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Warlock – Die Geschichte eines Hexenmeisters ... - deviantART

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<strong>Warlock</strong> <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>eines</strong> <strong>Hexenmeisters</strong>….<br />

…und seiner Freunde


inhaltliches blabla<br />

- 2 -


Inhaltsverzeichnis<br />

Vorwort<br />

Kapitel 1 <strong>–</strong> Ein neuer Anfang<br />

Kapitel 2 <strong>–</strong> Dämonische Anfänge<br />

Kapitel 3 <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Geschichte</strong> des Jägers .................................................................... 11<br />

Kapitel 4 <strong>–</strong> Ein Traum der Wahrheit ........................................................................... 21<br />

Kapitel 5 <strong>–</strong> Ein Herz aus Eis .......................................................................................... 26<br />

Kapitel 6 <strong>–</strong> Wegekreuz ................................................................................................ 32<br />

Kapitel 7 <strong>–</strong> Zusammenkunft ....................................................................................... 39<br />

Kapitel 8 <strong>–</strong> Traumhafte Lektionen ............................................................................. 45<br />

Kapitel 9 <strong>–</strong> HdW<br />

Kapitel 10 <strong>–</strong> Dämonische Weiten<br />

Kapitel 11 <strong>–</strong> Im Dschungel<br />

Kapitel 12 <strong>–</strong> Abgetaucht<br />

Kapitel 13 <strong>–</strong> Murlocs und andere Nervensägen<br />

Kapitel 14 <strong>–</strong> Wiedersehen in der Wüste<br />

Kapitel 15 <strong>–</strong> Im Sande verlaufen<br />

Kapitel 16 <strong>–</strong> Auf zum Krater<br />

Kapitel 17 <strong>–</strong> Nachts im Krater<br />

Kapitel 18 <strong>–</strong> Der Schatten<br />

Kapitel 19 <strong>–</strong> Konvertierung<br />

Kapitel 20 <strong>–</strong> Der Schattenrat<br />

Kapitel 21 <strong>–</strong> Entscheidungen<br />

Kapitel 22 <strong>–</strong> Auge um Auge<br />

Kapitel 23 <strong>–</strong> Kehrtwende<br />

Kapitel 24 <strong>–</strong> Freundschaft aus der Ferne<br />

Kapitel 25 <strong>–</strong> Immer diese Kinder...<br />

Kapitel 26 <strong>–</strong> Druide, zur Rettung!<br />

Kapitel 27 <strong>–</strong> In der Höhle des Löwen unter Wölfen<br />

Kapitel 28 <strong>–</strong> Dunkelheit<br />

Kapitel 29 <strong>–</strong> <strong>Die</strong> verwüsteten Lande<br />

Kapitel 30 <strong>–</strong> Ein (Alb-)Traum wird wahr<br />

Kapitel 31 <strong>–</strong> Böse alte Bekannte<br />

Kapitel 32 <strong>–</strong> Dunkles Licht<br />

Kapitel 33 <strong>–</strong> Ein Verlies voller Helden<br />

Kapitel 34 <strong>–</strong> Ruhe und Sturm<br />

Kapitel 35 <strong>–</strong> Im Nether<br />

Kapitel 36 <strong>–</strong> Marsch in die Marschen<br />

Kapitel 37 <strong>–</strong> Von Pilzen und Sporen<br />

Kapitel 38 <strong>–</strong> Im Kifferhimmel<br />

Kapitel 39 <strong>–</strong> Waffenstillstand<br />

- 3 -


Kapitel 40 <strong>–</strong> Der ferne Donner ganz nahe<br />

Kapitel 41 <strong>–</strong> Luftangriff<br />

Kapitel 42 <strong>–</strong> Auf der Flucht<br />

Kapitel 43 <strong>–</strong> Flucht durch eine andere Welt<br />

Kapitel 44 <strong>–</strong> Verrat unter Verbündeten<br />

Kapitel 45 <strong>–</strong> Sanitöter<br />

Kapitel 46 <strong>–</strong> Heiße Freundschaft<br />

Kapitel 47 <strong>–</strong> Doppeltes Spiel<br />

Kapitel 48 <strong>–</strong> Daemonicus Interruptus<br />

Kapitel 49 <strong>–</strong> Der Herr über das Heer der Netherdrachen<br />

Kapitel 50 <strong>–</strong> Endlich in Sicherheit<br />

Epilog<br />

- 4 -


Vorwort<br />

<strong>Die</strong> Welt von Warcraft ist voller <strong>Geschichte</strong>n. Manche erlebt man als<br />

kleiner Charakter, manche schafft man selbst. Doch nicht erst seit<br />

World of Warcraft und dem fulminanten Erscheinen <strong>eines</strong><br />

Onlinerollenspiels in bis dahin nie dagewesener grafischer Pracht hat<br />

die <strong>Geschichte</strong> um Orcs, Menschen, Trolle und Elfen gefesselt. Viele<br />

Romane haben sich bereits mit dem Thema beschafft, die einzelnen<br />

Aspekte der <strong>Geschichte</strong> beleuchtet und so ein grobes Bild dessen,<br />

was wir als Azeroth kennen, geformt.<br />

Angefangen bei den Titanen über die Brennende Legion, die Allianz<br />

aus Kriegern der Menschen, Zwerge, Gnome, Nachtelfen und Draenei<br />

und die Horde, die sich aus Orcs und Trollen, Tauren, Untoten und<br />

Blutelfen zusammen setzt.<br />

Gemeinsam erleben sie Abenteuer in dieser Welt, erleben das, was<br />

viele Entwickler bereits vorgedacht haben, selbst und auf ihre eigene<br />

Art nach.<br />

Mit meiner <strong>Geschichte</strong> bilde ich nur einen kleinen Ausschnitt dessen,<br />

was man in dieser mysteriösen Welt voller Magie und Tugend, einer<br />

Welt des Kampfes, der Duelle, der Taktik und der Gemeinschaft,<br />

erleben und sehen konnte. Nicht immer ist dabei die <strong>Geschichte</strong> des<br />

Spiels vollständig übernommen, geht sie in weitere Bereiche des<br />

Warcraftuniversums auf, betont einige Aspekte, während andere<br />

vernachlässigt werden.<br />

<strong>Die</strong> Charaktere in dieser <strong>Geschichte</strong> entstanden schon vor dem<br />

Entstehen dieser Seiten. Anders als die meisten anderen Spieler, die<br />

ihren Charakteren sehr wahllos die komischsten Namen gaben, sollten<br />

sie etwas besonderes sein. Mit Ausnahme von wenigen Charakteren<br />

sind es so lediglich jene, die auch von mir gespielt werden, die eine<br />

Hauptrolle in den folgenden Seiten haben werden. Nein, das ist kein<br />

Nachteil, denn jeder Charakter ist auf seine Art einzigartig <strong>–</strong> nicht nur,<br />

was seine Klasse, seine Ausrüstung und sein Aussehen betrifft, sondern<br />

auch seine Seele, seine <strong>Geschichte</strong>, sein Handeln und die kleinen<br />

Eigenheiten, die einen Charakter erst so richtig liebenswert oder so<br />

richtig verabscheuungswürdig machen.<br />

Ob man einen Charakter liebt oder hasst, ist jedem selbst überlassen.<br />

Fakt ist nur, dass selbst ich meine Vorlieben habe. Meine Vorliebe ist<br />

der in dieser <strong>Geschichte</strong> auftretende und ihr den Namen gebende<br />

Hexenmeister. Auch wenn er nur ein leicht ins Extreme gerutschte<br />

- 5 -


Spiegelbild meiner Selbst ist, habe ich ihn von der ersten Spielminute<br />

an in mein Herz geschlossen. Denn er beweist: Es gibt mehr als eine<br />

Schattierung von Schwarz, mehrere Ausprägungen des Begriffs<br />

„Boshaftigkeit“ und keine ist wie die andere.<br />

Folgt mir nun in eine Welt, in der Magie und Flüche nicht nur in<br />

Büchern, sondern auf dem Schlachtfeld wie auch in den eigenen vier<br />

Wänden beheimatet sind. Kommt mit in das Land der Orcs und Trolle,<br />

erlebt die <strong>Geschichte</strong>n am eigenen Leib und seht, wie aus kleinen,<br />

schwachen Recken am Ende starke Helden werden, die sich und ihre<br />

ganze Welt retten. Lest die Reibereien und die Sentimentalitäten.<br />

Denn dies ist die<br />

World of Warcraft.<br />

- 6 -


Kapitel 1 <strong>–</strong> Ein neuer Anfang<br />

<strong>Die</strong> Nachwirkungen des großen Krieges sind noch allgegenwärtig. <strong>Die</strong><br />

Landen sind aufgewühlt, viel Trauer und dennoch viel Stolz an allen<br />

Orten. <strong>Die</strong> einen weinen um die aus dem Krieg nicht zurück gekehrten,<br />

andere freuten sich über die nun eingekehrte, vermeintliche Ruhe.<br />

Doch es war eine trügerische Ruhe. Frieden, der nur zu einem<br />

gereichte: Das ehemals dünne Bündnis der Allianz und der Horde<br />

auseinander driften zu lassen. Aus Antipathie wurde Ablehnung, aus<br />

Ablehnung erwuchs neuerliche Verachtung für die jeweils andere<br />

Seite. Nun war es an den Helden des Krieges, einen brüchigen<br />

Waffenstillstand aufrecht zu erhalten.<br />

Eine Zeit der Ruhe für die einstigen Helden. Eine Zeit der Möglichkeiten,<br />

der neuen Hoffnungen.<br />

Neue Helden und Abenteurer sollten das Land bereisen, sich neuen<br />

Herausforderungen stellen und neuen wie auch alten Gefahren<br />

entgegen treten. Allein Nozdormu könnte vorhersagen, welche<br />

Abenteuer sich den neuen Helden, den neugierigen Abenteurern<br />

oder auch nur den unglücklichen Reisenden offenbaren würden.<br />

Wir können nur gespannt sein. Gespannt sein, was geschehen mag.<br />

- 7 -


Kapitel 2 <strong>–</strong> Dämonische Anfänge<br />

Ein lautes Brüllen vor Schmerzen groll durch die Höhlen nahe<br />

Orgrimmar. Schnell eilten weitere Kultisten der Brennenden Klinge zum<br />

Höhleneingang, dem Schrei nach, um herauszufinden, welcher ihrer<br />

Brüder dort so einen Lärm veranstaltete und was passiert war.<br />

Ein junger Orc stand dort. Allein offenbar...nein...er hatte einen kleinen<br />

Wichtel bei sich. Ein...Hexenmeister? Wohl eher ein Jüngling, ein kleiner<br />

Spross, der nun die Zahl der Kultisten zu dezimieren versuchte. Kein<br />

Problem für diese drei...nein zwei....Kämpfer.<br />

<strong>Die</strong> beiden bekamen einen Schreck, als der dritte unter ihnen mit<br />

einem Mal tot zusammen sank. beängstigend, wie viel böses in diesem<br />

Hexenmeister gesammelt sein musste, das dieser....wieder sank einer<br />

tot zusammen, ehe auch nur ein Schlag auf den Hexenmeister<br />

ausgeführt worden war. Jetzt sah sich auch der letzte um und wollte<br />

fliehen, wurde dann aber auch von einer Kugel purer schwarzer<br />

Magie getroffen, um nur Momente später ebenfalls leblos zu Boden zu<br />

gehen.<br />

„Schwächlinge. Allesamt. Und die wollen eine Gefahr für Orgrimmar<br />

darstellen?“ brummte Vadarassar, beugte sich nach den Taschen der<br />

leblosen Körper, um diese nach wertvollen Besitztümern zu<br />

untersuchen. Ahh...das gesuchte Siegel. Endlich hatte er es gefunden.<br />

Jenes Siegel, um das Thrall ihn gebeten hatte.<br />

Mit dem Siegel in der Hand ging er durch die Gasse von Orgrimmar,<br />

drängte eine Gesellschaft von Orcs und Trollen, die eine Art Hochzeit<br />

abhielten, beiseite, sich hindurch und versetzte mit einem grimmigen<br />

Lächeln und einigen dunklen Wortsilben den Bräutigam für einige<br />

Minuten in Panik, ließ ihn wie ein kopfloses Huhn herum rennen (zur<br />

Belustigung aller vorbeikommenden Passanten. Man stelle sich nur<br />

einmal vor: Ein Troll, der seine Arme wild nach oben reißt und wie am<br />

Spiel schreiend im Kreis läuft...) und betrat schließlich die Festung von<br />

Thrall.<br />

„Herr, ich habe das Siegel beschafft. Was nun soll meine nächste<br />

Aufgabe sein?“ fragte der Hexenmeister mit monotoner Stimme.<br />

Wirklich begeistert war er nicht <strong>–</strong> auch wenn ihm das Abschlachten<br />

dieser Kultisten wirklich Spaß gemacht hatte.<br />

<strong>Die</strong> nächste Aufgabe war etwas...langweilig. Anstatt direkt wieder<br />

jemanden ins Jenseits zu schicken, musste Vadarassar zunächst einmal<br />

- 8 -


mit angelegtem Siegel zu Neeru gehen und mit diesem im Vertrauen<br />

sprechen. Das war auch rasch erledigt und mit einem Mal taten sich<br />

Dinge auf, die er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte, Thrall aber<br />

offensichtlich sehr wohl. Denn dieser klang von der <strong>Geschichte</strong>, die<br />

Vadarassar ihm berichtete, k<strong>eines</strong>wegs überrascht. Im Gegenteil: Es<br />

schien, als hätte er es schon lange gewusst. Doch die beiden Namen,<br />

die gefallen waren, machten <strong>eines</strong> klar: Jene beiden mussten sterben.<br />

So ging Vadarassar erneut hinab und in den Höllenschlund, wie diese<br />

Höhle unter Orgrimmar genannt wurde. Wieso sie gerade hier war und<br />

wieso man diesen Eingang nicht schon längst zugeschüttet oder die<br />

Innereien mit einer Horde starker Krieger bereinigt hatte...das war<br />

Vadarassar nicht sehr einleuchtend. Nur <strong>eines</strong> war ihm klar: Allein<br />

würde er hier drin keine sonderlich großen Überlebenschancen haben.<br />

Doch allein musste er offensichtlich nicht gehen, sah er doch eine<br />

Taurendame, die gerade dabei war, einen großen Flicken auf ihre<br />

sehr...nun...improvisierte Leder“hose“ zu nähen.<br />

Taurinnen. Bisher hatte Vadarassar nur männliche Tauren getroffen<br />

und kannte diese als eher breite, stämmige Kerle, nicht so zierliche<br />

Huftiere wie diese dort.<br />

Zusammen warteten die beiden, ob denn noch jemand an ihrem<br />

Kampf teilnehmen wollte, sahen sich währenddessen jedoch nur<br />

selten an und redeten nicht. Als nach zwei Stunden noch immer kein<br />

anderer Krieger, Jäger oder gar Magier aufgetaucht war, nahm<br />

Vadarassar einen der lila leuchtenden Steine aus seiner Tasche und<br />

rief, genau so, wie Neeru es ihn gelehrt hatte, zum ersten mal einen<br />

anderen Dämon als seinen Wichtel.<br />

Mit Brummen und tiefer Stimme tauchte eine blaue Nebelwand auf,<br />

die sich dann als Leerwandler entpuppte.<br />

„Ich bin Hathmon! Gebt mich frei!“ hallte die dunkle Stimme, die<br />

Vadarassar jedoch nicht beeindruckte.<br />

„Du wirst mir dienen und jetzt die Klappe halten. Ist das klar?“ knurrte<br />

dieser nur, woraufhin der Dämon schwieg und nur neben ihm her<br />

schwebte. Dann wandte er sich der Druidin zu.<br />

„Also werden wir drei es allein versuchen. Du musst nur dafür sorgen,<br />

dass mein Leerwandler nicht stirbt. Den Rest erledige ich schon.“<br />

schlug Vadarassar vor, die Taurin noch einmal musternd. Dem Stab<br />

nach zu urteilen war sie eine magiebegabte. Und die einzigen Tauren,<br />

die etwas von Magie verstanden, waren entweder Druiden oder<br />

Schamanen. Ergo: Heiler.<br />

- 9 -


„Ich habe eine bessere Idee, Orc.“ antwortete die Taurin, lief auf die<br />

Höhle zu, sprang in die Luft und verwandelte sich noch mitten im<br />

Sprung in einen Bären, nur um sich bei der Landung wieder in Richtung<br />

Hexer zu drehen und mit einer Pranke auf Vadarassar zu zeigen.<br />

„Ich werde mein Fell hinhalten und du sorgst dafür, dass die Gegner<br />

schnell genug tot sind, ehe ich das bin. Wenn ich sterbe, bist du auch<br />

tot. Klar?“<br />

Dann verschwand sie in der Höhle. Vadarassar grinste und ging kurz<br />

darauf hinter ihr her.<br />

„Taurinnen. Nicht nur viele Haare am Körper, auch Haare auf den<br />

Zähnen. Gefällt mir.“ brummte er, die schwarze Magie zwischen seinen<br />

Fingern knistern lassend.<br />

Es war nicht ganz eine Stunde vergangen, da kamen die beiden<br />

wieder aus der Höhle heraus. Ihre Kleidung war zerrissen, der Stab der<br />

Druidin zerbrochen, doch dafür hatten sie Taschen, die zu allen Seiten<br />

vor Stoff und anderen Gegenständen überquollen. Außerdem zogen<br />

sie ein Bündel Köpfe hinter sich her, von denen sie einen ablösten und<br />

Neeru feierlich überreichten. Der war im ersten Moment baff, reichte<br />

den beiden dann aber die ausgehandelte Belohnung, die kurz darauf<br />

beim nächsten Händler die Kasse klingeln ließ. Auch Thrall freute sich<br />

über die abgehackten Köpfe und beglückte die beiden mit neuen,<br />

von Orgrimmar gesegneten Waffen.<br />

„Der Rucksack muss noch nach Donnerfels. Kommst du mit?“ fragte<br />

die Druidin, die gerade noch schnell in der Gerberei verschwinden<br />

wollte.<br />

„Wenn es Gold und Silber dafür gibt, bin ich immer dafür zu haben.“<br />

grinste Vadarassar böse. „Und noch einmal Gratulation zu deiner<br />

Prankencombo. Dem Kerl das Knie zu brechen und damit die Flucht<br />

unmöglich zu machen, war eine sehr gute Taktik.“<br />

„Fast so gut wie deine darauffolgende Furcht, die ihn komplett<br />

gelähmt hat. Ziemlich gut für einen so jungen Hexer wie dich.“<br />

„Nenn mich Vadarassar.“<br />

„Nibaya. In zehn Minuten vor der Bank?“<br />

Vadarassar nickte ihr zu und verließ sie dann in Richtung Schneiderei.<br />

Es hieß nun den Leinenstoff, den er zentnerweise mit sich<br />

herumschleppte, in Kleidung zu verwandeln....keine schöne Arbeit,<br />

aber es brachte GOLD!<br />

- 10 -


Kapitel 3 <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Geschichte</strong> des Jägers<br />

Mit lautem Scheppern flog ein bis zur Nasenspitze in Kettenrüstung<br />

gekleideter Orc aus der Taverne von Orgrimmar. Zwei Tauren standen<br />

im Eingang und starrten ihn aus strengen, autoritären Augen an.<br />

„Fang hier drin noch eine Prügelei an und du kannst ein Lied von der<br />

Erdenmutter singen...drei Oktaven höher, als du gewohnt bist!“<br />

brummte ein anderer Orc hinter seinen Rausschmeißern.<br />

„Was ist denn hier los, Mann. Sieht ja aus wie ne richtig glückliche<br />

Party. Aber viel zu früh.“ kicherte Teborasque, den gestürzten Orc mit<br />

einem breiten Grinsen, wie es nur Trolle auflegen konnten, anstarrend.<br />

Der schwer gerüstete Orc starrte den bläulichen Neuankömmling an,<br />

der sich lediglich in einige Stücke Lederkleidung mit einigen<br />

Metallverzierungen gekleidet hatte. Über der Schulter erkannte er den<br />

charakteristischen Bogen <strong>eines</strong> Jägers.<br />

„Nichts von Belang. Einer dieser stinkenden Untoten wollte seine<br />

Wettschulden nicht begleichen.“ brummte der Orc und wischte sich<br />

mit einer Hand über sein Maul, als dem etwas Blut tropfte.<br />

Pikanterweise wischte er sich nicht direkt mit seiner Hand über den<br />

Mund, sondern mit einer Hand, die er in dieser hielt. Erst auf den<br />

zweiten Blick erkannte Tebo die eklige Wahrheit: <strong>Die</strong>se Hand musste<br />

dem Untoten gehört haben.<br />

Angewidert verzog er kurz das Gesicht. Seit den Zombies nahe Sen’jin<br />

hatte er nicht mehr mit dieser Widerlichkeit die Konfrontation gesehen.<br />

Das einzige, was ihn beruhigte war die Tatsache, das es in diesem Fall<br />

kein untoter Troll war, dem nun ein Arm fehlte.<br />

„Tja, jetzt ist der Kerl arm dran, der Zechepreller. Oder genauer gesagt:<br />

Nur noch ein Arm dran!“ grölte der Orc und lachte lauthals los. „Das<br />

sollte seine Schulden tilgen. Zumindest vorläufig.“<br />

„Was hatte der Kerl denn gewettet?“ fragte Tebo, nun doch<br />

interessiert, an den nun einarmigen Untoten denkend. Der Kerl ließ ihn<br />

wirklich nicht mehr los....kein schöner Gedanke das ganze. Nein,<br />

wahrhaftig nicht.<br />

„Pah! <strong>Die</strong>ser eingeweidelose Wurm wollte eine Katze fangen. Eine<br />

große, wilde Katze nahe dem Wegekreuz im Brachland. Meinte das<br />

Vieh wäre so eindrucksvoll, das sogar die ganzen anderen Katzen<br />

- 11 -


ingsum das Weite suchen würden! Wollte ne Goldmünze von mir,<br />

wenn er mir den Beweis brächte.“<br />

Der Orc lachte kurz und kehlig. „Und dann meinte er, seine zerkratzte<br />

Robe und ein Büschel Haare würden mir reichen! Nix da hab ich<br />

gesagt und wollte meinerseits mein Gold. Doch er...aber na ja...das<br />

kannst du dir ja jetzt denken Jungchen, oder?“ knurrte der Orc und<br />

lachte dann wieder.<br />

„Wie steht es mit dir? Willst du es mal versuchen? Ich mach dir ein<br />

Angebot: Zwei Münzen Gold, wenn du mir den Kopf dieser Katze<br />

bringen solltest.“<br />

Teborasque dachte kurz nach. Das Brachland kannte er schon recht<br />

gut, war bereits einige Male dorthin gereist. Zwar nicht häufig, aber<br />

doch, er kannte die Wege und vielleicht auch die Gegend, wo sich<br />

eine solche Katze aufhalten konnte. Kurz darauf nickte er bedächtig.<br />

„Sollte kein Problem sein, Mann. Ist doch nur ne Katze.“<br />

Mit den Worten war Teborasque aus Orgrimmar aufgebrochen und in<br />

Richtung Brachland unterwegs. Still und leise verfluchte er sich dafür,<br />

dass er keine wohlhabenden Trolle in seiner Blutslinie hatte, ansonsten<br />

hätte er auf einem Raptor ins Brachland reiten können. Doch ihm<br />

fehlte auf diese Weise das knappe Gold, das gerade so für Nahrung,<br />

Rüstzeug, Werkzeug und Munition reichte. Ein Umstand, der ihn nicht<br />

unbedingt mit Freude erfüllte.<br />

Mit zwei Fingern im Mund pfiff er einmal laut und blickte sich dann um.<br />

Eine kleine Staubwolke tauchte in einiger Entfernung auf, kam dann<br />

aber rasch näher und stoppte kurz vor ihm.<br />

Pigedi, ein Kampfschwein, das seinen Namen wahrlich verdient hatte.<br />

Der Eber trug seine Stoßzähne wie Dolche neben seiner langen<br />

Schnauze. Unzählige Gegner hatte er damit schon aufgespießt, ihnen<br />

die Bäuche aufgeschlitzt oder sie mit den harten Hufen zerschmettert.<br />

Es war Tebos erster Begleiter, den er nun schon seit vielen Monden<br />

neben sich sah. Und obwohl der Intellekt des Tieres nicht viel mehr als<br />

Kämpfen und Fressen zu verstehen vermochte, war Pigedi doch ein<br />

willkommener Gefährte, quasi das animalische Spiegelbild von Tebo.<br />

Selbiger kniete gerade im Dreck und untersuchte die Spuren.<br />

Krallenabdrücke. Viele, doch keine wirklich bemerkenswert. Bis auf.<br />

Er stockte, besah die Spur genauer.<br />

- 12 -


<strong>Die</strong>se Krallenspur war etwas größer als die anderen. Zwar gleich breit,<br />

aber ungleich länger, schlanker und doch weniger stark eingedrückt.<br />

Ein leicht gebautes Kraftpaket auf großen Tatzen. Das musste diese<br />

Riesenkatze sein, von der dieser Orc gesprochen hatte. Mit gebückter<br />

Haltung ging Tebo einige Schritte weiter, starrte kurz nach vorn, bückte<br />

sich dann wieder und folgte den Spuren.<br />

Das Wegekreuz lag noch einige hundert Schritte im Süden, als er in<br />

Richtung <strong>eines</strong> der Berge abbog. Katzen lebten für gewöhnlich nur im<br />

Schatten der Hügel und ruhten sich dort aus. Doch diese hier schien<br />

anders, das meinte er deutlich zu erkennen. Auf einer Anhöhe stoppte<br />

Tebo dann komplett, griff in seine Tasche und holte ein Handfernrohr<br />

heraus, das er vor nur etwa einer Nacht selbst gebaut hatte. Es blitzte<br />

noch wie neu, obwohl sich bereits an einigen Stellen leichter Flugrost<br />

festgesetzt hatte.<br />

Dort. Auf dieser kleinen Anhöhe stand die Katze, die er suchte. <strong>Die</strong><br />

Pfoten passten perfekt zu den Markierungen, die Größe stimmte<br />

ebenfalls, auch wenn er etwas anderes als diese hagere Gestalt<br />

erwartet hatte. Noch im selben Moment, wie er diesen Gedanken zu<br />

Ende gebracht hatte, verfluchte sich Tebo dafür. <strong>Die</strong>se Katze war<br />

ebenso muskulös und sehnig, so drahtig und agil wie er als Troll. Ein<br />

ebenbürtiger Gegner.<br />

Kurz prüfte er die Windrichtung. Gegenwind <strong>–</strong> gut, das würde der<br />

Katze nicht möglich machen, sie vorher zu wittern. Tebo gab Pigedi<br />

das Zeichen, langsam hinter ihm her zu schleichen. Gemeinsam<br />

krochen sie fast bis ganz unter den Vorsprung, auf dem die Katze saß.<br />

Dann gab er das Zeichen.<br />

Wie von einer Mücke gestochen schoss Pigedi auf die Katze zu, mit<br />

den Stoßzähnen auf die Flanke zielend. Das Schwein wollte ein<br />

schnelles Ende, zielte dorthin, wo es das Herz der gefleckten Bestie<br />

vermutete. <strong>Die</strong> Katze indes, obwohl völlig überrumpelt, reagierte<br />

schlagartig, raffte sich auf und sprang in die Luft, über das Schwein<br />

hinweg und sah hinter sich, wo Pigedi gegen einen Stein krachte.<br />

Eigentlich wollte sie ein schnelles Ende machen, zuckte dann aber<br />

zusammen, als ein pfeifendes Geräusch seine Ohren erreichte und er<br />

sich duckte. Gerade noch im letzten Moment, denn gerade da sauste<br />

ein Pfeil über den Kopf der Katze, streifte leicht sein linkes Ohr und<br />

blieb dann im Sand stecken. Der schnelle Blick zeigte: <strong>Die</strong>ser Troll da<br />

hatte den Pfeil abgeschossen.<br />

- 13 -


Mit wütendem Fauchen sprang die Katze dem Troll entgegen,<br />

bemerkte dann aber doch noch den Eber, der auf sie zu rauschte, nur<br />

um Haaresbreite mit den Hauern daneben schlug und sie verfehlte.<br />

Doch Pigedi war diesmal schlauer, drehte sich um und verpasste der<br />

Katze einen kräftigen Tritt gegen die Brust. Zwei Hufe bohrten sich in<br />

das Fell, ließen es darunter knirschen und raubten der Großkatze den<br />

Atem. Gleichzeitig sauste wieder ein pfeifendes Geräusch auf die<br />

Katze zu.<br />

Zwei Gegner. Ein Nah- und ein Fernkämpfer. Doch das Schwein ließ ihn<br />

nicht an den Schützen heran. <strong>Die</strong> Katze musste nachdenken, wich<br />

dem Pfeil nur knapp aus und sprang dann mit schmerzender Flanke<br />

einmal um das Schwein herum. Jetzt war dieses in der Schusslinie. Der<br />

Troll zögerte klar erkennbar, wollte wohl seinen Gefährten nicht<br />

ebenfalls treffen. Das war die einzige Chance, die sich der Katze bot.<br />

Voller Wut und Überlebenswillen schlug sie mit den Pranken zu. Krallen<br />

bohrten sich in Fell und Fleisch, zogen lange, rote Striemen in Pigedis<br />

Seiten.<br />

Das Schwein schrie getroffen auf, wanke und stieß voller Wut erneut<br />

zu. Ein Stoßzahn traf auf Fell, bohrte sich knapp unterhalb der Schulter<br />

in das Fleisch der Katze. <strong>Die</strong> wich zurück, wollte neuen Schwung holen,<br />

wurde aber von einem hinter ihr einschlagenden Pfeil an einer<br />

möglichen Flucht gehindert.<br />

Erneut stürmte sie voran, schlug mit den Pranken auf das Schwein ein,<br />

während sie versuchte, den Troll zu erspähen. Er schien nicht mehr da<br />

zu sein. Und doch kämpfe dieses Schwein hier mit unveränderter<br />

Härte. Doch gegen die Krallen der Katze konnte es nicht viel<br />

ausrichten. Immer weiter wich es zurück und würde bald-<br />

Ein brüllender Schmerz schoss durch die Katze, als ihr der linke<br />

Hinterlauf wegknickte. Ein schneller Blick und sie sah den Grund dafür:<br />

Der Troll war noch da, hatte sich aber auf eine Anhöhe links neben ihr<br />

geschlichen und von dort zu einem gezielten Schuss angelegt. Ein Pfeil<br />

steckte nun tief in der linken Hüfte der Katze, hatte sie auf die Seite<br />

gezwungen. So unvorbereitet getroffen war es der Katze unmöglich,<br />

das Gleichgewicht zu halten. Pigedi sah das als willkommene<br />

Einladung, ging zwei Schritte zurück, um mit den Vorderläufen den<br />

Boden aufzukratzen. Dann stürmte das Schwein voraus.<br />

Im letzten Moment duckte sich die Katze vor den Stoßzähnen und riss<br />

das Maul auf, um einen Sekundenbruchteil später ihrerseits<br />

zuzuschlagen. Mit dem Glück der Verzweiflung erwischte sie die Kehle<br />

des Schweins, das einen letzten Schrei des Entsetzens ausstieß,<br />

- 14 -


egleitet vom lauten Brüllen des Trolls auf der Anhöhe, der erneut zum<br />

Schuss ansetzte.<br />

Der Schrei erstarb in einem Gurgeln, begleitet von einem weiteren<br />

Pfeifen. Ein zweiter Pfeil bohrte sich in die Seite der Katze, diesmal<br />

knapp oberhalb des anderen. Wieder explodierte die Welt der Katze<br />

in endlosen Schmerzen. Wie durch einen Schleier aus Schmerz und<br />

Wut nahm sie ein erneutes Pfeifen wahr, rollte sich dann zur Seite und<br />

riss das noch immer zwischen ihren Kiefern hängende Schwein<br />

zwischen sich und den Troll.<br />

Wieder schlugen Pfeile ein, doch nicht in der Katze, sondern in der<br />

schon längst ausblutenden Leiche von Pigedi, die diese Katze wie<br />

einen Schutzwall zwischen sich und den Troll gebracht hatte. Das<br />

verschaffte ihr Zeit für zwei Atemzüge, in denen sie sich aufzurappeln<br />

versuchte. Der Troll indes schien genügend abgelenkt von Ärger über<br />

seinen verfehlten Pfeil als auch in Trauer über den Tod s<strong>eines</strong><br />

Gefährten versunken, damit es gelingen konnte.<br />

Der linke Hinterlauf gehorchte der Katze nicht mehr, hing nur nutzlos zu<br />

Boden. Drei Beine wären es, die reichen mussten. Doch mehr als<br />

genug, um auch diesem Troll die Kehle zu zerreißen. Mit neuer Wut und<br />

Entschlossenheit stieß die Katze ihren fleischigen Schutzschild beiseite<br />

und stürmte zuerst etwas wackelig, dann mit deutlich stärkerer<br />

Sicherheit auf den Troll zu.<br />

Tebo sah die Katze wie hypnotisiert auf sich zu eilen. Ein Pfeil<br />

noch...doch sie war zu nahe. Als er das realisierte, ließ er den Bogen<br />

und den darin schon fast eingespannten Pfeil fallen und griff nach<br />

seinem Dolch. Im selben Moment schlugen sich schon acht scharfe<br />

Dolche in seine Lederkleidung, drangen jedoch mehr oder minder<br />

rasch auch in sein Fleisch ein. Durch die Wucht des Aufpralls knallte er<br />

zu Boden, sah sich nun dem zähnebesetzten Maul der Katze<br />

entgegen, die nach seinem Kopf und seiner Kehle schnappte.<br />

Mit aller Kraft brachte er seinen linken Arm frei, auf dessen Schulter<br />

eine der krallenbesetzten Pfoten lag, und drückte die Hand so kräftig<br />

er konnte gegen das Maul. <strong>Die</strong> Katze reagierte schnell, zog das Maul<br />

zurück und biss stattdessen mit voller Kraft in den Unterarm, grub die<br />

Zähne tief in das Fleisch des Trolls. Der schrie, nahm den Dolch und<br />

rammte ihn seinerseits in die Seite der Katze, so tief und so tödlich wie<br />

er versuchen konnte, erwischte dabei aber zumeist nur das lose Fell<br />

und erst nach dem dritten Anlauf etwas Fleisch. <strong>Die</strong> Katze interessierte<br />

es aber nicht mehr: Mit letzter Kraft schlug sie mit ihren Vorderpranken<br />

- 15 -


nach dem Troll, riss die Kleidung auseinander, biss immer wieder auf<br />

den Arm und meinte ein leises Knirschen von Knochen zu vernehmen.<br />

Doch das Knirschen kam nicht von Tebo und auch nicht von der<br />

Katze, sondern von dem Vorsprung, auf dem die beiden kämpften.<br />

<strong>Die</strong>ser knirschte und kackte, brach schließlich und ließ beide, die sich<br />

ineinander verbissen, verkrallt und verkeilt hatten, in die Tiefe stürzen. In<br />

die Tiefe und die Schwärze.<br />

Stunden vergingen. <strong>Die</strong> Nacht war längst angebrochen, als<br />

Teborasque wieder zu sich kam. Zuerst dachte er, er wäre schon bei<br />

den Ahnen, doch die Schmerzen in seinem Arm, seinen Schultern und<br />

Rücken verrieten ihm, dass er sehr wohl noch unter den Lebenden<br />

weilte. Sein nächster Gedanke gehörte der Katze, die so dicht neben<br />

ihm lag, dass er den warmen, feuchten Atem des Tiers in seinem<br />

Nacken spürte. Und noch immer umklammerte seine rechte Hand den<br />

blutverschmierten Dolch.<br />

Ein Schlag...nur noch ein Schlag trennte ihn vom Sieg. Mühsam<br />

richtete er sich auf, betrachtete die dort liegende Katze, die<br />

regungslos vor ihm auf der Seite lag, die beiden Pfeile in ihrer Flanke<br />

nach oben zeigend, obwohl sie schon auf halber Länge abgebrochen<br />

waren. Das goldene Fell des Tiers, besetzt mit schwarzen Flecken, war<br />

an vielen Stellen blutverschmiert. Blut von Pigedi, von Tebo und von<br />

der Katze selbst.<br />

Pigedi...diese Katze hatte seinen Begleiter getötet. Wut kochte in<br />

Teborasque hoch. Er musste sie töten. Er musste...<br />

Nein...dieses Tier war wehrlos. Es war ein ungerechter Kampf, den er<br />

da auszufechten gedachte. Zwar wäre es ein Sieg, doch ein<br />

befleckter. Und obwohl seine animalische Seite ihn immer wieder<br />

beschwor, ihn anbrüllte, er solle das Tier endlich töten, die Kehle<br />

auftrennen, vom Blut trinken und dann laut schreiend die Rache s<strong>eines</strong><br />

Gefährten ausleben, war es doch die Ehrenhaftigkeit von ihm als Troll<br />

und den Lehren seiner Ahnen, die ihn von diesem Schritt abhielten.<br />

Er war eine Bestie, doch nur zum Teil. Und er kontrollierte sein<br />

animalisches Selbst <strong>–</strong> nicht andersherum.<br />

„Los...bring es zu Ende.“ hörte er eine schwache Stimme, deutete sie<br />

im ersten Moment als seine eigene innere Stimme, so schwach und<br />

leise war sie. Doch sie klang anders...sanft und dennoch kraftvoll und<br />

gequält. Wieder sah Tebo zu der Katze...<br />

- 16 -


...und realisierte erst jetzt, dass das Tier ebenfalls erwacht war und ihn<br />

anstarrte.<br />

„Bring es zu Ende und nimm...deine Beute, Troll. Ich bin...geschlagen.“<br />

winselte die Stimme, während die Katze ihn anstarrte und dann<br />

blinzelte. Tebo konnte sich dem Blick des Tieres nicht entziehen, sah<br />

darin den Ursprung dieser Stimme, obwohl sich die Lippen des Tiers<br />

nicht merklich bewegten. Jemand anders hätte vielleicht nur ein leises<br />

Fiepsen oder Grummeln gehört, doch in Tebos Kopf machten die<br />

Worte Sinn und er verstand sie.<br />

Wohl deswegen, weil seine animalische Seite ihn dazu befähigte.<br />

Tebo erhob sich langsam und steckte seinen Dolch weg.<br />

„Nein, ich werde dich nicht töten, Wildkatze. Es ist keine Ehre darin, ein<br />

wehrloses Tier zu erlegen. Ich schenke dir das Leben.“ sagte er und<br />

wollte sich abwenden.<br />

<strong>Die</strong> Katze fauchte leise, wollte sich aufrichten und winselte, als sie<br />

spürte, wie es nicht ging.<br />

„Leben schenken...den Geiern preisgeben. Mein Körper ist besiegt, ich<br />

werde mich nicht wehren können. Schenke mir einen schnellen Tod,<br />

ehe die anderen mich mit einem langsamen strafen und mir meine<br />

Wehrlosigkeit vorhalten.“<br />

Bitterkeit schwang mit der Stimme mit. Tebo blieb stehen, betrachtete<br />

seine eigenen Wunden.<br />

Im Vergleich zu dem, was die Katze haben musste, waren sie<br />

vergleichsweise gering. Sein Arm sah zwar schrecklich aus, würde aber<br />

gewiss heilen und eine schöne, zierende Narbe behalten. Seine<br />

Kleidung war zwar nicht mehr viel mehr als Müll, doch immerhin hatte<br />

sie ihn vor schlimmerem geschützt. <strong>Die</strong> Katze besaß so etwas nicht,<br />

war entsprechend schwer verletzt worden.<br />

Reue breitete sich in dem Jäger aus. Nein, ihn sich selbst überlassen<br />

konnte er diesen Gegner nicht. <strong>Die</strong> Wunden, die er in seine vorherige<br />

Beute geschlagen hatte, waren zu tief, als das sie sich allein davon<br />

wieder würde erholen können.<br />

Er drehte um.<br />

- 17 -


„Tu es, Jäger. Tu deine Pflicht als Jäger und nimm die Beute.“ flehte<br />

die Stimme schon fast. Das Ende erwartend schloss die Katze ihre<br />

Augen.<br />

Ein fauchender Schrei entfuhr ihr, als ihre Seite, ihr Bein, erneut vor<br />

Schmerzen entflammten.<br />

„JÄGER! Quäle mich nicht, mach es schnell!“ zischte die Katze, sich<br />

verspannend und das Ende erhoffend. Doch dann wurden die<br />

Schmerzen weniger.<br />

„Halt still du dummes Tier. Ich werde dich nicht umbringen. Das wäre<br />

ebenso unehrenhaft, wie dich hier hilflos zurück zu lassen.“ knurrte<br />

Tebo.<br />

<strong>Die</strong> Katze öffnete ihre Augen und sah zu dem Jäger, der den Pfeil, der<br />

in der Hüfte steckte, ergriffen hatte und mit einem kräftigen Ruck<br />

daran zog, um nur Momente nach dem Herausziehen eine zähe<br />

Flüssigkeit auf die entstandene Wunde zu träufeln. Mit einem Schlag<br />

waren die Schmerzen so intensiv wie seit dem Treffer nicht mehr. Doch<br />

ebenso schnell wie sie gekommen waren, erstarben die Schmerzen<br />

auch wieder. Der Jäger hatte die Pfeile entfernt und die Wunden<br />

versorgt, träufelte nun auch etwas von der Tinktur in die Dolchwunden<br />

am Bauch.<br />

Schmerzen vergingen und der Katze schien es besser zu gehen. <strong>Die</strong><br />

abgebrochenen und blutverschmierten Pfeile warf Teborasque zur<br />

Seite, blickte stattdessen auf die Katze.<br />

„Du wirst überleben. Schlafe die Nacht und am kommenden Morgen<br />

wirst du wieder stehen können. Es wird ein paar Tage dauern, doch du<br />

wirst wieder voll genesen.“ erklärte der Troll, sich dann von der Katze<br />

abwendend.<br />

„Wozu tust du das, Jäger? Damit ich das nächste Mal eine ehrbare<br />

Beute für dich darstelle?“ fauchte die Katze hinterher.<br />

„Nein. Ich werde dich nicht länger jagen. Wir hatten unseren Kampf.<br />

Das ist genug.“ antwortete der Troll, noch einmal zu der Katze sehend,<br />

ehe er weiterging.<br />

Stunden war Tebo nun zu Fuß unterwegs gewesen. Ein Teil seiner<br />

animalischen Seite verstand nicht, wieso er das getan hatte.<br />

Bestienmeister nannte er sich zum einen, Pfeil der Horde zum anderen.<br />

- 18 -


Wie konnte er ein ehrbarer Jäger sein, wenn er seinen Gefährten im<br />

Kampf fallen sah und ihn nicht rächte?<br />

Doch wie konnte er ein ehrbarer Krieger sein, der er ein wehrloses<br />

Opfer erschlug oder es sich selbst und dem langsamen Tod überließ?<br />

Was war wichtiger? Ehrbarkeit oder Rache? In beidem lag<br />

Gerechtigkeit in gewissem Maße. Doch die Antwort auf die richtige<br />

Lösung wollte ihm nicht kommen. Vielleicht war-<br />

Er stockte in seinem Gedanken. Schon vor ein paar Minuten hatte er<br />

gemeint, etwas gehört zu haben. Jetzt war er sich dessen sicher: Ein<br />

schleifendes Geräusch folgte ihm, kam langsam immer näher. Jetzt<br />

war Teborasque stehen geblieben und drehte sich langsam um.<br />

Unmerklich wanderte seine Hand zu seinem Dolch, während er in die<br />

Dunkelheit hinein starrte.<br />

Er staunte nicht schlecht, als er die Katze, die er so erbittert gejagt<br />

hatte, erblickte, wie sie auf drei Beinen zu ihm humpelte, den linken<br />

Hinterlauf hinter sich her ziehend und über den Boden schleifend. <strong>Die</strong><br />

ganze Strecke über war ihm diese Katze nun schon gefolgt, fast bis<br />

nach Durotar. Doch wieso?<br />

Teborasque starrte die Katze an.<br />

„Jäger. Ich ging tot, doch du hast mir das Ende verwehrt. Mein Leben<br />

gehört dir. Deswegen gehört auch mein Leib dir.“<br />

„Ich schenkte dir dein Leben.“<br />

„In gewisser Weise ja und doch nein. Du hast entschieden, mich nicht<br />

zu töten, obwohl mein Leben im Moment meiner Niederlage schon<br />

entschieden war. Mein Leben lag in deiner Hand...und das liegt es<br />

auch jetzt noch. Du allein hast das Recht, über mein Leben und<br />

meinen Tod zu entscheiden. Jetzt und bis zum Ende m<strong>eines</strong> Lebens,<br />

das du mir geschenkt hast.“<br />

Mit diesen Worten schritt die Katze an Teborasque heran und lehnte<br />

sich an sein Bein <strong>–</strong> besser gesagt: An seine Hüfte.<br />

Da es offensichtlich sinnlos war, sich weiter gegen die tödlich genaue<br />

Logik dieser Katze zu wehren, akzeptierte Teborasque sie als<br />

Gefährten. Der Orc in Orgrimmar indes...nun...er erhielt den Kopf als<br />

Beweis für die Taten von Teborasque. Allerdings nicht so, wie er<br />

erwartet hatte, denn der Körper war noch an dem Kopf dran und ließ<br />

den Orc mit Fauchen und scharfen Krallen als Argument schnell die<br />

Goldmünzen aus seiner Tasche ziehen.<br />

- 19 -


<strong>Die</strong> Tage vergingen und bereits nach einer Woche waren die Spuren<br />

ihres Kampfes verschwunden. <strong>Die</strong> Katze lief wieder wie ein<br />

neugeborenes Junges, behielt nur einige dunkle Stellen an der<br />

rechten Hinterpfote von der langen Schleiferei über den Boden zurück.<br />

Doch die Spuren verheilten nur äußerlich. Innerlich wussten die beiden<br />

nur zu gut über ihren Kampf. <strong>Die</strong> Spuren waren es, die sie<br />

zusammenhielten...und nicht wieder trennen sollten.<br />

Erst als Teborasque erkannte, welche Agilität, Weisheit,<br />

Geschwindigkeit und welche Energie in seinem neuen Begleiter<br />

steckte, fiel ihm der passende Name für seinen felinen Gefährten ein.<br />

Swift.<br />

- 20 -


Kapitel 4 <strong>–</strong> Ein Traum der Wahrheit<br />

<strong>Die</strong> Landschaft waberte leicht, verschwamm immer wieder vor ihren<br />

Augen. Ein sanfter, grünlicher Schein erfüllte ihren Horizont, als<br />

Bergketten mit Tälern zu verschmelzen begannen, das große Meer<br />

verschwand und aus dem, was früher zwei war, wieder Eins wurde.<br />

Riesige, grasbewachsene Ebenen erstreckten sich unter ihr, ein<br />

strahlend blauer Himmel über ihr und Berge, die in ihren Gedanken<br />

lediglich als ‚perfekt’ bezeichnet werden konnten.<br />

<strong>Die</strong>ser Traum war so wunderbar, er brachte sie an Orte, die sie in ihrem<br />

Leben noch nie gesehen hatte, zeigte ihr die östlichen Königreiche,<br />

wie sie wohl früher einmal ausgesehen haben mussten. Dann raste das<br />

Bild vor ihr und zeigte stattdessen eine Stadt, die gänzlich aus<br />

einfachen Bauten, aus eleganten Holzkonstruktionen und lebenden<br />

Bäumen bestand.<br />

Jetzt erkannte sie auch Gesichter. Tauren, Nachtelfen, sie standen<br />

Seite an Seite. Etwas, das in ihrer Heimat als undenkbar galt, sah sie<br />

dort. Sie kämpften nicht, standen sich voller Respekt und Freundschaft<br />

gegenüber. Ja, das musste der berühmte und bekannte Zirkel des<br />

Cenarius, des Waldgottes sein.<br />

Unvermittelt streckte sie die Hand nach einem der Bücher aus. Der<br />

grüne Schemen um sie herum verschwand, als ihr Geist in die<br />

Wirklichkeit des Seins eindrang. Jetzt sah sie genau und klar, was<br />

vorging, hörte unzählige Stimmen, die über alle Dinge in Azeroth<br />

sprachen, spürte die Bedenken an allerorten. Und noch immer lag in<br />

ihrer Hand dieses Buch, das sie aufschlug.<br />

<strong>Die</strong> Schriftzeichen in dem Buch waren ihr gänzlich unbekannt und<br />

doch verstand sie jedes einzelne Wort. Wie eine Melodie sang es in<br />

ihrem Kopf, ließ sie jede Silbe verstehen. Als sie aufblickte stand sie<br />

nicht länger in dem Gebäude, in dem sie gerade gestanden hatte,<br />

sondern vor einem großen Geist. Zuerst erschrak sie, dann betrachtete<br />

sie den Schemen vor sich genauer.<br />

Es war ein Taure. Ebenso, wie sie einer war. Auf seiner Brust war das<br />

Emblem <strong>eines</strong> Drachen abgebildet und der Stab, den dieser Taure mit<br />

sich führte, trug am Kopf ebenfalls eine handgeschnitzte<br />

Drachenstatue. Doch noch weitaus verwirrender als diese überaus<br />

ungewöhnlichen Verzierungen war die Tatsache, dass dieser Taure die<br />

Augen geschlossen hielt und sich selbige unter den Lidern rasch hin<br />

und her bewegten.<br />

- 21 -


„Du wanderst schon lange durch diese Träume. Und doch verstehst du<br />

ihre wahre Bedeutung noch nicht, Braline Spearhoof. Doch dies, so<br />

versichere ich dir, wird sich bald ändern.“<br />

Sie erschrak einen Moment. Nicht etwa, weil diese Gestalt sie<br />

offensichtlich trotz ihrer geisterhaften Erscheinung, die durch alles<br />

hindurch glitt und die von niemandem anderen gesehen wurde, so<br />

offensichtlich wie ein Baum bemerkt worden war, sondern auch, weil<br />

sie von dieser Gestalt mit einem Namen angesprochen wurde, den<br />

das letzte Mal ihre Mutter benutzt hatte....vor vielen, vielen Jahren.<br />

Seither hatte sie sich selbst und alle anderen im sie herum nur noch<br />

Braunpelz genannt, was hervorragend zu ihrem sanften, braunen Fell<br />

passte. Woher also kannte dieser Taure dort ihren wahren Namen?<br />

„Ängstige dich nicht, junge Druidin. Ich kenne dich und deine Art<br />

schon länger, als ihr euch selbst kennt. Und ebenso wie deine Brüder<br />

und Schwestern, die den Lehren des Cenarius folgen wollten, werde<br />

ich auch dir deine ersten Unterweisungen geben. Öffne deinen Geist<br />

und lerne, junge Taurin. Dann wirst du verstehen.“<br />

Ein Zucken fuhr durch ihren Körper. Ein Wissen, das so alt wie die Welt<br />

selbst zu sein schien, durchzog sie. Wilde Bilder von Tieren, Wäldern,<br />

Bäumen, riesigen Leviathanen, dem Waldgott, vielen Tauren und<br />

Nachtelfen und schließlich sogar ihr eigenes Bildnis rasten durch ihre<br />

Gedanken. Ein nicht enden wollender Strom von Wissen durchfloss sie,<br />

lehrte sie in Augenblicken Dinge, für die andere ein Leben gebraucht<br />

hätten. Sie öffnete ihren Mund, wollte schreien, doch kein Laut drang<br />

aus ihren weit aufgerissenen Lippen.<br />

„Nun ist es Zeit für dich, zu erwachen. <strong>Die</strong> Nacht neigt sich ihrem Ende<br />

und ein weiter Weg wird dir bevor stehen, junge Braline. Dein wahrer<br />

Weg wird sich dir offenbaren, wenn du ihm folgst. Denn er ist dir<br />

vorausbestimmt. Doch nun folge deinem Körper und kehre zurück.“<br />

Sie blinzelte noch einige Male, versuchte den Tauren, der gerade<br />

noch vor ihr gestanden hatte, erneut zu erblicken. Doch er war<br />

weg...als hätte ihn der aufziehende grüne Nebel verschluckt. Lediglich<br />

ein großer, unförmiger Schatten war noch an dieser Stelle, der rasch<br />

schneller wurde, über sie hinweg fegte und hinter den Bäumen<br />

verschwand. Nur ein leichter, grüner Schimmer war noch zu erkennen<br />

gewesen.<br />

Sie spürte ihren Körper, fühlte, wie er nach ihr rief. Schnell trieb sie<br />

zurück, folgte dem Pfad, der so offensichtlich vor ihr lag wie kein<br />

anderer vor ihm. Schnell, immer schneller wurde ihre Bewegung, ihr<br />

- 22 -


Drang, nun zurück zu kehren. Dann sah sie sich selbst, wie sie auf dem<br />

Boden lag, umringt von ihren Freunden und Bekannten. Nur noch ein<br />

kl<strong>eines</strong> Stück, dann glitt ihr Geist wieder über in die Realität, trat in<br />

ihren Körper ein.<br />

Ein Zucken fuhr durch sie, dann blinzelte sie mehrmals und sah auf.<br />

Benommen nahm sie die Umwelt wahr.<br />

Sieben andere Taurinnen standen um sie herum, blickten besorgt auf<br />

sie herab. Alle schienen in ihrem Alter zu sein, doch trugen sie alle<br />

andere Kleidung als sie es tat.<br />

„Brauni? Bist du in Ordnung?“ fragte die Taurin direkt neben ihr. Sie<br />

nickte knapp, versuchte sich dann langsam aufzuraffen.<br />

„Hey, sie ist in Ordnung! Ein Glück!“<br />

„Wir dachten schon an das Schlimmste!“<br />

„Wieso hast du nicht in deinem Bett geschlafen?“<br />

„War der Boden weich genug?“<br />

Fragen über Fragen kamen aus der Gruppe. Doch Braunpelz verstand<br />

keine der Fragen wirklich und richtig, blickte sich suchend um, als<br />

würde ihr etwas fehlen. Dann bemerkte sie die Beule an ihrem Kopf<br />

und das Bett rechts neben ihr. <strong>Die</strong> untere Liege war noch belegt <strong>–</strong> eine<br />

Taurin mit gänzlich schwarzem Fell lag noch darin und hatte ihr den<br />

Rücken zugedreht, versuchte offensichtlich noch weiter zu schlafen.<br />

<strong>Die</strong> Liege darüber war leer, die Decke hing herab.<br />

Sie war also aus dem Bett gefallen. Während sie schlief und geträumt<br />

hatte? Moment...hatte sie vielleicht genau deswegen das geträumt,<br />

was sie gesehen hatte?<br />

Langsam stand sie auf und stellte sich auf ihre eigenen Hufe.<br />

Nachdem sie mehrere Male versichert hatte, dass mit ihr alles in<br />

Ordnung war, ging sie nach draußen.<br />

Es war noch früh. <strong>Die</strong> Sonne suchte gerade erst einen Weg über die<br />

Klippen von Mulgore und spendete trotzdem die ersten<br />

Sonnenstrahlen für die Hauptstadt der Tauren, Donnerfels. In einiger<br />

Entfernung roch man den Duft von frischem Kräuterbrot, an anderer<br />

Stelle nahm die das Plätschern des kleinen Sees wahr.<br />

Es war noch früh und dennoch fühlte sie schon das Leben an diesem<br />

Ort. So intensiv wie sie es noch nie zuvor gespürt hatte.<br />

- 23 -


Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie dem<br />

Sonnenaufgang entgegen blinzelte. Dann drehte sie sich um und ging<br />

rasch wieder in die Hütte hinein. <strong>Die</strong> anderen hatten sich größtenteils<br />

wieder auf ihre Liegen gelegt und ruhten sich aus. Nur eine getupfte<br />

Taurin stand ihr gegenüber und betrachtete, was Braunpelz da trieb.<br />

„Was hast du vor?“ meinte diese, als sie sah, wie Braunpelz ein Bündel<br />

mit einigen Kleidern und den wenigen Groschen, die sie besaß,<br />

packte.<br />

„Ich...folge meinem Weg.“ murmelte Braunpelz mehr zu sich als zu<br />

Kabana, die sie zweifelnd anstarrte.<br />

„Deinem Weg? Du hast doch gerade erst mit der Ausbildung<br />

angefangen. Und du bist noch viel jünger als...<br />

„...noch viel jünger als alle anderen, die hier sind. Ich weiß, doch ich<br />

weiß auch, dass ich gehen muss.“<br />

Kabana legte eine Hand auf die Schulter von Braunpelz. „Was haben<br />

die Geister dir offenbart?“ fragte sie ihre Freundin. Kabana war eine<br />

Schamanenschülerin, die Kenntnis um die Geister war ihr in die Wiege<br />

gelegt worden <strong>–</strong> ebenso wie ihr erstes Totem, mit dem sie früher als<br />

kleine Kuh schon gespielt hatte.<br />

„Ich...weiß es nicht genau. Doch ich habe einen Weg gesehen, dem<br />

ich folgen muss. Ich spüre, das es das Richtige ist.“<br />

Kabana nickte. „Wen die Geister rufen, der muss gehorchen. Das<br />

verstehe ich vielleicht besser als alle anderen.“ meinte sie und blickte<br />

sich um.<br />

„Krieger...Jäger...sie verstehen lange nicht alles. Braunpelz, ich<br />

wünsche dir alles Gute. Mögen die Geister dir gewogen sein und dich<br />

auf deinem Weg, wo auch immer er hinführen mag, beschützen.“<br />

Braunpelz dankte anerkennend und strich mit einer Hand über den<br />

Kopf ihrer Halbschwester. „Wir werden uns wiedersehen. Das spüre ich<br />

ganz deutlich. Es wird einige Zeit dauern, doch wir werden einander<br />

wiedersehen.“<br />

Mit diesen und keinen weiteren Worten verließ Braunpelz schließlich<br />

die Hütte, nahm sich von dem frisch gebackenen Brot und den<br />

Beerensäften der Händler, zahlte mit ihren letzten Groschen und ging<br />

dann auf die ehrfurchtgebietenden Aufzüge, die zu den höchsten<br />

Ebenen führten, zu.<br />

- 24 -


Ihr Weg würde ins Brachland führen. Weshalb, das wusste sie jetzt<br />

nicht. Doch nahm sie dabei gern jeden Botengang auf sich, um ihre<br />

spärlichen Finanzen etwas aufzustocken.<br />

Ihr Schicksal lag vor ihr. Es zu ergründen...das war nun ihre Aufgabe.<br />

Eine Aufgabe, die sie zu erfüllen gedachte.<br />

Wenn sie den Weg denn nur finden würde.<br />

- 25 -


Kapitel 5 <strong>–</strong> Ein Herz aus Eis<br />

Es war wie gestern.<br />

Heerscharen von Untoten fegten über Lordaeron hinweg, mordeten,<br />

meuchelten und fraßen alles, was lebte und sich irgendwie dem<br />

Klammergriff der Brennenden Legion zu entziehen suchte. Überall<br />

brannte es, brachen Häuser zusammen, fielen Hütten ein und stürzten<br />

dicke Mauern um.<br />

Bravius Kalvador war so lange in Dalaran geblieben wie er konnte.<br />

Seine Studien der Magie hatten den Erzmagiern gute <strong>Die</strong>nste geleistet,<br />

den Zauber vorzubereiten. Doch nun, da die Geißel immer weiter<br />

voran schritt, fehlte die Zeit, das zu vollenden, was gerade gewoben<br />

wurde.<br />

Ein weiterer Feuerball bildete sich auf den Händen des Magiers, flog<br />

kurz darauf in die Mengen der Geißel, um Momente später Dutzende<br />

von ihnen zu verbrennen, zu verstümmeln oder einfach zu Asche<br />

zerfallen zu lassen. Ein selbstsicheres Grinsen lag auf seinem Gesicht,<br />

dann blickte er über die Schulter.<br />

Ein riesiger Fleischgolem stand hinter ihm und holte mit einer Keule aus,<br />

traf ihn am Kiefer. Er spürte, wie ein Knochen knirschte und ihm kurz<br />

darauf der Mund den <strong>Die</strong>nst versagte. Schnell wob er noch einen<br />

Zauber, konnte ihn aber nur noch brabbeln. Eine Explosion aus Arkaner<br />

Magie traf den Fleischgolem und schleuderte ihn zurück. Das gab<br />

Bravius die dringend benötigten Sekunden, um sich wieder<br />

aufzurappeln und an Flucht zu denken. <strong>Die</strong> Magier im Inneren der<br />

Stadt...sie müssten auf sich selbst aufpassen. In diesem Moment sah<br />

der Magier, das sie das auch hervorragend taten. Denn mit einem Mal<br />

war von den Magiern nichts mehr zu sehen, nur noch eine große<br />

Energiekuppel erhob sich über ihnen, versiegelte die Reste der Stadt,<br />

unerreichbar für Geißel oder Brennende Legion.<br />

Frust und Wut machte sich bei den Überlebenden der Geißel breit, als<br />

sie auf die Barriere brandeten und nicht hindurch schreiten konnten.<br />

Frust und Wut wandelten sich in Hass, der ein Ziel suchte.<br />

Bravius wurde erspäht und Ziel des Angriffs. Hunderte Ghuls schossen<br />

auf ihn zu, von denen er mehrere Dutzend hinfort schleuderte,<br />

verbrannte, verstümmelte und auf andere grausame Arten in den Tod<br />

schickte. Doch es waren zu viele...viel zu viele brandeten auf den<br />

- 26 -


Magier ein, überwältigten ihn, zerrissen ihn bei lebendigem Leib und<br />

saugten das Leben aus seinen Adern.<br />

Dann wurde es kalt und dunkel.<br />

Lange Zeit kalt und dunkel.<br />

Bravius dachte, der Tod habe sich endlich und vollends seiner<br />

ermächtigt, als ein grelles Licht durch seine Augen schoss.<br />

Er blinzelte.<br />

Doch da waren keine Lider, die das Blinzeln auslösen konnten. Nur ein<br />

Glühen. Ein magisches, dämonisches Glühen.<br />

Er blinzelte erneut, das Glühen flackerte kurz und spendete die<br />

beruhigende Dunkelheit, die er so sehr begehrte.<br />

Hass.<br />

Wut.<br />

Es brannte in ihm. Er wollte die Ghuls noch immer verbrennen. Wollte<br />

sie dem Tode endlich zu fressen geben. Doch dann wurde ihm klar,<br />

dass sie ihn diesem schon zu fressen gegeben hatten. Nur noch<br />

schlimmer: Sie hatten seinen Körper zerrissen, doch seine Seele in ihm<br />

zurückgelassen.<br />

Bravius erhob sich. Sein Körper knirschte, als wäre er nicht viel mehr als<br />

ein verdorrter Ast. Er blickte auf seine Hände...und erschrak.<br />

Kaltes Fleisch hing lose an Knochen, umwickelt von einzelnen<br />

Bandagen. Er konnte durch seine Rippen die faulen Eingeweide<br />

sehen, die in Stücken in ihm hingen. dennoch war da irgendwie<br />

Leben...oder war es nur ein Gedanke, den er da hatte? Er spürte mit<br />

einem Mal eine extreme Kälte in sich...der Wind, der durch seine<br />

Knochen und damit durch ihn hindurch wehte.<br />

Er war nun selbst ein Untoter, einer dieser verhassten Geißel. Doch<br />

seine Gedanken...sie waren klar, sein Willen war nicht dem ergeben,<br />

der seinen Tod gewollt hatte.<br />

Er diente...niemandem.<br />

- 27 -


Einsamkeit machte sich in ihm breit. Eine noch tiefere Kälte strömte<br />

durch seine wenigen, leeren und vertrockneten Adern.<br />

„Ein weiterer ist erwacht!“ hörte er einen Ruf und wendete sich um zu<br />

dem Ursprung der Stimme. Erst jetzt bemerkte er, dass er in einem Sarg<br />

und in einer Krypta aufgebahrt lag. Vielleicht hätte er hier einfach<br />

liegen bleiben sollen, doch ein anderer Gedanke in ihm war<br />

verlockender: Jetzt, in dieser Gestalt, konnte er der Geißel mit gleicher<br />

Macht und gleicher Münze entgegen treten. Sein Innerstes wurde<br />

noch kälter, wäre gefroren, wenn noch etwas Flüssiges dort gewesen<br />

wäre, das hätte gefrieren können.<br />

Mit einem leisen Knirschen erhob er sich aus seinem hölzernen<br />

Kastenbett, sah sich um. Viele Skelette lagen herum, einige auf einem<br />

Scheiterhaufen, andere zertrümmert und verteilt. Einem fehlte der<br />

Unterkiefer komplett, dem anderen war ein Stück aus der<br />

Schädeldecke heraus geschlagen worden.<br />

Ein schrecklicher Verdacht...schnell ertastete er seinen eigenen<br />

Schädel...und spürte, wie sein Unterkiefer zerbrochen und schief<br />

wieder zusammengenagelt worden war. Sein Anblick musste so<br />

grausam sein, er fürchtete sich, in den Spiegel zu blicken <strong>–</strong> sicher, er<br />

würde sich dann selbst wohl nicht erkennen oder vor Verachtung<br />

einfach zu Staub zerfallen.<br />

Stufen...Dutzende erklomm er und sah an deren Ende einen<br />

Soldaten...besser gesagt: Ein Skelett in Rüstung. Das die Rüstung diesen<br />

Untoten nicht einfach ob ihres Gewichtes zerschmetterte, erstaunte<br />

Bravius. Er musterte den Untoten.<br />

„Bei der Herrin <strong>–</strong> ein Glück, das du gerade noch rechtzeitig<br />

aufgewacht bist! Wir wollten diese Krypta gerade komplett<br />

ausräuchern, um den Vorstoß der Geißen endlich zum Versiegen zu<br />

bringen.“<br />

„Was ist geschehen?“ knurrte Bravius. „Wie steht es um den Krieg?“<br />

„Den Krieg? Freund, wir haben gewonnen! <strong>Die</strong> Legion wurde verbannt<br />

und unsere Landen sind so gesichert, wie es für uns nur geht. Doch<br />

überall sind Krisenherde und Konflikte. Unsere Krieger fallen an allen<br />

Fronten. Da sind wir über solche wie dich doppelt froh.“<br />

Bravius nickte knapp. „Sag, wo kann ich ordentliche Kleidung her<br />

bekommen? <strong>Die</strong>se hier ist...nicht gerade sehr...adäquat.“<br />

- 28 -


Der Krieger nickte. „Eine Schneiderei findest du in Unterstadt, wenn du<br />

diesem Pfad hier folgst. Man wird sich überdies zu unserer Herrin<br />

begleiten, der wir unsere Freiheit zu verdanken haben.<br />

Bravius blickte auf.<br />

„Herrin?“<br />

„Lady Sylvanas! Dank ihr sind wir nicht der Geißel oder der Legion<br />

anheim gefallen. Sie hat sich gegen jene gewandt und mit ihrer Hilfe<br />

konnte der Sieg errungen werden!“<br />

„Ich verstehe.“ begann Bravius, der über all dies nachdenken musste.<br />

„Hab Dank.“ war alles, was er noch sagte, ehe er sich auf den Weg zu<br />

besagter Unterstadt machte.<br />

Unterstadt beschrieb diese Heimatstadt der Untoten wirklich<br />

hervorragend: Sie war das Unterste dessen, was man wohl als<br />

lebenswert erachten konnte. Selbst Ratten fand man hier nur so<br />

überaus selten, dass man sie wohl schon als exotische Fremde<br />

bezeichnen konnte. <strong>Die</strong> wenigen Tiere, die sich doch hier nach unten,<br />

unter die Ruinen der ehemaligen, menschlichen Festung gewagt<br />

hatten, waren ebenfalls so tot wie die meisten Bewohner. Bitterkeit<br />

nagte an Bravius, als er viele bekannte und noch mehr unbekannte<br />

Gesichter erblickte. Kleidung war schnell gefunden und nachdem er<br />

sich entsprechend angekleidet hatte, wagte er es schließlich auch,<br />

die innersten Gemächer von Lady Sylvanas zu betreten.<br />

Er erinnerte sich vage an die Erzählungen: Sylvanas Windrunner war<br />

einmal eine Nachtelfe gewesen, die einen Vorposten hielt und damit<br />

die Legion der Untoten am Vorankommen hinderte. Angeblich wurde<br />

sie vom Verräter Arthas verheert und zu einem schlechten Abbild ihrer<br />

Selbst geformt.<br />

Als er dann jedoch vor ihr stand, wurde Bravius erst wirklich klar, wie<br />

gering sein eigener Verlust im Vergleich zu ihrem hatte sein müssen: Sie<br />

war zu einer Banshee geworden, nichts weltlichem mehr, sondern nur<br />

noch einem Geist, einem Schatten, einem Schemen einer Lebensform.<br />

Dennoch erstrahlte sie in einem intensiven Licht, das ihn erschauern<br />

ließ.<br />

„Ich grüße dich, Befreiter. Du gehörst ab dem heutigen Tage zu den<br />

Wenigen, die sich die Verlassenen nennen. Wir sind verstoßen von all<br />

jenen, die leben und gehasst von allen anderen, die tot sind. Freunde<br />

- 29 -


gibt es wenige bis keine, nur Feinde haben wir viele, wie das Leben<br />

Wendungen hat.“<br />

„Lady Sylvanas.“ antwortete Bravius nur und kniete unvermittelt vor<br />

der, die eine solche Autorität ausstrahlte. Sein Gesicht war dem Boden<br />

zugeneigt.<br />

„Verrate mir deinen Namen, der, in dem ich solche Bitterkeit<br />

gegenüber der Geißel spüre.“<br />

„Bravius. Bravius Kalvador.“ antwortete er langsam und nach einigen<br />

Sekunden, um sicherzugehen, das seine Königin wirklich zu Ende<br />

gesprochen hatte.<br />

„Ein klangvoller Name, Bravius. Ein Menschlicher Name. Doch die<br />

Menschlichkeit hat dich verlassen, wie alle, die unter uns wandeln. Wir<br />

haben nichts Menschliches mehr und selbst die Menschen betrachten<br />

uns nur noch als das Böse. Selbst die Horde, die uns ihren Beistand<br />

anbot, ist nicht unbedingt immer das Gute, was wir uns erdenken. Wir<br />

müssen vorsichtig sein, uns den anderen vollständig zu offenbaren.“<br />

erklärte die Bansheekönigin. Dann senkte sie ihr Haupt.<br />

„Dein Name unter den Sterblichen hat keine Bedeutung mehr. Ein<br />

neues Leben hat dich erfüllt und damit ein neuer Name. Ein Name,<br />

der deinen Hass widerspiegeln soll und der das Blut in deren Adern, die<br />

noch Adern haben, zum Erfrieren bringen soll. Vom heutigen Tage an<br />

sollst du dich Bwalkazz nennen, Träger des Hasses gegen die Geißel,<br />

die wir alle so verabscheuen und die uns zu dem gemacht hat, was<br />

wir sind.“<br />

Bravius...Bwalkazz neigte sein Haupt, sah dann seine Königin an.<br />

„Ich danke euch, Sylvanas. Gibt es irgendetwas, das ich tun kann? Ich<br />

spüre eine Leere in mir, die gefüllt werden will.“<br />

<strong>Die</strong> Königin blickte zu ihrem Berater, einem Dämon, dem nicht nur<br />

Bwalkazz, sondern jeder anwesende Untote am liebsten mehr als eine<br />

Klinge in den Rücken gejagt hätte. Dann blickte sie wieder zu ihm.<br />

„Im Lande, das Kalimdor genannt wird, kannst du deine <strong>Die</strong>nste<br />

verrichten. Das Bündnis mit der Horde ist noch schwach, es muss<br />

gefestigt werden. <strong>Die</strong> Orcs sind es, die unsere Position zu verstehen<br />

scheinen. Eine gute Ausgangsposition fürwahr, doch muss sie gefestigt<br />

werden. <strong>Die</strong>s soll deine Aufgabe sein.“<br />

Bwalkazz verneigte sich und wendete sich ab.<br />

- 30 -


Orcs.<br />

Er kannte sie aus seinem früheren Leben. Manche in guten, viele<br />

jedoch in schlechten Dingen. Das er nun mit ihnen gemeinsame<br />

Sache machen sollte...das schmeckte ihm nicht wirklich.<br />

Doch.....welche andere Wahl hatte er denn?<br />

In Gedanken versunken trat er aus der Stadt heraus, blickte auf den<br />

dürren, einsturzgefährdeten Turm, an dem ein Zeppelin festgemacht<br />

hatte.<br />

Goblins. Erst Orcs, dann auch noch diese Schändlichkeit der Natur.<br />

Doch was redete er da? Er selbst war doch ebenfalls nur noch ein<br />

Abbild dessen, was natürlich sein könnte. Nur noch ein Schemen einer<br />

Lebensform, die auf der Welt hätte wandeln sollen.<br />

Ein Schemen unter Schemen. Das passte.<br />

Von diesem Gleichgewicht der Ungleichgewichte beflügelt bestieg er<br />

den Zeppelin und machte sich auf den Weg.<br />

Auf den Weg in das Land der Orcs.<br />

- 31 -


Kapitel 6 <strong>–</strong> Wegekreuz<br />

Donnerfels. Stadt der Tauren. Stadt auf den Klippen.<br />

Vadarassar hatte diese Stadt nicht gemocht. Nein, es lag nicht an der<br />

Architektur oder der Tatsache, das diese Anhöhen von einer Vielzahl<br />

wandelnder Fellkleiderschränke bewohnt wurde, denen Vadarassar<br />

gerade einmal bis zur nicht vorhandenen Brustwarze reichte, nicht<br />

einmal dieses idyllische Grün-Braun-Farbgemisch oder der Geruch von<br />

frischen Waren. Ebenso wenig war es das helle Licht, das dem<br />

Hexenmeister, der dunkle Farben bevorzugte, geradezu unangenehm<br />

hell und blendend auffiel. Es war einzig und allein die Höhe, auf der<br />

diese Abart der Riesenbergziegen, die sich selbst Tauren nannten, ihre<br />

Stadt errichtet hatte.<br />

‚Hervorragender Überblick’, ‚Nähe zum Himmel’ und ‚Strategisch gut<br />

zu verteidigen’ waren die Argumente für diese hohen Klippen, die mit<br />

windigen Strickleitern, bei deren Anblick sich Vadarassar mehrmals fast<br />

schon in die robenumwehten Hosen gemacht hätte, so verbunden<br />

waren, das man entweder tollkühner, lebensmüder Held oder jemand<br />

mit extremer mentaler Debilität sein musste, um sie als ‚sicheren Weg’<br />

bezeichnen zu können. Es verblüffte Vadarassar geradezu, dass rings<br />

um die Klippen am Boden nicht massenweise Skelette von jenen<br />

herumlagen, die über die nicht vorhandenen Absperrungen der<br />

Ränder gefallen und hinab in den Tod gestürzt waren. Entweder<br />

hatten die Tauren, die diese Höhen bewohnten, auf ihrem Rücken<br />

irgendwo versteckte Flügel, mit denen sie sich im Fall des Falles vor<br />

einem tödlichen Sturz zu schützen wussten oder jeder mehr<br />

Schutzengel, als in die größte Taverne Orgrimmars jemals hinein<br />

passen würden.<br />

Mit der stummen und stillen Entscheidung beschloss Vadarassar, die<br />

Erklärung darin zu finden, dass Tauren allesamt amtlich und gehörig<br />

einen an der Klatsche hatten, was auch das eigenwillige Hobby der<br />

männlichen Tauren erklärte, sich frisch dampfende Metallringe durch<br />

die Nasenlöcher zu schieben, die einem Orc allerhöchstens als<br />

primitiver Armreif gepasst hätten...allerdings dann bittesehr vorher<br />

abgekühlt, ja?<br />

Mit der innerlichen Beruhigung, endlich dieses Land der riesigen Irren<br />

zu verlassen, stieg Vadarassar auf einen der Windreiter, der ihn wieder<br />

zurück zu dem Wegekreuz bringen sollte.<br />

- 32 -


Wegekreuz. Eine derart einfallslose Bezeichnung für einen Ort konnte<br />

man nur mit dem kombinierten Verstand von Tauren, Orcs und<br />

Furbolgs erdacht haben. Kreuzstraße, Ebenenherberge, Brachlandia <strong>–</strong><br />

alles wäre einfallsreicher gewesen als das simple ‚Wegekreuz’. Ja, es<br />

kreuzten sich zwei lange Wege in der Mitte dieser Siedlung...und<br />

deswegen dieser Name? Wahrlich <strong>–</strong> wer sich das erdacht hatte, dürfte<br />

wohl nicht älter als drei gewesen sein und in seinem Vokabular weit<br />

mehr als ‚Dada’, ‚Mumu’, ‚Lala’ und ‚Popo’ gehabt haben.<br />

Noch immer über diese Gedanken sinnierend blickte Vadarassar von<br />

seinem Windreiter hinab. Mulgore, das Land der Tauren, sah richtig<br />

schön idyllisch aus. Weite Wiesen, keine Spur von Trockenheit oder<br />

Verderbnis, die die Brennende Legion über viele Teile der Welt<br />

gebracht hatte. Trotz seiner Zuneigung zu Tod und Zerstörung berührte<br />

es ihn doch ein wenig, wenn er eine Gegend sah, die nicht verheert<br />

worden war.<br />

Bald schon überflog er jenen Außenposten der Tauren, der Camp<br />

Taurajo genannt wurde.<br />

Camp Taurajo <strong>–</strong> DAS war ein Name für eine Siedlung. Ein Camp, also<br />

keine Stadt, und ein ordentlicher Name, der unmittelbar auf die<br />

Bewohner anspielte. Nichts Blödes wie ‚Mulgoreweg’ oder<br />

dergleichen, sondern wirklich ein ordentlich erdachter Name.<br />

Offenbar hatten die Tauren doch mehr im Kopf, als er bei ‚Wegekreuz’<br />

als Namen erdacht hatte.<br />

Der Windreiter folgte der Straße gen Norden, vorbei an vielen Kodos<br />

und Donnerköpfen, wie diese wilde, blitzespeiende Abart der Kodos<br />

genannt wurde. In einiger Entfernung fiel ihm eine Taurin auf, die<br />

gerade von drei dieser Bestien eingekreist wurde. Sie sah noch jung<br />

aus <strong>–</strong> weit jünger als Nibaya, die er nach Donnerfels begleitet hatte.<br />

Ihrer Kleidung nach zu urteilen war sie allerdings auch eine Druidin, nur<br />

veränderte diese nicht ihre Gestalt zu einem Bären oder gar einer<br />

Katze, um sich zu wehren, sondern rief stattdessen mächtige Ranken<br />

aus dem Boden....was diese Donnerköpfe allerdings nicht daran<br />

hinderte, ihr ihre Blitzschläge entgegen zu werfen. Nein, es stand<br />

offensichtlich nicht gut um die Taurin. Und allein schon deswegen, weil<br />

Nibaya eine solch freundliche Gefährtin gewesen war glaubte<br />

Vadarassar sich in der Pflicht, dieser jungen Taurin zu helfen.<br />

Normalerweise war es nicht möglich, ein Flugtier wie einen Windreiter<br />

von seinem festen Weg, den er zwischen zwei Punkten finden sollte,<br />

abzubringen oder gar zur Landung zu zwingen. <strong>Die</strong> sanften<br />

Überredungskünste des <strong>Hexenmeisters</strong>, bestehend aus zwei Flüchen<br />

