stellung

ein, die durch ihr Leben und Handeln, ihre

Werke und Worte Zeugnis für den Glauben

ablegten. Oft führte sie diese konsequente

Lebensführung und das entschiedene Eintreten

für ihren Glauben bis in den Tod,

ins Martyrium. Diese Vorbilder oder Idole

erfahren bis heute eine Verehrung, die regional

begrenzt ist (Selige) oder die gesamte

Weltkirche umspannt (Heilige).

Persönliche Begegnung

mit der Kaiserin

Da ich selber einige Jahre lang regelmäßig

der letzten Kaiserin von Österreich in

ihrem Schweizer Exil begegnen durfte, war

die Seligsprechung ihres Mannes 2004 in

Reliquiar seliger Karl v. Österreich

Rom für mich ein ganz besonderes Ereignis.

Als 1. Ordensmann durfte ich ihn als

Namenspatron wählen! So war es natürlich

für mich eine sehr große Freude als ich

eine Reliquie des neuen Seligen erhielt,

die durch unseren Weihbischof in einem

festlichen Pontifi kalamt in unserer Pfarrkirche

feierlich zur öffentlichen Verehrung

ausgesetzt wurde.

Es freute mich sehr, dass wenige Tage danach

Papst Benedikt XVI. in einer Generalaudienz

in Castel Gandolfo auf dieses

Thema zu sprechen kam, wie Radio Vatikan

berichtete. Er sagte vor einer großen

Menschenmenge: „Jeder sollte einige

Heilige haben, die ihm besonders nahe

sind“ und er führte dann weiter aus: „Mir

selber ist durch meine Studien der hl. Augustinus

ein ganz persönlicher Freund und

Gefährte geworden. Sein Leben war erfüllt

von der Suche nach Wahrheit. Die Unruhe

der Suche habe sein Leben bestimmt, alles

andere habe ihm keine Ruhe gegeben.

Zuletzt sei ihm klar geworden, dass nicht

er die Wahrheit fi ndet, sondern dass die

Wahrheit, die er suchte, ihn gefunden hat.

Wir sollten sicher sein, dass unsere Nähe

zu solchen Heiligen uns wachsen lasse als

Menschen und als Christen. Jeder braucht

in seinem Leben andere Menschen die ihm

nahe sind, Freunde etwa und Familie. Jeder

Mensch braucht aber in seinem Leben

auch Begleiter auf dem Glaubensweg“,

betonte der Papst. „Solche Begleiter auf

dem Glaubensweg könnten geistliche Begleiter

oder Beichtväter sein, es könnten

aber auch einige Heilige sein“.

Junge Menschen

brauchen Leitbilder

Wir alle sind nicht als Einzelwesen auf

diese Welt gekommen, wir sind in eine

Gemeinschaft hineingeboren worden und

brauchten gerade als junge heranwach­

sende Menschen Leitbilder, an denen wir

uns selbst orientieren, unser Leben und

Denken ausrichten konnten. Und hier

kommt es nun darauf an, wo wir unsere

Idole suchen und fi nden, die uns persönlich

beeindrucken und zur Nachahmung anregen.

Junge Menschen ohne religiöse Ausrichtung

fi nden dann wohl eher ihre Idole

in der Musik­ oder Sportszene, in der Politik,

im Film oder Fernsehen. Da kann man

bisweilen eigenartige Identifi kationen mit

ihren Idolen feststellen, die bis zur Wahl

der Kleidung, der Redewendungen, der Gestik

und Mimik führen können und es gibt

oft kuriose Auswüchse dieses Starkults. Da

liegt dann oft das Idol nahe beim Abgott:

der Star, der vergöttert, abgöttisch geliebt

wird, und so erhielt das Idol seinen Negativtouch

in monotheistischen Religionen.

Gerade beim Sport sieht man häufi g, wie

weit eine Nähe zu einem Club oder Verein

gesucht wird, wie viel man bereit ist auf

sich zu nehmen, um ein Idol zu sehen, ein

Spiel oder Konzert mitzuerleben, bei dem

viele in unglaubliche Begeisterungsstürme

bis zur Ekstase ausbrechen können. Dabei

denke ich mir oft, warum solche junge

Menschen sich nicht für einen Heiligen,

ein christliches Vorbild in derartiger Weise

begeistern können?

Absolute Friedensliebe

Aber es gibt sie ja auch, junge Leute, deren

Leben eine Wendung nimmt durch eine

Person wie etwa Mutter Theresa, die schon

zu Lebzeiten so viele junge Frauen in ihren

Orden zog oder Adolf Kolping, der jungen

Männern eine Richtung zeigte und sie in

den Kolpingvereinen oder ­häusern eine

Ausrichtung ihres Glaubens fi nden ließ

und bis heute läßt oder der neue Selige

Papst Johannes Paul II., der so viele junge

Menschen begeisterte bis ins hohe Alter.

Für mich war es der letzte Kaiser und Kö­

18


Junge Teilnehmer bei der Seligsprechung von Mutter Teresa Mutter Teresa

Geboren 1910 in Skopje.

nig von Österreich­Ungarn, Karl aus dem

Hause Habsburg, der in seiner absoluten

Friedensliebe aus dem 1. Weltkrieg auszusteigen

versuchte, in den er durch den

Tod des Kaisers Franz­Josef 1916 als sein

Nachfolger mitten hineingezogen wurde

und der in einer vorbildlichen Weise alle

seine Handlungen in seinem tiefen Glauben

durchbetete und als treuer Familienvater

vielen Männern heute ein Vorbild sein

könnte!

Solche Selige und Heilige können junge

Menschen ebenso begeistern und in ihren

Bann ziehen, dass sie bereit sind alles aufzugeben

und mit ihrem Leben ihnen nachzufolgen,

letztlich in der großen Nachfolge

Jesu Christi, wenn sie etwa in einen Orden

eintreten, den ihr Idol gegründet hat oder

sich engagieren für den Frieden in ihrem Umfeld

oder durch einen Einsatz in der 3. Welt.

Was macht Idole

so unwiderstehlich?

Idole sind also für mich Menschen, die zu

Archetypen wurden – Synonym für ein

ganzes Genre oder eine Zeit. Man fragt

sich, was macht Idole bis heute so unwiderstehlich?

Wieviel hat das Bild, das

wir von ihnen haben, mit der Wirklichkeit

zu tun? Dieses Problem oder diese Diskrepanz

ergibt sich nicht bei den Heiligen,

die mit beiden Beinen auf der Erde stan­

den und durch ihr Leben ein sprechendes

Zeugnis gaben von dem, was sie umtrieb!

Sie haben ihr Leben gemeistert, den guten

Kampf gekämpft. Es lohnt sich ihnen nachzufolgen,

sie zu Vorbildern für mein Leben

zu erwählen, sie haben mir ein gelungenes

Leben vorgeführt, warum also soll ich das

Bewährte nicht nachahmen: Soll etwa das

Rad neu erfunden werden?

Unsere Zeit

braucht Lichtgestalten

Für mich ist es Kaiserin und Königin Zita

von Österreich­Ungarn, die mich wie kein

anderer Mensch beeindruckt hat durch ihren

tiefen Glauben, ihr enormes Gebetsleben

und ihre menschliche Güte, aus deren

Mund ich nie ein böses Wort hörte, auch

nicht über jene, die ihr übel mitgespielt hatten,

als sie und ihr Mann 1918 abgesetzt

wurden, die Heimat verlassen mussten, im

Exil mittellos mit 35 Jahren den Kaiser auf

Madeira 1922 zu Grabe tragen musste,

gefolgt von ihren 7 Kindern, das 8. war

erst im Monat nach dem Tode des Vaters

geboren. In den Wirren der Zwischenkriegsjahre

und im 2. Weltkrieg wurden sie ruhelos

umhergetrieben, nach Portugal und

Belgien, in die USA und schließlich 1962

in die Schweiz, wo sie dann 1989 starb. Ihr

Einreiseverbot nach Österreich wurde erst

1982 auf Intervention des Königs von Spanien

aufgehoben, als sie schon 90 Jahre

Kath. Ordensschwester.

Friedensnobelpreis 1979

Gestorben 1997 in Kalkutta/Indien.

Seligsprechung 2003.

alt war, nachdem man sie 10 Jahre zuvor

nicht einmal zum Begräbnis ihrer ältesten

Tochter hatte einreisen lassen!

So möchte ich meinen kleinen Beitrag

leisten zur Verehrung des letzten apostolischen

Königpaares von Ungarn und erhoffe

auch die Seligsprechung der Kaiserin

Zita, die der neue Selige Papst Johannes

Paul II. wohl schon prophetisch voraussah,

als er bei der Seligsprechung von Kaiser

Karl nicht seinen Todestag als Festtag –

wie sonst üblich – bestimmte, sondern den

Hochzeitstag der beiden, denn diesen haben

sie ja gemeinsam!

Unsere heutige oft dunkle Zeit braucht

solche Lichtgestalten, die unser Leben erhellen

können, denen wir treu im Glauben

nachfolgen können!

Fr. Karl v. Ö. Pemsl OT

Geboren 1944 in der Oberpfalz

• Professe im Deutschen Orden,

im Seelsorgeteam der Deutsch­

Ordens­Werke, Mitarbeit in den

Behinderten­ und Altenhilfeeinrichtungen des

Deutschen Ordens• Vizepostulator im Seligsprechungsprozeß

der Kaiserin und Königin Zita

von Österreich­Ungarn.

19


ZuM THEMA

Mein Idol

– mein Name

von Br. Thomas Morus

Bertram OSB

Nomen est omen

‚Nomen est omen’ – diese lateinische Redensart

kann man frei mit „Der Name ist

Programm“ übersetzen.

Ein Name, den ich trage, oder der mir gegeben

ist, macht etwas mit mir. Sei es nun

ein Spitzname, z. B. ‚Fuzzi’ und ‚Blümchen“,

oder mein Taufname.

Einige Beispiele dafür habe ich aus meiner

Patenklasse vom Egbert­Gymnasium

genommen. Da gibt es Johannes, Florian,

Anna, Joshua, Hannah, Eva, Marie, Sebastian

und Benedikt. Ich erinnere mich,

wie wichtig mir als Kind die Lebensbeschreibung

meines Namenspatrons, des

heiligen Günter, war. Umso mehr wurde

später mein Ordensname für mich zum

Programm.