- 33 -


und einem Dolch der sich gegen die Kehle des Tiers zu drücken<br />

begann, überzeugten diesen jedoch so sehr von der Dringlichkeit der<br />

Bitte, das er in den Sturzflug über ging, sich drehte und Vadarassar<br />

knapp über dem Boden herunter springen ließ, um kurz darauf, in<br />

seiner eigenen Sprache Tod und Verderben hinter dem Hexer her<br />

fluchend, den Weg fortzusetzen.<br />

Vadarassar landete inmitten der Schar und genau vor der Druidin, die<br />

bereits auf die Knie gesunken und damit genau so groß wie<br />

Vadarassar war. Zynisch irgendwie, denn sie war klar erkennbar und<br />

weitaus jünger als er.<br />

Vadarassar setze zu einem lauten Schrei an, einem schnellen Zauber,<br />

der die perplexen Tiere in eine solche Panik versetzte, dass sie allesamt<br />

die Beine in die Schuppen legten und davon sputeten, als hätte man<br />

ihnen die Rückenschuppen auf links gedreht.<br />

„Bist du in Ordnung?“ fragte der Hexenmeister mit schroffer Stimme.<br />

<strong>Die</strong> junge Taurin nickte sachte und erhob sich, offenbarte dennoch<br />

einige Wunden von den Blitzschlägen. Zwar hatten ihre dünne<br />

Lederbekleidung und ihr Fell die meisten Blitze gut abgeschirmt, doch<br />

einige hatten ihre Spuren hinterlassen.<br />

„Los <strong>–</strong> auf die Beine. <strong>Die</strong> Viecher werden nicht ewig weg bleiben. Und<br />

wenn ihr Anflug von Panik verflogen ist, werden sie mit noch mehr<br />

Tieren aus ihrer Herde zurück kommen. Der Zauber hält nicht ewig.“<br />

drängte der Hexer zur Eile, trieb die Taurin an und über die Brücke in<br />

Richtung Wegekreuz.<br />

Ein weiterer der roten Riesen sank getroffen zusammen. <strong>Die</strong> rechte<br />

Seite war von Krallenspuren überzogen, Bissen hatten die Beine<br />

einbrechen lassen, während die linke Seite von einem Dutzend Pfeilen<br />

durchsetzt war, der Kopf mit zwei weiteren gespickt nur noch schlaff<br />

nach unten hing und Blitze dank einem Pfeil, der das Maul versiegelt<br />

hatte, schon lange nicht mehr hinaus treten konnten.<br />

„Nummer neun für heute.“ triumphierte Teborasque über sein eigenes<br />

Talent, obwohl er ja nur gerade die Hälfte dessen getan hatte, was<br />

nötig war, während sein Gefährte sich dem Tier entgegen geworfen<br />

hatte. Das Rückenfell des Geparden dampfte noch ein wenig von<br />

einem Blitz, der ihn gestreift hatte. Rasch rieb Tebo mit seiner Hand<br />

darüber und betrachtete seinen Kameraden.<br />

„Alles in Ordnung?“ fragte er diesen und der Kater blickte seinen Herrn<br />

mit grimmigen Augen an. Jemand anders als Teborasque hätte das<br />

- 34 -


wohl nun als Drohung verstanden, doch die Ohren des Trolljägers<br />

verstanden genau, was der Gepard ihm zuknurrte.<br />

„Ein paar angesengte Haare. Nichts weiter. <strong>Die</strong> großen Viecher sind<br />

viel zu langsam und ungelenkig.“<br />

Teborasque nickte. <strong>Die</strong> großen Bestien waren wirklich kein Problem für<br />

sie beide. Sie hätten sogar zwei von denen zur gleichen Zeit erlegen<br />

können, so leicht waren sie für die beiden auszuschalten.<br />

Etwas rumpelte hinter ihnen. War es eine weitere dieser<br />

blitzespuckenden Bestien? Teborasque drehte sich mit einem<br />

siegessicheren Grinsen um.....und erstarrte. Mit einem Schlag wich ihm<br />

die Farbe aus dem Gesicht.<br />

<strong>Die</strong> Veränderung kam so schlagartig, das auch Swift sich umdrehte<br />

und nachsehen wollte, was seinen Herrn da gerade so einen<br />

Schrecken eingejagt hatte.<br />

Donnerköpfe. Nicht einer, nicht zwei oder drei. Nein....Teborasque<br />

vermutete es waren.....alle...<br />

„Lauf!“ rief der Jäger noch und sprang auf, vergaß den gerade<br />

erlegten Kadaver zu häuten oder die benötigte Galle zu entnehmen,<br />

streifte sich den Bogen über die Schulter und nahm die Beine in die<br />

Hand. Swift ließ es sich nicht zweimal sagen und spurtete los, ließ<br />

seinen natürlichen Trieb, so rasant wie nur der Wind zu rennen, freien<br />

Lauf und stürmte gen Norden und Richtung Wegekreuz. Teborasque<br />

folgte kurz hinter ihm, fühlte sich von dem Aspekten, der seinem<br />

Gefährten glich, durchströmt und spürte, wie seine Füße immer<br />

größere Schritte machten, ohne dabei an Bewegungstempo zu<br />

verlieren.<br />

Weg...nur schnell weg hier. Wer um alles in der Welt war irre genug,<br />

ALLE dieser Donnerbestien GLEICHZEITIG derart zu verärgern? Wer<br />

konnte so unglaublich bescheuert sein?!?<br />

Sein Blick zu den anderen beiden fliehenden und speziell den Umhang<br />

des dafür offensichtlich verantwortlichen beantwortete seine Frage,<br />

als erst Swift und dann auch er an ihm vorbei ins Dorf hinein stürmten.<br />

„Ein Hexenmeister! So etwas Dämliches kann auch nur einer von euch<br />

ausgeflippten Kerlen machen Mann!“ fluchte Teborasque atemlos, als<br />

er endlich zum Stehen kam und hörte, wie die Wachen der Stadt<br />

hinter ihm in Position gingen. Fast gleichzeitig zog er seinen Bogen, um<br />

sie nach bestem Wissen und Können zu unterstützen.<br />

- 35 -


„Ach mach den Hals zu du dümmlicher Troll.“ dröhnte der Hexer, sich<br />

seinerseits den Bestien zuwendend. Seine Augen flimmerten vor Feuer<br />

und Dunkelheit zur gleichen Zeit, als er einen lila leuchtenden Kreis um<br />

sich zog, der rasch größer wurde. Mit einem Finger tippte er hinein und<br />

riss einen kleinen, unförmigen Schatten heraus.<br />

Fast hätte Swift das Ding für eine Maus gehalten und es verschlungen,<br />

bemerkte aber im letzten Moment die dämonische Aura um das, was<br />

er sah: Ein Wichtel.<br />

„Was willst du denn?!“ zischte der kleine Wichtel und kassierte dafür<br />

von Vadarassar zur Begrüßung eine Kopfnuss. Sein Haupt reibend<br />

blickte der Kleine den anrückenden Horden entgegen und nickte<br />

grummelnd.<br />

„Das stand aber nicht in meinem Vertrag!“ zischte er wieder, fing sich<br />

dafür die zweite Kopfnuss des Tages. Das reichte ihm zur Überzeugung<br />

und ließ seine Hände vor Feuer glühen. Vadarassar tat es ihm ähnlich,<br />

ließ seine Hände aber in der gleichen Schwärze wie jener, die diesen<br />

Kleinen Wichtel beschworen hatte, aufglühen. Ein Feuer- und kurz<br />

darauf ein Schattenblitz verließen den Wichtel und seinen Herrn, trafen<br />

das führende Monstrum, gefolgt von einer Landung Pfeile, die von<br />

Teborasque stammten. Das reichte dem Tier, um es nieder zu reißen.<br />

<strong>Die</strong> dahinter kamen ins Stocken, strauchelten über den gestürzten<br />

Kameraden, wurden langsamer und teilweise von Panik ergriffen, als<br />

ein Hagel aus Feuerblitzen, Schattenkugeln und Pfeilen auf sie zu<br />

donnerte, dicht gefolgt von vier schwer gepanzerten Hordenwachen,<br />

die laut brüllend auf die Monster zu rannten.<br />

Ihr Vorwärtskommen stockte. Stattdessen drehten die meisten Tiere um<br />

und flohen, so lange sie noch eine Chance sahen, mit halbwegs<br />

heilen Schuppen zu entkommen. Nur zwei entkamen wirklich<br />

unversehrt, der Rest war gespickt mit Brandblasen und Pfeilen.<br />

„Also <strong>–</strong> hat doch funktioniert.“ gratulierte Vadarassar sich selbst und<br />

seinem kleinen <strong>Die</strong>ner, der neben ihm stand und herum fuchtelte, als<br />

hätte er ganz allein für den Sieg die Verantwortung verdient.<br />

„Jetzt hör mal zu du Großmaul! Lass mich sofort frei oder ich brenne dir<br />

so was von ein Loch in deine-“ begann der Wichtel, doch der<br />

Hexenmeister zeigte nur mit einem Finger auf den Wichtel.<br />

„Verschwinde!“ grummelte er.<br />

- 36 -


„-Robe das du...“ konnte der Wichtel noch sagen <strong>–</strong> weiter kam er<br />

nicht, dann verging er in einer kleinen, schwarzen Wolke und einem<br />

leisen *puff*.<br />

Sowohl die Taurin als auch der Troll starrten den Hexer fassungslos an.<br />

„Er ist wieder dort, wo ich ihn her geholt habe.“ beruhigte der<br />

Hexenmeister mit einer sicher wirkenden, nickenden Geste. „Dort kann<br />

er sich abkühlen, bis ich ihn das nächste Mal brauche.“<br />

Abkühlen?<br />

ABKÜHLEN?!<br />

<strong>Die</strong>sem Orc...diesem....oooohhh...diesem....<br />

Jubtuk würde es diesem Möchtegernhexenmeister schon noch zeigen!<br />

Wenn er nur nicht so verdammt groß wäre dieser Mistkerl!<br />

„Wieso brüllst du so rum?“ fragte eine dumpfe Stimme so langsam, das<br />

Jubtuk davon fast eingeschlafen wäre, wäre er eben kein Dämon<br />

gewesen und nicht so unglaublich wütend.<br />

Ein großer, blauer Schatten schälte sich aus der Schwärze der<br />

Unendlichkeit, in der die Dämonen hausten.<br />

„Wieder...er hat mich WIEDER nicht ausreden lassen! ICH mache die<br />

Drecksarbeit, werde VORGESCHICKT und ER streicht die LOORBEEREN<br />

dafür ein! DIESER MISTKERL von einem...“<br />

„Er ist unser Meister. Er, der uns aus dem wirbelnden Nether in diese<br />

Zwischenwelt geholt hat.“ sagte der Leerwandler einschläfernd. „Er ist<br />

der Herr. Wir sind die <strong>Die</strong>ner. Du dienst, ich diene. Wir dienen.“<br />

„Ach du mit deinem begrenzten Verstand...du hast zu oft eins auf die<br />

Zwölf bekommen! Deswegen redest du auch so langsam!“ fluchte<br />

Jubtuk weiter. Seine Wut kannte keine Grenzen. Wieder umgaben<br />

Flammen seine kleinen Finger und er hätte diesen dämlichen<br />

Leerwandler am liebsten gegrillt, wenn...ja...wenn seine Magier hier<br />

VERDAMMT NOCHMAL FUNKTIONIEREN WÜRDE!<br />

„Du bist doch wirklich ein Armer Irrer. Lockst mal eben kurz die ganzen<br />

Viecher hier her! Was, wenn dein Wichtel, mein Bogen und deine<br />

Magie nicht gereicht hätten? Was, wenn die Deppen von der Allianz<br />

mal wieder gemeint hätten, hier eine Belagerung auszufechten, weil<br />

ihnen in ihrer komischen Orkanstadt so gähnend langweilig ist? Was<br />

wenn....?“ fluchte Teborasque auf den Hexenmeister ein, doch die<br />

Taurin erhob sich und ging dazwischen.<br />

„Beruhige dich, Troll. Er wollte mir helfen, hat wohl mein Leben<br />

gerettet. Bitte, sei deswegen nicht verbittert.“<br />

- 37 -


Teborasque starrte die Taurin an. Sie war eine Druidin...das sie Hilfe<br />

bedurfte verwunderte ihn sehr. Druiden galten als so mächtig wie<br />

Magier <strong>–</strong> wenn nicht sogar noch mächtiger. Sie bezogen ihre Energien<br />

schließlich nicht aus sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten, sondern<br />

der Kraft des Landes, dieser Welt, diesen Regionen. Gerade hier im<br />

Brachland...hier war das Land noch so voller Leben...da hätte sie mehr<br />

als genug Kraft sammeln können. Wenn sie...ja...wenn sie nur nicht so<br />

jung gewesen wäre.<br />

Voller Respekt neigte er den Kopf und sah stattdessen zu dem Hexer.<br />

„Das tilgt einen Teil deiner Schuld, Orc. Doch nicht alles, glaub es mir.“<br />

brummte der Troll und schritt nun aus dem Lager heraus auf die<br />

Kadaver der vier erlegten Bestien zu. Er brauchte noch immer eine<br />

Galle...und diese vier hier waren mindestens ebenso gut wie das Vieh,<br />

das er mit seinem Kameraden allein erlegt hatte.<br />

Hexenmeister...bisher waren sie zu nichts gutem zu gebrauchen. Das<br />

wusste Tebo. Schließlich war es ihnen maßgeblich zu verdanken, das<br />

Azeroth jetzt so aussah wie man es kannte.<br />

Verfluchte Hexer...<br />

- 38 -


Kapitel 7 <strong>–</strong> Zusammenkunft<br />

Ein Sturm rüttelte an den morschen Seilen, die den Zeppelin der<br />

Goblins zusammen hielten. <strong>Die</strong> meisten Passagiere, unter ihnen vor<br />

allem Orcs und Trolle, hatten sich in die inneren Räumlichkeiten des<br />

Himmelsgefährts geflüchtet und fluchten über dieses Wetter, das die<br />

Kabine hin und her warf, während der Motor regelmäßig Aussetzer<br />

hatte, jeden Moment vollends stehen zu bleiben schien.<br />

Goblintechnologie.<br />

So zuverlässig wie ein Blitz.<br />

Wo es trifft, wächst kein Gras mehr. Doch niemand weiß wo, wann und<br />

warum.<br />

Bwalkazz stand noch immer auf dem Deck des Zeppelins, blickte in die<br />

Schwärze vor sich, die Unendlichkeit des Großen Meeres. Früher hätte<br />

er sich ebenfalls nach unten geflüchtet, fürchtend, er könne sich bei<br />

diesem Wetter eine Erkältung oder gar schlimmeres weg holen. Doch<br />

nun...er war schon tot. Wie sollte ein Untoter wie er an irgendeiner<br />

Lebendenkrankheit erkranken können? Widersinnig...ebenso wie das<br />

Gefühl der zwei Tauren, die neben ihm standen und, vor Nässe<br />

triefend, über die Kälte fluchten.<br />

Endlich ein Landstreifen am Horizont. Nur vage und im Zwielicht der<br />

Dämmerung erkannte er es, obwohl er noch nie wirklich hier gewesen<br />

war:<br />

Das dort musste Kalimdor sein.<br />

So weit von der Heimat war Braunpelz bisher noch nie gewesen. Es<br />

verwunderte sie etwas, das selbst hier so viele Tauren herum standen,<br />

dieses Dorf, das so wenig mit Donnerfels zu tun hatte, wie es nur ging<br />

und inmitten einer dürren, spärlich bewachsenen Wüstenlandschaft<br />

Wache schoben. Wieder andere hatten sich der Aufgabe gewidmet,<br />

die Kerne einiger Früchte auszuquetschen und ein anderer betätigte<br />

sich als Händler für Taschen und Beutel....und wieder ein anderer<br />

untersuchte die Proben der umliegenden Oasen. Ein exotischer<br />

Haufen von Freidenkern und jenen, die das Besondere suchten. So<br />

erschien es Braunpelz, die mit einigen dieser Mittauren das Gespräch<br />

zu suchen begann.<br />

- 39 -


Teborasque hatte es sich indes an der Schmiede gemütlich gemacht,<br />

um dort einige Basteleien an seinem Bogen durchzuführen. <strong>Die</strong><br />

Werkzeuge, die er verwendete, sahen irgendwie absonderlich aus <strong>–</strong><br />

ein kupferner Schraubenzieher, eine kleine Zange, sogar ein<br />

Schraubenschlüssel aus Kupfer lag in seinem Repertoire, mit dem er<br />

kleine Teile zu immer größeren kombinierte, zwei Linsen einlegte und<br />

dieses Konstrukt schließlich kurz über dem Griff s<strong>eines</strong> Bogens<br />

befestigte.<br />

„Da haste dir aber eine Freundin ausgeguckt, Mann.“ kommentierte er<br />

seine Basteleien, während er mit dem Schraubenzieher noch einige<br />

Umdrehungen machte und dann hinter sich zur Schmiede sah. Ein<br />

Eisen hing dort, leicht glühend, in der Hitze.<br />

Noch ne Minute und es war fertig, dachte er sich.<br />

„Das Hexer sich ausgerechnet mit Druiden umgeben...das is ja so, wie<br />

wenn du nen Gnom und nen Goblin in einen Raum packst.“ witzelte<br />

der Troll vor sich hin, griff dann nach dem Eisen. Ein großes Stück<br />

Eberfleisch, an der Oberfläche gänzlich mit Ruß und Schlacke<br />

bedeckt, kam aus der Schmiede zum Vorschein.<br />

„Perfekt.“ murmelte er nur, schlug das Fleisch einige Male gegen den<br />

nahen Amboss. <strong>Die</strong> Schlacke und Ruß-Schicht bröckelte ab, brachte<br />

ein sanft rotes Schimmern zum Vorschein.<br />

Eberrippchen Rustikal. Delikat.<br />

Ehe die Antwort kam, hatte Tebo schon in das dampfende Stück<br />

Fleisch gebissen und sich prompt die Hauer verbrannt. Wild wedelnd<br />

suchte er nach Wasser, fand schließlich einen Becher Mondbeerensaft<br />

und kippte das süße Zeug einfach herunter.<br />

Vadarassar, der all das mit einem grimmigen Grinsen verfolgt hatte,<br />

hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.<br />

„<strong>Die</strong> Kleine war auf der Straße unterwegs und hatte sich mit ein paar<br />

dieser Donnerköpfe angelegt...oder sie sich mit ihr. Das ist die ganze<br />

<strong>Geschichte</strong>.“ grummelte er.<br />

„Ahhhha....“ antwortete Teborasque, mehr an sich selbst gerichtet, da<br />

der brennende Schmerz in seinem Mund erlosch, als an den Hexer<br />

neben sich. „Ich nehme mal an dein Heiligenschein ist gerade in der<br />

Reinigung, was? Oder haste den einem Priester geliehen?“<br />

- 40 -


Vadarassars Blick verfinsterte sich. „Einen Troll oder irgendeinen<br />

Allianzler hätte ich jederzeit verrecken lassen. Doch den Tauren habe<br />

ich noch etwas geschuldet. Das und nicht mehr.“<br />

„Jaja, na sicher.“ meinte Teborasque, sich dann wieder seiner Bastelei<br />

zuwendend. „Bin schon auf die ersten grünen Tauren gespannt....oder<br />

werdens Orcs mit Hufen?“ witzelte er, um kurz darauf ein Prickeln im<br />

Nacken zu spüren.<br />

Schatten umwoben die Hände des Hexers, der auch beinahe diesem<br />

Troll einen Schattenblitz zwischen die Augen gehauen hätte, der<br />

diesem jegliche Frechheit aus dem Mund gebrannt hätte. Doch die<br />

große Axt, die sich ihm auf die Schulter legte, bremste seine<br />

Begeisterung.<br />

„He du da. Keine Kämpfe im Dorf, ja? Hier ist schon genug Blut<br />

geflossen diese Woche.“ mahnte eine der großen Taurenwachen,<br />

kassierte von Vadarassar zum Dank nur einen finsteren Blick, der<br />

Blumen hätte verdorren lassen können.<br />

Mit reichlich nachdenklichem Gesicht kam Braunpelz zu den beiden<br />

und stellte sich in gehöriger Entfernung zur Schmiede neben den<br />

Hexer.<br />

„Und? Irgendetwas Interessantes erfahren?“ murmelte der Orc ihr zu.<br />

Sie nickte schwach.<br />

„In der Nähe einer Oase, nicht weit von hier, soll es eine Höhle mit<br />

einigen durchgedrehten Druiden geben. Sie meinten...vielleicht könne<br />

jemand wie ich, auch Druide, dort der Sache auf den Grund gehen.“<br />

„Du meinst sicher die Höhle südwestlich von hier, oder?“ meinte<br />

Teborasque, den Bogen weglegend und aus dem Schneidersitz, in<br />

dem er gehockt hatte, aufstehend.<br />

„Das Ding nennen die ganzen Leute, die da rumschleichen, die<br />

Höhlen des Wehklagens. Nen paar Goblins sind ganz scharf auf das<br />

Zeug, was da drin wächst. Aber keiner traut sich da rein.“<br />

<strong>Die</strong> Taurin staunte nicht schlecht, starrte den Jäger an. „Was weißt du<br />

denn von den Goblins?“<br />

Teborasque hob sein Werkzeug zur Antwort. „Das Basteln liegt mir<br />

genau so im Blut wie denen. Und die haben breite Erfahrung da drin.<br />

Hab mit den Bastlern in Ratschet östlich von hier geredet und die<br />

haben mir so einiges erzählt.“<br />

- 41 -


Er machte eine kurze Atempause, packte dann das Fleisch und ging<br />

näher an die beiden heran.<br />

„Über das, was in der Höhle genau vorgeht, ist nicht wirklich viel<br />

bekannt. Irgendein druidisches Ritual von nen paar Nachtelfen oder<br />

so was. Jedenfalls machen die meisten einen weiten Bogen um die<br />

Höhle.“<br />

„Ich muss da rein.“ antwortete Braunpelz so schnell und überraschend,<br />

das die beiden einander nur anstarren konnten. „Zeigst du mir den<br />

Weg dorthin, Jäger? Bitte.“<br />

„Wenn du willst. Wäre aber ne ziemlich dumme Idee, da alleine rein zu<br />

gehen. Nimm doch deinen Freund hier mit.“ schlug Tebo kurzerhand<br />

vor, mit dem Daumen auf den Hexer deutend. <strong>Die</strong>ser warf ihm einen<br />

vernichtenden Blick zu, der allerdings nicht die gewünschte Wirkung <strong>–</strong><br />

nämlich den Jäger zu verdampfen <strong>–</strong> hatte.<br />

„Oh, kommt ihr nicht beide mit? Ich meine...ihr seid doch beide so<br />

groß und so stark. Da kann uns doch nichts passieren.“<br />

Von einer Taurin, die trotz ihres jungen Alters jeden von ihnen locker<br />

überragte, als ‚groß’ bezeichnet zu werden, war nicht nur irgendwie<br />

ironisch, sondern auch lustig. Und einer solch netten Bitte konnten sie<br />

sich schließlich nicht verwehren, stimmten also zu.<br />

Mit Tebo an der Spitze machten sie sich auf in Richtung besagter<br />

Oase, verließen die Siedlung gen Süden und schritten dann schon<br />

bald über die mehr oder minder grün bewachsenen Weiten des<br />

Brachlandes. Gerade unterwegs stieß Tebo ein scharfes Pfeifen aus,<br />

blickte sich dann um. Im ersten Moment keine Spur von seinem<br />

Begleiter.<br />

„Dein Kätzchen hat dich wohl verlassen, was? Ist nirgends zu sehen.“<br />

grinste Vadarassar, wusste er doch, dass seine Gefährten nur ein paar<br />

Worte der Beschwörung von ihm entfernt waren. Einen Augenblick<br />

später spürte er dann allerdings den heißen Atem <strong>eines</strong> Tieres in<br />

seinem Nacken und drehte sich um.<br />

Im wirklich letzten Moment warf sich der Hexer zu Boden, wich dem ihn<br />

anspringenden Kater aus, der so glatt über ihn hinüber segelte, sanft<br />

und geräuschlos neben Teborasque landete und diesen mit einem<br />

schelmischen Grinsen anblickte, während der Hexer reichlich Erde und<br />

Dreck zwischen den Hauern hängen hatte.<br />

- 42 -


„Dämlicher Flohteppich. Den hätteste braten sollen.“ grummelte der<br />

Hexer, sich wieder aufrappelnd.<br />

„Hier vorne muss es gleich sein.“ murmelte Teborasque, die Oase<br />

genauer betrachtend. Dann erspähte er auch schon den mächtigen<br />

Höhleneingang. Jawohl, das war es ganz sicher.<br />

„Nun, Druidin. Wirst du uns in Bärengestalt die Gegner vom Hals halten<br />

oder uns mit Heilung unterstützen?“ fragte der Jäger, ehe sie sich ins<br />

Innere auf machten.<br />

Braunpelz blieb verdutzt stehen, blickte den Jäger fragend an. Der<br />

wartete erst noch auf eine Antwort, drehte sich dann zu ihr um und<br />

sah dann mindestens ebenso verdutzt aus.<br />

„Ich...ähh...“ stotterte sie, selbst sehr unsicher drein blickend.<br />

„Nun sag schon <strong>–</strong> Kämpfer oder Heiler?“<br />

„Ich...ich...weiß nicht....“ murmelte sie wieder, verstand offenbar nicht,<br />

was man von ihr wollte.<br />

Jetzt war Vadarassar baff. Er war davon ausgegangen, dass Druiden<br />

ihres Alters die Kunst des Gestaltwandels und der Heilung <strong>–</strong> oder<br />

zumindest <strong>eines</strong> der beiden Talente <strong>–</strong> bereits besaßen. Das war<br />

schließlich ihre Art...irgendwie.<br />

„Willst du uns etwa weis machen, dass du nicht heilen kannst?“<br />

„Ich....weiß nicht....wie...“ stammelte sie vor sich hin, Erde mit einem<br />

Huf hin und her scharrend, als wolle sie sich ein Loch ausheben, um<br />

darin versinken zu können. Doch selbst das schaffte sie nicht, grub nur<br />

einige Zentimeter tief.<br />

„Na klasse. Da schleppst du uns ja eine nette Druidin an.“ brummte<br />

Teborasque vor sich hin. „Eine Druidin, die nicht heilen kann und<br />

keinen Schimmer hat, wie sie ihre Gestalt verändern sollte.“<br />

„Konnte ich doch nicht wissen.“ murrte Vadarassar zurück, blickte<br />

dann zu der Taurin, der langsam die Tränen kamen. Bis eben hatte sie<br />

noch gedacht, sie würde bereits den richtigen Pfad beschreiten. Nun<br />

jedoch schien alles vor ihr wegzubrechen...sie hatte das Gefühl, so<br />

unglaublich nutzlos zu sein, eine Belastung für diese beiden so<br />

ausgezeichneten Kämpfer. Selbst der Gepard neben dem Jäger hatte<br />

offenkundig bessere Fähigkeiten als sie.<br />

- 43 -


Weinend sackte sie auf die Knie und drückte sich die Hände ins<br />

Gesicht. Tränen flossen an ihren Handflächen vorbei, ihr Wimmern<br />

erfüllte die Oase.<br />

Teborasque war der Erste von den drein, der sich von dem kleinen<br />

Schock erholt hatte, ging auf die Taurin zu und legte eine Hand auf<br />

ihre Schulter.<br />

„Jetzt heul doch nicht, Kl<strong>eines</strong>. Ist eh schon spät. Morgen früh können<br />

wir ja einfach mal dort rein und du versuchst es mal. Nur weil du noch<br />

nie etwas ausprobiert hast, weißt du nicht, ob du es vielleicht doch<br />

kannst.“<br />

„Meinst....meinst du?“ fragte die Taurin, ihre Hände etwas zur Seite<br />

schiebend.<br />

Teborasque nickte.<br />

„Klar, na sicher doch. Über Nacht wird sie zur Meisterheilerin<br />

avancieren. Und mir wachsen Hörner und Flügel.“ knurrte Vadarassar,<br />

was einen weiteren Heulanfall bei Braunpelz auslöste.<br />

„Ach halt doch den Rand, du emotionsloser Brocken Schattenöl!<br />

Kannst du nicht einmal etwas Nettes sagen?“ fluchte Teborasque in<br />

seine Richtung.<br />

„Ich bin Hexer. Dazu fehlen mir die Gene!“ konterte Vadarassar.<br />

Noch immer brummend war es nun an Teborasque, ein Lagerfeuer zu<br />

bereiten und gleichzeitig eine verzweifelte Druidin irgendwie zu<br />

beruhigen. Herrliche Aussichten....noch dazu die Tatsache, dass er<br />

wohl die erste Nachtwache halten durfte.<br />

Still und für sich hoffte er das erste Mal, doch lieber Krokolisken jagen<br />

gegangen zu sein, statt Donnerechsen erlegen zu wollen.<br />

- 44 -


Kapitel 8 <strong>–</strong> Traumhafte Lektionen<br />

„Wach auf Braline! Aufwachen!“ rief eine freundlich warme Stimme.<br />

Sie blinzelte.<br />

„Na komm schon Braline. Es gibt viel zu tun!“ forderte die Stimme<br />

weiter.<br />

Erneut blinzelte sie, öffnete dann die Augen.<br />

Ein sanft grünlicher Schimmer lag über allem um sie herum. Sogar der<br />

Taure in den langen, grünen Gewändern vor ihr schimmerte leicht<br />

grünlich, blickte sie aus geschlossenen Augen und mit einem<br />

freundlichen Lächeln an.<br />

„Genug geschlafen, meine Kleine. Es ist Zeit für dich, einige Dinge zu<br />

verstehen.“ sagte der Taure vor ihr, griff nach ihrer Hand und zog sie<br />

daran langsam in eine stehende Position.<br />

Sie sah sich um.<br />

Sie beide standen auf einer kleinen Insel, mitten in einem See, dessen<br />

Wasser so wunderschön silbern glänzte wie das Mondlicht höchst<br />

selbst. Ein sanfter Windhauch umschmeichelte sie, liebkoste ihre<br />

Wangen, fast schon lieblich. Ganz so, als wolle die Natur sie umarmen.<br />

„Wo...sind wir?“ wagte sie es, den Tauren zu fragen. Doch der lächelte<br />

nur weiterhin sanft.<br />

„Deine Freunde brauchen deine Hilfe. Doch nicht nur sie...der Pfad<br />

und die Bestimmung <strong>eines</strong> jeden Druiden ist, all jenen zu helfen, die<br />

jener Hilfe bedürfen. Genau wie sie bist du das Werkzeug, das Ohr,<br />

Auge und der Mund der Welt, um die Kräfte gerecht zu verteilen.“<br />

„Ich...verstehe nicht...“ brachte sie heraus, blickte den Tauren noch<br />

immer ratlos an. Der ergriff kurz darauf ihre Schulter.<br />

Das Grün um sie herum wurde stärker, wuchs zu einem dichten Nebel<br />

heran, der alles einhüllte. Dann sah sie es vor sich: Ein Abgrund, an<br />

dessen Rand sie beide nebeneinander standen.<br />

„Sieh.“ sagte der Taure und deutete die Klippen herunter.<br />

- 45 -


Zögerlich sah sie herunter, erblickte den Jäger, mit dem sie vorher<br />

unterwegs gewesen war. Er kletterte an der Felswand entlang, schien<br />

ausgelaugt und erschöpft. In dem Moment, als sie ihn erblickte, verlor<br />

er den Halt und stürzte.<br />

Und stürzte.<br />

Und stürzte.<br />

Und schlug auf einem Vorsprung auf. Sie sah, wie er sich offensichtlich<br />

mehrere Knochen im Leib gebrochen haben musste, vor Schmerzen<br />

wimmerte.<br />

„Oh nein! Tebo!“ schrie sie und suchte einen Weg, irgendwie zu ihm<br />

herunter zu gelangen. Doch da war kein Weg. Nur die steile Klippe<br />

und einige Dutzend Meter Luft, die sie beide trennten.<br />

„Seine Wunden sind gefährlich. Er würde ihnen erliegen, wenn nichts<br />

geschieht.“ erklärte der Taure mit emotionsloser Stimme.<br />

„Doch sein Tod ist noch nicht beabsichtigt. Er soll noch auf der Welt<br />

wandeln. <strong>Die</strong>s, Braline, weißt du tief in dir.<br />

„Sicher..aber...was kann ich...ich muss zu ihm und....“<br />

„Und was willst du tun? Bandagen werden nicht helfen und selbst<br />

Tränke lindern nur die Schmerzen.“<br />

Er legte eine Hand auf ihre Brust, blickte sie dann starr durch seine<br />

geschlossenen Augen an.<br />

„Du bist eine Gesegnete. Gesegnet von der Erdenmutter selbst, ein Teil<br />

der Natur und Bindeglied zum Leben. Du fühlst das Leben um dich<br />

herum, spürst es dich durchfließen. Und du kannst mehr <strong>–</strong> du kannst<br />

Leben schenken.“<br />

„Ich....ich weiß nicht....wie...“ stammelte sie, blickte erneut zweifelnd zu<br />

ihrem Freund herab, der langsam zu sterben schien.<br />

„Vertrau dir. Vertrau deinen Fähigkeiten, Braline. Schließ die Augen<br />

und bitte die Erdenmutter, all das Leben um dich herum, die<br />

Gesundheit d<strong>eines</strong> Freundes wiederherzustellen, sein Leben zu<br />

verschonen. Rufe nach Hilfe für ihn <strong>–</strong> nicht mit deiner Stimme, sondern<br />

mit deiner Seele. Bitte die Erdenmutter um Gerechtigkeit, um ihre<br />

schützende Hand und darum, durch dich, ihre <strong>Die</strong>nerin, ihm Heilung<br />

zukommen zu lassen.“<br />

„Aber ich...kann das doch...“<br />

- 46 -


„Es liegt dir in der Wiege. Du beherrschst es vorzüglich. Hab Vertrauen<br />

in die Erdenmutter, denn dann wird auch sie dir und deinen Worten<br />

vertrauen.“<br />

Noch immer sah sie den Tauren unsicher an. Der öffnete mit einem<br />

Mal seine Augen einen kleinen Spalt. Strahlend grüne Augen lagen<br />

unter den Lidern, blickten auf sie und fast durch sie hindurch, hinab bis<br />

in ihre Seele.<br />

„Hab Vertrauen. Du kannst es. Das weiß ich.“<br />

Nun schloss sie wirklich die Augen. In ihrem Geist murmelte sie Worte,<br />

flehte um Hilfe für den gestürzten Jäger und hob wie in Trance ihre<br />

Arme. Ein grünliches Glühen umgab ihre Finger, Hände und kurz<br />

darauf ihren gesamten Körper, während der Körper des Trolls leicht zu<br />

leuchten begann.<br />

Wunden begannen sich zu schließen, Knochen gaben ein leises<br />

Knirschen von sich, als sie wie von Geisterhand wieder<br />

geradegerichtet wurden und zusammenwuchsen. Nur die blutigen<br />

Spuren blieben auf der Haut des Trolls, jedoch keine Narben oder<br />

ähnliches. All das dauerte nur wenige Sekunden, die Braunpelz<br />

allerdings wie eine Ewigkeit vorkamen. Ihr Körper zitterte, schüttelte<br />

sich und versuchte sich zuerst gegen dieses warme, wohlige Gefühl zu<br />

wehren, ehe sie sich ihm gänzlich hingab.<br />

Genau in diesem Moment berührte der Taure ihre Schläfen.<br />

Wissen durchschoss ihren Kopf. <strong>Die</strong> Wärme war da, so stark und<br />

präsent wie noch niemals zuvor. Ständig hallten dieselben Worte in<br />

ihrem Kopf wider, rasten Bilder vor ihren Augen umher.<br />

<strong>Die</strong> Erde. Pflanzen. Bäume. Tiere. <strong>Die</strong> Luft. Wasser. Sogar das Feuer<br />

schien sie zu umkreisen.<br />

Jetzt spürte sie die Elemente, fühlte den Wind um sie herum und wie er<br />

jedes einzelne Haar ihres Körpers umschmiegte, fühlte die<br />

Wassertropfen und das darin millionenfach vorhandene Leben. Ein<br />

leises Flüstern glitt durch die Felder, ein dumpfes Brummen ging von<br />

den Bäumen aus. Sie hörte alles und jeden sprechen, jeden von ihnen<br />

in seiner eigenen Sprache und einem anderen, charakteristischen<br />

Klang.<br />

- 47 -


„Du hast deinen Weg gewählt, junge Taurin.“ hörte sie wieder die<br />

Stimme, sah nun aber keinen festen Körper mehr, sondern nur noch<br />

eine nebulöse, grüne Gestalt, deren Umrisse sie nicht fixieren konnte.<br />

„Der Pfad der Wiederherstellung und Heilung. Kalimdor und ganz<br />

Azeroth werden dir die Kraft geben, die du benötigst, um denen zu<br />

helfen, die jener Hilfe bedürfen. <strong>Die</strong> Tiere werden dir ihre Kraft<br />

schenken, damit du dich wehren kannst. Und bedenke dies: Jene<br />

Kurzlebenden vergessen vielleicht die guten Taten, die du vollbringst,<br />

das Land jedoch ist alt wie die Zeit und wird deine Taten niemals<br />

vergessen <strong>–</strong> wie auch immer sie sein mögen.“<br />

Braunpelz blinzelte. <strong>Die</strong> grüne Erscheinung vor ihr war mit einem<br />

Wimpernschlag verschwunden. Verdutzt rieb sie sich die Augen,<br />

blinzelte noch einige Male. Doch die Gestalt kam nicht wieder, blieb<br />

verschwunden.<br />

Dann schloss sie wieder die Augen, lehnte sich zurück und genoss die<br />

Wärme, die sie umgab. Ein so wunderbares Gefühl, so geborgen, so<br />

friedlich. Der smaragdgrüne Traum war eine Idylle der Schöpfung, wie<br />

sie einmal war oder sein sollte, ohne Humanoide, Dämonen, Tiere oder<br />

derlei. Nur die Landschaft, einige wenige Geistererscheinungen,<br />

Pflanzen...die Natur.<br />

Ein Paradies für die Seele, die hier unendlich umher streifen konnte,<br />

den Körper gänzlich vergessen und dennoch ohne einen Verlust<br />

weiterleben konnte, während im der wirklichen Welt der Leib langsam<br />

verdorrte. Doch Braunpelz spürte ihren Körper noch als eine Erinnerung<br />

in ihren Gedanken, hielt diese Erinnerung innerlich stets fest, um den<br />

Weg zurück zu finden.<br />

Und jener Weg wurde erschüttert. Etwas rüttelte an ihr, bewegte ihren<br />

Körper hin und her.<br />

Sie wurde neugierig, bog auf den Pfad, der sie zurück bringen sollte,<br />

glitt durch riesige, grün schimmernde Landschaften, vorbei an<br />

Bergketten und einem großen Wald, vorbei an einem großen<br />

Wasserfall, eine weitere Bergkette hinab über weite, grüne Wiesen.<br />

Dann wurde das grünliche Schimmern weniger, sie erblickte ihren<br />

Körper und glitt langsam wieder hinein.<br />

Sie blinzelte, sah dann das lange Gesicht <strong>eines</strong> Trolls vor ihren Augen,<br />

dessen Gesichtszüge vom fahlen Mondlicht nur knapp beleuchtet<br />

wurden. Viele kleine Riefen und eine Narbe auf der rechten Wange.<br />

Kein Gesicht von einem harten Krieger, aber auch k<strong>eines</strong> von einem<br />

verweichlichten Magier...das war offensichtlich ein Jäger.<br />

- 48 -


Tebo....<br />

„Ja Mann. Endlich wachste auf. Dachte schon du wärst irgendwie<br />

weg oder so was.“ kommentierte Teborasque mit mäßiger<br />

Begeisterung. Irgendetwas schien nicht zu stimmen....nur konnte sie<br />

sich nicht erklären, was eben das war.<br />

Ihr Blick glitt zur linken, wo ein enttäuscht aussehender Orc gerade<br />

einen tropfenden Beutel ausschüttete. Offensichtlich wollte er es noch<br />

damit versuchen, sie zu wecken. Irritiert berührte sie ihr Gesicht und<br />

merkte, das er offensichtlich schon mehr als eine Ladung Wasser über<br />

ihr entleert haben musste: Ihr Fell an Kopf und Oberkörper und auch<br />

ihre Lederoberbekleidung war schon triefend nass.<br />

„Wieso...was ist denn los?“ brachte sie schließlich hervor, nachdem sie<br />

dem hexenden Orc einen bösen Blick zugeworfen und ihre Augen<br />

wieder auf Tebo gerichtet hatte. Er hielt seinen Bogen in einer Hand,<br />

einen Pfeil in der anderen. Ein leises Fauchen ganz in der Nähe war zu<br />

vernehmen.<br />

„Wir haben Besuch, Kl<strong>eines</strong>.“ kommentierte Teborasque die Antwort<br />

und blickte in Richtung s<strong>eines</strong> Katers, der mit gesenktem Oberkörper<br />

drohend vor einem kleinen Häufchen Wesen stand, das eher an eine<br />

wandelnde Leiche als an irgendein Lebewesen erinnerte.<br />

Ein Gerüst aus Knochen und vereinzelten Fleischbrocken mit schief<br />

hängendem Kiefer. Doch nicht etwa nackt, sondern mit einer neuen,<br />

silbrig-lilanen Robe bekleidet, einem ebenso gefärbten Hemd, durch<br />

das die Rippen hindurch erkennbar waren und schwarzen Stiefeln, aus<br />

denen nur die Beinknochen oben heraus sahen. In einer Hand hielt die<br />

Gestalt einen Stab, die andere Hand war an einen Ledergürtel gelegt.<br />

Ein Hut hätte der Gestalt sicher gut gestanden <strong>–</strong> doch so standen die<br />

Haare, als wären sie in dieser Position fest einzementiert, steil nach<br />

hinten und gaben keine Regung von sich, als der Wind darüber strich.<br />

„Nette Begrüßung. Fast so warm und herzlich wie mein Puls.“<br />

grummelte der Untote, den Kater mit einem leeren Blick bedenkend.<br />

„Was willst du hier?“ fragte Teborasque schnell und mit fester Stimme,<br />

bereit, den Pfeil in seiner Hand jeden Moment abzuschießen.<br />

„Ursprünglich kam ich, um den hordischen Verbündeten zur Seite zu<br />

stehen. Doch sehe ich wohl, dass dies nicht erwünscht ist.“ brummte<br />

- 49 -


der Untote, nun die Taurin ansehend, die den Untoten umso deutlicher<br />

musterte.<br />

Sicher, sie hatte schon einmal von Untoten gehört, die auch in<br />

Donnerfels lebten. Doch sie war nie zu den Teichen gegangen, um<br />

ihnen einmal wirklich zu begegnen. Höhlen hatten für sie immer<br />

etwas...nun...Unangenehmes gehabt.<br />

Doch diese Gestalt dort...obwohl es widersinnig war, das etwas Totes<br />

wieder lebte, spürte sie in ihm das Leben...und kein schlechtes.<br />

Langsam erhob sie sich und ging in Richtung des Untoten. Teborasque<br />

wollte sie zuerst zurück halten, gab dann aber schnell auf als er<br />

merkte, dass er wohl eine Taurin nicht so wirklich festhalten konnte.<br />

Mit einer Hand strich sie über die Seite von Swift, der noch immer<br />

fauchend vor dem Untoten stand. Merkwürdigerweise beruhigte sich<br />

der Gepard mit einem Mal, sah kurz zu ihr und wandte sich dann um,<br />

ging zurück zu seinem Begleiter.<br />

„Ich spüre in dir eine große Macht und ein starkes Streben nach<br />

Leben. Wenn du willst, kannst du gerne bleiben und mit uns ziehen.“<br />

erklärte Braunpelz, während sowohl Teborasque und auch Vadarassar<br />

ihre Münder aufsperrten und nicht so recht glauben konnte, was diese<br />

Druidin da gerade über ihre Köpfe hinweg entschied.<br />

Der Untote nickte. „Es stimmt also, was man über die Tauren sagt. Sie<br />

sollen Dinge sehen und spüren können, die anderen verschlossen<br />

bleiben.“ erklärte er, sah dann zu den anderen.<br />

„Ich werde deiner Bitte entsprechen.“<br />

Mit diesen Worten ging er knapp an ihr vorbei und setzte sich nahe<br />

den anderen auf den Boden, schloss kurz die Augen und seine Hände<br />

und konzentrierte sich. Ein leichtes Glühen umgab seine Finger, ehe er<br />

sie wieder öffnete und einen großen Becher Sprudelwasser in Händen<br />

hielt.<br />

„Ein Magier also.“ brummte Vadarassar. „Wie nennt man dich denn,<br />

Flickwerk?“<br />

„Bwalkazz.“<br />

- 50 -


Kapitel 9 <strong>–</strong> HdW<br />

Ein letzter Versuch <strong>eines</strong> Schmerzenschreis entglitt der Kehle des<br />

Nachtelfen, ehe sein Körper zu einer einzigen Statue aus Eis wurde und<br />

kurz darauf in tausend Stücke zerbarst.<br />

Das Werk von Bwalkazz. Ein Magier, dessen emotionale Kälte nur noch<br />

von der Frostigkeit seiner Zaubersprüche überboten wurde. Knapp<br />

hinter ihm folgten der Orchexer Vadarassar, der Trolljäger und auch<br />

die Taurendruidin.<br />

„Ich mag diese Höhlen nicht...“ murmelte Braunpelz leise vor sich hin.<br />

„Ich weiß was du meinst, Mann.“ stimmte Teborasque zu. „Viel zu eng<br />

und verwinkelt. Da kann man kaum zielen und die Gegner sieht man<br />

erst, wenn’s schon zu spät ist.“<br />

„Das ist es nicht...“ murmelte sie weiter. „<strong>Die</strong>se...Enge. Ich mag Höhlen<br />

nicht. Und überall....dieses Krabbelzeugs.“<br />

Instinktiv schüttelte sie sich und zog eine etwa handgroße Spinne aus<br />

ihrem Fell, um diese kurz darauf zur Seite und ins Grün fliegen zu lassen.<br />

Leben und Tiere in allen Ehren, aber Spinnen....wieso ausgerechnet<br />

Spinnen?<br />

„Seid mal froh, das ihr noch nicht im Steinkrallengebirge ward.“<br />

grummelte Vadarassar zu den beiden hinter sich.<br />

„Da sind solche Spinnen nicht einmal die Babys der Viecher, die man<br />

zu Gesicht bekommt. Und Gerüchten zufolge soll es irgendwo in den<br />

Östlichen Königreichen noch größere geben.“<br />

Jetzt schüttelten sich sowohl Teborasque und Braunpelz kräftig.<br />

Riesenspinnen....igitt.<br />

Indes waren sie in der Höhle weiter voran gekommen. Der Magier<br />

ging, obwohl es alle erstaunte, dabei mutig voran, sah sich um und<br />

fror jeden Gegner, der sich der Gruppe nähern wollte, kurzerhand<br />

einfach ein. Als sie dann aber an einem wahren Riesen als Gegner<br />

ankamen war mit Einfrieren nichts mehr zu machen. Trotz s<strong>eines</strong><br />

offensichtlichen Mutes, den man vielleicht auch nur den Willen der<br />

Verlassenen nennen konnte, hatte der Magier noch etwas Verstand<br />

übrig, um sich mit dem wirklichen Riesen vor sich nicht alleine zu<br />

messen. Stattdessen sah er zu den anderen, nickte kurz dem Hexer zu<br />

und beschloss dann, dass dieser seinen Leerwandler nach vorn<br />

schicken solle.<br />

- 51 -


<strong>Die</strong> ersten Schläge hielt dieser auch recht gut aus, doch bereits nach<br />

dem vierten Volltreffer durch die riesige Faust des Gegners begann<br />

der dicht bläuliche Nebel, der den Leerwandler bildete, zu wabern.<br />

Kraft floss aus vielen Rissen der Hülle des Dämons, breitete sich wie ein<br />

Nebel um den Koloss aus. Ein weiterer Schlag und der Dämon war<br />

nicht mehr.<br />

<strong>Die</strong> vier erstarrten vor Schreck, als der Koloss auf sie zu walzte.<br />

Ausgerechnet Teborasque war es, der schnell genug reagierte, seine<br />

Axt zog und auf den Gegner zu stürmte, um ihm diese kurzerhand in<br />

die Beine zu schlagen. <strong>Die</strong> Wirkung war sofort spürbar: Nur noch<br />

strauchelnd bewegte er sich vorwärts, wandte sich nun aber dem<br />

Jäger zu.<br />

„Los Mann! Ich halte ihn hin, während ihr...“ begann Teborasque,<br />

wurde dann jedoch von einem Schwinger getroffen, der ihn<br />

kurzerhand mehrere Meter zurück und gegen eine der Felswände<br />

schleuderte. Sterne kreisten vor seinen Augen, während er einen<br />

metallischen Geschmack zwischen seinen Lippen wahrnahm.<br />

Blut.<br />

Sein eigenes Blut.<br />

Sofort schlossen Vadarassar und Bwalkazz ihre Augen, murmelten<br />

magische Formeln vor sich her. <strong>Die</strong> Hände des Untoten begannen<br />

blau zu glühen, während er seine Frostzauber wob und sie dem Koloss<br />

entgegen schickte. Vadarassar indes bewegte seine Lippen wie in<br />

Trance, seine Augen glühten während dämonische Silben seinen<br />

Mund verließen. Flüche von unaussprechlicher Abscheu sollten diesen<br />

Riesen heimsuchen, rissen an ihm, umgaben den immensen Körper,<br />

der dennoch weiter auf den taumelnden Jäger zu schritt und<br />

ausholte.<br />

Wie durch ein Wunder wich Teborasque dem Angriff aus, ließ die Arme<br />

tief hängen und hüpfte mit einem Mal von einem Bein auf das andere,<br />

war einmal hier, einmal dort und schwang immer wieder die Axt.<br />

Instinktiv hatte er sich auf eine Technik besonnen, die ihm sein Lehrer in<br />

jungen Jahren beigebracht hatte: Der Tanz des Affen. Auf diese Art<br />

und Weise konnte er Zeit gewinnen und seine Chancen, diesen<br />

kräftigen Schlägen auszuweichen, deutlich erhöhen.<br />

Während der Kampf verbissen weiterlief, stand Braunpelz hinten an<br />

und blickte hilflos zu, wie der Jäger wieder und wieder von Schlägen<br />

getroffen wurde. Wunde um Wunde zeichnete das Gesicht des Trolls,<br />

- 52 -


der aber immer noch seinen Tanz fortführte und den Giganten so<br />

beschäftigte. Ein weiterer Schwinger allerdings schickte ihn auf den<br />

Boden. Er wälzte sich, versuchte aufzustehen...doch die Kraft hierzu<br />

fehlte ihm. Das schien der Koloss ausnutzen zu wollen.<br />

Sie musste etwas tun. Irgendetwas....nur....wie?<br />

Sie sog die Luft tief durch ihre große Nase ein und schloss die Augen,<br />

während Teborasque das gleiche tat und innerlich schon mit seinem<br />

Leben abschloss.<br />

„Kalimdor. Erdenmutter, die du das Leben gibst, ich flehe dich an<br />

erhöre mich.“ flüsterte Braunpelz, die Arme seitlich von sich gestreckt.<br />

Nichts passierte.<br />

„Im Namen des Lebens, lass mich als <strong>Die</strong>nerin deiner Gnade auftreten.<br />

Ich bitte dich.“ flüsterte sie, holte abermals tief Luft.<br />

Erneut geschah nichts.<br />

„Erdenmutter....ich flehe dich an. Gib mir deinen Segen...“ murmelte<br />

sie ein drittes Mal und öffnete dann ihre Augen.<br />

Der Koloss stand regungslos dort, seine Faust zum letzten Schlag<br />

erhoben. Ein Frostblitz von Bwalkazz hing zwischen ihm und dem Koloss.<br />

Dicht daneben schimmerte eine schwarze Energiekugel in allen<br />

Schattierungen der Dunkelheit.<br />

Teborasque lag noch immer am Boden und regte sich ebenso wenig,<br />

wie sich nichts anderes in der Höhle regte.<br />

Nichts außer einem grünen, intensiven Licht, das Braunpelz mit einem<br />

Mal umgab.<br />

„<strong>Die</strong> <strong>Die</strong>nerin der Erdenmutter ersucht um den Segen und die Gabe,<br />

die Lebensenergie und Gesundheit jener, die auf mir schreiten, zu<br />

erneuern. Es sei dir gewährt.“ hauchte die Stimme.<br />

Das grüne Licht wandelte sich in Nebel, umgab die Druidin, bildete<br />

einen Ring um sie und schoss dann in sie hinein. Nun glühte sie selbst<br />

grünlich, spürte mit einem Schlag eine enorme Kraft auf sich wirken.<br />

Worte schossen durch ihren Kopf, legten sich auf ihre Zunge, während<br />

ihre Augen allein auf Teborasque lagen.<br />

<strong>Die</strong> grüne Farbe verschwand von ihrem Körper. Lediglich ihre Hände<br />

begannen grünlich zu glühen, als sich Silben auf ihre Lippen und von<br />

diesen schlichen.<br />

„Pfade des Lebens, hört mein Flehen und heilt diesen euren <strong>Die</strong>ner.“<br />

rief sie, deutete auf Teborasque.<br />

- 53 -


Das grüne Glühen verließ ihre Hände, schoss mit einem Schlag zu dem<br />

Jäger herüber und traf diesen mit einer Wucht, die nur mit einem Sturz<br />

vom Zeppelinturm vergleichbar sein könnte. <strong>Die</strong> Wunden<br />

verschwanden fast augenblicklich und seine Kraft kehrte schlagartig<br />

zurück. Gerade im letzten Moment brachte er noch die Axt hoch, um<br />

diese in den Arm des Kolosses zu bohren.<br />

<strong>Die</strong> beiden magiebegabten waren überrascht <strong>–</strong> war das ihre Druidin<br />

gewesen? Einen Augenblick drehten sie sich nach hinten und starrten<br />

Braunpelz an. Doch anstatt sich von den Blicken verunsichern zu<br />

lassen, begannen ihre Hände erneut zu glühen.<br />

„Erdenmutter, strafe diesen mit deinem Zorn!“ fauchte sie und<br />

schleuderte zwei grünliche Bälle gegen das Ungetüm, ehe sie die<br />

Arme nach oben riss und über den Koloss zeigte.<br />

Es bröckelte. Einige Steine brachen herab, gaben einen winzigen Spalt<br />

nach außen frei.<br />

„Elune! Mutter Mond, stehe diesen <strong>Die</strong>nern Kalimdors zur Seite und wirf<br />

deine Macht auf diesen Feind!“ rief Braunpelz, deutete auf den Koloss.<br />

<strong>Die</strong> kleine Felsspalte reichte überraschenderweise, damit ein dünner<br />

Hauch Mondlicht in die Höhle hinein fallen konnte, um den Koloss zu<br />

treffen. Es war intensiv, verbrannte Haut und Fels überall dort, wo es<br />

den Gegner berührte. <strong>Die</strong>ser taumelte nun, wurde erneut von Frost-<br />

und Schattenblitzen getroffen und spürte kurz darauf ein letztes Mal<br />

die metallene Klinge von Teborasques Axt. Dann sank er zu Boden und<br />

hauchte sein Leben aus.<br />

Braunpelz sank ebenfalls zu Boden, stützte sich auf den Knien hockend<br />

mit beiden Händen ab, um nicht gänzlich umzukippen.<br />

„Mann! Wie haste das denn gemacht?!“ rief Teborasque überrascht.<br />

„Ich....weiß es nicht....“ japste Braunpelz, nach Luft ringend.<br />

„Also kannst du doch heilen. Hab doch gesagt, dass Druiden das<br />

immer können. Mussteste nur herausfinden.“ munterte Teborasque die<br />

Druidin mit einem Klaps auf den Rücken auf, während sie draußen vor<br />

der Höhle am Lagerfeuer saßen und sich über die herbeigezauberten<br />

Brotlaibe von Bwalkazz her machten.<br />

„Ich weiß nicht so recht. Was, wenn das nur dieses Mal geklappt hat?<br />

Ich bin nicht wirklich zuverlässig...“<br />

- 54 -


„Nu hör doch mal auf Kl<strong>eines</strong>. Du bist noch jung. Überleg mal <strong>–</strong> so<br />

junge Druidinnen gibt es doch nirgends. Das wird noch werden. Jeden<br />

Tag wirste etwas besser. Wirst schon sehen.“ sagte Tebo, griff in seine<br />

Tasche und holte ein großes Stück Fleisch heraus, um es in Richtung<br />

<strong>eines</strong> Busches zu werfen. Es war noch nicht ganz am Gebüsch<br />

angekommen, als ein Schatten in die Luft sprang, das Fleisch noch im<br />

Flug mit den Zähnen schnappte und dann, ohne irgendein Geräusch<br />

zu verursachen, wieder im Geäst landete.<br />

„Meist du?“ fragte sie, den Troll nun direkt anblickend. Doch der<br />

lächelte nur.<br />

„Meine ich.“<br />

„Ziemlich mächtig diese Frostmagie.“ bemerkte Vadarassar, den<br />

Untoten etwas genauer betrachtend. Eigentlich hatten die beiden<br />

einiges gemeinsam: Beide gehörten zu den ursprünglich Geächteten<br />

des Großen Krieges. Es waren schließlich die Hexenmeister, die so viel<br />

Schlimmes über die Welt gebracht hatten....und die Geißel, die aus<br />

ihren Lehren entstanden war. Fast schon ein wenig zynisch, das nun<br />

gerade diese beiden nebeneinander saßen, sich einen großen<br />

Brotlaib teilten und gegen die Überbleibsel der Brennenden Legion<br />

und der Geißel antreten wollten.<br />

„Wenn die Kälte von Herzen kommt, kann sie vieles bewirken.“<br />

brummte Bwalkazz, die Hälfte des Brotes dank s<strong>eines</strong> schiefen Kiefers<br />

dabei über seiner Robe verteilend.<br />

„Und glaub mir <strong>–</strong> mein Herz ist so kalt wie Northrend.“<br />

„Glaube ich sofort.“<br />

An diesem Abend wurden zwei wirklich enge Freundschaften<br />

geschlossen. <strong>Die</strong> zwischen einem Jäger und einer Druidin und die<br />

zwischen einem Magier und einem Hexenmeister.<br />

- 55 -


Kapitel 10 <strong>–</strong> Dämonische Weiten<br />

<strong>Die</strong> Druidin war also doch nützlich gewesen. Obwohl sie die ganze Zeit<br />

über das Gegenteil behauptet hatte, war ihre Heilkraft sogar größer,<br />

als jene von den Druiden, denen Vadarassar bisher begegnet war. Ob<br />

sie diese Kräfte nun per Zufall entdeckt oder nur vor den anderen<br />

verborgen hatte <strong>–</strong> der Hexenmeister wusste darauf keine wirkliche<br />

Antwort. Es war ihm auch egal, hatte er die Druidin nach einem kurzen<br />

Ausflug ins Steinkrallengebirge lauthals kreischend wieder Richtung<br />

Brachland rennen sehen. Der Jäger war ihr gefolgt und nun wohl mit<br />

ihr zusammen über alle Berge, während der Hexenmeister in einer<br />

verbrannten, dürren Ebene stand.<br />

Desolace nannte man die Gegend hier. Desolat....das passte wirklich.<br />

Der Geruch des Meeres lag ihm in der Nase, wurde aber von einem<br />

stechenden Geruch überlagert. Überall tote Weiten, eine Festung mit<br />

wahnsinnigen Orcs und allerorten spürte er die Präsenz von Dämonen.<br />

Letzteres beruhigte ihn sogar etwas, obwohl er sich im Klaren war, dass<br />

er nicht über alle von diesem Schlag die Kontrolle übernehmen<br />

konnte. Doch ein Teil von ihm gehörte zu diesen Wesen der Finsternis.<br />

Also würden sie ihn sicher nicht ebenso schnell zerfleischen, wie sie es<br />

für gewöhnlich mit den vielen anderen Reisenden taten, deren<br />

Überreste am Wegesrand verstreut lagen.<br />

„Finster wie deine Seele dieses Land.“ bemerkte eine bekannte<br />

Stimme hinter dem Hexenmeister.<br />

Vadarassar drehte sich um und erblickte den Magier Bwalkazz, wie er<br />

hinter ihm stand und mit seinem schiefen Kiefer ein Grinsen zum Besten<br />

gab.<br />

„Hier musst du dich doch wie zu Hause fühlen. Mit den vielen<br />

Dämonen um dich herum...“<br />

Vadarassar nickte knapp. „Etwas, jedoch sind diese hier nicht wirklich<br />

zweckdienlich. Sie sind böse.“<br />

„Sind das nicht alle Dämonen auf eine gewisse Art?“<br />

„Vielleicht. Jedoch sind von Grund auf böse Dämonen, die einem<br />

nützlichen Zweck dienen, nützlich und damit gut.“<br />

„Eine merkwürdige Logik, die ihr Hexenmeister da verfolgt.“<br />

schlussfolgerte Bwalkazz und ging an Vadarassar vorbei.<br />

„Dort hinter dem Berg ist eine Siedlung der Trolle. Der sollten wir einen<br />

Besuch abstatten.“<br />

- 56 -


„Woher willst du das denn wissen?“ brummte Vadarassar seinen<br />

Begleiter wider Willen. Doch der sah nicht zurück, ging stattdessen mit<br />

seinem hageren Körper einfach weiter und deutete mit einem<br />

knöchrigen Daumen nach rechts.<br />

„Dort oben stand ein Taure. Faselte was von nem fetten Fisch, den er<br />

sich grillen wollte. Will nen stattliches Sümmchen dafür. Und das<br />

einzige, was wir dafür tun müssen, ist mit dem Angler in dem Kaff zu<br />

reden und einen zu besorgen.“<br />

Wir? Seit wann hatte Vadarassar diese wandelnde Leiche bittesehr<br />

eingeladen? Nicht das er etwas gegen Tote hatte. Jedoch<br />

bevorzugte Vadarassar tote Körper dann, wenn sie entweder auf dem<br />

Feld und unter den Ausläufern seiner Flüche zerfallend herumlagen<br />

oder bereits einige Fuß tief im Boden verscharrt waren. Bwalkazz<br />

erfüllte keine dieser Bedingungen und störte sich auch nicht daran,<br />

das ihm beim Essen mehr aus dem schiefen Kiefer heraus fiel und <strong>–</strong><br />

floss, als ein wild fressender Orc sich bei einem Festmahl neben den<br />

Mund schieben konnte. Und als wäre das noch nicht alles, konnte<br />

man seinen verfaulenden Eingeweiden, die über und über mit<br />

Löchern, Rissen und sehr unfachmännisch angebrachten Flicken<br />

bedeckt waren quasi live bei der Verdauung der magischen Kost<br />

zusehen, wenn dieser die Robe etwas raffte oder mal wieder meinte,<br />

mit freiem Oberkörper herum zu laufen. Glücklicherweise kam letzteres<br />

sehr selten vor, was wohl auch daran lag, das um ihn herum jeder<br />

unverzüglich seinen Appetit verlor, wenn er sich beim Essen<br />

entblätterte.<br />

Der Weg war überraschend lang, führte an einigen Zentaurenlagern<br />

vorbei und schließlich an eine Stelle, die Vadarassar das Herz höher<br />

und Bwalkazz selbiges tiefer sacken ließ: Mannorcs Koven, eine riesige<br />

Zuflucht für Dämonen. Dutzende, nein hunderte von Dämonen liefen<br />

hier herum. Teufelsjäger <strong>–</strong> jene manafressenden Magierschrecken, die<br />

einen Magier mit ihren Tentakeln einfach aussaugen konnten, flankiert<br />

von Teufels- und Verdammniswachen, Höllenbestien und Sukkubi<br />

verteilten sich gleichmäßig, zischten einander an und linsten böse zu<br />

den beiden Wanderern. Zu einem Angriff kam es wundersamerweise<br />

jedoch nicht. Vielleicht fürchteten sie hierbei einen herben Rückschlag<br />

zu erleiden, vielleicht hatte aber auch eine höhere Macht etwas<br />

Wichtigeres mit ihnen vor. Wer konnte schon in die Köpfe dieser<br />

Dämonen blicken?<br />

Bwalkazz beschleunigte seinen Schritt, behielt den Weg fest im Auge<br />

und passierte den Koven so schnell er nur konnte, bemerkte erst am<br />

- 57 -


anderen Ende, das Vadarassar stehengeblieben war und in eine<br />

Richtung des Kovens starrte.<br />

Einen Moment zögerte er, dann ging er auf den Orchexenmeister zu.<br />

„Was machst du hier? Beweg dich, bevor die auf uns losgehen.<br />

Gegen ein paar von denen können wir zwar kämpfen, aber lange<br />

nicht gegen alle.“<br />

Vadarassar nickte schwach, blickte dennoch weiter in dieselbe<br />

Richtung. Nun folgte Bwalkazz dem Blick des Hexers.<br />

Ein einzelner Sukkubus lag in Blickrichtung des Hexers. Nichts<br />

ungewöhnliches...nicht einmal die Tatsache, das sie dort ohne andere<br />

Dämonen herum stand und an einer Säule lehnte.<br />

„Was starrst du diese Dämonin an? Flirtest du oder was soll das<br />

werden?“ knurrte der Magier, wollte die Hand des <strong>Hexenmeisters</strong><br />

ergreifen, der unvermittelt einen Schritt in Richtung des Sukkubus<br />

machte.<br />

„Sieh sie dir genau an.“ murmelte Vadarassar, dann zu dem Magier<br />

sehend.<br />

„Was soll ich da sehen? Ein Dämon. Genau so wie mindestens fünf<br />

Dutzend andere hier um uns herum. Und allesamt sind sie mir<br />

unsymphatisch.“<br />

„Du verstehst nicht wirklich etwas von der Legion, oder?“ brummte<br />

Vadarassar weiter, musterte die Dämonin dabei genau. Dann nickte<br />

er <strong>–</strong> sein Verdacht bestätigte sich.<br />

Bwalkazz verstand nicht, worauf der Hexer hinaus wollte, fragte aber<br />

auch nicht. Eine Antwort bekam er trotzdem kurz darauf direkt serviert.<br />

„Bei der Brennenden Legion gibt es ein Gesetz von Kampf, Stärke und<br />

Gnadenlosigkeit. Jeder Dämon ist nur so lange nützlich, wie er seine<br />

Aufgabe erfüllt. Verletzte werden abgestoßen wie ein zerbrochenes<br />

Werkzeug. Schwache werden ausgesondert und solche, die Gnade<br />

zeigen, abgeschlachtet.“<br />

„Und? Was willst du mir jetzt sagen?“ brummte der Magier. Doch<br />

Vadarassar deutete auf den Sukkubus, jene Dämonin mit einer<br />

aufgerollten Peitsche aus schwarzer Energie und überaus enger<br />

Bekleidung.<br />

„Einen Dämon, der vollständig unter der Kontrolle und der Gnade der<br />

Legion steht, kann ich nur eine begrenzte Zeit versklaven. Aber einen,<br />

der ausgegrenzt wird oder der ausgestoßen wurde, kann ich<br />

- 58 -


dauerhaft kontrollieren. Und ein Sukkubus wäre eine große<br />

Bereicherung für mich.“ murmelte Vadarassar, nun mit einem<br />

siegessicheren Lächeln auf den Lippen. Durch seine dunkle Aura<br />

wirkte dieses Lächeln sogar noch bedrohlicher, als er es eigentlich<br />

beabsichtigt hatte.<br />

Bwalkazz verstand ihn noch immer nicht, ging aber zusammen mit<br />

dem Hexer einige Schritte näher an das zerschlagene Gebäude<br />

heran, auf deren Trümmern sich die Sukkubi aufhielt. Erst jetzt fiel dem<br />

Magier auf, was Vadarassar wohl schon vorher gesehen hatte.<br />

<strong>Die</strong>se Dämonin hatte sich mit Absicht weiter von den anderen entfernt<br />

<strong>–</strong> wahrscheinlich, damit niemand ihre Lage bemerkte. Immer wieder<br />

sah sie sich nach den anderen um, wollte wohl den Blicken der<br />

Wächter und ihresgleichen entkommen. Jedes Mal, wenn sie sich<br />

sicher fühlte, drehte sie ihren Rücken ein wenig, hob ihr linkes Bein und<br />

rieb mit beiden Händen über ihr Knie, um es dann wieder langsam<br />

abzusetzen und dabei leicht zusammen zu zucken.<br />

„Sie ist verletzt...“ brummte Bwalkazz.<br />

Vadarassar nickte, blickte auf die Trümmer der Ruinen. „Bei den<br />

Trümmern hier überall nicht unwahrscheinlich. Sie ist bestimmt gestürzt<br />

und hat sich das Knie verdreht, gebrochen oder sonst etwas.<br />

Jedenfalls ist sie damit für die Legion wertlos <strong>–</strong> und das weiß sie auch.<br />

Deswegen ist sie hier. Ich schmecke geradezu ihre Todesangst.“<br />

„Und was willst du jetzt tun?“ fragte Bwalkazz, der zusammenzuckte,<br />

als der Hexenmeister mit einem Mal weiter auf die Ruinen zuschritt.<br />

„Bleib zurück <strong>–</strong> ich kümmere mich schon um sie.“ sagte er kühl und<br />

stieg die Trümmer hinauf.<br />

Ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Sukkubi wieder ihrem<br />

Knie widmete, tauchte Vadarassar hinter der Säule auf und stand mit<br />

einem Mal vor der Dämonin. <strong>Die</strong> griff nach ihrer Peitsche und wollte<br />

auf den Hexer zu stürmen. Allerdings war ihr Bein wohl anderer<br />

Meinung, sackte unter ihr weg und ließ sie auf die Knie sinken.<br />

„Du musst nicht vor mir knien, Dämonin. Dazu besteht keine<br />

Veranlassung.“ spottete der Hexenmeister.<br />

„Orcgewürm! Ich werde dich Schmerzen lehren!“ fauchte die Sukkubi,<br />

ihre Peitsche wehen lassend.<br />

Sie traf Vadarassar an der Seite, hinterließ einen Riss in seiner Robe,<br />

unter dem ein dünner roter Streifen erkennbar wurde. <strong>Die</strong> Augen des<br />

Hexers verengten sich.<br />

- 59 -


„Allein? Ich denke nicht, dass deine Chancen dabei gut stünden. Ruf<br />

lieber einige deiner Freunde dazu, damit sie dich tragen können.“<br />

grummelte Vadarassar, griff dann nach ihr und bekam die Peitsche<br />

mit einer Hand zu fassen. Sofort spürte er das Brennen des schwarzen<br />

Geisterleders in seiner Hand, ließ jedoch nicht los.<br />

„Ich will nicht mit dir kämpfen. Würde ich das, wärst du schon tot. Und<br />

auch wenn du mich besiegst, würdest du sterben. Aber es gibt noch<br />

einen Weg. Einen Weg, der für uns beide nützlich sein könnte.“ knurrte<br />

Vadarassar, die Schmerzen in seiner Hand so gut er konnte<br />

ignorierend.<br />

Der Sukkubus starrte ihn ungläubig an. Der Griff an ihrer Peitsche<br />

lockerte sich, das dunkle Lodern ebbte ab.<br />

„Du willst mich versklaven. Doch ich bin frei.“<br />

„So frei, das du dich vor d<strong>eines</strong>gleichen versteckst, damit sie deine<br />

Schwäche nicht sehen.“ schoss Vadarassar zurück.<br />

Sie biss sich auf die Lippe. Der Hexenmeister hatte sie durchschaut. Es<br />

machte keinen Sinn mehr, ihn zu belügen. Und obwohl ihr Hass dem<br />

Orc gegenüber unvermindert war, reagierte ihr Verstand rechtzeitig<br />

und lenkte ihre Hand.<br />

Sie ließ ihre Peitsche und dann sich selbst fallen. „Beweise, dass du<br />

mein Vertrauen wert bist, Hexenmeister. Beweise es und ich werde dir<br />

folgen.“<br />

Er blickte sie an, griff in seine Tasche und holte einen Edelstein heraus,<br />

der in einem satten Lila glänzte und leuchtete. Dann hielt er diesen vor<br />

die Dämonin.<br />

Sie nahm den Stein und legte ihn sich auf die Brust. Aus dem Splitter<br />

einer Seele wob sich eine Halskette, die sich um ihren Nacken legte<br />

und kurz darauf zu pulsieren begann.<br />

„Eine Seele....Hexenmeister, du schenkst mir eine Seele. Wenn du es<br />

wirklich derartig ernst meinst, werde ich mit dir kommen.“ antwortete<br />

sie nickend.<br />

„Dann streck dein Bein aus und lass mich sehen, was dich plagt.“ wies<br />

der Hexer die Dämonin an, die diesem Befehl sofort folgte.<br />

<strong>Die</strong> großen, grünen Hände des Hexers wanderten über ihr Knie,<br />

schienen den Grund für ihre Pein zu ertasten versuchen. Dann erhob er<br />

sich und reichte ihr eine Hand.<br />

„Nichts gebrochen oder sonst wie schlimm verletzt. Das Bein wird<br />

heilen, wenn du ihm Zeit gibst.“ schlussfolgerte der Hexenmeister und<br />

- 60 -


griff der Sukkubi kurzerhand unter die Schulter, stützte sie den Weg bis<br />

aus dem Koven heraus.<br />

„Wie du meinst, Meister.“ antwortete sie, mit jedem Moment immer<br />

mehr dem Hexenmeister verfallend, um bereits nach wenigen Minuten<br />

jegliche Erinnerung an die Legion und ihre <strong>Die</strong>nerschaft in eben jener<br />

völlig vergessen zu haben.<br />

- 61 -


Kapitel 11 <strong>–</strong> Im Dschungel<br />

Der Geruch von frisch gefangenem Fisch, das Knarzen von<br />

Holzplanken, Flattern von Segeln, eine steife Brise, die durch die Bucht<br />

zog und die Unterhaltungen, Beschimpfungen, Flüche und Schreie auf<br />

die weite See trug, während das Schiff langsam festmachte und die<br />

zur Gangway improvisierte Plankenkonstruktion herüber gehievt<br />

wurde.<br />

Booty Bay. Ein Heimathafen für Piraten und alles mögliche andere<br />

Gesindel, von dem ein ehrlicher Geschäftsmann in etwa so weit<br />

entfernt war wie eine Portion Aas Surprise von einem delikaten<br />

Mittagessen.<br />

Mit reichlich zitternden Knien wackelte Braunpelz von dem Schiff<br />

herunter. Ihre große Taurennase war leicht grünlich verfärbt, während<br />

ihr hagerer Begleiter keine derartigen Anzeichen an sich hatte.<br />

„Erst dieses Geschrei von Spinnen und dann auch noch diese<br />

Seefahrerkrankheit. Mann, du bist wirklich nicht sonderlich robust<br />

gebaut.“ bemerkte Teborasque, sie noch einmal musternd. Dann<br />

bemerkte er, wie überaus unpassend diese Feststellung war. Eine<br />

Taurin als ‚nicht robust’ zu bezeichnen....ähem....was waren dann<br />

Elfen? Daran gemessen müssten die ja in der Mitte durchbrechen.<br />

Aber nee...das war nen anderes Thema.<br />

„<strong>Die</strong>ses ständige...Schwanken. Ich bin für die Natur gebaut. Für den<br />

festen Boden.....nicht für so etwas....“ konterte die Druidin und sah sich<br />

um. Wenigstens war sie nun von halbwegs festen Holzplanken<br />

umgeben. Wenngleich auch einige davon unter ihren Hufen<br />

beängstigend knarzten und knackten.<br />

„Du hast Schiss vor Spinnen, also ist es logischer, hier etwas zu<br />

unternehmen. Im Schlingendorntal gibt’s keine Spinnen. Zumindest hat<br />

man mir das erzählt.“<br />

„Hoffen wir das stimmt...“ brummte Braunpelz und sah sich weiter um.<br />

Piratenzubehör. Interessant...doch leider nichts Schönes aus Leder.<br />

Dafür hatte der örtliche Händler einige nette Rezepte für sie im<br />

Angebot. Und siehe da: Der Goblin dort wollte sogar einige<br />

Goldmünzen loswerden. Allerdings nur gegen Häute von einigen<br />

speziellen Krokolisten.<br />

Krokolisken...na ja...wenigstens keine Spinnen....<br />

- 62 -


Unterdessen....irgendwo mitten im wirbelnden Nether....<br />

„Und ich sag es dir noch mal: Wir sollten uns wehren! Wenn du und ich<br />

zusammen in die Welt der Sterblichen gehen würden, könnten wir ihn<br />

locker unterjochen!“ zischte Jubtuk.<br />

„Ach lass ihn doch. Er ist Herr. Er sorgt für uns. Er hat uns vor der Legion<br />

bewahrt und uns vor dem Tod gerettet. Unser Ende bei der<br />

Brennenden Legion wäre viel schlimmer.“ antwortete der Leerwandler<br />

mit übertrieben langgezogenen Worten und sehr langsamer Stimme.<br />

„Hathmon du hohler Kessel. Hast du zu viele Schläge auf deine breite<br />

Rübe bekommen oder wieso willst du die Tatsachen nicht erkennen?<br />

Der Kerl versklavt uns! Wir sind nur seine räudigen <strong>Die</strong>ner, gerade gut<br />

genug für die Drecksarbeit!“<br />

„Der Herr wird gut für uns sorgen. Der Herr gibt uns ein sicheres Zuhause<br />

und ruft uns nur, wenn er uns braucht.“<br />

„Wenn er uns braucht!“ spottete der kleine Wichtel. „Der Kerl nutzt uns<br />

aus! Ohne uns wäre er doch ein Nichts!“<br />

„Wenn er ein Nichts wäre, dann wären wir jetzt nicht hier....“<br />

antwortete der Leerwandler erneut und schwebte zu einer silbrig<br />

schillernden Wasserquelle hin, um seinen Durst zu stillen.<br />

Ein leichtes Beben ging durch den wirbelnden Nether um sie herum.<br />

Nebel zog sich zu einer Wolke zusammen und wurde langsam dichter.<br />

Grob konnte man die Umrisse <strong>eines</strong> anderen Dämons erkennen....<br />

„Sieh mal einer an <strong>–</strong> da kommt ein neuer Besucher. Ein weiterer<br />

Teilnehmer an unserer Party!“ zischte Jubtuk und sprang wild auf die<br />

Nebelgebilde zu, die sich nun auflösten und den Blick auf den neuen<br />

Dämonen freigaben.<br />

„Ein Sukkubus! Na sieh mal einer an <strong>–</strong> jetzt kriegen wir hier auch noch<br />

so ein schönes Mitglied für unseren Club der Unterjochten!“ jubelte der<br />

Wichtel und hüpfte vor der Dämonin hin und her.<br />

„Gestatten <strong>–</strong> Jubtuk mein Name. Ich bin hier der Kopf des ganzen, der<br />