„Dann ist es halt

ein Doppelname“

Zu meinem Ordensnamen ‚Thomas Morus’

kam ich über krumme Linien, auf denen

Gott bekanntlich gerade schreibt. Wochenlang

war ich auf der Suche nach einem

geeigneten Namen.

Dann passierte es mir während eines

Filmes über unsere Mission in Südafrika,

dass darin eine Pfarrei in der Stadt Vryheid

beschrieben wurde, deren Patron Thomas

Morus ist. Als dann das Gemälde von ihm

kurz im Film erschien, war mir klar: Das ist

mein Name!

Aber ich kannte ihn nicht und er war wie

ein leeres Blatt für mich. So ging ich erst

in die Bibliothek und las seine Lebensbeschreibung.

Je mehr ich über ihn in Erfahrung

brachte, umso deutlicher nahm er in

mir Gestalt an.

Zum Schluss ging ich zu Abt Fidelis und

sagte ihm, dass ich statt drei Namensvorschlägen

nur einen Namenswunsch hätte.

Nach kurzer Bedenkzeit meinte er: „Hast

Du Dir überlegt, dass Du einen Doppelnamen

willst?“ Darauf ich: „Dann ist es halt

ein Doppelname!“

Ein Mann zu jeder Jahreszeit

Wer war Thomas Morus, der Mann, dessen

Heiligsprechung 1935 als ein Zeichen

zum religiösen Widerstand totalitärer Herrschaftsansprüche

angesehen wurde. Viele

Attribute kann man ihm hinzufügen.

Er, der heiliggesprochene Blutzeuge aus

Gewissensgründen. Denn er weigerte

sich, vor einem Unrecht die Augen zu verschließen

und wurde deshalb 1535 enthauptet.

Er hatte es gewagte, der Macht

des Königs von England zu trotzen. Dieser

brillante Humanist und Schriftsteller

(Utopia), der fürsorgliche Familienvater,

der Rechtsgelehrte und Staatsphilosoph,

der Lordkanzler König Heinrichs

VIII und zu guter letzt der Gefangene im

Tower.

Heute ist Thomas Morus der Patron der

KJG (Kath. Junge Gemeinde), der Studenten

und der Politiker, die von seiner

Gradlinigkeit und Wahrheitsliebe viel lernen

können.

Zwei Filme wurden über sein Leben gedreht.

Einer davon trug den Titel: „Ein Mann zu

jeder Jahreszeit“ und wurde mit 6 Oscars

ausgezeichnet. Das Gebet um Humor, ihm

zugeschrieben, ist wie ein Sonnenstrahl in

der Dunkelheit unseres Lebens:

20


Gebet um Humor

Schenke mir eine gute

Verdauung, Herr, und auch

etwas zum Verdauen.

Schenke mir Gesundheit

des Leibes, mit dem nötigen

Sinn dafür, ihn möglichst gut

zu erhalten. Schenke mir eine

heilige Seele, Herr, die das

im Auge behält, was gut ist

und rein, damit sie im Anblick

der Sünde nicht erschrecke,

sondern das Mittel finde,

die Dinge wieder

in Ordnung zu bringen.

Schenke mir eine Seele,

der die Langeweile fremd ist,

die kein Murren kennt und

kein Seufzen und Klagen,

und lass nicht zu, dass ich mir

allzu viel Sorgen mache

um dieses sich breit machende

Etwas, das sich „Ich“ nennt.

Herr, schenke mir Sinn für

Humor, gib mir die Gnade,

einen Scherz zu verstehen,

damit ich ein wenig Glück

kenne im Leben und

anderen davon mitteile.

21

Br. Thomas Morus Bertram OSB

Geboren 1954 in Göttingen •

Profess 1985 • Diplomagraringenieur

• Tansania 1981 – 1984 und

1987 – 2001. Seit 2001 Mitarbeit

in der Missionsprokura


ZuM THEMA

Befragung Befragung Befragung Befragung Befragung der der der der der Mönche Mönche Mönche Mönche Mönche

der Abtei Münsterschwarzach

nach ihren (persönlichen) Vorbildern

Dom Erwin Kräutler

Geboren 1939 in

Koblach/Österreich.

Kath. Ordensgeistlicher.

Seit 1980 Bischof und

Prälat von Xingu/Brasilien.

Im Jahr 2010

Alternativer Nobelpreis.

Br. Bernhard Zeh OSB

Geboren 1898 in Wiesau

Gestorben 1972

in Münsterschwarzach.

Ordensmann und Steinmetz

Andre Agassi

Geboren 1970 in Las Vegas.

Ehemaliger US-amerikanischer

Tennisspieler und Olympiasieger.

Seit 2001 mit der deutschen

Tennisspielerin Steffi Graf verheiratet.

Die beiden haben zwei Kinder.

Mahatma Mahatma Mahatma Mahatma Gandhi Gandhi Gandhi Gandhi

Friedensaktivist, geb. 1869

in Porbandar/Indien,

gestorben 1948 in

Neu Delhi/Indien.

22

Abt Abt Abt Abt Bonifaz Bonifaz Bonifaz Bonifaz Vogel Vogel Vogel Vogel OSB OSB OSB OSB

Evagrius Ponticus

Geboren 1912 in Rehau.

Gestorben 2004

in Münsterschwarzach.

Abt von Münster schwarzach

1959–1982.

Charles de Foucauld

Geboren 1858 in Straßburg.

Ermordet 1919 in Algerien.

Ordensgründer von den

„Kleinen Brüdern und Schwestern“.

Seligsprechung 2005.

Geboren 345 in Ibora/Ägypten.

Gestorben 399 in Ägypten.

Christlicher Mönch („Wüstenvater“),

Asket und Schriftsteller.


Meine Großmutter

Wurde Wurde öfters öfters genannt. genannt.

Henri Nouwen

Geboren 1932 in Nijkerk/Niederlande.

1957 Priesterweihe.

Kath. Priester, Theologe, Psychologe,

geistlicher Schriftsteller.

Richard Richard Richard Richard von von von von Weizsäcker

Weizsäcker

Weizsäcker

Weizsäcker

Geboren 1920 in Stuttgart. 1981–1984

Regierender Bürgermeister von Berlin.

1984–1994 Bundespräsident

der Bundesrepublik Deutschland.

Richard von Weizsäcker ist seit 1953 mit

Ehefrau Marianne verheiratet.

Das Ehepaar hat 4 Kinder.

Johann Sebastian Bach

Geboren 1685 in Eisenach.

Gestorben 1750 in Leipzig.

Komponist, Orgel- und

Klaviervirtuose des Barock.

Loriot (Vicco von Bülow)

Humorist, geb. 1923 in Brandenburg.

Joachim Gauck

Geboren 1940 in Rostock.

Evangelischer Pastor und Bürgerrechtler in der DDR.

1990–2000 Leiter der Gauck-Behörde.

2010 Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten.

Meine Mutter

Wurde öfters genannt.

Oskar Romero

Geboren 1917 in El Salvador,

kath. Erzbischof.

Ermordet 1980 in San Salvador.

Reinhard Mey

Musiker/Liedermacher, geb. 1942 in Berlin.

Die Die Redakteure Redakteure der der

Missionszeitschrift RUF

IN DIE ZEIT haben in den

letzten Wochen bei ihren

Mitbrüdern nachgefragt,

welche persönlichen Vorbilder

sie haben. Natürlich stehen

dabei Jesus Christus und

Heilige wie Maria, Elisabeth,

Benedikt und viele andere

aus dem religiösen Bereich

an erster Stelle.

Darüber hinaus wurden

jedoch auch folgende

Persönlichkeiten aus dem

öffentlichen und privaten

Leben genannt…

23


ZuM THEMA

Wie hätte ich mich verhalten?

Was Schüler des Egbert-Gymnasiums am Oratorium für den neuen

Seligen Pfarrer Häfner bewegt / Vorbild mit Ecken und Kanten

von Hendrik Weingärtner

Wenn Vertreter der Diözese Würzburg danach

gefragt werden, was sie an dem neuen

Seligen der Diözese, Pfarrer Georg Häfner,

bewegt, dann erhält man oft folgende

Eigenschaften als Antwort: „Authentizität,

Standhaftigkeit und Tiefgläubigkeit“. Wie

stehen die Schüler des Egbert­Gymnasiums

der Abtei Münsterschwarzach (EGM) zu

diesen Attributen? Was bewegt gerade die

130 Jugendlichen aller Jahrgangsstufen an

dem Märtyrerpriester des 20. Jahrhunderts,

die sich seit September 2010 im Rahmen

eines szenischen Oratoriums mit dessen

Leben und Sterben auseinandersetzen?

Kann überhaupt eine solche Persönlichkeit

Jugendlichen der heutigen Zeit etwas

auf ihren künftigen Lebensweg mitgeben?

Das Oratorium „Häfner – eine Entscheidung“

wurde im März uraufgeführt. Zum

Inhalt: Georg Häfner wird zusammen mit

anderen Priestern in das KZ Dachau eingeliefert

und muss dabei erste entwürdigende

Schikanen über sich ergehen lassen.

In der Kapelle in Dachau erfährt er,

dass es den Priestern dort gestattet ist,

Eucharistie zu feiern: Ein Rettungsanker.

Häfner trifft auf Blockführer Reinhard, der

von ihm verlangt, dass er ihm kurz vor

seinem nahen Tode die Sterbesakramente

spenden soll – genau nach einer solchen

Handlung in seiner Pfarrei war Häfner ins

KZ gebracht worden! Reinhard verspricht

ihm dafür, dass er dann das Lager unversehrt

verlassen dürfe. Häfner befi ndet sich

in einem Zwiespalt: Auf der einen Seite

die Chance, in Freiheit wieder Dienst in

seiner Gemeinde tun zu können, die aber

verbunden ist mit der besonderen Herausforderung,

einem wenig reuigen Sünder

die Absolution zu erteilen, auf der anderen

Seite das menschenunwürdige Leben und

wahrscheinliche Sterben im Lager Dachau

(siehe auch www.georg­haefner.de).

Die Form des Oratoriums, die vom Komponisten

Markus Binzenhöfer bewusst gewählt

wurde, ist etwas Neues, für Schüler

bisher Unbekanntes, etwas anderes eben

als die bisher bekannten Bühnentheater.

Neben Formen der alten Musik, Rezitativ

und Fuge, fi nden sich auch moderne

Klangbilder in der Komposition wieder.