Chef sozusagen. Aber für dich bin ich gern der kleine Jubbi.“ sachte er<br />

lächelnd und blieb dann, die Dämonin anlächelnd, vor ihr stehen.<br />

- 63 -


<strong>Die</strong> Dämonin blickte nach unten zu dem Wichtel, hob dann die Nase,<br />

ein Bein und verpasste dem kleinen kurz darauf einen Tritt, der selbigen<br />

einige Meter weg und dann gegen eine vorher unsichtbare Wand<br />

donnern ließ, von der er langsam herunter tropfte und auf der Stirn<br />

aufschlug.<br />

„Fierneri für dich. Und ich bin nur meinem Geliebten verfallen. <strong>Die</strong>ser<br />

liebreizende Orchexenmeister, der mich aus den tödlichen Fängen<br />

der Legion gerettet hat. Mein schwarzes Herz gehört nur ihm. Und du<br />

Wicht bleibst mir von der Pelle, verstanden?“ zischte sie und ging dann<br />

langsam auf die Quelle zu, aus der sich auch Hathmon bediente.<br />

Jubtuk hingegen rappelte sich auf und befühlte seinen Kopf. Er spürte<br />

eindeutig, wie ihm ein drittes Horn wuchs...außerdem würde sich der<br />

Hufabdruck auf seinem Hinterteil sicher nicht sonderlich gut machen...<br />

Sukkubi....er hätte wissen müssten, das einige von diesen verdammten<br />

Verführerinnen so stur und beharrlich waren....<br />

...und dabei so wunderschön. Doch dieser neunfach verfluchte Orc.<br />

Irgendwann würde die Zeit kommen, zu der Jubtuk derjenige welcher<br />

wäre.....ja....bald schon!<br />

Mittlerweile war es auch im Dschungel dunkel geworden. <strong>Die</strong><br />

Krokolisken waren erlegt und ihre ledrige Haut abgezogen. Nun<br />

brannte ein kl<strong>eines</strong> Feuer mitten in einer Lichtung. <strong>Die</strong> wenigen Tiger<br />

und Panther, die umherstreiften wären gerne auf die beiden<br />

losgegangen, doch einerseits beeindruckte sie die Aura der Druidin<br />

genug, um sie als einen Teil der Natur zu akzeptieren, andererseits<br />

wusste der Begleiter von Teborasque hervorragend sein Revier <strong>–</strong> einen<br />

Umkreis von hundert Metern um die beiden Zweibeiner herum <strong>–</strong> zu<br />

behaupten. Der einzige Tiger, der dumm genug war, näher heran zu<br />

kommen, hatte die Krallen des kampferprobten Geparden, kombiniert<br />

mit zwei festen Bissen und kurz darauf noch einen Pfeil in seiner Seite<br />

spüren dürfen. Das war vor gut zwei Stunden gewesen....<br />

....jetzt erinnerte nur noch das abgezogene Fell und das über dem<br />

Feuer brutzelnde Tigerfleisch an die Dummheit. Swift hatte seinerseits<br />

den größten Teil abbekommen <strong>–</strong> beide Hinterkeulen <strong>–</strong> und knabberte<br />

darauf herum, warf den sich annähernden Tigern dabei einen<br />

demonstrativen Blick zu. Allein diese Tatsache reichte schon, um<br />

jegliche Tiger im Umkreis die Flucht ergreifen zu lassen.<br />

- 64 -


„Der Dschungel hier ist angenehm. So...alt und unberührt.“ stellte<br />

Braunpelz fest, die Kräuter in ihrer Hand betrachtend, um kurz darauf<br />

von jedem Stängel jeweils ein Blatt abzureißen, es zwischen den<br />

Fingern zu zerdrücken und daran zu schnuppern.<br />

„Und Kräuter wachsen hier...in Hülle und Fülle.“<br />

„Es ist das Land meiner Vorfahren und Verwandten.“ brummte<br />

Teborasque, in seine Bastelei vertieft.<br />

„So?“ fragte die Taurin verwundert. „Stimmt, ich meine an einigen<br />

Stellen Speere und Pfeile trollischer Machart gesehen zu haben. Deine<br />

Verwandten also?“<br />

„Ferne Verwandte. Und keine netten. Eine lange <strong>Geschichte</strong> rund um<br />

Macht, Krieg, Treue, Verrat und falsche Götter.“ brummte er, blickte<br />

dann in seine Tasche und murmelte etwas vor sich hin.<br />

„Klingt ja nicht unbedingt sehr erfreulich. Aber sag mal <strong>–</strong> was treibst du<br />

denn da?“<br />

Teborasque reagierte zuerst nicht, wühlte seine Tasche einmal quer<br />

durch. Dann grinste er und zog eine kleine, unscheinbare<br />

Eisenschraube aus der Tasche heraus.<br />

„Gefunden.“ sagte er triumphierend. Erst dann sah er zu der Taurin.<br />

„Der Bogen ist hinüber. Einfach in der Mitte durchgebrochen. Aber das<br />

hier ist besser als jeder Bogen. Eine Flinte....und nicht irgendeine. Ich<br />

muss nur noch die eine Schraube hier einsetzen und dann zeige ich dir<br />

mal, was ich meine.“ orakelte der Jäger mit einem Grinsen, das immer<br />

breiter wurde.<br />

Einige Momente später war die Flinte auch schon fertig zusammen<br />

gesetzt und wartete geradezu auf den ersten Test. Schnell lud der Troll<br />

die Flinte und zeigte demonstrativ auf einen weit entfernten Stein.<br />

„Jetzt sieh mal zu: Mit einem Schuss kann ich problemlos diesen Stein<br />

da spalten. Drei, zwei, eins, Feuer!“<br />

*BUMM*<br />

Ein mächtiger Knall scheuchte im Umkreis von zwei Meilen die Vögel<br />

aus den Bäumen und ließ die wenigen Panther, die sich wenigstens<br />

auf die hundert Meter angenähert hatten, panisch die Flucht<br />

ergreifen. Alles war in dichten, schwarzgrauen Rauch gehüllt, der sich<br />

nur langsam lichtete.<br />

Braunpelz hustete und wedelte mit beiden Händen, sah dann zu<br />

Teborasque herüber, der noch immer in gleicher Position stand, wie<br />

gerade, als er die Flinte abgefeuert hatte. Sein Gesicht war schwarz<br />

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vor Ruß, der metallene Lauf gesplittert und aufgefächert wie eine<br />

Palme. Ein einzelner Huster entglitt dem Trollgesicht, dann sah er zu der<br />

Taurin, hob die Schultern und grinste die verschreckte Druidin mit<br />

seinem schwarzen Gesicht an.<br />

„Naja...es besteht wohl noch Optimierungsbedarf denke ich.<br />

Goblintechnologie eben.“<br />

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Kapitel 12 <strong>–</strong> Abgetaucht<br />

Eine ungewöhnliche Ruhe durchdrang die Träume der Druidin seit den<br />

letzten Tagen und Wochen. Vorbei waren die ständigen Lektionen, die<br />

Gespräche mit ihrem Lehrmeister, der ihr so vertraut schien und den sie<br />

dennoch niemals wirklich gesehen hatte. Ausgerechnet diese dichte<br />

Umgebung hier im Dschungel, so fern von ihrem eigentlichen<br />

Heimatland, ließ ihre Gedanken, ihre Sinne auf eine Reise gehen, die<br />

in die Unendlichkeit reichten. Immer wieder sah sie den Dschungel aus<br />

den verschiedensten Augen <strong>–</strong> einmal mit den Augen <strong>eines</strong> bulligen,<br />

starken Bären, dann aus denen einer flinken, schlanken Katze. Ein<br />

weiteres Mal dann schmeckte sie Wasser zwischen ihren Lippen,<br />

konnte ihre Art jedoch nicht genauer deuten. Erst als die<br />

Wasseroberfläche in Sicht kam, erkannte sie ihre wahre Gestalt.<br />

Sie erkannte, dass sie sich mit vielen Elementen verbinden konnte.<br />

Elementen, die ihr gehorchen konnten, Elemente, mit denen sie sich<br />

verschmelzen konnte und die ein Teil von ihr waren. Teile dieser Welt,<br />

Teile dieses Lebens.<br />

Sie kannte Aspekte. Sie spürte eine wundersame Verbundenheit mit<br />

der Natur, wie die Energien sie durchflossen. Sie spürte, dass mehr in ihr<br />

steckte, als sie bereits nutzte.<br />

Mit einem Mal richtete sie sich auf, erschrak darüber, als ihr Gesicht<br />

feucht war. Dann sah sie neben sich und erkannte den Geparden<br />

Swift, der zurückgewichen war und sie nun aus seinen felinen Augen<br />

neugierig ansah.<br />

„Guten Morgen kleiner.“ flüsterte sie dem Geparden zu. Der sah sie<br />

überrascht an, senkte seinen Kopf und wendete sich dann um, lief<br />

rasch fort.<br />

Es war noch früh. <strong>Die</strong> Sonne begann erst langsam, aus dem Meer<br />

aufzutauchen und blickte erst zwei Finger breit über die<br />

Wasseroberfläche, tauchte den Dschungel in ein orangefarbenes<br />

Dämmerlicht. Teborasque schlief noch tief und fest, würde sicher erst<br />

in ein oder zwei Stunden aufwachen.<br />

<strong>Die</strong> perfekte Gelegenheit für die Druidin, ihren Traum einmal in<br />

Wirklichkeit zu wandeln. Einen Versuch war es zumindest wert. Wieder<br />

sah sie Swift nach, jenem Geparden, der gerade mit großen Sprüngen<br />

weggelaufen und dann nach einigen Dutzend Schritten stehen<br />

geblieben war, um zurück zur Taurin zu blicken.<br />

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Braunpelz nickte sachte, schloss ihre Augen und machte einen großen<br />

Schritt auf den Geparden zu. Dann begann sie zu rennen und riss den<br />

Kopf nach oben, warf ihn in den Nacken.<br />

Wie ein Schlag traf es sie. Sie strauchelte, stürzte nach vorn und reckte<br />

ihre Hände nach vorn, bereit, ihren Sturz abzufangen. Doch sie stürzte<br />

nicht zu Boden, landete ohne Schmerz und ohne unangenehmes<br />

Gefühl auf den Händen, machte einen weiten Sprung nach vorn. Erst<br />

jetzt öffnete sie ihre vorher instinktiv zugekniffenen Augen. Ihr Blick war<br />

scharf und gradlinig, wanderte zu ihren Händen.<br />

Helles, goldenes Fell, durchsetzt mit schwarzen Punkten bedeckte ihre<br />

Hände. Sie erschrak kurz, genoss eine Sekunde später aber schon<br />

dieses Gefühl....<br />

....sie fühlte eine Kraft in sich...eine Macht...die Gewissheit, ihre<br />

animalische Seite nicht nur im Traum, sondern auch in der Wirklichkeit<br />

bewusst steuern zu können. Ohne Worte, ohne Anstrengung.<br />

Ihr Blick fiel auf den Geparden, der sie nun noch interessierter als<br />

vorher anblickte.<br />

„Druidin. Es freut mich, das du mir auf der morgendlichen Jagd<br />

Gesellschaft leisten willst.“ sagte der Gepard zu ihr. Das<br />

Ungewöhnliche: Sie verstand diese Worte klar aus dem, was für jeden<br />

anderen (Teborasque ausgenommen, den ein besonderes Band mit<br />

seinem Gefährten verband) nur ein leises quieken oder Knurren<br />

gewesen wäre. Dann nickte sie und sprang neben den Geparden.<br />

Rasch wollte Swift losstürmen, wurde dann aber von der felinen Taurin<br />

kurz aufgehalten.<br />

Ein leicht grünlicher Schimmer legte sich über die rechte Tatze der<br />

Druidin, während sie ein paar Worte vor sich her flüsterte. Dann hob sie<br />

ihre Pfote und legte sie Swift auf die Stirn.<br />

„Wir sind beide ein Teil der Wildnis. <strong>Die</strong> Wildnis ist ein Teil von uns. Trage<br />

ihr Mal und ihre Kraft.“ flüsterte sie, während sie einmal kräftig zu<br />

drückte. Ein leicht lilanes Schimmern glühte auf der Stirn des<br />

Geparden, bildete dort einen schwachen Pfotenabdruck, der dann<br />

langsam im Fell versank und verschwand. Sein Körper jedoch zitterte<br />

kurz und fühlte sich kurz darauf erheblich stärker an.<br />

„Ich danke dir für den Segen der Natur, Druidin. Nun komm <strong>–</strong> das Wild<br />

wird nicht auf uns warten.“<br />

Trolle...die und ihre dämlichen Ideen.<br />

- 68 -


Vadarassar grummelte. Der Troll hier am Pier, s<strong>eines</strong> Zeichens Fischer,<br />

hatte Schiss vor ein paar übergroßen Krabben und anderem<br />

Viehzeugs unterhalb der Wasseroberfläche und wollte deswegen<br />

seine Körbe nicht selbst leeren. Und die Fische, die Bwalkazz und er für<br />

den Tauren besorgen wollten, würde er nur gegen die Krabben aus<br />

seinen Unterwasserfallen tauschen.<br />

„So ein verdammter Feigling! Kaum zu glauben, das die zur Horde<br />

gehören!“ fluchte Vadarassar. Tauchen machte ihm eigentlich kein<br />

Problem. Doch Wasser...es würde wieder Stunden dauern, seine Robe<br />

zu trocknen.<br />

„Mach dir nicht ins Oberhemd, Orc. Du wirst dich schon nicht erkälten.<br />

Jedenfalls nicht direkt.“ witzelte der Untote Magier, auf das Wasser zu<br />

gehend.<br />

Vadarassar grummelte, legte dann seine Robe zusammen und nahm<br />

stattdessen eine Tunika, die er sich überzog. Wenn schon nass werden,<br />

dann wollte er wenigstens nicht in so einem riesigen Sack hängen, der<br />

ihn noch weiter runter sog. Noch immer in seine Flüche vertieft sprach<br />

er einen Zauber, der ihm einen Schleier aus Luft um Mund und Nase<br />

entstehen ließ. Dann sah er zu dem Magier, der nur eine Hand hob<br />

und ablehnend abwiegelte.<br />

„Ich habe meinen Atem zusammen mit den meisten meiner Organe<br />

im Sarg gelassen. Behalt deinen Zauberspruch für dich.“<br />

Dann verschwand der Magier schon mit dem Kopf unter Wasser.<br />

Tatsächlich stieg keine einzige Luftblase von dem Untoten auf,<br />

während dieser einfach das Ufer entlang nach unten ging und immer<br />

tiefer gelangte. Vadarassar grummelte noch einige finstere Worte zum<br />

Thema Untote, deren Stolz, und die Tatsache, das wohl die Maden im<br />

Kopf des Magiers sterben und damit seinem Verstand nachhaltigen<br />

Schaden bereiten würden, sprang dann aber doch ins eiskalte Nass.<br />

Teborasque staunte nicht schlecht, als er aufwachte und mit einem<br />

Mal zwei Geparden vor sich sah. Den einen erkannte er klar und<br />

deutlich <strong>–</strong> Swift, sein getreuer Begleiter. Doch der andere Gepard...die<br />

Augen waren so leuchtend braun und ganz und gar nicht katzenhaft.<br />

Dann richtete sich die Katze auf, verlor mit einem Augenschlag das<br />

gelbe Fell und stand auf zwei großen Hufen direkt vor ihm.<br />

„Boah, Mann. Ich wusste ja, dass ihr Druiden irgendwelche Tierzauber<br />

drauf habt. Aber das gerade war krass. Dachte schon Swift hätte sich<br />

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eine schmucke Gefährtin geschnappt.“ sagte Teborasque grinsend,<br />

sah dann zu seinem Begleiter und stupste diesen mit einer Hand an.<br />

Der Gepard erwiderte den Knuff auf seine Art, machte einen leinen<br />

Satz nach vorn, warf den gerade in Sitzposition aufgerichteten Troll auf<br />

den Rücken um und drückte seinen Kopf gegen das lange,<br />

hauerbesetzte Gesicht des Trolls.<br />

„Na dann wollen wir mal essen. Und danach sehen wir uns mal das<br />

Hordenlager dort an. Da soll ein Cousin von mir leben.“ erklärte<br />

Teborasque und betrachtete sich noch einmal kurz anerkennend die<br />

Beute, die dort vor ihm lag.<br />

„Boah Mann. Was geht denn da unten ab?!“ rief ein Troll, der auf dem<br />

Pier stand und nach unten starrte. Schnell kamen noch andere<br />

angerannt und blickten unter das Holzkonstrukt am Stand.<br />

Das Meer blubberte, verfärbte sich stellenweise kräftig rot. Dann<br />

tauchten mehrere Riesenkrabben auf <strong>–</strong> teilweise zerrissen, verbrannt,<br />

erfroren oder schrecklich verunstaltet. Eine dieser Bestien schien sich<br />

unter höllischen Qualen in eine sehr ungesunde Position verdreht zu<br />

haben. Einer anderen fehlte die Hälfte ihres Kopfes, noch einer waren<br />

die Scheren einfach abgerissen worden. Mehreren Dutzend anderen<br />

fehlten die Augen und waren die Körper aufgeplatzt.<br />

„Ey Mann, ich glaube das sind die zwei Zauberkerle, die meine Körbe<br />

leeren sollten.“ meinte einer der gaffenden Trolle, sah dann zum Ufer,<br />

wie zwei Gestalten langsam aus dem Wasser stapften. Jeder von<br />

ihnen trug einen großen Korb auf dem Rücken <strong>–</strong> prall gefüllt mit<br />

Krabben.<br />

„Da haste, du Feigling.“ knurrte Vadarassar. „Reichen die für die<br />

Fische, die wir haben wollten?“<br />

„Ähh....also ich glaube....“<br />

„Den Rest kannst du gern selbst holen. Dort unten ist das Meer jetzt<br />

sauber.“ fuhr der Hexenmeister fort und schnupperte kurz. Der Geruch<br />

von verbranntem, verheertem und zerrissenem Fleisch drang ihm in die<br />

Nase. Dann blickte er an die Küste und sah überall die Kadaver herum<br />

schwimmen.<br />

„Und aufräumen könnt ihr auch mal. Der ganze Müll da lockt sonst nur<br />

andere Viecher an. Also <strong>–</strong> was ist mit den Fischen?“<br />

Noch immer blickte der Troll etwas fassungslos, griff dann aber an das<br />

Seil hinter sich und holte vier der extra großen Fische heraus.<br />

- 70 -


„Hier...zwei für jeden von euch....und...ähh...danke....“<br />

Vadarassar schnaubte.<br />

„Der ganze Stress für zwei dämliche Fische. Na ich hoffe die<br />

Belohnung, die sich dieser Taure einfallen lässt, war das ganze wert!“<br />

„Nicht immer so negativ.“ murmelte der Untote, seinen Kopf etwas<br />

schief haltend, um das noch immer heraus tröpfelnde Wasser etwas<br />

schneller laufen zu lassen. „Immerhin hatten wir beide mal unseren<br />

Spaß, oder nicht?“<br />

„Spaß? Also sich freiwillig und komplett nass machen finde ich nicht<br />

sehr spaßig.“<br />

„Stirb erst mal. Dann lernst du die kleinen Ärgernisse des Alltags als<br />

Spaß kennen.“<br />

„Habe ich nicht vor. Nicht so bald.“ knurrte Vadarassar den Magier<br />

an, während sie sich auf den Weg zurück zu diesem Tauren machte.<br />

„Ich auch nicht. Und doch ists passiert.“<br />

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Kapitel 13 <strong>–</strong> Murlocs und andere Nervensägen<br />

„Und du bist sicher, das dieses Ding nicht auch in die Luft fliegen<br />

wird?“ zweifelte Braunpelz, als sie den Troll mit einer weiterer seiner<br />

Basteleien beobachtete.<br />

„Ja Mann. Das Ding hier hat nichts, das irgendwie explosiv sein könnte.<br />

Nagut, die komprimierte Luft ist ziemlich stark, der kleine Energiekern<br />

hinten etwas instabil und das Glas habe ich aus einem<br />

Raketenwagen. Aber insgesamt sollte es eigentlich so funktionieren,<br />

wie ich es gedacht habe.“ erklärte der Troll schraubend, während die<br />

beiden am Strand hockten und auf die hoch stehende Sonne<br />

blickten. Wären nicht überall Krokolisken gewesen <strong>–</strong> das hier wäre der<br />

perfekte Strand für ein Sonnenbad gewesen. Jedoch trübten einerseits<br />

eben jene wandelnden Lederbeutel und dazu noch umherstreifende<br />

Allianzler die sonst idyllische Strandruhe etwas.<br />

Den Wachen von Grom’Gol schienen diese Störungen nicht mehr<br />

sonderlich viel auszumachen. Nur manchmal ging eine einige Schritte<br />

aus dem Lager, schwang einmal seine massive Axt und köpfte damit<br />

einen Krokolisken, um den Kadaver als Abschreckung in der Sonne<br />

braten zu lassen. <strong>Die</strong> übrigen Wachen <strong>–</strong> durchweg allesamt Trolle <strong>–</strong><br />

vergnügten sich mit Erzählungen von vergangenen Heldentaten,<br />

widmeten sich ihrem Mojo, spielten Karten oder erzählten einander<br />

schmutzige Witze. Ein Verhalten, das einen Kommandanten glatt zum<br />

Ausrasten gebracht hätte....doch der zog es vor, lieber ebenfalls in<br />

einer Hängematte liegend eine Siesta zu halten.<br />

<strong>Die</strong> schreckliche Horde. Monster und Scheusale, wie sie von den<br />

Menschen gern genannt wurden. Grausam und ohne irgendwelche<br />

Manieren. Wäre ein Mensch jetzt gerade in ihr Lager spaziert <strong>–</strong> man<br />

hätte ihm einfach eine Pfeife angeboten und gemeint, er „soll mal<br />

seine negativen Schwingungen los werden und etwas abchillen.“<br />

Traurigerweise <strong>–</strong> oder vielleicht auch glücklicherweise <strong>–</strong> war im<br />

Moment jedoch kein einziger von der Allianz zu sehen.<br />

„Sooo <strong>–</strong> fertig ist das schmucke Teil.“ kommentierte Teborasque und<br />

hielt seine neueste Errungenschaft demonstrativ vor seine Brust.<br />

„Ich bin beeindruckt.“ antwortete Braunpelz. „Nur....was ist es?“<br />

Tebo grummelte. „Banausin! Das hier, meine halbgebildete<br />

Druidenfreundin, ist ein Helm, mit dem ich unter Wasser atmen kann.<br />

Komplett und ohne Hilfsmittel!“<br />

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„Oh wie toll.“ murmelte Braunpelz und wackelte mit einer kleinen<br />

Phiole vor seiner Nase herum.<br />

„Schau mal <strong>–</strong> mit diesem Fläschchen hier erreichst du das gleiche. Und<br />

im Gegensatz zu deinen Basteleien fliegt es auch nicht in die Luft.“<br />

„Pff. Das war nur das Gewehr letztens.“<br />

„Und das danach. Und jedes vierte Munitionspaket. Und das<br />

mechanische Eichhörnchen, das du mir schenken wolltest. Und die<br />

Lampe. Und....“ begann sie aufzuzählen, wurde dann aber rasch<br />

unterbrochen.<br />

„Jaja, ist gut. Ich bin halt noch nicht so geübt. Aber hey: Wir sind beide<br />

noch ganz und gesund, oder?“<br />

„Aber nur, wenn man angesengtes Fell nicht zu Verletzungen zählt.“<br />

Endlich waren die Fische bei dem Tauren abgeliefert. Das dieser aber<br />

als einzige Belohnung mit irgendwelchen Munitionen und<br />

unbrauchbaren Stäben kommen wollte, hatte Vadarassar dann doch<br />

ein wenig verärgert.<br />

Kurz darauf war der Taure wild brüllend durch die kleine Siedlung<br />

gerannt, sich auf den Boden geworfen und hatte sich hin und her<br />

gerollt, um die Flammen, die er auf seinem Fell spürte, zu löschen.<br />

Doch da war kein Feuer....nur das Gefühl, er würde bei lebendigem<br />

Leibe brennen. Dann hatte er sich wieder aufgerappelt und war<br />

panisch in den Kodofriedhof hinein gelaufen und nach etwa fünf<br />

Minuten wieder zurück gerannt gekommen <strong>–</strong> drei große Geier im<br />

Schlepptau. Dann schließlich war er erschöpft in seinem Zelt<br />

zusammen gesunken und eingeschlafen.<br />

Während der Taure komplett fertig und erledigt in seinem Zelt lag,<br />

gönnte sich Vadarassar das, was er meinte, verdient zu haben. Als<br />

kl<strong>eines</strong> Dankeschön ließ er nur seine durchnässte Tunika zurück, trug<br />

wieder seine Robe und zählte auf dem Weg in Richtung Feralas die<br />

Goldmünzen in dem kleinen Lederbeutel durch.<br />

„Dein Anteil.“ brummte er den Magier an, der den ganzen Weg über<br />

kein Wort gesagt hatte.<br />

„Behalt das Gold.“ brummte Bwalkazz zurück. „Ich lege keinen Wert<br />

auf gestohlenes Gold.“<br />

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„Gestohlen? Pah <strong>–</strong> es gehört uns. Da springt man ins Meer, radiert<br />

diese Plagegeister aus, um diesem fetten Stück Fell eine Delikatesse zu<br />

besorgen...und dann will der Stier einen mit einem blöden Krückstock<br />

abspeisen. Geschieht ihm ganz Recht.“<br />

„Der Dolch, den er hatte, wäre mir genug gewesen.“ murmelte<br />

Bwalkazz leise.<br />

„Mit dem Gold hier kannst du dir einen besseren kaufen als diese Kuh<br />

hatte. Im Lager in Feralas gibt es einen guten Schmied.“<br />

„Gold. Gold. Für dich dreht sich alles nur um Gold. Was bringt dir Gold,<br />

wenn du tot bist frage ich dich.“<br />

„Auch Tote brauchen Gold. Wie man an dir sieht. Lieber reich und tot<br />

als arm und lebendig.“ rechtfertigte sich Vadarassar. „Und von<br />

irgendwelchen guten Taten werde ich nicht satt und meine Kleidung<br />

nicht frisch. Wenn die Bezahlung stimmt oder es meinem Zweck dient,<br />

dann gut. Aber sonst....“<br />

Bwalkazz schüttelte sich innerlich. Eine solche Einstellung wäre ihm<br />

früher so fremd gewesen wie nichts anderes. Gern hätte er gedacht<br />

wäre dies eine Neigung nur auf Seiten der Horde, doch hatte er<br />

ähnliches bereits bei einigen Wenigen auf Seiten der Menschen und<br />

Gnome miterlebt. Sie lebten lieber im Verborgenen, kleideten sich in<br />

dunklen Roben und sie umgab ständig eine durchweg böse Aura.<br />

Auch dieser Orc hier hatte einen Ansatz dieser Aura. Doch bei all<br />

seinem Gerede war diese schwarze Ausstrahlung nicht so stark wie bei<br />

vielen, die Bwalkazz in seinem früheren Leben bereits erlebt hatte. War<br />

es nur seine geschwundene Wahrnehmung, die mit seinem Körper<br />

ebenfalls verfallen war?<br />

Bwalkazz schwieg den restlichen Weg, ging etwas hinter dem<br />

Hexenmeister her und musterte den Orc währenddessen mit seinen<br />

glühenden Augen von oben bis unten.<br />

Zwei Murlocwachen schritten am Meeresboden vor der alten<br />

Steintafel hin und her, blickten einander ernst musternd an, legten ihre<br />

Speere dann auf die jeweils andere Schulter und schritten erneut<br />

aufeinander zu.<br />

Stets das gleiche Spiel. Dann aber sahen sie einen Schatten, der<br />

schnell auf sie zu schoss. Ein Wal? Nein...ein Seelöwe(?) donnerte auf<br />

- 74 -


sie zu, hielt knapp über ihnen, drehte drei Schrauben, stürmte dann<br />

auf sie zu und verpasste beiden einen kräftigen Klatscher mit der<br />

Hinterflosse.<br />

„Mistvieh! Wir dich töten werden!“ zischten die beiden und<br />

schwammen dem Seelöwen hinterher, ließen die vorher bewachte<br />

Tafel hinter sich zurück.<br />

Schnelle Flossenschläge brachten den Seelöwen schnell weit weg von<br />

den Murlocs. Doch nicht zu weit <strong>–</strong> gerade so, das sie noch in<br />

Sichtweite blieben. Wütend schleuderten sie ihre Speere durch das<br />

Wasser, denen der Seelöwe auf diese Distanz spielend ausweichte.<br />

Dann machte das Seetier kehrt, schoss wie ein Blitz auf die beiden zu<br />

und riss sie um, donnerte sie gegen die nächstbeste Wand, um kurz<br />

darauf erneut die Flucht zu ergreifen.<br />

Währenddessen blubberte es in der Nähe der Tafel. Ungesehen war<br />

Teborasque abgetaucht und stand nun hinter der Tafel, trennte zwei,<br />

drei, dann vier Scheiben von der Tafel ab. Kleinere Versionen der<br />

großen Tafel. Trolle waren faul <strong>–</strong> ständig Abschriften anzufertigen,<br />

wenn die große Tafel kaputt, verdreckt oder verloren war, scheuten<br />

sie. Stattdessen vergruben sie immer viele einzelne Abschriften direkt<br />

hinter dem großen Stein. So auch die Trolle, die einstmals hier gelebt<br />

haben musste. Wirklich einstmals....denn jetzt war diese ehemals so<br />

prachtvolle Stadt ziemlich tiefergelegt und feucht.<br />

Er hatte gerade die Tafeln eingepackt und schwamm mit kräftigen<br />

Zügen wieder der Oberfläche entgegen, als er die Murlocwachen, die<br />

vorher vor dieser Tafel gestanden hatte, mit böse verunstalteten<br />

Gesichtern, blutigen Nasen und dicken Augen zurückkehren sah. Ein<br />

Grinsen ging über sein Gesicht, war unter dem Helm jedoch kaum<br />

erkennbar.<br />

Ein lautes Klirren kündigte ihn schon in Grom’Gol an, als er die schwere<br />

Tasche abstellte und dann den Helm abzog. Swift war der Erste, der<br />

ihn begrüßte, auf Teborasque zu stürmte, ihn ansprang und so erst<br />

einmal wieder auf den Boden zwang. Ein kräftiges Knuffen, die<br />

katzenübliche Begrüßung und viele lieb gemeinte Flüche über diesen<br />

verschmusten Kater später konnte Teborasque endlich aufstehen und<br />

zum Lager gehen.<br />

Eben in diesem Moment sah er hinter sich einen Seelöwen Richtung<br />

Ufer schwimmen. Sein Kopf legte sich schief, wunderte er sich doch<br />

über die ungewöhnliche Halskette, die dieses Tier trug.<br />

- 75 -


Mit einem Mal sprang der Seelöwe aus dem Wasser heraus und auf<br />

Teborasque zu. Noch mitten im Flug umgaben jede Menge Luftblasen<br />

das Wesen, ließen den Körper blubbern und verdeckten, was wirklich<br />

vorging. Nur einen Augenblick später krachten zwei Hufe direkt vor<br />

Teborasque in den Sand und gerade einmal eine Nasenlänge von ihm<br />

entfernt sah er eine pitschnasse Taurin stehen.<br />

„Tadaa.“ rief Braunpelz, die Arme ausgebreitet und den Jäger<br />

angrinsend.<br />

„Ich bin beeindruckt.“ gestand der Jäger, nachdem er einen<br />

gehörigen Schritt nach hinten gemacht hatte. „Das du alleine mit den<br />

beiden Wachen fertig geworden bist....die sahen ziemlich stark aus.“<br />

„Pff...Wasser ist mein Element. Wasser ist Lebensspender. Das war<br />

wirklich keine Leistung. Hast du die Platten?“ fragte die Taurin, ihre<br />

Lederkleidung auswringend.<br />

Teborasque zeigte auf den Beutel hinter sich. „Alle da drin. Hab<br />

sicherheitshalber mal ein paar mehr eingepackt. Nur für den Fall der<br />

Fälle.“<br />

Braunpelz nickte. „Gut. Ich denke das wird deinen Cousin freuen.“<br />

Teborasque nickte, grinste breit und stellte sich schon die abendliche<br />

Party vor. Oh ja <strong>–</strong> Trolle wussten zu feiern. Ein Umstand, den die<br />

gesamte Horde genoss.<br />

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Kapitel 14 <strong>–</strong> Wiedersehen in der Wüste<br />

Einige Tage waren nun schon vergangen und die Druidin und der<br />

Jäger hatten sich in der Piratenstadt kurzerhand niedergelassen. Ein<br />

kurzer Moment des Nichtstuns, in der sie nur die Stimmung des<br />

Sonnendwendfestes genossen und über mehr als nur einen<br />

betrunkenen Goblin stolperten.<br />

Sie warteten eigentlich nur auf das Schiff, das sie wieder zurück nach<br />

Ratschet bringen sollte....doch eben dieses ließ nun schon seit drei<br />

Tagen auf sich warten. Aber Ungeduld war das Wenigste, was sie<br />

plagte.<br />

Zumindest Braunpelz nicht, die unten auf dem Kai hockte, einen Huf im<br />

Meer hängen hatte und wieder ihre Angel auswarf. Den einen oder<br />

anderen Fisch konnte sie für ein paar neue Trankrezepte, die sie von<br />

dem örtlichen Händler erstanden hatte, gut gebrauchen. Genauer<br />

gesagt: Das Öl und den Tran eben jener Fische. Doch im Moment<br />

bissen nicht einmal die Fische so richtig an. <strong>Die</strong> Stunden vergingen und<br />

ihre Tasche war noch immer nicht wirklich voll.<br />

Dann erschrak sie, spürte etwas Schweres an ihrer Angel und zog<br />

daran. Vergessen war die Trägheit, die gerade noch in ihr war.<br />

Stattdessen stand sie aufrecht und zog, dass sich ihre Angelrute bog,<br />

bis sie fast einen perfekten Kreis bildete.<br />

Es blubberte....ohje...hatte sie da vielleicht ein Seemonster<br />

rausgezogen? Wären irgendwelche Wachen nüchtern gewesen, sie<br />

hätte diese nun gerufen. Doch die lagen alle sturzbesoffen in der Ecke<br />

und brabbelten irgendwas von Kartoffelsalat...<br />

Dann brach das blubbernde Etwas durch die Oberfläche und<br />

Braunpelz erstarrte.<br />

Eine metallene Kugel, hinter deren vorderen Glasscheibe ein ihr nur zu<br />

gut bekannter Troll breit grinste.<br />

Wütend stampfte sie mit einem Huf auf, dass die Planken nur so<br />

krachten.<br />

„Och verdammt Tebo <strong>–</strong> du vertreibst die ganzen Fische!“ fluchte sie<br />

dem Troll entgegen.<br />

„Mhmm mhmhmmhmm mh hmm mhh mhh hmmm.“ entgegnete der<br />

Troll und stieg an einer der Strickleitern aus dem Wasser heraus.<br />

- 77 -


„Was? Mach doch mal die Scheibe auf oder setz dieses blöde Ding<br />

ab.“<br />

Teborasque tat, dies sogleich, nahm seinen Tieftauchhelm unter den<br />

einen Arm und blickte Braunpelz dann ernst an.<br />

„Ich sagte: ‚Da gibt es eh keine Fische mehr.’ Kein einziger<br />

Fischschwarm. Alles weg.“ übersetzte er sein vorheriges Kauderwelsch,<br />

griff in seine Tasche und ließ ein paar aufgebrochene Muscheln auf<br />

den Boden fallen.<br />

„Für dich, Kleiner.“ lächelte Teborasque und sah zu den Fässern<br />

herüber, hinter denen gut getarnt und im Schatten sein Begleiter lag,<br />

ihn einmal anblinzelte, dann auf die Muscheln schielte und die Augen<br />

demonstrativ wieder schloss.<br />

Teborasque zuckte mit den Schultern.<br />

„Bitte...dann schnapp dir halt gleich die Möwe, die das Zeug futtern<br />

will.“ gab er schließlich kleinbei.<br />

„Ich hörte ihr beide wollt zurück nach Kalimdor?“ hörten die beiden<br />

mit einem Mal eine Stimme hinter sich. Beide drehte sich um, sahen<br />

zuerst nichts, blickten dann nach unten.<br />

Ein Goblin <strong>–</strong> noch kleiner als jene, die man sonst kannte. Sein Helm<br />

zeigte, dass er offensichtlich Ingenieur war.<br />

„Scooty mein Name. Angenehm. Jaja...das Schiff wird die nächsten<br />

Tage nicht kommen. Irgendwo auf dem Meer auf Grund gelaufen.<br />

Unschöne Sache. Naja...ein Stück Gnomentechnologie eben. Dem<br />

kann man nicht vertrauen. Aber kommt <strong>–</strong> ich kann euch schneller<br />

nach Kalimdor bringen, als ihr euch vorstellen könnt. Und das zu einem<br />

unglaublich guten Preis.“<br />

Teborasque blickte interessiert während er den Ausführungen des<br />

Goblins folgte. <strong>Die</strong>ses Interesse konnte Braunpelz nicht wirklich teilen.<br />

Stattdessen sah sie eher etwas abfällig auf den kleinen grünen<br />

Giftzwerg hinab.<br />

Der indes war schon voraus marschiert und stand wenige Augenblicke<br />

später vor einem Gerät, das irgendwo zwischen Kleiderschrank,<br />

Riesenbarmixer und Duschkabine einzuordnen war.<br />

„Der Superduper-Blitz-Sofort-Materialisierer-Dematerialisierer. Er<br />

dematerialisiert euch, schießt euch durch das Nichts und SCHWUPPS<br />

seid ihr in Gadgetzan im schönen Tanaris.“<br />

- 78 -


„Und wo ist der Haken?“ fragte Braunpelz ganz frei heraus.<br />

Beim Anblick dieses...dieses....Dings stellten sich ihr sämtliche<br />

Nackenhaare auf. Und von denen hatte sie mehr als genug, sah dank<br />

dieser Eigenheit nun fast aus wie eine Löwin <strong>–</strong> na ja, zumindest der Hals<br />

sah so aus...<br />

„Haken? Kein Haken. Kostet jeden von euch lediglich zwei<br />

Goldmünzen. Und es könnte leichte Flecken auf dem Fell geben.<br />

Eventuell Haarausfall, in den seltensten Fällen eine elektrische<br />

Entladung und ganz ganz selten kommt es zu kleinen Komplikationen.<br />

Das System ist sicher....weitestgehend.“<br />

<strong>Die</strong> Nackenhaare standen nun nicht nur aufrecht, sie waren nun auch<br />

so steif wie die Stacheln <strong>eines</strong> Kaktus. Es fehlte nicht mehr viel und sie<br />

würde Fellspliss bekommen....<br />

„Weitestgehend....“ wiederholte sie langsam, bekam dann aber einen<br />

Knuff in die Seite, sah Tebo, der sie angrinste.<br />

„Junge, wir machen die Fahrt. Aber ein Angebot: Wir zahlen NACH<br />

Ankunft, wenn wir beide gesund sind.“<br />

Das jetzt brachte den Goblin etwas aus der Fassung. Man sah ihm an,<br />

wie er hin und her gerissen war. Einerseits wollte er keinen Zweifel an<br />

seinem Transporter aufkeimen lassen. Andererseits....das Gold....was,<br />

wenn sie ihn betrogen....<br />

„Ihr zahlt bei Ankunft direkt.“ brummte er etwas widerwillig.<br />

„WENN wir unverletzt ankommen.“ berichtigte ihn Braunpelz.<br />

Man hörte ein Knirschen, als würde ein ganzer Wald zusammen<br />

krachen. Tatsächlich waren es die Zähne des Goblins, der trotz seiner<br />

immer weiter absackenden Laune sein Lächeln aufrecht erhalten<br />

wollte.<br />

Es war ein Risiko...aber der Gewinn....aber das Risiko....ach quatsch!<br />

Gewinn war Gewinn!<br />

„Alles klar. Nur vortreten und hinein in das Maschinchen. Zwei<br />

Personen also, ja?“<br />

„Zwei und ein Kater.“ berichtigte Teborasque und pfiff schrill durch<br />

seine Hauer, woraufhin Swift träge anwatschelte.<br />

- 79 -


Einen Moment war der Goblin irritiert, sah er Federreste zwischen den<br />

Zähnen des Geparden und dann die scharfen Augen, die ihn<br />

augenblicklich fokussierten und anstarrten, als wäre er das Dessert.<br />

„Gut...also....sechs Gold dann....“<br />

„Bei unversehrter Ankunft.“ fügte Braunpelz erneut energisch hinzu.<br />

Wieder knirschte es hoch und ohrenbetäubend. Dann willigte der<br />

Goblin schließlich ein, stellte sich an die Bedienkonsole.<br />

„Augen zu <strong>–</strong> es geht los.“<br />

Es blitzte und zischte um die beiden herum. Dann wurde ihnen schwarz<br />

vor Augen, ein ohrenbetäubender Knall durchfuhr das Piratenkaff und<br />

ließ die besoffenen Wachen kurz aufblicken. Dann waren die drei<br />

weg.<br />

„Paladine. Wie sehr ich diese scheinheiligen Blechdosen hasse.“<br />

grummelte Vadarassar, stand er doch genau vor einem solchen<br />

Zwergpaladin, der seinen Hammer in die Luft erhob, um ihn kurz<br />

darauf auf den Hexenmeister niedergehen zu lassen. Und da sich<br />

Paladine bekanntlich allein gar nichts trauen, stand noch ein<br />

Nachtelfpriester direkt neben ihm, brabbelte etwas Unverständliches<br />

in seiner ganz eigenen Sprache.<br />

Ein Blitzen über dem Paladin und seinem Begleiter verkündete den<br />

nahenden Angriff. Bwalkazz und Vadarassar waren zu allem bereit,<br />

starrten die Dose und den Scheinheiligen (eigentlich waren ja beide<br />

scheinheilig <strong>–</strong> aber einen Paladin noch als Scheinheilig zu bezeichnen,<br />

hätte den Priester als Scheinheiligen noch weiter beleidigt...) an, als<br />

das Blitzen und Donnern über diesen beiden Allianzlern umso lauter<br />

wurde.<br />

Der Paladin schien von seiner eigenen Macht überrascht, blickte kurz<br />

zum Himmel....<br />

...und sah nur noch einen Huf, der ihn kurz darauf auf der Stirn traf und<br />

zu Boden schickte. Der Priester erschrak, wollte sich selbst in Sicherheit<br />

bringen, wurde kurz darauf aber von einem, in festes, mit Metallketten<br />

verstärktes Leder gehüllten Troll ebenfalls auf den Boden genagelt.<br />

„Der Zauber ist mir neu. Seit wann beherrschen denn Paladine dieser<br />

Riege Beschwörungszauber, um Hordler zu rufen?“ meinte Bwalkazz<br />

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verblüfft und sah die drei an, die gerade aus allen Wolken gefallen<br />

waren.<br />

„Bist....du in Ordnung?“ fragte Teborasque, der sich aufrappelte und<br />

wunderte, was so seltsam weich unter ihm war.<br />

„Ich...glaube ja. Ich bin auf irgendetwas Weichem gelandet.<br />

Irgendeine Dose...“ meinte Braunpelz, griff unter sich und brachte ein<br />

flach gedrücktes Stück Eisenblech zum Vorschein, das wohl<br />

irgendwann vorher ein Helm gewesen war.<br />

Erschrocken sprang sie auf und stand dann neben dem Zwerg, den sie<br />

mit ihrem Gewicht schlichtweg in den Boden geschmettert hatte. Nur<br />

der Kopf guckte noch heraus, wies aber einen großen Hufabdruck auf,<br />

der von Stirn bis über beide Augen ging. <strong>Die</strong> vielen weißen Steinchen<br />

rund um den Kopf waren ganz offensichtlich die Zähne des<br />

Zwergpaladins.<br />

Teborasques Polster hatte es nur wenig besser erwischt. Am Boden war<br />

noch der Umriss <strong>eines</strong> Nachtelfen <strong>–</strong> mehr jedoch nicht mehr.<br />

Während die beiden sich freuten, endlich halbwegs dort zu sein, wo<br />

sie sein wollten und dazu noch relativ gesund waren, stand<br />

Vadarassar mit verschränkten Armen und ärgerlicher Mine vor den<br />

beiden.<br />

„Jetzt habt ihr beiden mir den ganzen Spaß versaut. Und das, wo so<br />

dämliche Paladine doch so schwer zu finden sind.“ brummte er die<br />

beiden an. Doch die reagierten erst nicht, sahen sich um.<br />

Das hier war nicht Tanaris. Das war doch noch Tausend Nadeln...<br />

...ja...bei der Rennbahn, von der man in dem Piratennest schon gehört<br />

hatte.<br />

„Das wär’s dann wohl mit Bezahlen gewesen.“ meinte Braunpelz und<br />

klopfte zwei der Zähne aus ihrem Lederkilt heraus.<br />

„Und wieder Gold gespart.“<br />

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Kapitel 15 <strong>–</strong> Im Sande verlaufen<br />

„Neuigkeiten von den dämlichen Goblins?“ fragte der Räuberchef<br />

einen seiner Schleicher, der gerade aus der Nähe von Gadgetzan zu<br />

ihm gekommen war.<br />

„Alles ruhig. <strong>Die</strong> dämlichen Grünlinge trauen sich nicht an uns ran.“<br />

spottete der Schleicher, zog seine Maske wieder fester über den Mund<br />

und verbarg so sein breites Grinsen.<br />

„Hervorragend. Dann werden wir bald weitere Wasserqu....geht es dir<br />

nicht gut?“ fragte der Chef verunsichert. Sein Schleicher, gerade noch<br />

so schadenfroh, krümmte sich mit einem Mal. <strong>Die</strong> Gesichtszüge des<br />

menschlichen Räubers entgleisten und er versuchte einen<br />

Schmerzenschrei auszustoßen. Doch selbst das wurde durch die<br />

immensen Krämpfe, die seinen Körper durchzogen, verhindert. Dann<br />

sackte der Körper langsam auf den Boden, die Haut verging mit<br />

einem schwärzlichen Glimmen, ließ nur verbrannte Kruste zurück,<br />

während die Augen aus dem Schädel hervor traten, der Mund weit<br />

aufgerissen und ohne Lippen die wenigen gesunden Zähne, die der<br />

Schurke noch besessen hatte, offen legte. Ein letzter Atemzug noch,<br />

dann lag der Schleicher tot vor seinem ehemaligen Chef.<br />

Der sah sich panisch um. Wer....wer war hierfür verantwortlich?<br />

Endlich erblickte er den vermeintlich Verantwortlichen für die Qualen<br />

s<strong>eines</strong> Kollegen: Ein Hexenmeister, den magiestoffgewebten Turban<br />

fest um den Kopf gewickelt, war der Schuldige an diesem<br />

Verbrechen.<br />

„Leute! Zu mir! Wir werden angegri....“ schrie er noch, wurde dann<br />

aber von etwas hinter sich unterbrochen und zu Boden gerissen.<br />

Sein Blick gefror in einem Gemisch aus Panik und Horror, sah er dort<br />

einen Löwen mit Stierhörnern stehen, der gerade seine Krallen in seine<br />

Beine gerammt hatte. Immer wieder rasten die kräftigen Tatzen auf<br />

seinen Körper zu, rissen mit jedem Schlag ein Stück Fleisch aus dem<br />

Körper des Schurken. Doch der Schrei hatte zumindest eine Kleinigkeit<br />

gebracht: Fünf weitere Wüstenräuber stürmten auf ihn zu, die Waffen<br />

hoch erhoben.<br />

Dann wurde es eiskalt um ihn herum. Er sah zum Himmel, sah zuerst<br />

keinen Grund dafür <strong>–</strong> abgesehen von einer winzigkleinen schwarzen<br />

Wolke direkt über ihm. Doch mit jedem Blinzeln wurde die Wolke<br />

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größer, bis sie schließlich einen Durchmesser von mehreren Metern<br />

erreichte und dann ihre eiskalte Ladung über ihm entlud.<br />

Eispfeile, messerscharf wie tausend Klingen, schnitten sich durch seinen<br />

Oberkörper. Verwundert sah er zu, wie jede dieser Klingen dem Löwen<br />

auswichen, als hätten sie eine eigene Intelligenz und wollten ihm nicht<br />

schaden. Drei seiner Kollegen wurden ebenfalls getroffen, stockten in<br />

ihrer Bewegung und rieben die Hände aneinander, begannen am<br />

ganzen Körper zu zittern.<br />

Ein lauter Knall durchschnitt die Luft. Wieder ging sein Blick umher,<br />

dann sah er, wie einer der anderen beiden, dem ein Stück vom Kopf<br />

fehlte, zusammensackte und leblos liegen blieb. Der andere war<br />

ebenfalls zu Boden gerissen worden, wehrte sich verzweifelt gegen<br />

einen Geparden, der zum Nackenbiss angesetzt hatte.<br />

Wer....wer war das denn alles? Er suchte noch nach einer Erklärung,<br />

fand aber keine mehr, als ihm ein kräftiger Biss des Löwen schließlich<br />

die letzte Lebenskraft nahm und er selbst tot zusammensackte.<br />

„Kurzes Vergnügen.“ brummte Vadarassar, langsam auf die Leichen<br />

zu gehend und dabei zu dem Löwen blickend. „Viel zu kurz. Wir hätten<br />

uns direkt mitten in die Gruppe werfen sollen, statt so zu schleichen.“<br />

„Was hast du denn? Wir haben gesiegt, die Goblins werden sich über<br />

eine zurückeroberte Wasserquelle freuen und uns entsprechend<br />

entlohnen. Und das Gold war doch, was du wolltest, oder irre ich<br />

mich?“ fragte Bwalkazz den Hexenmeister, der mittlerweile zu der<br />

zerstückelten Leiche des Aufsehers gegangen war und dessen Kopf<br />

mit dem Stiefel anstieß. Dann bückte er sich und griff sich den<br />

Rucksack des Menschen.<br />

Eine krallenbesetzte Pranke packte seinen Arm, zog sie kräftig vom<br />

Rucksack weg.<br />

„Deiner liegt da drüben. Der hier gehört mir, klar?“ fauchte die<br />

katzenhafte Stimme, die kurz darauf ihre Gestalt wechselte, der Hufe<br />

an den Hinterpfoten wuchsen und die nur Augenblicke später<br />

aufrecht vor Vadarassar stand.<br />

Überrascht, aber nicht so sehr, wie man vielleicht hätte denken<br />

können, sah er die Taurin an. Sein Blick traf ihren und hielt ihn für<br />

unendlich lang erscheinende Sekunden. Dann schließlich wandte er<br />

sich ab, ging zu dem verkrampft liegenden Kadaver, der halb<br />

zerflossen war und durchsuchte dessen Taschen und Rucksack,<br />

während die Druidin das gleiche mit dem ihrigen Opfer machte.<br />

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„<strong>Die</strong> Kleine hat sich verändert.“ brummte Vadarassar, als Bwalkazz an<br />

ihm vorbei ging, um seinerseits seine Opfer zu durchsuchen.<br />

„Da brennt ein Feuer in ihr, das vorher nicht da war. Interessant.“<br />

„Meinst du der Troll hat damit etwas zu tun?“ fragte der Magier, den<br />

Trolljäger beobachtend, der hinter einem Felsen her kam, seine Flinte<br />

nachlud und auf seinen felinen Gefährten zu ging, um ihm kurz darauf<br />

einen Brocken Fleisch hinzuwerfen.<br />

„Möglich. Ihre Kenntnisse des Voodoo sind bekannt. Zuzutrauen wäre<br />

es ihm.“<br />

„Da habt ihr.“ stieß Vadarassar aus und warf ein Bündel Wasserbeutel<br />

vor die Füße des Goblins. Ein Bündel, das so groß und dick war, das es<br />

den kleinen grünen Zwerg locker überragte.<br />

„<strong>Die</strong> Plage an dem Wasserfeld haben wir auch direkt mit beseitigt. In<br />

den nächsten Tagen ist dort Ruhe. Also <strong>–</strong> wo ist unser Gold?“<br />

Der Goblin blickte auf den Stapel Wasserbeutel und machte dann<br />

einen Schritt zur Seite, um den Hexenmeister wieder in den Blick zu<br />

bekommen.<br />

„Ahh...genügend Beutel. Sicher sicher. Das macht dann....wie viel war<br />

es noch gleich? Hmm....ja sicher <strong>–</strong> eine Goldmünze für jeden, richtig?“<br />

sagte der Goblin und griff in seine Tasche.<br />

„DREI Münzen Gold für jeden von uns. Und EINE pro zehn Beutel<br />

Wasser. Hier liegen fünfzig Beutel. Also ACHT Münzen für jeden.“ knurrte<br />

Vadarassar, seine Hände zu Fäusten ballend.<br />

„Bittesehr was? Aber nein...ich werde doch keine Acht Goldmünzen<br />

für jeden von euch bezahlen. Dann verdie....ähh....gehe ich ja<br />

leer....mhh....mache ich ja Minus! Nein, ich schlage vor ich gebe<br />

jedem von euch die drei Münzen und den Rest verge....“ begann er,<br />

sah dann dem Hexenmeister zu, wie dieser jemandem neben sich zu<br />

nickte.<br />

„Hey du süßer kleiner Goblin. Du bist ja sooo wunderbar reich, so<br />

gönnerhaft, so meisterhaft. Wieso bist du nur so ein kleiner<br />

Handlanger? Du solltest der Chef sein. Du solltest hier der Kopf vom<br />

ganzen sein.“ hauchte ihm eine Stimme ins Ohr.<br />

Der Goblin grinste.<br />

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„Ja! Jajajaja genau! Das stimmt. Ich verdiene eine Beförderung. Und<br />

ich bekomme sie, wenn ich diese Massen Wasser hier verkaufe und<br />

den Gewinn für mich kassiere!“ bestätigte er die Stimme. Dann fühlte<br />

er ein Streicheln auf seinen Schultern.<br />

„Dann willst du doch sicher nicht, das diese vier hier deinem Vorhaben<br />

im Weg stehen, oder? Immerhin haben sie die Wüstenräuber<br />

ausgeschaltet. Was, wenn sie mit dir das gleiche machen würden?“<br />

„Das...werden sie nicht....“ stotterte der Goblin mit einem Mal.<br />

„Dann...kommen die Wachen....“<br />

„Und werden auch niedergestreckt. So oder so wärst du schon tot.<br />

Doch es gibt einen Ausweg. Bezahle sie und sie werden gehen. Dann<br />

kannst du den Ruhm ganz für dich allein behalten. Das wäre doch<br />

etwas für dich, oder?“<br />

„Ja....das wäre....das wäre wunderbar...dann würde ich bestimmt<br />

befördert.“<br />

„Genau.“<br />

Jetzt nickte der Goblin, griff wieder in seine Tasche und holte vier<br />

kleine Beutel heraus, in die er jeweils acht Gold abgezählt steckte.<br />

„Hier...da habt ihr euer Gold. Angenehm, mit euch Geschäfte zu<br />

machen. Und jetzt entschuldigt mich <strong>–</strong> ich habe meinerseits Dinge zu<br />

erledigen.“ sagte er noch, packte dann den beeindruckend hohen<br />

Stapel Wasserbeutel und bugsierte sie in Richtung Auktionshaus. Ein<br />

entferntes Poltern verriet dem grinsenden Hexenmeister, das der<br />

Goblin dabei offensichtlich die eine oder andere Stufe übersehen<br />

hatte.<br />

„Trottel.“ flüsterte er noch und drehte sich dann zu seinen Begleitern<br />

um.<br />

„Was war das jetzt? Überredungskünste der pazifistischen Sorte sind<br />

nich deine Art Mann. Also <strong>–</strong> was hast du gemacht?“ fragte der<br />

Trolljäger und musterte den Hexenmeister von oben bis unten. Der<br />

jedoch grinste nur, hob dann seine Hand und strich Teborasque<br />

einmal über die Augen.<br />

„Sieh das Verborgene. Dann wirst du es erkennen.“<br />

Teborasque blinzelte, sah sich um. Dann sah er den Grund.<br />

Tatsache <strong>–</strong> nur ganz schwach sichtbar, halb durchlässig und ohne<br />

jede Magie zweifelsfrei unsichtbar stand ein Sukkubus neben dem<br />

Hexenmeister. <strong>Die</strong> Dämonin rückte gerade ihr Dekolleté wieder<br />

gerade und strich sich dann durch die Haare.<br />

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„Ahhh. Ne Verführerin also.“ grinste Teborasque und ging einen Schritt<br />

auf die unsichtbare Gestalt zu.<br />

„Ist sie noch zu haben? Ich hätte da nämlich noch das eine oder<br />

andere....“ lechzte der Troll, spürte als Antwort aber schnell die<br />

Peitsche des Dämons.<br />

„Mhh...dann eben nicht. Schwer zu kriegen deine Kleine.“ brummte<br />

Teborasque schelmisch, seine von der Peitsche getroffene Seite<br />

reibend. Dann sackte er seinen Goldbeutel ein und schwieg über alles<br />

Weitere. Nicht so jedoch Vadarassar. Denn der zog den Jäger ins<br />

Gasthaus hinein und sah ihn ernst an.<br />

„Was hast du mit Braunpelz angestellt? Oder wer ist die Kleine da<br />

draußen?“ brummte er auffordernd.<br />

Der Jäger gaffte den Hexer etwas fragend an. „Mann, ich hab keine<br />

Ahnung wovon du sprichst.“<br />

„Das da draußen.“ deutete Vada „<strong>Die</strong> Taurin da draußen ist nicht<br />

einmal mehr im Ansatz das, was Braunpelz beim letzten Mal war. <strong>Die</strong>se<br />

dort kann kämpfen und ist so etwas von sich selbst überzeugt wie<br />

kaum einer. Also sag schon: Was hast du gemacht <strong>–</strong> sonst geht es dir<br />

schlecht.“<br />

„Man bleib mal locker Junge.“ beruhigte der Jäger noch immer. „Du<br />

klingst ja fast so, als wärste in die Kleine verschossen gewesen. <strong>Die</strong> ist<br />

so, seit wir im Dschungel waren. Hat sich ein paar Tricks von meinem<br />

Kleinen abgeschaut.“<br />

„Dummkopf. Ein Gepard kann doch keinen Tauren unterrichten!“<br />

zischte Vadarassar.<br />

„Und wenn doch? Tiere haben viel mehr im Kopf als du glaubst.“<br />

grinste der Troll, wurde daraufhin von dem Hexer noch ein weiteres<br />

Mal gepackt, dann jedoch in einer Ecke fallen gelassen.<br />

„Mehr als du auf jeden Fall wie es scheint.“ brummte Vadarassar, der<br />

sich zum Gehen wandte.<br />

Teborasque indes grummelte seinerseits. <strong>Die</strong> Taurin hatte ihn mit ihrer<br />

Ruhe etwas angesteckt, doch noch immer konnte er diesen<br />

Hexenmeister nicht wirklich leiden. Irgendetwas Dunkles umgab<br />

ihn....etwas beängstigendes....<br />

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Kapitel 16 <strong>–</strong> Auf zum Krater<br />

„Herrje, ist das warm hier.“ ächzte Braunpelz, sich mit beiden Händen<br />

Luft zufächernd.<br />

„In solchen Momenten wünsche ich mir mein Fell weg. Herrje ist das<br />

heiß.“<br />

„Weiß gar nicht was du hast, Mann.“ antwortete Teborasque, ein<br />

breites Grinsen und eine dunkel getönte Brille auf der Nase tragend.<br />

Dunkelrote Gläser aus irgendwelchen Kristallen machten seine Sicht<br />

wirklich und tatsächlich rosarot. Doch das war nicht der Grund für sein<br />

Grinsen <strong>–</strong> er genoss dieses Klima offensichtlich.<br />

„Is doch nur etwas warm hier in der Wüste. Angenehm find ich.“<br />

„Was ihr Trolle alles so angenehm empfindet.“ brummte Vadarassar,<br />

sich mit einem Magiestoffverband den Schweiß aus dem Gesicht<br />

wischend.<br />

„Ich hoffe du weißt wenigstens, wo wir lang sollen. Ansonsten wird ich<br />

dich Gummiadler grillen, wenn uns die Vorräte ausgehen.“<br />

„Klar Mann. Immer Richtung Südwesten. Da geht es dann runter in die<br />

Region von Un’Goro. Und ab da beginnt der Krater und auch<br />

Dschungel. Sollte lustig werden.“<br />

Zwei ächzten, einer grinste. Nur von Bwalkazz war keine Bemerkung zu<br />

hören. Nicht einmal eine Beschwerde wegen der unerträglichen Hitze,<br />

die dank der erbarmungslos knallenden Sonne auf die vier<br />

niederbrannte.<br />

Mit einem lauten Seufzen sank schließlich Braunpelz nahe einem<br />

Kaktus zusammen und lüftete ihre Ledertunika. Dicke Schweißflecken<br />

hatten das Leder schon verfärbt und machten mit ihrem markant<br />

starken Geruch, der irgendwie an einen Kuhstall erinnerte, auch für<br />

blinde deutlich, das Tauren sehr wohl und ziemlich deutlich schwitzen<br />

konnten. Teborasque indes machte es sich auf einem Stein gemütlich,<br />

zog zwei Mithrilgehäuse aus seiner Basteltasche und hielt die Gehäuse<br />

so, das sie das Sonnenlicht möglichst gut in sein Gesicht reflektierten.<br />

„Einfach nur geniale Sonne Mann. Das wir so was nich in Sen’Jin<br />

haben....wirklich ein Jammer.“ murmelte er mit einem zufriedenen<br />

Grinsen und lehnte sich zurück.<br />

„Hier.“ sagte Bwalkazz dann doch endlich nach stundenlanger Stille<br />

und hielt den beiden jeweils einen Schlauch mit Wasser hin.<br />

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„Magisches Sprudelwasser. Das sollte euren Durst löschen.“<br />

Der Gedanke an fast siedendes Mineralwasser weckte in Vadarassar<br />

nicht unbedingt Durst. Dennoch nahm er den Schlauch in die Hand<br />

und hätte ihn vor Schreck beinahe in den Wüstensand fallen lassen.<br />

„KALT!“ rief der Hexer aus, nahm den Schlauch schnell in die andere<br />

Hand und schüttelte die fast schlagartig heruntergekühlte. Braunpelz<br />

indes nahm schon einen Schluck, lief kurz darauf um ihre Nase herum<br />

leicht bläulich an.<br />

„Was erwartest du anderes? Mein Herz und meine Seele sind so kalt<br />

wie das Grab, aus dem ich komme. Je heißer die Umgebung, umso<br />

kälter meine Magie.“<br />

Vadarassar nickte nur knapp, nahm dann einen vorsichtigen Schluck<br />

aus dem Schlauch.<br />

Ein Wunder das dieses Wasser überhaupt noch flüssig war. Selbst Rum<br />

wäre bei dieser Temperatur wahrscheinlich nur noch in Form von<br />

Eiswürfeln in den Rachen des Hexers geplumpst. Doch im Moment<br />

empfand er die Kälte als angenehm. Erst als sich sein Kopf mit<br />

hämmernden Kopfschmerzen energisch gegen die plötzliche<br />

Tiefkühlattacke wehrte, setzte er den Schlauch ab, legte ihn neben<br />

sich in den Sand und umklammerte sich daraufhin zitternd und auf der<br />

Suche nach Wärme. Sein Blick war auf den Beutel und den<br />

umgebenden Sand gerichtet.<br />

<strong>Die</strong>ser war nun weiß wie Schnee.<br />

„Ssssssssehr kkkkkaaaaaalllltttt.“ sagte Vadarassar noch, auf der Suche<br />

nach irgendetwas, das ihn wärmen konnte. Und das, obwohl die<br />

Sonne auf seinem Schädel brannte und geschätzte 50 Grad im<br />

Schatten herrschten.<br />

„Genau.“ bestätigte Bwalkazz die Feststellung des <strong>Hexenmeisters</strong>.<br />

„Eiswasser ist kalt. Doch es wird keinen von euch umbringen. Lediglich<br />

schön kühl halten. So kühl wie mich im Innersten.“<br />

Sowohl Braunpelz wie auch Vadarassar wollten nur einmal<br />

anerkennend nicken. Doch aus dem einmaligen Nicken wurde ein<br />

zitterndes Kopfschütteln nach oben, unten und zu allen anderen<br />

Seiten. Bwalkazz verstand es dennoch, erhob sich wieder und deutete<br />

an, das sie weitergehen sollten.<br />

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Leise brummend packte auch Teborasque seine Gehäuse wieder ein<br />

und folgte den drein. Dann sah er sich um.<br />

Wo war nur sein lieber Swift? Seitdem sie Gadgetzan verlassen hatten,<br />

war sein treuer Begleiter irgendwie verschwunden. Vertrug der Gute<br />

vielleicht die Sonne nicht? Möglich <strong>–</strong> bei DEM dicken Fell....<br />

„Ahh, da vorne geht es sicher nach Un’Go....oohhh...was bei der<br />

Erdenmutter ist denn DAS?!“ brachte Braunpelz hervor, als sie auf<br />

einen Bereich blickte, der ganz und gar nicht mehr wie die Wüste<br />

aussah. Riesige Stacheln ragten in die Höhe, bogen sich, zuckten, als<br />

würde das Land leben.<br />

„Sillithiden.“ stellte Teborasque fest. <strong>Die</strong> anderen drei sahen ihn<br />

fassungslos an. Er blickte zurück, zuckte mit den Schultern.<br />

„Habt ihr nicht mit meinem Trollkollegen am Wegekreuz gesprochen?“<br />

fragte er verwundert.<br />

Vadarassar verdrehte bei der Nennung dieses bekloppten Ortsnamens<br />

die Augen, Bwalkazz sah fragend drein und auch Braunpelz zuckte mit<br />

den Schultern.<br />

Teborasque seufzte. „Ein Freund <strong>eines</strong> Freundes m<strong>eines</strong> Cousins vierten<br />

Grades. Hat sich ein paar komische Krabbeltiere im Brachland<br />

angesehen, dann einige in Tausend Nadeln. Hat irgendwas von einer<br />

neuen Bedrohung gefaselt. Eben diesen Sillithiden. Und das sie eine<br />

Gefahr für das Land wären. Mehr hat er nicht ausspucken wollen.<br />

Außer das es Insekten sind <strong>–</strong> etwa so groß hier.“ erklärte der Jäger und<br />

maß mit den Händen in etwa einen Meter ab.<br />

Alle nickten. Braunpelz verzog außerdem noch das Gesicht.<br />

„Schon wieder Krabbelzeugs. Igitt....“ schüttelte sie sich.<br />

Teborasque grinste und klopfte ihr auf die Schulter.<br />

„Keine Angst Kl<strong>eines</strong>. <strong>Die</strong> können wir locker zertreten. Allesamt. Und<br />

wenn’s eng wird, beschützen wir dich vor den bösen, bösen<br />

Krabbeltieren.“<br />

Zertreten....ja sicher...gute Idee wäre es gewesen. Doch da hatte<br />

Teborasque den Mund wohl zu voll genommen, als sie diese<br />

wuchende Narbe zu durchqueren versuchten. <strong>Die</strong> Viecher hier waren<br />

nicht höchstens einen Meter groß...allein ihre Beine maßen über einen<br />

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Meter. Einige Exemplare überragten sogar die Taurin oder den Troll<br />

selbst...und das, obwohl sie auf dem Bauch herum krochen.<br />

Braunpelz schrie und rannte so schnell sie ihre Hufe tragen konnten.<br />

Davon total überrascht stürmten auch die anderen hinter ihr her <strong>–</strong> eine<br />

ganze Schwadron dieser Krabbeltiere knapp hinter den vieren.<br />

Weg...nur weg von diesen Krabbeltieren. Weiter dachte Braunpelz<br />

nicht, schlug instinktiv mit beiden Händen nach nicht vorhandenen<br />

kleinen Käfern, Spinnen oder anderem Getier vor sich und sah gar<br />

nicht, wie ein Abhang immer näher kam.<br />

„Vorsicht kl<strong>eines</strong>! Da vorne geht es sehr steil....!“ schrie Teborasque<br />

noch, sah dann aber schon, wie der große Körper der Taurin schneller<br />

verschwand, als das sie einfach gestolpert sein könnte.<br />

„Braunpelz!“ schrie Teborasque noch einmal, stand schon am Kliff und<br />

sah herunter.<br />

Einige Dutzend Meter ging es steil bergab. Nicht gerade angenehm,<br />

da so herunter zu fallen....<br />

Dann sah er hinter sich, sah die beiden anderen auf ihn zu rennen und<br />

hinter ihnen runde dreißig Sillithiden.<br />

Er schluckte und sprang, griff im Flug nach seinem Umhang, der sich<br />

weit ausbreitete, als wäre er ein Fallschirm.<br />

Naja...Kunststück: Eines seiner neuesten Meisterwerke, eben ein<br />

Fallschirmumhang.<br />

Noch immer breit grinsend segelte er bis etwa vier Meter vor den<br />

Boden. Dann und mit einem Schlag hörte er ein ritzendes Geräusch,<br />

der Umhang zerriss und der Jäger stürzte fast ungebremst die letzten<br />

Meter zu Boden, rollte sich gerade noch so ab und wimmerte.<br />

Bwalkazz seinerseits griff noch im Rennen in seine Tasche, erwischte<br />

dabei eine Vogelfeder und murmelte einige Worte. <strong>Die</strong> Feder löste<br />

sich auf, ein leichtes Glimmen umgab den untoten Körper. Dann<br />

segelte er elegant und federgleich langsam zum Abgrund hinab.<br />

„Ey! Und was mache ich? Soll ich mich runterfluchen oder was?“<br />

brummte Vadarassar laut hinter dem Magier her, drehte sich um und<br />

sah die schon viel zu nahen Käfer hinter sich.<br />

Was solls <strong>–</strong> so oder so tot....wenn er unten ankam, konnte man ihn<br />

vielleicht wenigstens noch erkennen, anstatt das er von den Viechern<br />

da oben verspeist wurde.<br />

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Noch mitten im Sturz kam ihm eine Idee:<br />

Hathmon!<br />

Das Vieh war eine große, dämonische, blaue Wolke!<br />

Auf dem konnte er landen. Irgendwie.<br />

Schnell murmelte er dämonische Formeln, schrie sie hinaus und zeigte<br />

auf den Boden. Doch <strong>eines</strong> vergaß er dabei: Einen Seelensplitter zu<br />

verwenden. So kam nicht etwa sein geschätzter Hathmon aus dem<br />

kleinen Portal zum Wirbelnether, sondern ein kleiner, stets schlecht<br />

gelaunter Wichtel, den der Hexenmeister jetzt so ganz und gar nicht<br />

gebrauchen konnte.<br />

„Was ist denn jetzt schon wieder? Wollt ihr mich etwa zum Blumen<br />

pflücken abstellen oder was?! Wo seid ihr, dämlicher Orc?“ fluchte der<br />

Wichtel, sah sich um, fand aber den Hexer nicht. Dafür einen untoten<br />

Magier, der einen Augenblick später vor ihm landete und mit einem<br />

breiten Grinsen nach oben zeigte.<br />

Der Dämon verzog die Fratze, zeigte dem Magier einen Vogel und<br />

blickte dann schließlich nach oben.<br />

Sein Gesicht erstarrte....da kam ein großer, fetter Hintern geradewegs<br />

auf ihn...<br />

*WUSCH*<br />

Vadarassar brummte, konnte sich gerade noch von einer Ohnmacht<br />

abhalten. Alles drehte sich vor seinen Augen und er hatte im ersten<br />

Moment das Gefühl, sich jeden einzelnen Knochen gebrochen zu<br />

haben. Dann tastete er sich langsam ab.<br />

Einige Sekunden später bemerkte er, das er offensichtlich und auf<br />

wundersame Weise doch in Ordnung war. Und der Boden unter ihm<br />

war so unglaublich weich, nachgiebig und warm.<br />

„Gm mggmgmm mmgmgmgm mhhhhh!“ schnaubte etwas unter ihm<br />

und biss ihn kurz darauf in den Hintern.<br />

Der Hexenmeister stand auf und sah dort auf dem Boden einen recht<br />

mies gelaunten Wichtel.<br />

„Na da bin ich aber platt das das funktioniert hat.“ witzelte Bwalkazz<br />

und musterte den nun deutlich flacheren Dämon.<br />

„Nicht nur ihr. Na wartet, wenn ich diesen Orc in die Finger bekomme.<br />

Dann wird er.....grrrr....“ zischte der Wichtel wütend. Doch Vadarassar<br />

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hatte sich schon in Sicherheit gebracht und stand nun bei Braunpelz.<br />

<strong>Die</strong> hockte dort und hielt sich mit beiden Händen ihr rechtes Bein.<br />

„Alles in Ordnung Kl<strong>eines</strong>?“ fragte der Hexer, sein Genick<br />

geraderichtend und noch immer gegen den Schwindel ankämpfend.<br />

Braunpelz schüttelte den Kopf. „Nichts Schlimmes passiert. Mein<br />

rechtes Bein....es wird einige Stunden dauern, ehe ich es wieder<br />

benutzen kann.“ sagte die Taurin niedergeschlagen, sich so gut es<br />

ging konzentrierend und damit die Schmerzen verdrängend. Ein<br />

grünliches Licht umgab ihr verletztes Bein...offensichtlich eine Heilung,<br />

die gerade ihr Werk zu verrichten begann.<br />

„Dann campen wir hier, Mann. Wo sonst kann man das besser als<br />

direkt hier, mitten im Krater, eh?“ schlug Teborasque vor und setzte<br />

seinen Rucksack schon mal ab.<br />

<strong>Die</strong> anderen beiden hatten keine Einwände. Und Braunpelz hätte,<br />

auch wenn sie es gewollt hätte, keine einbringen können. Zumindest<br />

vorläufig.<br />

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Kapitel 17 <strong>–</strong> Nachts im Krater<br />

Es war wohl eine glückliche Fügung, das die Heilkräfte der Druidin an<br />

diesem Ort außergewöhnlich stark waren und ihr Bein nicht nur<br />

gesundete, sondern bereits nach wenigen Stunden wieder wie neu<br />

war. Dennoch blieben die vier dabei, vorerst nicht weiter zu gehen<br />

und stattdessen im Osten des Kraters auf einigen Felsen zu rasten.<br />

„Mhh...wird aber verdammt schnell dunkel hier.“ meinte Teborasque,<br />

gen Horizont blickend. Der war dank des dichten Blattwerks, unzähliger<br />

Baumkronen und jeder Menge anderem Gewächs aber schon gar<br />

nicht mehr zu sehen. Stattdessen schimmerte es nur noch leicht<br />

grünlich. Eine farbliche Stimmung, die Vadarassar sehr zuzusagen<br />

schien, denn ganz entgegen seinem üblichen Verhalten lehnte dieser<br />

sich einfach an einen Felsen und war schon halb eingeschlafen.<br />

„Machst du bitte ein Feuer?“ fragte Braunpelz den Jäger, der ihr zu<br />

nickte und ein paar Holzscheite aus seinem Rucksack nahm.<br />

Brennholz <strong>–</strong> etwas, das ein Jäger, der sich selbst versorgte, eigentlich<br />

immer dabei hatte. Schließlich wuchs Feuer nicht auf<br />

Bäumen....obwohl Tebo schon einmal von den berüchtigten<br />

Feuerbäumen in den verwüsteten Landen gehört hatte. Oder gehörte<br />

das vielleicht auch nur in die Welt der Mythen und Märchen? Naja,<br />

war eigentlich auch egal. Jedenfalls legte er die Holzscheite auf den<br />

Boden und kramte dann nach seinem Feuerstein und dem Zunder.<br />

Als er beides endlich gefunden hatte, verzog er das Gesicht.<br />

Irgendwas musste wohl in seiner Tasche ausgelaufen sein, denn der<br />

Zunder war so nass wie ein Wasserelementar. Brummend sah der Jäger<br />

zu den anderen.<br />

„Hat einer von euch beiden Feuer?“<br />

Bwalkazz drehte sich zu dem Jäger um und funkelte ihn mit seinen<br />

Augen an. Dann verließen einige flüsternde Silben seinen schiefen<br />

Kiefer, die rechte Hand des Magiers begann zu glimmen und<br />

Momente später lag eine Kugel reinen Feuers in seiner verfaulenden<br />

Handfläche.<br />

„Reicht das oder brauchst du noch mehr, Troll?“ fragte er, den Kiefer<br />

so verziehend, als würde er lächeln. Teborasque starrte den Magier nur<br />

überrascht an, nickte dann aber bestätigend. „Ja Mann, du großes<br />

Feuerzeug Mann.“<br />

„Feuerzeug....gleich gibt’s Troll ‚On the Rocks’.“ knurrte Bwalkazz.<br />

- 94 -


„He Mann. Sei doch nich so steif. Lach mal lieber.“<br />

„Ich würde mich totlachen. Wenn das noch ginge. Aber mein Humor<br />

ist nicht mit ausgegraben worden.“ antwortete Bwalkazz kühl, ging<br />

dann einige Schritte weg und gesellte sich zu Vadarassar, der<br />

allerdings schon schlief.<br />

„Der is ja wirklich mal frostig. So kühl, der könnte sich an nem Eisblock<br />

warm rubbeln.“ meinte Teborasque zu Braunpelz. <strong>Die</strong> jedoch war<br />

neben ihm auch schon eingeschlafen.<br />

Na toll....da war er gerade etwas lockerer, für Witze aufgelegt und<br />

kam in Stimmung für etwas Lagerfeuerromantik....und da schliefen sie<br />

schon alle. Dann würde er also auch etwas Schlaf....Moment....was<br />

war denn das gerade? Hatte Tebo da vielleicht einen Raptor brüllen<br />

gehört?<br />

Nein...das war lauter! Viel lauter als das es von einem Raptor hätte<br />

stammen können.<br />

Kampfbereit nahm er sein Gewehr zur Hand und lud es durch.<br />

Ein grünlicher Schleier umwob die Druidin, trug sie und ließ alles Leid,<br />

alle Schmerzen und alle Gefahren an ihr vorbei rauschen, als wären sie<br />

nichts anderes als Regentropfen. Um sie herum war überall Leben, das<br />

friedliche und freundliche Lachen von Tauren und Nachtelfen, Kindern<br />

und Erwachsenen, das fröhliche Zirpen der Vögel und Insekten. Sogar<br />

das Wasser schien freudig plätschernd zu singen, die Bäume gut<br />

gelaunt vor sich hin zu knarzen.<br />

Harmonie. Unglaubliche Harmonie und Frieden. Und dennoch spürte<br />

sie etwas Dunkles. Eine Gestalt ganz aus Feuer und Fels, die am Rande<br />

dieses wunderschönen Bildes stand. Das Gras welkte unter den Felsen,<br />

die die Beine dieses Monsters bildeten. Unzählige Dämonen reihten<br />

sich hinter dieser Bestie auf, weitere, die wie diese eine waren, andere,<br />

die größer waren...und an ihrer Seite eine Horde Orcs. Doch die Augen<br />

jener Orcs brannten rötlich, Blut tropfte von ihren Hauern und ihr Blick<br />

war kalt und leer.<br />

<strong>Die</strong> Legion....sie würde über dieses Land kommen. Doch das Land<br />

verteidigte sich, gab seine Kraft an die Nachtelfen und die Tauren<br />

gleichermaßen. Über diesen beiden so unterschiedlichen Völkern<br />

glänzte der Vollmond, schien auf sie herab und spendete ein silbernes<br />

Licht, das sie umgab und noch weitere Kraft schenkte.<br />

- 95 -


<strong>Die</strong>se Welt, die Natur, der Mond. Kräfte, die beide Völker erfüllen<br />

sollten, damit sie der Gefahr Herr werden konnten. Kräfte, die auch<br />

Braunpelz nur zu gut besaß. Sie spürte ihre eigenen Kräfte und wusste<br />

innerlich, dass sie selbst für einen solchen Kampf bereit wäre. Das sie<br />

kämpfen würde. Das sie dieses Land, das Leben und alle, die ihr am<br />

Herzen lagen, verteidigen würde.<br />

„<strong>Die</strong>s ist deine Bestimmung, Braline.“ hörte sie eine Stimme hinter sich.<br />

Blitzartig wendete sich die Druidin um, sah erneut jenen Tauren, der sie<br />

so viel gelehrt hatte.<br />

„Ich habe dich nichts gelehrt, Braline. All dein Wissen war schon in dir.<br />

<strong>Die</strong> Veranlagung, mit den Strömen der Natur im Einklang zu sein, die<br />

Energie des Lebens zu spüren und den Traum zu träumen, wird von<br />

Geburt an gegeben. Und deine Taten bestärken deine Fähigkeiten,<br />

bestärken deinen Glauben wie auch die Natur selbst. So erstarkt ihr<br />

aneinander.“ erklärte der merkwürdige Taure und ging dann einen<br />

Schritt auf die Druidin zu.<br />

„Du wirst noch vieles lernen im Leben. Du wirst viele Kräfte erhalten.<br />

Doch vorher will ich dir noch <strong>eines</strong> zeigen.“<br />

Mit diesen Worten drehte der Taure sich um und ging einen Schritt zur<br />

Seite. Hinter seinen breiten Schultern erkannte Braunpelz einen<br />

enormen Baum. Ein Baum, der so riesig war, das ganze Völker in<br />

seinem Astwerk hätten leben können, ohne entdeckt zu werden.<br />

„<strong>Die</strong>s ist der Baum des Lebens. Seine Wurzeln reichen bis nach Azeroth,<br />

die Krone verbindet deine Welt mit dem Universum und der<br />

Unendlichkeit. Alles Leben entstammt diesem Baum und kehrt dorthin<br />

zurück.“ erklärte er und drehte sich dann wieder zu Braunpelz, hielt ihr<br />

seine rechte Hand hin.<br />

Ein kleiner Samen lag auf seiner Handfläche.<br />

„<strong>Die</strong>s ist ein Samen vom Baum des Lebens. Wer seine Essenz mit der<br />

Frucht des Baumes verbindet, wird selbst ein Teil des Baumes. Wer Teil<br />

des Baumes ist, kann Leben schenken, Kräfte erneuern und Verdorrtes<br />

wieder zum Leben erwecken. Nur wenige Druiden haben das Wissen<br />

oder die Gabe, eine solche Verschmelzung zu schaffen. Du Braline<br />

hast diese Gabe. Das weiß ich.“<br />

Er ergriff ihre rechte Hand, legte den Samen in selbige. Augenblicklich<br />

begann der Samen zu glühen, zerfloss dann in grünlichem Licht und<br />

ließ die Hand der Druidin selbst aufglühen. Schnell spross das Leuchten<br />

- 96 -


den Arm hinauf, verteilte sich von der Schulter über den gesamten<br />

Körper der Druidin, bis sie vollständig leuchtete. Dann verschwand das<br />

Glühen, hinterließ tief in ihr jedoch eine wohlige Wärme.<br />

„<strong>Die</strong>s war die letzte Lektion, die du lernen solltest und bei der ich dich<br />

begleitete. Den Rest d<strong>eines</strong> Weges musst du allein gehen.“ sagte der<br />

Taure und wendete sich ab.<br />

„Warte.“ rief Braunpelz ihm hinterher. „Danke für alles. Aber...ich habe<br />

noch eine Bitte.“<br />

Der Taure hielt inne, drehte sich jedoch nicht zu der Druidin. „Sprich<br />

ruhig. Doch ich denke, ich kenne diese Bitte bereits.“<br />

Sie nickte kurz. Es war offensichtlich, was sie erbitten wollte. „Ehe du<br />

gehst, wollte ich deinen Namen erfahren.“<br />

Der Taure atmete einmal tief ein, dann wieder aus. „Es ist dein Recht,<br />

dies zu erfragen. Man kennt mich unter vielen Namen, Braline. Doch<br />

der Name, den ich dir nennen möchte, ist mein wahrer. Behalte ihn für<br />

dich, verschließe ihn in deinem Herzen und nenne ihn niemand<br />

anderes. Ich weiß, das ich dir vertrauen kann, wenn ich dies verlange.“<br />

Er wendete sich um, öffnete seine Augen einen Spalt und sah<br />

Braunpelz an. <strong>Die</strong> zuckte zusammen, als sie glänzend grüne Augen<br />

hinter den Lidern entdeckte.<br />

„Mein Name ist Yserion. Wenn du je meine Hilfe brauchen solltest,<br />

komm an diesen Ort und rufe nach mir. Ich werde dich hören, wo<br />

auch immer dein Körper sein mag.“<br />

Mit diesen Worten verschwand der Taure in einem grünlichen<br />

Nebelschleier. Braunpelz blinzelte noch einige Male, doch er war<br />

wirklich weg.<br />

Yserion. Kein Name, der für einen Tauren üblich war. Viel eher für....<br />

...nein...das konnte doch nicht sein....<br />

Nicht nur Braunpelz war es, die in dieser Nacht träumte. Auch<br />

Vadarassar war tief in Träume versunken, in denen Dämonen<br />

vorkamen. Allerdings nicht auf die angenehme Art, wie Braunpelz sie<br />

erfahren hatte.<br />

Er stand inmitten einer Horde Dämonen. Links und rechts von ihm<br />

andere Hexenmeister, allesamt mit rot glimmenden Augen. Vor ihnen<br />

ein riesiger, rothäutiger Dämon, der in einer Sprache brüllte, die so<br />

- 97 -


fremd schien wie nichts anderes. Dennoch verstand Vadarassar sie. Es<br />

war die dämonische Sprache der Brennenden Legion....und er war<br />

inmitten unter ihnen.<br />

Lautes Gebrüll, ein Blitz, dann stand er inmitten der Schlacht.<br />

Dämonen schossen vor, Hexenmeister ringsum brüllten Flüche und<br />

warfen mit schwarzer Magie um sich, entzogen allem Lebenden ihre<br />

Kraft. Vadarassar selbst glaubte zu fantasieren, die Augen <strong>eines</strong><br />

anderen zu erleben. All das war so fern, so unmöglich. Dann sah er<br />

unter sich, wie sich ein Körper in unendlichen Schmerzen wand.<br />

Es war....ein Troll, der gerade seinen letzten Atemzug tat. Nicht<br />

irgendein Troll....es war jener Jäger, den er als Freund kannte.<br />

Teborasque....<br />

ein Schwert steckte in der Brust des Jägers, der seine Augen weit<br />

aufgerissen hatte und mit ihnen den Hexenmeister anstarrte, als sein<br />

Lebensfunke erlosch.<br />

Vadarassar erschrak, als er bemerkte, dass die Hand, die den Griff des<br />

Schwertes hielt, seine eigene war.<br />

Er...hatte einen seiner Gefährten getötet. Er war....er....war der<br />

Mörder.....ein Mörder wie alle anderen hier....<br />

Schreie ringsum. Andere Orcs stürzten sich in den Kampf, schwangen<br />

ihre Äxte, um kurz darauf von Höllenbestien zermalmt zu werden. Ein<br />

großer Terrorbär warf sich gegen einen jener Felsenriesen, wurde unter<br />

ihm zermalmt. Dann schimmerte er...<br />

...Braunpelz....nein...nicht auch noch sie....<br />

Vadarassar ließ das Schwert nun endlich los, wankte nach hinten, die<br />

Hände vor seinem Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, dass sie<br />

blutverschmiert waren. Rotes Blut, gemischt mit schwarzem.<br />

Etwas knirschte unter seinen Füßen. Er blickte herunter, lief noch<br />

bleicher als zuvor an.<br />

Der Schädel von Bwalkazz....abgeschlagen von den Schultern....lag<br />

nun zertreten zu seinen Füßen.<br />

- 98 -


„Du bist auf dem Pfad der Verwüstung, Hexenmeister. Und du kannst<br />

nichts dagegen tun.“ groll die Stimme aus dem blutroten Himmel über<br />

ihm.<br />

„Nein!“ rief Vadarassar zurück.<br />

„Doch. Du bist der Verdammnisbringer. Ebenso wie tausende vor dir.<br />

Du bist nicht besser als die anderen. Du bist noch viel, viel schlimmer!“<br />

- 99 -


Kapitel 18 <strong>–</strong> Der Schatten<br />

Sichtlich erfrischt und voller neuer Energie wachte Braunpelz auf und<br />

hob ihren Oberkörper, streckte ihre Arme kräftig aus und gähnte<br />

langgezogen.<br />

„Guten Morgen zusammen.“ schmatzte sie noch im Gähnen, die<br />

Augen geschlossen haltend. Dann blinzelte sie und sah sich nach den<br />

anderen um.<br />

„Ah Mann, biste auch endlich wach. Habt ja nen Schlaf, der durch nix<br />

zu stören ist, eh?“ rief Teborasque hinter ihr.<br />

Braunpelz verstand nicht, was er damit meinte, drehte sich um und<br />

wäre beinahe vor Schreck umgekippt. Dort lag ein riesiger Raptor <strong>–</strong><br />

nein, ein Dinosaurier, der einen Raptor um mindestens das fünffache<br />

überragte <strong>–</strong> auf dem Boden und Teborasque hockte auf dem Schädel<br />

des Riesen und polierte seine Flinte.<br />

„Was....was....“ stotterte Braunpelz, sah Bwalkazz zu, wie dieser mit<br />

einem kleinen Messer große Lederbahnen vom Leib des Riesen<br />

ablöste.<br />

„Der is letzte Nacht hier rumgewandert. Boah, war der nen Brocken.<br />

War ziemlich knapp. Aber zum Glück hatte ich ja meinen kleinen<br />

Freund hier.“ sagte Tebo grinsend und deutete vor sich.<br />

Swift, sein getreuer Gefährte, lag etwas seitlich von dem Biest und riss<br />

an einem großen Brocken Fleisch, um ihn nur Momente später<br />

herunterzuschlingen. Einige Bandagen, viele von ihnen rötlich verfärbt,<br />

fielen ihr direkt auf.<br />

„Er ist verletzt.“ fasste sie ihre Beobachtung zusammen.<br />

„Zum Glück nix ernstes. Aber wenig verwunderlich <strong>–</strong> er hat uns<br />

sozusagen das Leben gerettet.“<br />

„Erzähl mir, was passiert ist.“ sagte Braunpelz und sah den Jäger ernst<br />

an. Der nickte ihr zu, stand auf und sprang von dem Schädel runter,<br />

ließ den Magier nun seine Arbeit gänzlich allein erledigen. Soll die<br />

Leiche schließlich auch mal was tun für ihr Geld....totarbeiten könnte<br />

er sich ja schließlich nicht mehr.<br />

Wieder so ein schöner Wortwitz. Und wieder ärgerte Teborasque sich<br />

innerlich, es nicht ausgesprochen zu haben. Andererseits hatte er aber<br />

- 100 -


auch etwas gegen die Frostbeulen, die er als Reaktion darauf sicher<br />

bekommen hätte. Naja...Ausgleich also.<br />

„Also das war letzte Nacht. Ihr ward grad alle eingeschlafen, als ich<br />

nen Geräusch hörte....<br />

Ein kräftiges Knarzen ging durch den Krater. Das Krachen von Bäumen,<br />

die unter der Last großer Schritte zermalmt wurden. Teborasque stand<br />

da, hatte das Feuer, das sich die vier entzündet hatten, so schnell er<br />

konnte gelöscht und starrte durch sein Fernrohr nun tief in die<br />

nachtschwarze Dunkelheit des Kraters.<br />

Da vorne bewegte sich etwas. Ein Schatten, der durch das fahle<br />

Mondlicht nur gerade so zu erkennen war. Der Jäger blinzelte noch<br />

einige Male, sah das Monster dann schließlich so klar, wie es unter<br />

widrigen Lichtverhältnissen ging.<br />

<strong>Die</strong> Flinte fest in der Hand ging er weiter und auf das Ungetüm zu. Das<br />

hatte ihn offenbar schon längst gewittert und stapfte seinerseits auf ihn<br />

zu.<br />

<strong>Die</strong> Größe dieses Monstrums jagte Teborasque einen eiskalten Schauer<br />

über den Rücken. So kalt, als habe Bwalkazz ihm mal wieder in den<br />

Nacken gehaucht (ein eisiges Gefühl, das niemandem<br />

weiterzuempfehlen war <strong>–</strong> es sei denn, man mochte tiefgefrorene<br />

Nackenhaare....). In Metern zu schätzen waren die Ausmaße dieser<br />

Bestie nicht, doch reichte es Teborasque zu wissen, das er dem Vieh<br />

nicht einmal bis zu den Knien reichte und dafür locker unter die<br />

riesigen Füße des Ungetüms.<br />

An sich selbst zweifelnd und dennoch hoffend, das die Munition von<br />

der Haut nicht einfach wieder abperlen würde wie ein Regentropfen<br />

legte er an, auf den Hals der Bestie zielend. Dann schoss der Troll.<br />

<strong>Die</strong> Kugel traf ihr Ziel und riss eine große Wunde zwischen Schulter und<br />

Hals des Riesensauriers. Das wiederum machte ihn nur noch wütender.<br />

Jetzt raste er mit voller Geschwindigkeit auf den Troll zu, den Kopf für<br />

einen tödlichen Biss senkend. Teborasque indes lud schnell nach,<br />

wollte einen Schuss auf den Kopf des Monsters abfeuern. Er drückte<br />

ab....und nichts passierte.<br />

Ladehemmungen...auch das noch! Wieder und wieder drückte er auf<br />

den Auslöser, schlug mit der flachen Hand gegen die Seite der Flinte.<br />

Erfolglos. <strong>Die</strong> Sekunden verstrichen und mit jedem Augenblinzeln kam<br />

- 101 -


das Vieh näher. Teborasque blieb nur noch, sich auf den Boden zu<br />

werfen und das Beste zu hoffen.<br />

Ein lautes Fauchen drang an seine Ohren. Er sah nach links und<br />

erblickte dort nur das Funkeln zweier Juwelen. Katzenaugen, die<br />

einem Kater gehörten, den er nur zu gut kannte. Und selbiger rannte<br />

gerade mit voller Geschwindigkeit seitlich auf das Monster zu, sprang<br />

in die Luft und schlug seine Krallen und Zähne in den Hals des<br />

Riesensauriers.<br />

<strong>Die</strong>ser wurde leicht zur Seite gedrückt. Gerade leicht genug, um<br />

Teborasque mit seinem Biss zu verfehlen. Doch der Kater war für ihn<br />

auch kein echter Gegner, eher nur lästig. Brüllend schüttelte er sich,<br />

streifte den Geparden ab und schleuderte ihn auf den Boden. Eine<br />

schnelle Drehung, ein Schwanzschlag und der Gepard flog im hohen<br />

Bogen in Richtung Teborasque und blieb benommen liegen.<br />

„Swift. Alles in Ordnung, Mann?“ rief der Troll, sich gerade aufrappelnd<br />

und zu seinem Begleiter sehend, der sich seinerseits aufzurappeln<br />

versuchte.<br />

„Durchgeschüttelt....mehr nicht zum Glück.“ fauchte sein Kater in einer<br />

für Katzen ganz eigenen Sprache.<br />

„Der ist ne Nummer zu groß. Für jeden von uns beiden.“ schlussfolgerte<br />

der Kater ganz logisch.<br />

Teborasque nickte und sah, wie der Dinosaurier sich umsah, um erneut<br />

auf den Troll loszugehen. Immerhin hatte Swifts Attacke das Monster<br />

genug verwirrt, damit die beiden einige Sekunden Bedenkzeit hatten.<br />

Und die reichte dem Trolljäger auch. Schnell zog er ein Bündel aus<br />

seinem Rucksack. Ein Bündel aus schwarzen Kugeln und roten<br />

Stangen, verbunden mit jeder Menge Kordel und anderen<br />

abenteuerlichen Kabel- und Drahtgebilden.<br />

„Meinst du, du kannst dem das hier irgendwie ins Maul befördern?“<br />

fragte der Jäger seinen Begleiter.<br />

Der Kater sah Teborasque ernst an.<br />

„Es gibt eine Möglichkeit, ja. Aber die wird weh tun. Ich muss mich von<br />

dem Vieh scheinbar fangen lassen.“<br />

„Sorg du nur dafür, dass er das Ding hier schluckt. Um den Rest<br />

kümmere ich mich....und auch um dich und alles, was passieren<br />

sollte.“<br />

- 102 -


Beide atmeten tief durch, dann biss der Gepard in das, was wohl wie<br />

ein Tragegriff funktionieren sollte und stürmte voran. Knapp seitlich von<br />

dem Ungetüm fauchte er einmal laut, blieb kurz stehen und stürmte<br />

dann weiter.<br />

Der Riesendino reagierte prompt...und genau so, wie Swift erhofft oder<br />

auch befürchtet hatte: Mitten im Sprung, den der Feline vollführte,<br />

öffnete das Vieh sein riesiges Gebiss und ließ den Sprung mitten<br />

zwischen den Zähnen enden. Zähne, die sich schnell um den<br />

Geparden schlossen, seine Hüfte und seine Hinterläufe zu<br />

zerschmettern drohten.<br />

Mit einem unglaublich schrillen Hilfeschrei schleuderte der Gepard mit<br />

letzter Kraft das Paket in den Schlund des Giganten und fühlte dann,<br />

wie seine Knochen kurz vor dem Zerbrechen waren.<br />

In dem Moment explodierte ein Pfeil direkt vor dem Auge des Riesen.<br />

Teborasque. Er hatte einen Bogen, den er letztens gefunden hatte,<br />

herausgekramt, seine Flinte zu Boden geworfen und nun einen Pfeil in<br />

Richtung des Riesen abgeschossen. Lang war es her, das er mit so<br />

einer Low-Tech-Waffe umgegangen war. Doch noch immer<br />

beherrschte er den Umgang damit ziemlich gut. Es reichte zumindest,<br />

damit das Vieh das Maul wieder aufriss und Swift herausfallen konnte.<br />

<strong>Die</strong> vorher noch als sicher erachtete Beute ignorierend stapfte der<br />

Riese nun wieder auf Teborasque zu. Der betete, das sein Freund bei<br />

diesem riskanten Versuch nicht versagt hatte, ging noch einige<br />

Schritte zurück, sprang dann hinter einen Stein, zog einen kleinen<br />

Kasten, aus dem tausende kleine Drähte hingen heraus und drückte<br />

auf den großen, roten Knopf, der sich in der Mitte befand.<br />

Nichts passierte. Wieder drückte der Troll auf den Knopf.<br />

Erneut passierte nichts. Dann war die riesige Visage des Dinosauriers<br />

über ihm. Das Maul öffnete sich, war bereit ihn zu verschlingen.<br />

Ein letztes Mal drückte Teborasque auf den Knopf, die übergroße<br />

Fernbedienung wie ein Schutzschild vor sich halten.<br />

Ein schrilles Piepen aus dem Bauch des Sauriers ließ den Troll<br />

zusammenzucken und in Deckung springen. Dann begann es.<br />

Etwas rumpelte im Bauch des Riesen. Der sah sich um, spürte mit<br />

einem Mal einen unglaublichen Schmerz. Wieder rumpelte es kräftig,<br />

erbebte der Bauch des Dinosauriers, als habe jemand dagegen<br />

getreten. Er taumelte, schüttelte sich und hob seinen Kopf hoch in die<br />

Luft, um zu einem letzten Schrei anzusetzen.<br />

- 103 -


Dann kam der letzte große Rumpler. Ein Krachen, das den Bauch des<br />

Dinosauriers mit einem Schlag aufplatzen ließ. Blut und alles, was bis<br />

gerade noch in dem Dinosaurier lebend drin war, schleuderte heraus,<br />

hing nun aus einer vier Meter langen, qualmenden Wunde. Der<br />

gerade noch begonnene Schmerzenschrei verging in einem<br />

vergeblichen Blubbern. Blut floss zwischen den Zähnen des Giganten,<br />

der nur Augenblicke später zur Seite umkippte und keinen Atemzug<br />

mehr tat.<br />

„...dann bin ich zu Swift und hab den kleinen versorgt. Zum Glück nix<br />

ernstes <strong>–</strong> aber die Zahnabdrücke müssen erst mal verheilen. Aber das<br />

wars so ziemlich.“ beendete Teborasque seine Erzählung.<br />

Braunpelz sah den Jäger beeindruckt und den großen Dinosaurier<br />

etwas bemitleidend an. <strong>Die</strong> Natur war zeitweilen grausam, doch<br />

wusste sie ebenso, das einige Wesen andere töten mussten, um zu<br />

überleben und einander zu ernähren. Und die Bemühungen von<br />

Bwalkazz, das Leder, den Balg und das Fleisch des Riesen so gut es<br />

ging zu sichern zeigten, dass auch dieser Riese nicht umsonst<br />

gestorben war. Aus dem Leder würden viele Dutzend gute<br />

Lederrüstungen werden. Und das Fleisch würde sie alle vier lange satt<br />

halten.<br />

Alle vier? Braunpelz sah sich um.<br />

„Wo...ist denn Vadarassar? Hast du ihn gesehen?“ fragte die Taurin<br />

den Jäger. Doch der schüttelte nur den Kopf.<br />

„Ne Mann. Den hab ich nich gesehen. Dachte der wäre aufgewacht<br />

und hätte mir helfen wollen, das Vieh hier zu erledigen. Keinen<br />

Schimmer, wo der jetzt schon wieder ist.“<br />

„Verderbnis wird über alle kommen. Das weißt du ganz genau. Du<br />

wirst in den Reihen der Legion stehen und kämpfen. Ebenso wie alle<br />

anderen Hexenmeister. Ebenso wie all jene die glauben, die Mächte<br />

der Dunkelheit kontrollieren zu können. Wehre dich nicht dagegen.“<br />

stichelte die Stimme immer und immer wieder. Eine Kälte umgab ihn,<br />

die selbst die des Magiers übertraf. Eine Kälte, die Fleisch verbrennen<br />

und zerfließen lassen konnte.<br />

Vadarassar lief und lief. <strong>Die</strong> Wüste war kein Hindernis mehr für ihn<br />

gewesen. Blind hatte er sie mitten in der Nacht und bei Temperaturen,<br />

- 104 -


ei denen andere erfroren wären, durchquert und sah nun die<br />

Goblinstadt an ihm vorbei ziehen. Leute sprachen ihn an, er ignorierte<br />

sie.<br />

Weg...nur weg hier....<br />

„Du läufst davon und wirst dem Unabänderlichen nicht entkommen.<br />

Sieh es ein, Hexenmeister. Deine Verbindung wird genutzt werden, um<br />

uns zu manifestieren.“ flüsterte der Schatten erneut.<br />

„Nein.“ schüttelte der Hexer den Kopf, die Hände an die Schläfen<br />

legend. „Ich werde einen Weg finden. Ich kenne einen Weg.“<br />

„Du kennst gar nichts. Du kannst dich nur dem hingeben, wozu du<br />

bestimmt bist. Als <strong>Die</strong>ner der Brennenden Legion. Als Marionette, die<br />

scheinbar freien Willen und grenzenlose Macht hat. Als einer, der seine<br />

Freunde verrät, wenn sie auf ihn zählen. Du wirst wie tausende andere<br />

sein. Du, ja, auch du.“<br />

„Nein...ich nicht.“ kämpfte Vadarassar gegen den Schatten an. „Ich<br />

gehe zu ihnen.“<br />

„Ihnen? Zu wem willst du gehen und dich verstecken? Willst du dich<br />

verbergen vor dem Unabänderlichen?“<br />

„Ich werde dich versklaven. Ich werde die dunkle Kunst einschließen<br />

lernen.“<br />

„<strong>Die</strong>se Kunst beherrscht kein Sterblicher. Gib dich dieser Illusion nicht<br />

hin. Gib lieber auf und ergib dich in dein Schicksal.“<br />

„Ich werde zu keinem Sterblichen gehen....“ begann Vadarassar und<br />

atmete tief durch. Er hatte davon nur gelesen und Horrorgeschichten<br />

von diesem verdorbenen Land gehört, das so viel Elend gesehen<br />

hatte, das selbst die Bäume schon gestorben waren.<br />

„Ich gehe zu den Jaedenar.“<br />

- 105 -


Kapitel 19 <strong>–</strong> Konvertierung<br />

„Siehst du von da oben irgendwas?“ rief Braunpelz dem Jäger zu, der<br />

auf eine der Klippen des Kraters geklettert war und dort oben mit<br />

seinem Fernrohr den Krater absuchte.<br />

„Nur jede Menge Dinosaurier, ein paar Teerbestien und noch Bruder<br />

und Schwester von unserem Big Daddy dort unten. Dann noch nen<br />

paar komische wandelnde Pflanzen und einige stinkende Allianzler.<br />

Ansonsten nichts zu sehen. Keine Spur!“ rief Teborasque zurück und<br />

steckte sein Fernrohr wieder ein, um wieder herunter zu klettern.<br />

„Er ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.“ fasste der Troll<br />

zusammen.<br />

„Vielleicht hat sich ja der Boden geöffnet und ihn nach Hause geholt.“<br />

schlug Bwalkazz vor.<br />

Braunpelz und Teborasque starrten den Magier fassungslos an. Doch<br />

der zuckte nur mit den Schultern.<br />

„Er ist Hexer. Meint ihr ernsthaft, das der mal einen Platz dort oben<br />

bekommt?“<br />

„Das hoffe ich. Seine Mittel sind nicht die nettesten, aber sein Herz ist<br />

rein.“ antwortete Braunpelz, ein besorgtes Gesicht auflegend.<br />

„Sein Herz ist so rein wie eine Teergrube wohlriechend oder ich<br />

quicklebendig bin.“ warf ihr Bwalkazz entgegen. Doch Braunpelz war<br />

aus irgendeinem Grund nicht von diesem Gedanken abzubringen.<br />

„Wo könnte er stecken? Hat er irgendwas gesagt?“ fragte sie erneut.<br />

Doch alle anderen schüttelten den Kopf.<br />

Merkwürdig. Wirklich merkwürdig. In Gedanken versunken gingen die<br />

drei Richtung Norden weiter, trafen dort auf die von Teborasque<br />

schon vorher gesehenen Allianzler. <strong>Die</strong> wären über einen einzelnen<br />

der drei sicher her gefallen...gegen drei Hordler gleichzeitig trauten sie<br />

sich aber nicht, etwas zu unternehmen. Vielleicht stimmte das Gerücht<br />

ja: <strong>Die</strong> Allianz traute sich gegen die Horde nur in extremer Überzahl<br />

anzutreten. Doch sei es drum gewesen <strong>–</strong> keiner der Drei wäre in der<br />

Stimmung für einen Kampf gewesen. Stattdessen fanden sie einen<br />

Goblin, der laut fluchend vor seinem Windreiter stand.<br />

- 106 -


Moment...was war denn mit dem Windreiter da passiert? Der trug ja<br />

Verbrennungen, wie sie von Schattenmagie stammen konnten.<br />

Teborasque klopfte beiden auf die Schultern, ging voran und grinste<br />

den Goblin breit an. „Grüß dich, Mann. Sagmal, was ist denn mit<br />

deinem Reittier passiert. Sieht ja böse aus.“ begrüßte der Troll den<br />

Goblin. <strong>Die</strong>ser sah den Troll zuerst zerknirscht an, sah in den drein dann<br />

aber <strong>–</strong> Goblin-üblich <strong>–</strong> eine gute Chance, seinen offenkundigen<br />

Verlust wieder wett zu machen.<br />

„Ein Kunde von mir....verdammte Hexer. Kann ich euch irgendwie<br />

helfen? Werkzeug? Lebensmittel? Waffen? Rüstungen? Ich habe alles,<br />

was ihr euch vorstellen könnt. Und alles andere kann ich besorgen.“<br />

Der Fluch über Hexer hatte Braunpelz hellhörig gemacht. Ehe<br />

Teborasque noch etwas sagen konnte, hatte sie mit ihrer großen Hand<br />

selbigen schon weggeschoben und stand nun selbst vor dem Goblin.<br />

„Ein Hexer sagt ihr? Wie sah er aus?“ fragte sie schnell.<br />

Der Goblin musterte die Taurin. Eine Information, die offenbar etwas<br />

wert war.<br />

Er grinste. „Das kostet aber etwas, meine gute.“<br />

Er hatte sein Grinsen noch nicht ganz ausgepackt, da blieb es schon<br />

wie versteinert auf seinem Gesicht stehen, als ihn die beiden Hände<br />

der Taurin fest packten und zu schütteln begannen.<br />

„Spuck es aus. Wie sah der Hexer aus?!“ knurrte die Taurin, die diese<br />

Seite gerade selbst zum ersten Mal an sich erkannte.<br />

Kräftig durchgeschüttelt kam der Goblin schließlich zu Wort.<br />

„Okok....groß, grün...Orchexenmeister. Lilane Robe und so ein<br />

komischer Turban. Faselte was von Teufelswald und war ständig in<br />

Selbstgespräche vertieft. Ist dann aber einfach mitten in der Wüste<br />

abgestiegen. Hat mich um meine Zeche geprellt. Jetzt lasst mich los!“<br />

rief der Goblin, bemüht so gut er konnte die Kontrolle zu behalten. Das<br />

gelang ihm nur halbwegs <strong>–</strong> allzu deutlich merkte man ihm seine Panik<br />

an, die er angesichts der dreimal so großen Taurin vor ihm hatte.<br />

Braunpelz nickte ihm zu, ließ ihn dann runter.<br />

„Dann soll uns dein Windreiter auch in den Teufelswald bringen.“ sagte<br />

sie entschlossen.<br />

Der Goblin sah die Taurin an und brach dann in lautes Gegröle aus.<br />

- 107 -


„Was? Ihr drei? In den Teufelswald? Seid ihr irre? Allein schon du bist so<br />

fett, das mein Windreiter in der Mitte durch....“ begann der Goblin,<br />

kam aber nicht weiter, da er gerade in dem Moment eine ‚leichte’<br />

Ohrfeige von Braunpelz kassiert hatte.<br />

Nun...bei Tauren sind auch leichte Ohrfeigen härter als ein Faustschlag<br />

unter Goblins. Jedenfalls hatte die gereicht, um den Grünling ins Reich<br />

der Träume zu schicken.<br />

„So viel zum Thema Windreiter. Und nu?“ kratzte sich Teborasque am<br />

Kopf.<br />

„Ich könnte uns mit einem Zauber nach Orgrimmar bringen. Von dort<br />

aus ist es nicht mehr sehr weit bis zum Teufelswald.“ schlug Bwalkazz<br />

vor.<br />

Beide starrten den Magier verblüfft an. „So etwas kannst du?!“ fragte<br />

Braunpelz überrascht.<br />

„Sicher. Das ist keine Kunst.“<br />

„Und warum hast du das nie gesagt, Mann?“ fragte Teborasque, die<br />

Arme vor der Brust verschränkend.<br />

Bwalkazz zuckte mit den knochigen Schultern und zupfte sein Gewand<br />

zurecht. „Du hast nie gefragt.“<br />

Dann griff er in seine Robentasche und holte eine Rune heraus. Seine<br />

Hände begannen zu glühen, ließen das Glimmen der Rune zu einem<br />

strahlenden Licht wachsen, während sie wuchs und wuchs und wuchs.<br />

Dann schließlich bildete die Rune einen Durchgang. Vage erkannte<br />

man dahinter Umrisse von Gängen und hörte Gespräche von<br />

unterschiedlichen anderen Hordlern. Ein Sprachenmischmasch, der<br />

nicht viel mehr war als lautes Geplapper.<br />

„Geht hindurch. Der Zauber wird nicht lange halten.“ sagte Bwalkazz<br />

und deutete den beiden an zu gehen.<br />

Sie nickten. Zuerst ging Teborasque, einen Dolch sicherheitshalber<br />

griffbereit haltend. Dann folgte sein Begleiter und auch Braunpelz.<br />

Zuletzt ging auch Bwalkazz durch das Leuchten, das die Rune abgab.<br />

Kaum war er durch das Portal geschritten, schrumpfte es rasant. Das<br />

Glühen schwand und wurde wieder zu lediglich jener Rune, die zu<br />

Boden stürzte und nun gänzlich ohne Glänzen und Leuchten am<br />

Boden des Kraters lag, ihrer Macht beraubt.<br />

- 108 -


„Es wird dir nichts nützen, mit diesen Verrätern zu sprechen.“ knirschte<br />

der Schatten auf den Hexenmeister ein, der sich derweil durch<br />

Ashenvale hindurch Richtung Teufelswald bewegte.<br />

„Sie sind Dilettanten, die auch nur der Legion dienen werden. Sie<br />

wollen es sich nur nicht eingestehen.“<br />

„Sie dienTen euch einmal. Doch jetzt sind sie frei von diesem Einfluss.“<br />

widersprach Vadarassar dem schwarzen Geist, der ihn umgab. „Sie<br />

sind noch immer Dämonen der Verdammnis, aber nicht mehr unter<br />

eurer Kontrolle. Von ihnen werde ich lernen.“<br />

„Sie werden dich zerreißen und fressen.“<br />

„Dann mag eben das geschehen.“<br />

„Sie werden dich gegen deine Freunde einsetzen.“<br />

„Ebenso wie du es mir prophezeist. Ich habe also nichts zu verlieren.“<br />

„Dummer Orc. Elender Narr.“<br />

„DAS soll Orgrimmar sein?!“ zweifelte Braunpelz, als sie die schwarzen<br />

Bauwerke und den verbauten Himmel sah. Von dem Geruch, der<br />

allgegenwärtig war, wollte sie ganz und gar nicht reden.<br />

„Boah Mann, wenn das hier Orgrimmar ist, dann bin ich Thrall<br />

persönlich.“ brummte Teborasque und sah sich ebenfalls um. Es roch<br />

hier....nach Verwesung....nach uraltem, verrotteten Fleisch. Das<br />

Konstrukt, aus dessen offenem Brustkasten alle möglichen<br />

alchemistischen und magisch veränderten Organe und Konstrukte<br />

hingen, bestärkten den Verdacht, das Orgrimmar weit, WEIT weg war.<br />

„Ein Versehen meinerseits.“ murrte Bwalkazz. „Das Portal nach<br />

Orgrimmar ist mir noch nicht bekannt. Deswegen führte uns der<br />

Zauber nach Unterstadt.“<br />

„Na toll!“ schnaubte Braunpelz. „Anstatt uns näher an den Teufelswald<br />

heran zu bringen, schleuderst du uns einfach mal so kurzerhand auf<br />

den falschen Kontinent!“<br />

„Ich sagte bereits, das es mein Fehler war und er mir leid tut.“ murrte<br />

Bwalkazz so monoton wie er nur konnte. „Mit dem Luftschiff werden wir<br />

- 109 -


nach Orgrimmar kommen. Es braucht etwa einen Tag für die<br />

Überfahrt.“<br />

„Ein Tag....“ knurrte sie.<br />

„He kl<strong>eines</strong>. Beruhig dich. Was haste denn?“ versuchte Teborasque sie<br />

zu beruhigen.<br />

„Was ich habe?“ fragte sie den Troll, ihn mit beiden Augen fest<br />

ansehend. „Einer unserer Freunde ist in Not und du fragst, was ich<br />

habe, weil ich mir Sorgen mache?“<br />

„Hör mal <strong>–</strong> der wird schon gut auf sich aufpassen. Der ist doch nicht<br />

blöd.“ beschwichtigte der Jäger.<br />

Sie nickte. Er hatte Recht....hoffentlich....<br />

Drei Satyrwachen hatten Vadarassar eingekreist, erwarteten, dass der<br />

Hexenmeister jeden Moment Flüche oder andere Kampfzauber<br />

loslassen oder zumindest seine Waffe ziehen würde. Doch nichts<br />

dergleichen geschah. Er stand nur inmitten der Dämonen und sah sie<br />

mit leerem Blick an.<br />

„Schachmatt du Trottel. Jetzt gibt es keinen Weg mehr für dich zurück.<br />

Blicke in deinen eigenen, qualvollen Tod.“ verabschiedete sich der<br />

Schatten von dem Hexenmeister. Dann krachte etwas auf seinen<br />

Hinterkopf...und Dunkelheit umgab ihn.<br />

Ruhe...endlich Ruhe von diesem ständigen Geflüster, das ihn fast<br />

wahnsinnig gemacht hätte.<br />

- 110 -


Kapitel 20 <strong>–</strong> Der Schattenrat<br />

„Ein neuer Sklave? Oder hattet ihr nur Hunger und habt euch einen<br />

Wanderer geschnappt?“ fauchte einer der Satyrn die beiden an, die<br />

den grünlichen Hexenmeister hinter sich her zogen.<br />

„Hat sich hier zu uns verirrt. Wollte nicht kämpfen.“<br />

„Wie dumm von ihm.“<br />

„Wollen wir ihn ins Verlies werfen?“<br />

„Nein. Lord Schattenfluch soll über ihn entscheiden.“<br />

Knarzend wog der lange, morsche Turm im aufbrausenden Wind.<br />

Nicht zu fassen, was die Untoten hier als Zeppelinturm an die<br />

Goblingesellschaft vergeben hatten. <strong>Die</strong>ser Turm hier war eine<br />

Ruine....nein....es gab Ruinen, die in einem besseren Zustand waren als<br />

dieses windschiefe Gebilde, das nur noch vom Kot der Holzwürmer<br />

und den Spinnweben zusammen gehalten wurde.<br />

Eine Fledermaus setzte sich auf die Laterne am Eingang des Turms, sah<br />

mit ihren kleinen, schwarz glühenden Augen auf die Drei herab, die<br />

vor dem Turm standen und offenkundig zweifelten, ob sie geisteskrank<br />

genug waren, in diesen vertikalen Trümmerhaufen hinein zu gehen.<br />

„Keine dreißig Kodos bringen mich in diesen Turm!“ protestierte<br />

Braunpelz und verschränkte ihre Arme. „Ich bin doch nicht<br />

lebensmüde.“<br />

„Stell dich doch nicht so an, Mann. Bisschen riskant, aber interessant!“<br />

munterte Teborasque sie auf, ihr einen kräftigen Klaps auf den Rücken<br />

verpassend.<br />

<strong>Die</strong> Taurin indes fand das gar nicht so lustig, wie der Troll. „Riskant?<br />

Gegen diesen Turm sind deine Basteleien Meisterwerke, die immer<br />

ihren Zweck erfüllen und niemals kaputt gehen. Bei dem Turm kann<br />

man sich nur in einem sicher sein: Wir werden sterben!“<br />

„Ich bin schon einmal dort oben gewesen. Und er hat gehalten. Sogar<br />

die drei Tauren, die mit mir zusammen mit dem Luftschiff gefahren<br />

sind.“ sagte Bwalkazz mit bewährt monotoner Stimme. Doch auch das<br />

konnte Braunpelz nicht beruhigen.<br />

- 111 -


<strong>Die</strong> glimmenden Augen verdrehend und damit in Dämmerlicht<br />

verhüllend ging Bwalkazz los, betrat den Turm und stieg die Treppen<br />

hinauf. Sie knarzten deutlich hörbar, bogen sich sichtbar, brachen<br />

aber nicht.<br />

Teborasque folgte dem Magier. Selbst unter seinem Gewicht, das sich<br />

dank der mit Ketten verstärkten Lederrüstung zu einer beträchtlichen<br />

Summe addierte, blieben die Planken stabil.<br />

„Nu komm schon, Mann. Ich halt dich fest, wenn du fallen solltest.“<br />

sagte er grinsend und stieg dann weiter nach oben, ließ Braunpelz<br />

allein dort unten stehen.<br />

<strong>Die</strong> blickte noch immer auf den Eingang, die zerbrochenen<br />

Schieferdachpfannen, die riesigen Löcher in den Wänden und die<br />

unzähligen Holzwürmer, die aus dem Fußboden heraus schauten und<br />

sie anstarrten.<br />

Endlich machte sie einen Schritt in das Gebäude hinein. Vorsichtig....so<br />

leichthufig wie irgend möglich ging sie voran, wog jeden Schritt ab,<br />

blieb stehen und hob dann ebenso vorsichtig wieder einen Huf wie sie<br />

ihn vorher aufgesetzt hatte.<br />

Dann gingen die Stufen hinauf. Verdorrtes Holz, der faulige Geruch<br />

von Schimmel überall. Sie legte eine Hand auf die Wand rechts neben<br />

ihr, wollte sich an dieser im Zweifel festhalten, wenn ihr der Boden unter<br />

den Hufen schlagartig wegbrechen sollte <strong>–</strong> was ihrer Meinung jeden<br />

Augenblick passieren könnte. Doch statt einer festen Wand fand ihre<br />

Hand nur eine morsche Holzverkleidung, durch die diese ungebremst<br />

hindurch brach. Holzsplitter regneten zu Boden, ließen sie erschreckt<br />

einen schnellen Schritt nach vorn machen.<br />

<strong>Die</strong> Balken unter ihr ächzten und knirschten. Noch mitten im<br />

Ausfeilschritt erstarrte ihr Gesicht....<br />

...die Planken hielten. Ob es irgendeine Hexerei oder die doch sehr<br />

festen Spinnweben waren <strong>–</strong> dieses verrottete Holz hielt dennoch ihr<br />

Gewicht.<br />

Vom Schock gerade so erholt ging sie weiter, kletterte die Stufen<br />

hinauf. Noch immer achtete sie auf jeden Schritt, versuchte den<br />

Boden trotz alledem so wenig wie möglich zu belasten. Dann endlich<br />

endeten die Stufen und eine Plattform wurde sichtbar. Ein Zeppelin<br />

schwebte am Ende <strong>eines</strong> langen Steges, der beängstigend wankte. Es<br />

erinnerte sie in bizarrer Weise an jenen Steg in dem Piratennest im<br />

- 112 -


Schlingendorntal. Mit dem Unterschied, das dieser Steg hier gute<br />

hundert bis zweihundert Meter hoch in der Luft hing, lediglich gehalten<br />

von Seilen, die ihre besten Jahre irgendwann zu den Zeiten der Urväter<br />

gehabt haben mögen.<br />

Ein Goblin stand am Heck des großen Zeppelins und schlug mit einem<br />

Schraubenschlüssel, der zweimal so groß war wie er selbst, auf den<br />

Motor ein. <strong>Die</strong>ser stotterte, knallte und knirschte.<br />

Teborasque und Bwalkazz standen beide schon an Bord des<br />

Luftschiffs, winkten ihr zu.<br />

„Beeil dich mal lieber! Der Zeppelin legt gleich ab!“ rief Teborasque<br />

der Druidin zu. die klammerte sich noch immer an den Turm selbst,<br />

wollte eigentlich nicht auf das Podest hinaus.<br />

‚Nicht rennen’ wies ein Schild direkt neben ihr die möglichen<br />

Passagiere des Luftschiffs an. Doch sie würde nun wohl keine Wahl<br />

mehr haben. Ein Knall ließ sie aus ihren Gedanken und<br />

Horrorvorstellungen wieder aufwachen <strong>–</strong> der Motor des Zeppelins war<br />

endlich angesprungen und der riesige Propeller an der Rückseite<br />

begann sich gleichmäßig zu drehen.<br />

„Jetzt oder nie.....ich werde sterben....ganz sicher....“ murmelte sie vor<br />

sich hin, löste sich dann von dem Turm und machte einen Schritt auf<br />

die Plattform.<br />

Sie schluckte, kniff die Augen zu und sprintete dann los.<br />

„Nicht rennen hier!“ brüllten die beiden Goblinwachen neben ihr,<br />

hoben beide ihre Hände....doch der Druidin war diese dumme<br />

Anweisung egal. Sie rannte so schnell sie konnte, spürte das Holz unter<br />

sich knirschen und ächzen, die Seile knarzten dazu passend im Chor.<br />

Etwas knallte laut. Mitten im Sprint wanderte ihr Blick nach links....<br />

....das eine Seil war mit einem Mal zerrissen. Wie in Zeitlupe sackte das<br />

eine Ende des Seils nach unten.<br />

Sofort reagierte die Plattform, sackte zur einen Seite ab und knirschte<br />

noch lauter. Das Geländer begann zu splittern und schwarzen<br />

Sägespänedampf auszustoßen.<br />

Braunpelz schluckte, machte noch größere Schritte. Nur noch drei<br />

Meter....eine Taurenlänge.....<br />

- 113 -


Es krachte unter ihren Hufen. Das Holz zerbarst und gab ihr den Weg<br />

nach unten frei. Mit aller Kraft sprang Braunpelz ab, warf ihre Hände in<br />

Richtung Zeppelinseite und segelte mit diesen nur um Fingerbreite an<br />

der Reling des Luftschiffes vorbei.<br />

Zwei starke Hände umklammerten wie Schraubzwingen ihr linkes<br />

Handgelenk.<br />

„Hab dich!“ rief Teborasque, stemmte sich mit beiden Beinen gegen<br />

die Seitenwand des Zeppelins und zog an der felligen Hand in seinen<br />

Händen. Nur zu deutlich spürte er ihren Schweiß und damit seine<br />

Angst, sie fallen zu lassen. <strong>Die</strong>se Angst verlieh ihm unbeschreibliche<br />

Kräfte, ließ seinen Griff noch fester werden und die Taurin hinauf<br />

ziehen.<br />

Ihre andere Hand ergriff die Reling und langsam zog sie sich mit seiner<br />

Hilfe an Bord des losknatternden Zeppelins. Gänzlich erledigt blieb sie<br />

auf dem Rücken liegen, atmete schnell hechelnd und fasste sich dann<br />

mit einer Hand an das gerade eben noch festgehaltene Handgelenk.<br />

„Ganz....schön....fester....Griff....“ ächzte sie, sah zu dem Troll, der sie<br />

angrinste.<br />

Dann richtete sie auf und sah eine einzelne Planke der Plattform an<br />

ihrem Bein. Ihr Huf war glatt hindurch gestoßen und hatte das Brett<br />

eiskalt mitgerissen. Angewidert stampelte sie das Brett los und stand<br />

dann auf.<br />

Erst jetzt bemerkten die beiden, das Bwalkazz seinerseits an der Reling<br />

stand und sein Blick zu dem Turm gerichtet war.<br />

„So viel also zu diesem Turm.“ murrte er.<br />

<strong>Die</strong> beiden anderen verstanden zuerst nicht, blickten dann selbst hin<br />

und sahen, was der Magier wohl meinte.<br />

Wie in Zeitlupe krachten etliche Planken an dem Turm herunter. <strong>Die</strong><br />

Spitze pendelte dank dieses sich ständig veränderten Gewichts hin<br />

und her, der Mittelteil gab ein unschönes Stampfen von sich. Dann<br />

sackte der Turm in sich zusammen und hinterließ ein riesiges Rudel<br />

aufgescheuchter Fledermäuse und eine riesige Staubwolke.<br />

„Ihr braucht nen neuen glaube ich.“ meinte Teborasque, sein Grinsen<br />

nun verschluckend.<br />

„In der tat.“ war das einzige, was Bwalkazz sagte. Der Blick, den er<br />

Braunpelz zu warf, reichte aus. <strong>Die</strong> indes lief rings um ihre Nase leicht<br />

rötlich an.<br />

- 114 -


War sie das etwa gewesen?<br />

„Mylord, dieser Narr hat es gewagt, in unser Territorium einzudringen.“<br />

sagte Pjek, Vertrauter von Lord Schattenfluch. <strong>Die</strong>ser machte einen<br />

Schritt nach vorn und neigte seinen Kopf nur kurz nach unten.<br />

<strong>Die</strong> Verdammnislords waren eindrucksvolle Dämonen. Nach ihrer<br />

Niederlage im letzten Krieg hatten sie sich nur zu Teilen wieder der<br />

Legion angeschlossen. Einer von ihnen war angeblich von den<br />

Verlassenen ‚überredet’ worden, mit ihnen gemeinsame Sache zu<br />

machen. Wieder andere dienten ihrer ganz eigenen Sache.<br />

Schattenfluch war offensichtlich jemand, der sich der Macht und<br />

Kontrolle der Legion zu entziehen wusste, die Kräfte jener jedoch<br />

vorzüglich für seine eigenen Zwecke einzusetzen wusste.<br />

„Er ist ein Schattenhafter.“ war seine schnelle Erklärung, als er den Orc<br />

nur grob betrachtete. „Einer dieser Hexenmeister, verführt von der<br />

Dunkelheit.“<br />

Erst jetzt erwachte Vadarassar aus seiner Benommenheit. Sein Schädel<br />

brannte von dem Schlag, den er kassiert hatte. Ein metallischer<br />

Geschmack lag auf seiner Zunge und mehr als eine schummerige,<br />

verschwommene Sicht wollten ihm seine Augen nicht gestatten.<br />

Wenigstens war dieses Flüstern nicht mehr hörbar. ein Gutes also...<br />

„Er erwacht also. Vorzüglich. So kannst du mir verraten, was dein<br />

Begehr war, als du in das Reich des Schattenrates eingedrungen bist,<br />

ehe ich dich an die Schlammwühler und Schleimblasen verfüttere.“<br />

groll der große Dämon.<br />

„Ich...bin gekommen....um zu lernen. Um....Teil des....Rates zu<br />

werden.....“ würgte der Hexenmeister heraus, griff dabei in einen Teil<br />

seiner Tasche, den er seit Ewigkeiten nicht mehr berührt hatte.<br />

Eine kleine Rune kam hervor. Eine Insignie. Jene Insignie, die er einst<br />

benutzt hatte, um Neeru zu täuschen.<br />

Der Dämon warf einen abfälligen Blick auf das kleine Ding in der Hand<br />

des Grünlings. Seine Mine zeigte keine Gemütsregung, hätte nun<br />

sowohl als Zustimmung wie auch Ablehnung durchgehen können.<br />

Dann bellte er Befehle.<br />

- 115 -


„Bringt ihn in eine Adeptenkammer. Lasst ihn ausruhen und bringt ihm<br />

Wasser. Und bewacht ihn gut. Heute Nacht werde ich mich genauer<br />

mit ihm befassen.“<br />

<strong>Die</strong>se Befehle reichten, um eine ganze Armada von Dämonen in<br />

Bewegung zu setzen. Wieder verschwamm das Bild vor den Augen<br />

des <strong>Hexenmeisters</strong>. Das nächste was er spürte war eine steinharte<br />

Matratze und ein Eimer Wasser, der über ihm ausgeleert wurde.<br />

- 116 -


Kapitel 21 <strong>–</strong> Entscheidungen<br />

„Was machst du denn da?“ brummte Bwalkazz, in der Kabine unter<br />

Deck dem Troll ihm gegenüber zusehend. <strong>Die</strong>ser war mit allen<br />

möglichen Werkzeugen am hantieren, hatte goldene, grünliche,<br />

gelbliche, weiße, metallene Gegenstände über den Tisch und den<br />

halben Fußboden gleichmäßig verteilt und schraubte nun gerade an<br />

einem besonders großen Eisenteil.<br />

„Ich baue eine bessere Mausefalle.“ erklärte Teborasque, eine Brille<br />

überziehend, die seine Augen um ein vielfaches größer aussehen ließ.<br />

„Du hast deinen Kater. Der ist eine Mausefalle, die gut genug sein<br />

sollte.“ meinte der Magier, den Kopf schüttelnd.<br />

Teborasque grinste, tastete blind rechts neben sich, erwischte dabei<br />

den Eimer Öl und führte ihn zum Mund. Einen Schluck später merkte er,<br />

dass das hier kein Kaffee war und spuckte die schwarze, klebrige<br />

Masse im hohen Bogen gegen die nächstbeste Wand. Einen kurzen<br />

Huster später hatte er schließlich seine Kaffeetasse in der Hand und<br />

nahm daraus einen kräftigen Schluck.<br />

„Der fängt Ratten. Liebend gern sogar. Aber Mäuse....mit kleinen<br />

weißen Mäusen kann man reich werden, Mann! Schon einmal von<br />

dem Jahrmarkt gehört? <strong>Die</strong> suchen diese Viecher!“<br />

„Wozu könnte ein Jahrmarkt kleine, weiße Mäuse gebrauchen?“<br />

fragte der Magier verwundert, noch immer verzweifelt versuchend,<br />

wie um alles in der Welt dieses Konstrukt aus Eisen, Mithril, Holz, Bolzen,<br />

Bindfaden, Teer, Öl und einem mit künstlichen Geschmacksverstärkern<br />

getränkten Stück Alteraclochkäse in der Mitte denn Mäuse fangen<br />

sollte.<br />

„Is doch egal, Mann. Wichtig is nur, das ich mit dem Ding hier reich<br />

werde. Sieh her <strong>–</strong> nur noch ein Dreh und.....“ sagte der Troll, setzte den<br />

Schraubendreher an und machte zwei Umdrehungen.<br />

Eine Sprungfeder verabschiedete sich mit einem lauten Pling aus der<br />

Konstruktion, sprang dafür einmal quer durch den Raum und in das<br />

Getränk <strong>eines</strong> Taurenkriegers. Der setzte den Krug unbeirrt an, leerte<br />

diesen und wunderte sich lediglich über das metallene, feste Bouquet<br />

s<strong>eines</strong> Wassers, kaute noch einige Male auf der Feder herum und<br />

spuckte dann ein Knäuel Metall in den nächstbesten Spucknapf.<br />

- 117 -


Dann brach auch noch der Rest der Falle zusammen. Ein kl<strong>eines</strong><br />

Rauchwölkchen stieg davon auf und dann lagen nur noch einige<br />

verbogene Einzelteile vor dem Troll.<br />

„Mhh...schon wieder. Ich muss unbedingt den Fehler in der<br />

Konstruktion finden.“ brummte Teborasque, das Werkzeug erneut<br />

nehmend, um von vorne anzufangen.<br />

„Vielleicht ist der Konstrukteur der Fehler?“ schlug Bwalkazz vor.<br />

„Sehr witzig.“<br />

Braunpelz stand am Bug des Luftschiffes und spähte so weit nach vorn,<br />

wie sie nur konnte. Dank ihrer Verbundenheit zur Natur, den Tieren und<br />

allem Lebenden konnte sie, wenn sie ihre Kräfte konzentrierte, mit den<br />

Augen <strong>eines</strong> Adlers spähen. Doch selbst mit einem solch scharfen Blick<br />

war sie nicht in der Lage, durch die dichte Nebelwand hindurch etwas<br />

zu sehen. Nur der salzige Geruch verriet ihr, dass unter ihnen wohl<br />

noch das Große Meer sein musste. Das und tausende kleine sowie<br />

Millionen große Gefahren.<br />

„Wann kommt Kalimdor endlich in Sichtweite?“ rief sie dem Goblin am<br />

Steuerrad zu. Der indes war eingeschlafen. Eine kleine, unscheinbare<br />

Metallbox piepte dafür fleißig drehte das Steuerrad wie von<br />

Geisterhand mal etwas nach links, dann nach rechts.<br />

„Hallo! Wie weit ist es noch?“ brüllte Braunpelz lauter.<br />

Der Goblin sprang erschreckt auf, griff instinktiv in die Speichen des<br />

großen Rades und tat so, als wäre nichts passiert.<br />

„Ich ähh....ich glaube....ähhh....“ stotterte er, blickte auf den Kompaß<br />

neben ihm.<br />

„In....vier Stunden sollte das Ufer sichtbar....ähhh....werden.“<br />

Braunpelz nickte mehr oder minder zufrieden, blickte dann wieder<br />

nach vorn in die Leere.<br />

So weit noch. So unglaublich weit. Was in der Zeit nur mit dem<br />

Hexenmeister passieren würde?<br />

„Der Schattenrat ist dir also vertraut.“ groll Schattenfluch den<br />

Hexenmeister an, der mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, an<br />

- 118 -


Armen und Beinen gepackt und ihm vor die Hufe geschmissen worden<br />

war.<br />

Vadarassar starrte steif nach oben. Ein falsches Wort von ihm und er<br />

wäre tot <strong>–</strong> das war ihm klar. Dafür hatte er ein Gespür.<br />

Statt etwas zu sagen, nickte er nur knapp. Das schien dem<br />

Dämonenlord zu gefallen, denn statt nur stur da zu stehen, ging er in<br />

großen Schritten um das Häufchen Hexenmeister herum.<br />

„Jetzt verrate mir, weshalb du hier bist. Deine <strong>Die</strong>nste anbieten <strong>–</strong> das<br />

kannst du den Handlangern erzählen. Sie sind einfacher gestrickt, als<br />

du es bist.“<br />

War er durchschaut worden? Nein...noch nicht. Vadarassar hob den<br />

Kopf, sah zu dem Dämonenlord und sagte, was er sich zurecht gelegt<br />

hatte.<br />

„Ich bin hier, um die Kontrolle der Schattenmacht zu erlangen. Ich will<br />

meinen Schatten kontrollieren!“<br />

„Nein....das wirst du niemals schaffen. Du wirst weder mich noch die<br />

Legion kontrollieren. Du wirst ihr dienen....und du wirst vor mir auf die<br />

Knie fallen!“ war mit einem Schlag und der passenden Erwähnung das<br />

Flüstern des Schattens wieder da.<br />

Schattenfluch hob eine der Brauen, griff dann nach dem<br />

Hexenmeister und zog ihn in seine Augenhöhe.<br />

„Es erfordert viel Courage, viel Einsatz und Überwindung, um seinen<br />

Schatten zu kontrollieren und die wahre Macht der Schattenmagie zu<br />

enthüllen. Ich zweifle daran, das du dazu bereit bist oder jemals sein<br />

wirst, schwächlicher Orc.“<br />

Dann ließ er den Orchexenmeister einfach wieder zu Boden fallen und<br />

ging, ihm den Rücken zukehrend, einige Schritte weg.<br />

„Ich bin bereit, den Weg zu gehen und es zu versuchen. Wenn ich<br />

scheitere...dann tut mit mir was ihr wollt. Doch ich will es versuchen.“<br />

groll der Orc mit gesenkter Stimme.<br />

Schattenfluch blieb stehen, blickte über die Schulter.<br />

„Deine Seele.“ groll er wieder. „Deine Seele gehört dir nicht länger. Du<br />

wirst sie als Pfand reichen, bis du einen würdigen Ersatz für sie reichen<br />

kannst.“<br />

- 119 -


Ein brennendes Pentagramm schloss sich um Vadarassar. Schwarze<br />

Energie knisterte ringsum in der Höhle.<br />

„Das ist dein Ende. Das ist dein Tod. Du hättest es so viel leichter haben<br />

können...jetzt ist dein Ende da....“ feierte der Schatten, um den Orc<br />

herum tänzelnd wie ein kl<strong>eines</strong> Kind. Dann erstarb er im grellen<br />

Schattenlicht, das aus allen Seiten auf den Orchexenmeister<br />

einprasselte.<br />

Schmerzen. Unvorstellbare Schmerzen donnerten auf den<br />

Hexenmeister ein, als etwas aus ihm, seinem Körper, seinem Selbst<br />

herausgerissen wurde, was so fester und eigener Teil war. Eine lila<br />

glühende Kugel schoss in seine Brust, ließ den ganzen Körper<br />

aufglühen und erhob sich dann, nachdem sie einmal durch ihn<br />

hindurch geflogen war, über seinen Kopf. Eine leicht bläuliche Flamme<br />

loderte nun in ihrem Innern.<br />

„Deine Seele. Sie wird dir als Talisman zurückgegeben werden, wenn<br />

du dich bewiesen hast. Bis dahin wird sie deine Fähigkeiten nicht<br />

länger eingrenzen. Sieh und spür die Macht des Schattenrates <strong>–</strong> wenn<br />

das wirklich das ist, das du willst.<br />

Erneute Flammen aus schwarzer Schattenenergie prallten auf den<br />

Orchexenmeister, ließen die grüne Haut kochen, unzählige<br />

Brandblasen die vorher leicht bleiche Haut aufquellen. Feuer glomm in<br />

den Augen, Schreie von nicht beschreibbarer Pein verließen die Kehle<br />

des <strong>Hexenmeisters</strong>.<br />

<strong>Die</strong> Kerzen im Ring über dem Ritual warfen meterlange, dolchartige<br />

Flammen in die Höhe, bogen ihre Klingen nach unten und in Richtung<br />

des <strong>Hexenmeisters</strong>, der bei diesen Qualen jeden Widerstand aufgab.<br />

Er würde sterben...zweifellos. Er würde hier und jetzt sterben. Langsam<br />

und qualvoll.<br />

Er würde....<br />

....es wurde schwarz um ihn herum. Endlich wurde es schwarz.<br />

Ein Tritt in seinen Rücken ließ Vadarassar schlagartig die Augen öffnen.<br />

Noch immer brannte sein Körper unter unvorstellbaren Schmerzen.<br />

Doch der Ort war ein anderer. Ein Satyrn stand ihm gegenüber, blickte<br />

ihn mit ernsten Augen an.<br />

- 120 -


„Ein sehr starker Wille, den du hast. Nicht einer von hundert hat einen<br />

derart starken Willen. Lord Schattenfluch ist beeindruckt.“ lispelte der<br />

Satyrn mit scharfer, spitzer Stimme, als wären die Buchstaben, die er<br />

zwischen seinen scharfen Zähnen formte, kleine Nadeln, die er auf den<br />

Hexer spuckte.<br />

Vadarassar strich sich über die Arme.<br />

Haut. Verbrannte, verkohlte Haut. Aber kein Fell...und auch keine<br />

Hörner. Zum Glück.<br />

„Du wirst nicht verändert werden. <strong>Die</strong>sen Segen erhältst du nicht.<br />

Kontrolle ist, was du dir wünschst. Kontrolle ist, was du erhalten wirst.“<br />

„Dort! Dort! Land!“ brüllte Braunpelz und riss den Goblin damit ein<br />

weiteres Mal aus dem Land der Träume. Tatsächlich <strong>–</strong> dort lag die<br />

rötliche Küste von Kalimdor, von Durotar, dem Land der Orcs und<br />

Trolle.<br />

Und dort war schon der kleine Turm, an dem zwei andere Goblins mit<br />

Tauen schon darauf warteten, den Zeppelin einzufangen und<br />

festzubinden.<br />

Voller Aufregung stürmte Braunpelz die Treppen zur Kabine herunter.<br />

„Wir sind da! Beeilt euch <strong>–</strong> wir sind da!“ brüllte sie in den Raum.<br />

Teborasque, der gerade noch mit seinem Schraubendreher an Modell<br />

Nummer neun seiner Mausefalle gearbeitet hatte, hielt diesen noch<br />

immer in den Fingern. Durch den Schreck jedoch hatte er das<br />

Werkzeug derart weit nach vorn gestoßen, das die Spitze nun im<br />

Goldkraftkern drin steckte und ein zischendes Geräusch den Raum<br />

erfüllte.<br />

Erst erstarrte er bei dem Anblick, dann griff er entschlossen nach dem<br />

Kraftkern und warf ihn zum Fenster raus.<br />

Am Boden war gerade ein Jüngling, der mit seinem kleinen Bogen<br />

verzweifelt versuchte, die nahen Skorpide zu erledigen. Ein leidiges<br />

Geschäft, denn dank seiner Jugend, dem Bogen, den sogar ein Stock<br />

mit einem Bindfaden dran in Qualität geschlagen hätte und Pfeilen<br />

mit der Aerodynamik <strong>eines</strong> übergewichtigen Ogers fühlten sich die<br />

Skorpide eher zum totlachen als zum getötet werden ermutigt.<br />

- 121 -


Mit einem kleinen Pling landete der Goldkraftkern im Sand neben<br />

vielen der Skorpide. Neugierig blickte der junge Orcjäger, was denn<br />

da einfach so aus dem Himmel gefallen war...<br />

....dann knallte es lautstark. Eine Explosion, die man selbst noch im<br />

schon entfernten und fünfzig Meter hoch fliegenden Zeppelin durch<br />

die folgende Druckwelle deutlich spürte.<br />

Der Orcjäger war beeidnruckt. Nicht nur hing er nun in einem Felsen<br />

und hatte seine Umrisse einen guten halben Meter tief<br />

eingedrückt....außerdem hatte dieses kleine Ding gerade so ziemlich<br />

jeden Skorpiden in der Umgebung in den Tod gerissen.<br />

„Na toll. Das war mein letzter Kraftkern.“ brummte Teborasque und sah<br />

zu dem nun nutzlosen Konstrukt aus Stahl und Holz, das ohne einen<br />

Kraftkern nicht mehr als ein bizarres Kunstwerk war (na ja...mit vielleicht<br />

auch. Aber das konnte man jetzt nicht mehr sagen).<br />

„Ach lass doch deine Spielereien. Wir sind da! Los, kommt schon!<br />

Bewegung!“ feuerte Braunpelz den Troll, unbeeindruckt von seinem<br />

Schicksal <strong>–</strong> und im ganz speziellen dem seiner Basteleien <strong>–</strong> beeindruckt<br />

zu sein.<br />

Der Zeppelin hatte noch nicht einmal ganz fest gemacht, da zog die<br />

Druidin die anderen beiden schon auf den Turm und die<br />

Wendeltreppe herunter.<br />

„Loslos, Beeilung! Es kann auf jede Minute ankommen!“ spornte sie die<br />

beiden immer wieder an. Dann liefen sie los...nächster Halt:<br />

Teufelswald.<br />

- 122 -


Kapitel 22 <strong>–</strong> Auge um Auge<br />

„Bäh...habt ihr die Wölfe da gesehen?“ sagte Teborasque angewidert,<br />

auf ein Rudel Wölfe deutend.<br />

„Bei denen sieht man ja die Rippen!“<br />

„Hast du ein Problem damit?“ fragte Bwalkazz und zog seine Robe<br />

demonstrativ nach vorne.<br />

„Ähh...das ist was anderes. Aber die da sehen lebendig aus. Und doch<br />

sind sie...Flickenteppiche. Als wären se von irgendwas zerfressen<br />

worden.“<br />

„<strong>Die</strong>ser Wald hier hat viel Leid gesehen. Er ist dem Tode näher als dem<br />

Leben. So viel Böses <strong>–</strong> da geht auch das Leben der Tiere nicht spurlos<br />

dran vorbei.“ erklärte Braunpelz, die Tiere mit einem traurigen Blick<br />

musternd. Es mussten schreckliche Schmerzen sein, die diese Tiere dort<br />

empfanden. Was hätte sie darum gegeben, Rast zu machen, um<br />

ihnen die Zuwendung zukommen zu lassen, damit sie von ihrem Leid<br />

endlich erlöst werden könnten. Doch leider hatte sie erst noch nach<br />

einem Freund zu sehen. Hoffentlich war er noch in Ordnung....<br />

„Hexenmeister.“ groll die Stimme von Schattenfluch laut an ihn heran.<br />

„Deine Fähigkeiten sind gestärkt, dein Potential über dem, was ich<br />

erwartet hatte. Deine letzte Prüfung wird bald kommen. Doch zuerst<br />

musst du die Gewalt über deinen Schatten erhalten.“<br />

„Hör nicht auf diesen Narr. Ich werde dir den Weg zeigen! Unter<br />

meiner Führung wirst du in die obersten Ränge der Legion<br />

aufgenommen werden.“ flüsterte die Stimme erneut. Doch Vadarassar<br />

hörte nicht mehr auf den Schatten, trat stattdessen in den Bannkreis,<br />

den Lord Schattenfluch ihm angewiesen hatte.<br />

„Damit du den Schatten bannen kannst, musst du ihn in deine Welt,<br />

deine Realität ziehen. Du musst ihn packen und ihn hierher ziehen.<br />

Dann wird er sich dir nicht mehr entgegen stellen können.“<br />

Vadarassar sah Schattenfluch an und nickte.<br />

<strong>Die</strong> Schatten....er war jetzt mit der dunklen Macht vertrauter als je<br />

zuvor. Dunkelheit floss durch seine Adern. Er war sich sicher <strong>–</strong> dank der<br />

Macht des Schattenrates konnte er die ihm gestellte Aufgabe<br />

vollbringen.<br />

- 123 -


„Wage es nicht. Ich werde dich vernichten, wenn du versuchen<br />

solltest, was der Kerl dir vorschlägt. Das verspreche ich.....“ begann der<br />

Schatten erneut, geisterte um Vadarassar herum.<br />

<strong>Die</strong> rechte Hand des Orchexenmeisters legte sich um die<br />

schemenhafte Kehle des Schattens.<br />

„Nein! Das kann nicht sein! Ich bin nicht antastbar für dich!“<br />

„Du hast mich lange genug gequält. Im Namen des Schattenrates<br />

banne ich dich, lege dir die Ketten der Sklavenschaft an.“ knurrte<br />

Vadarassar, griff mit der freien linken Hand an seine Gürteltasche und<br />

öffnete diese.<br />

Dutzende leise Stimmen brüllten aus dem Beutel heraus, jede von<br />

einem kleinen Kristall stammend. Ohne wirklich zu zielen griff sich der<br />

Hexenmeister eine der Stimmen und damit den entsprechenden<br />

Kristall. Dann schob er selbigen mitten in den Schatten, rammte ihn in<br />

den schemenhaften Körper hinein.<br />

„NEEEIIIIIIIINNNNN!“ brüllte der Schatten, waberte kurz vor der<br />

Materialisierung.<br />

„Ich banne dich. Ich werde nicht dir dienen, du wirst MIR dienen. Sei<br />

entrissen!“ knurrte Vadarassar wieder und wieder.<br />

<strong>Die</strong> schwarzen Schwaden verschwanden und brachten stattdessen<br />

einen Dämon zum Vorschein, gänzlich in eine rote Rüstung gekleidet.<br />

Nur die mit lilanen Ornamenten versehene Brustplatte unterschied sich<br />

von dem, was man sonst erwartet hätte.<br />

Eine Teufelswache. Ein Vertrauter der höchsten Dämonen der Legion.<br />

Stark und mächtig, nun zusammengekauert vor dem Hexenmeister.<br />

„Steh auf!“ befahl Vadarassar dem Dämonen. Der weigerte sich,<br />

fühlte dann lilane Blitze, die durch seinen Körper fuhren und ihm<br />

unsägliche Schmerzen bereiteten. Dann gehorchte er, richtete sich<br />

auf.<br />

Eiskalte Augen blickten den Hexenmeister an. Klar erkennbar war ein<br />

Todeswunsch darin. Entweder der Todeswunsch des<br />

<strong>Hexenmeisters</strong>....oder alternativ der eigene.<br />

„Du Nichtigkeit. Dank dir bin ich hier gefangen. Würde ich<br />

zurückkehren, wäre ich tot. Du hättest mich zerstören sollen.“<br />

„Wir zerstören nicht wie die Legion.“ brach Lord Schattenfluch ein.<br />

- 124 -


„Wir kontrollieren. Wir beherrschen. Wir zwingen jeden von euch in die<br />

Schranken und zerschlagen euch. Sie werden uns dienen <strong>–</strong> ob<br />

Bewohner dieser Welt oder die Legion.“<br />

„So <strong>–</strong> wo soll der Kerl jetzt stecken?“ fragte Teborasque, sich<br />

umsehend. Demonstrativ hob er einen Stein an, blickte darunter und<br />

zuckte mit den Schultern. Doch Braunpelz war sich mit einem Mal sehr<br />

sicher, deutete auf einen schmalen Gang gen Westen und die dort<br />

befindlichen Dämonen.<br />

„Dort....bei den Dämonen wird er sein.“<br />

Bwalkazz brummte. „Würde zu ihm passen. Aber sind ziemlich viele. <strong>Die</strong><br />

kriegen wir nicht alle ausgerottet.“<br />

„Ich kümmere mich darum.“ sagte Braunpelz und ging langsam auf<br />

die Dämonen zu. Schnell beugte sie sich nach vorn, ihr Fell wandelte<br />

sich und mit einem Mal war nicht mehr länger eine Taurin, sondern<br />

eine große Katze auf dem Weg in das Lager der Dämonen.<br />

„Biste bekloppt? <strong>Die</strong> erwischen dich doch! Und dann werden die dich<br />

einfach töten!“ rief Teborasque ihr hinterher.<br />

Sie stockte und drehte ihren Kopf zu dem Jäger.<br />

„Wenn die etwas haben, womit sie mich finden, dann verdienen sie<br />

es, mich zu erledigen.“ knurrte sie zurück, ging dann einige Schritte<br />

weiter und....verschwand.....einfach.<br />

Teborasque rieb sich die Augen.<br />

„Eh....sag mir, das ich keinen Knick in der Optik habe und die gerade<br />

wirklich verschwunden is!“<br />

„Du hast keinen Knick in der Optik und sie ist gerade wirklich<br />

verschwunden.“ sagte Bwalkazz monoton. Dann ging er selbst auf die<br />

Dämonen zu.<br />

„Wat? Willst du jetzt auch noch den Verschwindibus machen? Wenn<br />

ja, dann möchte ich aber mal gern wissen, was ihr mir sonst noch so<br />

alles verschweigt.“<br />

„Beweg zur Abwechslung mal deinen Bogen statt deinem Mund. So<br />

lange die Druidin weg ist, werden wir versuchen, die Dämonen hier in<br />

Schach zu halten. Das gibt ihr bessere Chancen. Klar?“<br />

- 125 -


Teborasque zuckte mit den Schultern, zog dann den Bogen und legte<br />

schon los.<br />

„Na dann....Dämonen metzeln. Hoffentlich hat einer was Interessantes<br />

dabei!“<br />

Das Lager war groß und inmitten des Lagers stand ein großer,<br />

verdorbener Mondbrunnen. Schon oft hatte sie makellose Exemplare<br />

in ihren Träumen gesehen....doch dieses hier stank schrecklich. Dann<br />

kam eine Höhle, in die sie hinein schlich.<br />

<strong>Die</strong> Präsenz von Vadarassar...sie spürte ihn ganz deutlich hier in der<br />

Nähe. Mit jedem Schritt wurde dieses Gefühl stärker, intensiver und<br />

kräftiger. Ruckartig blieb sie stehen, kauerte sich in eine Ecke, als eine<br />

Wache vorbei ging und sich nach möglichen Eindringlingen umsah.<br />

Fast unendlich tief ging dieser Pfad, vorbei an einem Tisch mit einem<br />

toten Nachtelfen darauf, wilden Bestien, zahllosen Satyren, einem<br />

aufgespiesten Menschen und dann erneut eine Weggabelung nach<br />

unten. Dort...ja....hinter dieser Ecke wäre er bestimmt. Da war sie sich<br />

jetzt ganz sicher. Sie spürte ihn so deutlich wie nie.<br />

„Na was haben wir denn da?!“ sagte ein Satyr grinsend, in Richtung<br />

von Braunpelz blickend. Sie war sich eigentlich sicher, von ihm nicht<br />

entdeckt werden zu können. Doch direkt neben dem Kerl stand<br />

es....ein Teufelsjäger....eine jener Kreaturen, die geistige Kräfte<br />

schmecken konnten. <strong>Die</strong> Tentakel des Monsterhundes zeigten genau<br />

auf sie. Einer traf sie stechend in der Seite, ließ den Tarnmantel, der<br />

gerade noch über ihr gelegen hatte, einfach fallen und sie in ihrer<br />

taurischen Gestalt erscheinen.<br />

Zwei Satyren griffen sofort nach ihr, hielten sie fest umklammert.<br />

Gegenwehr wäre sinnlos gewesen <strong>–</strong> hier standen noch Dutzende<br />

andere, gegen die Braunpelz zweifellos keinerlei Chance hatte.<br />

Ohne wirklich mehr als ein Recken an ihren Armen wurde sie nach<br />

vorn geschoben....und erstrahlte, als sie den von ihr gesuchten Orc<br />

dort unversehrt stehen sah.<br />

„Ahh...sieh einer an, was für einen Besucher wir hier noch haben. Eine<br />

Freundin von dir, nehme ich an.“ sagte Lord Schattenfluch mit einem<br />

Lächeln auf den dämonischen Lippen.<br />

- 126 -


„Eine Freundin und gleichsam dein letzter Test.“ sagte er nun mit einer<br />

deutlich schärferen Stimme.<br />

„Vada....bitte....bist du in Ordnung? Was ist denn hier los?“ rief<br />

Braunpelz, den Hexenmeister aus besorgten Augen anblickend.<br />

Doch Vadarassar zeigte keine Gemütsregung. Er durfte nicht....sah<br />

stattdessen steif zu Schattenfluch hinauf.<br />

„Deine letzte Aufgabe: Du musst jemanden opfern, der dir am Herzen<br />

liegt. Töte sie.“<br />

<strong>Die</strong> Mine des <strong>Hexenmeisters</strong> war erstarrt wie Eis. Erst jetzt sah er zu<br />

Braunpelz herüber, die ihre Augen weit aufgerissen hatte.<br />

„Töte sie und du wirst deinen Talisman zurück erhalten. Erst dann wirst<br />

du deine vollen Kräfte entfalten können.“ sagte Schattenfluch, den<br />

Satyren mit einer Handbewegung etwas deutend.<br />

„Los jetzt <strong>–</strong> TÖTE SIE!“<br />

Vadarassar zögerte noch immer, blickte Braunpelz an. Sein Herz, war<br />

es auch von schwarzer Magie erfüllt, schlug in seiner Brust umso<br />

schneller und befahl ihm, sich gegen diesen Befehl s<strong>eines</strong> Lehrers zu<br />

stellen.<br />

<strong>Die</strong> Satyren hielten die Taurin fest, zogen ihre Arme auseinander und<br />

fixierten sie so perfekt, damit sie nicht würde ausweichen können.<br />

Ein lilanes Glühen umrundete die Hände des <strong>Hexenmeisters</strong>.<br />

„Zum letzten Mal: TÖTE SIE JETZT! SOFORT!“<br />

Vadarassar schloß die Augen, wich so dem Blick von Braunpelz aus.<br />

„Nein...bitte...Vada...bitte....“ bettelte die Taurin, starrte den<br />

Hexenmeister, der ihr Herz gerade eben noch vor Freude hatte hüpfen<br />

lassen, panisch an. Tränen flossen aus ihren Augen, feuchteten ihr Fell<br />

ringsum an.<br />

Dann schoss eine große, schwarze Energiekugel von Vadarassar auf<br />

die Druidin zu. Ihre Bemühungen, sich wegzudrehen, scheiterten am<br />

festen Griff der Satyren. Alles, was sie tun konnte, war ihre Augen<br />

zuzukneifen und auf die Zähne zu beißen. Dann wurde sie getroffen.<br />

- 127 -


Ein stummer Schrei entfuhr ihren zusammengebissenen Kiefern. Ihr Fell<br />

fing stellenweise Feuer, erlosch sofort und dampfte dann noch etwas<br />

nach. Ihre Beine versagten ihr den <strong>Die</strong>nst, sie sackte leblos zusammen,<br />

atmete nicht länger.<br />

<strong>Die</strong> Satyren links und rechts von ihr blickten auf sie herab, dann zu<br />