Als Leitmotiv für die gottferne Welt im

KZ Dachau zieht sich beispielsweise der

Passions­Choral „O Haupt voll Blut und

Wunden“ durch die Musik. Dies fasziniert

Chor, Orchester und Solisten, stellt Herausforderungen

an alle, die es gemeinsam zu

meistern gilt, macht „die Welt ohne Gott“

gegenwärtig. Kein leichtes Unterfangen.

Aber eine Sache gibt es doch, die wirklich

alle Beteiligten, Lehrer, Mönche, Eltern und

Schüler, gemeinsam bewegt: Das Erleben

von Gemeinschaft!

Spuren, die sich nicht

verwischen lassen

Welche Schlüsse jeder für sich selber aus

dem Werk zieht, bleibt offen. Auf jeden

Fall lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit

sagen, dass die Beschäftigung mit dem

neuen Seligen Spuren hinterlassen hat, die

sich nicht so leicht verwischen lassen. Viele

Fragen tauchen da auf: Wie hätte ich mich

in dieser Situation verhalten? Wäre auch

ich so standhaft für meine Überzeugungen

eingestanden?

Gerade in seiner geradlinigen Konsequenz

zeigt sich für die Teilnehmer der Vorbildcharakter

Häfners. „Für mich ist Georg

Häfner ein Vorbild, weil er auch unter den

Qualen im KZ für seine Überzeugung eingestanden

ist – bis zuletzt“, sagt Haupt­

24


darsteller Matthias Miersch. Im Oratorium

ruft der neue Selige die Jugendlichen auf,

für ihre Überzeugungen in der heutigen

Gesellschaft einzutreten und diese so mitzugestalten,

anstatt sich wie ein Fähnchen

im Wind biegen zu lassen.

Beispiel für Geradlinigkeit

„Er ist wohl das Paradebeispiel für Geradlinigkeit.

Die Konsequenzen, die er zieht

und die entstehen, kann man sich ansehen

und fragen, ob diese Geradlinigkeit

der Weg ist, den man selbst gehen wollte

oder will“, sagt Achim von Wietersheim,

der einen SS­Schergen verkörpert. Für

andere Schüler hingegen ist es nicht die

Person Häfner, die bewegt. „Am Oratorium

bewegen mich eher die Prinzipien, die

vermittelt werden, als die Person Häfner“,

gibt Marius Mülhaupt zur Antwort. Viele

der Mitwirkenden sehen dies ähnlich. Die

vermittelten Inhalte des Stückes sind es,

die Bedeutung haben, die ins Gewicht fallen,

die mehr ansprechen als der Märtyrer.

Der Mensch dahinter, der ohne Zweifel

auch Ecken und Kanten hatte, scheint

vielen in gewisser Weise unsympathisch

zu sein, scheint viele nicht ansprechen zu

können. Da berichten beispielsweise Zeitgenossen

des Priesters aus Oberschwarzach

von Schlägen in der Schule, was eine

solche Haltung ihm gegenüber verständlich

macht. „Ich bin mir nicht sicher, ob

ich ihm vertrauen könnte“ oder „Georg

Häfner ist mir in gewisser Weise unsympathisch“

zitiert eine Ausstellung „Engagierte

Bürger leisten Widerstand“ Schüler

des Gymnasiums. Zeugt das nicht auch

von einer Unnahbarkeit des Priesters für

die Jugend? Doch wenn auch nicht Häfner

selbst, so sind es zumindest die durch das

Oratorium vermittelten Ideale, die Spuren

hinterlassen.

25

Hendrik Weingärtner

Geboren 1993 • Schüler der 11.

Klasse des Egbert­Gymnasiums

• spielt einen SS­Schergen im

Oratorium


INTERVIEW

„Ich wollte nie ein Vorbild sein!“

Abt Michael Reepen über Idole, Vorbilder und

den göttlichen Kern in jedem Menschen

Abt Michael Reepen OSB

Welche Assoziationen haben Sie zu den

Begriffen Idol und Vorbild?

Ehrlich gesagt habe ich mit beiden Begriffen

meine Schwierigkeiten. Der Begriff

„Idol“ verweist mich auf den Abgott, also

etwas, was Gott gleich oder an seine Stelle

gesetzt wird. Man könnte hier zum Beispiel

an das Goldene Kalb im Alten Testament

denken, das die Menschen zu einem Abgott,

einem Götzenbild erhoben haben.

Zum Begriff „Vorbild“ habe ich als Novizenmeister

einmal ganz unverschämt gesagt,

dass ich nie ein Vorbild sein möchte.

Der Grund dafür lag darin, dass ich nicht

ständig vor meinem Bild herlaufen möchte.

Ich möchte vielmehr ich selbst sein, der, der

ich wirklich bin und nicht jemand, zu dem

andere aufschauen. Für mich ist die Frage

wichtig: Wie fi nde ich zu dem, den Gott

eigentlich mit mir gemeint hat?

Ganz ohne Vorbilder geht es aber dennoch

nicht, oder? Gerade für Heranwachsende,

die mitten in der Persönlichkeitsentwicklung

stecken, sind Vorbilder unerlässliche

Orientierungs hilfen…

Natürlich gibt es im Leben jedes Menschen

Personen, die für die eigene Entwicklung

wichtig sind. Dies beginnt schon bei der

Geburt: Die Eltern sind das erste Vorbild

jedes Menschen. Das setzt sich fort mit

Freunden, Lehrern, in der Pubertät rücken

dann Stars in den Vordergrund und so fort.

Richtig verstanden sind Vorbilder für mich

Menschen, an denen ich reifen und wachsen,

von denen ich etwas lernen kann. Es

sind Menschen, die mir helfen, mein ureigenes

Potential zu entwickeln.

Welche Vorbilder waren (und sind) für Sie

persönlich wichtig?

Da sind zunächst mal meine Eltern und die

Art, wie sie mich erzogen haben. Meine

Eltern haben mir immer eine große Freiheit

gelassen, damit ich mich entwickeln konnte.

Sie standen mir stets offen gegenüber,

haben mich nie gedrängt. Diese Freiheit

hat mir Raum gegeben, meinen eigenen

Weg zu fi nden. Später gab es für mich nie

EIN großes Vorbild, vielmehr bin in den

verschiedenen Lebensphasen immer den

richtigen Menschen begegnet; Menschen,

die mich ein Stück begleitet haben und

die mir geholfen haben, meine geistliche

Seite zu entwickeln. Ich denke da an einen

Erzieher in meiner Schulzeit, der für mich

wichtig war, an den einen oder anderen

Mitbruder.

Welche Rolle spielen Vorbilder in der

Kirche?

Die kirchlichen Vorbilder par excellence

sind ja die Heiligen. Und die sind zweifellos

wichtig. Das Problem ist nur, dass wir

die Heiligen zu hoch auf die Altäre gesetzt

und zu sehr vergoldet haben. Auf diese

Weise wurden sie schlichtweg unerreichbar!

Deshalb fi nde ich es sehr schön, dass

in unserer Abteikirche die Heiligen auf der

Ebene des Volkes stehen. Sie sind mitten

unter uns, sie sind Menschen, die so gelebt

haben wie wir und deren Leben gelungen

26


ist. Und da kann ich mich anschließen.

Da begeistert mich Benedikt ebenso wie

Charles de Foucault, Mutter Teresa oder

Abt Egbert. Das sind Menschen, die vom

lieben Gott die Gnade bekommen haben,

etwas zu leben, was für sie und die Welt

heilsam war. Nicht vergessen sollte man

dabei, dass ja wir alle zur Heiligkeit berufen

sind. Dabei können uns die Heiligen

eine große Hilfe sein. Sie können durch ihre

Qualität etwas in mir selbst wecken. So

kann zum Beispiel die Weite des Herzens

des heiligen Benedikt auch mein Herz weiten.

Oder die Bereitschaft zur Erneuerung

von Abt Egbert erwacht auch in mir. Die

Heiligen können also eine Hilfe sein, dass

sich auftut, was in mir angelegt ist.

In den Heiligen wird schließlich auch etwas

von Gott sichtbar. Und weil sie Menschen

waren wie du und ich, erfahre ich hier: Etwas

von diesem dreifaltigen Gott ist auch

in mir! Christus will auch in mir lebendig

werden. Seine Kraft und seine Liebe wollen

auch in mir geweckt werden.

Papst Johannes Paul II

(Karol Jozef Wojtyla)

geboren 1920 in Wadowice, Polen.

Gestorben 2005 in Vatikanstadt.

Papst 1978–2005.

Welche Vorbilder würden Sie jungen

Menschen von heute ans Herz legen?

Ein ganz eigenartiges Phänomen war für

mich die Verehrung von Papst Johannes

Paul II. In seinen letzten Jahren war er ein

alter, gebrechlicher Mann, und die Lehren,

die er verkündet hat, waren alles andere

als jugendlich. Und doch haben ihn gerade

die Jugendlichen über alles geliebt. Das

Anziehende an ihm war wohl seine totale

Menschenzugewandtheit, sein tiefes Verständnis

und seine Liebe.

Wenn ich Jugendlichen darüber hinaus

eine Empfehlung geben sollte, würde ich

ihnen solche Menschen ans Herz legen, die

sich für andere eingesetzt haben, die dafür

gesorgt haben, dass etwas mehr Frieden

und Liebe in die Welt kommen. Ich denke

da zum Beispiel an Mahatma Gandhi, an

alle, die dem allgemeinen Trend nach Egoismus,

Geld, Macht und Glitzerglanz zumindest

ein bisschen entgegengewirkt und

die Welt verändert haben. Denn das birgt

die Chance, dass sich auch etwas in ihnen

selbst verändert.

Auch wenn Sie das nie so wollten – als

Abt sind Sie heute selbst ein Vorbild.

Welche Botschaft möchten Sie vermitteln?

Was ist Ihr Anliegen?

Mir ist es ein Anliegen, jeden Menschen

so zu nehmen und anzunehmen, wie er

ist. Ohne über ihn zu urteilen. Ich möchte

versuchen, ihn in seiner innersten Klarheit

zu sehen. Ich möchte keine vorgefertigten

Bilder sehen, sondern offen sein für den

eigentlichen Kern. Das war mir schon bei

meiner Arbeit als Novizenmeister und im

Lehrlingsseminar wichtig. Natürlich ist das

manchmal schwierig. Wir denken viel zu

oft in Schwarz und Weiß, verfrachten einen

Menschen vorschnell in eine bestimmte

Schublade. Aber es gibt auch einen anderen

Blick für den Menschen! Ich habe da

ein unverschämtes Vertrauen, dass Gott

in jedem, aber auch jedem Menschen ist.