Schattenfluch und nickten ihm zu. Wieder lächelte der Dämon, sah<br />

dann zu Vadarassar, dessen ausdruckslose Mine auf Braunpelz<br />

gerichtet war.<br />

„Du hast die Grenze übertreten. Willkommen in unseren Reihen.“ war<br />

alles, was Lord Schattenfluch noch sagte. Dann, mit einem beiläufigen<br />

Schnippen, flog die lilane Sphäre auf Vadarassar zu, zerbrach auf<br />

seinem Kopf und hüllte ihn in bläuliches Feuer. Neue Kraft....oder war<br />

es eine alte Kraft?...füllte seinen Körper.<br />

Er sank auf die Knie, starrte noch immer vor sich.<br />

- 128 -


Kapitel 23 <strong>–</strong> Kehrtwende<br />

„Haste das grad gehört?“ fragte Teborasque, zu dem Magier<br />

blickend, der gerade vier steifgefrorene Dämonen zu Eiswürfeln<br />

verarbeitete.<br />

„Ich habe nichts gehört.“ brummte dieser zurück.<br />

„Nich? Ich dachte ich hätte nen Schrei oder so was gehört.“ meinte<br />

Teborasque, sich am Kopf kratzend. Dann drehte er sich um, verpasste<br />

dem nächsten nahenden Dämonen einen Pfeil genau zwischen die<br />

schiefen Augen und legte einen weiteren Pfeil auf.<br />

Zwei Satyrn waren gekommen, den Kadaver der Druidin<br />

wegzuschaffen. Noch immer stand Vadarassar vor ihr und starrte sie<br />

an. Dann aber hob er die Hand.<br />

„Halt. Sie gehört mir.“ sagte er mit düsterer Stimme, die beiden<br />

Dämonen ernst ansehend.<br />

<strong>Die</strong> beiden blickten den Orc an, wichen dann einen Schritt zurück.<br />

„Du willst doch nur allein deinen Spaß mit ihr haben.“ zischten sie ihn<br />

an.<br />

Vadarassar sagte kein Wort, blickte zu seinem versklavten Dämonen,<br />

jener Teufelswache, deutete mit einem Finger auf ihn.<br />

„Dein Name?!“ fragte er in Befehlston.<br />

<strong>Die</strong> Teufelswache blickte zu dem Hexenmeister, als wolle sie ihm den<br />

Kopf abreißen und das Genick mit einer scharfen Currysauce<br />

verspeisen.<br />

„Haatom.“ groll der Dämon.<br />

„Haatom, ich befehle dir, sie zu nehmen und hinter mir her zu tragen.<br />

Jetzt und sofort. Bewegung.“<br />

Der Dämon knirschte mit seinen Zähnen, ging zu dem Kadaver hinüber<br />

und warf ihn sich über die breiten Schultern. Dann ging er hinter<br />

Vadarassar her, der geradewegs in Richtung seiner Unterkunft hier in<br />

den Höhlen ging.<br />

Endlich erreichten sie die Unterkunft. Und endlich hatte die Tür, die<br />

ansonsten immer für Vadarassar als Sperre, damit er nicht fliehen<br />

konnte fungiert hatte, einen praktischen Nutzen für ihn.<br />

- 129 -


„Leg sie dorthin und verbarrikadier die Tür.“ befahl Vadarassar dem<br />

Dämon, ging dann neben den toten Körper der Druidin. Er war noch<br />

warm....gut so...das musste er auch noch sein.<br />

„Was gedenkt ihr zu tun.....M.....M.....Meister.“ brachte Haatom hervor,<br />

das ‚Meister’ erst im dritten Anlauf heraus bringend. Eigentlich wollte er<br />

Mistkerl, Monster oder etwas Ähnliches sagen, betonte das Meister<br />

auch genau so...doch eine Beleidigung wollte ihm einfach nicht über<br />

die Lippen gehen.<br />

„<strong>Die</strong>s hier.“ sagte Vadarassar und griff in seine rechte Robentasche.<br />

Eben noch, kurz bevor er sie getötet hatte, war seine Hand mit einem<br />

Kristall seiner Gürteltasche in eben jene geglitten. Jetzt stieß er eine<br />

Bitte in Richtung Himmel, dass es funktioniert hatte.<br />

Eine kleine, glühende Kugel kam aus seiner Robentasche zum<br />

Vorschein. Kleine, feine Risse zogen über die Oberfläche der<br />

glühenden Sphäre.<br />

„Gefangen im Moment des Endes, zurück zum Anfang mit dir.“<br />

brummte Vadarassar, die Sphäre über dem Kadaver der Druidin<br />

zerbrechend.<br />

Lila Neben umschlang den Körper, strich durch das Fell und floss dann<br />

durch Nasenlöcher, Mund und Ohren in den Körper hinein.<br />

Bange Sekunden starrte Vadarassar auf den Körper. Dann hörte er<br />

einen krampfhaften, japsenden Atemzug.<br />

Schlagartig schossen ihre Augen auf, fokussierten den Hexenmeister<br />

und ihr Mund machte sich bereit, zu schreien. Doch Vadarassar hielt<br />

ihr eine Hand auf selbigen, woraufhin sie beherzt zubiss.<br />

Doch auch Vadarassar schrie nicht, obwohl es sich anfühlte, als wolle<br />

sie seine Finger abbeißen. Stattdessen sah er sie mit ernstem, aber<br />

gleichsam leicht besorgtem Blick an.<br />

„Gut, du bist am Leben.“ verließ sein verzerrtes Gesicht und der Biss<br />

wurde mit einem Mal schwächer. <strong>Die</strong> Augen, gerade noch mit<br />

dolchartigem Blick, waren nun sanfter.<br />

„Du...hast mich getötet. Und ich bin jetzt tot...oder untot....“ groll<br />

Braunpelz, schließlich die Hand ausspuckend. Blut tropfte aus der<br />

Bisswunde, der sich Vadarassar aber nicht widmete.<br />

- 130 -


„Es war die einzige Möglichkeit. Ansonsten wärst du gestorben, ohne<br />

die Hoffnung auf Rettung.“<br />

„Ich...lass mich in Ruh.....ohh....“ wehrte sich Braunpelz, wollte mit<br />

einem Mal möglichst weit weg von dem Hexenmeister sein, rappelte<br />

sich auf und sank dann zusammen, als die Welt sich vor ihr zu drehen<br />

begann.<br />

„Du bist noch schwach. Es wird etwas dauern, bis deine Seele die<br />

Nachwirkungen des Gefängnisses überwunden hat.“ erklärte<br />

Vadarassar.<br />

„Ich....mein....wovon redest du?“ fragte sie, den Hexenmeister noch<br />

immer anblitzend.<br />

Statt einer Antwort zeigte Vadarassar auf die zerbrochene Sphäre<br />

neben ihr. „Das hier nennen die Hexenmeister einen Seelenstein. In<br />

diesem Gefängnis können wir Seelen einschließen, sie dann in einen<br />

Körper zurückkehren lassen. Sie halten nicht sehr lange, aber sie haben<br />

die Macht, einen Toten wieder ins Leben zurück zu bringen. Und ich<br />

bin unendlich dankbar, das es bei dir funktioniert hat.“<br />

Noch immer blickte die Druidin ernst auf den Hexenmeister. „Du tötest<br />

mich, um mich wieder zu erwecken. Du bist wirr.“<br />

Vadarassar lächelte vage. Ein Gefühl erfüllte ihn, das ihm eine Wärme<br />

verlieh, die Hexenmeistern sonst fremd war.<br />

„Ich erkläre es dir beizeiten. Jetzt müssen wir von hier weg.“<br />

„Und wie?“ fragte Braunpelz.<br />

„Spiel tote Kuh. Das ist schon alles.“<br />

Sie nickte langsam. Keine angenehme Vorstellung, doch in Ordnung....<br />

„Ihr habt euren Meister betrogen. Ihr habt alle hier betrogen.“ groll<br />

Haatom, die Druidin wieder auf seinen Schultern schleppend.<br />

„Ihr seid ein Betrüger. Und ihr habt mich versklavt. Das ist<br />

beschämend.“<br />

„Ich tue, was richtig ist. Und jetzt schweig still und geh weiter.<br />

Verstanden?“ groll Vadarassar, den Weg nach oben gehend.<br />

Dämonen...immer mehr Dämonen stürmten an ihm vorbei. Was war<br />

dort oben nur los?<br />

- 131 -


Endlich kamen sie wieder an die frische Luft. Wobei frisch zu viel<br />

gesagt gewesen wäre, denn ringsum lagen tote Dämonen<br />

versammelt, entweder gespickt mit Pfeilen oder blau angelaufen und<br />

in der Mitte durchgebrochen.<br />

Ein Pfeil schoss dicht an Vadarassar vorbei, dann erst sah er, wo er her<br />

kam.<br />

„Da isser ja, der verlorene Sohn.“ spottete Teborasque, den Bogen<br />

sinken lassend. „Wo haste denn unsere Druidin gelassen?“<br />

„Sie ist bei mir. Hier. Wir müssen gehen. Schnell.“ sagte Vadarassar und<br />

ging schnell an Teborasque vorbei. Der sah Braunpelz auf dem Rücken<br />

<strong>eines</strong> durchgedrehten Dämonen, den er im selben Moment beinahe<br />

umgenietet hätte.<br />

Sie....war sie etwa....<br />

Ehe er fragen konnte, öffnete die Druidin ein Auge, zwinkerte dem<br />

Jäger kurz zu und schloss es direkt wieder.<br />

Etwas verwirrt kratzte sich der Troll am Kopf, zuckte dann mit den<br />

Schultern und pfiff einmal schrill.<br />

Bwalkazz, gerade in einer anderen Ecke des Lagers, drehte den Kopf<br />

ein wenig, als er den Pfiff hörte. Dann sah er zu drei Dämonen, deren<br />

Beine gänzlich in Eis eingehüllt waren. Sein Blick war frostig...wie immer<br />

eigentlich.<br />

„Genug gespielt. Wir haben nichts weiter zu bereden.“ sagte er und<br />

drehte sich um, das Lager ebenfalls verlassend.<br />

„Und immer cool bleiben.“ warf er noch ein, ehe er außer Hörweite<br />

war.<br />

<strong>Die</strong> dämonischen Flüche der Satyrn hörte er schon nicht mehr. Waren<br />

ihm auch egal....<br />

Erst als sie den Teufelswald verlassen hatten und im äußersten Norden<br />

des Brachlandes angekommen waren, erwachte Braunpelz<br />

planmäßig und auf wundersame Weise von den Toten, kletterte von<br />

der Schulter des Dämons.<br />

„Biste auch wirklich unverletzt? Was issen da drin passiert?“ fragte<br />

Teborasque neugierig. Doch weder Braunpelz noch Vadarassar waren<br />

- 132 -


entweder bereit oder in der Lage, die volle <strong>Geschichte</strong> zu erzählen.<br />

Stattdessen beschlossen sie, über einen bösen Dämonen zu reden,<br />

den sie mit einem Trick besiegt hatten und der daraufhin Braunpelz<br />

fast das Leben gekostet hätte.<br />

Eine gewisse Wahrheit war in diesen Worten. Nur war eben jener<br />

Dämon eben unter den vieren präsent.<br />

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Bwalkazz die anderen.<br />

„Ich möchte nach Donnerfels zurück und mit den ältesten Druiden<br />

über meine Erlebnisse sprechen. Es gibt sicher noch viel, was ich lernen<br />

kann.“ meinte Braunpelz, die anderen etwas traurig ansehend. Dann<br />

sah sie zu Vadarassar, dessen Blick verbitterter als sonst schien.<br />

„Ich mache mich auf in die östlichen Königreiche. Es gibt da einige,<br />

mit denen ich noch ein Hühnchen zu rupfen habe. <strong>Die</strong> Legion, um<br />

ganz genau zu sein.“ knurrte er.<br />

Was er nicht sagte: In den verwüsteten Landen waren noch große<br />

Mengen von Dämonen zu finden. Eben jene auszuschalten war sein<br />

Ziel. <strong>Die</strong>ser Traum den er hatte...vielleicht würde er einmal in gewissen<br />

Teilen wahr werden. Doch auf welcher Seite er stehen würde <strong>–</strong> dafür<br />

hatte er sich entschieden.<br />

„Ich werd mich wieder Richtung Gadgetzan bewegen. Was<br />

lernen...und endlich eine funktionierende Mausefalle bauen.“ sagte<br />

Teborasque grinsend. Nur er wusste, das es noch lange Zeit dauern<br />

würde, bis er so etwas fertig bringen konnte.<br />

Bwalkazz nickte knapp. „Dann werde ich nach Orgrimmar gehen und<br />

mir die Zauber beibringen lassen, damit ich ein Portal nach eben dort<br />

zaubern kann.“<br />

Das noch viele andere Portale und die Zauber um eben jene später in<br />

seinem Wissensfundus landen würden....das konnte er zu diesem<br />

Zeitpunkt nicht ahnen.<br />

So trennten sie sich. Vier Freunde, die unterschiedlicher nicht hätten<br />

sein können. Ihre Wege würden sich aber sicher wieder kreuzen. Denn<br />

das Böse war in diesen Landen noch lange nicht besiegt.<br />

- 133 -


Kapitel 24 <strong>–</strong> Freundschaft aus der Ferne<br />

Kalt war es mittlerweile geworden. Eine frostige Schneeschicht<br />

bedeckte weite Teile Kalimdors und die Regionen des östlichen<br />

Königreiches. Nur die Gegenden, in denen das ewige Feuer oder die<br />

kargen Wüstenlandschaften vorherrschten hielten noch genug<br />

Wärme, um sich erfolgreich der Decke aus weißen Schneeflocken zu<br />

erwehren. Das Winterhauchfest würde bald bevorstehen. Eine Zeit, in<br />

der sowohl die Allianz wie auch die Horde dem Konsumwahnsinn<br />

findiger Goblingeschäftsleute anheim fallen sollten, um ihr sauer<br />

verdientes Gold in irgendwelchen wertlosen Ramsch zu stecken.<br />

<strong>Die</strong> gleiche Chose wie jedes Jahr zu dieser Jahreszeit.<br />

Verdächtigungen durch die Apothekervereinigung Unterstadt, die<br />

Goblins mischten irgendwelche Drogen oder andere Substanzen in die<br />

kostenlosen Getränke an den Festivitätenständen, bei denen sich alle<br />

Besucher, Abenteurer, Gastwirte, Händler und sogar die Wachen gern<br />

und reichlich bedienten, wurden zwar alljährlich aufgestellt, jedoch nie<br />

wirklich nachgewiesen.<br />

Eine Mischung aus kitschigen bunten Kerzen, viel Grün, Weiss, Rot und<br />

anderen fröhlichen Farben dominierte bald die großen Städte<br />

Azeroths. Inniger Ekel durchkam Vadarassar bei dem Gedanken, ließ<br />

ihn zufrieden grinsen, während er nach Steinard zurück ging, einige<br />

Köpfe erschlagener, verzehrter, verkohlter, zerfetzter und sonst wie ums<br />

Leben gekommener Dämonen im Schlepptau.<br />

Eine ungewöhnliche Aktivität ging in den letzten Wochen vom<br />

Dunklen Portal aus. Eine Aktivität, die ihm nicht gefiel. <strong>Die</strong> Zahl der<br />

Dämonen war diese Woche wieder angestiegen. Und diese schienen<br />

sich in Azeroth nicht vollständig manifestiert zu haben, wirkten neu in<br />

diesen Landen. Ging auf der anderen Seite des Portals vielleicht etwas<br />

vor sich?<br />

Bei reiflicher Überlegung war es ihm eigentlich egal. Ob ein Dämon<br />

der Brennenden Legion, zehn, hundert oder tausend. Einer nach dem<br />

anderen würde schon fallen <strong>–</strong> wie sie einstmals vor den Kräften der<br />

Horde im Bund mit der scheinheiligen Allianz aus Nachtelfen und<br />

Menschen gefallen waren. Auch dieses Mal würde es nicht anders<br />

ausgehen.<br />

In Steinard angekommen knallte Vadarassar das Bündel<br />

Dämonenköpfe einem der Kommandanten hin. Der glotzte etwas<br />

erstaunt, fing sich jedoch schnell genug, um mit einem vielsagenden<br />

- 134 -


Gesichtsausdruck zu dem Hexenmeister zu blicken. Aus der Abscheu<br />

Hexenmeistern gegenüber machte er ganz offensichtlich keinen Hehl.<br />

„Ich zähle nur siebzehn Köpfe. Euer Auftrag war, Zwanzig Dämonen zu<br />

erschlagen. Zählen scheint nicht eure Stärke zu sein.“ grunzte er den<br />

Hexenmeister an.<br />

„<strong>Die</strong> übrigen drei sind gänzlich in sich zusammen gefallen. Lauft doch<br />

selbst in die verwüsteten Lande und überzeugt euch, wenn ihr mir<br />

nicht vertraut.“ brummte Vadarassar zurück.<br />

Der Kommandant blickte zu seinem Reitworg und erwog für den<br />

Moment wirklich, selbst nachzusehen, ob dieser nichtswürdige Wurm<br />

<strong>eines</strong> dämonenbesessenen Orcs nur <strong>Geschichte</strong>n erzählte, oder ob<br />

diese auf der Wahrheit basierten. In Anbetracht des geringen Lohns,<br />

der auf diesem Auftrag stand, reichte er dem Hexenmeister<br />

stattdessen die Belohnung <strong>–</strong> einige Goldmünzen und einen Stab aus<br />

der Sammlung von Steinard.<br />

Vadarassar nickte grimmig, nahm den Stab, um ihn kurz darauf vor<br />

seinen Augen glühen zu lassen. Dann lag in seiner Hand nur noch ein<br />

kleiner, glänzender Splitter, den er schließlich einsteckte.<br />

Ohne sich zu verabschieden oder gar zu danken wendete er sich um,<br />

wollte sich auf den Weg zum Gasthaus machen, um zu ruhen. Mitten<br />

im Gehen griff jedoch die Hand des Kommandanten nach seiner<br />

Schulter.<br />

„Das hier ist für euch gekommen.“ sagte dieser und reichte<br />

Vadarassar ein kl<strong>eines</strong> Paket, spürte im selben Moment jedoch ein<br />

dunkles Knistern in der Hand, die auf der Schulter des <strong>Hexenmeisters</strong><br />

lag. Ebenso schnell, wie er nach diesem gegriffen hatte, ließ er die<br />

Schulter auch wieder los, hielt ihm nur das Paket hin und wendete sich<br />

dann ab.<br />

<strong>Die</strong> Brauen leicht erhoben nahm Vadarassar das Paket an sich, ging<br />

mit selbigem ins Gasthaus, fand dort rasch eine angenehm dunkle<br />

Ecke, die dennoch warm genug für ihn war und öffnete dort<br />

schließlich das Paket.<br />

Mit zusammengepressten Lippen bemerkte er die Blätter, die aus dem<br />

Paket hinaus flatterten, als wären es kleine Falter. Ein Brief mitsamt<br />

<strong>eines</strong> kleinen, in grünem Papier und mit lila Geschenkband<br />

umwickelten Päckchens befand sich in diesem Paket.<br />

- 135 -


Ein Winterhauchgeschenk? Kitschig....wirklich kitschig. Doch ehe er es<br />

im Feuer seiner wahren Bestimmung zuführte, wollte der Hexenmeister<br />

wenigstens dem Brief noch eine Chance geben. So begann er zu<br />

lesen.<br />

Große Buchstaben deuteten auf jemanden mit wirklich großen Fingern<br />

hin. Und schon nach den ersten Zeilen begann der Hexenmeister,<br />

obwohl er es sich selbst wohl nicht eingestehen würde, unbemerkt zu<br />

lächeln.<br />

‚Lieber Vadarassar,<br />

mittlerweile sind drei komplette Monde gekommen und wieder<br />

gegangen, seit wir uns im Teufelswald voneinander verabschiedeten.<br />

Ich hoffe dieses Paket erreicht dich bei guter Gesundheit.<br />

In der Zwischenzeit ist viel geschehen. Einige ältere Druiden nahmen<br />

mich vor etwa zwei Monden mit nach Moonglade und dort nach<br />

Nachthafen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich einige <strong>–</strong><br />

sogar ältere <strong>–</strong> Druiden um meine schon angeblich so gut<br />

ausgeprägten Fähigkeiten beneidet haben. Dank ihnen weiß ich jetzt<br />

auch meinen wirklichen Weg.<br />

Wusstest du, das Malfurion einmal genau so angefangen hat wie ich?<br />

Auch als ein kleiner, unbedeutender Wicht, der dann von der Natur<br />

gesegnet wurde. Er stand aber als großer Recke in einem Krieg an<br />

vorderster Front und musste sich beweisen. Etwas, das ich nicht<br />

machen möchte <strong>–</strong> du weißt ja, wie ich über Kriege denke.<br />

Letzte Woche habe ich Tebo auf dem Dunkelmondjahrmarkt<br />

getroffen. Stell dir mal vor: Der Troll ist mittlerweile Ehrenmitglied bei<br />

den Gobliningenieuren in Gadgetzan. Aber eine ordentlich<br />

funktionierende Mausefalle hat er bisher immer noch nicht gebaut.<br />

Dafür aber einen kleinen Drachen, der immer neben ihm her fliegt und<br />

jede Menge anderen technischen Kram.<br />

Gestern war ich in Orgrimmar und habe gesehen, wie sie den<br />

Winterhauchbaum aufgerichtet haben. An die Dekoration der Orcs<br />

muss man sich zwar gewöhnen, aber er sieht wirklich festlich aus.<br />

Wie ergeht es dir eigentlich so? Ich habe ja gehört, das du vor etwa<br />

vier Wochen im geschmolzenen Kern dein Unwesen getrieben haben<br />

sollst. Ein heißer Ort <strong>–</strong> mir persönlich etwas zu heiß.<br />

- 136 -


Hoffentlich sehen wir uns irgendwann einmal wieder. Als kl<strong>eines</strong><br />

Andenken schicke ich dir ein paar selbstgebackene Lebkuchen. Sie<br />

waren noch ganz frisch, als ich sie eingepackt habe. Hoffentlich ist die<br />

Post rasch genug, damit sie nicht steinhart sind, wenn sie dich<br />

erreichen.<br />

Es vermisst dich<br />

Braunpelz“<br />

Vadarassar öffnete das kleine Päckchen und blickte tatsächlich auf<br />

eine nicht gering erscheinende Menge Lebkuchen. Erneut lächelte er,<br />

griff <strong>eines</strong> der Gebäckstücke und stellte fest: Fast so frisch, als kämen<br />

sie gerade aus dem Ofen.<br />

Nachdenklich blickte er ins Feuer, biß dabei einmal in den Lebkuchen.<br />

<strong>Die</strong> Taurin konnte kochen....ein interessanter Umstand. Und jetzt,<br />

genau in diesem Moment kam ihm diese kitschige Atmosphäre des<br />

Winterhauchfestes gar nicht mehr so schlimm vor.<br />

Wieder biß er in den Lebkuchen, las derweil den Brief noch einmal<br />

durch.<br />

Dann beschloß er, das sie eine Antwort mehr als verdient hatte. Er<br />

raffte sich auf, ging zum Feuer und angelte dort mit dem Eisen ein<br />

Stück verkohltes Holz heraus, blies einige Male darüber und nahm es<br />

schließlich in die Hand.<br />

Etwas heiss, doch es würde tun, was er damit bezweckte. Er riß zwei<br />

Seiten aus einem Buch, das neben ihm lag und begann auf eben<br />

jenen Seiten zu schreiben. Kaum hörbare Flüstertöne, dämonische<br />

Silben verließen seine Lippen während des Schreibens, ließen die<br />

Spitze des Kohlestücks ganz leicht glühen und so die Buchstaben in die<br />

Papieroberfläche einbrennen.<br />

„Liebe Braunpelz,<br />

deine Zeilen haben mich positiv überrascht. Dir gebührt Dank für<br />

etwas, das bei mir wirklich selten ist <strong>–</strong> ein Lächeln.<br />

Auch mir geht es den Umständen entsprechend angebracht.<br />

Regelmäßig suche ich meine Rache und Vergeltung an den<br />

Dämonen der Brennenden Legion und jenen, die nach Unruhe und<br />

- 137 -


dem Bösen trachten. Das war auch der Grund für meinen ‚Ausflug’<br />

zum geschmolzenen Kern. <strong>Die</strong> Temperaturen dort sind in der Tat keine<br />

Übertreibung, es ist schrecklich heiss dort. So heiss, das mir schon beim<br />

Gedanken an ihre Heizkosten die Schweißperlen auf der Stirn stehen.<br />

Der größte Hitzkopf war allerdings der Feuerlord Ragnaros. Nicht nur<br />

hitzköpfig, sondern auch noch feige und ängstlich, verkroch er sich<br />

wieder in die Lava, nachdem wir ihm einige blaue Flecken verpasst<br />

hatten, um uns seine ‚Söhne’ auf den Hals zu hetzen. Selten feiges<br />

Windlicht, dieser Kerl. Dank ihm hat mein Turban Feuer gefangen und<br />

war nicht mehr zu gebrauchen.<br />

Naja <strong>–</strong> wengistens hatte er eine nette Kopfbedeckung in seinem<br />

persönlichen Schatz, die mir nun mehr als passend steht. Woher er die<br />

aber hatte....war doch gar nicht so seine Größe....wer weiss.<br />

Wahrscheinlich ein krampfhafter Sammler von allen möglichen<br />

Kopfbedeckungen. Herrje, du hättest einmal sehen müssen, wie sich<br />

die Trollpriesterinnen um ihre Kopfbedeckung gestritten haben...da<br />

fehlte nur noch der Schlamm, um es noch ein wenig unterhaltsamer zu<br />

gestalten.<br />

Meine Sorgen sind aktuell hier in den verwüsteten Landen. Zwar will mir<br />

niemand glauben, doch scheint das Portal langsam wieder aktiv zu<br />

werden. Anders kann ich mir die Schwämme von Dämonen, die hier<br />

täglich neu erscheinen, nicht erklären. Doch der Kommandant hier ist<br />

so....nun....sagen wir es einmal so: Mit einem Stück verschimmelten<br />

Brotes könnte ich besser reden als mit ihm.<br />

Über eine Rückkehr nach Orgrimmar in den nächsten Tagen denke ich<br />

mittlerweile deutlich nach. Der Gedanke, einige von euch<br />

wiederzusehen beflügelt dies. Der Grund hierfür entzieht sich jedoch<br />

meiner Möglichkeit, eine Erklärung dafür zu finden.<br />

Bis bald<br />

Vadarassar“<br />

Grummelnd über seine Gefühlsduselei, die er in diesem Brief<br />

niedergeschrieben hatte, faltete er den Brief, versiegelte die Ecken<br />

und Enden mit Wachs und gab ihn daraufhin an den nächsten<br />

Windreiter, der Richtung Understadt flog. Von dort aus würde der Brief<br />

sicherlich bald in Orgrimmar und hoffentlich auch bei Braunpelz<br />

ankommen.<br />

Derweil beschloß Vadarassar, für den Moment einmal zu ruhen.<br />

- 138 -


Einen weiteren Lebkuchen greifend und hineinbeißend brummte er<br />

erneut.<br />

Er hatte mit keiner Silbe erwähnt, was für eine höchst ausgezeichnete<br />

Köchin Braunpelz offenbar war. Das, so dachte er, würde er ihr selbst<br />

sagen müssen.<br />

- 139 -


Kapitel 25 <strong>–</strong> Immer diese Kinder...<br />

*Klatsch*<br />

Wieder schlug ein Schneeball in einem der vielen Gesichter<br />

Orgrimmars ein. Ein kl<strong>eines</strong> Orcmädchen lachte kehlig und drehte sich<br />

schnell um, lief in einige Entfernung, um den sich den Schnee aus dem<br />

Gesicht wischenden Tauren nicht zwischen die dicken Finger zu<br />

kommen.<br />

<strong>Die</strong> kalte Jahreszeit. Er hatte sie immer gemocht. Ironie vielleicht, das<br />

nun die Kälte des Winters durch seine Adern floss und sein ganzer<br />

Körper nicht ein Stückchen Wärme mehr beinhaltete. Bwalkazz seufzte<br />

tief, in Gedanken an seine Vergangenheit und seine Familie vertieft.<br />

Wie lange war es nun wohl her? Vier Jahre? Fünf vielleicht? Er wusste<br />

es mittlerweile wirklich nicht mehr....wann dieses schreckliche<br />

Vorkommnis mit der Geißel in Dalaran gewesen war.<br />

Noch immer nachdenklich blickte er auf die Rune in seiner rechten<br />

Hand. Portale <strong>–</strong> mittlerweile wusste er nur zu gut um sie. <strong>Die</strong><br />

vergangenen Wochen und Monate hatte er genutzt, um sich von den<br />

Portallehrern Wissen um eben jene anzueignen, diese Steine zu Toren<br />

in die großen Hauptstädte zu formen.<br />

Ein Gefühl von Wehmut und Heimweh überkam ihn, als er langsam<br />

über den weiten Platz vor der Bank in Orgrimmar schritt. Erst als er ein<br />

vertrautes, längliches Gesicht einer Taurin erkannte, ließ dieses Gefühl<br />

ein wenig nach.<br />

„Seid gegrüßt.“ begann Bwalkazz recht simpel. Das reichte jedoch, um<br />

Braunpelz auf ihn aufmerksam zu machen. Mit einem breiten Lächeln<br />

drehte sie sich zu ihm, ihre Augen strahlten in einer Art, wie ein Untoter<br />

es wohl niemals von einem Lebenden hätte erwarten können.<br />

„Bwalkazz. Nicht zu glauben, das ich dich einmal wieder sehe. Altvater<br />

Winter hatte Recht <strong>–</strong> das ist das Fest der Begegnung und der<br />

Freundschaft.“ sagte sie mit freudiger Stimme und reichte ihm dann<br />

ihre große Hand.<br />

„Ein schönes Winterhauchfest wünsche ich dir.“<br />

Bwalkazz nickte ihr zu. „Das wünsche ich dir auch. Obwohl ich staune,<br />

das die Horde dieses Fest ebenfalls feiert.“<br />

„Warum sollten wir das nicht feiern?“ fragte Braunpelz überrascht. „Wir<br />

sind doch schließlich keine brutalen, hirnlosen Monster.“<br />

- 140 -


Der Blick der beiden schweifte zu einigen Trollen, die sich um ein<br />

hübsch verpacktes Geschenk stritten und eine kleine Prügelei<br />

angefangen hatten. Erst als er die beiden Widersacher mittels kräftiger<br />

Schläge und Tritte kurzerhand ausgeschaltet hatte, konnte der Dritte<br />

endlich das Geschenk für sich beanspruchen, es öffnen und die<br />

gestrickten Wollsocken heraus holen, um sie, einen verklärten Blick<br />

auflegend, an seine Wange zu drücken.<br />

„Stimmt. Hirnlos sind wir nicht.“ schlussfolgerte Bwalkazz und drehte<br />

sich etwas zur Seite, die Rune in seiner Hand wieder fester<br />

umklammernd.<br />

„Ich denke ich werde nach Unterstadt reisen. Und dann nach<br />

Dalaran....oder das, was davon noch übrig ist.“ sagte er kühl, öffnete<br />

dann seine Handfläche und offenbarte so die magische Portalrune in<br />

eben jener.<br />

„Es war schön, dich einmal wiederzusehen. Viel Glück.“ sagte<br />

Braunpelz und war gerade dabei, sich abzuwenden, als der Magier<br />

begann, einige magische Silben vor sich hin zu flüstern.<br />

<strong>Die</strong> Rune begann zu glühen, löste sich von der Hand des Magiers und<br />

erhob sich vor ihm in die Luft, wo sie um ihre eigene Achse zu rotieren<br />

begann. Genau in diesem Moment traf ein Schneeball den Magier im<br />

Gesicht, riß das Wort, das er gerade sagen wollte, in der Hälfte ab.<br />

Das Portal reagierte auf diese Silbe, ignorierte dagegen den bösen<br />

Blick des Magiers, der nach dem Schneeballschützen Ausschau hielt,<br />

ihn in einem breit grinsenden Orc in merkwürdig lila Farben erkannte<br />

und ihm einen bösen Blick zu warf. Ein Donnern glitt durch die Luft, als<br />

das Portal seine ehemals bläuliche Aura gegen eine tiefrote<br />

eintauschte.<br />

Das war nicht Unterstadt. Das war...irgend ein anderer Ort. Bwalkazz<br />

bemerkte seinen Fehler, begann gerade eine magische Formel, um<br />

das Portal wieder zu schließen. Da schnellte eine Hand aus dem Portal,<br />

packte den Magier am Hals und sog ihn in das Portal hinein, ohne<br />

dem Magier eine Chance auf Gegenwehr zu geben.<br />

Ein letztes Röcheln, dann war er schon verschwunden, das Portal<br />

schloß sich und ließ nur noch eine rauchende Rune zurück.<br />

„Ihr...seid doch wahnsinnig!“ zischte einer der Goblins, in seiner<br />

Bewegungsfreiheit dank des festen Griffs der Teufelswache von<br />

- 141 -


Vadarassar ziemlich eingeschränkt, während sich der Hexer den<br />

Instrumenten des Zeppelins widmete.<br />

„Eure Zeppeline fliegen absichtlich so langsam, wie ich sehe.“<br />

grummelte Vadarassar den Goblin an, hielt einen der Hebel kräftig<br />

nach vorn gedrückt <strong>–</strong> weit über eine aufgeklebte Markierung hinaus.<br />

„Wieso ist das so?“<br />

Der Goblin röchelte, konnte dem Griff des Dämons aber nichts<br />

entgegen setzen, der mit jeder Bewegung des Goblins seine Hand um<br />

dessen Hals etwas fester zudrückte.<br />

Vadarassar machte eine deutliche Handbewegung in Richtung<br />

Dämon. „Tot nützt er mir nichts. Lass ihn los.“<br />

„Ja,.....Herr.“ schnaubte der Dämon, lockerte seinen Griff schlagartig<br />

und ließ den Goblin kurzerhand eineinhalb Meter tief auf den Boden<br />

plumpsen.<br />

„Wir...ähh....“ röchelte der Goblin hustend. „..haben Anweisung, nur<br />

mit Minimalkraft zu reisen. Sonst...ist die Überfahrt zu schnell....und wir<br />

werden nach Stunden bezahlt.“<br />

Natürlich. Es ging wieder einmal nur um Goldmünzen. Etwas, das<br />

Vadarassar in seinem eigenen Beutel zwar gern mehrte, gerade<br />

diesen zu kurz geratenen Gartenzwergen aber sicher nicht gönnte.<br />

Vor allem nicht, wenn es ihn irgendwie in seinen Absichten behinderte.<br />

So behielt er seine Hand weiter auf dem Hebel, sah dem Rotor hinter<br />

sich zu, wie dieser kräftig rotierte und den Zeppelin mit einer<br />

Geschwindigkeit nach vorn trieb, die selbst einem Drachen sicherlich<br />

alle Ehre gemacht hätte.<br />

Auf diese Weise beschleunigt brauchte er für die Überfahrt von<br />

Kontinent zu Kontinent nicht, wie sonst immer, drei Tage, sondern war<br />

bereits nach etwa fünf Stünden an seinem Ziel angekommen. Jetzt<br />

endlich ließ er auch den Goblin wieder an die Kontrollen, blickte ihm<br />

jedoch noch einmal tief in die Augen.<br />

„Wenn ich noch einmal erlebe, das der Zeppelin hier absichtlich so<br />

schleicht, dann werde ich meinen Begleiter nicht mehr zurückhalten.<br />

Verstanden?“<br />

Der Goblin nickte, schimpfte dem Hexenmeister jedoch hinterher, als<br />

dieser schon die Turmtreppe herunter kletterte. Doch der war<br />

mittlerweile schon festen Schrittes unterwegs auf die Tore seiner<br />

eigentlichen Heimatstadt.<br />

Orgrimmar.<br />

- 142 -


<strong>Die</strong> Schutzwälle, die das Gebilde aus Tälern vor den Weiten Durotars<br />

abschirmte und so mögliche Angreifer, waren es nun ein paar<br />

durchgeknallte Allianzler, die brennende Legion, die Feinde aus dem<br />

Inneren, irgendwelche abgedrehten Insekten oder andere Gefahren,<br />

gut abwehrte. Mit einem gut versteckten Lächeln erinnerte sich<br />

Vadarassar an jene verhängnisvollen Tage vor etwa einem Jahr, als er<br />

das erste Mal durch diese Tore gegangen war, damals noch als<br />

junger, unbefleckter Hexenmeister, dessen böseste Tat es gewesen<br />

war, einige Skorpide und Harpyien ins Jenseits zu schicken. Jetzt lag<br />

eine sachte Schneeschicht auf den Türmen und Zinnen, bildeten sich<br />

Abdrücke unter seinen Stiefeln, verwaschen durch seine Robe.<br />

Als er ins Innerste kam, wäre Vadarassar nur zu gern umgekehrt. Wildes<br />

Treiben herrschte vor Bank und Auktionshaus. Ein großer<br />

Winterhauchbaum war aufgestellt worden, Geschenke lagen<br />

darunter, kitschige Musik spielte allerorten. Und mittendrin saß Altvater<br />

Winter, umringt von zahllosen Goblins, die einem ihren Ramsch<br />

andrehen wollten <strong>–</strong> zu günstigsten Spottpreisen, wie sie sagten.<br />

Tatsache war wohl eher, das jene ‚kostbaren Güter’ bereits nach zwei<br />

Wochen kaputt oder für weniger als das Zehntel des Preises zu haben<br />

sein würden. Und dennoch kauften Hordler aller Altersstufen, aller<br />

Ränge und jeder Rasse diesen Ramsch, zogen schrecklich hell<br />

schimmernde Mützen auf und kippten Eierflip um Eierflip in sich hinein.<br />

Es war mehr der flüchtige Blick in Richtung <strong>eines</strong> großen Pfahls, auf<br />

dessen oberen Ende ein Drachenkopf aufgespießt worden war, der<br />

ihn zu der führte, wegen der er sich aus den Sümpfen und seinem<br />

nicht enden wollenden Kampf gegen die Dämonen verabschiedet<br />

und den nächsten Zeppelin nach Kalimdor genommen hatte.<br />

Mit einem wehmütigen Blick im Gesicht sah er Braunpelz an eben<br />

jenem Pfahl stehen.<br />

„Deine Beute?“ fragte Vadarassar mit fester Stimme.<br />

„Nein, nicht wirklich.“ antwortete Braunpelz abwesend, den Blick noch<br />

immer auf den Kopf gerichtet.<br />

„Und ich habe die schlimme Vorahnung, dass das hier nur der Anfang<br />

war.“<br />

Erst jetzt löste sie ihren Blick von dem Drachenkopf und blickte zu dem<br />

Hexenmeister vor sich.<br />

All ihre Traurigkeit verschwand mit einem Mal, wandelte sich in Freude,<br />

mit der sie den Hexenmeister in ihre weiten Arme nahm und feste<br />

drückte.<br />

- 143 -


„Vada....was für eine schöne Überraschung, dich hier zum Fest zu<br />

sehen. Das schönste Geschenk, das man haben könnte.“<br />

Der Hexer war perplex. Mindestens ebenso perplex, wie die Wachen<br />

und einigen anderen ringsum. Eine Druidin, die einen Orc umarmte, als<br />

wäre es ein Bruder. Und nicht irgendeinen Orc, sondern ausgerechnet<br />

noch einen Hexenmeister! <strong>Die</strong> meisten anderen hätten ihn gerade mal<br />

<strong>eines</strong> abfälligen Blickes gewürdigt, doch gerade sie, die sie so sehr mit<br />

dem Leben verbunden war, schätzte diesen mit dem Tod so sehr<br />

verbundenen. Nein....das war zu viel für das Verständnis so vieler, das<br />

sie nur ungläubig starren konnten.<br />

Als sich zumindest Vadarassar wieder halbwegs gefangen hatte,<br />

musterte er die Taurin einmal einhellig. Ihre Kleidung war gewandelt <strong>–</strong><br />

statt der ehemals einfachen, leicht dunkelbraunen Lederkleidung war<br />

diese nun...irgendwie grünlich. Ein Schimmer ging von ihrer Brustplatte<br />

aus, der sich über den Kilt und sogar ihre Handschuhe, ja sogar ihre<br />

Schädelkappe hinweg zog. Außerordentlich...<br />

„Du hast dich ziemlich verändert in den letzten Monaten. Als würdest<br />

du dein Erbe wie viele andere annehmen.“ stellte Vadarassar fest.<br />

Braunpelz nickte ihm zu, nun in leichtem Abstand, dann deutete sie<br />

auf das Gasthaus. „Eine lange <strong>Geschichte</strong>. Komm <strong>–</strong> bei einem guten<br />

heißen Ale und ein paar frischen Plätzchen kann ich dir alles erzählen.“<br />

Einen Platz im Gasthaus zu finden grenzte an eine Geduldsprobe.<br />

Gerammelt voll war das Gasthaus, voll von Leuten, die sich mit Speis<br />

und Trank für die kommenden Festtage eindecken wollten. An jedem<br />

Tisch saßen Gäste, erzählten einander wilde <strong>Geschichte</strong>n, leerten ihre<br />

Krüge, orderten neue und fraßen den Festtagsbraten, als wäre es ihre<br />

letzte Mahlzeit vor dem Henker.<br />

Vadarassar indes war kein geduldiger Orc. Ein ungeduldiger Orc sogar<br />

<strong>–</strong> eine Charaktereigenschaft, die mit dem <strong>Hexenmeisters</strong>ein eine<br />

überaus gefährliche Mischung ergeben kann. Also holte er einmal tief<br />

Luft und nickte seinem Dämon neben sich zu.<br />

Drei Axtschläge, ein lautes Brüllen und die daraus resultierende<br />

Massenpanik später war das Gasthaus wie leergefegt. Lediglich ein<br />

taubstummer Taure saß noch auf einer Bank, versuchte verzweifelt mit<br />

dem noch in der Scheide steckenden Messer einen zähen Braten zu<br />

schneiden und blickte sich fragend um, wo seine Tischnachbarn nur<br />

steckten. Braunpelz, die sich die Ohren zugehalten hatte, warf<br />

Vadarassar einen strafenden Blick zu. Der indes zuckte nur mit den<br />

- 144 -


Schultern und setzte sich kurzerhand mitten auf die größte Bank, die im<br />

Gasthaus zu finden war und grinste verstohlen.<br />

„JETZT ist endlich Platz. Und ruhig ist es auch.“ stellte er fest, sah dann<br />

zu dem Gastwirt, der einerseits ebenfalls am ganzen Körper zitterte,<br />

andererseits einen so bösen Blick drauf hätte, das er seine<br />

Rausschmeißer, wären die nicht auch gerade allesamt getürmt,<br />

prompt auf den Hexenmeister gehetzt hätte.<br />

Einen entschuldigenden Blick an alle Seiten richtend nahm auch<br />

Braunpelz platz.<br />

„Na dann erzähl mal.“ sagte Vadarassar und spitzte die Ohren.<br />

- 145 -


Kapitel 26 <strong>–</strong> Druide, zur Rettung!<br />

Braunpelz wollte gerade mit der Erzählung beginnen, als ein längliches<br />

Gesicht in der Gaststätte auftauchte und die beiden genau<br />

betrachtete.<br />

„Hey Mann, ich hab doch gewusst, das der Dicke wieder da is!“ rief<br />

eine unverkennbar trollische Stimme den beiden zu.<br />

Vadarassar drehte sich um. Teborasque stand da im Eingang, einen<br />

großen, festen Bogen geschultert. Bogen? War der Kerl nicht<br />

ursprünglich ein Bastler für Flinten gewesen?<br />

„Ich dacht mir doch schon: So einen Trubel kann es nur geben, wenn<br />

entweder die Brennende Legion mitten im Schankraum einschlägt<br />

oder ein Hexenmeister, der sich nen Dreck um die Heimlichtuerei der<br />

anderen schert, sich etwas Platz verschaffen will.“ grinste der Trolljäger<br />

und nahm am Tisch der beiden Platz, ohne sie danach zu fragen.<br />

„Na, was bringt dich ma wieder in die heimischen Gefilde?<br />

Heimweh?“<br />

Vadarassar antwortete nicht, sah stattdessen nur zu Braunpelz, die<br />

freundlich blickend zu Teborasque schaute und scheinbar nur darauf<br />

wartete, mit ihrer Erzählung endlich zu beginnen. Dann endlich<br />

verstand auch der Troll, das er irgendwann am besten mal seine<br />

Klappe halten sollte, orderte sich noch rasch seinerseits etwas zu essen<br />

und trinken und sah dann, gemeinsam mit Vadarassar, die Druidin<br />

interessiert an.<br />

„Nun...ähem...“ begann sie sich zu räuspern. „Es begann eigentlich<br />

alles in einem Traum...“<br />

„Wieder so nen Traum, wie du sie ständig hattest? Mit dem ganzen<br />

Grün um dich rum?“ unterbrach Teborasque sie, fing sich dafür von<br />

Vadarassar einen finsteren Blick ein. Doch Braunpelz nickte nur<br />

freundlich zustimmend.<br />

„Ja genau. Der smaragdgrüne Traum. Wieder war ich in ihm und<br />

wanderte durch die Weiten Kalimdors. Ein so wunderbares Gefühl, der<br />

Natürlichkeit unseres Landes so nahe zu sein. Näher, als man es im<br />

Leben je sein könnte. Doch dann hörte ich auf einer Lichtung<br />

jemanden nach mir rufen.<br />

- 146 -


„Braline!“ rief eine Stimme.<br />

Braunpelz war verwundert, drehte sich um. Eigentlich kannte nur einer<br />

ihren wirklichen Namen, so glaubte sie. Doch diese Stimme war eine<br />

weibliche <strong>–</strong> also ganz gewiss jemand anders als ihr Lehrmeister.<br />

Gerade hatte sie sich umgedreht, da stand sie schon vor dem<br />

Rufenden. Eine Blutelfe, gänzlich in ein schillernd rotes Gewand<br />

gekleidet, stand dort in all ihrer Pracht und Schönheit vor der Druidin.<br />

„Braline, ich komme, weil ein Freund von mir dir vertraut, dich um Hilfe<br />

zu ersuchen.“ sagte die Blutelfe, mit einer Traurigkeit in ihrer Stimme,<br />

die Braunpelz selbst beinahe in ein kümmerliches, heulendes Häufchen<br />

Fellkugeln verwandelt hätte, wäre sie in ihrer wirklichen, körperlichen<br />

Gestalt gewesen. So jedoch blieb ihr nur, sehr bedrückt und traurig zu<br />

schauen und auf ein Knie zu sinken, damit beide mit ihren Augen auf<br />

gleicher Höhe waren.<br />

„Wobei kann ich dir helfen?“ fragte Braunpelz, eine Hand in Richtung<br />

der Blutelfe deutend.<br />

Blutelfen hatten nicht einmal ansatzweise eine solch nahe Bindung zur<br />

Natur. Sie korrumpierten die Energien der Welt lieber, rissen Kräfte an<br />

sich und nutzten sie für ihre Zwecke. Sie lebten nicht in Symbiose,<br />

sondern waren Parasiten für Kalimdor. Eine echte Blutelfe hätte es<br />

niemals in den smaragdgrünen Traum geschafft <strong>–</strong> das war Braunpelz<br />

voll und ganz klar. Also musste dies hier jemand sein, der eine Blutelfe<br />

als Erscheinungsbild gewählt hatte.<br />

„Einer meiner Söhne, jemand, den ich vom ganzen Herzen liebe, ist in<br />

Gefahr. Sein Körper beginnt bereits einem dunklen Herrn anheim zu<br />

fallen. Ich bitte dich <strong>–</strong> rette ihn, oder zumindest seine Essenz und lass<br />

ihn nicht in den Fängen der Dunkelheit zurück.“<br />

Dann wendete sich die Blurelfe ab und ging einige Schritte aus der<br />

Lichtung heraus.<br />

„Wo?“ rief Braunpelz, noch immer gehockt, hinter der Blutelfe her.<br />

„Beim Schwarzfelsen. Du musst hinauf zum Pechschwingenhort.“<br />

antwortete die Blutelfe noch, ehe sie um eine Ecke bog und dahinter<br />

verschwand.<br />

Braunpelz erwachte, sah sich um.<br />

- 147 -


Unterstadt. Schon einmal war sie hier gewesen <strong>–</strong> und genau wie letztes<br />

Mal lief ihr ein eiskalter Schauer über das Rückenfell, wenn sie sich hier<br />

umsah. Wandelnde Skelette, riesige golemartige, halb alchemistisch,<br />

halb mechanisch am Leben erhaltene Konstrukte aus Fleisch, Knochen<br />

und irgendwelchen anderen Apparaturen wanderten, ihre drei Arme<br />

schwingend, vor den Eingängen und bewachten diese. Zwei Untote<br />

standen aus Särgen direkt neben ihr auf, zahlten an den ?Gastwirt?<br />

ihre ?Zeche? und gingen von dannen, als wäre das eine Art<br />

Gastzimmer gewesen. Zugegebenermaßen <strong>–</strong> zweckdienlich, aber<br />

doch ein wenig zu beengt für jemanden wie Braunpelz, so ein kleiner<br />

Holzsarg.<br />

<strong>Die</strong> Särge und das madige Brot des Gastwirtes links liegen lassend ging<br />

Braunpelz auf den Windreitermeister zu <strong>–</strong> ein Kerl, der am liebsten<br />

einen großen Besen schwang und damit den Dreck der Fledermäuse<br />

schön gleichmäßig über dem Boden verteilte. ‚Das macht es für sie<br />

heimelig und gibt dem ganzen das richtige Ambiente’, hatte er ihr<br />

einmal erklärt. Doch wie auch immer diese Untoten das nennen<br />

mochten <strong>–</strong> es stank widerlich und war ekelhaft. Fast so schlimm wie die<br />

grüne Suppe unten, die durch unzählige Kanäle floß und von der<br />

Braunpelz weder ihren genauen Ursprung, ihre Zusammensetzung<br />

noch ihren Sinn wirklich wissen wollte.<br />

Auf die Frage, wo sie den Schwarzfels und damit auch den<br />

Pechschwingenhort finden könnte, zog der Fledermausführer lediglich<br />

einen seiner Schützlinge heran und hielt ihr diesen vor die Nase. Leicht<br />

zögernd kletterte die Taurin auf das zierliche Tier....und kaum saß sie<br />

auf dem Rücken des Fledertieres, ging es schon ab und durch die<br />

engsten Löcher, Gassen und Öffnungen von Unterstadt, durch die<br />

Kanalisation und einen Entlüftungsturm hinaus unter freien Himmel.<br />

Zum ersten Mal atmete sie wieder tief durch, hielt sich jedoch blitzartig<br />

die Nase wieder zu und eine Hand vor den Mund, roch die doch den<br />

modrigen Gestand von Fäulnis und Verderbtheit <strong>–</strong> die Pestländer <strong>–</strong><br />

unter sich. Dann endlich passierte die Fledermaus die stinkenden<br />

Ausläufer der östlichen Pestländer und bog über die kühlen Wipfel des<br />

Hügellanders ein.<br />

Eine frische Brise vom nahen Wasser war es schließlich, die Braunpelz’<br />

ganze Aufmerksamkeit aufbrachte: Eine riesige Mauer, geschlagen,<br />

um den Fluss zu einem See zu stauen. Riesige Zwergenköpfe spieen<br />

Wasser hinab, sorgten für eine beeindruckende Gischt.<br />

‚<strong>Die</strong> Allianz mag zwar voller engstirniger Kämpfer sein, doch ihre<br />

Bauten sind monumental.’ dachte Braunpelz, während die<br />

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Fledermaus ihren Weg weiter über die Bergkämme und dann in eine<br />

deutlich unwirtlichere Gegend suchte. Erst an einer kleinen Hütte, die<br />

vielleicht einmal ein Gasthaus werden wollte, machte sie Halt.<br />

Kargath. Der Name klang nach einer großen Siedlung. Viel mehr als<br />

ein Außenposten für eine Hand voll Orcs und Untote war es aber nicht.<br />

Wenigstens wussten diese hier nur zu gut, in welcher Richtung der<br />

Schwarzfels lag, warnten im gleichen Atemzug dann jedoch vor der<br />

schwarzen Drachenbrut.<br />

Auf die Erwähnung hin, Braunpelz müsse den Pechschwingenhort<br />

finden und dort jemandem zu Hilfe kommen, erhielt sie nur fiele Finger,<br />

die auf sie zeigten, begleitet von spöttischem Lachen. Eine Druidin,<br />

allein, dazu noch so jung und unerfahren, in die Schwarzfelsspitze zu<br />

schicken war schon ein Wahnsinn, der kaum zu überbieten war. Das<br />

jene kleine, dumme, unerfahrene, schwächliche Druidn jedoch gar in<br />

den Pechschwingenhort vordringen wollte, war etwas, das nicht mehr<br />

zum lachen, sondern zum fast ohnmächtig vor Ungläubigkeit werden<br />

war.<br />

Begleitet von allem Spott dieser Welt ging Braunpelz grummelnd in die<br />

ihr visierte Richtung. Kaum außer Sichtweite kreisten ihre Gedanken um<br />

einen ihrer tierischen Aspekte. Ihr Fell änderte die Farbe, viele Punkte<br />

sprossen überall auf ihrem Körper, ihre Hufe verschwanden und nur ein<br />

Augenblinzeln später rannte ein Gepard in Richtung Schwarzfels, ließ<br />

nur die Abdrücke einer Taurin im Sand zurück, die nicht weiterführen<br />

sollten.<br />

Den Schwarzfels zu finden war kein Problem gewesen <strong>–</strong> groß und<br />

mächtig standen die Tore in den Fels gehauen, drückten eine<br />

Bedrohlichkeit aus, die Braunpelz in dieser Form noch nie gespürt<br />

hatte. Ein Kribbeln unter ihrem Fell, das ihre Schritte langsamer und<br />

vorsichtiger werden ließ. Nun in Gestalt einer geschickten Katze wand<br />

sie sich um die Ecken, jederzeit bereit, sich zu verteidigen oder die<br />

Flucht zu ergreifen. Dann erstarrte sie.<br />

In einer dunklen Ecke hockend beobachtete sie eine kleine Gruppe<br />

Menschen, wie sie etwas vor sich hin brabbelten.<br />

Gemeinsprache. So nannten es die Menschen angeblich.<br />

Unverständliches Kauderwelsch, eine Mischung aus kehligen Worten,<br />

zischenden Lauten und spitzen Höhen <strong>–</strong> gänzlich ohne das<br />

Rhythmusgefühl und die darunter liegende melodische Art der<br />

Taurensprache oder die stolze Sprache der Orcs, die man sie gelehrt<br />

hatte.<br />

- 149 -


Zwar verstand Braunpelz kein einzelnes Wort vom gesagten, dennoch<br />

konnte sie an den Gesten, die drei der Menschen machten erkennen,<br />

das sie in den Kampf gegen einen Drachen ziehen wollten. <strong>Die</strong>se<br />

flügelschlagende Geste zusammen mit dem gezogenen Schwert<br />

deuteten darauf hin <strong>–</strong> zumal sie dicke Pakete mit sich trugen:<br />

Offensichtlich viele Heiltränke, Heilkräuter, Bandagen, Vorräte,<br />

magische Reagenzien und allerlei anderes Zeug, das man bei harten,<br />

schweren Kämpfen nur zu gut brauchte. Und die wenigsten Menschen<br />

würden sich nur für einen Spaziergang in eine derart dicke, schwere<br />

Rüstung hüllen oder ihre Roben mit Schutzzaubern dieser Art belegen<br />

wie jene Drei es getan hatten.<br />

Neugierig und dennoch innerlich irgendwie sicher, das die Menschen<br />

sie zur rechten Stelle führen würden, folgte Braunpelz ihnen langsam<br />

einen kleinen Hügel hinauf, dann eine Treppe, über eine riesige Kette<br />

und schließlich durch einen Gang voller Orcs, mit denen Braunpelz<br />

ganz sicher keine nähere Bekanntschaft machen wollte <strong>–</strong> die<br />

Boshaftigkeit lag ihnen schon in den rot glühenden Augen.<br />

Als sie ihren Blick wieder von den Orcs und damit nach vorn richtete,<br />

wäre sie beinahe aus ihrem Versteck und damit der Verborgenheit<br />

aufgetaucht: Mehr als drei Dutzend Allianzler standen dort verteilt.<br />

Nachtelfen, Zwerge, Menschen, sogar Gnome drängten sich in einen<br />

kleinen Raum um eine leuchtende Kugel.<br />

War das der Pechschwingenhort? Braunpelz wusste nicht so recht, was<br />

sie von der ganzen Sache halten sollte. Interessiert sah sie einem der<br />

Zwerge <strong>–</strong> anhand seiner Rüstung vermutete sie einen Paladin....diese<br />

vielen goldenen Ornamente wären für einen Krieger sicherlich zu<br />

kitschig <strong>–</strong> zu, wie dieser auf die Kugel in der Mitte des Raumes zu ging.<br />

Ein grelles Leuchten erfüllte den Raum. Dann öffnete sich eine Art<br />

Portal, das einen Allianzler nach dem anderen in sich hinein sog.<br />

Ihre Chance. Wenn das der Pechschwingenhort war, dann müsste sie<br />

den Allianzlern folgen. Irgendwie....<br />

Mit einem beherzten Satz sprang Braunpelz in den Raum und damit in<br />

das Glühen hinein.<br />

Dann wurde alles strahlend hell.“ beendete Braunpelz die <strong>Geschichte</strong><br />

vorerst, indem sie zu einem großen Krug Wasser neben sich griff und<br />

einen kräftigen Schluck nahm.<br />

- 150 -


„Boah Mann <strong>–</strong> jetzt machst du ne Pause? Dabei wird es doch gerade<br />

erst spannend!“ fuchtelte Teborasque mit den Armen, das Ale im<br />

Kelch seiner rechten Hand dabei gleichmäßig im Raum verteilend.<br />

Vadarassar, dessen rechte Schulter schon triefend nass vor Ale war,<br />

blickte den Jäger nur einmal böse an, grinste dann breit. „Passiert<br />

doch nicht mehr viel. Sie hat die Allianz zertreten und das wars eben.“<br />

„Wat? Das waren mehr als drei Dutzend!“ lenkte Teborasque ein, nun<br />

feststellend, das sein Kelch auf wundersame Weise leer war. „Noch<br />

einen, Mann!“ orderte er flink einen neuen.<br />

Vadarassar zuckte nur mit den Schultern. „Und? Sind doch nur<br />

Allianzler.“<br />

„Gerüchteweise sollen die aber auch kämpfen können....“ gab<br />

Teborasque zu bedenken.<br />

„Gerüchteweise soll Thrall auf seiner Flucht umgekommen sein <strong>–</strong><br />

gefressen von einem Drachen mit sieben Köpfen, die den Körper <strong>eines</strong><br />

Einhorns hatten. Gerüchte eben <strong>–</strong> mehr nicht.“<br />

„Lass die Druidin doch einfach weitererzählen.“<br />

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Kapitel 27 <strong>–</strong> In der Höhle des Löwen unter Wölfen<br />

„Da war ich nun also. Mitten in einem dunklen Gang voller Allianzler,<br />

der nach Feuer und Schwefel roch und bei dem ich mir wünschte,<br />

lieber wieder in Mulgore zu sein.“ unterbrach Braunpelz mit ihrer<br />

Erzählung die beiden Streithähne, die einander fixierend ansahen und<br />

darüber stritten, ob und mit welcher Leichtigkeit die Druidin die<br />

ganzen Allianzschergen nun zerschlagen hätte.<br />

Auf die Worte der Druidin hin verstummten die beiden, sahen wieder<br />

zu ihr. Dann erst fuhr sie mit ihrer <strong>Geschichte</strong> fort.<br />

Endlich war das helle Leuchten weg, offenbarte dafür aber eine<br />

überaus unheimliche Umgebung: Eine hohe Decke und ein Raum, der<br />

mit Dracheneiern gesäumt war. Ein Drachkin stand auf einer Plattform<br />

am einen Ende dieses Raums, der so groß war, dass man problemlos<br />

den Dunkelmondjahrmarkt mitsamt einer ausgedehnten<br />

Gnomeweitwurfbahn hätte hierin unterbringen können.<br />

Gnomenweitwurf. Ein schöner, traditioneller Sport der Tauren. Leider<br />

verschlissen die guten Gnome zu schnell <strong>–</strong> und frische kamen nur sehr,<br />

sehr selten nach Mulgore. Ein mit Leder ausgestopfter, etwas<br />

gnomgroßer Ball bildete Ersatz für gnomarme Zeiten <strong>–</strong> wenn auch nur<br />

einen dürftigen.<br />

Während sie noch in Gedanken versunken war, sah sie, wie die<br />

Gruppe Allinazler sich formierte und in vier kleine Gruppen aufsplittete.<br />

Neugierig und gleichzeitig vorsichtig ging sie einige Schritte näher an<br />

die nun in den großen Raum hineinstürmenden Mob heran. Ein von<br />

oben herab rauschendes Fallgitter bremste jedoch ihre Neugier,<br />

schloß sie von der Begegnung, die jene Allianzler nun mit aller Kraft<br />

ausfochten, aus.<br />

Klingen flogen durch die Luft, Schmerzenschreie an allen Orten. Ein<br />

Zwergenkrieger schien panisch vor einem Mob wütender Orckrieger<br />

davon zu rennen, sprang hektisch von einem Vorsprung und legte<br />

dann erneut einen Sturm in Richtung Raummitte hin, um am anderen<br />

Ende des Raumes genau das gleiche zu tun. Nein <strong>–</strong> ein Kriegerkollege<br />

von ihm tat das gleiche, kam ihm auf halbem Weg entgegen.<br />

War das etwa eine Kampftaktik? Kontrolliertes-vor-dem-Gegnerweglaufen?<br />

Feige, aber effektiv. Denn während die Krieger ihre<br />

Bahnen durch den Raum drehten, machte sich der Rest an den Eiern<br />

- 152 -


zu schaffen. Ganz im Speziellen dieser große Drachkin, obwohl<br />

Braunpelz den Grund für sein Handeln zuerst nicht erkannte.<br />

Als dann das letzte Ei auch in Flammen aufging und<br />

zusammenschrumpelte, brach schließlich ein Inferno los. Der Drache<br />

drehte durch und stürmte auf den erstbesten Allianzler, ausgerechnet<br />

einen Magier, wild entschlossen zu. Der Magier konnte weder der<br />

Wucht, noch der Wut oder den Pranken des Drachkin nichts entgegen<br />

setzen, wurde in die Luft gerissen und dort von den Pranken des<br />

Drachkins in Positionen gedreht, die selbst einem Chiropraktiker zur<br />

Ehre gereichen würden. Einen spitzen Schrei ausstoßend blieb ihm<br />

nichts anderes übrig, als mit den Füßen zu wackeln und zu hoffen, das<br />

die Schmerzen bald nachließen.<br />

BÄM <strong>–</strong> machtvoll donnerte ein dornenbesetzter Schild in die Seite des<br />

Drachkin. Doch stören ließ er sich dadurch nicht wirklich, verknotete<br />

dem Magier zunächst noch die Arme fertig, warf ihn daraufhin in eine<br />

Ecke und bedachte den Rest der Allianzlergruppe mit einer Wolke aus<br />

glühendheißem Feuer. Erst dann wandte er sich dem zu, der dort so<br />

unhöflich mit seinem Schild angeklopft hatte.<br />

Kampf gegen einen Drachen....diese Allianzler waren durchgedreht,<br />

aber doch irgendwie tapfer. Ja, in Sachen Mut und Tapferkeit waren<br />

sie der Horde ebenbürtig <strong>–</strong> das sah sie nun allzu deutlich. Und sie<br />

waren beharrlich, schlugen allesamt auf den Drachen ein, Magier<br />

woben ihre Zauber und schleuderten sie gegen den Drachkin, ein<br />

kompletter Flügel mit Jägern spannte gleichzeitig die Bögen und ließ<br />

Pfeile in die zentimeterdicke und mit dicken Schuppen besetzte<br />

Echsenhaut donnern, während die Begleiter der Jäger ihren Teil dazu<br />

beitrugen und sich in die Beine des Drachkins verbissen. Schurken, jene<br />

Gestalten, die Braunpelz nur schemenhaft wahrnahm, die die<br />

Dunkelheit sogar noch mehr liebten als der mit ihr befreundete<br />

Hexenmeister und die mit allerlei Tinkturen und Salben nur das<br />

Schlechteste anzustellen vermochten, schlichen hinter den Drachkin<br />

und rammten ihm ihre Dolche, Schwerter und vergifteten Pieken in<br />

den Rücken.<br />

Es war schließlich ein Menschenkrieger, der eine große, zweihändige<br />

Axt schwang und dessen Körper vor Wut geradezu glühte, der dem<br />

ganzen Kampf ein jähes Ende setzte. Mit aller Kraft hob er seine Axt,<br />

schwang sie und schlug dem Drachkin in jenem Schwung kurzerhand<br />

den Kopf von den Schultern. <strong>Die</strong>ser kugelte noch einige Meter weiter,<br />

schiere Zweifel an dem, was gerade geschehen war noch immer in<br />

den kargen und wenigen Gesichtszügen, die ein Drachengesicht nun<br />

einmal hatte, tief eingebrannt. Ein letzter Feuerstoß wollte noch dem<br />

- 153 -


Maul entgleiten, doch ohne Hals ging das nur sehr schwerlich. So blieb<br />

der Kopf mit offenen Augen und starrem Blick auf dem eigenen,<br />

langsam zusammensinkenden Körper liegen, während die Essenz des<br />

Drachen aufstieg und wie ein dünner Nebel durch die Ritzen der<br />

Steinwände kroch, schließlich ungesehen verschwand.<br />

Und jetzt endlich öffnete sich das Fallgitter. Noch immer in ihrer<br />

katzenhaften Gestalt und wohl versteckt wollte Braunpelz einen Schritt<br />

in den großen Raum und in die Nähe des Drachkins machen. war das<br />

vielleicht jener gewesen, den sie hätte retten sollen? Sie hoffte es<br />

nicht, befürchtete jedoch das Schlimmste. Was, wenn sie nun<br />

versagt....<br />

....ein Krachen schlug auf sie ein. Gedanken, so schwer und finster, das<br />

sie in ihrer Gesamtheit erschauderte. Ihre Beine zitterten und der<br />

behütende Mantel, der sie vor dem Augenlicht der Allianzler verbarg,<br />

bröckelte langsam.<br />

Mit zitternden Beinen und der Angst, jeden Moment entdeckt zu<br />

werden, lief sie rasch in einen der kleinen Unterstände, aus denen<br />

gerade eben noch massenhaft Orckrieger und kleinere Drachkin<br />

gestürmt waren. Der Gestank war widerlich <strong>–</strong> und der Dank hierfür galt<br />

einem kleinen Drachkin, der direkt neben der Nische lag und teils<br />

zerrissen, aufgeschlitzt, verbrannt, erfroren und von Pein zerfressen<br />

worden war. Das reichte, um den Deckmantel der Druidin gänzlich<br />

fallen zu lassen. Auch ihre katzenhafte Gestalt behielt sie nicht länger,<br />

duckte sich dafür so niedrig sie konnte.<br />

Wieder spürte sie diese schwarze Präsenz. Etwas abgrundtief Böses war<br />

in der Nähe und wuchs von Sekunde zu Sekunde weiter. <strong>Die</strong> Allianzler<br />

schienen diese Präsenz nicht zu spüren. Ungewöhnlich, schließlich<br />

hatten auch sie Druiden in ihren Reihen. Nachtelfen, die durch ihre<br />

Nähe zur Erdenmutter eigentlich die gleichen Empfindungen wie<br />

Braunpelz haben mussten. Vielleicht aber waren sie durch den Kampf<br />

auch nur zu abgelenkt, um ihren Empfindungen genug<br />

Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das, oder sie waren einem<br />

anderen Zweig des druidischen Seins gefolgt als Braunpelz.<br />

<strong>Die</strong> Gruppe Allianzler machte sich nun bereit, hatte nach kurzer Rast<br />

und Umsorgung der Verletzten (insbesondere des sehr verdrehten<br />

Magiers, der nun nur noch auf seinem Stab gestützt und sehr, sehr<br />

gebückt laufen konnte, wenn man dieses Straucheln noch als Laufen<br />

bezeichnen mochte) erneut die Kampfbereitschaft hergestellt und<br />

stürmten nun in den nächsten Raum.<br />

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Eine Erschütterung des Bösen fuhr durch Braunpelz. Dann hörte sie eine<br />

durchdringende Stimme. Menschlich zwar, doch von einer derartigen<br />

Größe, das ihr sofort klar wurde, das diese menschliche Gestalt und<br />

Stimme nur eine Maske war, um etwas viel, viel mächtigeres zu<br />

verbergen.<br />

‚Ah. <strong>Die</strong> Helden. Ziemlich beharrlich. Euer Gefährte hier meinte sich mit<br />

meiner Macht zu messen.’ hörte sie, gefolgt von dem Befehl, jener<br />

‚Gefährte’ solle die anderen töten.<br />

Ein Gefährte? Eine böse Vorahnung strich über ihren pelzigen Rücken,<br />

ließ ihr Fell so starr aufrecht stehen, das sie jedem Stacheleber hätte<br />

Konkurrenz machen können. Neugierig und dennoch vorsichtig schlich<br />

sie näher an den Durchgang. Allerdings war Schleichen nicht<br />

unbedingt die Paradedisziplin der Tauren <strong>–</strong> Hufe auf Stein waren nun<br />

einmal alles andere als unüberhörbar. Ein durch den Raum<br />

schallendes Klackern war die Folge, zwar leise, jedoch vernehmbar,<br />

wenn man darauf achtete. Mit jedem Schritt setzte ihr Herz einen<br />

Schlag aus, ließ ihre Sinne schärfer werden, damit sie im schlimmsten<br />

Fall zur Flucht ansetzen könnte. Doch der von ihr erwartete Sturm der<br />

Allianzler auf sie blieb aus, sie hatten sich stattdessen um einen am<br />

Boden liegenden Drachen versammelt. Einen großen, roten Drachen.<br />

Und wenn Braunpelz gross sagte, dann meinte sie GROSS!<br />

Doch etwas stimmte nicht. Ein schwacher, dunkler Schatten lag auf<br />

seiner Seele, brannte in dem Körper dieses riesigen Wesens.<br />

Seine Stimme, allzu laut und deutlich, dröhnte genau das heraus,<br />

warnte die Allianz und auch sie davor, sich ihm zu stellen. Er sei eine<br />

Gefahr für sich und alle anderen.<br />

Dann ein Schrei <strong>–</strong> ein verzweifelte Hilfeschrei von ihm. Ein<br />

Name....Alexstraza....ein bettelndes Flehen um Hilfe an eben jenen<br />

Namen.<br />

Im selben Moment, in dem ein glühender Blitz in Braunpelz fuhr,<br />

durchfuhr es ihren Verstand ebenfalls.<br />

<strong>Die</strong> Blutelfin.<br />

Alexstraza.<br />

Aspekt des Lebens.<br />

- 155 -


War sie es, die um Hilfe gebeten hatte? Wieso dann gerade diese<br />

arme, kleine und schwache Taurin?<br />

Braunpelz verstand nichts mehr. Nichts außer einem <strong>–</strong> sie musste nun<br />

irgendetwas tun. Nur was?<br />

Der Kampf war losgebrochen. In blinder Wut, getrieben von diesem<br />

schwarzen Schatten in ihm, schlug der Drache auf die Allianzler ein,<br />

spie Feuer und schickte einen nach dem anderen auf die Bretter.<br />

Doch die Kämpfer der Allianz wussten sich zu wehren, warfen ihrerseits<br />

Zauber und Klingenschwünge zurück, um den schwachen, von Wut<br />

getriebenen Drachen immer näher an die Schwelle des Todes zu<br />

treiben.<br />

Der Tod...nein....der durfte diesen Drachen nicht ereilen. Auch wenn er<br />

eine Befreiung wäre....sie musste etwas dagegen unternehmen. Auch<br />

wenn sie nur klein, schwach und unerfahren war, sie durfte ihn nicht<br />

sterben lassen. Noch vor dem Eingang in den nächsten Raum stehend<br />

schloß sie die Augen und hob ihre Hände. Grünes Licht umwob sie,<br />

während ihre Gedanken nur um das eine kreisten: <strong>Die</strong> Essenz eben<br />

jenes Roten.<br />

Ein greller, lauter Schmerzenschrei hallte durch den<br />

Pechschwingenhort, als sich der Drache auf die Hinterläufe stellte, sich<br />

ein letztes Mal vor seinem Schicksal aufbäumte und schließlich, aus<br />

zahlreichen Wunden blutend, tot zu Boden sackte. <strong>Die</strong> Allianzler<br />

zögerten nicht lange, erklommen die Treppen und stürmten weiter,<br />

tiefer in den Pechschwingenhort hinein.<br />

Braunpelz jedoch blieb zurück, ihre Gedanken nur auf den Körper<br />

dieses Drachen gerichtet. Unendliche Minuten strichen ins Land, bis sie<br />

ihren Zauber schließlich vollendete.<br />

Das gleiche grünliche Leuchten, das vorher sie umgeben hatte,<br />

schwebte nun um den leblosen Körper des Drachen. Klar war die<br />

Essenz des gefallenen Giganten zu erkennen, wie sie einen Weg aus<br />

dem Körper suchte. Doch eine unsichtbare Barriere hielt sie zurück,<br />

hinderte sie am Verlassen des geschundenen Körpers. Dann schließlich<br />

glühte auch der Körper leicht auf.<br />

Mit einem Zischen sog der Riese Luft durch seine Nüstern, blähte sie<br />

und röchelte Blut hervor, spuckte es direkt vor sich auf den Boden.<br />

Noch fehlte ihm die Kraft dazu, seine Augen zu öffnen, doch seine<br />

Gedanken waren bereits wach.<br />

- 156 -


„Was....ist geschehen?“ fragte die Stimme, die eben noch so hallend<br />

gesprochen hatte, nun mit einer Schwäche, die von grenzenloser<br />

Müdigkeit und Kraftlosigkeit zeugte.<br />

Braunpelz wankte den Gang hinein, sich an der Wand abstützend.<br />

„Bei den Ahnen, es ist gelungen.“ seufzte sie hervor und sank an der<br />

Seite des Riesen auf die Knie herab.<br />

„Du....wie dumm muss ein Wesen sein, das Unvermeidliche in Zweifel zu<br />

stellen und zu verhindern suchen?“ groll die kraftlose Stimme nun<br />

zornig. Gerade so, als habe er seinen eigenen Tod herbei gesehnt.<br />

„Ich tue, worum ich gebeten wurde. Von einer großen Lady. Und ich<br />

werde nicht scheitern.“ antwortete Braunpelz trotzig, ihre Hände auf<br />

die schuppige Seite der riesigen Reptils legend.<br />

Der Bereich des Pechschwingenhortes war dunkles Gebiet, böse und<br />

an vielen Stellen tot. Doch selbst in diesen Gegenden war die Energie<br />

des Lebens selbst noch präsent <strong>–</strong> mit der vulkanischen Quelle im<br />

Zentrum geradezu eine Ader zur Erdenmutter selbst. Und eben jene<br />

Ader war es nun, die Braunpelz und dieser Drache so dringend<br />

brauchten.<br />

„Ich flehe dich an, Erdenmutter. Schenke mir deinen Segen, um diesen<br />

treuen Sohn von dir zu retten. Gib mir deine Kraft, seine Wunden zu<br />

heilen.“ betete Braunpelz die Kraft herbei.<br />

Es dauerte einige Momente, ehe sie eine Reaktion erhielt. Dann spürte<br />

sie ein Beben unter sich. Der Boden schwankte und schüttelte sich, riß<br />

direkt neben den beiden einen kleinen Spalt auf und gab schließlich<br />

die erbetene Kraft frei.<br />

Mit einer Macht, die sie erst einmal in ihrem Leben gespürt hatte, traf<br />

sie die Kraft der Erdenmutter selbst, schenkte ihr unvorstellbare<br />

Energien. Doch anstatt selbst daran zu erstarken, konzentrierte sie sich<br />

allein auf den Drachen vor sich, ließ alle Energie durch ihre Hände in<br />

den Drachen gleiten. Der schrie von der plötzlichen Wucht der<br />

Energie, die seinen Körper durchströmte, lauthals auf, spie einen<br />

schwarzen Schleier, umsäumt von Blut aus, während sich die Wunden<br />

an seinem Körper zu schließen begannen.<br />

Als die Energie der Erdenmutter zu versiegen begann, raffte sich<br />

Braunpelz auf, um den Drachen einmal genauer anzusehen. Sein<br />

Körper war geheilt <strong>–</strong> und im Blick des Riesen lag nicht länger der<br />

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dunkle Schleier des Widersachers, der ihm diesen aufgezwungen<br />

hatte. Er war klar und von Unglauben gezeichnet.<br />

Eine innere Zufriedenheit über eine Bitte, die sie gänzlich so erfüllt<br />

hatte, wie sie es sollte, durchdrang Braunpelz. Dann jedoch<br />

verschwamm alles vor ihren Augen, wurde mit einem Schlag<br />

nachtschwarz. Und ohne eine Möglichkeit zur Gegenwehr fiel sie<br />

geradewegs nach vorn hin über, verlor das Bewusstsein und war<br />

einfach weg.<br />

Als sie wieder aufwachte, lag sie mitten in den weiten, grünen Wiesen<br />

von Mulgore, nicht weit von Bloodhoof entfernt, jedoch weit genug,<br />

das sie niemand entdeckt hatte. Ein Schmetterling hatte es sich auf<br />

ihrer Nase gemütlich gemacht, kitzelte sie und sorgte so dafür, dass<br />

die Taurin zu blinzeln begann und mit einem plötzlichen Nieser die<br />

Augen ganz aufschlug.<br />

Eine ganz in rot gekleidete Blutelfe, begleitet von einem in eine rote<br />

Robe gekleideten Menschen stand vor ihr und sah auf sie herab. Ein<br />

Lächeln lag auf den Lippen der Blutelfe.<br />

„Du hast mir wiedergebracht, was ich als Verloren glaubte und mir ein<br />

Lächeln geschenkt, Druidin. Yserion hat mit keiner Silbe, die er sagte,<br />

übertrieben.“ sagte sie mit einer Stimme, die das Glück und die Freude<br />

in ihr noch weiter betonte.<br />

„Ihr seid Alexstraza, nehme ich an.“ stellte Braunpelz nach einigen<br />

Momenten fest.<br />

<strong>Die</strong> Blutelfe sah die Druidin an. Ein kurzes Zucken in den Augen war<br />

alles, was Braunpelz als Antwort erhalten sollte. Dann wandten sich die<br />

beiden rot gekleideten um.<br />

„Meine Dankbarkeit ist dir gewiss. Doch zudem sollst du dies hier als<br />

Geschenk erhalten. Lebe Wohl, Braline. Und behalte den Pfad, den du<br />

beschreitest, stets in deinem Herzen.“<br />

Mit diesen Worten gingen die beiden schnurstracks den Weg entlang,<br />

während Braunpelz auf das Bündel blickte, das die beiden<br />

zurückgelassen hatten. Als sie dann zurück auf den Weg blickte,<br />

waren die beiden nicht mehr länger da. Dafür aber zwei große<br />

Schatten, die kurz vor der Sonne sichtbar waren und dann immer<br />

kleiner wurden.<br />

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<strong>Die</strong> Schatten von zwei roten Drachen. Einem großen und einem etwas<br />

kleineren.<br />

„In dem Bündel war das hier <strong>–</strong> eine komplette Lederrüstung,<br />

bewachsen mit viel Grün und so unglaublich bequem.“ vollendete<br />

Braunpelz schließlich die <strong>Geschichte</strong>.<br />

Vadarassar saß nun locker am Tisch, den Blick etwas<br />

zusammengekniffen, denn trotz s<strong>eines</strong> vorherigen Einwirkens war die<br />