Das kann total verdeckt und im Innersten

verschüttet sein. Aber daran glaube ich.

An dieses Grundvertrauen knüpft in gewisser

Weise auch mein Wahlspruch „cum

gaudio sancti spiritus“ (in der Freude des

Heiligen Geistes) an. Das lateinische Wort

gaudium meint nicht das aufgesetzte Fröhlichsein,

sondern die innere Freude, den

göttlichen Kern, der in jedem Menschen

leuchtet.

Zu ihren Aufgaben gehört es auch, die

Ordensnamen für die Neuprofessen auszusuchen.

Haben diese Namen Aufforde-

rungscharakter?

Die Novizen machen drei Namensvorschläge,

über die wir dann gemeinsam sprechen.

Mir ist es wichtig, dass der Name stimmt!

Dass jemand zum Beispiel den heiligen

Franziskus toll fi ndet, reicht einfach nicht.

Es muss eine innere Verwandtschaft, ein

innerer Widerhall da sein. Der gewählte

Name muss etwas in seinem Träger anklingen

lassen, so dass er im Laufe seines

Lebens immer mehr in seinen Namen hineinwächst

und die Kraft dieses Heiligen

in ihm lebendig werden kann. Später ist

es dann oft verblüffend zu sehen, welche

Parallelitäten sich da auftun: Im Denken,

im Verhalten, manchmal sogar bis hin zur

Wortwahl! Ich entdecke bei meinen Mitbrüdern

immer wieder einzelne Qualitäten

ihrer Namenspatrone. Und deshalb ist es

nicht egal, welchen Namen man wählt.

Ihr eigener Professname lautet Michael.

Was ist der Hintergrund?

Ich habe meinen Namen nicht gewechselt.

Mein Taufname ist auch mein Ordensname.

Natürlich hatte auch ich drei Vorschläge

und habe mir ernsthaft überlegt, meinen

Namen zu wechseln. Doch dann wurde mir

plötzlich klar, dass der liebe Gott mit dem

Michael schon so viel gemacht hat und

dass er mich unter diesem Schutz auch

weiter führen wird.

Was bedeutet Ihnen der Name Michael?

Michael – „Wer ist wie Gott?“ – hat sehr

viel mit Licht und Dunkel zu tun, mit der

Notwendigkeit zu erkennen, was Licht und

Dunkel, was Gut und Böse ist. Auch in

meinem Leben gibt es viele Punkte, an

denen diese Unterscheidungsgabe wichtig

war, an denen ich erkennen musste: Riecht

es nach Weihrauch oder Schwefel? Außerdem

spielt für mich auch der Aspekt des

streitbaren Engels eine wichtige Rolle: Der

heilige Michael ist stark, er schützt. Und

deshalb stelle auch ich mir manchmal vor,

wie er seine schützenden Flügel um mich

legt, wenn es zu hart wird.

Herzlichen Dank, Abt Michael!

Das Interview führte Anja Legge

27


PROJEKT

Mehr als eine gute Handwerkerausbildung

Helfen Sie jungen Menschen in Tansania

Von Anfang an haben die Mönche und

Schwestern von Peramiho großen Wert auf

die Ausbildung von einheimischen Handwerkern

gelegt. Die Ausbildungswerkstätten

sind seit 1928 in der Trade School –

Berufsschule – zusammengefasst. Die jungen

Menschen bekommen mehr als eine

gute Handwerkerausbildung. Sie werden in

ihren Gaben und Talenten gefördert und

erfahren eine christliche Prägung.

Die als Internat geführte Schule wird zur

Zeit von 90 Jungen und Mädchen besucht,

die in den Berufen Automechaniker, Dreher,

Spengler, Drucker, Buchbinder, Schreiner,

Elektriker und Schneider ausgebildet

werden. Manche haben zuvor nur die siebenjährige

Grundschule besucht, andere

haben zusätzlich vier Jahre Sekundarschule

absolviert. Die Ausbildung mit staatlicher

Abschlussprüfung dauert 4 Jahre. Pro

Jahr müssen die Schüler ein Schulgeld von

ca. 180 Euro bezahlen.

Seit 2006 gibt es auch eine Computerklasse.

Mit Hilfe von Spendern aus

Deutschland konnten wir in Dar es Salaam

20 Computer kaufen. Der Siegeszug dieser

Technologie macht auch vor Afrika nicht

halt und verändert das Leben der Menschen.

Nur wer in die Geheimnisse der

Computerwelt eingeführt ist, hat später

auf dem Arbeitsmarkt Chancen und kann

erfolgreich sein. Außerhalb der Schulzeit

wird der Computerraum für Fortbildungskurse

für jedermann genutzt.

Vielen jungen Menschen ist es nicht möglich

unsere Handwerkerschule zu besuchen,

da die Eltern nicht genug Geld haben, um

das jährliche Schulgeld zu bezahlen. Helfen

Sie bitte mit, dass vielen begabten

Menschen die Ausbildung in Peramiho

ermöglicht wird.

Spendenaufruf

Schulgeld für einen Tag 50 Cent

für einen Monat 15 Euro

für ein Jahr 180 Euro

Liga Bank eG

Konto­Nr. 3015033, BLZ 750 903 00

Kennwort: Handwerker

Herzlichen Dank für Ihre Hilfe

Abt Anastasius Reiser OSB

und die jungen Menschen von der

Handwerkerschule Peramiho

28


Symbole in der sakralen Kunst.

Alle Handwerker, die in der Abtei Münsterschwarzach

tätig sind, kommen mit christlichen

Symbolen tagtäglich in Berührung.

Ob es nun der Bäcker ist, der das Kreuz

in den Brotlaib ritzt, der Gärtner, der die

Palmzweige schneidet oder den Christbaum

fällt, der Schmied, der ein „Ewiges

Licht“ schmiedet oder der Schreiner, der

ein Holzkreuz fertigt.

Besonders tief mit der Symbolik christlicher

Motive befassen sich die Gold­ & Silberschmiede

in ihrer Aufgabe der Herstellung

sakraler Geräte.

Das Wein­ & Wasserkännchen, die Taufkanne,

der Weihwasserkessel oder gar das

Taufbecken. Das alles sind Geräte, die eine

Primizkelch mit Hostienschale

kostbare Flüssigkeit fassen und durch Symbole

zusätzlich gekennzeichnet werden.

Weitere Beispiele sind Patene oder Hostienschale

als Gabenteller, das Ciborium und

auch der Tabernakel als Schutzraum für

das Allerheiligste oder der Leuchter für die

Oster kerze. Dieser ist erst mal nur der Träger

für das Licht, kann jedoch durch seine

Gestaltung selbst zu einem Zeichen werden.

In der christlichen Symbolsprache natürlich

allgegenwärtig ist das Kreuz. Als kleines

Zeichen auf der Patene oder als großes,

an der Wand. Das Kreuz mit einem Korpus

versehen oder schlicht in der Form, mal nur

die Wundmale zitierend oder die Krone des

Christkönigs.

Bischofsstab

Der Krummstab

ist schon seit

den Ägyptern

ab ca. 2707 v.Chr.

(Altes Reich)

als Herrschafts -

symbol bekannt


Die Trauringe symbolisieren den Bund der Ehe, der Diamant die Ewigkeit

Ein weiteres häufi g verwendetes Motiv ist

das des Heiligen Geistes, meist als Taube

dargestellt.

Wodurch entstanden jedoch z. B. die

vielen Symbole Biblischer Gestalten

oder Ereignisse?

Vermutlich,

damit es nur

eingeweih te

Personen erkennen wie der Fisch (ICH­

THYS) und auch, um den vielen Gläubigen,

die nicht lesen und schreiben konnten,

die Heilige Schrift näher zu bringen.

Oftmals ergibt sich erst im persönlichen

Gespräch mit dem Auftraggeber, auf was

es dem Kunden besonders ankommt.

Das Kreuz als Bekenntnis zum Glauben

Beispielsweise der Primizkelch, der den

Priester sein Leben lang begleitet. Vielfach

werden in dieses heilige Altargerät auch

persönliche Symbole mit eingebracht. Ein

Stück Holz aus dem elterlichen Garten

oder ein Stein aus der Heimatpfarrei, die

Ringe der Eltern, das Bild eines Heiligen,

der besondere Bedeutung für den Primizianten

hat und vieles mehr. Vielleicht ist

das eine oder andere Symbol dabei für den

Außenstehenden nicht von Bedeutung, für

den Besitzer jedoch verbirgt sich in diesem

Sinneszeichen etwas ganz besonderes,

kostbares, Kraft und Halt gebendes.

Somit hat jedes sakrale Gerät, das in der

Gold­ & Silberschmiede der Abtei Münsterschwarzach

gefertigt wird, einen kreativen

und symbolischen Hintergrund.

Das Bild zeigt einen Osterleuchter mit

7 Segmenten. Diese stehen für die Schöpfung.

Das 8. Segment, die Osterkerze,

symbolisiert das Licht, die Auferstehung.


NAMEN/NAcHRIcHTEN

Ort des Rückzugs und geistliche Tankstelle

„Wir alle sind ein Leben lang reparaturbedürftig!“

Das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach feiert 20-jähriges Bestehen

Als „Oase, geistliche Tankstelle, Intensivstation

mit großer Aussicht auf Heilung,

Sauerstofffl asche, Ort des Rückzugs und

der Ich-Stärke, als bunter Garten, in dem

alles wachsen darf“ bezeichneten Ehemalige

und Freunde das Recollectio-Haus

in Münsterschwarzach bei einem Symposium

zum 20-jährigen Bestehen des

Hauses. Rund 150 Gäste kamen zur Jubiläumsveranstaltung;

unter ihnen viele

ehemalige KursteilnehmerInnen sowie

Menschen, die sich dem Haus und der

Abtei verbunden fühlen.

Das Recollectio­Haus ist ein Angebot

für Priester, Ordensleute und kirchliche

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die

im spirituellen Ambiente der geistlichen

Gemeinschaft der Benediktiner von Münsterschwarzach

innehalten, über ihr Leben

nachdenken, einer Krise nachspüren oder

neue Kraft für ihr berufl iches und persönliches

Leben schöpfen wollen. So heißt es

auf der Homepage des Hauses im Internet.