Gaststätte wieder nahezu brechend voll, die Winterhauchstimmung<br />

hatte neuerlich die Oberhand gewonnen. Doch statt wild umher zu<br />

brüllen hatten die meisten der Erzählung von Braunpelz gelauscht.<br />

„Hinter der Allianz also her räumen, was? War ja schon immer große<br />

Mode von ihnen, das sie ihre Opfer einfach rumliegen lassen. Wären<br />

sie gründlicher, hätte es wohl die Geißel nicht gegeben.“ brummte<br />

Vadarassar.<br />

„Nu lass doch ma gut sein, Mann. Immerhin hat sie nen Drachen<br />

gesehen. Nee <strong>–</strong> sogar zwei. Sagma <strong>–</strong> weißt du, ob man die vielleicht<br />

mal für nen Ausflug oder so was bekommen kann? So ein kleiner<br />

Rundflug über Sturmwind beispielsweise. Nur der Drache, ich und nen<br />

paar von meinen Spielzeugen, eh?“ lachte Teborasque.<br />

„Du und deine Spielzeuge. Willst dich wohl selbst in die Luft jagen.“<br />

stellte Vadarassar fest.<br />

„Ey Mann. Ich hab Erfahrung. Meine Basteleien machen nur, was ich<br />

will.“<br />

„<strong>Die</strong> Erfahrung sieht man an deinen schwarzen Fingerspitzen. Und<br />

wenn du bewusst willst, das deine Gerätschaften unvermittelt in die<br />

Luft fliegen, dann bist du genau so durchgeknallt wie ein Goblin.“<br />

„Ach, bist ja bloß neidisch.“ grinste Teborasque und nahm einen<br />

erneuten, kräftigen Schluck aus seinem Kelch.<br />

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Kapitel 28 <strong>–</strong> Dunkelheit<br />

Gerade eben hatte sein ganzer Körper noch gebrannt, war er wie ins<br />

Feuer gesogen worden. Nun war endlich wieder die gewohnte Kühle<br />

eingekehrt. Eine beruhigende Kühle, die seinen Körper umgarnte.<br />

Er öffnete seine Augen.<br />

Eine Zelle. Modrig, alt, stinkend. Kein Ort, an dem ein lebendes Wesen<br />

gern und lange ausharren wollen würde. Doch leben...das tat<br />

Bwalkazz ja nun nicht mehr wirklich. Er wandelte zwar auf dieser Welt,<br />

doch das war es schon, was er mit dem Leben gemeinsam hatte.<br />

Sein Versuch aufzustehen wurde von schweren, eisernen Ketten, die<br />

um seinen Körper gewickelt worden waren, jäh unterbrochen. Ein<br />

Seufzen entglitt dem Magier, er schloß kurz seine Augen, öffnete sie<br />

wieder und stand nur einen Augenblick später zwei Meter weiter vorn<br />

und direkt vor einer schweren Tür, die aus Stein zu sein schien. <strong>Die</strong><br />

Ketten, vorher noch fest um den dürren Körper des Magiers gewickelt,<br />

plumpsten indes in sich zusammen, verloren die Kontur des Magiers<br />

und bildeten nun lediglich einen Haufen schwarzen Alteisens.<br />

Von den Ketten hatte er sich zwar befreien können, doch er sah sich<br />

außer Stande, diese massive Steintür aufzustemmen. Stattdessen<br />

spürte er Hitze dahinter und schwere Schritte, die näher kamen.<br />

Hitze und dieser schwarze Felsen. Das konnte doch nur der Schwarzfels<br />

sein...nur wie war er in die Brennende Steppe gekommen? Nicht<br />

einmal in seinen wildesten Träumen hätte er so etwas ersonnen. Der<br />

Portalzauber musste ziemlich schief gegangen sein.<br />

Mit einem Knirschen schob sich die Tür auf und zeigte das Antlitz einer<br />

Kreatur, die Bwalkazz noch nie in seinem Leben und danach gesehen<br />

hatte. Wie erstarrt blickte er auf die Fratze, die ihm, kurz überrascht,<br />

dann umso entschlossener fest an den dürren Handgelenken griff. Alle<br />

Kraft schien aus dem Magier zu weichen, Schwindel umgab ihn, als er<br />

in einen noch viel dunkleren Bereich gezogen wurde.<br />

„Weg? Was soll das heißen <strong>–</strong> Weg?“ brummte Vadarassar eine<br />

Trollmagierin an, die vor ihm stand und nicht einmal einen Hehl aus<br />

ihrer Abscheu Hexenmeistern gegenüber machte. Den<br />

Arkanitschnitter der Teufelswache im Rücken spürend ließ sie jedoch<br />

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halbwegs kooperativ werden <strong>–</strong> wäre ja schließlich schade um die<br />

schöne, wie neu glänzende Robe gewesen.<br />

„Ich sags dir doch, Mann. Der Kerl, den du suchst, is nirgendwo in<br />

Unterstadt. Nichma bei den Tauren oder Blutelfen. Der hat sich in Luft<br />

aufgelöst.“<br />

„Hey, niemand löst sich einfach in Luft auf, Mann. Nichma so ne<br />

Schneeflocke wie Bwal.“ mischte sich Teborasque in die Unterhaltung<br />

ein, die Teufelswache etwas zur Seite drängend.<br />

„Und ich weiß genau, dass du es uns sagen kannst, Mann.“ sagte er<br />

dann mit deutlich sanfterer Stimme.<br />

<strong>Die</strong> Augen der Trollin visierten ihn an, sahen dann kurz an sich herab<br />

und wieder zu ihm.<br />

„Nimm deine Hand von meinem Hintern oder du brauchst ne Neue,<br />

Mann!“ zischte sie ihn an.<br />

„Hehey, du gefällst mir. Magst gleich mitkommen? Dann zeig ich dir<br />

meine Dolchesammlung.“<br />

Einen letzten bösen Blick auf den Hexenmeister werfend drehte sie mit<br />

einem verächtlichen Blick ihren Kopf zur Seite und riß die Arme nach<br />

oben.<br />

„Ich habe noch meine Zehennägel zu zählen, danke. Aber spiel doch<br />

mit deinem schwarzen Lappen und seinem Schoßhündchen noch<br />

etwas.“ sagte sie noch rasch, ehe sie von gleißendem Licht eingehüllt<br />

wurde und in einer Stichflamme verschwand.<br />

„Ich glaub die mag mich.“ grinste Teborasque den Hexenmeister an.<br />

„Haste gesehen, wie die mich angeguckt hat?“<br />

Vadarassar verdrehte die Augen. „Ja, ich bin mir sicher, die möchte<br />

dich am liebsten direkt vernaschen.“<br />

„Hey, dann haben wir beide ja genau das gleiche gedacht, Mann.“<br />

grinste Teborasque noch breiter und blickte dann wieder auf die<br />

Stelle, auf der die Magierin gerade noch gestanden hatte.<br />

„Verdammt <strong>–</strong> ich hab aber nichma ihren Namen!“<br />

„Ich glaube ich habe jemanden gefunden, der uns helfen konnte.“<br />

unterbrauch mit einem Mal Braunpelz Teborasque beim seiner<br />

‚Freundin’ nachtrauern und Vadarassar dabei, sich selbst zu fragen,<br />

- 161 -


wie dumm ein Troll denn nun sein konnte. Stattdessen drehte er sich zu<br />

der Stimme und blickte sowohl zu Braunpelz als auch ihrer Begleiterin.<br />

Er musste blinzeln und die Augen etwas schließen, so gleißend hell und<br />

vor allem grell war die Begleiterin der Taurin. Der Gestank von<br />

Rosenwasser, das Schillern einer goldenen, blank polierten Rüstung<br />

und das Glitzern von tausenden kleinen Edelsteinen in der Brustplatte<br />

blendeten und benebelten den Hexenmeister so sehr, das er<br />

fürchtete, gleich ein Wiedersehen mit seinem Mittagessen feiern zu<br />

können.<br />

„Das ist Charsi. Sie ist eine Blutelfenpaladina.“ erklärte Braunpelz den<br />

beiden.<br />

„Das is ja schwer zu übersehen, Mann. Obwohl...man könnte meinen<br />

sie is nen wandelnder Winterhauchbaum, der in Flammen steht.“<br />

spottete der Troll, noch immer breit grinsend.<br />

„Pöh, nur weil du dich in deine Lederlumpen kleidest, deren einzige<br />

Zierde blöde Eisennägel sind, heißt es ja noch lange nicht, dass ich auf<br />

ein wenig Grundeleganz verzichten muss.“ giftete Charsi zurück, und<br />

warf dem Troll mit ihren malachitfarbenen Augen einen abfälligen<br />

Blick zu.<br />

„Ich wollte ja eigentlich helfen, weil eure Kuh...Begleiterin mich nach<br />

einem Skele..Untoten Magier gefragt hatte. Zufällig habe ich ihn<br />

gesehen, während ich meine Stiefel poliert habe.“<br />

Jetzt war das Interesse von sowohl Vadarassar, der den Brechreiz<br />

gerade so unterdrücken konnte, wie auch Teborasque, der die langen<br />

Ohren der Blutelfin bewunderte, geweckt. Um derlei Aufmerksamkeit<br />

bereichert blickte sich Charsi zuerst einmal an, um sicherzustellen, das<br />

auch wirklich kein einziger Fleck auf ihrer Rüstung ihr makelloses<br />

Erscheinungsbild hätte trüben können. Erst dann erzählte sie ihre<br />

<strong>Geschichte</strong>.<br />

„Naja, ich saß also an der Ecke und habe die Stiefel poliert. <strong>Die</strong>se<br />

dämlichen Reitkodos, die machen auch wirklich überall hin. Und<br />

Kododung ist dabei doch so grässlich aggressiv <strong>–</strong> da wäre doch glatt<br />

die Goldgravur an meinen Stiefeln verblasst, wenn ich mich nicht<br />

direkt darum gekümmert hätte. Und so aus dem Augenwinkel sehe ich<br />

einen Untoten, wie eure pelzige Freundin hier ihn mir beschrieben hat,<br />

wie er ein Portal zaubert. Hat sich wohl von dem Schneeball der Kerle<br />

irgendwo an der Taverne durcheinander bringen lassen. Jedenfalls<br />

ging der Portalzauber in die Hose und ein Dämon hat nach ihm<br />

- 162 -


gegriffen. Und ob ihrs glaubt oder nicht <strong>–</strong> der Dämon sah glatt genau<br />

so aus wie dieser Illidan aus den Büchern!“<br />

Illidan?<br />

Alle drei erstarrten, als sie diesen Namen hörten. Ein Dämon war schon<br />

schlimm genug, ein Nachtelf war noch etwas schlimmer...doch eine<br />

Mischung aus beidem war widerlich und nicht vorstellbar böse. Kein<br />

angenehmer Gedanke...wirklich nicht.<br />

„Sprich endlich, du widerwärtiges Geschöpf!“ brüllte die tentakelige<br />

Gestalt auf den am Boden liegenden Bwalkazz ein.<br />

„Wir wissen von der Geißel. Du bist einer von ihnen <strong>–</strong> zweifellos. Also<br />

sprich endlich: Was hat diese verdammte Brennende Legion jetzt<br />

schon wieder vor? Sprich oder ich werde dir die Arme rausreißen!“<br />

„Nur zu. Selbst wenn ich die Wahrheit sage, wirst du es nicht glauben.“<br />

presste der Untote hervor, die Robe durch etliche<br />

Flammenpeitschenschläge bereits zerschlissen.<br />

„Na warte nur, dir werde ich beibringen was es heißt, wenn man nicht<br />

gehorcht! Ich werde dir die Welt unendlicher Qualen eröffnen!“ brüllte<br />

der Eredar, erneut die Peitsche schwingend, um diesmal Teile von<br />

Bwalkazz toten Fleischs zu spalten. Doch seine Reaktion war nicht viel<br />

mehr als ein Zucken, gefolgt von einem Blick auf die nun offene,<br />

schwarz blutende Wunde.<br />

Vadarassar blickte zu der Paladina, die mittlerweile wieder<br />

angefangen hatte, einen Teil ihrer Rüstung zu polieren. Endlich hatte er<br />

den Würgereiz gänzlich in den Griff bekommen, sah sie ernst an. „Das<br />

bedeutet also, unser Freund ist irgendwo in der Welt hinter dem Portal,<br />

das Illidan durchschritten hat.“<br />

Er atmete tief durch. Das Dunkle Portal....ausgerechnet jene Lokation,<br />

bei der er die letzten Wochen so viel Zeit verbracht hatte. Ironie des<br />

Schicksals? Oder spielte da mal wieder jemand ein böses Spiel mit<br />

ihm? Wenn ja, dann würde eben jener schrecklich leiden <strong>–</strong> das war<br />

gewiss.<br />

Noch während er dies ersann, bemerkte er, wie ein Dutzend schwer<br />

bewaffneter Wachen auf Kriegsworgs aus der Gasse in Richtung<br />

Haupteingang geritten kamen und weder auf die Festivitäten noch<br />

auf eventuell herumlundernde Trunkenbolde achteten. Etliche<br />

- 163 -


Dutzend Grunzer folgten hinter ihnen her, streng in kopflose-Hühner-<br />

Formation hin und her sausend und dicht an den vieren vorbei.<br />

„Ey, was ist denn los, Mann?“ rief Teborasque, einige schnelle Schritte<br />

neben einem Grunzer her machend. Der indes warf dem Jäger keinen<br />

Blick zu, antwortete dafür im Marschtakt.<br />

„Dunkles Portal. Offen. Dämonen strömen durch. Einsatz!“<br />

„Wir müssen auch zum Portal.“ beschloß Vadarassar, die anderen mit<br />

strengem Blick ansehend. Dann ging er auf Braunpelz zu und legte ihr<br />

eine Hand auf die Schulter.<br />

„Bleib du hier. Es wird eklig werden und viel gekämpft.“ sagte er der<br />

Taurin, die ihn mit fassungslosem Blick ansah.<br />

„Ich? Hier bleiben? Vergiss es <strong>–</strong> ich bin mit dabei. Und Charsi hier<br />

kommt auch mit.“<br />

„Wha...?“ antwortete die Paladina, vor Schreck die Helmpolitur fallen<br />

lassend. „Moment mal...ich und in die Verwüsteten Lande? Zum<br />

Dunklen Portal? Vergesst es! Habt ihr ne Ahnung wie staubig es da<br />

ist?!“<br />

„Lass sie ruhig hier. <strong>Die</strong> bremst uns nur aus. Außerdem geht es meinem<br />

Magen dann weitaus besser.“ brummte Vadarassar, erneut einen<br />

leichten Blick auf die hell strahlende Rüstung Marke Kronleuchter<br />

werfend.<br />

„Ach...der Herr ‚Ich bin das Böse in Person. Ich bin ein Schatten und<br />

ich bin der beste’ fühlt sich wohl von mir ausgebremst, was? Bitte, ich<br />

komme mit und trete dir in deinen fetten Hintern, Orc.“<br />

Braunpelz lächelte. Und auch Vadarassar schien zu lächeln, zeigte er<br />

doch deutlich seine gelben Zähne.<br />

Doch das war kein Lächeln...es war ein wütendes Zähne fletschen.<br />

„Aber glaub ja nicht, das ich auf dich warten werde, wenn du wieder<br />

anfängst, deine Rüstung zu putzen!“ brummte Vadarassar schließlich<br />

und hob seine Hände. Ein lilanes Glühen umgab ihn, ließ ihn eine<br />

Sphäre aus Licht und Dunkelheit vor sich bilden.<br />

Ein anderer Dämon, den er auf seinen Wegen an sich gebunden<br />

hatte, trat aus dem schmalen Übergang. Flammende Hufe<br />

verwandelten den Boden unter sich in rötlich glühende, dampfende<br />

- 164 -


Pampe. Zwei brennende Augen starrten die übrigen Anwesenden,<br />

dann den Hexenmeister an, während ein Meter hohe Flammen vom<br />

Rücken des schwarzen Rosses und um dessen Rückenstacheln<br />

loderten. <strong>Die</strong> Mähne aus reinem Feuer wehte ungezügelt, fast wütend,<br />

während das nun beschworene Höllenross vor dem Hexenmeister zum<br />

Stehen kam.<br />

Es war zwar nur ein Augenblick, jedoch einer, der unendlich<br />

anzudauern schien, den das Pferd den Hexenmeister mit Abscheu<br />

anstarrte. Dann folgte untergliedernder Gehorsam, der das Pferd sein<br />

Haupt senken ließ, die vorderen Beine Richtung Boden sinken und so<br />

den Aufstieg auf den aus Dämonenleder geformten Sattel<br />

ermöglichte.<br />

„Sollte mich das jetzt etwa beeindrucken?“ murmelte Charsi, ihrerseits<br />

die Hände in den Himmel streckend.<br />

Gleißend hell strahlte das Mondlicht auf sie herab, brannte es auf dem<br />

Boden vor ihr. Kreisförmig.<br />

Aus dem Lichtkegel trat ein weißes Pferd, rein aus Licht gemacht.<br />

Dann verblasste langsam die Weiße des Lichts, brachte eine dennoch<br />

silberne Stute zum Vorschein. Ihre lange Mähne war mit Goldfäden<br />

geflochten, goldene Rüstungsteile zierten den Körper des prachtvollen<br />

Pferdes und ein roter, mit Samt bestickter Sattel lud zum Aufsteigen ein.<br />

Das tat Charsi auch mit bewundernswerter Eleganz, einen kleinen<br />

Sprung mit einer anschließenden halben Schraube ausführend und<br />

damit punktgenau im Sattel landend.<br />

Tebo grinste Vadarassar an. „Ich glaub die Nummer hat deine grad<br />

überboten.“<br />

Vadarassar grummelte. „Immerhin kann sie mehr als nur putzen. Los,<br />

beeil dich gefälligst.“<br />

Teborasque winklte ab. „Jaja...pass ma auf. Ich zeig dir meinen<br />

Kleinen.“<br />

Zwei Finger auf die Zähne legend pfiff er schrill durch seine Hauer.<br />

„Fifi! Komm her!“ brüllte er hinterher. Und tatsächlich kam, zur Panik der<br />

Winterhauchfeiernden, ein großer, grüner Raptor wie aus dem Nichts<br />

und geradewegs auf Teborasque zugerannt, nahm den Jäger ins<br />

Visier und stürmte noch etwas schneller, den hornbesetzten Kopf wie<br />

zum Angriff senkend.<br />

- 165 -


Teborasque machte sich seinerseits bereit, stürmte dem Raptor<br />

entgegen und sprang knapp vor ihm in die Luft, erwischte das Horn<br />

mitten im Flug und landete seinerseits im Sattel, aus dem er beinahe<br />

wieder rausgeflogen wäre, hätte er nicht noch im Landen nach den<br />

Zügeln gegriffen, mit denen er sich nun oben hielt.<br />

„Na, wat sagste du meinem Kleinen, Mann?“ grinste Teborasque den<br />

Hexer an. Der jedoch blinzelte den Jäger nur kurz an.<br />

„Fi...fi...ahhhja....“ Dann blickte er abwartend zu Braunpelz, die nicht<br />

einmal ansatzweise Anstalten machte, irgendwie auf ein Reittier zu<br />

steigen.<br />

„Wir treffen uns am Pier in Ratschet. Beeilt ihr euch lieber.“ sagte sie<br />

stattdessen mit einem Lächeln, das Vadarassar nicht zu deuten<br />

wusste. Wieso....sollten sie sich beeilen? Kannte sie eine Abkürzung<br />

oder wieso wollte sie laufen?<br />

Ehe er sie fragen konnte, war sie schon in Richtung Haupttor gestürmt,<br />

noch im Gehen ihre Gestalt zu jener schlanken Gepardin formend, die<br />

ihr jene überragende Geschwindigkeit verlieh.<br />

Normalerweise....doch die Reittiere waren schneller als sie. <strong>Die</strong>ses<br />

kleine Wettrennen konnte sie schlicht nicht gewinnen.<br />

- 166 -


Kapitel 29 <strong>–</strong> <strong>Die</strong> verwüsteten Lande<br />

Im schnellen Galopp trieben die Reiter ihre tierischen Untersätze,<br />

stürmten durch Durotar, über die Brücke am Southfury und dann quer<br />

durch das Brachland, um nur Minuten später in Ratschet<br />

anzukommen. Erst als sie am Steg von ihren Tieren stiegen und diese<br />

ebenso spektakulär, wie sie vorher erschienen waren, nun auch<br />

wieder verschwanden, bemerkte Vadarassar eine Gestalt dort vorn<br />

am Steg, die ihm beängstigend vertraut war.<br />

Einige Schritte in Richtung Steg und das dort gerade anlegende Schiff<br />

brachten ihm Gewissheit: Es war tatsächlich Braunpelz, die es sich auf<br />

einem der Fässer gemütlich gemacht hatte und auf einen ihrer<br />

Lebkuchen biß, als würde sie hier schon stundenlang auf die anderen<br />

warten.<br />

„Da seid ihr ja endlich. Was hat euch aufgehalten?“ brach es aus ihr<br />

heraus, als sie den Hexenmeister hinter sich auftauchen sah. <strong>Die</strong>ser<br />

war seinerseits erst mal so baff, das ihm die Worte fehlten. Stattdessen<br />

senkte er den Blick und bestieg das mit den Segeln flatternde Schiff<br />

„Jetzt weiß ich wenigstens, wieso Fast-Food überwiegend aus<br />

Rindfleisch gemacht wird.“ tönte Charsi kichernd, während sie<br />

ihrerseits das Schiff bestieg und sich dafür einen bösen Blick der Druidin<br />

einfing.<br />

Einige lautstarke Diskussionen mit dem Kapitän und seiner Crew, das<br />

metallische Schneiden einer großen Axt und das Krachen einiger<br />

Zauber später setzte das Schiff volle Segel und legte ab in Richtung<br />

der östlichen Königreiche.<br />

„Urgh...“ brachte Braunpelz mit einem Mal hervor, als das Schiff schon<br />

in die weite See hinaus gestochen war.<br />

„Was ist los?“ fragte Vadarassar mit ernster Mine und der Feststellung,<br />

dass das Gesicht der Taurin einen leicht grünlichen Ton zu bekommen<br />

schien.<br />

„Ich...habe komplett vergessen...wie sehr ich diese<br />

Schiffsfahrten....hasse....“ seufzte sie, kurz darauf die Kabine im<br />

Laufschritt verlassend und sich der Reling zuwendend.<br />

„Was für eine Schlaffkuh.“ kicherte Charsi glockenhell, sich derweil auf<br />

einer übergroßen Bank breit machend, wie es nur eine Blutelfe tun<br />

- 167 -


konnte. „Und es hieß die Tauren wären soooo mutige, soooo starke<br />

Verbündete. Hachje...“<br />

Ein tiefes, abgrundtief dunkles Grummeln bebte durch Vadarassar,<br />

seine Augen fixierten die Blutelfe, die sich nun in aller Ruhe ihre Nägel<br />

zu feilen begann und den Hexenmeister nicht einmal <strong>eines</strong> Blickes<br />

würdigte.<br />

Nur ein Zauber....ein kleiner Fluch....vielleicht ein paar Warzen auf dem<br />

seideweißen Gesicht. Ja, eine richtig schöne, fette, rote Warze auf der<br />

Nase dieser Paladina, dieser Diva....diesem Miststück.<br />

Erneut entfuhr ihm ein tiefes Grummeln, während seine Hände leicht zu<br />

glühen begannen. Gerade wollte er mit dem Zauber beginnen, da<br />

klopfte Tebo auf seine Schulter.<br />

„Lass gut sein, Mann. Vielleicht is sie ja doch noch irgendwie nützlich.<br />

Und seis auch nur als Dose, auf der die ganzen Dämonen rumklopfen.“<br />

sagte der Troll mit einem breiten, versichernden Grinsen dem<br />

Hexenmeister gegenüber.<br />

Ein Knurren war alles, was Teborasque als Antwort erhielt. Allerdings<br />

setzte sich Vadarassar tatsächlich kurz darauf an einen Tisch, widmete<br />

sich lieber dem Grog, der von einer der Goblin-Bardamen gebracht<br />

wurde, während er sich fragte, wie um alles in der Welt jemand nur so<br />

wahnsinnig sein konnte, etwas derart unattraktives als Bardame<br />

einzustellen. <strong>Die</strong>se....na ja....zu kurz geratene Zwergin wäre vielleicht<br />

etwas für einen Gnom gewesen. Obwohl: Bei denen war man sich ja<br />

auch nicht wirklich sicher, ob die aus dem Reagenzglas kamen, von<br />

Bäumen fielen, aus irgendwelchen Erdlöchern wuchsen oder sich<br />

durch ihr ständiges, wildes Rumgehüpfe vielleicht einfach teilten.<br />

Vadarassar persönlich hegte ja den Verdacht, das zwei Gnome<br />

entstanden, wenn man einen Zwerg in der Mitte durchschnitt. Nur<br />

hatte er bislang leider nicht die Möglichkeit gehabt, diese Theorie zu<br />

erhärten <strong>–</strong> mangels eben jener Zwerge, die in seiner Umgebung<br />

schlichtweg nicht lebendig bleiben wollten.<br />

Mit einem mittlerweile leeren Krug Grog in der Hand, einem Jäger<br />

neben sich, der nach dem mittlerweile achten Krug in sich zusammen<br />

gesackt war und lallend und prustend mit dem Kopf auf dem Tisch lag<br />

und einer Blutelfenpaladina, die noch immer emsig dabei war, nicht<br />

vorhandene Flecken von ihrer goldenen Rüstung zu wischen, kam<br />

Vadarassar zu dem Entschluß, dass er nun auch erst einmal etwas<br />

frische Luft brauchte. Abfällig warf er der goldenen Tunte noch einen<br />

Blick zu, stieg dann die Treppe hinauf und auf das Oberdeck.<br />

- 168 -


Dunkel war es mittlerweile geworden. Angenehm dunkel <strong>–</strong> nur die<br />

frische Brise, die hier salzig und feucht wehte, störte ihn noch ein wenig<br />

und damit diese wunderschöne Ruhe.<br />

„Hast du deinen Magen wieder eingefangen?“ fragte Vadarassar die<br />

Taurin, als er sich der Reling damit auch ihr näherte.<br />

Ihr Blick wanderte zu ihm, zeigte noch einen leichten Grünstich und<br />

damit die deutliche Übelkeit der Taurin an. Und doch nickte sie<br />

erschöpft.<br />

„Es geht schon wieder.“ meinte sie, folgte dann dem Blick des<br />

<strong>Hexenmeisters</strong>, der in Richtung Sterne wanderte.<br />

„Es war keine gute Idee von dir, mitzukommen.“ brummte Vadarassar,<br />

den Himmel betrachtend. „Am Portal warten Tod und Verderben.<br />

Selbst ein Hexenmeister wie ich würde niemals allein dort hingehen.“<br />

„Ich werde unseren Freund nicht im Stich lassen. Auch wenn er<br />

vielleicht schon tot ist, verbindet uns alle etwas mit ihm. Nun...bis auf<br />

die Paladina.“ protestierte Braunpelz, rief bei Vadarassar ein<br />

langsames Nicken hervor.<br />

„Das mag stimmen.“ brummte der Hexenmeister noch, den Pfaden<br />

der Sterne mit beiden Augen folgend.<br />

In eben diesem Moment hätte er sich gewünscht, etwas anderes als<br />

ein der Verdammnis anheim gefallener Hexenmeister zu sein. Zum<br />

ersten Mal in seinem Leben hatte er etwas, das er beschützen konnte<br />

und auch wollte <strong>–</strong> und das war zur Abwechslung mal nicht nur seine<br />

eigene Haut. War es nun Schwäche oder Stärke, die er aus diesem<br />

komisch-kitschigen Gefühl ziehen konnte, sollte, vermochte oder<br />

würde? Er wusste es nicht, es scherte ihn eigentlich auch nicht. Alles,<br />

was er wusste war, dass er durch das Portal schreiten und den<br />

dämlichen Magier suchen würde.<br />

„Wie läuft das Verhör mit dem Untoten?“ groll eine dunkle Stimme.<br />

„Leider nicht sehr erfolgreich, Mylord. Er ist stur und beharrt darauf,<br />

nichts von einer Invasion zu wissen.“ gestand der Kerkermeister.<br />

„Narr!“ groll die Stimme so laut, dass der Kerkermeister zu Boden<br />

stürzte. „Natürlich will er uns das wissend machen. Er WILL es nicht<br />

wissen. Doch ich bin schlauer als er.“<br />

- 169 -


Ein großer Dämon schritt aus dem Dunkeln, drehte seinem im<br />

Größenvergleich winzigen Handlanger den Rücken zu.<br />

„Sende Streitkräfte in Richtung Portal. Wir werden ihnen einen<br />

gebührenden Empfang bereiten!“<br />

Endlich legte das Schiff in Booty Bay an. Es war zwar noch so früh, dass<br />

selbst die Sonne noch nicht aufgestanden und aus ihrem feuchten<br />

Meeresbett in Richtung Horizont gestiegen war, doch trotz der frühen<br />

Stunde saßen die drei in ihren Satteln und lief Braunpelz in ihrer felinen<br />

Gestalt neben ihnen den Dschungel hinauf.<br />

Es war gar nicht so lange her, dass sie vor den Katzen, den Löwen und<br />

Tigern und auch den Basilisken hier Furcht und darauf dann zumindest<br />

noch Respekt gespürt hatte. Nun war lediglich der Respekt geblieben<br />

<strong>–</strong> der selbe Respekt, den sie allem Lebenden entgegen brachte. Eine<br />

Gefahr waren jene Kreaturen nicht mehr für sie. Anstatt sie, wie noch<br />

vor einigen Monaten, auf leichte Beute hoffend anzustürmen, wichen<br />

sie ihr nun sogar absichtlich aus, duckten sich ehrfurchtsgebietend vor<br />

der in Katzenform reisenden Druidin. Ob es mit ihren drei Mitreisenden<br />

zusammenhing oder aber der Aura, die sie mittlerweile umgab <strong>–</strong> eine<br />

Erklärung wusste sie nicht wirklich. Nur ein schmales Grinsen huschte<br />

über das lange, katzenhafte Gesicht, ließ ihre Reißzähne aus dem<br />

Maul entblößt dar stehen.<br />

„Ich hoffe der Orc weiß wenigstens, in welche Richtung wir reiten<br />

müssen.“ pfiff Charsi durch ihr Helmvisier.<br />

„Ob du es glaubst oder nicht, Blutelfe, aber dass weiß dieser Orc<br />

tatsächlich. Allerdings müssen wir durch ein Allianzlerkaff durch.“<br />

„Das klingt doch einfach.“ meinte Charsi.<br />

„Das klingt doch gefährlich.“ meinte Braunpelz.<br />

„Das klingt nach SPASS, Mann!“ feierte Teborasque, triumphierend<br />

seinen Bogen in die Luft haltend. „Wieder mal Futter für meine Pfeile,<br />

Mann!“<br />

„Wir werden nicht kämpfen. Dazu ist weder Zeit noch hätte es Sinn.“<br />

grummelte Vadarassar. Sicher <strong>–</strong> die Zeit hätte er sich gern genommen,<br />

dieses Provinznest der Allianz zu bereinigen. Doch war sein Kopf noch<br />

hell genug, um diesen finsteren Wunsch zumindest so weit zurück zu<br />

drängen, dass er sich auf ihr eigentliches Ziel konzentrieren konnte.<br />

Und das Letzte, was er wollte war, dass ihn und seine Freunde eine<br />

ganze Meute wütender Allianzritter verfolgte, weil einige Spassvögel<br />

- 170 -


ihnen den Abendwein verdorben hatten. DAS wollte er sich immerhin<br />

für einen besonderen Tag aufheben und ihre Qualen genießen <strong>–</strong> und<br />

nicht nur ebenso im Vorbeireiten.<br />

Gerade am Kaff angekommen sahen sich die Vier untereinander an.<br />

„Jetzt brauchen wir eine Ablenkung.“ brummte Vadarassar und<br />

blickte auf die Blutelfe. <strong>Die</strong> realisierte diesen Blick zuerst nicht, sah den<br />

Hexenmeister dann fassungslos an und sah neben sich, ob sie vielleicht<br />

irgendein ekliges Krabbeltier auf den Schultern sitzen hatte. Doch da<br />

war nichts <strong>–</strong> wie befürchtet.<br />

„Wieso eigentlich ICH?“ zickte sie, die Arme vor der Brust kreuzend.<br />

„Weil DU bisher noch nichts produktives geleistet hast außer einem auf<br />

die Nerven zu gehen, weil DU und deine Art mit der Allianz mal auf Du<br />

und Du waren, weil DU entbehrlich bist und weil DU so was von den<br />

Hintern voll kriegst, wenn du nicht im nächsten Augenblick dort vorn<br />

stehst und die Wachen ablenkst. DESWEGEN! Und nun beweg dich,<br />

bevor ich dir Beine mache, Elfe!“ knurrte Vadarassar die Paladina an.<br />

Charsi öffnete ihren Mund, wollte ihre Schimpftriaden loslassen, schloß<br />

ihn dann aber wieder, stieg von ihrem Pferd und ging, ohne einen<br />

weiteren Mucks zu machen, in die Mitte des Marktplatzes und auf eine<br />

der Wachen zu.<br />

„Boah Vada, ich glaub du magst die Kleine wirklich nich, eh?“ grinste<br />

Teborasque den Hexenmeister an, der mit zufriedenem Blick zusah, wie<br />

die Blutelfe mit der Wache zu flirten begann. Einige andere Wachen<br />

kamen angeschlichen, sahen die Blutelfe und die Wache, wie sie in<br />

ein angestrengtes Gespräch von Nagellack, Rüstungspolitur,<br />

Frisurtipps, Kleidungsgeschmäckern, Stellungen im Bett und worüber<br />

Mann und Weib in so einer Situation sonst so schwafeln diskutierten<br />

und starrten dann nur stur eben dort hin. Das reichte den drei<br />

anderen, um hinter ihnen vorbei über eine Seitengasse zu schleichen<br />

und nach einigen hundert Metern wieder auf ihre Reittiere zu steigen.<br />

Das aus den Augenwinkeln sehend machte Charsi noch eine Geste<br />

des Abschieds, ließ rein beiläufig ein Stück Stoff fallen und ging kurz<br />

darauf ihrerseits auf die drei anderen zu. <strong>Die</strong> Menschenwache stand<br />

noch einen Moment wie versteinert dort, winkte ihr dann nach und<br />

bückte sich schließlich nach dem Stück Stoff.<br />

- 171 -


Nicht einmal zwei Sekunden später knallten die anderen Wachen aus<br />

ihren Verstecken und warfen sich ihrerseits auf das kleine Stückchen<br />

Stoff. Eine Prügelei entbrannte zwischen vier, fünf Wachen, Metall<br />

krachte auf Metall, Schwertgriffe und Schilde wurden als Schlagwaffen<br />

missbraucht, um den Rivalen ohnmächtig zu prügeln <strong>–</strong> nur wegen<br />

<strong>eines</strong> kleinen Stücks Stoff.<br />

Mich hoch erhobenem Haupt kam Charsi zu den drein, stieg ihrerseits<br />

auf ihr Pferd und setzte an, loszureiten.<br />

„Boah ey. Was haste denen denn da hingeworfen? <strong>Die</strong> sind ja total<br />

außer Rand und Band!“ stellte Teborasque fest, seinem Raptor einen<br />

kleinen Klaps mit den Zügeln verpassend.<br />

Charsi blinzelte den Troll kurz an, hob dann demonstrativ ihren Blick<br />

und wendete diesen nach vorn, als wolle sie damit ihre Überlegenheit<br />

über alle anderen in der Horde und sogar bei den Blutelfen kund tun.<br />

„Meinen Schlüpfer.“ sagte sie kühl und schnippisch.<br />

Vadarassar und Teborasque rissen die Augen auf, ihre Kiefer klappten<br />

herunter, ließen statt Worten nur noch ein unverständliches<br />

Kauderwelsch heraus quillen. Nur Braunpelz war noch zu einem<br />

kontrollierten Laut fähig.<br />

„Ich habs doch gewusst. Blutelfen sind allesamt Huren....“ grummelte<br />

sie leise.<br />

- 172 -


Kapitel 30 <strong>–</strong> Ein (Alb-)Traum wird wahr<br />

„Waffenträger Grol’Nak! Vortreten!<br />

Du und deine Einheit werdet die Westseite des Portals angehen!<br />

Kriegsrufer Zabrius <strong>–</strong> deine Axtwerfer rücken von Süden vor und<br />

decken die Grunzer von Bronc. Thralls Garde rückt derweil von der<br />

Mitte nach vorn und kümmert sich um erste Ausläufer. Habt ihr das alle<br />

verstanden?!“ brüllte der Kommandeur von Stonard. <strong>Die</strong> vier Anführer<br />

der einzelnen Einheiten nickten, zogen dann ihre Waffen und<br />

drängten hinaus, vorbei an den vier Reisenden, die gerade erst<br />

angekommen waren.<br />

Ein kurzer Blick des Kommandeurs reichte, um die Pestnarbe auf<br />

seinem Herzen erneut zu sehen und zu erkennen.<br />

„Hexenmeister...wieso ahnte ich, dass ihr Schwarzmalervolk<br />

ausgerechnet jetzt hierher kommen würdet? <strong>Die</strong> Dämonen ziehen<br />

euch doch an wie das Licht die Fliegen!“ knurrte der alte, in schwere<br />

Rüstung gekleidete Orc seinen Volksgenossen an, für den er gar nicht<br />

genug Verachtung aufbringen konnte.<br />

Erfolglos versuchte Vadarassar seinen Ärger zu verbergen, hätte er<br />

diesen vorlauten Vollidioten doch am liebsten in einen rauchenden<br />

Kadaver verwandelt. Stattdessen musste er gute Mine zum bösen Spiel<br />

machen, zog seine Mundwinkel so tief herunter, wie er konnte und<br />

musterte die provisorisch dargestellte Karte der Verwüsteten Lande.<br />

„Gibt es Probleme?“ fragte Braunpelz an Vadarassars Stelle, den<br />

Kommandanten mit einem möglichst neutralen bis freundlichen Blick<br />

ansehend.<br />

Der jedoch starrte noch immer auf den Hexenmeister ein, unfähig,<br />

seinen Blick von dieser Abscheulichkeit des orcischen Seins zu nehmen.<br />

„Das dunkle Portal öffnet sich.“ knurrte er die vier an. „Kein geringerer<br />

als Lord Kazzak kümmert sich persönlich darum, wie die Späher<br />

berichten. Und bei Thralls Hammer <strong>–</strong> wenn sich das Portal wirklich<br />

öffnen sollte, sind wir alle verloren.“<br />

„Jetzt sei mal nicht so melodramatisch.“ brummte Vadarassar. „<strong>Die</strong><br />

Dämonen wurden schon früher wieder zurückgeschlagen. Sie sterben<br />

ebenso wie jeder andere auch.“<br />

„Ich zweifle nicht daran, dass ein Hexenmeister wie du nicht in der<br />

Lage ist, die Ernsthaftigkeit der Lage einzuschätzen. Doch selbst mich<br />

überrascht die Blödheit, mit der ein Dämonenanhänger wie du das<br />

- 173 -


Unvermeidliche leugnet.“ knurrte der Orc erneut, Vadarassar wieder<br />

einmal böse anfunkelnd.<br />

„Es sind ja nicht nur die Dämonen. Auch die Allianz, verblödet wie<br />

immer, stellt sich lieber gegen unsere Grunzer, anstatt sich gegen die<br />

Dämonen zu werfen. Während unsere Kämpfer fallen, drehen sie<br />

Däumchen, um unseren Geschwächten Kameraden ihre Schwerter in<br />

den Rücken zu rammen. Feiglinge auf dem Feld, unehrenhafte<br />

Kampfschweine.“<br />

Anstatt noch weiter den Dialog mit dem Kommandanten zu suchen,<br />

drehte sich Vadarassar mitten im Gespräch um und verließ den<br />

Bunker, schwang sich auf sein Pferd.<br />

„Wo willst du denn jetzt hin?“ fragte ihn Braunpelz, die Hände in die<br />

Seiten stemmend. „Wir sollten ihnen hier helfen. Ich kann ihre Wunden<br />

versorgen...“ begann sie, wurde dann aber von Vadarassar<br />

unterbrochen.<br />

„Ich werde persönlich zum Portal reiten. Mit den Dämonen werde ich<br />

schon fertig. Und wenn nicht....wir werden sehen.<br />

Mit den Worten verschwand er, die Augen schließend und den Kopf<br />

kräftig schüttelnd.<br />

Das Portal öffnete sich....genau so wie in dem Albtraum, den er<br />

gehabt hatte. Nein, er durfte nicht zulassen, dass sich seine dunkle<br />

Vision erfüllte. Das durfte nicht geschehen. Deswegen ritt er allein.<br />

Schnell war der Staub der Verwüsteten Lande um ihn herum,<br />

kristallisierten die Sandkörner unter den brennenden Hufen s<strong>eines</strong><br />

Reittiers, aus dem er mit seinen Mithrilsporen mehr und mehr<br />

Geschwindigkeit heraus prügelte. Er war gerade erst an der<br />

improvisierten Festung der Allianz vorbei, als er schon den Kampflärm<br />

hörte, der von dem Portal bis zu ihm dringen musste.<br />

Als er schließlich auf der Anhöhe vor dem Portal auftauchte, sah er<br />

das flimmernde Portal, das Welle um Welle von höheren und niederen<br />

Dämonen ausspuckte. Dutzende Wellen brandeten auf Grunzer der<br />

Horde, Orcs, Tauren und Trolle gleichermaßen, während aus den<br />

hinteren Reihen die Kugeln, Pfeile und Bolzen, die Messer, Dolche und<br />

Äxte flogen und ihre Ziele suchten. Zahllose Leichname von bereits<br />

erlegten Dämonen lagen dort, ebenso wie eine große Zahl blutender,<br />

zerfetzter oder geköpfter Grunzer der Horde. Von dem<br />

Kommandanten unbemerkt kämpfte auf der anderen Seite jedoch<br />

ebenfalls die Allianz <strong>–</strong> mit mindestens ebenbürtiger Härte <strong>–</strong> gegen die<br />

- 174 -


dämonische Masse, die mit jedem Beben des Portals größer zu werden<br />

schien.<br />

Erneut gab Vadarassar seinem Reittier die Sporen, stürmte die Anhöhe<br />

hinab und zog seine glühende Magieklinge. Schwarze Wolken kreisten<br />

um seine Hände, dunkellila glühte es um ihn herum, während kleine<br />

schwarzlilane Löcher um ihn herum kreisten.<br />

Dann tat er, was ihm jeder Hexenmeister verboten und wovor man ihn<br />

einhellig gewarnt hatte.<br />

Er rief seine Dämonen. Alle zur selben Zeit.<br />

Jubtuk sprang aus einem der Portale, blickte den Hexenmeister mit<br />

einem verachtenden Blick an, während aus einem anderen Portal die<br />

bläuliche Wolke Hathmon schwebte, Fierneri aus einem dritten schritt,<br />

Haatom aus einem vierten und aus dem fünften und letzten schließlich<br />

sein jüngster Dämon trat <strong>–</strong> Zahzzeem, ein Teufelsjäger.<br />

Wie glühende Nadeln traf es Vadarassar, als seine Dämonen vor ihm<br />

standen. <strong>Die</strong> Welt kreiste um ihn, ließ ihn vor dunkler Macht<br />

benommen fast von seinem Pferd stürzen.<br />

„Er ist geschwächt! Jetzt können wir ihn versklaven! Jawohl, du blöder<br />

Hexer! Jetzt räche ich mich für deine ständigen Eskapaden und die<br />

Rumkommandiererei!“ fluchte Jubtuk, seine Hände vor Feuer glühen<br />

lassend.<br />

In eben diesem Moment spürte er aber schon zwei kräftige Kopfnüsse<br />

auf seinem Kopf. Eine von Haatom und eine von ausgerechnet<br />

Fierneri.<br />

„Au! Ey! Was soll das?! Wollt ihr euch etwa von dem Hannes versklaven<br />

lassen? Wir sind Dämonen! Wir halten zusammen!“ fluchte der Wichtel<br />

wieder.<br />

„Nein. Er hat mich vor der Verdammnis gerettet. Er ist mein Liebling, ich<br />

will ihm gehorchen.“ protestierte Fierneri, demonstrativ ihre Peitsche<br />

spannend, um Jubtuk damit einen neuerlichen Schauer über den<br />

Rücken zu jagen.<br />

„Er hat mich bezwungen und an seine Existenz gebunden. Wenn er<br />

stirbt oder vergeht, werde auch ich sterben.“ groll Haatom.<br />

- 175 -


„Bitte. Dann halt ohne eu....“ wollte der Wichtel hervor bringen, spürte<br />

in dem moment aber einen der Tentakel von Zahzzeem in seinem<br />

Rücken, der ihm schlagartig seine Kraft abzusaugen begann.<br />

„Hexer gerettet vor Tod. Hexer gut zu Zahzzeem. Zahzzeem gut zu<br />

Hexer.“ bellte der hundähnliche Dämon, den Wichtel langsam<br />

zusammen sacken lassend, ehe er seinen Tentakel von ihm löste.<br />

„Ihr...ihr seid doch alle....“ schimpfte Jubtuk, sah sich dann umringt von<br />

den vier Dämonen und auch Vadarassar, der sich nun etwas<br />

gefangen hatte und seinen Wichtel böse anstarrte.<br />

Noch immer blickte der Kleine Wichtel alle um sich herum böse an.<br />

Dann seufzte der Kleine, blickte gen Boden.<br />

„Wieso ist es mein Fluch, nicht endlich frei zu sein? Also <strong>–</strong> was willst du,<br />

Boss?“<br />

„Greift an. <strong>Die</strong> ganzen Dämonen dort! Wir müssen sie zurück schlagen.<br />

Fangt bei den Kommandanten an.“<br />

„Ja, Herr!“ grollen vier der Dämonen. Nur Jubtuk murmelte noch ein<br />

„Das ist doch lebensmüder Wahnsinn.“ hinterher, während sie sich auf<br />

den stürzten, der offenbar die Befehle im Hintergrund erteilte.<br />

Nicht Kazzak, aber einer seiner Offiziere, ihm äußerlich sehr ähnlich und<br />

nur deutlich kleiner, kommandierte die Dämonen, die ständig aus<br />

dem Portal traten und koordinierte den Angriff. Es lief gut, er hielt die<br />

Angreifer gut auf Distanz. Nur Dämonen umringten ihn in vielen<br />

Dutzend Metern Umkreis.<br />

Umso verblüffter war er, als er eine Axt gegen seine Seite rammen<br />

spürte. <strong>Die</strong> schwarze Arkanitklinge schnitt sich fast widerstandslos<br />

durch die dicke Rüstung des Dämonen und ließ schwarzes Blut aus<br />

einer breiten Wunde heraus quillen.<br />

„Was?! Wer wagt es, mich anzugrei....?!“ groll er, fasste Haatom in den<br />

Blick und wollte zuschlagen, fühlte im selben Moment jedoch eine<br />

Peitsche, die sich um seinen Hals legte und ihm den Atem raubte.<br />

Flammen schossen von unten gegen seine Brust, während etwas<br />

schattenhaftes seine Seele brennen ließ. Etwas biß ihn in seine<br />

hufbesetzten Beine, sog an seiner arkanen Macht.<br />

- 176 -


„Ich werde euch für diesen Frevel zerquetschen!“ groll der<br />

Dämonenanführer, nun selbst zu seiner Waffe greifend, um sie gegen<br />

die niederen Dämonen zu richten.<br />

„Dazu wird es nicht mehr kommen, du Ausgeburt der Legion!“ knurrte<br />

Vadarassar, seine Hände vor Schwärze prall gefüllt haltend. Zwei<br />

Schattenblitze verließen seine Hände, donnerten auf den Dämon zu,<br />

alles in ihrem Weg verderbend. Gemeinsam mit der Klinge von<br />

Haatom trafen sie den Riesendämon, rissen große Stücke verdorbenen<br />

Fleisches aus dem Körper und öffneten die Schleusen für einen<br />

Wasserfall aus schwarzem Blut.<br />

Schwindel umgarnte den Dämon, der mit letzter Kraft gegen die ihn<br />

quälenden Dämonen ankämpfte.<br />

Ein Schrei entglitt ihm. Ein Schrei, der dafür sorgte, dass alle Dämonen<br />

sich umdrehten und ihn anstarrten. Dann sahen sie auf einen<br />

Hexenmeister, der noch einen weiteren Schattenblitz auf den<br />

Verdammnisfürsten losdonnern ließ, um diesmal auf das viel zu weit<br />

geöffnete Mundwerk zu zielen, es nur Augenblicke später in einer<br />

großen Explosion auseinander reißen zu lassen.<br />

<strong>Die</strong> Explosion riss die Dämonen aus ihrer starren Befehlskette heraus.<br />

Unkontrolliert wuselten sie nun umher, hatten jedoch allesamt nur noch<br />

ein einziges Ziel: <strong>Die</strong>sen Hexenmeister, der ihren Kommandeur erlegt<br />

hatte.<br />

Vadarassar....zumindest er sollte sterben.<br />

Drei Verdammiswachen stürmten auf Vadarassar zu, schwangen ihre<br />

Klingen gegen ihn, von denen er nur eine parieren und den anderen<br />

beiden um Haaresbreite ausweichen konnte, ehe seine eigenen<br />

Dämonen an seiner Seite gegen die Meute kämpften.<br />

Mehr, immer mehr Dämonen strömten auf ihn zu. Von oben flatterte<br />

eine weitere Verdammniswache auf ihn zu, wollte ihm ungesehen von<br />

hinten ihre Klinge in den Rücken rammen.<br />

Ein schrilles Pfeifen war das Letzte, was sie hörte, als drei Pfeile<br />

nebeneinander an ihr vorbei sausten und ihren linken Flügel zerfetzten,<br />

aus dem Gleitflug einen Absturz machten und die harte Bruchladung<br />

auf nacktem Fels der Verdammniswache das Genick brach und der<br />

Kadaver drei Wichtel unter sich begrub.<br />

- 177 -


„Hey! Vier zum Preis von einem, Mann!“ jubelte eine sehr bekannte<br />

Stimme mitten aus dem Schlachtfeld.<br />

Teborasque. Braunpelz. Wieso waren sie hier? Was machten die<br />

beiden denn da?<br />

„Wolltest uns nich zu deiner Privatparty einladen, eh? Na warte, jetzt<br />

wird’s richtig spaßig!“ feierte der Trolljäger und schoß Salve um Salve in<br />

die Dämonenmassen, während Vadarassar verzweifelt gegen die<br />

Horden von Dämonen anzukämpfen versuchte.<br />

„Kameraden!“ brummte Vadarassar seine Dämonen an. „Geht jetzt<br />

zurück...und gebt mir eure Kraft.“<br />

„Aber immer doch <strong>–</strong> liebend gern!“ meinte Jubtuk, machte einen<br />

schnellen Salto nach hinten und verschwand in einem winzigen<br />

Netherlöchlein. Hathmon und Haatom folgten dem Befehl ebenso wie<br />

Zahzzeem, ließen nur Fierneri zurück.<br />

„Herr, ich will dich nicht zurück lassen.“<br />

„Mir geschieht nichts. Nun geh endlich.“ brummte Vadarassar seine<br />

Sukkubi an, die sich dann schließlich doch von ihm abwendete und<br />

ihrerseits in einem Netherwirbel verschwand.<br />

Von der Kraft der Dämonen, die sich ursprünglich in dieser Welt<br />

manifestiert und eben jene Kraft nun an ihren Herrn übergeben hatten<br />

getrieben, stieß Vadarassar einen Schrei aus, um sich und alles um sich<br />

herum in Flammen zu hüllen.<br />

„Verbrennt! VERBRENNT IM FEUER DER HÖLLE!“ brüllte er, im Umkreis<br />

von zwanzig Metern alles in Flammen setzend. Seine eigene Robe,<br />

seine Stiefel, Handschuhe, sogar seine Kopfbedeckung fingen<br />

ebenfalls Feuer, brannten auf seiner Haut und brachten ihm<br />

unvorstellbare Schmerzen ein. Doch auch alle Dämonen um ihn<br />

herum schrieen auf, wurden teilweise sofort, teilweise nur langsam von<br />

den Flammen verzehrt, ehe Vadarassar auf dem Boden zusammen<br />

sackte und sich auf seinem noch immer gezogenen Schwert<br />

abzustützen versuchte.<br />

Kraft...sie war nun gänzlich aus Vadarassar gewichen. Wenigstens<br />

hatte er viele in den Tod gerissen.<br />

„Du bist mächtig. Und mächtig dumm, Orc.“ groll eine dunkle Stimme<br />

hinter Vadarassar. Er schaffte es gerade noch, seinen Kopf zu drehen,<br />

- 178 -


wollte seine Hand mit dem Schwert hochheben und zu einem<br />

kräftigen Schlag ausholen. Doch sein Körper reagierte vor Schmerzen<br />

nicht mehr, ließ seine Bewegungen viel zu langsam für den Dämon<br />

hinter sich sein.<br />

Mühelos trat der Dämon das Schwert mit einem seiner Hufe weg, ließ<br />

die Klinge sausen.<br />

„Du hast meinen ersten Kommandanten erlegt. Einen jungen<br />

Schwächling. Doch MICH wirst du nicht erlegen können. Weder mich<br />

noch meine Streitmacht.“ groll nun die Stimme, für die Vadarassar ein<br />

Bild bekam.<br />

Kazzak.<br />

„Und jetzt, du dummer Orc, wirst du sterben.“ groll Kazzak, seine breite<br />

Klinge hebend, um sie dann unbarmherzig langsam auf Vadarassar<br />

niedergehen zu lassen.<br />

„Vergiss es!“ zischte eine andere Stimme. Braunpelz, in Gestalt <strong>eines</strong><br />

Geparden, stürmte auf den Verdammnislord zu, einen langen Satz aus<br />

voller Geschwindigkeit machend. Mitten im Flug änderte sich ihre<br />

Gestalt zu einem wilden Bären, dessen Augen rot glühten. Schaum<br />

quoll aus dem Maul des Bären, während er seine Klauen in die Seite<br />

des Dämonen rammte und ihn mit aller Macht zur Seite warf.<br />

Kazzak stolperte einige Schritte zur Seite, wäre beinahe über einen<br />

Stein gefallen, fing sich dann aber, um seine Klinge gegen den Bären<br />

zu richten. Der jedoch schlug gegen die Klinge, ließ sie im hohen<br />

Bogen Richtung Portal segeln und damit eine Verdammniswache<br />

aufspießen.<br />

„Geh zu Tebo! BEWEG DICH!“ brüllte der Bär lautstark. „Ich halte ihn<br />

auf!“<br />

Vadarassar rappelte sich auf, sah sich dann, reichlich wackelig auf<br />

den Beinen, nach dem Jäger um. Er wurde nicht fündig. hörte dann<br />

jedoch ein gequältes Stöhnen.<br />

Langsam schritt er in diese Richtung, fand Teborasque schließlich am<br />

Boden. Blut tropfte aus einer Wunde an seiner Brust, ein Schwert<br />

steckte in eben dieser.<br />

Das Schwert von Vadarassar. Jenes Schwert, das Kazzak ihm<br />

weggetreten hatte.<br />

- 179 -


Wie in seinem Albtraum langte er nach dem Griff s<strong>eines</strong> Schwertes,<br />

den glasigen Blick von Teborasque auf sich liegen fühlend. Hinter ihm<br />

schritten die Dämonen auf ihn zu und Braupelz brüllte lauthals,<br />

während Kazzak und nun auch noch einige andere Dämonen auf die<br />

bärenhafte Gestalt einprügelten.<br />

Es war wie in diesem Albtraum....wieso nur...wieso wurde er so gequält.<br />

Wieso waren sie gekommen? Wieso nur?<br />

Lautes Heulen hallte durch die Luft. Eine Gruppe Worgreiter stürmte<br />

auf das Portal zu, riss eine Lücke zwischen die Dämonen und das Portal<br />

und stürzte sich dann auf Kazzak und seine Gefolgschaft.<br />

„Los!“ knurrte Braunpelz, die mittlerweile aus dem Kampfgetümmel<br />

herausgekommen und zu Vadarassar gelaufen war. Dicke blutige<br />

Spuren zogen sich durch ihren bärigen Pelz, ließen ihren Blick glasig<br />

wirken.<br />

„Wir müssen hier weg.“<br />

„Aber...wohin denn?“<br />

„Durch das Portal. Schnell!“<br />

„Du bist doch total durchgeknallt. Hast du etwas auf den Kopf<br />

bekommen? Das überleben wir....“<br />

„TU WAS ICH SAGE!“ schäumte der Bär erneut.<br />

<strong>Die</strong>smal ließ sich Vadarassar auf keine Diskussion ein, zog seine Klinge<br />

aus dem Bauch von Teborasque, schulterte den blutenden und<br />

erledigten Jäger und wankte mit ihm zusammen hinter Braunpelz her<br />

auf das Portal zu.<br />

Nur Augenblicke später waren sie schon hindurch gegangen und<br />

verschwunden. Verschwunden in eine andere Welt.<br />

- 180 -


Kapitel 31 <strong>–</strong> Böse alte Bekannte<br />

Sie blinzelte. Ein grünlicher Hauch lag in der Luft, umgab sie und ließ ihr<br />

den ersten Gedanken, im smaragdgrünen Traum zu sein, im<br />

Gedächnis aufkeimen. Dann erst öffnete sie gänzlich ihre Augen und<br />

erhob sich.<br />

Nein, das hier schien nicht der smaragdgrüne Traum zu sein, wie sie ihn<br />

ursprünglich kannte. Es war anders <strong>–</strong> so anders, als sie die Landschaft<br />

kannte. Eine andere Welt, ein anderer Traum und dennoch so herrlich<br />

ähnlich.<br />

Zwei Gestalten lagen neben ihr. Ein schwarzer Orc und ein blauer Troll,<br />

beide zusammen gekauert und ungewöhnlich klein. Und beide lagen<br />

sie regungslos dort, bewegten nicht einmal ihre Brust.<br />

Braunpelz sank auf ein Knie und tippte die beiden an. Dann, mit einem<br />

Mal, öffneten sie ihre Augen und sahen die Druidin fragend an, ehe sie<br />

sich noch viel verwirrter umsahen.<br />

„Wo....sind wir?“ fragte der schwarze Orc, dessen Stimme sie nun klar<br />

als die von Vadarassar erkannte.<br />

Der blaue Troll sah an sich herab, rieb über seinen Bauch, als erwarte<br />

er irgendetwas. „Das muss das Totenreich sein, Mann.“ stellte er fst.<br />

Und Braunpelz stellte fest, dass dies offensichtlich Teborasque war.<br />

„Nein, das hier ist das, was wir Druiden den Smaragdgrünen Traum<br />

nennen.“ erklärte sie den beiden und stand auf, um sich selbst einmal<br />

im Kreus herum zu drehen. „Doch es ist....anders als sonst. Ich kenne<br />

diese Gegend nicht. <strong>Die</strong> Stimmen, das Leben hier ist so fremd.“<br />

Ein Brüllen in einiger Entfernung weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein<br />

Brüllen, wie sie es schon einmal gehört hatte.<br />

Drache....<br />

Wenn es hier Drachen gab, dann waren sie vielleicht doch nicht<br />

woanders, sondern lediglich in einem anderen Teil des Traums<br />

gelandet, als Braunpelz bisher kannte.<br />

„Kommt <strong>–</strong> sehen wir nach, wer das war.“ sagte sie und lief kurz darauf<br />

einfach los.<br />

- 181 -


Vadarassar und Teborasque sahen der Gestalt von Braunpelz nach,<br />

blickten dann einander an und erhoben sich. Obwohl sie sich bis<br />

gerade noch so unbeschreiblich schwach gefühlt hatten, war nun<br />

jegliche Schwäche davon. Sie fühlten sich frei, nicht länger eingeengt<br />

in ihre lebenden Körper, konnten laufen, rennen, gleiten und fliegen,<br />

wie sie wollten. Doch anstatt sich zu sehr davon gehen zu lassen,<br />

konzentrierten sie sich auf Braunpelz, folgten der Druidin, so gut und<br />

schnell sie konnten.<br />

<strong>Die</strong> jedoch stoppte mit einem Mal und plötzlich, hörte sie doch erneut<br />

ein lautes Gebrüll. <strong>Die</strong>smal von zwei Drachen. Zwar verstand sie kein<br />

Drachisch, jedoch schwang eine betrübliche Boshaftigkeit mit in den<br />

Schreien des einen Drachen, während der andere sich mit aller Kraft<br />

gegen diese Boshaftigkezit zu stellen suchte.<br />

Ein erneutes Brüllen des zweiten Drachen verebbte mit einem Schlag<br />

in einem metallenen Gurgeln. Dann groll Donner am Horizont, ein<br />

großer Schatten legte sich über die drei.<br />

„Was ist los?“ fragte Vadarassar, sah zu der Druidin, die sich hinter<br />

einen großen Busch geduckt hatte. „Wieso hältst du so plötzlich an?“<br />

Braunpelz sah zu Vadarassar und legte nur einen Finger auf ihre<br />

Lippen, ehe sie wieder nach vorn blickte und den Schatten näher<br />

kommen sah. Den Schatten <strong>eines</strong> Drachen, der mit<br />

zusammengefalteten Flügeln auf die drei zu stürzte und kurz darauf auf<br />

den Boden krachte. Knochen brachen lautstark, der Rücken der<br />

riesigen Echse war in der Mitte durchgebrochen und der Kopf war um<br />

eine volle Umdrehung nach hinten gebogen. Ein überaus ungesunder<br />

Anblick, den dieser einhörnige, etwas merkwürdig aussehende Drache<br />

darbot.<br />

„Oh...was in Dreimenschennamen ist denn da pass....“ begann<br />

Teborasque, wurde aber sogleich von Vadarassar zu Boden gezogen.<br />

„Ey, was soll das?“ protestierte der Troll, bekam von Vadarassar dafür<br />

einen ernsten Blick spendiert, gefolgt von einem Finger, der auf einen<br />

noch viel größeren Schatten am Himmel zeigte.<br />

Schwarze Schuppen, lediglich durch stumpfe Platten aus Metall<br />

unterbrochen, blitzten von diesem Schatten am Himmel.<br />

„Ein anderer Drache.“ murmelte Braunpelz, musterte ihn genauer.<br />

„Und er sieht verletzt aus. Vielleicht sollten wir ihm hel...“ schlug sie vor,<br />

- 182 -


wollte gerade aufstehen und wurde ebenfalls von Vadarassar<br />

zurückgehalten.<br />

„Shh...still ihr beiden. Wisst ihr denn nicht, wer das dort ist?“ flüsterte er,<br />

nun so leise, wie er nur konnte.<br />

Noch während er den beiden erzählen wollte, wer diese Gestalt vor<br />

ihnen war, landete die Riesenechse mit einem lauten Grollen. Eine der<br />

Vorderpranken schob den Kadaver des erlegten Drachen hin und<br />

wieder her, als wolle er sichergehen, dass sein Kontrahent den Sturz<br />

auch wirklich nicht überlebt hatte.<br />

<strong>Die</strong> großen Nüstern des Schwarzdrachen blähten sich, giftig<br />

dreinblickende Augen, verzerrt von Wahnsinn und inneren Qualen<br />

sahen sich nach etwaigen Feinden um, ehe sich der große umdrehte<br />

und mit einem kräftigen Stoß seiner Hinterbeine erneut in die Lüfte<br />

stieg, um zu entschwinden.<br />

Erst als die Flügelschläge nicht mehr zu hören waren, ließ Vadarassar<br />

die beiden neben sich los und fiel kurz darauf auf seinen breiten<br />

Hintern.<br />

„Deathwing.“ stieß er heraus. „Dann ist es also wahr.“<br />

„Was ist wahr, Mann? Das die Riesenechsen einander umbringen?“<br />

fragte Teborasque verwundert. Doch Vadarassar schüttelte nur den<br />

Kopf.<br />

„Nein....es ist wahr: Deathwing lebt, obwohl man ihn für tot gehalten<br />

hat. Er ist.....schlimm....so böse, dass ich es nicht erklären kann. Kennt<br />

ihr denn nicht die <strong>Geschichte</strong>n?“<br />

Braunpelz blickte den schwarzen Orc fragend an. „<strong>Geschichte</strong>n von<br />

Deathwing? Doch, ich glaube ich erinnere mich an früher. <strong>Die</strong><br />

<strong>Geschichte</strong>n wurden uns abends am Feuer erzählt. Von Kriegen und<br />

einem schwarzen Drachen in Metallrüstung. <strong>Geschichte</strong>n von einer<br />

Schlacht der Orcs mit den Menschen und Elfen.“<br />

Vadarassar nickte nur kurz. „<strong>Die</strong> <strong>Geschichte</strong> des Verräters kennt ihr<br />

also nicht?“ brummte er die beiden an.<br />

„Deathwing hat seine ganze Art betrogen und wollte sie versklaven. Er<br />

wollte alles vernichten und nur sich als Herrscher zulassen. Nicht Angst<br />

oder Schrecken, sondern lediglich der Tod und vollständige<br />

Vernichtung waren sein Ziel. Er ist böser als alles Leben, sogar noch<br />

- 183 -


öser als die Brennende Legion, die nur um des Kampfes Willen<br />

Zerstörung bringt. Er bringt sie, weil er seinen Idealen folgt. Seinen<br />

eigenen, wirren Idealen...“ brummte der schwarze Orc, dann<br />

seufzend.<br />

„Wir müssen die anderen warnen, Mann. Dann können wir gegen ihn<br />

antreten und ihn endgültig umbringen!“ schlug Teborasque vor und<br />

wollte nach seinem Bogen greifen, griff stattdessen aber ins Leere. Erst<br />

nach weiteren fehlgeschlagenen Griffen an seinen Gürtel, seinen<br />

Rücken und dann den Griff in die nicht vorhandenen Taschen stellte er<br />

fest, dass sowohl er wie auch die anderen beiden nur als astrale Bilder<br />

ohne jede Ausrüstung, ohne Waffen oder gar Kleidung hinter diesem<br />

Busch hockten. Nur ein Schemen, nicht mehr und nicht minder.<br />

Braunpelz nickte Teborasque zu, blinzelte dann aber und setzte sich<br />

ebenfalls auf den Boden, direkt neben den schwarzen Orc, der<br />

Vadarassar sein sollte.<br />

„Er existiert. Doch wir wissen nicht wo. <strong>Die</strong>se Welt...sie ist anders als die<br />

Welt, die wir kennen. Wesen, die hier an einem Ort aufeinander<br />

treffen, können in Wirklichkeit ganz woanders, sogar am anderen Ende<br />

der Welt sein. Wir können sie nur warnen, dass er existiert....wenn man<br />

uns glaubt.“ gab die Druidin zu bedenken.<br />

„Na wie auch immer.“ bestand Teborasque weiter. „Wir müssen<br />

irgendwie zurück. Weißt du wie?“<br />

Braunpelz schloß die Augen und nickte kurz. Eine kurze Angst huschte<br />

durch ihre Gedanken <strong>–</strong> die Befürchtung, dass sie deshalb alle drei hier<br />

waren, weil ihre Körper in der Wirklichkeit aufgehört hatten zu<br />

existieren. Doch noch mitten in dieser Angst gefangen spürte sie ihren<br />

Körper, wie er geschunden an einem kalten Ort lag. Mit ihrem<br />

geistigen Selbst konnte sie ihn ertasten, fühlte genau den beständigen<br />

Herzschlag. Erst dann öffnete sie wieder ihre Augen.<br />

„Schließt eure Augen und konzentriert euch auf euren Körper und euer<br />

Selbst. Seht euch selbst vor euch und greift nach euch. Ihr müsst von<br />

ganzem Herzen zurück wollen <strong>–</strong> dann werdet ihr zurück kommen.“<br />

erklärte sie den beiden das grundlegende Vorgehen. Dennoch war ihr<br />

klar: Ohne eine Führung würden sie den Weg sicher nicht allein und<br />

sofort finden. Also griff sie nach den Händen der beiden.<br />

„Folgt mir.“ sagte sie, schloß dann ihre Augen und konzentrierte sich<br />

zuerst auf Teborasque, den Jäger. Zuerst spürte sie nichts, dann<br />

endlich, nach unendlich langen Minuten, jede davon so lang wie ein<br />

Jahrhundert, spürte sie die Vertrautheit des Jägers, schmeckte den<br />

- 184 -


Geruch seiner beschlagenen Lederrüstung auf ihrer Zunge. Durch<br />

dicke, schwarze Wände glitten die drei, ehe sie den Körper auf dem<br />

Boden liegend vorfanden.<br />

Sie löste ihren Griff, ließ die Essenz von Teborasque wieder in seinen<br />

Körper eintauchen, um sich dann auf Vadarassar zu konzentrieren.<br />

Das Gefühl der Nähe kam schlagartig, war nur ein Stück entfernt....nur<br />

eine Wand trennte sie, ehe sie den Hexenmeister wieder mit seinem<br />

Körper Eins werden ließ. Dann wandte sie sich um, glitt in Richtung ihres<br />

Körpers und verschmolz mit diesem.<br />

Ein tiefer Atemzug sog Luft in die Knochen der Druidin ein. Blitzartig riss<br />

sie ihre Augen auf, sah sich um.<br />

Eine schwarze Zelle, bedeckt mit Stacheln und Dornen. Ihre Kleidung<br />

war zerfetzt, große Risse zogen sich durch das Leder. Ihre Wunden<br />

jedoch waren größtenteils verheilt.<br />

Sie sah sich weiter um, sah in einer Nische neben sich Teborasque in<br />

einer großen, roten Lache s<strong>eines</strong> Blutes liegen, die blaue Haut blasser,<br />

als es üblich war. Schnell war sie auf ihren Beinen und ebenso schnell<br />

wieder auf dem Boden, hinab gerissen durch Schwindel und<br />

Schwäche. Ihr Körper bettelte um Ruhe, damit er sich wieder sammeln<br />

konnte, um ihr Gewicht zu tragen. Für einen Moment war sie gewillt,<br />

diese Bitte zu gewähren, sah dann aber wieder zu dem flach<br />

atmenden Troll und zwang sich dennoch auf die Beine, wankte zu ihm<br />

hin und zog die Lederrüstung auf.<br />

<strong>Die</strong> Schwertwunde <strong>–</strong> sie war nur notdürftig verbunden worden und<br />

würde ihn das Leben kosten, wenn nichts geschähe.<br />

So schnell sie konnte riß sie die Rüstung von seinem Körper herab, strich<br />

mit ihren Fingern über die Wunde. Teborasque, der trotz alledem bei<br />

Bewusstsein war, ächzte und zischte zwischen den breiten Hauern,<br />

während die Druidin eine Hand auf die Wunde, die andere auf den<br />

Boden legte.<br />

Doch da war kein Kalimdor unter ihr, das sie fragen konnte. Ein<br />

fremdes Land, fremde, unbekannte Lebensenergien, zerschlagen,<br />

uneins, unrein und unsauber. Verzweifelt suchte sie nach Energien des<br />

Lebens, die sie um Hilfe bitten konnte.<br />

- 185 -


Dann endlich fühlte sie etwas. Pflanzen, wandelnde Pflanzenwesen,<br />

die dem Leben zugetan waren. Tief in Gedanken versunken bettelte<br />

sie diese an, ihr einen Teil ihrer Kräfte zu geben, um ein Leben zu<br />

retten.<br />

<strong>Die</strong> Antwort kam zögerlich, misstrauisch, wie ein Fremder einem<br />

gänzlich anderen Wesen gegenüber nur sein konnte. Doch anstatt<br />

diesen bettelnden Fremden im Stich zu lassen, spürte sie die Energien,<br />

die durch ihren Körper strömten, konzentriert wurden und kurz darauf<br />

auf ihre andere Hand und in den Körper des Trolls hinüber glitten.<br />

Langsam, ganz langsam schloß sich die Wunde, stoppte die Blutung.<br />

Viel mehr konnte sie jedoch nicht ausrichten <strong>–</strong> den Rest würde<br />

Teborasque und seine Selbstheilungskraft allein machen müssen. Doch<br />

sein Leben war vorerst außer Gefahr.<br />

Erschöpft sank sie nun neben dem Trolljäger auf den Boden und<br />

behielt nur dank ihrer taurischen Sturheit das Bewusstsein, sah<br />

entkräftet an die schwarze Decke.<br />

Was war das hier nur für ein Ort? Wo war Vadarassar? Wie waren sie<br />

hier her gekommen? So viele Fragen...und keine wirklichen Antworten.<br />

Zumindest keine, die sie sich selbst geben konnte.<br />

Dann verließ sie ihre viel zu schwach ausgeprägte Sturheit und sie sank<br />

neben dem Troll zusammen, schlief langsam ein.<br />

- 186 -


Kapitel 32 <strong>–</strong> Dunkles Licht<br />

„Ooooohhh....“ ächzte der Trolljäger und versuchte sich langsam<br />

aufzurichten. <strong>Die</strong> Welt und alle Bilder eben selbiger kreiste um seinen<br />

Kopf, sein Magen schüttelte sich und hätte sich am liebsten auf dem<br />

Boden entleert, wenn denn etwas außer Luft in ihm gewesen wäre. So<br />

blieb ihm nur ein gurgelndes Ächzen, mit dem er wieder auf die Liege<br />

zurück sackte und kurz darauf eine große, fellige Hand an seiner Stirn<br />

spürte.<br />

„Der Erdenmutter sei Dank, du bist aufgewacht.“ seufzte ein großer,<br />

bräunlicher Fellschatten über Teborasque, den er als Braunpelz<br />

erkannte. Er blinzelte einige Male, sah die Druidin fragend an. Sie<br />

lächelte besorgt.<br />

„Du hast eine Menge Blut verloren. Selbst für einen Tauren wäre das<br />

lebensbedrohlich gewesen. Ein Wunder, dass du noch lebst.“ sagte<br />

sie.<br />

„Wo....sind...wir?“ lösten sich die Worte von seinen trockenen Lippen,<br />

die Braunpelz mit etwas abgestandenem Wasser aus einer Schale, die<br />

ihnen alle paar Stunden gereicht wurde, benetzte.<br />

„In einer Art Kerker.“ antwortete die Druidin knapp. „Irgendwelche<br />

durchgedrehten Orcs haben uns hier eingesperrt.“<br />

„Orcs....wo....wo ist Vada?“ brachte er hervor, durch die<br />

Wassertropfen langsam wieder Herr über die sich ständig drehende<br />

Umwelt werdend.<br />

„Nicht hier bei uns. Nur die Erdenmutter weiß, wo er steckt...“<br />

„Wieso muss eigentlich ICH diesen Fettsack hier rumtragen?! Der wiegt<br />

ja eine Tonne!“ grummelte Charsi, die unter dem schwarzgrünen<br />

Bündel auf ihrem Rücken kaum noch zu erkennen war. Eine scharfe,<br />

kratzige Stimme antwortete ihr, indem sie ihr mit einem scharfen Dolch<br />

in das Hinterteil piekste.<br />

„Weil ich auf deinen Hintern aufpasse du Weihnachtsbaum, Mann.<br />

Und jetzt beweg dich, bevor die Freaks wiederkommen.“ zischte die<br />

Stimme einer Gestalt, die glatt als Schatten durchgegangen wäre,<br />

wenn da nicht das grellrote Haar an ihrem Kopf gewesen wäre.<br />

- 187 -


Wieder spürte die Paladina eine Dolchspitze, die gezielt und mit<br />

stoischer Sicherheit eine Lücke in ihrer Plattenrüstung fand und ihren<br />

Weg direkt durch ihre seidene Reizwäsche auf ihre zarte Haut fand. Ein<br />

schrilles Quietschen entglitt dem vorher golden strahlenden Wunder,<br />

von dessen Glanz nun nur noch ein mattes Glimmen geblieben war.<br />

Dank dieser...Trollschurkin....hatte sie am Kampf teilnehmen „dürfen“,<br />

ihren Hammer gegen Dutzende Dämonen geschwungen und war<br />

schließlich, mit einem Dolch im Nacken, durch das Portal und hinter<br />

den drein her gestürmt.<br />

Nach einer halben Stunde war ein großes Feuer und ein Konstrukt, das<br />

wie ein Hordevorposten aussah, in Sichtweite gekommen. Dadurch<br />

motiviert beschleunigte Charsi ihren Schritt, ging schnurstracks an einer<br />

Horde Höllenbestien, die sich gerade mit einer ganzen Garnison<br />

Hordenwachen eine Schlägerei lieferten vorbei, ohne sie auch nur<br />

<strong>eines</strong> Blickes zu würdigen, ging an das Lagerfeuer und ließ ihr<br />

Reisegepäck kurz darauf zu Boden krachen, um sich ihrerseits auf einer<br />

kleinen, improvisierten Bank niederzulassen.<br />

Ihre erste Sorge galt nicht etwa dem stinkenden Orc, dessen noch<br />

immer teilweise glimmenden Kleider verkohlt am Körper hingen, an<br />

einigen Stellen mit der Haut verschmolzen waren und von<br />

dämonischen Klingen tiefe Schnitte aufwiesen, sondern ihrer arg in<br />

Mitleidenschaft gezogenen Rüstung. Wirklich eine Schande <strong>–</strong> Beule um<br />