Gründer ist der Psychotherapeut und Theologe

Dr. Wunibald Müller, der das Haus

gemeinsam mit dem Benediktinerpater,

geistlichen Autor und Cellerar der Abtei

Dr. Anselm Grün leitet. Müllers Intention

war es, „einen Ort der Kraft zu schaffen,

an dem Therapie und geistliche Dimension

miteinander verknüpft werden – getreu

dem Motto: Du hast viel mehr Möglichkeiten,

als du denkst. Ganz zu schweigen

von den ungeahnten Möglichkeiten Gottes

mit dir.“

Beim zweiten Anlauf glückte es

Dass die Durchführung eines so wagemutigen

Projekts alles andere als leicht war,

daran erinnerte der damalige Abt von Münsterschwarzach

Pater Fidelis Ruppert. Auf

einen ersten Brief an die Bischofskonferenz

in den 80er Jahren habe man eine „nicht

sehr ermutigende Antwort“ erhalten. Besser

glückte hingegen der zweite Anlauf mit

Unterstützung durch die Diözesen Würzburg,

Freiburg und Rottenburg­Stuttgart,

so dass man das Haus 1991 eröffnen konnte.

Heute wird die Einrichtung der Benedik­

v.l.n.r. P. Anselm Grün OSB, Generalvikar Karl Hillenbrand, Abt Michael Reepen OSB; Wunibald

Müller, P. Fidelis Ruppert OSB, P. Meinrad Duffner OSB

tinerabtei Münsterschwarzach, die bis dato

einzigartig im deutschsprachigen Raum ist,

von acht Diözesen fi nanziell mitgetragen,

nämlich Augsburg, Freiburg im Breisgau,

Limburg, Mainz, München­Freising, Paderborn,

Rottenburg­Stuttgart und Würzburg.

Rund 1200 kirchliche Mitarbeiter, Priester

und Ordensleute aus ganz Europa haben

in den vergangenen zwanzig Jahren das

Angebot des Recollectio­Hauses genutzt.

In Kursen von neun bis zwölf Wochen und

in fachkundiger Begleitung durch ein Team

aus Psychotherapeuten, geistlichen Begleitern

und Ärzten durften sie hier „heilen

und gesund werden, Freiheit und menschliche

Weite spüren, sich zum Leben(digen)

wenden, aus Last und Trauer auferstehen“.

Sie haben „gewagt unbequem zu sein, den

Mut zum Leben wieder gefunden, aus ihrer

Angst herausgefunden“, erzählen viele.

„Geschützter Ort,

an dem man auftanken kann“

Ganz in diesem Sinne bezeichnete auch

Abt Michael Reepen das Reco­Haus, wie

es die Mönche liebevoll nennen, als „geschützten

Ort, an dem man auftanken, an

den man sich in einer Krise wenden und

Erneuerung fi nden kann“. Die Besonderheit

liegt seiner Ansicht nach darin, dass

man das Haus nicht auf der grünen Wiese

ansiedelte, sondern im Schatten des

Klosters. Seiner Erfahrung nach tut der

Herzschlag des Klosters den Gästen gut,

ebenso wie die Mitarbeit in den Klosterbetrieben

und der Kontakt mit den Mönchen.

Umgekehrt habe man selbst vom Reco­

Haus und seinen Menschen gelernt, dass

„Krisen zum Leben dazugehören“ und dass

es „keine Schande ist, Hilfe anzunehmen.“

Der Blick auf das Reco­Haus ermutige

die Klostergemeinschaft, „hinzuschauen

und Tabu­Themen wie Sexualität, Ehelosigkeit,

Missbrauch und Sucht offen anzu­

32


Teilnehmer schreiben, was ihnen das Recol lec tio-Haus bedeutet

sprechen.“ Die Bischöfe anderer Bistümer

zeigten sich dankbar für die Arbeit, die

hier geleistet wird, berichtete Abt Michael

weiter. Zugleich sprach er aber auch unverhohlen

die Sorge anderer kirchlicher Organe

an, ob das Haus nicht zu liberal sei.

Dem entgegnen sowohl Abt Michael wie

auch sein Vorgänger Pater Fidelis einhellig:

„Auch wenn manche den Orden verlassen

oder das Priesteramt niederlegen… Alle

gehen versöhnt mit sich selbst, mit Gott

und der Kirche, und alle wissen, wie es

weitergeht.“ In solchen Situationen spüre

man eine befreiende Weite.

Eigene Wahrheit fi nden

Der Gründer des Hauses, Dr. Wunibald

Müller, sieht im Recollectio­Haus eine Reparaturwerkstätte,

denn: „Wir alle sind ein

Leben lang reparaturbedürftig“, betonte

er. Ziel sei es, Menschen bei ihrem Ringen,

die eigene Wahrheit zu fi nden, zu begleiten:

„Hier können sie herausfi nden, was sie

im Innersten bewegt und wozu Gott sie

bestimmt hat – sei es, dass sie die neue

Lust und Leidenschaft als Priester entdecken,

sei es, dass sie einen neuen Weg

beschreiten.“ Souverän ging Müller mit den

kritischen, ja zuweilen bissigen Stimmen

um. Für ihn ist eine derartige Reaktion

verständlich, denn „wer von hier fort geht,

ist in seiner Ich­Stärke gewachsen und

deshalb eben nicht mehr so pfl egeleicht“.

Ungeachtet mancher Widerstände blieb

das Reco­Team unbeirrt auf seinem Weg

– ja, wurde gerade mit Blick auf die aktuellen

Erschütterungen noch gestärkt. Am

Ende des gleichermaßen unterhaltsamen

wie gehaltvollen Festvortrags stand die

Mit Unfertigkeiten

und Wunden leben

selbstbewusste Schlussfolgerung,

dass wohl

Gott selbst die Idee zum

Reco­Haus gehabt haben

müsse, „weil er sich

in Münsterschwarzach

besonders wohl fühlt“.

Interessante Einblicke trug auch der ehemalige

Personalreferent der Diözese München­Freising

Dr. Wolfgang Schwab bei,

der 1995 erstmals im Recollectio­Haus

war. Sein einseitiges Bild von einem „Haus

für angeschlagene Priester, die mit dem

Zölibat haderten“ wich hoher Wertschätzung:

„Hier lernen Menschen, mit ihren

Unfertigkeiten und Wunden zu leben, hier

erfahren sie wirklich Hilfe. Hier habe ich

gelernt: Nichts ist so vielfältig wie Menschen

auf dem Weg zu Gott!“ Gerade vor

dem Hintergrund neuer Strukturpläne und

der Schaffung riesiger Seelsorgeeinheiten,

die Menschen „mit Wucht in tiefe Nöte treiben“,

sei ihm um die Zukunft des Hauses

nicht bang. Von evangelischer Seite gratulierte

Hartmut Stoll, ehemaliger Leiter des

Hauses Respiratio auf dem Schwanberg.

Das Haus der evangelischen Landeskirchen

in Bayern, Baden und Württemberg

für ausgebrannte kirchliche Mitarbeiter

habe viel gelernt von der älteren Schwester

Recollectio.

Bei der Posiumsdiskussion

Mensch werden

und Mensch bleiben

Nach dem Mittagessen und der Möglichkeit

zu persönlicher Begegnung lud Dr.

Ruthard Ott zu einer Podiumsdiskussion

zum Thema „Mensch werden und Mensch

bleiben im Unternehmen Kirche“. Abt

Michael Reepen, Dr. Karl Hillenbrand (Generalvikar

der Diözese Würzburg), Ursula

Schieler (Diözesanreferentin für pastorale

Mitarbeiter der Diözese Rottenburg­Stuttgart)

und Dr. Bernd Deininger (Chefarzt

im Bereich Psychosomatik am Nürnberger

Martha­Maria­Krankenhaus) umrissen die

Bedingungen, die kirchliche Mitarbeiter

für ein gelungenes Menschsein benötigen.

Rasch rückte der Zwiespalt zwischen

(kirchlichem) Anspruch und (menschlicher)

Wirklichkeit in den Mittelpunkt.

Aus dem Publikum wurden ebenso nachdenkliche

wie kritische Stimmen laut und

verwiesen auf die Barmherzigkeit Gottes

statt unbarmherziger Regelungen und die

befreiende Weite der Botschaft Gottes statt

kirchlicher Enge. Abt Michael wünschte sich

für die Zukunft „Freiheit, die dem Heiligen

Geist eine Chance gibt“. Generalvikar Hillenbrand

ermutigte dazu, jeden einzelnen

Mitarbeiter als „Geschenk Gottes“ zu sehen

und dankte dem Haus für seinen Beitrag zu

geistlichen Menschen und menschlichen

Geistlichen. „Ich wünsche mir, dass der Energievorrat

dieser geistlichen Tankstelle nie

ausgeht!“

33


NAMEN/NAcHRIcHTEN

Ein offenes Haus für alle Menschen

Mit der Schließung von Haus Benedikt in Würzburg zum 31. Dezember 2010

ist eine ära zu Ende gegangen – ein Rückblick auf 92 bewegte Jahre

von Anja Legge

Knapp 100 Jahre haben die Benediktiner

aus Münsterschwarzach das Haus Benedikt

als Kolleg, Internat und Bildungshaus

genutzt. Viele Ordensstudenten und

Schüler sind von hier aus ihren Studien

nachgegangen. Und kaum überschaubar

ist die Zahl jener Menschen, die im Haus

Benedikt wertvolle Impulse und Orientierung

für ihren berufl ichen wie privaten

Alltag gefunden haben. Zum Jahresende

2010 wurde das renommierte Haus nun

geschlossen und die Bildungsarbeit nach

Münsterschwarzach verlagert. Ein Anlass

zurückzublicken auf viele facettenreiche

Jahre mönchischen Lebens in der Stadt.

Bereits wenige Jahre nach der Wiederbesiedelung

der Abtei Münsterschwarzach

war es Abt Placidus Vogel ein Anliegen,

in Würzburg ein Studienkolleg für die Ordensstudenten

zu errichten. Deshalb erwarb

man 1918 die Villa Noell, ein Haus

mit Garten und Nebengebäuden zwischen

Platz’schem Garten und Alleestraße (heute

St. Benedikt Straße). Vom neu eingerichteten

Kolleg St. Josef konnten studierende

Mitbrüder nun bequem ihre Vorlesungen

an der Universität Würzburg besuchen. Zu­

gleich war das Haus Internat für Schüler

des Egbert­Gymnasiums, die die Oberstufe

an den Würzburger Gymnasien absolvieren

konnten. Da die Gemeinschaft rasch

wuchs, reichte bald der Platz nicht mehr

aus und man machte sich an die Planung

eines Neubaus mit Seminar und Kirche.

1928 wurde die nach Plänen von Albert

Boßlet erbaute Kirche von Bischof Matthias

Ehrenfried eingeweiht und das Haus in

„St. Benedikt“ umbenannt.

Nacht- und Nebelaktion

Mit dem Aufstieg des Nazi­Regimes begann

auch die Katastrophe für das Haus

St. Benedikt. Tapfer versuchte man sich

gegen das drohende Unheil zu wehren: In

einer Nacht­ und Nebelaktion vervielfältigte

Pater Sales Hess mit einigen Studenten

10.000 Briefe und verschickte diese an die

Wohltäter der Abtei. Mit den Worten „Tante

Felizitas liegt im Sterben“ kündigte er

die Schließung der Abtei Münsterschwarzach

an. Pater Sales kam für diese mutige

Aktion ins Konzentrationslager Dachau,

das Studienkolleg wurde im Mai 1941

aufgehoben. Während man im Haus eine

Lehrerfortbildungsanstalt unterbrachte,

v.l.n.r.: Br. Sturmius

Stöcklein OSB,

Br. Isaak Grünberger

OSB,

P. Cornelius Hörnig

OSB

wurde der benachbarte Platz’sche Garten,

bis dato Tanzlokal und Variété, Schauplatz

für ein düsteres Kapitel in der Würzburger

Geschichte: Der Ort wurde zum Sammelplatz

für die jüdischen Mitbürgerinnen und

Bürger, von dem aus sie zum Verladebahnhof

Aumühle marschieren mussten; dort

starteten dann die Deportations­Züge in

die Konzentrationslager. Zur Erinnerung an

die Opfer wurde im November 2010 ein

eindringliches Mahnmal an der Treppe zum

Platz’schen Garten errichtet.

Zeichen der Hoffnung

Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16.

März 1945 brannte auch St. Benedikt völlig

aus. Doch bereits im Oktober war das

Kolleg das erste Haus Würzburgs, das dank

der Werkstätten der Abtei wieder neu mit

Ziegeln gedeckt war. Für die Bevölkerung

ein Zeichen der Hoffnung, Studenten und

Internatsschüler konnten wieder einziehen.

Als das Münsterschwarzacher Gymnasium

1982 zu einem Vollgymnasium ausgebaut

wurde, schloss man den Internatsbereich

und entschied sich 1983 zur Eröffnung

eines Meditationszentrums. Die Leitung

wurde Pater Willigis Jäger übertragen, der

den Schwerpunkt auf fernöstliche Zen­Meditation

und Kontemplation legte. Doch

sein Ansinnen, kontemplatives Gebet und

Mystik in der Kirche neu zu beleben, wurde

zunehmend kritisch beäugt. Im Jahr 2000

erteilte die Römische Glaubenskongregation

dem weltoffenen Pater ein Rede­ und

Auftrittsverbot. Jäger bat daraufhin um

Exklaustrierung von der Abtei Münsterschwarzach

und zog sich nach Holzkirchen

zurück, wo er im Benediktushof ein „Zentrum

für spirituelle Wege“ aufbaute. „Bis

heute haben wir ein brüderliches Verhältnis

zu Pater Willigis“, berichtet Bruder Isaak

Grünberger, seit 2002 Leiter des Hauses

Benedikt. „Er ist weiterhin Mitglied unserer

34


Klostergemeinschaft und kommt zu den

Festivitäten.“ Das Verdienst Pater Willigis’

lag seiner Ansicht nach im Wagnis, über

den Tellerrand zu schauen. „Willigis sucht

den Frieden unter den Religionen. Und dies

ist auch die Sehnsucht vieler anderer.“

Gastfreundschaft für alle

Für das Haus St. Benedikt wagte man

trotz aller Vorbehalte 2002 einen Neustart.

Neuer Superior und Hausleiter

wurde Bruder Isaak Grünberger, der damit

ein schweres Erbe antrat. „Die ersten

drei Jahre waren hart“, erinnert sich der

Sozialpädagoge und Diakon (Jahrgang

1964). Doch mit großem Einfühlungsvermögen

und Aufmerksamkeit für die Zeichen

der Zeit arbeitete Bruder Isaak ein

völlig neues Konzept aus. „Wichtig war

mir zunächst einmal die Anknüpfung an

die alte Mönchs tradition“, erzählt er: „Wir

wollten mitten in der Stadt mönchisch leben

und für die Menschen einfach nur da

sein.“ Wichtig war es Bruder Isaak zudem,

dass das neue Haus Benedikt „offen für jeden“

ist: „Gastfreundschaft sollte an oberster

Stelle stehen!“ Dass dieses Bemühen

mehr als erfolgreich war, zeigen die vielen

positiven Rückmeldungen. „Zu uns kamen

die unterschiedlichsten Menschen. Viele

hegten eine tiefe und echte Treue zu uns,

für die ich sehr dankbar bin.“ Ganz im Sinne

des leidenschaftlichen Seelsorgers war das

Haus auch für jene Menschen eine Anlauf­

stelle, die verletzt oder enttäuscht von der

Kirche waren. „Viele haben mir gesagt: Bei

euch durfte ich Kirche ganz neu kennen

lernen“, berichtet Bruder Isaak. Darüber

hinaus lebten Ordensstudenten aus aller

Herren Länder im Haus Benedikt. „Wir

hatten immer Multikulti“, schwärmt Isaak,

fügt aber sogleich hinzu, dass dies nicht

immer nur Gaudi und Spaß sei, sondern

„viel Achtsamkeit“ erfordere. „Wir mussten

immer wieder umdenken, um die kulturellen

Eigenarten an einen Tisch zu bringen.

Das war eine große Herausforderung!“

Entscheidung war goldrichtig

Vor allem aber sollte das Haus auch künftig

Bildungs­ und Gästehaus sein – aber

mit völlig neuem Profi l. Bewusst reduzierte

Bruder Isaak die ZEN­Kurse und stellte im

Gelben Programm einen bunten Strauß

verschiedenster Angebote zusammen:

Kurse zu Kontemplation, Leibarbeit und

Yoga fanden sich hier ebenso wie solche

zu Schriftlesung, Lebensorientierung

und Pilgerwanderungen. Ganz neue Perspektiven

eröffneten sich 2004, als Pater

Anselm Grün und Dr. Friedrich Assländer

anfragten, ob man nicht ein spezielles

Kurs programm für Menschen in berufl icher

Verantwortung entwickeln wolle. So entstand

das Grüne Programm „Führen und

geführt werden“ mit zuletzt 56 Kursen im

Jahr. Berufl iche Kompetenzerweiterung

und Persönlichkeitsentwicklung wurden

Das Haus Benedikt in Würzburg

mit Spiritualität und benediktinische Tradition

verknüpft. „Diese Entscheidung

war goldrichtig“, resümiert Isaak: „Damit

übersetzen wir die benediktinische Spiritualität

in den Alltag.“ In internationalen

Wirtschaftskreisen riefen die Coaching­

Kurse Begeisterung hervor. Das Haus war

gut besucht, im November 2009 wurde es

sogar von der Stiftung Warentest zum Testsieger

unter den Führungs­Kursen gekürt.

Wie geht es weiter?

Vor diesem Hintergrund mag die Entscheidung,

Haus Benedikt Ende 2010 zu schließen,

wie ein Blitz aus heiterem Himmel

gewirkt haben. „Dennoch war es die einzig

richtige Entscheidung“, sagt Bruder Isaak.

Nachdem der Pachtvertrag für die Katholische

Landvolkshochschule Klaus von Flüe

in Münsterschwarzach auslief, bot es sich

an, dieses Gebäude auf dem Abteigelände

zu übernehmen. „Mit Blick auf die personelle

und fi nanzielle Situation war jedoch

klar, dass der Unterhalt beider Häuser nicht

zu leisten ist“, erläutert er. Fast zeitgleich

erreichte die Abtei eine Anfrage der Universität

Würzburg nach einem Haus für die

Katholische Fakultät. Spruchreif sind diese

Überlegungen allerdings noch nicht, die Verhandlungen

mit der Universität laufen noch.

Tiefe Dankbarkeit

Ihre Bildungsarbeit konzentrieren die Benediktiner

nun seit dem 1.1.2011 auf Münsterschwarzach.

Im Haus Benedikt ist es

indes still geworden. Bis ein neuer Mieter

gefunden ist, halten noch drei Benediktiner

die Stellung. Dann gehen auch sie: Pater

Cornelius Hörnig, Krankenhausseelsorger

in der Missionsärztlichen Klinik, bezieht ein

Zimmer bei den Missionaren von Mariannhill,

und Bruder Isaak Grünberger macht

sich gemeinsam mit Bruder Sturmius Stöcklein

auf den Jakobsweg in Spanien, ehe er

sich neuen Aufgaben zuwendet. Obwohl

der Abschied vom Haus Benedikt auch

Trauer weckt, überwiegt für Bruder Isaak

die Dankbarkeit: „Ich bin zutiefst dankbar

für die vielen wertvollen Erfahrungen und

menschlichen Begegnungen, die ich in diesem

Haus machen durfte. Denn auch ich

wurde hier reich beschenkt!“

35


NAMEN/NAcHRIcHTEN

Ältester Missionsbenediktiner der Welt

– P. Heribert (Franz) Ruf OSB – gestorben

Gott, der Schöpfer und Herr

unseres Lebens rief am Mittwoch,

den 18. Mai 2011 unseren

lieben Mitbruder und

Senior der Kongregation

zu sich in sein himmlisches

Reich.

Am 11. April 1913 erblickte

P. Heribert als jüngstes von

neun Geschwistern das Licht

der Welt und erhielt in der

Taufe den hl. Franz von Sales

als Patron.

Von 1919 bis 1927 besuchte

Franz die Volksschule im Heimatort. Dann

wechselte er in die damalige Missionsschule

unserer Abtei nach St. Ludwig. Den

zweiten Teil der Gymnasialzeit in Würzburg

beendete er dort mit dem Abitur. Eine Zäsur

war die Zeit beim Reichsarbeitsdienst

1936. Danach meldete er sich in Münsterschwarzach

und wurde am 15. Oktober

des Jahres ins Noviziat. Am 21. Oktober

1937 legte er die zeitlichen Gelübde ab.