Beule und Kratzer um Kratzer zog sich durch die filigranen<br />

Goldgravuren ihrer einst so glänzend schönen Plattenrüstung. Einige<br />

der Edelsteine waren herausgeschlagen worden, andere hatten Risse<br />

und wieder andere hatten sich mit einer dicken Rußschicht bedeckt<br />

oder verfärbt. Schnell zog sie ihre Politur nebst Tuch heraus und<br />

kümmerte sich um ihr angeschlagenes Edelmetall.<br />

„Was ist denn mit deinem Gefährten du wandelndes<br />

Modellpüppchen?“ schnauzte die Trollin die Paladina an, die ihren<br />

Blick nicht von der Rüstung löste.<br />

„Pff...der wird schon durchkommen. Ganz im Gegensatz zu meiner<br />

Rüstung. Sieh dir nur diesen Handschuh an! Ruiniert! Wieso sollte ich<br />

auch kämpfen?!“ grummelte die Blutelfe, sich vollends der Politur<br />

widmend.<br />

„Kauf dir halt neuen Tand.“ meinte die Schurkin und hob ein kl<strong>eines</strong>,<br />

mit Edelsteinen verziertes Mäppchen zwischen ihren beiden Fingern<br />

liegend in die Luft. „Ich wette Papas Kreditkarte hat mehr als genug<br />

Deckung, um dir einen ganzen Kleiderschrank voll zu packen.“ zischte<br />

die Schurkin mit einem bösen Lächeln auf den Lippen.<br />

- 188 -


Der Paladina indes fiel die Politur vor Schreck aus der Hand, als sie<br />

ihren Geldbeutel in Händen dieser Trolltussi liegen sah.<br />

„Mein Goldbeutel! Gib ihn sofort wieder her!“ brüllte sie, sprang auf<br />

und wollte danach greifen. Ungünstigerweise war die Schurkin aber<br />

mehr als einen Kopf größer und trotz leichterer Rüstung weitaus<br />

kräftiger gebaut als die Blutelfe, weswegen diese nur die Hand mit<br />

dem Goldbeutel hin die Höhe hielt und mit der anderen darin herum<br />

suchte.<br />

„Oh sieh mal einer an <strong>–</strong> die Silbermond Express-Karte. Sogar Platin.“<br />

stellte die Schurkin mit einem breiten Lächeln fest. „Und eine VIP-<br />

Schönheitssalonkarte, Windreiter-Prämienmeilenkarte, Schneesturm-<br />

Club. Und alles finanziert von Papa, was?“ spottete sie weiter.<br />

„Gib her du blöde Tussi, das ist MEINE Goldbörse! <strong>Die</strong> brauche ich.“<br />

schimpfte Charsi wie ein kl<strong>eines</strong> Kind, dem man den Lolli<br />

weggenommen hatte.<br />

Durch das ganze Geschrei kam Vadarassar langsam wieder zu sich.<br />

Sein Schädel dröhnte vor Kopfschmerzen, die durch das laute Gekeife<br />

der Paladina nur noch weiter zunahmen. Am liebsten wäre er direkt<br />

wieder ohnmächtig nach hinten hin umgekippt, fing sich jedoch<br />

gerade noch, um so etwas verhindern zu können. Stattdessen schlug<br />

er die Augen auf und sah eine Szene vor sich, die ihm ein breites<br />

Grinsen aufs Gesicht zauberte: Eine Trollschurkin, die ein glitzerndes<br />

Etwas über ihren Kopf hielt und Charsi, die wie von einem<br />

Riesenskorpiden gestochen um sie herum hüpfte und nach eben<br />

jenem glitzernden Etwas langte. Ein Anblick, bei dem er hätte<br />

stundenlang zusehen können. Doch gleich darauf glitt sein Blick links<br />

und rechts neben ihn.<br />

Kein Krachen und kein Brummen, keine besorgte, tiefe Stimme und<br />

kein Fauchen einer Katze. Kein Teborasque und keine Braunpelz. Dafür<br />

jede Menge unterschiedlicher Leute und ein Außenposten, den er<br />

vorher noch nie gesehen hatte.<br />

„Wo...bin ich...“ groll es aus ihm heraus. Das weckte die<br />

Aufmerksamkeit der Schurkin, die ihre Hände sinken ließ und sich dem<br />

Hexenmeister zuwand.<br />

„Ha! Hab es!“ jubelte Charsi, als sie der abgelenkten Schurkin endlich<br />

die Goldbörse aus den Fingern stibitzen konnte und sich damit, sie fest<br />

an ihr Herz drückend, auf die Bank zurück zog.<br />

- 189 -


„Willkommen in der Scherbenwelt, du Feuerteufel.“ begrüßte ihn die<br />

kratzige Stimme der Schurkin. „Thrallmar, um genau zu sein. <strong>Die</strong> erste<br />

Hordensiedlung hier <strong>–</strong> Brückenkopf im Kampf gegen die Legion.“<br />

Vadarassar blinzelte die Schurkin an. Dann musterte er sie eindringlich.<br />

Schwarze Lederkleidung. Eigentlich seine Farbe, doch die Figur<br />

war...nun....Trolle waren nicht so sein Fall. Außerdem standen zwei<br />

kleine Hauer aus ihren Mundwinkeln nach oben, blitzten messerscharf<br />

und sahen aus, als würde sie eben jene regelmäßig nachschärfen.<br />

Dolche blitzten an ihrem Gürtel <strong>–</strong> Vadarassar zählte auf den ersten<br />

Blick mehr als sieben Stück, alle in verschiedenen Größen, Formen und<br />

Farben. Einzige Gemeinsamkeit waren die grünlichen Tropfen an eben<br />

jenen Klingen, die gelegentlich auf dem Metall sichtbar wurden und<br />

sogleich wieder im schimmernden Metall verschwanden.<br />

Eigentlich wollte er aufstehen, um der Schurkin direkt in die Augen zu<br />

blicken, doch als er sich zum Aufstehen bewegte, brannte sein Körper,<br />

als läge er noch immer mitten in seinem Höllenfeuer. Der Wind pfiff<br />

durch seine zerfetzte Robe, ließ die Brandwunden an seiner Haut<br />

schrecklich schmerzen.<br />

„Wo...sind die anderen?“ fragte der Hexer beunruhigt, seinen Blick<br />

schließlich wieder umher gehen lassend.<br />

„Ich fürchte du bist der Einzige, den wir vor dem schlimmen Schicksal<br />

retten konnten, Mann.“ meinte die Schurkin, den Blick zu der Paladina<br />

richtend. „Und das ist ganz sicher nicht ihr Verdienst.“<br />

Charsi blickte von ihrer Rüstung, die sie noch immer inspizierte, auf.<br />

„Hey! Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wärst du jetzt schon tot,<br />

ja?! Erinnerst du dich, wie ich den einen Kerl niedergeschlagen<br />

habe?“<br />

„Niedergeschlagen? Du hast ihn mit deinem Hammer gekitzelt und er<br />

hat sich halb tot gelacht!“<br />

„Immerhin hat er dich nicht mehr angegriffen!“ verteidigte sich die<br />

Paladina.<br />

„Geht mit Lachkrampf ja auch schwerlich. Trotzdem wäre mir sogar<br />

ein Murloc hilfreicher gewesen!“<br />

„Pah! Dann fang dir doch einen! Viel Spass mitten hier in der Wüste!“<br />

- 190 -


Vadarassar hielt sich eine Hand an die Schläfe und sah von der<br />

Blutelfe weg. „Wer...?“ brachte er nur hervor.<br />

<strong>Die</strong> Schurkin brummte den Hexenmeister an und deutete in Richtung<br />

Westen. Eine hohe, schwarze Mauer türmte sich dort auf, als wolle sie<br />

dem Hexenmeister auf diese Weise Angst und Schrecken machen.<br />

„Dort. In dieser Festung. Von einer Gruppe Höllenorcs, wenn ich die<br />

Wachen hier bei der Bezeichnung zitieren soll.“<br />

Vadarassar nickte, blickte dann wieder zu der Blutelfe, die leise<br />

fluchend ihre Rüstung polierte.<br />

„Meinst du....wir können sie austauschen?“ brummte er die Schurkin<br />

an, die breit grinste.<br />

„HEY! Das habe ich gehört, du schwarzes Bündel Ogerdung! DICH<br />

schleppe ich bestimmt nicht noch mal vom Schlachtfeld runter!“<br />

„Aber auch nur, weil du dich nicht mehr drauf traust, was du<br />

Goldliesel?“ zischte die Schurkin.<br />

„Genau, ich werde...moment....ich....AAARRRRGGHHHH!“ schimpfte<br />

die Blutelfe und ließ zwei grinsende, dunkle Kreaturen ihre kalte<br />

Schulter spüren.<br />

Vadarassar hatte keine Ahnung, wie er dazu gekommen war, diese<br />

Schurkin kennenzulernen. Doch sie war ihm schon jetzt auf Anhieb<br />

symphatisch.<br />

- 191 -


Kapitel 33 <strong>–</strong> Ein Verlies voller Helden<br />

„Habt ihr schon Ergebnisse?“ groll eine tiefe, dämonische Stimme<br />

durch die schwarzen Hallen des Tempels. Eine kleine Gestalt, die wohl<br />

einmal einen Draenei dargestellt haben sollte, kniete so tief hinter dem<br />

riesigen, schwarzen Geschöpf, dass er problemlos die einzelnen<br />

zwischen den Bodenfliesen herauswuchernden Pilzfäden erkennen<br />

und sich dazwischen hätte verstecken können.<br />

„Nein Mein Lord. Der Gefangene hat kein Wort über die Legion und<br />

ihre Invasionspläne verloren. Wir haben ihn so sehr ausgequetscht, wie<br />

wir konnten. Doch er schweigt noch immer.“ bekundete der <strong>Die</strong>ner<br />

das Scheitern s<strong>eines</strong>gleichen und wünschte sich im selben Moment,<br />

noch viel tiefer im Boden zu versinken.<br />

„Dann soll er zu s<strong>eines</strong>gleichen zurückkehren. Ich wünsche keine<br />

untoten Legionsmaden in meinem Tempel. Nehmt euch Drachen und<br />

werft ihn über der Nethersturmscherbe ab.“ groll die dunkle Stimme<br />

erneut, ging dann langsam durch einen Durchgang und entschwand<br />

aus dem Blickfeld.<br />

„Wie ihr befehlt, Lord Illidan.“ antwortete der <strong>Die</strong>ner, sank, obwohl es<br />

unmöglich zu sein schien, noch einige Millimeter tiefer auf den Boden,<br />

ehe er sich von eben diesem erhob und dann, so schnell ihn seine<br />

Hufe tragen konnten, gen Kerker verschwand.<br />

Eine Nacht war gekommen und gegangen sowie das Vorratslager des<br />

Gasthauses einmal komplett geleert worden, ein Fass Wein lag nun<br />

zerschlagen und, bis auf den letzten Tropfen s<strong>eines</strong> Inhaltes beraubt, in<br />

Stücken im Lagerfeuer inmitten des Hordenvorpostens Thrallmar.<br />

Thrallmar...sah dem dicken Schamanen ähnlich, ausgerechnet diesen<br />

Brückenkopf nach sich zu benennen. Vielleicht war es auch irgendein<br />

idealistischer Möchtegernkommandant gewesen, der, frisch aus der<br />

Kriegerschule in Razor Hill gekommen, seinem Vorbild entsprechend<br />

diesen Namen für einen aufgegebenen Orcstützpunkt gewählt hatte,<br />

ehe er repariert und gänzlich mit Kriegern besetzt worden war. Doch<br />

das kümmerte Vadarassar im Moment nicht wirklich, stattdessen<br />

stärkte er sich so gut er konnte mit den Vorräten der Siedlung und<br />

schwang die Nadel, um seine Robe so gut er konnte mit Flicken und<br />

neuen Stoffstücken zu versehen. Viel war nicht über geblieben <strong>–</strong> ein<br />

Tribut an seinen Ruf nach dem Höllenfeuer. Von einem ansässigen<br />

Schneider hatte er einige Rollen mit gänzlich fremdem Stoff erhalten <strong>–</strong><br />

Netherstoff nannte man diesen, von Magie und unendlicher Kraft<br />

- 192 -


getränkten Haufen gewebter Fäden. Mit überraschend wenig Mühe<br />

formte er sich daraus ein paar neue Handschuhe und eine frische<br />

Hose, während er der Trollin mit seinem letzten Krug Wein zuprostete.<br />

„Wie lange?“ fragte Vadarassar, während er die letzte Naht an der<br />

Hose fertig stellte. „Wie lange war ich weggetreten?“<br />

„Über zehn Tage und Nächte, Mann. Wärste nicht von den Höllenorcs<br />

mitgeschleift worden, wir hätten dich glatt zum Friedhof geschleppt.“<br />

krächzte die Schurkin mit ihrer rauen Stimme.<br />

„Ach <strong>–</strong> hätte ich dann die Leiche auch direkt schleppen dürfen? Na<br />

herrlich!“ grummelte Charsi, ihre Rüstung neben sich liegend und nun<br />

lediglich in feinste, hauchdünne Kleider gehüllt am Feuer sitzend.<br />

„Neee <strong>–</strong> du hättest dann das Grab ausheben und ihm die letzte Ölung<br />

verpassen dürfen, du Plattenpriesterin.“<br />

„Pöh <strong>–</strong> wozu bist DU eigentlich gut? Hast du überhaupt schon etwas<br />

nützliches geleistet?“ meinte Charsi mit verschränkten Armen,<br />

beleidigt drein blickend.<br />

„Wenn du schon so fragst: Nein, ich habe dir nur deinen blechernen<br />

Hintern gerettet, als dich fast <strong>eines</strong> dieser Wildschweine hier<br />

umgerannt hätte. <strong>Die</strong> arme Sau.“<br />

Vadarassar lächelte nur über die herrlich erfrischenden Angiftungen,<br />

die sich die beiden Damen einander an die Köpfe warfen. Herrlich....in<br />

solchen Momenten wünschte er sich, er könne das irgendwie<br />

festhalten und sich später immer wieder und wieder in Erinnerung<br />

rufen. <strong>Die</strong>ses Theater zwischen den beiden war besser als alle<br />

Gladiatorenkämpfe in den Arenen von Booty Bay.<br />

Endlich war er mit seiner Arbeit fertig und legte sie neben sich ab.<br />

Dann sah er zu den beiden Furien, die sich mit ihren Hasstriaden<br />

gegenseitig an die Kehle gefahren waren und einander selbige<br />

zudrückten.<br />

„Wir sollten uns jetzt ausruhen. Morgen in aller Frühe werden wir<br />

losziehen.“ grummelte der Hexenmeister, seine Kleidung ordnend.<br />

<strong>Die</strong> beiden Frauen ließen voneinander ab, starrten den Hexer an.<br />

„Was? Wo solls hingehen?“ fragte die Trollschurkin den Hexenmeister.<br />

- 193 -


„Für dich nicht unbedingt, doch die Blutelfe und ich werden zur<br />

Festung gehen und unsere Freunde rausholen.“ sagte er finster, aber<br />

entschlossen.<br />

Charsi klappte das Gesicht nach hinten. Ihr Kiefer fiel nach unten und<br />

hätte fast ein Loch in den Boden geschlagen, wäre ihre Haut nicht<br />

straff genug gewesen, um ihren Unterkiefer auf halber Strecke wieder<br />

nach oben federn zu lassen.<br />

„Bist....du....irre? <strong>Die</strong> haben Äxte. GROSSE Äxte und sind zu vielen<br />

Dutzenden oder Hunderten da drin! Und meine schöne Rüstung hat<br />

schon so viele....“<br />

„Halt den Rand und komm mit, Püppchen. Oder willst du wieder<br />

zurück zu Papa?“ groll Vadarassar die Paladina an.<br />

„Pff....Blutelfen. Kein Mumm in den Knochen. Keine Ehre. Immer nur<br />

ihre eigenen Zwecke. Überlass sie mir, ich treib sie an, Mann.“ bot die<br />

Trollschurkin mit einem finsteren Grinsen an, eine Hand an einen ihrer<br />

Dolche legend.<br />

„Was willst du eigentlich hier? Wer hat dich denn eingeladen, dich<br />

einfach so überall einzumischen? Wer bist du überhaupt?!“ zischte die<br />

Blutelfe beleidigt und gleichzeitig böse zur Schurkin.<br />

<strong>Die</strong> sah ihrerseits mit scharfem, fast tödlichem Blick zur Blutelfe, als<br />

wolle sie diese nur mit ihren Augen aufspießen. Dann spuckte sie einen<br />

Namen heraus, sah dann gleichzeitig zu dem Orchexer, dessen Blick<br />

ebenfalls Neugier bekundete.<br />

„Barra....so kannst du mich nennen. Und ich habe persönliche<br />

Gründe.“ brummte die Trollin mit ihrer krächzenden Stimme.<br />

„Welche?“ hinterfragte Vadarassar, der in ihren Augen einen kurzen<br />

Moment eine sanfte Seite zu sehen geglaubt hatte.<br />

„<strong>Die</strong> Kerle....sie haben meinen kleinen Bruder. Und niemand außer MIR<br />

darf ihm ein Haar krümmen!“ zischte sie wieder, drehte sich dann um<br />

und sagte kein Wort mehr. Das reichte auch...<br />

Obwohl Vadarassar noch viele Fragen hatte, beschloß er diese vorerst<br />

nicht weiter zu führen, legte sich stattdessen ebenfalls neben das<br />

Feuer und schloß die Augen.<br />

Es war zum verrückt werden. Eigentlich wollten sie einen Freund retten<br />

<strong>–</strong> und nun waren es schon drei oder gar vier, die er retten sollte. Wie<br />

- 194 -


ein guter Samariter kam er sich schon fast vor....wenn das die Leute in<br />

der Kluft der Schatten oder gar der Schattenrat erfahren würden...das<br />

wäre für seinen Ruf als finsterer Hexenmeister nicht unbedingt<br />

zuträglich.<br />

Mit allen möglichen Gedanken im Kopf schlief er schließlich ein, ließ<br />

nur eine wache Charsi zurück, die noch immer am Lagerfeuer saß und<br />

sich selbst fragte, wie sie nur auf die idiotische Idee gekommen war,<br />

mit diesem hässlichen, stinkenden Orc mitzukommen, als diese<br />

dämliche Taurin sie angesprochen hatte. Ob es diesen Untoten, dem<br />

sie immerhin auch hatte helfen wollen, wirklich gab, wusste sie nicht.<br />

Stattdessen durfte sie Tag für Tag immer wieder neue Eskapaden von<br />

dieser stinkenden, unästhetischen Horde ertragen.<br />

...und das alles ohne ein ordentliches Steak....wie frustrierend....<br />

<strong>Die</strong> Zellentür schob sich auf und ein roter, schrecklich missgebildeter<br />

Orc trat hinein, betrachtete die beiden Gefangenen genau. Ohne ein<br />

Wort zu sagen stellte er eine Schale Wasser auf den Boden und warf<br />

einen Laib trockenes, steinhartes Brot daneben, das beim Aufprall eine<br />

kleine Beule in den Steinboden brach. Dann wendete er sich um,<br />

schloß die Tür hinter sich wieder ab.<br />

Braunpelz erhob sich aus ihrer Nische, nahm die Schale mit Wasser und<br />

brachte sie zu Teborasque, der noch immer auf der Liege ausgebreitet<br />

lag und dessen Zustand sich glücklicherweise langsam verbesserte.<br />

Allerdings nicht so schnell, wie man hätte hoffen können. Dafür war<br />

die Ernährung, die den beiden zugetan wurde, lange nicht gut genug.<br />

Auch Braunpelz hatte indes einiges ihres Umfangs eingebüßt, spürte<br />

ihrerseits schon die Nachwirkungen ihrer erzwungenen Fastenzeit. Wie<br />

sehr wünschte sie sich jetzt ein großes Stück Alteraclochkäse auf<br />

einem frischen, selbstgebackenen Stück Mulgorewürzbrot oder einen<br />

gebackenen Sonnenschuppenlachs <strong>–</strong> komplett und in voller Größe<br />

natürlich. Doch stattdessen gab es nur dieses Brot hier, mit dem man<br />

genau so gut hätte Häuser bauen oder Schädel spalten können.<br />

Wahrscheinlich war es alles Taktik der Orcs <strong>–</strong> ihre Gefangenen durch<br />

die dürre Nahrung so zu schwächen, dass sie keine Gefahr mehr<br />

darstellten und auch nicht mehr fliehen konnten. An Flucht war aber<br />

dennoch nicht zu denken: Dazu war die Tür viel zu massiv und der<br />

Raum ohne jegliche weitere Öffnung oder gar Fenster ausgestattet.<br />

Ihre einzige Hoffnung war der Hexenmeister....aber wo der steckte und<br />

ob er, wie sie fürchtete, ebenfalls gefangen war und damit<br />

schreckliche Höllenqualen litt, konnte sie nicht wissen. Alles, was sie tun<br />

konnte, war sich um Teborasque zu kümmern und zu den Kräften der<br />

- 195 -


Natur zu beten, dass sie beide irgendwann und irgendwie aus diesem<br />

Gefängnis frei kommen sollten.<br />

Zwei Höllenorcs schritten auf den Zinnen entlang, trafen sich in der<br />

Mitte der Zinnen, trennten sich dann und schritten getrennt zum<br />

jeweiligen Ende der Mauer. Gerade hatte der eine sein Ende erreicht<br />

und wollte wieder umdrehen, als er ein goldenes Glitzern wahrnahm.<br />

Kurz darauf hörte er die zuckersüße Stimme einer Elfe.<br />

„Hallo du großer, starker Orc. Willst du mir nicht kurz helfen? Ich habe<br />

mich verlaufen und finde den Weg nicht.“ säuselte Charsi mit<br />

honigsüßer Stimme, den Orc mit ihrem grenzenlosen und stets<br />

zuverlässigen Charme umgarnend.<br />

Dummerweise war der Orc aber entweder zu blöd, um das Gesagte<br />

und den lieblichen Blick der Blutelfe zu verstehen, war taub oder so<br />

klug, dass er nicht darauf herein fiel. Ein kurzer Blick nach links und<br />

rechts, dann griff er seine Axt und stürmte auf die Blutelfe zu. Mitten im<br />

Ansturm hob er seine Axt, bereit, die Blutelfe mit einem Schlag in zwei<br />

Teile zu schneiden.<br />

Charsi wich zurück, wurde noch bleicher als ihre edle Haut eh schon<br />

war und suchte hinter einem silbrig schimmernden Schild aus<br />

Lichtenergie Schutz. Doch den Orc schreckte das nicht. Mit einem Mal<br />

setzte er zu einem Kampfschrei an und schwang die Axt in Richtung<br />

der Elfe.<br />

Wie aus dem Nichts hatte sich eine dünne Klaviersaite um seinen Hals<br />

gelegt, den Kriegsschrei noch im Entstehen abgewürgt und die<br />

Bewegung des Orcs jäh stocken lassen. Aus einem dünnen Schatten<br />

einer Mauerausbuchtung war es Barra, die hinter ihm geschlichen die<br />

Enden der Saite hielt und den Hals des roten Orcs nun so kräftig sie<br />

konnte hinter sich zog.<br />

Krachend fiel die große Axt aus den Händen des Höllenorcs, angelte<br />

die eine Hand nach der Saite, die seinen Hals zerquetschte und die<br />

pochende Halsschlagader immer weiter anschwillen ließ, während er<br />

mit der anderen erfolglos nach der Schurkin zu greifen versuchte. <strong>Die</strong><br />

indes zog immer kräftiger, hob dann ein Knie und drückte es dem Orc<br />

in den Rücken, ehe sie sich scharf drehte.<br />

Ein lautes Knirschen entfuhr dem Körper des Orcs, dann sackte er, mit<br />

weit aufgerissenem Mund und Augen, kraftlos zusammen. Voller Wut<br />

starrten seine glasigen Augen auf das über ihm, blickten auf die<br />

- 196 -


Trollschurkin und wünschten ihr den Tod an den Hals, ehe ihn der<br />

Lebensfunke verließ und das letzte Bisschen Luft leise gurgelnd aus<br />

dem Körper stieg.<br />

Ausdruckslos rollte Barra ihre Klaviersaite wieder auf und ließ sie an<br />

ihren Gürtel wandern, während Charsi sich alle Mühe gab, ihr<br />

Frühstück bei sich zu behalten.<br />

„Wo ist der Hexer hin?“ fragte Barra zischend. Kurz darauf hörte sie ein<br />

weiteres, gurgelndes Geräusch, dann zwei weitere Höllenorcs, die, am<br />

ganzen Leib brennend und mit schmerzverzerrten Gesichtern vor<br />

etwas flohen. Einer sackte direkt vor den beiden zu Boden. Sein<br />

Gesicht hatte bereits begonnen zu zerfließen. Der weiße Schädel trat<br />

unter Haut und Blut hervor, während die Augen noch immer<br />

hilfesuchend zu der Schurkin empor starrten. Doch die holte nur einmal<br />

mit ihrem Bein aus, verpasste dem Höllenorc einen kräftigen Tritt, der<br />

seinen Schädel nach hinten krachen ließ und die Pein mit einem<br />

lauten Knirschen beendete.<br />

„Jetzt weiß die halbe Festung, dass wir kommen.“ zischte Barra den<br />

Hexenmeister an, der sich die Hände rieb und über zwei weitere,<br />

schrecklich verunstaltete Orckadaver kletterte.<br />

„Na und? Sollen sie ruhig kommen. Meinetwegen alle gleichzeitig. Sie<br />

werden bezahlen...schrecklich bezahlen.“ knurrte der Hexenmeister.<br />

Dann betraten die drei das Bollwerk.<br />

- 197 -


Kapitel 34 <strong>–</strong> Ruhe und Sturm<br />

„Eindringlinge sind in das Bollwerk eingebrochen! Schlagt Alarm!“<br />

brüllten die Höllenorcs wild durcheinander. Schnell war die Garde da,<br />

verteilte sich gleichmäßig auf die Gänge der schwarzen Zitadelle.<br />

Doch von den Eindringlingen war nichts zu sehen <strong>–</strong> lediglich einige<br />

tote Wachen fand man, teilweise grausam zugerichtet. Das beruhigte<br />

die Wachen nicht, sorgte nur dafür, dass sie noch intensiver und<br />

verbissener nach dem Eindringling oder gar den Eindringlingen<br />

suchten.<br />

„Du und dein Kampflärm.“ groll die krächzende Stimme der Schurkin<br />

leise, während sie um eine Ecke lugte. „Jetzt wird der Weg schwerer<br />

werden.“<br />

Vadarassar grummelte, schritt dann an der Schurkin vorbei und mitten<br />

in den Gang, durch den eben noch die Wachen hindurch gestürmt<br />

waren. „So lange wir nicht so weiterschleichen, ist es mir egal. <strong>Die</strong><br />

beiden müssen befreit werden. Und das so schnell es geht.“<br />

Der Hexenmeister blickte zu seiner Rechten. Haatom stand dort, die<br />

schwere Axt auf der Schulter hin und her wiegend.<br />

„Bereit?“ groll der Orc seinen Dämon an.<br />

„Wenn ihr es befehlt....Meister.“ antwortete der Dämon mit dunkler<br />

Stimme.<br />

Vadarassar nickte ihm zu, ging dann los und auf die ersten Gegner los.<br />

Eigentlich waren die beiden Wachposten harmlos, widmeten sich<br />

ihrem Brettspiel. Doch als sie den Orc und seinen Dämon erblickten,<br />

zogen sie geschwind ihre Waffen, stürmten mit lautem Gebrüll auf den<br />

Hexenmeister zu.<br />

Der eine Orc sank direkt zu Boden, enthauptet durch einen gezielten<br />

Axtschwung des Dämons. Den Zweiten riss ein Schattenblitz, im<br />

rechten Moment von Vadarassar gewoben und dem Höllenorc<br />

entgegen geschleudert, zu Boden. Gerade wollte er sich noch<br />

aufrappeln, da traf ihn schon ein Fluch des <strong>Hexenmeisters</strong>. Finstere<br />

Worte prasselten auf ihn ein, ließen seine Haut Blasen werfen, während<br />

ihn ein inneres Feuer zu verschlingen schien. Ein letzter Versuch <strong>eines</strong><br />

Schmerzenschreis, dann sank er schon zu Boden und regte sich nicht<br />

weiter.<br />

- 198 -


„Los <strong>–</strong> weiter!“ groll Vadarassar hinter sich. Barra folgte der<br />

Aufforderung sofort, nur Charsi stand noch immer mit weit geöffnetem<br />

Mund dort, wusste nicht so recht, ob sie nun folgen oder weglaufen<br />

sollte.<br />

„Aber....wieso....das ist doch.“<br />

„Jetzt beweg dich du Dosenmilch! Sonst bist du die nächste!“ groll der<br />

Hexenmeister die Paladina an. Tief fuhr sie zusammen, folgte dann<br />

selbst hinter dem Hexenmeister her.<br />

Es ging um eine Ecke, dann tief nach unten und schließlich zu einem<br />

deutlich massigeren Orc, an dessen Seite mehrere <strong>Die</strong>ner standen.<br />

Eine gänzlich schwarze Rüstung glänzte auf seiner Brust, ein breites<br />

Schwert lag in seiner Hand und am Hosenbund baumelte ein großes<br />

Schlüsselbund.<br />

Der Kerkermeister. Zweifellos.<br />

„Kümmer du dich um die Kerle ringsum. Ich nehme mir den<br />

Kerkermeister vor.“ zischte die Trollin, im selben Moment in einen<br />

Schatten tretend, um erst teilweise, dann vollends zu verschwinden.<br />

Charsi gaffte mit einer Mischung aus Verwunderung und Schrecken<br />

hinter der Trollin her. Dann sah sie Vadarassar an, der sie kurz darauf<br />

am Kragen packte und neben sich zog.<br />

„Dein großer Auftritt. Du darfst auch mal kämpfen.“ groll der<br />

Hexenmeister dunkel.<br />

„Ich....ähh...kämpfen...?“ murmelte sie relativ fassungslos zurück.<br />

„Aber...ich habe doch noch....nie....“<br />

„Willst du mir erzählen, dass Papi dir alles gekauft hat oder was?“ groll<br />

der Hexenmeister dunkel.<br />

„Naja....also....eigentlich...“ begann sie zögerlich. Vadarassar<br />

verdrehte die Augen, wischte sich mit einer Hand durch sein langes,<br />

grünes Gesicht und strich dann über seine Hauer. Nicht nur eine<br />

scheinheilige Dose <strong>–</strong> auch noch eine, die komplett sponsored-bypapa<br />

war und in etwa so viel Kampferfahrung hatte wie ein Goldfisch.<br />

Wobei...Goldene Rüstung....Goldfisch....eigentlich hätte er schon viel<br />

früher auf diesen Gedanken kommen müssen.<br />

- 199 -


„Dann nimm jetzt gleich einfach dein Schild hier, halt es vor dich und<br />

tu so, als würdest du gefährlich aussehen. Vielleicht blendest du sie<br />

wenigstens mit deinem strahlenden Edelblechbeschlag.“ groll der<br />

Hexenmeister und begann, einen mächtigen Kampfzauber zu weben.<br />

Feuer knisterte zwischen seinen Fingern, kleine Flammen züngelten<br />

schon und kurz darauf flog ein gleißender Ball heißen Feuers in<br />

Richtung Decke und Meute, bildete dort einen dünnen, wolkenartigen<br />

Streifen, aus dem pures Feuer zu regnen begann. <strong>Die</strong> Höllenorcs<br />

reagierten panisch, sahen sich um und fragten sich, wer für dieses<br />

Hexenwerk verantwortlich war. Dann endlich sahen sie Vadarassar<br />

und die Blutelfe, zogen ihre Waffen und stürmten auf sie zu.<br />

„Beim Licht des Sonnenbrunnens, ich werde euch zerschl....“ begann<br />

Charsi, schwang ihren Streitkolben und schlug glatt daneben. Ohne<br />

auch nur einen Kratzer abbekommen zu haben rauschte die Meute<br />

an ihr vorbei und widmete sich Vadarassar, der sich den ersten<br />

vorknöpfte, mit Flüchen und Bannsprüchen belegte, während sein<br />

Dämon zwei andere <strong>Die</strong>ner in Schach hielt. Doch die Schläge von<br />

mehr als sechs <strong>Die</strong>nern unterbrachen seine Flüche, brachten ihn aus<br />

dem Konzept und zwangen ihn, statt starken, konzentrierten Flüchen<br />

eine große Zahl von Schimpfwörtern und Diffamierungen auf die<br />

<strong>Die</strong>ner loszulassen, während Charsi sich beleidigt dem Rücken einiger<br />

der <strong>Die</strong>ner widmete und mit ihrem Streitkolben gegen eben selbige<br />

schlug.<br />

„Hey! Was ignoriert ihr mich! Euch zeig ich es! Ihr verdammten<br />

Höllenorcs!“ schrie sie, den Streitkolben rhythmisch auf die Rücken<br />

hämmernd, was außer einer makaber klingenden Melodie aus<br />

klirrendem Metall, Schreien und Gegrunze keine Wirkung zu entfalten<br />

schien. Erst als sie in die Luft sprang und ihren Streitkolben mitten auf<br />

den Kopf <strong>eines</strong> der Monster donnerte reagierte eben selbiger, drehte<br />

sich langsam um und ging auf Charsi zu. <strong>Die</strong> sah ihn nur lächelnd an,<br />

ging rasch drei Schritte zurück und hob ihren Streitkolben drohend<br />

nach oben.<br />

„Warte nur...ich...ich habe eine Waffe...und ich werde sie einsetzen!“<br />

groll sie, sah dann wieder zu Vadarassar hinüber, der schon zwei seiner<br />

Widersacher zu Boden geschickt hatte. Blieben, den von Charsi<br />

abgezogen, noch immer drei übrig. Zu viele, als das er ihr hätte zu Hilfe<br />

eilen können.<br />

In ihrer Not sah Charsi zur Decke, deutete mit einem Mal verwundert zu<br />

eben selbiger. Der Höllenorc war überrascht, hob seinerseits den Kopf<br />

und starrte auf das, was sie vermutlich an der Decke gesehen hatte.<br />

- 200 -


<strong>Die</strong>sen Moment der Ablenkung nutzte Charsi, ging in die Hocke, stieß<br />

sich nach vorn ab und donnerte ihren Streitkolben mit aller Kraft in das<br />

Gemächt des roten Höllenorcs.<br />

Ein ohrenbetäubender Schrei, mehrere Oktaven höher als alle bisher<br />

gehörten, begleitete den auf Knie sinkenden Orc, dessen Augen sich<br />

mit Tränen füllten und Hände seinen Unterleib zu schützen suchten.<br />

Unfähig, sich noch irgendwie zu wehren, setzten Charsi von hinten zu<br />

einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf des knienden Höllenorcs an<br />

und schlug kräftig zu.<br />

Der Kerkermeister indes hatte die ganze Zeit über das Geschehen aus<br />

der Distanz beobachtet. Ein grüner Orc und eine dieser Blutelfinnen <strong>–</strong><br />

eigentlich keine Gegner für seine Wachen. Doch nun sah er, wie diese<br />

beiden Eindringlinge seine Untergebenen langsam zu besiegen<br />

schienen. Das durfte nicht passieren. Eine Mischung aus Zweifel, Wut<br />

und Angst lag in seinem Blick den er schnell abwandte und sich in<br />

Richtung Zellentrakt auf machte. Gerade wollte er losrennen, da sah<br />

er eine rothaarige Fratze so dicht vor seinem Gesicht, dass er sie hätte<br />

küssen können, wenn er auch nur einen Funken Leidenschaft für das<br />

längliche, blaue Gesicht hätte empfinden können.<br />

„Wohin so schnell, Dicker?“ krächzte die Trollstimme.<br />

Der Orc wollte antworten, spürte im selben Moment jedoch ein<br />

merkwürdiges Gefühl in seinem Unterleib. Dann füllte sich seine<br />

Rüstung mit einer warmen, klebrigen Flüssigkeit. Seine Hände glitten<br />

über die Ritzen seiner Rüstung, tasteten nach der Flüssigkeit und<br />

nahmen, als er darüber strich, eine rötliche Färbung an. Dann senkte<br />

er seinen Blick.<br />

Ein langer, spitzer Dolch hatte den Spalt zwischen zwei seiner<br />

Rüstungsplatten gefunden und sich in sein Fleisch gebohrt. Fassungslos<br />

starrte er auf den blanken Stahl, dann zurück zu der Trollschurkin, die<br />

ihre Waffe in diesem Moment ruckartig zur Seite drehte.<br />

Sterne explodierten vor den Augen des Kerkermeisters, der nach<br />

seinem Schwert griff und es der unverschämten Trollin in den Kopf<br />

stechen wollte. Doch in diesem Augenblick war sie schon<br />

verschwunden, stand nicht länger vor ihm. Nur der Dolch war noch<br />

da, steckte noch immer in seiner Rüstung und seinem Körper.<br />

Schmerzen grollen nun durch seine Glieder, schüttelten ihn und ließen<br />

ihn bei jedem Atemzug einige Blutstropfen hervor würgen. Hilfe <strong>–</strong> er<br />

musste um Hilfe rufen. Ja, die restlichen Wachen würden kommen und<br />

- 201 -


ihn retten. Er sammelte all seine Kraft, öffnete sein breites Mundwerk<br />

und wollte losschreien. Doch statt einem Schrei entglitt seinem Rachen<br />

nur ein gekrächztes Gurgeln.<br />

Ein weiterer Dolch hatte sich in seinen Körper gebohrt, diesmal von<br />

hinten und mitten durch seinen Hals. <strong>Die</strong> dünne, mit grünen Rinnsalen<br />

gesäumte Klinge ragte von hinten durch den Nacken bis in seinen<br />

Mund, berührte fast seine Zunge und schnitt so jegliches Wort ab.<br />

Schwall um Schwall quoll das Blut durch die durchtrennte Kehle, ehe<br />

der Kerkermeister auf die Knie sackte. Schmerzen, unendliche<br />

Schmerzen durchschossen seinen Körper, der einfach nicht verenden<br />

wollte, obwohl ihn eine unbändige Kälte heimsuchte.<br />

„Wo sind die Gefangenen? Eine Taurin und ein Troll. Sag es <strong>–</strong> und ich<br />

werde deine Pein beenden. Ansonsten lasse ich dich qualvoll<br />

sterben!“ zischte Barra, einen dritten Dolch von hinten langsam durch<br />

die Rüstung und in Richtung seiner Rippen schiebend. Nun explodierte<br />

auch der Brustkorb des Kerkermeisters, der einer Ohnmacht nahe<br />

einfach nicht aus dieser Welt gleiten konnte. Mit letzter Kraft hob er<br />

seinen rechten Arm, deutete auf einen Gang, der noch weiter in die<br />

Gewölbe hinein führte und zeigte drei Finger.<br />

„<strong>Die</strong> dritte Tür dort unten also.“ schlussfolgerte Barra, woraufhin sie<br />

zustimmendes Gegurgel hörte.<br />

Das reichte ihr als Bestätigung. Mit einem Ruck zog sie an dem Dolch,<br />

den sie ihm in den Nacken gerammt hatte, machte eine drehende<br />

Bewegung und durchschnitt das Genick des Kerkermeisters. Gänzlich<br />

seiner Kraft beraubt sackte der Körper zu einem kleinen Häufchen<br />

zusammen und hauchte nun endlich sein Leben aus. Barra indes<br />

zeigte keine Gemütsregung, entfernte ihre Dolche wieder aus dem<br />

Kadaver, reinigte sie an seiner eigenen Kleidung und steckte wie<br />

wieder in ihren Gürtel, ehe sie zu Vadarassar und Charsi blickte.<br />

„Seid ihr immer noch nicht fertig mit spielen?“ groll sie krächzend, ein<br />

kl<strong>eines</strong> Messer nehmend, um es auf einen der <strong>Die</strong>ner zu werfen.<br />

Zielsicher flog das kleine Stück Metall, traf den Wächter genau in der<br />

Stirn, schickte ihn zu Boden <strong>–</strong> und damit den Letzten der sechs <strong>Die</strong>ner<br />

des Kerkermeisters.<br />

„Und mir sagst du nach, ich wäre zu langsam, Orc.“ groll sie erneut,<br />

dann zu Charsi blickend. <strong>Die</strong> Blutelfe zitterte so sehr, dass ihre Rüstung<br />

klapperte.<br />

- 202 -


„Siehe da <strong>–</strong> das Püppchen hat ihre erste Beute gemacht.“ spottete<br />

sie, sah den Höllenorc am Boden abschätzend an. Dann drehte sie<br />

sich um und marschierte schnurstracks weiter hinunter.<br />

Vadarassar und Charsi sahen einander für einen Moment an, dann<br />

folgten beide, sich gegenseitig noch immer feindselige Blicke<br />

zuwerfend.<br />

Mittlerweile hockte Braunpelz kraftlos auf dem Boden vor der Liege,<br />

die Teborasque als Ruhestätte diente. Wie viele Tage und Nächte<br />

wohl vergangen waren, seit man sie eingesperrt hatte, konnte sie nicht<br />

einmal mehr ahnen. <strong>Die</strong>se nachtschwarzen Wände gaben keinen<br />

Anhaltspunkt auf Tag oder Nacht, lediglich die kleine Fackel draußen<br />

vor ihrer steinernen Zellentür spendete ein fahles Licht, das gerade<br />

ausreichte, damit man nicht über seine eigenen Beine stolperte. Seit<br />

unendlich langen Stunden hatten sie zwar Wasser, aber kein Brot oder<br />

andere Nahrungsmittel mehr bekommen. Zwar war schon das Brot,<br />

das sie vorher erhalten hatten, eher dazu gedacht, Nägel in Wände zu<br />

hauen, doch hatte man es mit Hilfe des Wassers wenigstens halbwegs<br />

in die gequält leeren Mägen würgen können, um sie zumindest<br />

ansatzweise für einige Minuten ruhig zu stillen. <strong>Die</strong>se erzwungene<br />

Fastenzeit jedoch war nicht förderlich für ihre Stimmung oder Tebos<br />

Gesundung. Dazu kam die Kälte, die von den Felswänden auf die fast<br />

unbekleideten Zelleninsassen nahezu ungebremst über ging. Hoffnung<br />

<strong>–</strong> ein Wort, dass die beiden zwar kannten, aber nicht viel länger dran<br />

glaubten. Vadarassar hätte sie retten können, war aber sicher auch<br />

irgendwo gefangen genommen worden. Und selbst wenn nicht,<br />

woher hätte er wissen sollen, wo er sie zu suchen hatte.<br />

Schlagartig wurde Braunpelz aus ihren Gedanken gerissen. <strong>Die</strong><br />

Wächter vor ihrer Zelle hatten etwas gebrüllt, dann war ihr Schreien<br />

schlagartig verebbt und ein nasses, klatschendes Geräusch, gefolgt<br />

von metallischem Klirren kündigte eine noch viel bedrückendere Stille<br />

an. Nun waren nicht einmal mehr die Unterhaltungen der Orcwachen<br />

draußen zu hören, die, auch wenn Braunpelz kein Wort davon<br />

verstand, wenigstens das Gefühl vermittelten, nicht gänzlich<br />

eingemauert und vergessen worden zu sein.<br />

Dann rüttelte etwas von außen an der Tür. Waren das die Wachen, die<br />

endlich das Essen brachten? Oder wollte man den beiden endlich das<br />

lang erwartete und viel zu lange herausgezögerte Ende zukommen<br />

lassen? Keiner von beiden wusste es, es war ihnen auch egal <strong>–</strong> viel zu<br />

sehr waren sie mittlerweile geschwächt, als das sie sich darum hätten<br />

sorgen machen können. Sie blieben in eine Ecke gekauert und sahen<br />

- 203 -


nur passiv auf die Tür, in die schließlich der Schlüssel hinein gesteckt<br />

und umgedreht wurde, ehe das schwere Portal aufgestemmt wurde.<br />

Ein Orc trat hinein. Zwei Hörner auf dessen Schädel zeichneten sich ab,<br />

gaben ihm etwas von einem Satyr. War dies der Henker, der Teufel,<br />

der sie nun endlich holen sollte? Niedergeschlagen senkten sie ihre<br />

Häupter, erwarteten das Ende.<br />

Doch statt einer Klinge oder einem Zauber, der sie zerschmetterte,<br />

wurde eine Fackel gehoben, die Licht auf das vorher dunkle Gesicht<br />

des Orcs warf. Braunpelz hob ihren Kopf, blinzelte kurz ob der<br />

plötzlichen Helligkeit. Dann weiteten sich ihre Augen, füllten sich mit<br />

Tränen. Sie wollte aufspringen, doch ihre Beine trugen ihr Gewicht<br />

nicht auf Anhieb. Strauchelnd stürzte sie in Richtung des Orcs, fiel in<br />

offene Arme.<br />

„Vada...ein Glück....du bist da!“ seufzte die Taurin, den Orc so fest an<br />

sich drückend, dass dieser unter seiner Maske rot anlief.<br />

Barra sah den Hexenmeister mit hochgezogener Braue an. „Sieh an <strong>–</strong><br />

ein Orc, der eine Liaison mit einer Taurin hat, was?“ krächzte sie, ging<br />

dann ihrerseits auf die Nische zu, in der sie den Troll gesehen hatte.<br />

„Und du <strong>–</strong> liegst mal wieder faul in der Gegend rum, was?“<br />

Teborasque blinzelte schwach, richtete sich dann schnell auf, als er<br />

sah, wer da vor ihm stand.<br />

„Schwester....ich wusste nicht, dass du....“ begann er, kassierte auf<br />

seinen plötzlichen Ausbruch von Emotionen hin jedoch eine gehörige<br />

Kopfnuss, die ihn zusammensacken und bewusstlos in den Armen der<br />

Trollin hängen ließ.<br />

„Halt die Klappe, kleiner Bruder. Wenn wir draußen sind, kannst du mir<br />

dein Leid klagen!“ krächzte die Trollin schnaubend, den Troll über ihre<br />

Schulter werfend, um kurz darauf aus der Zelle und in Richtung<br />

Ausgang zu gehen. Vadarassar folgte ihr, stützte Braunpelz, die noch<br />

immer nicht allein auf ihren Beinen stehen konnte.<br />

„Hey! Ich will auch helfen! Schließlich wärt ihr ohne mich gar nicht<br />

hier!“ meinte Charsi beleidigt, bekam als Antwort aber nur zwei<br />

Fackeln vor die Nase gehalten.<br />

Sie seufzte.<br />

Also mal wieder nur die Fackelträgerin.....<br />

- 204 -


Kapitel 35 <strong>–</strong> Im Nether<br />

Der Drache flog nun tiefer als vorher, zog seine Bahn über eine<br />

Ansammlung von Dämonen. Magische Stürme fegten um ihn herum,<br />

zerrten an den mächtigen, schwarzlilanen Schwingen, warfen ihn hin<br />

und her. Den Reiter jedoch beeindruckte das nicht, hielt er seine<br />

Fracht doch festgeschnürt auf seinem Schoß. Doch selbst wenn er sie<br />

verlor <strong>–</strong> hier an dieser Stelle wäre es nicht schlimm gewesen. Schließlich<br />

war er fast am Ziel seiner Reise.<br />

Mit kräftigen Flügelschlägen setzte der Netherdrache auf, legte sich<br />

sogleich flach auf den Boden, damit sein Reiter bequem absteigen<br />

konnte. Mit äußerster Argwohn stieg der Draenei ab, zog das fest<br />

verschnürte Paket aus Knochen und Fleisch von seinem Reitdrachen<br />

und warf es sich über die Schulter.<br />

Nur noch wenige Schritte, dann würde er seine Aufgabe endlich erfüllt<br />

haben. Hier, mitten in diesem nördlichsten aller Lager der Legion<br />

würden sie ihren <strong>Die</strong>ner sicher willkommen heißen. Und wenn er Recht<br />

gehabt hatte und doch nicht zur Legion gehörte...nun...dann würde er<br />

von hier aus sicher keinen seiner „Freunde“ mehr erreichen können,<br />

um sich zu rächen. So oder so war sein Meister also dieses hässliche<br />

Gerippe los.<br />

Mit einem kräftigen Schwung schleuderte er das Bündel einen kleinen<br />

Abhang runter, stellte dabei sicher, dass sich die magischen Fesseln in<br />

einigen Minuten auflösen würden und ging schnell zurück zu seinem<br />

Drachen. Zufrieden stieg er wieder auf den Rücken der großen<br />

Flugechse, schwang die Zügel und entschwand, von starken<br />

Flügelschlägen getragen, in der Finsternis der Netherstürme.<br />

Es dauerte einige Stunden, ehe das vormals verschnürte Bündel<br />

wieder zu sich kam. Zwei Lichtpunkte blitzten auf, ein Kiefer, der nun<br />

noch viel schiefer hing als er das jemals getan hatte, knirschte leise<br />

auf. Mit langsamen Bewegungen erhob sich das kleine<br />

Knochengebilde, unsicher, ob noch alles dran war. Viele Knochen<br />

waren gebrochen oder geborsten, wuchsen aber, obwohl kein Leben<br />

in diesem Körper mehr steckte, bereits wieder langsam zusammen.<br />

Dennoch fehlte dem geschundenen Leib jegliche Kraft, sich der<br />

zahllosen Dämonen, die ihn bereits umrundeten und interessiert<br />

musterten, zu erwehren.<br />

Bwalkazz war der Gefangenschaft entkommen. Jedoch nur, um jetzt<br />

und hier von einem noch viel schlimmeren Gegner aufgerieben und in<br />

- 205 -


Stücke zerfetzt zu werden. Einen tiefen Stoßseufzer loslassend schloß er<br />

die Augen und mit seiner untoten Existenz ab.<br />

„Guten Morgen.“ begrüßte Braunpelz den Hexenmeister, der am<br />

Rande von Thrallmar stand und seinen Blick in Richtung des schwarzen<br />

Bauwerks gerichtet hatte. Er antwortete nicht, brummte nur leise.<br />

„Hast du überhaupt geschlafen?“ fragte Braunpelz nach einigen<br />

Momenten des unsicheren Wartens.<br />

„Kaum.“ war die Antwort, die nun endlich vom Hexenmeister kam.<br />

„Wie geht es Tebo?“ schob er sogleich nach.<br />

Braunpelz seufzte, ging zu einem Stein neben Vadarassar und setzte<br />

sich darauf. „Es wird noch einige Tage dauern, bis er wieder bei<br />

Kräften ist. Er hatte Glück <strong>–</strong> bei dem Blutverlust wäre sogar ein<br />

Taurenkrieger schon verendet. Einmalige Zähigkeit, die diese Trolle<br />

haben.“ sagte sie leise und bedrückt.<br />

Vadarassar nickte langsam, blickte derweil immer weiter gen Westen.<br />

„Ich frage mich, was uns noch so alles erwartet. Das war knapp...sehr<br />

knapp diesmal. Fast hätten wir euch verloren.“<br />

<strong>Die</strong> Taurin sah den Hexenmeister an, blickte dann selbst ebenfalls in<br />

die Ferne. „Wir haben überlebt. Das ist das Wichtigste. Und wenn wir<br />

zusammen bleiben, wird das auch so bleiben.“<br />

Vadarassar nickte düster. Zusammen bleiben...das sagte Braunpelz so<br />

einfach. Nicht das sie die Wahl hätten.<br />

„Ich hoffe nur Bwalkazz lebt noch....oder wie auch immer er das<br />

nennt.“ grummelte er leise, spürte in diesem Moment, wie sich eine<br />

warme, fellige Hand auf seine Schulter legte.<br />

„Ich bin mir sicher, dass er noch lebt. Ich fühle es...irgendwie. Auch<br />

wenn wir hier nicht in unserer Heimat sind, wird die Erdenmutter auf ihn<br />

achten.“<br />

„Das hoffe ich, Brauni. Das hoffe ich wirklich. Ich habe mich zu sehr an<br />

den Kerl gewöhnt.“ brummte Vadarassar, den Satz und seine<br />

Mentalität in diesem Moment tausendfach verfluchend. Was war er<br />

nur für ein Waschlappen...in solchen Augenblicken hätte er sich am<br />

liebsten selbst erwürgt.<br />

Ein großer Dämon baute sich vor Bwalkazz auf. Eine bizarre, über vier<br />

Meter hohe, schlanke Frauengestalt. Auf ihrem Kopf trug sie eine<br />

- 206 -


Krone, deren Oberseite aus reinem Feuer bestand und an ihrem<br />

Rumpf waren nicht weniger als sechs Arme, die allesamt mit<br />

Schwertern bewaffnet waren. Zwei weitere Dämonen, groß, böse und<br />

diesem Dämondiener von Vadarassar nicht unähnlich, flankierten sie<br />

an beiden Seiten. Das war sein sicheres Ende....das wusste er genau.<br />

Vielleicht hätte er ihnen in gesundem Zustand etwas entgegen setzen<br />

können. Doch seine Arme schmerzten und auch mit aller<br />

Entschlossenheit gelang es ihm nicht, sich aufzuraffen und<br />

aufzustehen. Stattdessen blickte er in die blitzenden Klingen,<br />

erwartete, jeden Augenblick filettiert zu werden.<br />

Ein plötzliches Krachen riß ihn aus den Gedanken. Zuerst wusste er<br />

nicht, wo das Geräusch hergekommen war, musterte sich selbst, kam<br />

dann aber zu der Erkenntnis, dass er noch nicht getroffen worden war.<br />

Stattdessen machte die Dämonin eine Bewegung, die extrem<br />

ungesund aussah. Ihr Oberkörper knickte nach hinten weg, als wäre<br />

sie in der Mitte durchgebrochen. Und tatsächlich lag nur Sekunden<br />

später ihr Oberkörper mit dem halben Rücken auf dem Boden,<br />

während ihre Beine und der Rest ihres Rückens noch standen und kurz<br />

darauf nach vorn über kippten.<br />

<strong>Die</strong> Dämonen, die gerade noch an der Seite dieses weiblichen<br />

Scheusals gestanden hatten, blickten fassungslos auf die nun<br />

zuckende halbe Dämonin, die noch immer nicht verstand, was sie<br />

getroffen hatte. Erst ein weiterer Schlag, diesmal mitten in ihr Gesicht,<br />

beendete ihre Fassungslosigkeit. Und dann sah Bwalkazz die Ursache<br />

für das plötzliche, schmerzvolle Ende der Dämonin.<br />

Eine Taurin, gänzlich von schwarzer Rüstung und schwarzem Fell<br />

bedeckt, stand dort. In ihrer rechten Hand führte sie einen schweren<br />

Streitkolben, dessen harte, nagelbesetzte Spitze vor schwarzem<br />

Dämonenblut triefte. Ein rötlicher Schimmer wanderte um die Waffe,<br />

ließ Flammen und Blitze um den vorderen Bereich züngeln. <strong>Die</strong><br />

Dämonen reagierten schlagartig, stürmten unkontrolliert auf die Taurin<br />

zu, wollten sie mit einer unkoordinierten Attacke einfach zerreißen.<br />

Nahe kamen sie an die schwarze Taurin heran, sehr nahe. Dann holten<br />

sie aus, sahen noch die Taurin, wie sie in die Knie ging und kurz darauf<br />

mit voller Wucht auf den Boden sprang.<br />

Der Boden bebte, warf die vier Dämonen nieder, von denen zwei kurz<br />

darauf den schweren Streitkolben auf ihren Köpfen spürten und am<br />

eigenen Leibe merkten, dass selbst der härteste Dickschädel nicht so<br />

hart sein konnte wie ein Streitkolben, der von einer wütenden Taurin<br />

geführt wurde.<br />

- 207 -


<strong>Die</strong> beiden anderen Dämonen wollten die Chance ergreifen, stürmten<br />

gemeinsam auf die noch immer ausholende Taurin zu. Doch noch ehe<br />

sie diese erreichten, schoß ein Blitz auf sie zu, verschmorte den ersten,<br />

sprang weiter zum zweiten und brannte dessen rechten Arm sowie die<br />

darin gehaltene Waffe kurzerhand weg. Das reichte dem einzig<br />

überlebenden Dämon, um die Flucht zu ergreifen.<br />

Bwalkazz, der sich sicher war, nun der Nächste dieser wütenden,<br />

schwarzen Kuh zu sein, schloß die Augen ein weiteres Mal. Doch statt<br />

dem Kolben, der ihn treffen sollte, fühlte er eine Hand, die ihn berührte<br />

und antippte.<br />

„Lebst du noch, du Knochenhaufen?“ knurrte eine tiefe Stimme. der<br />

Freundlichkeit offenkundig so fremd war wie Bwalkazz ein Vollbad.<br />

Langsam öffnete er die Augen, blickte der vor ihm stehenden Taurin<br />

auf die Hufe <strong>–</strong> so dicht stand sie vor ihm. Kurz darauf packte ihn eine<br />

Hand, warf ihn auf eine Schulter...und erneut wurde der Magier<br />

fortgeschleppt.<br />

„Was guckt ihr denn so, als würdet ihr um was Trauern?“ hörten<br />

Vadarassar und Braunpelz mit einem mal eine ihnen nur zu vertraute<br />

Stimme hinter sich. Schlagartig drehten sie sich um, trafen sich dabei<br />

beinahe mit den Köpfen und blickten auf eine etwas gebückt da<br />

stehende Gestalt von Teborasque. Nicht, dass Trolle sonst etwa<br />

aufrecht gingen, doch im Moment ging Tebo noch gebückter als<br />

sonst. Besser gesagt: Er stand dort.<br />

„Hat dir der Doc nicht gesagt, du sollst dich noch einige Tage<br />

ausruhen, ehe du aufstehst?“ fragte Braunpelz, den Troll genau<br />

musternd. Doch der winkte ab.<br />

„Der Doc kann mich mal kreuzweise, Mann. Wenn ich stehen kann,<br />

dann reicht das. Hab schon lang genug gelegen. Was liegt an?“<br />

Vadarassar verengte die Augen. „Wenn wir das wüssten. Wir haben<br />

noch immer einen Magier zu suchen <strong>–</strong> und keinen Anhaltspunkt, wo er<br />

sein könnte.“<br />

„Korrektur, Grünhaut. DU hast keine Ahnung.“ krächzte eine Stimme<br />

hinter Vadarassar so dicht an sein Ohr, dass er fast erschrocken wäre,<br />

wenn er nicht genau gewusst hätte, dass sich Schurken über derartige<br />

Reaktionen geradezu diebisch amüsieren. So zeigte er äußerlich<br />

keinerlei Gemütsregung, drehte sich nur langsam mit dem Kopf zu der<br />

- 208 -


plötzlich aufgetauchten Schurkin und sah auf das Pergament in ihrer<br />

Hand, während er sich im Innersten fast in die Robe gemacht hätte.<br />

„Was soll denn das für eine Kritzelei sein? Abstrakte Kunst?“ grummelte<br />

der Hexenmeister.<br />

Barra grinste. „Dicht dran. Ein Lageplan, den ich von den<br />

Allianzflitzpiepen in ihrer Festung geklaut habe. Achja <strong>–</strong> die brauchen<br />

auch mal wieder neue Wachen. Wundert mich, dass die bei DEM Sold<br />

überhaupt freiwillig hier sind.“ grinste Barra, auf zwei dünne<br />

Lederbeutel deutend, in denen jeweils nur einige Silbermünzen<br />

steckten.<br />

Teborasque grinste breit. „Du hast früher schon immer gern lange<br />

Finger gemacht. Nur hast du da nicht zwischen Gut und Böse<br />

unterschieden. Stattdessen hast du....“<br />

„Halt deinen Rand, Bruder und lern erst mal, auf dich aufzupassen.<br />

Sonst fliegt vielleicht mal wieder ein herrenloses Schwert in deine<br />

Richtung.“<br />

Teborasque grummelte. Von einem ungelenkten Schwert getroffen<br />

werden, ohne es überhaupt gesehen zu haben und ihm ausgewichen<br />

zu sein <strong>–</strong> so etwas peinliches für einen Krieger. Er antwortete nichts,<br />

warf seiner Schwester dafür aber einen vielsagenden, vernichtenden<br />

Blick zu, der all seine Wut und seinen Frust spiegelte. Sie jedoch ging<br />

nicht darauf ein, entfaltete stattdessen die Karte und zeigte dort auf<br />

die Regionen, die bereits erkundet wurden.<br />

Ein kurzer Disput zwischen den Vieren, dann wurden die<br />

Zangarmarschen als das nächste Ziel vorgenommen. Laut den<br />

Maghar, einem Orcstamm, der hier ansässig und zur Abwechslung mal<br />

nicht böse war, gab es dort bereits zwei große Trolllager sowie eine<br />

Siedlung des Cenarius. Beides zwar noch recht improvisiert, doch<br />

immerhin schon relativ sicher. Jedenfalls sicher genug, als das man<br />

von dort aus mit der Suche beginnen konnte. Sogleich beschlossen die<br />

Vier einstimmig, am nächsten Morgen loszuziehen und Charsi, die<br />

nervtötende Paladina, zurück zu lassen, damit sie hier im Lager von<br />

einigen der verletzten und erfahrenen Kriegern mal das Kämpfen<br />

erlernte. Was auf sie zukam war ganz sicher nicht ungefährlich <strong>–</strong> und<br />

eine Belastung wie eine solche Paladina wäre nur ein Risiko für alle<br />

gewesen.<br />

- 209 -


<strong>Die</strong> letzten Stunden war Bwalkazz langsam immer mehr zu sich<br />

gekommen. Sein Körper gewann mit jeder Minute, die er in Freiheit<br />

war, mehr von seiner alten Kraft zurück. Doch noch zeigte er seiner<br />

vermeintlichen Retterin nicht, wie gut es ihm mittlerweile ging.<br />

Stattdessen schwieg er ebenso wie sie und musterte sie, während sie<br />

ihn auf ihrer Schulter einen langen Weg in Richtung einiger Felsen<br />

schleppte.<br />

Einige Totems steckten an ihrem Gürtel, verborgen unter einer Falte<br />

ihrer Rüstung. Eine Schamanin also. Außerdem fiel ihm noch etwas auf:<br />

Seit gut einer Stunde war sie langsamer geworden, ging nun<br />

ungleichmäßig und schwankte stärker hin und her, als sie das vorher<br />

getan hatte. War sie außer Atem?<br />

Noch ehe Bwalkazz seinen Gedanken zu Ende denken konnte,<br />

stoppte die Taurin und warf ihn recht rabiat in einen Stapel aus<br />

Decken. Erst begriff er nicht, was das sollte, dann folgten ihm ein<br />

Schild, der Streitkolben und einige Rüstungsteile, die nur wenige<br />

Zentimeter neben ihm ebenfalls auf den Boden knallten.<br />

Bwalkazz wühlte sich aus dem Stoffhaufen nach oben. Er erkannte<br />

eine kleine Höhle, in der er nun zwischen den Waffen und mehreren<br />

Bündeln lag und sah die Taurin in einer Ecke sitzen. Ihre rechte Hand<br />

strich über ihr rechtes Knie, während sie leise einige Formeln flüsterte.<br />

Der Magier brauchte keine zwei Augenblicke um darin den Grund für<br />

das plötzliche Schwanken der Taurin zu erkennen. Mit etwas Mühe<br />

befreite er sich aus dem Stoffberg und richtete sich auf.<br />

„Verzeih, kann ich dir helfen, Schamanin?“ fragte er vorsichtig. <strong>Die</strong>se<br />

Taurin hatte vor seinen Augen fünf Dämonen einfach niedergestreckt<br />

und es hinderte sie nichts daran, ihn ebenfalls der Liste ihrer Opfer<br />

hinzuzufügen.<br />

Ihr Blick wanderte von ihrem Bein zu ihm. Kälte lag in selbigem, eine<br />

Kälte, die Bwalkazz so angenehm vorkam, als wäre es seine eigene.<br />

„Ja, du kannst die Klappe halten und mich in Ruhe lassen!“ schnaubte<br />

sie den Magier an, den Blick im selben Moment wieder von ihm<br />

lösend.<br />

Oha....das würde nicht einfach werden. Sicher <strong>–</strong> hinter einer harten<br />

Schale war normalerweise ein weicher Kern. Doch die Schale von DER<br />

Taurin war offenbar härter als jede Plattenrüstung. Und leider hatte<br />

Bwalkazz gerade keinen Dosenöffner parat. Seiner eh schon sehr<br />

angeschlagenen Gesundheit zuliebe tat er also, was die Schamanin<br />

verlangte, drehte sich auf den Rücken und schloß dann die Augen.<br />

- 210 -


Etwas Extraschlaf würde ihm sicher gut tun. Ja <strong>–</strong> die erste ruhige Nacht<br />

seit langem. Das heißt <strong>–</strong> wenn die Schamanin nicht auf die<br />

Wahnsinnsidee kommen sollte, ihm doch noch den Schädel zu<br />

spalten.<br />

- 211 -


Kapitel 36 <strong>–</strong> Marsch in die Marschen<br />

„Boah, ihr glaubt nicht, was ich da sehe, Mann.“ stutzte Teborasque,<br />

sein Fernrohr wieder senkend. Dann blickte er zu den drei anderen<br />

unter sich und damit am Fuße des Vorsprungs, auf dem er sich<br />

niedergelassen hatte.<br />

„Was siehste denn? Wieder mal was zu fressen?“ krächzte Barra, ihren<br />

Dolch gerade aus einem der Felshetzer ziehend.<br />

„Pilze.“ sagte Tebo kurz und knapp, dann wieder sein Fernrohr<br />

hebend.<br />

„Sag ich doch <strong>–</strong> denkt immer nur ans fressen. Typisch mein Bruder.“<br />

„Ach halt doch den Rand, Mann. Komm doch hier hoch und schau<br />

selbst!“ knurrte Teborasque seine Schwester an, die sich das nicht<br />

nehmen ließ, ihren Dolch kurzerhand zwischen den Augen des<br />

Felshetzers zurückließ, dann auf die Anhöhe stieg und ihrem Bruder mit<br />

einem Griff sowie einem Ellenbogenschlag vors Kinn das Fernrohr<br />

wegzog.<br />

Pilze. Riesige Pilze. Und nicht nur ein paar, sondern ein ganzer Wald<br />

voller Pilze.<br />

„Du hast Recht, Mann. Ein Pilzwald. Interessant...“ krächzte sie, bekam<br />

kurz darauf einen kräftigen Tritt in die Seite. Vollkommen überrascht<br />

stürzte sie die Anhöhe runter und landete nach einigen Überschlägen<br />

halbwegs elegant auf ihrer Seite, von der sie sich schlagartig<br />

aufrappelte und böse nach oben starrte.<br />

Teborasque stand noch dort oben, hielt das von ihr fallengelassene<br />

Fernrohr wieder in seinen Händen und grinste sie an.<br />

„Mit dem Alter verlierste aber dein Gleichgewicht, Schwesterherz, wa?<br />

War die Lektion für euch Schurken nicht, niemals jemandem den<br />

Rücken zuzudrehen?“ grinste er breit, verstaute dann sein Fernrohr in<br />

einer seiner Taschen.<br />

Knurrend wollte Barra auf ihren Bruder losgehen, wurde aber von einer<br />

pelzigen Hand zurück gehalten.<br />

„Immer mit der Ruhe. Denk dran <strong>–</strong> wir haben noch einen langen Weg<br />

vor uns. Und ganz gesund ist er noch nicht.“ beschwichtigte Braunpelz<br />

die Trollin, die erst böse zu der Taurin blickte, dann kurz blinzelte und<br />

nickte.<br />

- 212 -


Dennoch drehte sie sich kurz zu Teborasque, hob ihre rechte Hand und<br />

zeigte ihm die geballte Faust, woraufhin Tebo einfach nur grinste und<br />

ihr die lange, rote Zunge rausstreckte.<br />

Vadarassar indes grinste breit und finster, stand jedoch schon einige<br />

Meter weiter vorn, sah über den felsigen Weg hinweg in das<br />

kommende Tal und die dortige Siedlung. Geschwister waren etwas<br />

schönes <strong>–</strong> vor allem ihre Zankereien. So etwas war immer zur<br />

Unterhaltung gut. Zwar würden sie sich nicht gegenseitig umbringen<br />

oder schwer verletzen, doch so blieb der Pepp auch über Wochen<br />

erhalten. Erfrischend anders, als diese ruhige Harmonie, die ihm die<br />

Füße einschlafen ließ.<br />

„Dort unten ist eine Stadt. Und ich sehe da laufende Bäume, Tauren<br />

und....Nachtelfen.“ grummelte Vadarassar, im Geiste schon einmal<br />

einige Zauber bereit legend, um letztere in einem kurzen, dafür aber<br />

umso blutigerem Intermezzo von dieser Welt zu schleudern.<br />

„Ich spüre sie. Druiden <strong>–</strong> sie sind m<strong>eines</strong>gleichen. Angehörige des<br />

Zirkels. Sie werden uns nichts tun.“ sagte Braunpelz sanft, ging<br />

kurzerhand an Vadarassar vorbei und auf die Siedlung zu.<br />

Der Hexenmeister sah der Taurin nach, blickte dann kurz zu den<br />

beiden Trollen, die sich gegenseitig drum stritten, wer von ihnen vor<br />

gehen sollte. Einer seiner Mundwinkel hob sich kurz, senkte sich dann<br />

aber wieder.<br />

„Sie werden uns also nichts tun.....schade. Vielleicht ein anderes Mal.“<br />

grummelte er, öffnete dann seine Fäuste und folgte der Taurin.<br />

Ein nasses Klatschen riß Bwalkazz aus seinen Träumen, ließ ihn seine<br />

Augen schlagartig aufreißen und hell aufglühen. War er jetzt<br />

zermanscht worden? Nein, sein Körper war noch da, schmerzte aber<br />

nicht mehr so sehr, wie noch gestern. Der Geruch, gefolgt von seinem<br />

Blick, zeigte ihm eine gegerbte, blutige Tierhälfte, die nun auf dem<br />

Boden vor ihm lag. Hinter ihr stand die Taurin, ein kl<strong>eines</strong>, dafür aber<br />

rötlich schimmerndes Messer in ihrer rechten Hand haltend.<br />

„Iß. Ich werde dich nicht weiter schleppen.“ knurrte die schwarze<br />

Taurin, ließ sich dann selbst nieder und riß ein Stück aus dem<br />

Fleischberg.<br />

- 213 -


Bwalkazz sah ihr einen Moment zu. <strong>Die</strong> Freundlichste war sie nicht <strong>–</strong><br />

und wirklich einschätzen konnte er sie auch nicht. Vielleicht war das<br />

ganze nur ein Trick, damit sie ihn in guter Verfassung irgendwo<br />

abliefern konnte. Doch etwas Nahrung konnte er wirklich vertragen.<br />

Zögerlich zog er eine fleischige Rippe aus dem Brocken und nagte<br />

daran. Dank s<strong>eines</strong> schiefen Kiefers fielen ihm die meisten<br />

Fleischbrocken daneben, doch das, was er hinunter schlang reichte,<br />

um ihn für die nächsten Tage auf den Beinen halten zu können.<br />

Abgesehen davon fühlte er sich hervorragend. <strong>Die</strong> Luft bebte<br />

geradezu vor Magie, Kräfte, die er sich nicht erklären konnte,<br />

schwängerten die Atmosphäre.<br />

„Danke.“ murmelte Bwalkazz leise, sich noch ein Stück nehmend.<br />

Doch die Taurin antwortete nicht, aß stattdessen noch einen Brocken.<br />

Für einen kurzen Moment dachte Bwalkazz nach. Er war stark genug <strong>–</strong><br />

ein kleiner Zaubertrick sollte funktionieren, wenn er sich darauf<br />

konzentrierte.<br />

Mit seinen Händen formte er eine glatte Fläche, sprach die Formel, die<br />

er in Kalimdor und speziell in Orgrimmar tausendfach am Tag hatte<br />

sprechen müssen, um die ganzen Bettler, Wanderer, Freunde,<br />

Bekannte und sonstige Nervensägen mit Wasser zu versorgen.<br />

Mit einem Schlag wurde die Höhle hell erleuchtet. Schimmernd<br />

tauchte eine große Karaffe in seinen Händen auf, füllte sich diese mit<br />

sprudelndem, noch immer hell leuchtendem Wasser. Dann endlich ließ<br />

das Glänzen nach und nur die Karaffe samt Inhalt stand nun auf<br />

seinen Handflächen.<br />

Bwalkazz nickte knapp, sah dann an seinem Zauberwerk vorbei und<br />

die Taurin, die ihn grimmig und mit gepacktem Streitkolben anstarrte,<br />

als wolle sie ihm in diesem Moment den Schädel spalten.<br />

„Hier <strong>–</strong> etwas Wasser für dich. Vom vielen Fleisch bekommt man....“<br />

begann der Magier, wurde aber unterbrochen.<br />

„Ich habe mein eigenes Wasser. Sauf deinen magischen Müll alleine.“<br />

knurrte sie ihn an, nahm dann wieder Platz. „Und wage es nicht, weiter<br />

in meiner Nähe zu zaubern.“<br />

Bwalkazz starrte verwirrt auf die Taurin. Schamanen waren starke<br />

Kämpfer, doch sie bezogen ihre wahre Macht aus der Natur und den<br />

Elementen. Zwar kannte er sich mit dieser Kunst nicht annähernd so<br />

gut aus, um ihre Ursprünge und Bindungen auch nur im Ansatz zu<br />

- 214 -


verstehen, doch das wusste er. Eigentlich waren Schamanen sehr<br />

magiebegabt. Merkwürdig.<br />

Seiner eigenen Knochen zuliebe fragte Bwalkazz nicht nach <strong>–</strong><br />

zumindest jetzt noch nicht. Ihm blieb nur, sie anzublicken und die<br />

eiskalte Schulter, die sie ihm zudrehte, zu mustern.<br />

„Elûne erleuchte Euren Weg, Druidin. Was führt euch zu uns?“ fragte<br />

die Nachtelfin mit melodischer Stimme die Taurin, die sich ihr gerade<br />

höflich vorgestellt hatte, während ihre Begleiter durchweg misstrauisch<br />

zu den Schildwachen blickten.<br />

„Wir sind auf der Suche nach einem Freund von uns. Ein Magier der<br />

Verlassenen. Wisst ihr etwas darüber?“ fragte Braunpelz mit<br />

freundlicher Stimme. Sie hegte keinen Gram gegen die Nachtelfen.<br />

Schließlich waren sie ebenso Kinder der Erdenmutter wie die Tauren,<br />

hatten seit über Zehntausend Jahren einen Bund, den Lehren der<br />

Erdenmutter und dem Waldgeist Cenarius zu folgen. <strong>Die</strong>ser war zwar in<br />

einer Schlacht gefallen, doch seine Lehren existierten unter den<br />

Druiden noch immer, wurden von Generation zu Generation<br />

weitergegeben. Und mit ihnen der Respekt vor allem Lebenden. Ein<br />

Umstand, den sich Braunpelz gern für jedes Wesen wünschte.<br />

<strong>Die</strong> Nachtelfe legte ihre glatte Stirn in flache, kaum sichtbare Falten,<br />

strich sich durch ihr dunkellilanes Haar, dass in einem fein gewobenem<br />

Zopf ihren gesamten, schmalen Körper entlang bis fast zum Boden<br />

reichte. Dann jedoch schüttelte sie den Kopf.<br />

„Leider nein. Bisher sind noch nicht viele Besucher in unser Lager<br />

gekommen. Lediglich zwei Verlassene <strong>–</strong> eine Priesterin und ein Krieger<br />

<strong>–</strong> sind vor einigen Tagen hier durch gekommen.“<br />

Braunpelz nickte knapp. Dann drehte sie sich um, wollte zu ihren<br />

Freunden zurück gehen, die in einigen Metern Entfernung bei einer<br />

Taurenwache standen und den Blick auf drei Menschenkrieger<br />

gerichtet hatten, deren Schwerter mehr verrieten als tausend Worte:<br />

<strong>Die</strong>se drei dort würden liebend gern einige Köpfe zu ihrer Sammlung<br />

hinzufügen.<br />

Noch im Gehen hielt die Nachtelfe ihre Kollegin zurück. „Wartet <strong>–</strong><br />

versucht es einmal in der Siedlung Zabra’Jin im Westen. Sie wird von<br />

den Trollen gehalten. Vielleicht haben sie etwas gesehen.“<br />

- 215 -


Braunpelz deutete eine kleine Verbeugung an. „Das werden wir<br />

machen. Habt Dank <strong>–</strong> und möge die Erdenmutter euch beschützen.“<br />

<strong>Die</strong> Nachtelfe lächelte, hob ihre Hand und sprach ihren Segen über<br />

ihre Seelenverwandte. Dann erst kehrte Braunpelz zu ihren drei<br />

Freunden zurück.<br />

„Wir müssen nach Westen.“ sagte Braunpelz, noch während sie auf<br />

ihre Freunde zu ging. <strong>Die</strong> hatten derweil ihre Waffen gezogen, standen<br />

kampfbereit da und warteten nur darauf, dass die Menschenkrieger<br />

auf sie zu stürmten. Das plötzliche Hinzugesellen einer Druidin ließ sie<br />

jedoch erstarren. So schnell sie konnten verstauten die Krieger wieder<br />

ihre Waffen und verschwanden in einem der Gebäude.<br />

Vadarassar sah den Kriegern traurig hinterher. Schade <strong>–</strong> das hätte<br />

spaßig werden können. Nur Teborasque grinste.<br />

„Hey Mann, das hast du aber verdammt gut gemacht. Ähh...nur wie?“<br />

Braunpelz sah ihn fragend an, dann zu der Stelle, wo bis vor wenigen<br />

Sekunden noch die kampfbereiten Krieger gestanden hatten und<br />

dann wieder zu den dreien. Verwundert zuckte sie mit den Schultern.<br />

Sie hatte ja auch nicht wissen können, dass diese Krieger sie für eine<br />

Wache gehalten hatten. So friedfertig der Zirkel auch war <strong>–</strong><br />

Drohungen und Angriffe wurden innerhalb des Einflussbereiches nicht<br />

geduldet. Wer es trotzdem wagte, wurde entwaffnet und auf die<br />

Unsanfteste aller Arten aus der Siedlung herausgeworfen <strong>–</strong> blaue<br />

Flecken, ausgeschlagene Zähne und gebrochene Nase inklusive.<br />

Anstatt sich noch weiter über derlei Dosenfutter Gedanken zu<br />

machen, brachen die vier schließlich in Richtung Westen auf. Vielleicht<br />

wussten die Trolle hier ja etwas.<br />

„Steh auf! Wir gehen los!“ schnaubte die Taurin, sich erhebend und<br />

dabei ihre Rüstung wieder vollends anlegend. Nur ihren Helm setzte sie<br />

noch nicht auf, ließ ihn unter ihrem rechten Arm gesteckt und<br />

beobachtete dann den Magier, wie er sich auf die Beine stemmte.<br />

<strong>Die</strong>ser Untote würde langsam sein <strong>–</strong> langsamer, als sie es gewohnt war.<br />