Das folgende Philosophie­Studium an der

Gott, der Schöpfer und Vollender unseres

Lebens, rief am Samstag, den 4. Juni 2011,

unseren lieben Mitbruder zu sich in sein

himmlisches Reich:

Br. Kilian (Stephan) Iff OSB

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte

Br. Kilian auf unserer Infirmerie. Br. Kilian

kam in Retzstadt (Kreis Main­Spessart) am

17. März 1929 zur Welt; seine Eltern waren

der Landwirt Johann Iff und seine Ehefrau

Johanna, geb. Mai. Als die Mutter bereits

1936 nach langer schwerer Krankheit verstarb,

war es ein schwerer Schicksalsschlag

für die ganze Familie. Eine entbehrungsreiche

Kindheit prägte Br. Kilian für sein ganzes

Leben: er konnte es nicht hinnehmen,

wenn Lebensmittel weggeworfen oder

auch nur Wasser verschwendet wurde.

Von 1935 bis 1943 besuchte er die Volksschule

in Retzstadt und 1948/49 die

Landwirtschaftsschule in Würzburg. Am

Universität Würzburg endete

mit der Einberufung zur

Wehrmacht im Dezember

1939. Die Nachricht von

der Aufhebung der Abtei

im Mai 1941 erreichte ihn

als Sanitäter in Jugoslawien.

Umgehend richtete er ein

Schreiben an den NS­Gauleiter

von Mainfranken und äußerte

darin sein Unverständnis

und seine Betroffenheit

über diese Willkür­Maßnahme.

In den Augen der braunen

Machthaber war dies ein unerhörter

Vorgang, der Verhöre, Disziplinar­Strafen,

öffentliche Maßregelungen vor der Truppe;

schließlich ein Kriegsgerichts­Verfahren in

Marburg zur Folge hatte.

Nach der Entlassung aus amerikanischer

Gefangenschaft kehrte er 1945 zurück

nach Münsterschwarzach und konnte in

Würzburg das Studium der Theologie aufnehmen.

Am 06. Juli 1947 empfing Frater

Heribert durch Bischof Matthias Ehrenfried

26.4.1953 kam Br. Kilian

nach Münsterschwarzach,

weitere bedeutende klösterliche

Akzente seines Lebens

waren die Noviziatsaufnahme

am 6.5.1954, die zeitliche

(10.5.1955) und die

ewige Profess am 15.5.1958.

Schon am Tag nach seinem

Eintritt arbeitete Br. Kilian

im Kuhstall und dies wurde

seine Lebensaufgabe, mehr

noch: seine große Liebe – bis

zum Tag vor seinem Heimgang zu Gott. Ob

in Münsterschwarzach, auf dem Gutshof

Kaltenhof bei Schweinfurt (1958 bis 1969)

oder in unserer Filiale Kemphausen/Oldenburg

(1975 bis 1983), stets sorgte er

mit seiner ihm eigenen Ruhe für das liebe

Vieh und verwöhnte es mit speziellen Lekkerbissen.

Hingabe und eine unglaubliche, tägliche

Treue über ein halbes Jahrhundert hin war

für ihn schlicht eine Selbstverständlichkeit.

die Priesterweihe. Am 26. März 1950

brachte die Sendung zur Missionsarbeit

in Südafrika eine entscheidende Wende.

Seine erste Stelle im Zululand trat er in

Mahlabatini an. Ab 1955 war er Pfarrer

in Cassino. Bis 1992 betreute er verschiedene

Stationen.

Er zog sich in die Abtei Inkamana zurück.

Zehn Jahre später entschloss er sich sein

geliebtes Südafrika für immer zu verlassen.

Am 03. Dezember 2004 traf er in

seinem Heimatkloster Münsterschwarzach

ein. Er blieb der begeisterte Mönch und

Missionar der Schwung und Optimismus

ausstrahlte. Pater Heribert war mit einer

nicht alltäglichen Energie begnadet und

nahm in dieser Haltung auch die Hürden

die Alter und Krankheit mit sich brachten.

Großen Wert legte er auf die Verbundenheit

mit den Mitbrüdern und seinen Verwandten.

Wir danken Gott, dass er so lange zu uns

gehörte und bis zuletzt aufmerksam am

Geschehen in und außerhalb der Abtei

teilnahm. R.I.P.

Er war ein Mensch, der ohne

viel Aufhebens einfach „da“

war.

Br. Kilian war ein äußerst

anspruchsloser und genügsamer

Mensch. Im ersten Augenschein

wirkte er schlicht,

doch besaß er ein phänomenales

Gedächtnis sowie

die sprichwörtliche Bauernschläue,

was ihn zum angenehmen

Gesprächspartner

machte. Mit seinem trockenen fränkischen

Humor bereicherte er uns immer wieder.

Geistig rege und vielseitig interessiert

nahm er bis zuletzt alles wahr, was sich im

Kloster, in der Heimat, in Politik und Weltgeschehen

ereignete.

Wir danken Br. Kilian für all die Jahre, die er

mit uns gelebt, gearbeitet und gebetet hat.

R.I.P.

36


DANK/SERIE

Die St. Benedict’s Clinic

bedankt sich für 44.444,44 Euro

Unsere Bitte um Hilfe für vier Euro hat ein

starkes Echo ausgelöst und ein großartiges

Ergebnis gebracht. Br. Stephan konnte uns für

die St. Benedict’s Clinic den „wundersamen“

Betrag von 44.444,44 Euro überweisen.

Wenn Ihre Spenden, liebe Freunde und

Wohltäter, ganz genau diese Summe erbracht

hätten, dann wäre das nicht ein

kleines, sondern schon ein größeres Wunder,

und daran braucht niemand zu glauben.

Natürlich hat da Br. Stephan mitgewirkt

und den Betrag durch eine kleine

Aufstockung ein bisschen verschönert, um

damit die Bedeutung der Zahl Vier noch

einmal hervorzuheben. Ich aber möchte

mich bei Ihnen mit einem aufrichtigen

„Vergelt’s Gott!“ ganz herzlich bedanken.

Ihre Gaben machen es uns möglich, unseren

vielen armen Patienten, wie ich sie

im „Ruf“ vom Februar beschrieben habe,

wieder eine Zeit lang zu helfen.

Unser Mann aus Afrika berichtet

Verkehr in Tanzania ist eine ganz spezielle

Sache, an die sich ein Westeuropäer erst

mal gewöhnen muss. Bei meiner Ankunft in

Dar es Salaam habe ich den tanzanischen

Verkehr gleich von seiner „dicken Seite“

kennen gelernt. Obwohl wir lange im Voraus

angekündigt waren,

wurden wir am Flughafen

nicht von unseren

Mitbrüdern in Empfang

genommen… Die waren

nämlich hoffnungslos im

Stau stecken geblieben.

So entschieden wir uns für

ein Taxi und durften den

üblichen Großstadt­Stau

einer 3­Millionen­Metropole

miterleben. Ein ganz

spezielles Erlebnis auf den

Straßen von Dar es Salaam

sind die Motorrad­Taxen.

Diese Slang­Maschinen

chinesischer Produktion

sind eine wahre Plage.

BR. JONA ScHäFER OSB

Geboren 1954 in Lohr a. Main

Profess 1986,

Bürokaufmann und Buchhändler

von 1993–2009 im Buchladen

der Abtei Münsterschwarzach.

Seit Dezember 2009

als Missionar auf Zeit in Peramiho

(Buchladen) tätig.

Anfang März machte Br. Dr. Ansgar Stüfe

einen kurzen Besuch bei uns. Der Direktor

unserer Clinic, Br. Bernhard Pasacas, nahm

die Gelegenheit wahr, Br. Ansgar die Liste

seiner Bestellungen bei AKTION MEDEOR

für das laufende Jahr vorzulegen und nach

Deutschland mitzugeben.

Ich selber habe die besagte Liste nicht

gesehen, aber die Medikamente, die in

zwei bis drei Monaten eintreffen werden,

kosten erfahrungsgemäß 30.000,00 bis

35.000,00 Euro. AKTION MEDEOR schickt

uns die Pakete nach Davao. Dort werden

sie zur Inspektion geöffnet, bevor wir sie

hierher zum Kloster transportieren dürfen.

Für Br. Bernhard ist das immer eine schwere

Arbeit, aber auch ein Festtag wie Weihnachten.

Auch für mich wird die Freude

dieses Mal besonders groß sein, denn die

Medikamente sind durch Ihre großherzigen

Spenden ja schon bezahlt. Und es bleibt

Zwei, manchmal auch drei Personen auf

einem Rad sind völlig normal, ganz zu

schweigen vom Gepäck: Zwei Leute und

ein Schwein auf einem Motorrad sind hier

durchaus möglich. Auf dem Land ist der

Individualverkehr eher gering. Was sich hier

Landstraße nennt, würde

bei uns gerade noch als

Feldweg durchgehen. Einmal

durfte ich die 600 Kilometer

östlich gelegene

Abtei Ndanda besuchen;

die Piste dorthin war stellenweise

so schlecht, dass

wir nicht flotter als mit

30 km/h vorankamen.

Manchmal wunderte ich

mich, wenn der Fahrer

plötzlich bremste… und

merkte erst hinterher, dass

er das nächste Schlagloch

bereits vorausgeahnt hatte.

Eigentlich beträgt die

erlaubte Höchstgeschwin­

auch noch eine schöne Summe übrig, mit

der Br. Bernhard hier im Land Spritzen, Tabletten,

Hustensaft und manches andere

kaufen kann.

In der Vorfreude auf die große Sendung

grüße ich Sie alle herzlich und dankbar.

Ihr P. Edgar Friedmann in Digos

digkeit 80 km/h. Wer sich am wenigsten

daran hält, sind die Fernreisebusse. Die

schaffen die knapp 1000 Kilometer von

Dar es Salaam bis Songea in etwa 12

Stunden. Wenn man Verkehrskontrollen

und Pausen einkalkuliert, kann man sich

ausrechnen, wie flott die Busse unterwegs

sind. Dass das nicht immer ohne Unfall

abgeht, ist klar. So ist beispielsweise vor

Weihnachten nicht weit von Njombe ein

Bus in den Graben gefahren; drei Tote waren

zu beklagen. Zwei Mitbrüder aus Hanga

waren auch mit im Bus. Der Gurt hat

ihnen das Leben gerettet und so kamen sie

mit einigen Hautabschürfungen und einem

Schrecken davon. Als sehr wirksame Geschwindigkeitsbremse

erweisen sich aber

kleine Huckel in der Straße, „speed bams“,

die am Beginn dichter besiedelter Gebiete

eingebaut werden. Was die Vorfahrtsregelung

betrifft, gilt: Der Stärkere hat Vorfahrt.

Mit diesem Bericht verabschiede ich

mich als ihr Mann aus Afrika.

37


SERIE

Unser Mann aus Kuba

Wovon leben die Kubaner?

Wovon leben die Kubaner eigentlich?, fragen

wir uns oft. Neulich konnte ich in der

Schlange am Postschalter mitzählen, wie

der Rentnerin vor mir ihre monatliche Rente

von 260 Peso ausgezahlt wurde. Kubaner

sind in solchen Dingen recht indiskret,

und so gibt es in der Schalterschlange auch

gar keine Möglichkeit, Abstand zu halten.

260 Peso, das ist die normale Rente hier,

10,40 US­Dollar bzw.7,38 Euro. Der Lohn

eines einfachen Arbeiters beträgt etwas

über 300 Peso, ein Facharzt kommt auf

knapp 900 Peso, gerade einmal 26

Euro im Monat.

Manche Grundleistungen sind kostenlos:

Schule, Gesundheitsversorgung

und eine gewisse Menge Lebensmittel,

für die die Kubaner eine Lebensmittelkarte

haben. Aber diese Lebensmittel

reichen für vielleicht 10 Tage, den Rest

des Monats über müssen die Kubaner

ihre Lebensmittel auf dem Markt kaufen.

Auch wir kaufen dort ein und geben

pro Monat und Person ungefähr

28 Euro aus. Das ließe sich natürlich reduzieren:

Verzicht auf Fleisch (Schweinefl

eisch 1 Euro das Pfund, Hammelfl eisch

etwas mehr, Rindfl eisch gibt es nur für Devisen),

Verzicht auf die guten, tropischen,

frischen Ananas (0,50 Euro die ganze

Frucht), jeden Tag nur Reis und Bohnen.

Manche sind härter getroffen, etwa die

alte Mutter einer Bekannten, der vom Arzt

abwechslungsreiche Ernährung verordnet

wurde. Oder der Obdachlose, der alle paar

Tage zu uns in die Messe kommt. Er bittet

nie um etwas, trotzdem geben wir ihm natürlich

von Zeit zu Zeit ein bisschen. Ohne

Heim und Herd hat er weniger Möglichkeiten

zum Sparen als andere.

Seit Jahresanfang sind viele Arbeiter der

staatlichen Betriebe entlassen worden,

die Rationen der Lebensmittelkarten sind

gekürzt worden. Im April fi ndet der Parteitag

der Kommunistischen Partei statt, ein

Ereignis, das nur ungefähr alle acht Jahre

wiederkehrt, und dem daher große Bedeutung

für die weitere Entwicklung beige­

messen wird. Allgemein wird befürchtet,

dass der Staat weiterhin Arbeiter entlässt.

Gleichzeitig aber bezweifelt man, dass die

kleinen selbständigen Betriebe genug Freiheiten

bekommen, um hinreichend neue

Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Pfarrer, in dessen Pfarrbezirk wir wohnen,

Padre Juan, ist Spanier; lange Zeit war

er auf seiner Heimatinsel Mallorca tätig.

Nach seiner Pensionierung vor drei Jahren

fühlte er sich noch nicht reif für den Ruhestand

und beschloss, seine Kräfte der

Kirche Kubas, der Heimat seiner Mutter,

zu widmen.

P. Juan mit seinen Vorräten

In diesem März konnte er endlich den

Startschuss für sein neues Projekt "Cesto

básico, Basis­Korb" geben. Die Caritas­

Gruppe der Pfarrei, die die Situation der

einzelnen Familien genauestens kennt, hat

50 Haushalte benannt, die wirkliche Not

leiden. Jeder Haushalt bekommt nun einen

"Basis­Korb", genauer: eine Plastiktüte. Darin

enthalten: 500 ml Soja­Öl, ungefähr

1½ kg Reis und Erbsen, 1 Tüte Milchpulver

und eine Tüte Kakaopulver (je 500

g), 2 Stück Seife, 1 Putzlappen und 500

g Zucker. Das notwendige Geld (ungefähr

10 US­Dollar pro Tüte, also 500 Dollar im

Monat) stellen wir Benediktiner zur Verfügung,

um auf diese Art den Menschen

hier zu helfen, während wir weiterhin auf

die Zuteilung eines Grundstücks warten.

Nicht allen Kubanern geht es so schlecht.

Wer Arbeit hat, genießt oft Vergünstigungen

wie zum Beispiel freies Mittagessen

in der Kantine. Vor allem aber hat

er die Möglichkeit, illegal an ein Zusatz­

einkommen zu kommen, indem er in seinem

Betrieb stiehlt und die Ware auf dem

Schwarzmarkt verkauft.

Ein Bekannter, der sich auskennt, informierte

uns über die Zusatzeinkünfte von Lehrern:

Wenn der Schüler den Stoff der halbjährlichen

Prüfung nicht beherrscht, muss er

5 Dollar bezahlen, das Abitur kostet pro

Fach 10 Dollar. Immerhin: Wer den Stoff

beherrscht, besteht die Prüfung kostenlos.

Ein besonders unsympathisches Beispiel

konnten wir neulich an einem Imbissstand

beobachten: Drei Polizisten kamen mit

Motorrädern angefahren, stiegen ab,

bestellten freundlich jeder ein „Pan

con lechón" (Brötchen mit Schweinefl

eisch) und eine Dose Cola, aßen

und fuhren weiter. Leider ohne zu

bezahlen.

Viele Kubaner haben noch eine andere

Einnahmequelle: Die Verwandten

im Ausland, vor allem in Miami in Florida,

nehmen zum Teil große Opfer auf

sich, um ihre Familien in der Heimat

zu unterstützen.

„Ich habe zwei Tanten in den USA, die

schicken jeden Monat 200 Dollar", sagte

ein kubanischer Freund. Er lebt mit seiner

Mutter, seiner Schwester und deren Sohn

in einem Haushalt. Für jeden bleiben also

50 Dollar im Monat – deutlich mehr als

sein Monatsverdienst als Lehrer. Die Mutter

ist übrigens streng, der Sohn – immerhin

31 Jahre alt – muss sein ganzes Gehalt

bei ihr abgeben. Auch das trägt natürlich

zum Sparen bei.

So leben und überleben die Kubaner, manche

recht gut, andere gerade am Rande des

Existenzminimums oder sogar darunter.

Br. Robert Sandrock OSB

Geboren 1966 in Geesthacht

• Profess 1987 • Mathematik­

und Physiklehrer • Missionseinsatz

Peramiho 2007–2009 • Seit April 2009 Cellerar

der Gemeinschaft Monasterio Benedictino

de la Epifania del Señor in Havanna/Cuba

38


An der Tür zum Nähkästchenzimmer

prangte ein knallrotes Plakat

mit der Aufschrift: „Heute Tag

unserer Super-Idole”.

Tom schaute verständnislos auf

das Plakat und murmelte: „Was soll

denn das jetzt schon wieder?“ Das

Erste, was er sah, als er die Tür öffnete,

war ein völlig durchgedrehter

Matata. Er sah aus, wie ein Bayern-

München Fan mit Schal und allem

Brimborium, trug ein Pappschild

vor sich her und sang mit einer

irren Lautstärke den Schildtext:

„Schweini vor – noch ein Tor!“ Dabei

trampelte er über das Nähkästchen

und die zwei armen Mädchen.

Die erste, die das Ganze kommentierte,

war Kati: „Du ge hörst nicht

auf die Fanmeile, son dern in die

Klappsmühle mit Deinem Schweini-

Schweinsteiger. So ein Fanterror ist

ja nicht zum Aushalten. Da haben

wir Mädels doch ganz andere Idole.“

Sprach’s, und setzte sich mitten ins

Nähkästchen. „Darf ich bitte mal

wissen, was hier los ist?“ – „Na,

heute ist doch unser Fan-Idoltag,

an dem wir unsere Idole zur Schau

stellen,“ sagte Matata mit seinem

Pappschild. „Und darf ich mal die

Damen fragen, wen sie so bevorzugen,“

fragte Tom.

Da ging aber die Post ab. Kati holte ein

Poster von einem jungen Mann hervor,

auf das sie lauter rote Herzen

gemalt hatte. „Das ist Justin

Bieber, mein Schatz. Ist er nicht

süß?“ Dann begann sie seinen Song

‚Never say never’ zu schmettern,

so dass die anderen sich die Ohren

zuhielten.

Irgendwann ging ihr die Luft aus

und Bahati nutzte die Gelegenheit

für ihren Auftritt. Auch sie hatte

ein Plakat mit einer jungen Frau

Oh happy day?

im Skianzug. „Ich fi nde es super,

wenn Frauen mal ganz oben auf dem

Treppchen stehen, so wie Magdalena

Neuner, und nicht nur Wischtücher

in der Hand halten!“

Dann blickte sie Tom von unten an.

„Und Du, wer ist denn Dein Idol?“

Ohne lange zu überlegen meinte

Tom: „Ich habe ein ganz tolles, aber

leider ist mein Idol schon fast 500

Jahre tot, für mich aber ganz wirklich.

Ich hab’ sogar ein kleines Bild

von ihm, hier,“ und damit fasste

er in seine Brusttasche und zog

einen Zettel mit einem Bildnis heraus.

„Das ist Thomas Morus, mein

Namenspatron.“

Dann setzte er sich und erzählte

lange von diesem Mann und warum

er sein Idol wurde. Unsere drei

Kleinen kuschelten sich an Tom und

hörten gespannt zu, denn es war ein

spannender Lebenslauf.


DAS PORTRAIT

STECKBRIEF:

Name: P. Aurelian Weiß OSB

Geboren: 1928 in Löffelstelzen

1950: Abitur, Eintritt ins Noviziat

1951: Zeitliche Profess

1951 – 1957: Philosophie­ und Theologiestudium

in St. Ottilien und Würzburg

1956: Priesterweihe

1958 – 1968: Als Zelator für die Ausbildung der Novizen mitverantwortlich.

1962 – 1974: Geistlicher Begleiter

in der Kath. Landvolkshochschule

1974 – 1989: Kaplan in Stadtschwarzach

1989 – 2003: Pfarrer in Sommerach und Nordheim

2003 – 2006: Seelsorgstätigkeit in der Abtei

Seit 2006: Mitarbeit im Priorat in Damme

Meine Meinung zum Thema dieser Ruf-Ausgabe:

Wer ein Idol braucht, verliert schnell Gott aus dem Blick.

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