Nicht einmal ein halber Tag war vergangen, seit sie ihn aus den<br />

Fängen dieser Dämonen befreit und damit vor dem sicheren,<br />

qualvollen Tod bewahrt hatte, und schon ging er ihr auf die Nerven. Er<br />

würde sie aufhalten, sie ausbremsen und damit zu einer<br />

hervorragenden Beute für allerhand Gesindel der Legion machen. Bis<br />

- 216 -


Area 52 waren es so schon zwei Tagesmärsche <strong>–</strong> mit einem<br />

langsamen, schwachen Magier an ihrer Seite würden daraus sicher<br />

locker drei oder vier werden.<br />

Sie schnaubte erneut, packte den Untoten dann an einem Arm und<br />

zog ihn so kräftig voran, dass seine Schulter knackte.<br />

„Wieso hast du es so eilig?“ brummte der Magier, dessen Kräfte nicht<br />

einmal ansatzweise zurückgekehrt waren. Noch immer fühlte er sich<br />

matt und wäre am liebsten in eine Gruft geklettert, um dort eine<br />

ganze Woche über zu schlafen. Doch die Taurin gönnte ihm keine<br />

Ruhe, spornte ihn stattdessen an, sich zu bewegen.<br />

„Ich musste eine der Herrinnen des Invasionspunktes erschlagen, um<br />

dich Stück Knochendreck zu retten. Jetzt werden sie hinter uns her<br />

sein. Und weitaus stärker als die letzten. Jetzt beweg dich, sonst werfe<br />

ich dich diesen Kerlen zum Fraß vor.“ knurrte sie, verpasste dem<br />

Untoten einen weiteren Schlag, auf das er sich schneller bewegen<br />

möge.<br />

Bwalkazz stolperte nach vorn, wäre fast gestürzt, fing sie erst in<br />

allerletzter Sekunde. Dann ging er so schnell er konnte. Doch das war<br />

wiederum nicht schnell genug <strong>–</strong> auf einen Schritt der Taurin brauchte<br />

er vier Schritte, um überhaupt mithalten zu können. Schon nach einer<br />

halben Stunde strammen Fußmarsches hatten ihn seine Kräfte so weit<br />

verlassen, dass er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten<br />

konnte.<br />

<strong>Die</strong> Taurin merkte das erst, als sie schon einige Dutzend Schritte von<br />

ihm entfernt war, drehte sich dann um und ging zu ihm zurück.<br />

„Was ist denn jetzt schon wieder?!“ schnaubte sie genervt.<br />

„Ich....kann nicht...weiter. Ich bin....noch zu....schwach.“ seufzte<br />

Bwalkazz atemlos, sank halb auf den Boden.<br />

„Entweder du läufst weiter oder ich lasse dich zurück. Dann kann sich<br />

die Legion mit dir beschäftigen.“ sagte sie unterkühlt, auf den Magier<br />

herab sehend.<br />

„Und wenn....du mich wieder...trägst?“ fragte der Magier, den Blick zu<br />

der schwarzen Taurin hinauf richtend. <strong>Die</strong> starrte ihn daraufhin mit<br />

einem Blick an, der ihm das Herz in der Brust hätte zerspringen lassen,<br />

wenn es denn überhaupt noch schlagen würde. Zu seinem Glück<br />

besaß Bwalkazz sein Herz nicht mehr in seinem Leib, hatte es, wie viele<br />

seiner anderen Organe feinsäuberlich in einem Glas Alkohol in seiner<br />

- 217 -


Gruft zurück gelassen. Brauchen tat er sie schließlich nicht mehr. Doch<br />

auch ohne ein funktionierendes Herz reichte der Blick, um ihm einen<br />

heißen Schauer über den Rücken wandern zu lassen.<br />

„Ich werde dich nicht wieder tragen. Und jetzt beweg dich.“<br />

schnaubte die Taurin erneut, drehte sich dann von ihm weg, um<br />

demonstrativ weiter zu gehen.<br />

„Dein Knie, eh?“ seufzte Bwalkazz hervor.<br />

<strong>Die</strong> Taurin erstarrte in der Bewegung, blickte knapp und mit den<br />

Augenwinkeln über ihre Schultern.<br />

„Du kannst mich....nicht tragen, weil dein rechtes....“ begann Bwalkazz<br />

und spürte kurz darauf, wie ein Streitkolben nur einen halben<br />

Zentimeter vor seiner Nase zum Stehen kam. Der Windzug jedoch traf<br />

ihn, wirbelte die wild umherstehenden Haare durcheinander und<br />

hätte ihm glatt das Herz in die Hose rutschen lassen, wenn er....na<br />

ja....wie eben schon gesagt.<br />

„Sprich den Satz weiter und ich erlöse dich von deinen Qualen. Und<br />

jetzt Bewegung.“<br />

Bwalkazz schluckte. Dann nahm er all seine Kraft zusammen, hielt sich<br />

an dem bereitwillig vor ihm hängenden Streitkolben fest und zog sich<br />

zurück nach oben. Mit dieser Schamanin war nicht zu scherzen. Ein<br />

falsches Wort reichte und sein Schicksal war besiegelt. Und für einen<br />

Augenblick wünschte er sich wieder zurück in die Hände seiner<br />

Häscher. Dort hatte er wenigstens gewusst, woran er gewesen war.<br />

Jetzt jedoch war es gänzlich ungewiss.<br />

- 218 -


Kapitel 37 <strong>–</strong> Von Pilzen und Sporen<br />

<strong>Die</strong> Luft waberte vor lauter Sporen, ein intensiver Geruch von Wasser,<br />

Moder, Schimmel, vielleicht auch Fäulnis schwang umher, benebelte<br />

die Sinne all jener, die sich allein auf ihren Geruchsinn verlassen<br />

wollten. Eines war sicher <strong>–</strong> die Zangarmarschen waren ein Ort, der in<br />

seiner Natürlichkeit kaum zu übertreffen war, ein krasser Gegensatz zur<br />

Höllenfeuerhalbinsel, die sie vorher erst gesehen und daher vermutet<br />

hatten, dass die gesamte Welt so trostlos aussehen würde.<br />

Braunpelz stand etwas abseits des Weges im Schlamm, bückte sich<br />

und begutachtete <strong>eines</strong> der hiesigen Krautgewächse. Mit einer<br />

Vorsicht, die man den großen, behäbig wirkenden Tauren niemals<br />

zugetraut hätte, strich sie mit ihren Fingern über die einzelnen Blätter<br />

der Pflanze. Deutlich fühlte sie die magischen Kräfte in dem Gewächs,<br />

eine Flammengewalt, die nicht erst zum Trank gebraut, sondern direkt<br />

absorbiert werden konnte. Leise murmelte sie einige Worte des Dankes<br />

an den Pilzwald, zog dann eine kleine Sichel hervor und trennte das<br />

Kraut kurz über der Wurzel ab. Noch im Aufrichten steckte sie ihre<br />

Sichel wieder weg, griff in einen ihrer Beutel und ließ ein f<strong>eines</strong> Pulver<br />

auf die nun abgeschnittenen Wurzeln rieseln, auf das sie neue Kraft<br />

erhalten und ihre Blütenpracht ein weiteres Mal wachsen lassen<br />

würden.<br />

Das Kraut in ihrer Hand drehte sie sich um, schritt durch den<br />

morastigen Boden langsam zurück auf den Weg, auf dem die drei<br />

bereits warteten. Ungewöhnlich still waren sie gewesen, während<br />

Braunpelz sich mit ihrem Kraut beschäftigte. Besonders die Trolle<br />

blickten mit einem zufriedenen Lächeln drein, als hätten sie beide<br />

gerade ein Liebesspielchen hinter sich....oder wären gerade noch in<br />

selbiges vertieft.<br />

„Eine Flammenkappe. <strong>Die</strong> sollte für dich gute <strong>Die</strong>nste leisten.“ sagte<br />

Braunpelz, reichte das frisch geschnittene Kraut an den Hexenmeister<br />

weiter, der seinerseits etwas fragend auf die Taurin blickte.<br />

„Und was soll ich damit machen?“ grummelte er mit seiner bekannt<br />

dunklen Stimme.<br />

„Essen.“ war das einzige Wort, das die lächelnde Taurin sagte.<br />

Vadarassar starrte sie an, versuchte in ihrem Lächeln irgendwo den<br />

Scherz zu finden. Doch ihre Augen glänzten mit einer Freundlichkeit<br />

und Verbindlichkeit, dass er nichts dergleichen darin erkennen konnte.<br />

Es war ihr ernst.<br />

- 219 -


Zögerlich zog er den Mundschutz seiner Schädelkappe herunter,<br />

zerknüllte das Kraut in seiner Hand und schob es schließlich in seinen<br />

Mund. Hungrig war er zwar, hätte jetzt am liebsten einen Eberbraten<br />

verputzt, doch stattdessen bekam er nur dieses bitter schmeckende<br />

Kraut, dass in seinem Mund ein kl<strong>eines</strong> Feuerwerk veranstaltete, ehe er<br />

es runterschluckte.<br />

Gerade in diesem Moment hatte er das Gefühl, wie ein Drache Feuer<br />

speien zu müssen, hielt sich schlagartig eine Hand vor den Mund.<br />

Beinahe hätte er sich verbrannt, fühlte er doch mit einem Schlag die<br />

Hitze, die sich seiner Handflächen bemächtigte. Eine flammende<br />

Energie, heiss und aus dem Innersten von ihm stammend, begann in<br />

ihm hoch zu kochen.<br />

Brennen....irgendwas oder irgendwer musste brennen. Nur....ahh....<br />

In diesem Moment sah Vadarassar eine übergroße Mücke, die nur<br />

wenige Schritt von den vieren entfernt entlang flog und sie wohl noch<br />

nicht bemerkt hatte. Hätte sie das, dann wäre sie mit Sicherheit auf sie<br />

zu geflogen, um sie anzugreifen. Eben genau so, wie es die letzten vier<br />

Dutzend von ihrer Art gemacht hatten. Doch diesmal würde er ihr<br />

keine Chance lassen, in die Fußstapfen ihrer Vorgänger zu treten....so<br />

diese Dinger überhaupt irgendwann außer zu ihrem Tod Fußstapfen<br />

ließen.<br />

Innerlich brannte Vadarassar nun, ließ das Feuer noch weiter lodern,<br />

wob einen kräftigen Flammenspruch. Wie in Trance griff er in eine<br />

kleine Kernledertasche, öffnete ihren Verschluß und ließ das gequälte<br />

Flüstern von Dutzenden Stimmen heraus quillen. Blindlings griff er einen<br />

der vielen Splitter, verschloß dann die Tasche und brachte die<br />

Stimmen damit wieder zum Verstummen.<br />

Den Splitter auf der Handfläche liegend wuchs der gewobene Zauber<br />

um den Splitter herum, verschlang diesen gänzlich, nahm ihn in sich<br />

auf. Ein mächtiger Feuerball, zum einen Teil in dieser, der physischen<br />

Welt, zum anderen in der astralen, in der die Seelen daheim waren,<br />

schwebte nun über der Hand des <strong>Hexenmeisters</strong>, die ebenfalls rot<br />

glühte und die Hitze des Feuerballs noch weiter anfachte. Dann flog<br />

der Ball los.<br />

Rasend schnell schoß das flammende Konstrukt aus Seele und Feuer<br />

auf das Insekt zu, ließ eine glimmende Spur unter sich zurück, bis es sein<br />

Ziel traf.<br />

- 220 -


Ein unnatürlicher Schrei entglitt der Riesenmücke, deren Körper von<br />

der Aufschlagstelle aus nach allen Seiten hin von einer<br />

erbarmungslosen Flamme aufgefressen wurde. Der mittlere Bereich<br />

ihres Körpers begann bereits als Asche zu Boden zu rieseln, während<br />

der Kopf noch intakt und unverbrannt ungläubig nach dem Ursprung<br />

dieser unendlichen Schmerzen suchte, dann den Hexenmeister fixierte<br />

und ihn als Attentäter begriff. Dann endlich verschlangen die<br />

Flammen auch den Kopf der Mücke, verwandelten ihn ebenfalls zu<br />

Asche, die langsam hinab in das Wasser rieselte und dort von<br />

Strömung und Wind fort getrieben wurde.<br />

Vadarassar nickte zufrieden und grinste finster.<br />

„Interessant.“ war das einzige Wort, das die Kraft dieses Krautes<br />

beschreiben konnte.<br />

„Barbecue, Mann!“ jubelte Teborasque, noch immer breit grinsend.<br />

Dann griff er nach den Händen seiner älteren Schwester und tanzte<br />

mit ihr Arm in Arm. Sie grinste ebenfalls, stimmte in den Tanz mit ein und<br />

lachte dabei kehlig.<br />

Vadarassar blickte aus den Augenwinkeln zu den beiden, die sich bis<br />

zum Lager die ganze Zeit über gezofft hatten und nun wirkten, als<br />

wären sie kleine Kinder, die feierten. Was war nur mit ihnen....<br />

„<strong>Die</strong> Sporen.“ meinte Braunpelz mit einem Lächeln auf den Lippen.<br />

„Was soll damit sein?“ brummte Vadarassar zurück?<br />

Anstatt es direkt und einfach zu sagen, hob Braunpelz ihre Hand und<br />

deutete auf einen der großen Pilze neben ihnen. Groß war gar kein<br />

Ausdruck <strong>–</strong> es gab in Azeroth nur wenige Bäume (vom Weltenbaum<br />

einmal abgesehen), die sich in Sachen Größe mit diesem<br />

Riesenchampignon hätten messen können.<br />

„<strong>Die</strong> Sporen dieser Pilze dürften ziemlich....nun...berauschend wirken.<br />

Jedenfalls auf einige.“<br />

„Besonders Trolle, was?“<br />

„Ganz genau. Deswegen haben die Trolle sicher auch ihr Lager<br />

inmitten der Pilze aufgeschlagen.“<br />

Vadarassar schüttelte den Kopf, ging dann weiter Richtung Westen.<br />

„<strong>Die</strong>se Dauerjunkies.“ brummte er, dem kleinen Holzplankenpfad<br />

weiter folgend.<br />

- 221 -


Obwohl man über dem Himmel von Nethersturm weder Sonne noch<br />

so etwas wie einen Mond erkennen konnte, wurde es abends merklich<br />

dunkler. Bwalkazz bemerkte dies deutlich, empfand es aber nicht als<br />

störend. Seine Augen waren mit seiner neuen Gestalt als Untoter weit<br />

besser geworden, als sie es zu seinen Lebzeiten jemals gewesen<br />

waren. Dank ihnen sah er, wie alle Untoten, sogar in pechschwarzer<br />

Dunkelheit so gut wie an einem sonnigen Frühlingsmorgen. <strong>Die</strong> Taurin<br />

neben ihm indes hatte schon mehr Probleme mit der Dunkelheit, ließ<br />

sich dies aber kaum anmerken. Bwalkazz bemerkte ihre Kurzsichtigkeit<br />

im Dunkeln erst, als sie schnurstracks auf einen größeren Felsen zu ging,<br />

keine Anstalten machte, um auszuweichen und mit einem Huf glatt<br />

davor knallte. Ärgerliche, nicht jugendfreie Flüche verließen das<br />

Mundwerk der schwarzen Taurin, ehe sie sich einen Weg um den Fels<br />

herum bahnte und so ihren Weg fortsetzte.<br />

„Ich kann uns Licht machen, wenn du dann besser siehst.“ bot<br />

Bwalkazz an, kassierte daraufhin nur ein wütendes Schnauben.<br />

„Red nicht, Knochensack. Das wird gesehen.“ schnaubte sie ihn an.<br />

„Und ein Sichtzauber? Nur eine Formel von mir und du kannst im<br />

Dunkeln so gut sehen wie ich. Es wäre....“<br />

Weiter kam er nicht, denn da hatte ihn schon ein kräftiger Griff am<br />

Kragen gepackt, einen Meter hoch gehoben und sein Gesicht kräftig<br />

vor das Gesicht der schwarzen Taurin gepresst. Ihr Versuch, ihre Augen<br />

böse blitzen zu lassen, scheiterte an der Dunkelheit, die sie fast<br />

verschlang.<br />

„Wag es, mir irgendwas magisches aufs Fell zu drücken und ich mach<br />

dir einen Knoten in deine Arme! Mit Magie will ich nichts zu tun haben.<br />

GAR NICHTS. Verstanden?!“ fuhr sie ihn an, ließ ihn schlagartig wieder<br />

fallen.<br />

„Und so was ist Schamane. Erdmagier <strong>–</strong> Vebundener der magischen<br />

Kräfte von allem Lebenden. Du bist doch selbst von Magie<br />

durchströmt, oder....“ platzte es aus Bwalkazz heraus. Offenbar ein<br />

Fehler, denn erneut konnte er seinen Satz nicht zu Ende bringen,<br />

wurde mittendrin gepackt, diesmal nicht am Kragen, dafür aber direkt<br />

an seinem Genick.<br />

„Ich bin NICHT von Magie durchströmt! Meine Kraft kommt von MIR<br />

und von keinem mystischen Sonstwas, KLAR?“<br />

- 222 -


„Irrrggghhh....“ röchelte Bwalkazz hervor, deutete mit zittrigen Fingern<br />

auf die Totems an ihrem Gürtel. Ihr Blick ging kurz auf selbige, dann<br />

presste sie sein Gesicht wieder kräftig gegen ihres.<br />

„Wenn du nicht willst, das ich dir <strong>eines</strong> nach dem anderen in deinen<br />

verschimmelten Hintern schiebe, dann hältst du den Rand und<br />

behauptest nie wieder, ich würde irgendwie diesen Zauberkrempel<br />

benutzen. Und jetzt beweg dich <strong>–</strong> damit meine ich deine Beine, nicht<br />

dein vorlautes Mundwerk!“ knurrte sie, schleuderte ihn kurzerhand<br />

einige Meter vor sich.<br />

Dankbar, dass hier keine weiteren Felsen, sondern in einiger Entfernung<br />

nur ein kleiner Abhang waren, krachte Bwalkazz auf den erdigen<br />

Boden, spuckte das klebrige Erdreich aus seinem Mund und sah zurück<br />

zu der Taurin, die ihren Weg fortsetzte <strong>–</strong> und geradewegs auf den<br />

Abhang zu.<br />

„Geh nicht weiter, dort ist...“ würgte er zwischen der ganzen Erde<br />

hervor, wurde aber von einem Brüllen unterbrochen.<br />

„Wenn du deine Klappe nicht geschlossen hältst, reiße ich dir deinen<br />

Kiefer komplett ab. Dann darfst du nur noch gurgeln!“ knurrte sie<br />

zurück, ging unbeeindruckt weiter.<br />

Bwalkazz stand auf, wollte gerade zu ihr und sie davon abhalten,<br />

weiter zu laufen, stockte dann aber und blickte kurz den Abhang<br />

runter.<br />

Drei Meter. Und unten keine Felsen. Naja <strong>–</strong> wenn sie meinte. Sonderlich<br />

schwer würde sie sich schon nicht verletzen. Und wenn doch <strong>–</strong> ihr Bier,<br />

nicht seins.<br />

Er hatte diesen Gedanken gerade zu Ende gedacht, als der rechte<br />

Huf der Taurin schon ins Leere trat. Jetzt begriff sie die Warnung des<br />

Magiers, ruderte wild mit den Armen, fand aber ihr Gleichgewicht<br />

nicht zurück und stürzte kurzerhand wie eine Kugel den kleinen<br />

Abhang herunter, um dort laut krachend und polternd liegen zu<br />

bleiben. Bwalkazz indes rutschte seinerseits vorsichtig die Klippe runter<br />

und ging dann auf sie zu.<br />

„Du scheinst die gleiche Vorliebe für Erde zu haben wie ich.“ sagte er,<br />

neben der dort liegenden Taurin stehend und grinsend.<br />

Glücklicherweise konnte sie in dieser Dunkelheit sein Grinsen nicht<br />

sehen <strong>–</strong> sonst hätte sie ihm wohl die letzten schwarzen Zähne aus<br />

- 223 -


seinem schiefen Kiefer in Hofzahnarztmanier entfernt <strong>–</strong> nämlich mit<br />

ihrem Streitkolben.<br />

Sie antwortete nicht, grummelte dafür nur. Ein Blick in ihre Augen<br />

zeigte mehrere entgleiste Gesichtszüge. Nicht unbedingt beruhigend.<br />

Rasch glitt sein Blick über ihren Körper. Sie war dank der schweren<br />

Rüstung gut gepolstert gelandet <strong>–</strong> gebrochen oder irgendwie<br />

aufgeschnitten war nichts. Nur einige blaue Flecken, die man unter<br />

ihrem schwarzen Fell eh nicht sah, würde sie als Erinnerung behalten.<br />

Abgesehen davon waren Tauren ja als unverwüstlich bekannt <strong>–</strong> so ein<br />

kleiner Sturz dürfte ihr also nichts ausgemacht haben. Fordernd stellte<br />

er sich also vor sie und sank auf ein Knie, um ihr in die Augen zu sehen.<br />

Auf seiner Handfläche bildete sich eine kleine Flamme, die ein fahles<br />

Licht über die beiden warf.<br />

„Nicht einschlafen, schwarze. Ich denke wir müssen weiter.“ imitierte<br />

Bwalkazz ihre Stimme und provozierte sie damit. Schlagartig griff eine<br />

Hand nach ihm, quetschte die Handfläche mit der Flamme<br />

kurzerhand aus und ließ die Dunkelheit zurück kehren.<br />

„Das war Absicht von dir. Gib es zu, du Klappergestell.“ grummelte die<br />

schwarze Taurin.<br />

„Ich hatte dich gewarnt, nicht weiter zu gehen. Aber du....“<br />

„Du hast gar nichts.“ fauchte sie, sich langsam aufrichtend. Mühsam<br />

stand sie auf, zuckte dann aber zusammen und sank schlagartig<br />

wieder in eine sitzende Position, ihre Hand von Bwalkazz wegziehend<br />

und schnell auf ihr rechtes Knie drückend. Erneut folgten nicht<br />

jugendfreie Flüche aller Sprachen, ehe sie den Magier mit einem<br />

bösen Blick anstarrte.<br />

„Das ist der Dank von dir, das ich dich aus den Fängen dieser<br />

Drecksdämonen gerettet habe. Du verwestes Stück Altfleisch.“<br />

Bwalkazz zuckte nur mit den Schultern. „Gesegnete der Geister haben<br />

normalerweise heilende Kräfte. Wo ist also dein Problem?“ meinte er<br />

kühl.<br />

Erneut hörte er ein Schnauben, während die Taurin wieder<br />

aufzustehen versuchte. <strong>Die</strong>smal gelang es ihr, auch wenn sie ihren<br />

rechten Huf nicht wirklich auf dem Boden aufsetzte.<br />

- 224 -


„Ich habe es dir schon mal gesagt. Oder ist dein Hirn schon verrottet?<br />

Ich bin NICHT gesegnet.“<br />

„Das kannst du einem Gnom erzählen. Ich habe doch Augen im Kopf<br />

und mein Schädel ist nicht leer.“<br />

<strong>Die</strong> Taurin knurrte, wollte sich den Magier wieder schnappen, um ihn<br />

kräftig durchzuschütteln. Doch dieser befand sich gerade so aus ihrer<br />

Griffweite. Und ihr Knie, das vor Pein brüllte, sie vor jeglicher plötzlichen<br />

Warnung böse warnte, hinderte sie daran, dies rasch genug zu<br />

ändern. Stattdessen hob sie ihre Faust, als wolle sie ihm eine kräftige<br />

Kopfnuss verpassen. Gerade wollte sie wieder grimmig losfluchen, als<br />

sie ein Geräusch hinter sich hörte.<br />

Klingen. Dutzende, hunderte von Klingen.<br />

<strong>Die</strong> Legion. <strong>Die</strong>smal nicht nur zwei oder drei, sondern ein gesamtes<br />

Lager, um die Häscher ihrer Peinigerin zu erlegen, sie damit zu rächen.<br />

„Jetzt sind wir beide dem Tode geweiht. Dank dir, du dreckiges Stück<br />

Altfleisch.“ zischte die Taurin, nun doch auf den Magier zu humpelnd,<br />

der plötzlich ihre Handgelenke ergriff.<br />

„Halt die Klappe und lass mich zur Abwechslung etwas machen.“<br />

- 225 -


Kapitel 38 <strong>–</strong> Im Kifferhimmel<br />

Wut kochte in den Soldaten der Brennenden Legion. Ein feiger Trupp<br />

Attentäter dieser verdammten Außenweltler hatte es gewagt, ihre<br />

Herrin brutal zu ermorden. Zwar würde sie ersetzt werden, wie schon<br />

viele Male vorher, doch die unbändige Wut über die Dreistigkeit und<br />

den schlagartigen Verlust feuerte die Teufelswachen,<br />

Verdammniswachen und Höllenbestien, die den Stoßtrupp bildeten,<br />

an, ihre Klingen tief in die Körper der Feinde zu schlagen. Zorn brannte<br />

in ihnen, ein Zorn, der auf die zwei niedergehen sollte wie der<br />

Schmiedehammer auf ein Stück glühenden Stahl in der<br />

Teufelsschmiede.<br />

Gerade eben hatte eine der am Himmel fliegenden<br />

Verdammniswachen ein Feuer gesehen. Sicher ein Lager, in dem sich<br />

die beiden von ihrem Marsch ausruhen wollten. Das hatte dem Trupp<br />

die Richtung gewiesen und sie neuerlich motiviert. Mit der Gewissheit,<br />

ihrem Ziel näher zu sein, als sie dachten, stürmten sie mit erneuerter<br />

Kraft voran. Endlich, nach einem Tag und sogar zwei Nächten würden<br />

sie ihre Beute bekommen.<br />

Brüllend stürmten die Teufelswachen voran, die Höllenbestien dicht<br />

hinter und die Verdammniswachen über ihnen. Ein kleiner Abhang,<br />

kein Hindernis für die tobenden Massen der Legion. Schnell war der<br />

Abhang genommen und der Ort gefunden, an dem das Feuer<br />

gebrannt haben musste. Tatsächlich fanden sie etwas verkohltes Holz,<br />

jedoch keinen der beiden Attentäter, die ihnen beschrieben worden<br />

waren. An einem kleinen grünen Fleck lagen zwei Schafe im Schatten<br />

<strong>eines</strong> Vorsprungs, der über den Hang ragte. Doch von Außenwäldlern<br />

keine Spur.<br />

„Sie sind sicher in diese Richtung <strong>–</strong> VORWÄRTS!!!“ brüllte eine der<br />

Verdammniswachen finster, feuerte die Meute aus insgesamt fünfzig<br />

Dämonen an, die daraufhin wie eine riesige, unkontrollierte Welle<br />

voran preschte. Das Schauspiel der wutentbrannt vorbei rasenden<br />

Dämonen dauerte nur zwei Minuten, dann hörte die Erde auf zu<br />

beben und sie verschwanden hinter einem weiteren Abhang, um<br />

weitere fünf Minuten später gänzlich der Ruhe der Nacht zu weichen.<br />

Mit einem plötzlichen Ploppen löste sich <strong>eines</strong> der Schafe in eine<br />

Rauchwolke auf, aus der Bwalkazz schritt. Ein zufriedenes Grinsen lag<br />

auf seinen verschrumpelten Lippen, ließ den schief hängenden Kiefer<br />

noch etwas krummer als sonst wirken.<br />

- 226 -


„Es hat funktioniert. Sogar besser, als ich gedacht hätte.“ sagte er zu<br />

dem anderen Schaf, das sich in diesem Moment ebenfalls in eine<br />

Rauchwolke verwandelte, aus der kurz darauf schwarzes Fell und<br />

damit die Taurin auftauchte. Eine Hand schoß aus der Wolke und<br />

packte ihn am Kragen, zog ihn an die Schamanin heran, die nur auf<br />

einem Bein stand, das rechte Bein leicht angewinkelt knapp über dem<br />

Boden hielt.<br />

„Wenn du das noch EINMAL machst, dann verwandle ich dich auch in<br />

etwas. Und dann unwiderruflich.“ knurrte sie ihn an.<br />

Bwalkazz löste sich mit ungewohnter Leichtigkeit aus ihrem Griff, ging<br />

einen Schritt zurück und strich seine gänzlich zerrissene, verdreckte und<br />

von Löchern durchzogene Robe glatt.<br />

„Als Schaf hast du mir besser gefallen.“ meinte er mit einem leichten<br />

Grinsen, ging dann an ihre rechte Seite und stellte sich neben ihr<br />

lädiertes Knie. „Und jetzt halt mal still.“<br />

<strong>Die</strong> Taurin beäugte ihn genau, wollte gerade wieder nach ihm greifen,<br />

als vor ihr schon Sterne vor lauter Schmerzen explodierten. <strong>Die</strong> Hände<br />

des Magiers hatten ihr Knie gepackt und drückten so kräftig zu, dass<br />

sie meinte, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. Wie durch<br />

Watte gefiltert hörte sie die Stimme des Magiers, der sie zu beruhigen<br />

versuchte, um so offenbar seine eigene, verschrumpelte Haut zu<br />

retten.<br />

Dann verschwanden die Schmerzen mit einem Mal und ihr Blick wurde<br />

wieder klar. Sie wartete keine Sekunde, griff den Magier und packte<br />

ihn am Genick, um ihn kurzerhand vor sich zu heben und halb zu<br />

erwürgen.<br />

„Was sollte der Mist?“ knurrte sie ihn an, ging unbewusst einige Schritte<br />

nach vorn. Erst dann bemerkte sie es <strong>–</strong> ihr Bein trug ihr Gewicht, ohne<br />

sonderlich große Schmerzen zu verursachen.<br />

Ein Trick. Eindeutig. Sicher hatte dieser Kerl sie irgendwie betäubt oder<br />

sonst was gemacht. Dafür waren die Untoten ja bekannt. Vielleicht<br />

würde sie jetzt innerlich aufgefressen. Noch immer voller Misstrauen<br />

hob sie ihn noch ein weiteres Stück höher. „Jetzt rede schon!“<br />

schnaubte sie wieder.<br />

„Dsss grrrt schlllllchhhhh....“ würgte der Magier hervor, unfähig, ein<br />

Wort durch ihren festen Griff hindurch zu würgen. In solchen<br />

Momenten dankte er den Schöpfern dieser Pest, die ihn infiziert hatte,<br />

dass er nicht mehr zu atmen brauchte. Ansonsten wäre er sicher nun<br />

- 227 -


schon zum dritten oder vierten Mal von dieser schwarzen Taurin<br />

erdrosselt worden. So hinterließen ihre Strangulierungsversuche nur<br />

hässliche Spuren auf seinem Hals, jedoch nicht viel mehr.<br />

Endlich bemerkte sie, dass sie ihren Griff vielleicht erst lockern sollte,<br />

um eine Antwort zu erhalten. Kaum hatte sie diesen Gedanken zu<br />

Ende gedacht, tat sie es auch schon, woraufhin der Magier auch eine<br />

verständliche Antwort lieferte.<br />

„Magie...stoff...bandage. Hilft....etwas....“ würgte er hervor, wurde<br />

dann schlagartig auf den Boden fallen gelassen. Das unangenehme<br />

Gefühl einer weiteren Würgemarke um seinen Hals bildete sich und<br />

wieder wurde seine Robe um eine Schmutzflecken bereichert.<br />

Bwalkazz seufzte finster.<br />

„Reicht dir das jetzt langsam oder willst du mir vorher noch komplett<br />

den Kopf abreißen?“ brummte er, seinen Hals mit seinen knochigen<br />

Fingern abtastend. Glücklicherweise hielt sein Hals noch <strong>–</strong> seinen Kopf<br />

würde er also so schnell nicht verlieren. Wäre ja schließlich ein nicht zu<br />

verkennender Schönheitsmakel gewesen.<br />

Anstatt noch ein Wort zu sagen hob die Taurin nur die Nase und ging<br />

leicht humpelnd weiter gen Süden. Das sie in der Dunkelheit mit einem<br />

Male deutlich besser sehen konnte irritierte sie zwar, doch kümmerte<br />

sie das nicht weiter. Der Magier war nun vorerst genug gewürgt<br />

worden für diese Nacht. Wenn er wirklich drauf bestand, dann würde<br />

sie eben morgen weitermachen. So beließ sie es bei einem genervten<br />

Grummeln, machte sich auf, Area 52 zu finden.<br />

„Krasses Ding, Mann. Nur wieso verfolgt es uns?“ fragte Teborasque<br />

mitten im Rennen, sah zu seiner Schwester, die neben ihm her lief.<br />

„Wenn ich das mal wüsste, Mann. Hab es doch gar nich beklaut. Das<br />

hat ja nichma Taschen!“ entrüstete sie sich, ihrerseits ebenfalls<br />

rennend. Hinter den beiden Trollen und mit etwas Abstand rannten<br />

auch Braunpelz und mit noch etwas größerem Abstand auch<br />

Vadarassar wie von einer dieser Riesenmücken gestochen über den<br />

hölzernen Weg. Dicht hinter ihnen fauchte und knurrte eine Gestalt,<br />

die sie allerhöchstens einmal in einem Buch gesehen haben könnten.<br />

Drei spindeldürre Beine, deren blattförmige Füße sogar über die<br />

Wasseroberfläche laufen konnten, gefolgt von zwei Tentakeln, die nur<br />

zu gern nach Beute langen wollten und ein großer, hutförmiger Kopf,<br />

an dessen Seiten giftig gelbe Augen die vier fokussierten und als Beute<br />

- 228 -


identifiziert hatten. Ein Fennschreiter...und dieses Vieh war ganz und<br />

gar nicht gut drauf.<br />

„Friss mir meine Robe an und ich zünd dich an, du....Mistvieh.“ japste<br />

Vadarassar, seine Beine schon nicht mehr spürend. Sicher <strong>–</strong> ein paar<br />

Zauber oder Flüche hätten dem Ding den Gar ausmachen können.<br />

Doch was wenn nicht? Und abgesehen davon: Bis er den ersten<br />

Zauber beendet hatte, wäre er sicher schon mit seinem Oberkörper im<br />

Magen dieses riesigen Dinges gelandet. Naja, vielleicht hätte<br />

Braunpelz mit ihrer bärigen Erscheinung etwas daran ändern können,<br />

doch die rannte vor ihm her und stieß mit jedem Schritt ein lautes<br />

„Igittigittigitt!“ aus, floh wohl eher aus Ekel denn Angst vor diesem<br />

riesigen Monstrum.<br />

Erst als sie die Wachposten von Zabra’Jin passierten, verminderten sie<br />

ihr Tempo ein wenig. Dennoch liefen sie weiter, stürmten bis in das<br />

Gasthaus hinein und kippten dort, einer nach dem anderen, auf dem<br />

Teppich kurzerhand um, sackten müde und gänzlich erledigt<br />

zusammen.<br />

„Willkommen, Mann. Wieso so verspannt? Macht euch doch locker,<br />

Mann. Is doch alles nicht so schlimm.“ beruhigte sie der Trollgastwirt,<br />

lächelte die Vier freundlich an. Und tatsächlich hörten die Vier, wie<br />

draußen eine ganze Bande von Wachen sich um diesen<br />

wildgewordenen Fennschreiter kümmerte und ihn feinsäuberlich<br />

filettierte. Heute Abend würde es Schreitereintopf geben <strong>–</strong> eine<br />

Vorstellung, die Vadarassar schon jetzt den Magen herumdrehte. Er<br />

war es auch, der sich zuerst wieder aufrappelte. Was wohl auch damit<br />

zu tun hatte, dass er auf dem Körperstapel, den sie auf dem Boden<br />

gebildet hatten, ganz oben lag. Mit einem mühevoll finsteren Blick sah<br />

er den bis über beide Ohren grinsenden Trollgastwirt an, der einen<br />

großen Pilz hinter seinem Rücken hervor holte, einige der Sporen<br />

herauspflückte und in eine Pfeife stopfte.<br />

„Wir...suchen einen Freund von uns. Einen Untoten.“ groll der<br />

Hexenmeister den Gastwirt an, der es sich nicht nehmen ließ, sich<br />

seine Pfeife anzuzünden und zuerst schöne blaurote Rauchwolken in<br />

Richtung der Gruppe zu pusten. Dann wurde, obwohl Vadarassar es<br />

nicht hätte für möglich halten können, das Grinsen des Trolls noch<br />

breiter.<br />

„Hier fliegt viel rum, Mann. Tauren, Trolle, Orcs <strong>–</strong> manchmal sogar<br />

Gnome. Sogar nen Untoter, ja.“ stammelte der Troll mit einem Blick,<br />

der nicht zu beschreiben war. „Wenn ihr genaueres wissen wollt, müsst<br />

- 229 -


ihr zur krassen Stadt, Mann. Südöstlich, in den Wäldern von Terrokar.<br />

Hab hier nen Schreiben und ne Karte, Mann. Müsst ihr da hin bringen.“<br />

Vadarassar starrte den Gastwirt verklärt an.<br />

Wieder da raus? Wieder durch diese Marschen? Wieder an so einem<br />

Schreiter vorbei? Hatte der Troll da sein ganzes Hirn zu Sporen gekifft?<br />

„Du willst uns sagen wir sollen noch einmal quer durch diesen Sumpf<br />

rennen?“ groll er, ignorierte die beiden Trolle unter sich, die den Rauch<br />

des Gastwirtes genüsslich einsogen und deren Blicke sich immer mehr<br />

dem des Gastwirtes anzunähern begannen.<br />

„Nee, Mann. Fragt draußen meinen Kollegen, Mann. Der gibt euch<br />

Windreiter. <strong>Die</strong> bringen euch in die total krasse Stadt, Mann. Geht wie<br />

im Flug, richtig angenehm, Mann.“ säuselte der Troll, erneut an seiner<br />

Pfeife ziehend.<br />

Vadarassar verdrehte die Augen, half dann Braunpelz auf und riß dem<br />

Gastwirt das Schreiben aus der Hand, das er locker zwischen zwei<br />

Fingern in der Luft hielt und es wie ein Taschentuch zum Abschied<br />

wedelte.<br />

„Dann kommt <strong>–</strong> gehen wir.“ groll der Orc, wandte sich zum Ausgang<br />

und war schon auf halbem Weg, als er sah, wie Braunpelz recht hilflos<br />

auf Tebo und Barra deutete, die sich zwar aufgerappelt hatten, nun<br />

aber neben dem Gastwirt standen und im Wechsel an der<br />

Pilzsporenpfeife zogen.<br />

Ein Grummeln, das selbst einem Kernhund Angst gemacht hätte, groll<br />

durch die Magengegend von Vadarassar, als er langsam auf die<br />

beiden Trolle zu schritt, jeden mit zwei spitzen Fingern an jeweils einem<br />

Ohr packte und sie, begleitet von zwei schrillen Schreien, an ihren<br />

langen Ohrläppchen nach draußen zum Windreiter zerrte. Dort<br />

angekommen zeigte er nur kurz das Schreiben, lockerte dann selbst<br />

die beiden Windreiter, da der Troll, der das eigentlich hätte machen<br />

sollen, nur auf seinem Hintern saß und sich ebenfalls mit einer Pilzpfeife<br />

vergnügte.<br />

Vier Ohrfeigen und Kopfnüsse später saßen Barra und Tebo mit blauen<br />

Augen auf einem Windreiter, Braunpelz und Vadarassar auf dem<br />

anderen und hoben in Richtung der Wälder von Terrokar ab.<br />

„Trolle....“ groll der Hexenmeister böse und genervt.<br />

- 230 -


Kapitel 39 <strong>–</strong> Waffenstillstand<br />

Erneut kam eine Nacht und ging diese auch wieder, ehe endlich die<br />

Lichter einer mehr als übertechnisierten Stadt am Horizont<br />

auftauchten. Zufrieden nickte die schwarze Taurin, die weder sich<br />

noch ihrem untoten Begleiter in den letzten Tagen eine Rast gegönnt<br />

hatte. Zum Glück für beide war die Brennende Legion nicht wieder<br />

aufgetaucht. Wahrscheinlich rannten die gerade irgendwo in einem<br />

anderen Lager hinter ein paar Rochen her, wunderten sich, wo die<br />

beiden Attentäter nur stecken konnten. Und mit etwas Glück<br />

erwischten sie vielleicht den einen oder anderen Zwergenjäger auf<br />

ihrer wahnwitzigen Suche nach einem Unschuldigen. War aber auch<br />

egal <strong>–</strong> Hauptsache sie würden endlich in Sicherheit ankommen und<br />

könnten dann im Gasthaus etwas Ruhe finden.<br />

„Sag mir nicht, dass das dort diese Area 52 ist.“ brummte Bwalkazz, die<br />

Stadt musternd.<br />

„Genau das ist sie. Wieso? Entspricht sie nicht deinen Erwartungen an<br />

einen Misthaufen?“ brummte die Taurin ihren untoten Begleiter an. Der<br />

ließ sich durch die abfällige Bemerkung nicht persönlich angreifen,<br />

brummte selbst nur etwas.<br />

„Nun, es sieht aus wie aus dem Albtraum von Teborasque. Könnte<br />

aber auch von einem durchgeknallten Schriftsteller stammen, der<br />

verzweifelt versucht hat, irgendwie witzig zu sein.“<br />

„War bestimmt dein Schwager.“ brummte die Taurin, ging dann weiter<br />

und auf das eine Tor der Stadt zu. Zwei Goblins in schwarzen Anzügen<br />

und dicken, schwarzen Sonnenbrillen auf der Nase starrten die beiden<br />

Besucher an. Abschätzend musterten sie zuerst die schwarze Taurin,<br />

dann den Untoten, der nach dem langen Marsch noch viel toter als<br />

üblich aussah. Ein helles Blitzen erleuchtete die Umgebung um die<br />

beiden herum und im nächsten Moment fragten sie sich, wie sie denn<br />

die letzten Meter hier in diese Stadt gekommen waren.<br />

„Dort drüben ist das Gasthaus. Da können wir uns ausruhen. Und für<br />

dich haben sie sicher auch irgendwo einen dreckigen Putzeimer,<br />

damit du dich drin ausruhen kannst.“ schnaubte die Taurin, ging<br />

voran.<br />

„Ich hoffe sie haben auch Stroh dort.“ sagte Bwalkazz monoton.<br />

„Wieso sollten sie es haben? Musst du etwa?“<br />

- 231 -


„Nein, aber du siehst hungrig aus.“ meinte Bwalkazz grinsend.<br />

Der Windreiter war mitten in der Nacht gelandet und hatte die<br />

Reisenden auf einer kleinen Anhöhe abgesetzt, auf der sie sich gut<br />

hatten ausruhen können. Doch viel zu früh war es für sie hell<br />

geworden, wurden sie durch das damit entstehende Treiben in der<br />

Stadt aufgeweckt und sahen sich nun verwundert um.<br />

Eine Stadt <strong>–</strong> eine richtige, große Stadt, die nicht, wie die Siedlungen,<br />

die sie bisher gesehen hatten, überhastet aufgebaut worden war.<br />

Außerdem liefen Menschen zwischen Tauren, Draenei zwischen<br />

Blutelfen, Orcs zwischen Gnomen und merkwürdige<br />

Lichtabsonderlichkeiten zwischen riesigen humanoiden Vogelviechern<br />

umher. War das jetzt ein Traum? Hatten die Sporen schließlich auch<br />

noch die Hirne von Vadarassar und Braunpelz aufgeweicht?<br />

Ein lautes Stöhnen riss die beiden aus ihren Gedanken, ließ die Blicke<br />

auf die beiden Trolle wandern, die sich nur mit Mühe aufrafften und<br />

sich die Köpfe hielten.<br />

„Oooooh....Mein Schädel. Was....war das denn für ein Kraut, Mann.“<br />

ächzte Teborasque leise, sich eine Hand auf die Stirn drückend.<br />

„Ich habe keine Ahnung. Aber...ich habe einen Kater....wie von dem<br />

letzten Geburtstag von Maggo’ba.“ seufzte Barra, ebenfalls eine Hand<br />

auf ihre Stirn pressend.<br />

„Seid ihr beide jetzt wenigstens wieder normal?“ fragte Vadarassar<br />

grummelnd. <strong>Die</strong> Trolle antworteten nicht, seufzten nur etwas von<br />

wegen ‚nicht so laut’.<br />

Keine Antwort auf eine Frage...nagut, vielleicht hatten sie ihn nicht<br />

verstanden. Also raffte sich Vadarassar auf, stellte sich zwischen die<br />

beiden Trolle und legte seine Hände auf ihre Schultern, zog sie ein<br />

wenig an sich heran.<br />

„Ich habe gefragt, OB IHR WIEDER NORMAL SEID!?“ brüllte er mit<br />

einem Schlag, ließ die beiden Trolle spitze Schmerzensschreie, gefolgt<br />

von leidlichen „Jaja...auuuuu...“ ausstoßen. Dann sanken sie wieder<br />

auf ihre Betten und ließen einen breit grinsenden Hexenmeister zurück.<br />

„Das war jetzt aber wirklich nicht nett.“ meinte Braunpelz, den<br />

Orchexer tadelnd ansehend. Doch der grinste nur.<br />

- 232 -


„Ich weiß.“ sagte er genüsslich langsam und ließ sein Grinsen noch<br />

etwas breiter werden. Braunpelz blickte erstaunt drein, doch nicht auf<br />

ihn, sondern auf etwas, das hintern ihm war. Zuerst realisierte der<br />

Hexenmeister es nicht, dann drehte er sich aber um und sah eine<br />

kleine Gestalt in der Tür stehen.<br />

„Ein durchaus nicht respektables Benehmen für einen Angehörigen<br />

der Horde. Unser Kodex gebietet es, einander zu helfen und uns zu<br />

unterstützen, nicht auf diese Weise rechthaberisch oder gar boshaft zu<br />

sein.“ tadelte eine ernste Stimme, deren Ursprung zweifellos jene Figur<br />

dort war. Doch wer, das konnte man durch das helle Licht hinter ihr<br />

nicht wirklich aus machen. Nur das es eine Sie war <strong>–</strong> das hatte man<br />

anhand der sehr femininen, orcischen Stimme erkennen können.<br />

„Wer bist du denn? Meine Mutter oder wieso willst du mir Vorschriften<br />

machen?“ blaffte Vadarassar zurück. Das nun nötigte die Orcdame,<br />

zwei Schritte in das Gasthaus zu machen und sich so zu zeigen.<br />

Deutlich erkannte man die gut geschliffene, von reichlich Leder und<br />

Verzierungen gesäumte schwere Rüstung, sah man einen Streitkolben<br />

am Gurt hängen, ein Schild auf den Rücken geschnallt und zahlreiche<br />

Totems an eine Lederschlaufe unter der Schulter hängen.<br />

<strong>Die</strong> Orcschamanin, die sie offensichtlich war, machte eine<br />

Verbeugung.<br />

„Gestatten, Sophilia, Adeptus Primus des Thrall, Gesegnete der<br />

Erdenmutter, <strong>Die</strong>nerin der Elemente und Herold der Horde. Ich komme<br />

auf Geheiß unseres Kriegshäuptlings in diese Lande, um den Umstand<br />

<strong>eines</strong> verschwundenen Magisters der Verlassenen aufzudecken, ihn<br />

wieder nach Hause zu bringen <strong>–</strong> sei er lebendig oder, mögen die<br />

Geister mir diese Annahme verzeihen, schon verstorben. Wie ich von<br />

einigen Wachposten des Stützpunktes in Thrallmar erfuhr ist euer Ziel<br />

auch das Meine. Daher habe ich euch aufgesucht, in der Annahme,<br />

ehrenhafte, loyale Anhänger vorzufinden. Stattdessen sehe ich mich<br />

mit einem sadistischen Orchexenmeister und zwei mit sich selbst<br />

beschäftigten Trollen konfrontiert.“<br />

Vadarassar verschränkte die Arme vor der Brust. Ein Herold der Horde <strong>–</strong><br />

auch das noch. Er hatte zwar von ihnen gehört, wusste nur zu gut, dass<br />

sie die volle Befehlsgewalt des Kriegshäuptlings inne hielten, doch<br />

wieso war es ausgerechnet eine Artgenossin von ihm, wieso war sie<br />

hier und wieso in Dreiteufelsnamen stand sie jetzt hier vor ihm und hielt<br />

ihm eine Rede, als wäre er noch ein kleiner Akolyt, der sich nicht<br />

einmal allein die Stiefel zubinden konnte? Gab es da unten wirklich<br />

- 233 -


jemanden, der ihn so sehr hasste, ihm gerade jene scheinheilige Tuse<br />

aufs Auge drücken zu müssen?<br />

„Weshalb sollte sich der Kriegshäuptling ausgerechnet um jenen<br />

Magister sorgen? Es verschwinden und fallen mehr als genug<br />

Angehörige der Horde <strong>–</strong> seien es Orcs, Trolle, Untote oder sonst wer.“<br />

„Das ist korrekt.“ sagte die Orcschamanin, ging derweil auf die beiden<br />

Trolle zu und berührte beide mit ihrem rechten Zeigefinger, woraufhin<br />

die Kopfschmerzen schlagartig verschwanden und sie ohne weiteres<br />

Gejammere aufstehen konnten.<br />

„Jedoch ist es mehr als ungewöhnlich, wenn ein Magister, der von<br />

Lady Sylvanas geachtet wird, urplötzlich aus Orgrimmar verschwindet<br />

und angeblich in einem Land auftauchen soll, dass sich hinter einem<br />

Portal befindet, welches bereits vor vielen Jahren als versiegelt galt.<br />

Das Bild, das die Verlassenen von den Orcs und der übrigen Horde<br />

hierdurch erhalten könnten, ist nicht im Sinne des Kriegshäuptlings.<br />

Daher habe ich als oberste Pflicht die Wiederauffindung des Magisters<br />

zum Auftrag <strong>–</strong> im Namen der Allianz zwischen Untoten und Horde und<br />

dem Frieden zwischen uns. Ansonsten wäre selbiger durchaus<br />

gefährdet.“<br />

„So viel Ärger. Nur wegen einem Magier. Wenn er doch nur wüsste,<br />

wie prominent er mit einem Mal ist. Er würde glatt seinen Unterkiefer<br />

verlieren.“ witzelte Vadarassar, in den Augen der Heroldin jedoch<br />

keinen Anflug von Humor lesend.<br />

„Hast du wenigstens einen Anhaltspunkt, wo man ihn finden könnte?“<br />

brummte der Hexenmeister.<br />

<strong>Die</strong> Schamanin nickte. „In der Tat haben meine Ermittlungen bereits<br />

einige Früchte getragen. Nachdem ich hier in Shattrath mit mehreren<br />

Draeneipatroullien gesprochen habe, erhielt ich Hinweise auf das<br />

Schattenmondtal, den Schergrad oder die magischen Wirbel in<br />

Nethersturm. Jedoch ist das Gebiet viel zu groß, als das man es zu<br />

zweit hätte absuchen können.“<br />

Vadarassar hob eine Braue. „Zu zweit? Wer ist denn noch bei dir?“<br />

Tief in seinem Innersten betete Vadarassar zur ewigen Dunkelheit, dass<br />

ihm nicht noch so eine Tussi vor die Nase gesetzt wurde. Doch das war<br />

scheinbar gar nicht der Fall, denn die Orcschamanin drehte sich um,<br />

pfiff einmal schrill und ging dann in die Hocke.<br />

Ein Gepard schoß um die Ecke, erst auf die Schamanin zu, stockte<br />

dann mitten in der Bewegung und sprang stattdessen Teborasque an.<br />

Der war, gerade noch im Aufstehen begriffen, durch die Rückkehr<br />

s<strong>eines</strong> felligen Freundes derart überrascht, dass er den plötzlichen<br />

- 234 -


Ansturm mit einem Sturz auf den Rücken verband. Überglücklich,<br />

endlich seinen alten Freund an seiner Seite zu haben, gab er seinem<br />

Begleiter eine kräftige Umarmung, strich durch das getupfte Fell.<br />

„Jenes Tier war von Dämonen vor dem Portal, das mich in diese Welt<br />

führte, niedergestreckt worden. Seine Wunden waren tief, jedoch<br />

nicht unheilbar. Er bestand darauf, mich zu begleiten. Offensichtlich,<br />

weil er seinen Herrn hier vermutet hatte.“<br />

Er war gerade erst von seinem langen Flug nach Nethersturm zurück<br />

gekehrt, hatte seinen Drachen in den Verschlag gebracht,<br />

festgebunden und ihm die nötigsten Vorräte zukommen lassen, damit<br />

sein Flugtier sich für den nächsten Auftrag stärken konnte. Erst dann<br />

beschloß der Draenei, sich selbst auch eine Pause zu gönnen, betrat<br />

die Ruheräume der Garde und.....<br />

„Mal’thor. Geh keinen Schritt weiter.“ groll eine Stimme hinter ihm. Eine<br />

Stimme, die der Draenei nur zu gut kannte.<br />

So langsam und dennoch geschmeidig, wie es sein massiger Körper<br />

zuließ, drehte er sich um, blickte in das finstere Gesicht s<strong>eines</strong> Herrn.<br />

„Ihr wünscht, Mylord?“ fragte er, gemeinsam mit der Frage auf ein<br />

Knie sinkend.<br />

„Der Gefangene. Hast du sichergestellt, dass er von den Dämonen der<br />

Legion zerfetzt wurde?“ fragte die Stimme mit einer Strenge, die dem<br />

<strong>Die</strong>ner die Antwort schon vorweg nahm.<br />

„Mylord, ich habe ihn im nördlichsten Lager zwischen die Dämonen<br />

geworfen. Für ihn würde keine Rettung mehr bestehen. So seine<br />

<strong>Geschichte</strong> auch nur ansatzweise stimmen sollte, wird er sicher schon<br />

seit zwei Tagen....“<br />

„Schweig still!“ brüllte der riesige Dämon, der einstmals der hagere<br />

Dämonenjäger gewesen war. „Du hast nichts getan. Der Untote<br />

wurde aus seiner Umklammerung gerettet und lebt!“<br />

„Das....ist unmöglich, Mylord. Ich habe mein bestes getan, damit er....“<br />

versuchte sich der <strong>Die</strong>ner zu verteidigen. Doch der finstere Blick s<strong>eines</strong><br />

Herrn hatte ihn schon gepackt.<br />

„Du hast versagt! Und ich dulde keine Versager unter meiner<br />

Gefolgschaft.“ groll Illidan, mit einem Finger auf die Dämonenklinge<br />

- 235 -


an Mal’thors Gurt deutend. Wie von Geisterhand erhob sich das<br />

Schwert aus der Scheide des Draenei und schwebte vor seinem<br />

einstmaligen Besitzer.<br />

„Bitte...Mylord....gebt mir doch noch eine Chance, meinen Fehler<br />

gutzumachen. Ich wer....“ versuchte der Draenei um sein Leben zu<br />

betteln, doch mit nur einer Fingerbewegung des Dämonenjägers<br />

sauste das Schwert einmal im Kreis, schlug den Kopf des Versagers mit<br />

einer Leichtigkeit von den Schultern, als wäre er nur locker aufgesetzt<br />

gewesen. Blankes Entsetzen stand noch auf der Mine des Draenei, der<br />

mit weit aufgerissenen Augen und einem Mund, der das Wort noch zu<br />

Ende formulieren versuchte, den eigenen Tod nicht fassen konnte. Der<br />

Körper jedoch sackte kraftlos in sich zusammen.<br />

„Ich gebe niemandem eine zweite Chance, noch einmal zu versagen.<br />

Rakh’Gor!“ brüllte der Dämon.<br />

Ein anderer Dämon, gerade einmal halb so groß wie Illidan, jedoch<br />

deutlich größer als ein Draenei, trat aus einer Ecke.<br />

„Ihr habt mich gerufen, Mylord?“ antwortete der Dämon, sich mit<br />

diesen Worten so tief verbeugend, dass seine Hörner den Boden<br />

berührten.<br />

„Schaff die Sauerei hier weg. Und dann kümmere dich um den<br />

Untoten. Töte ihn und jeden, mit dem er Kontakt hatte. Das Letzte, was<br />

ich gebrauchen kann, sind neugierige Hordler, die mich und meine<br />

Pläne stören. Und wehe dir du versagst. Dann wird es dir ähnlich<br />

ergehen. Hast du mich verstanden?“<br />

„Na....natürlich, Mylord.“<br />

Einige Stunden später standen schon eine große, leere Schale Früchte,<br />

vier Krüge Mondbeerensaft, ein halbvoller Kelch Wein und jede<br />

Menge Essensreste vor der schwarzen Taurin und Bwalkazz. Jetzt, da<br />

sie hier in der Gaststätte nicht mehr behelligt wurden, verschwanden<br />

die Zweifel an dem Magier so langsam und die <strong>Geschichte</strong>, die er ihr<br />

erzählt hatte <strong>–</strong> von einem riesigen Dämon, von Drachen, Draenei und<br />

einem riesigen Tempel im Süden faszinierten die grimmige Taurin nun<br />

doch. Vor allem die <strong>Geschichte</strong> um die Drachen interessierte sie<br />

zusehends. Interessanterweise fiel bei der gesamten Unterhaltung kein<br />

einziges Mal irgendein grimmiges Wort ihrerseits <strong>–</strong> so gut wie gar keins,<br />

um genau zu sein.<br />

- 236 -


Erst als Bwalkazz geendet hatte und noch einen Schluck aus dem<br />

Weinkelch nahm, nickte sie ihm zu. Ein gewisses Vertrauen war nun<br />

gebildet, die Gewissheit, dass er ihr nicht ohne weiteres ein Messer in<br />

den Rücken rammen würde <strong>–</strong> obwohl sie Untote noch immer<br />

abstoßend und ekelhaft fand.<br />

„Du suchst nun also deine Freunde, um wieder nach Hause zu<br />

kommen. Das klingt ja herzzerreißend. Da will man ja gleich losheulen.“<br />

spottete sie etwas, brummte nur, während sie sich ein Stück Brot<br />

angelte.<br />

„Genau das will ich versuchen, schwarze Taurin.“<br />

„Tayury. Nenn mich Tay <strong>–</strong> und nicht anders. Verstanden?“<br />

Bwalkazz nickte. Nun gut <strong>–</strong> wenn sie es wollte. Dann eben ab jetzt Tay.<br />

- 237 -


Kapitel 40 <strong>–</strong> Der ferne Donner ganz nahe<br />

Hinter ihnen wurde die gewaltige Stadt, die ein so imposantes<br />

Leuchten emittierte, dass man sich schon an eine Versammlung der<br />

vereinigten Paladine erinnert fühlte, und wurde langsam immer kleiner.<br />

Shattrath war jener Ort, den sie in den letzten Stunden als sicheren<br />

Hain empfunden hatten. Es gab frisch zubereitete Speisen und man<br />

sah Kreaturen, die einem sonst nur einen eiskalten Schauer über den<br />

Rücken gejagt hätten.<br />

Doch nun wurde die Stadt kleiner, während Braunpelz und Vadarassar<br />

der Straße gen Osten folgten.<br />

„Warum gehen wir eigentlich hier entlang?“ hatte Braunpelz gefragt<br />

und von Vadarassar bisher keine Antwort erhalten. Stattdessen war er<br />

vor gegangen und blickte sich nach möglichen Wegweisern um.<br />

„Jetzt verrat mir schon <strong>–</strong> wieso?“ beharrte die Taurendame auf ihrer<br />

Frage, griff dabei nach der Schulter des <strong>Hexenmeisters</strong>. <strong>Die</strong>ser sah sie<br />

nun schließlich doch an und antwortete ihr.<br />

„Wie uns diese....Schamanin....beschrieben hat, sollen wir uns<br />

aufteilen, um den Spuren zu folgen. <strong>Die</strong> Trolle haben mir den letzten<br />

Nerv geraubt und ich würde eher in siedender Lava baden, als<br />

freiwillig auch nur einen Meter mit IHR diesen Weg hier entlang zu<br />

gehen. Außerdem vertraut sie dir <strong>–</strong> ebenso wie ich.“ erklärte sich der<br />

Hexenmeister, drehte sich dann wieder zu dem Weg und sah kurz<br />

darauf einen anderen Tauren. Doch sein Blick war...verfinstert. Es war,<br />

als habe sich der große Schatten über diesen gesenkt, während seine<br />

Blicke auf ein Bauwerk der Nachtelfen gerichtet war.<br />

Noch während Vadarassar über die Gründe s<strong>eines</strong> Verhaltens sowie<br />

die Geschwindigkeit, in der dieses Gebäude hochgezogen worden<br />

war nachsann, stürzte Braunpelz an ihm vorbei und auf ihren<br />

Artgenossen zu.<br />

„Wo gehen wir hin?“ fragte Bwalkazz, der schwarzen Taurin namens<br />

Tay knapp folgend.<br />

„Hat dich nicht zu interessieren. Und wieso kommst du eigentlich mit?“<br />

schnauzte die schwarze Taurin den Magier an, während sie dem Weg<br />

folgte.<br />

„Ich habe gerade nichts besseres zu tun. Also sag schon: Wo geht es<br />

hin?“<br />

- 238 -


Ein tiefes Grollen drang an seine Ohren. Dann blieb die Taurin stehen,<br />

starrte ihn mit festen Augen an.<br />

„Damit du endlich die Klappe hältst: Ich gehe zurück zum dunklen<br />

Portal, dann nach Thunder Bluff und werde mit den Schamanen dort<br />

über den letzten Zirkel des Schamanismus reden. ALLEIN!“<br />

Wieder grummelnd drehte sie sich wieder zurück, wollte weitergehen.<br />

Thunder Bluff. <strong>Die</strong> Taurenstadt...ja sicher <strong>–</strong> da war Bwalkazz auch schon<br />

gewesen. Mit einem süffisanten Lächeln zog er eine Portalrune aus<br />

seiner Tasche und hielt sie vor sich.<br />

„Ich fürchte ich kann dir die lange Wanderung bedauerlicherweise<br />

ersparen. Jedoch müsstest du dafür....“ begann er, die Rune<br />

gleichsam streichelnd und dann vor sich auf den Boden werfend.<br />

Der Blick der schwarzen Taurin wandte sich ihm wieder zu. <strong>Die</strong>smal<br />

jedoch weiteten sich ihre Augen. Nicht etwa vor Überraschung,<br />

sondern vor blanken Panik.<br />

„Nicht, du dämlicher Knochensack!“ brüllte sie, stürmte auf den<br />

Magier zu und riß ihn mit sich, um einige Meter später mit ihm<br />

zusammen auf dem Boden zu landen, ihn unter sich zu begraben.<br />

„Ich wusste gar nicht, was du für mich empfindest. Ein einfaches<br />

Danke hätte doch auch gereicht.“ meinte Bwalkazz gewohnt kühl,<br />

Tays Oberweite deutlich an beiden Seiten s<strong>eines</strong> Schädels und noch<br />

durch ihre Rüstung fühlend. Im selben Moment wurde er wieder hoch<br />

gerissen, sah die Taurin, wie sie sich schnell wieder aufrappelte und mit<br />

einem Finger auf die Portalrune deutete. Das Portal donnerte, groll<br />

böse und veränderte seine Farbe ständig zwischen rot, lila, schwarz<br />

und dunkelblau. Dann explodierte es mit einem gewaltigen Knall,<br />

schleuderte beide etliche Meter zurück und hinterließ lediglich einen<br />

großen Krater.<br />

Wieder einmal spieen Bwalkazz und Tay den durchsetzten Boden aus.<br />

„Das wird langsam zur Gewohnheit.“ stellte Bwalkazz fest, sich gar<br />

nicht mehr die Mühe machend, seine Robe irgendwie zu reinigen.<br />

Kaum hatte er sich nur leicht erhoben, sah er in das strafende Gesicht<br />

der Taurin.<br />

„KEINE Portale oder Beschwörungen oder ähnliches in Nethersturm!“<br />

groll sie, so böse es ihr in diesem Moment gelang. Und das war nicht<br />

unbedingt sehr böse, denn die Netherblüten, die von ihrem Kopf<br />

herunter hingen, verliehen ihr den bizarren Anblick <strong>eines</strong> schwarzen<br />

- 239 -


Blumenmädchens. Sie verstand zuerst die Belustigung des Magiers<br />

nicht, griff sich dann an den Kopf und zog die Blüten von selbigem, sie<br />

in ihren Fingern noch zerquetschend.<br />

„Im besten Falle explodieren sie nur.“ murrte Tay, einige Schritte auf<br />

die Explosion zu gehend. Dann weiteten sich ihre Augen abermals vor<br />

Schrecken.<br />

„Und was sonst?“ fragte Bwalkazz, auf sie zu und dann neben sie<br />

gehend. Sein Blick wandte sich ebenfalls auf den kleinen Krater, den<br />

die Rune geschlagen hatte. Auch seine Augen weiteten sich, glühten<br />

nun heller als vorher.<br />

„Im schlechtesten Fall gibt es einen bösen Besucher.“ vollendete die<br />

Taurin den Satz, griff sogleich nach Schild und Streitkolben und stürzte<br />

voran.<br />

Ein Dämonenhund, vier Meter groß und mit zwei glühenden Köpfen<br />

saß dort inmitten des Explosionszentrums. <strong>Die</strong> gleißenden Nasen<br />

schnupperten nach Beute, visierten mit dem einen Kopf die Taurin und<br />

mit dem anderen den Magier an. Dann brach der Kampf schon los.<br />

Drachen...eine Armee von Drachen flog über die Lande, warf<br />

Schatten über die Höllenfeuerhalbinsel, als würde eine riesige,<br />

schwarze Wolke am Horizont entlang ziehen. Ein Trupp von Illidans<br />

besten Leuten war ausgerückt. Draenei, Dämonen, Zerschlagene,<br />

Blutelfen <strong>–</strong> all jene, die sich von dem Ruf ihres Herrn hatten blenden<br />

und lenken lassen, die aus Angst oder Respekt dem Befehl folgten,<br />

jenen einen Untoten aufzuspüren und zu töten. Es stand viel auf dem<br />

Spiel, zu viel, so meinte der einstige Dämonenjäger. Deswegen<br />

schickte er nicht nur einen, wie er es vorher bereits getan hatte,<br />

sondern sicherheitshalber eine ganze Gruppe.<br />

Wenn der Untote noch lebte, würde er sich entweder in eine der<br />

Biosphären in Nethersturm oder jene Goblinstadt gerettet haben.<br />

Andernfalls war er schon längst tot.....tot...als wäre er das nicht sowieso<br />

schon.<br />

Ein bitteres Grinsen lag auf dem Gesicht von Rakh’Gor. Er hatte der<br />

Legion den Rücken gekehrt, als seine Kameraden von den<br />

Dämonenklingen dieses Nachtelfen mit nur einem Hieb enthauptet<br />

worden waren und war seither einer der Kommandanten unter der<br />

Hand des Herrschers des schwarzen Tempels. <strong>Die</strong> meisten anderen<br />

- 240 -


Gefolgsleute fürchteten oder hassten ihn. Ihm war es nur Recht, denn<br />

so konnte er sie stets zu Höchstleistungen anspornen.<br />

Doch der Flug nach Nethersturm würde lange dauern. Selbst mit<br />

diesen räudigen Netherdrachen hier, die allerorten als die schnellsten<br />

Flugtiere überhaupt bekannt waren, war die Reise noch immer lang.<br />

„Und ich sage dir, wir müssen noch mal nach Zabra’jin, Mann!“ meinte<br />

Teborasque mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Doch<br />

Sophilia ließ sich davon nicht beirren, erkannte den durch die<br />

Pilzsporen angelockten Wahnsinn in den Augen des Trolls nur zu<br />

deutlich.<br />

„Unser Weg wird uns nicht dort entlang führen, Jäger. Stattdessen<br />

müssen wir den Pfaden zum Schergrad folgen. Für Pausen oder<br />

persönliche Amüsements ist weder Zeit noch Grund vorhanden.“<br />

„Ooooch, lass uns doch nur einen kleinen Abstecher...“ flüsterte<br />

Teborasque, noch immer breit lächelnd. Dann jedoch hielt ihm seine<br />

Schwester einen Dolch vor die Nase.<br />

„Abstecher...da kommt mir eine Idee. Ich kann dir ja etwas<br />

abstechen, Kleiner.“ grinste Barra breit. Gifte waren ihr Spezialgebiet<br />

und nach dem Erlebnis hier in den Zangarmarschen hatte sie für sich<br />

Vorkehrungen getroffen, nicht wieder unkontrolliert in den<br />

Sporenrausch zu verfallen. Das Tuch, das nun ihr Gesicht verunstaltete,<br />

war zwar nicht sonderlich chic, ließ sie aber dafür ihre Sinne bei sich<br />

behalten.<br />

„Och <strong>–</strong> ihr seid fies. Alle beide, Mann.“ meinte Teborasque beleidigt.<br />

Mit genügend Überzeugungskraft und einem Dolch im Rücken, der<br />

ständig bedrohlich piekste war er dennoch zum weiteren Marsch<br />

überredet worden. Allerdings führte der Weg kurz darauf durch ein<br />

Feld voller abgeschlagener Pilze und jede Menge Oger, die sich der<br />

Pilzernte nur zu gründlich widmeten. Zwei von ihnen stellten sich den<br />

drein in den Weg.<br />

„Halt! Ihr nicht stehlen Pilze! Sein unsere! Verschwinden sonst tot<br />

gehen!“ groll der eine Oger, offensichtlich ebenfalls ein<br />

magiekundiger. Der andere, lediglich ein Axtträger und somit wohl ein<br />

Krieger oder so was, brabbelte nur etwas. Offensichtlich waren die<br />

Ogerkrieger nicht mit genügend Intelligenz gesegnet, um ausreichend<br />

verständlich kommunizieren zu können.<br />

- 241 -


Diplomatisch wie üblich machte Sophilia einen Schritt nach vorn und<br />

deutete eine leichte Verbeugung an, ihre Gegenüber dabei jedoch<br />

nicht aus den Augen lassend. Ihr langes, rabenschwarzes Haar fiel ihr<br />

kurz und etwas ins Gesicht.<br />

„Lok’thar. Im Namen der ehrenwerten Horde grüße ich Euch. Unser<br />

Weg führt uns zum Schergrad. Es ist allein die Benutzung dieses Weges,<br />

die wir ersuchen. Eure Pilze interessieren uns nicht.“ erklärte sie<br />

freundlich und sachlich.<br />

<strong>Die</strong> beiden Oger gafften sich einander an, dann groll der eine wieder.<br />

„Ihr verschwinden sonst tot!“<br />

Sophilia verdrehte die Augen. Verhandlungen mit Zwergen waren<br />

schon schwer, jedoch mit einer ausreichenden Menge Alkohol im<br />

Gepäck gerade noch kontrollierbar. <strong>Die</strong>se Oger jedoch waren<br />

eindeutig dümmer als ein leerer Krug Bier.<br />

„Es ist nicht in unserem Sinne, jedoch werden wir, so ihr uns keine<br />

andere Wahl lasst, unseren Weg hier entlang fortsetzen. Und wir<br />

werden uns wehren, wenn ihr versuchen solltet, uns anzugreifen.“<br />

<strong>Die</strong>se letzte Bemerkung fasste der axtschwingende Oger offenbar als<br />

Bedrohung auf, machte kurz darauf einen kräftigen Schritt nach vorn,<br />

um mit seinem gewaltigen Hiebwerkzeug nach der Schamanin<br />

auszuholen. Doch noch ehe er wirklich zuschlagen konnte, hing auch<br />

schon Swift an seinem Hals und biß sich fest.<br />

Der Oger kam jetzt erst richtig in Rage, schüttelte sich und griff mit der<br />

freien Hand nach dem Kater, der sich mit Zähnen und Krallen so gut es<br />

ging in den fettleibigen Wanst vergrub. Der andere Oger indes hob<br />

seinen Stab, um seinerseits auf die drei Eindringlinge loszugehen.<br />

Mit einem Stoßseufzer griff Sophilia an ihren Gürtel, zog ein kl<strong>eines</strong><br />

Totem hervor. Eine Flamme, scheinbar ganz aus Holz, aber dennoch<br />

lodernd, saß in der Mitte des wunderschön gefertigten, magischen<br />

Utensils, strömte eine angenehme Wärme aus. Einige magische Worte<br />

verließen die Lippen der Schamanin, dann setzte sie das Totem schon<br />

locker auf den Boden. Ohne in den Boden gerammt zu sein oder von<br />

irgendetwas anderem gehalten stand das Totem auf der kleinen<br />

Spitze, schwebte tatsächlich einige Zentimeter über dem Boden und<br />

begann kurz darauf rötlich zu glühen.<br />

- 242 -


Ein roter Flammenkreis bildete sich kurz vor dem Totem, zog rote Risse<br />

nach allen Seiten und ließ kurz darauf und begleitet von einem kleinen<br />

Erdbeben eine Flammenwolke aufsteigen. <strong>Die</strong>se verdichtete sich,<br />

bildete Arme, Hände, Finger, bekam Augen und ward schließlich,<br />

nach einem Schauspiel, das weniger als eine Sekunde gedauert<br />

hatte, zu einem vollständigen Feuerelementar geworden.<br />

Mit noch immer ausdrucksloser Mine deutete Sophilia auf die beiden<br />

Oger.<br />

„Entferne diese Störer des Friedens im Namen von Horde und der<br />

Geister der Elemente.“ befahl sie dem Elementar. <strong>Die</strong>ser reagierte<br />

sofort, antwortete nur mit einem „Ja, Mylady.“ und widmete sich dem<br />

magieversierten Oger, während Barra und Teborasque den Geparden<br />

bei der Bekämpfung des anderen Ogers unterstützten.<br />

„Was haben wir denn mit diesen Nachtelfen zu schaffen? Ist doch gut,<br />

wenn sie dezimiert werden, oder nicht?“ brummte Vadarassar<br />

unzufrieden, durch jenes Gebäude gehend, das nun mehr einem<br />

Geisterhaus denn einem vorher bewohnten Hain der Druiden glich.<br />

Überall lagen Leichen von Nachtelfen, an einer Stelle lag sogar ein<br />

toter Taure. Einzig lebendig waren die riesigen Motten, die lästig wie<br />

riesige, bewegliche Spinnweben umher flatterten und Braunpelz dazu<br />

veranlassten, das Gebäude nicht zu betreten.<br />

„Es sind meine Brüder. Auch wenn sie Nachtelfen sind, folgen sie<br />

ebenfalls dem gleichen Pfad wie ich. Wie würdest du reagieren, wenn<br />

einige Hexenmeister auf Seiten der Allianz dem Tode nahe wären?“<br />

fragte die Taurin, sich mit Mühe von den Motten so weit wie möglich<br />

fern haltend.<br />

„Ich würde ihnen ein schnelles Ende machen.“ groll Vadarassar leise<br />

und eher zu sich selbst als zu Braunpelz. Tatsächlich würde er<br />

s<strong>eines</strong>gleichen auf der gegnerischen Seite viel lieber ein LANGSAMES<br />

und GRAUSAMES Ende machen wollen <strong>–</strong> ebenso wie es ihm einmal<br />

ergehen würde. Für ihn machte die Berufung keinen Unterschied:<br />

Gegner blieben Gegner und damit war es gegessen. Im Moment<br />

allerdings grummelte er umso mehr, denn anstatt ihren gemeinsamen<br />

Freund zu suchen durfte er sich nun durch Leichenberge wälzen. Zwar<br />

gab es Hexenmeister, die dem Tod und vor allem den dadurch<br />

hingerichteten Leichen durchaus einige perverse Fantasien<br />

abgewinnen konnten, doch für ihn waren tote Nachtelfen in etwa so<br />

erotisch wie Großmutters Durotanisches Allerlei aus Eberrippchen,<br />

Skorpidnieren und Glibberaalflossen.<br />

- 243 -


Er verzog das Gesicht, als er auf etwas Weiches getreten war. Der<br />

erste Schreck verflog allerdings, als er merkte, dass es ausnahmsweise<br />

keine Leiche, sondern lediglich die Finger einer solchen waren, die er<br />

gerade recht platt getreten hatte. Sie umklammerten eine<br />

merkwürdige Apparatur, die scheinbar noch immer in Betrieb war.<br />

Neugierig senkte Vadarassar seinen Oberkörper, musterte dieses<br />

fremdartige Gerät genauer.<br />

„Nie ist der Troll da, wenn man ihn brauchen könnte.“ grummelte er,<br />

prägte sich die Form genau ein und ging dann auf Braunpelz zu. <strong>Die</strong><br />

schlug nun verzweifelt mit ihrem Stab nach einer riesigen Motte, die<br />

sich nur zu gern mit der Druidin befasste. Es entbahr nicht unbedingt<br />

der Komik zuzusehen, wie jemand vor lauter Ekel und mit einem<br />

großen Stab nach etwas schlug, das diesen Angriffsversuchen<br />

problemlos ausweichen konnte und dabei so belustigt zischte. Ein<br />

Zauber, der die Flügel des Rieseninsekts in Flammen setzte, beendete<br />

die Bedrohung und ein kräftiger Huftritt tat ein Übriges.<br />

„Ich denke ich weiß die Ursache.“ meinte Vadarassar noch zu<br />

Braunpelz und deutete dann auf den verstörten Druiden auf der<br />

Straße, der noch immer sein Kinn in die Hände stemmte und nicht<br />

wirklich begreifen konnte, was geschehen war und wieso gerade er<br />

überlebt hatte.<br />

„Wir erzählen ihm noch eben die Sache und dann machen wir uns<br />

weiter auf den Weg. Dürfte schließlich noch ein nettes Stückchen sein,<br />

wenn ich mir den Wald so ansehe.“<br />

Krachend schlug ein Frostblitz in die Seite des riesigen Dämons ein, fror<br />

die Haut ringsum ein, auf die Tay nur Bruchteile von Sekunden später<br />

ihren Streitkolben niedergehen ließ. Das gefrorene Fleisch splitterte, riß<br />

eine tiefe Wunde in die Flanke des Hundedämons. Dessen beide<br />

Köpfe brüllten vor Schmerzen und Wut, fixierten die Taurin und stießen<br />

Flammen aus, denen die schwarze Kuh nur mit Mühe ausweichen<br />

konnte. Ein weiterer Frostblitz schoß knapp an ihren Ohren vorbei, ließ<br />

ihre Haarspitzen weiße Eiskristalle bilden.<br />

„Pass gefälligst auf, wo du deine Zauber hinschleuderst du Idiot. Sonst<br />

bist du gleich der Nächste, der unangespitzt in den Boden gerammt<br />

wird!“ groll die schwarze Taurin, dem Dämon einen weiteren Schlag<br />

mit dem Streitkolben verpassend. <strong>Die</strong>smal regneten einige kleine,<br />

weiße Objekte auf sie herunter, die sie erst auf den dritten Blick als die<br />

Zähne <strong>eines</strong> der beiden Köpfe erkannte, in den sie gerade eben ihren<br />

- 244 -


Streitkolben versenkt hatte. Der andere Kopf geriet dadurch nur noch<br />

mehr in Rage, biß nach ihr und erwischte ihre Schulter.<br />

Tay, die daraufhin laut aufschrie, konterte ihrerseits und biß zurück,<br />

rammte dem zweiten Kopf kurz darauf ihren Streitkolben auf die Nase,<br />

was den Dämon einige Schritte zurückstolpern ließ. Wütend brüllte der<br />

Dämon, riß beide Mäuler auf, um erneut Feuer zu speien. <strong>Die</strong>smal<br />

jedoch war Bwalkazz schneller, schleuderte den gerade gewobenen<br />

Frostblitz in Richtung der Mäuler und traf damit das Rechte.<br />

Zielstrebig schoß das eiskalte Projektil in den Dämon hinein, ließ das<br />

lodernde Feuer versiegen. Der Bauch der Bestie färbte sich schlagartig<br />

blau, bildete langsam Eiskristalle, ehe der Dämon knochensteif da<br />

stand. Ein letzter Streitkolbenschlag von Tay und das vorher so<br />

furchterregende Monster zerbarst in viele Dutzend Stücke, von denen<br />

nur die zahnlosen Köpfe intakt blieben. Wütend starrten sie noch den<br />

Magier und die Taurin an, während sie schon längst vom Leben<br />

verlassen worden waren.<br />

„Je höher sie wachsen, umso tiefer fallen sie.“ schlussfolgerte Bwalkazz<br />

und ging auf die Taurin zu, die sich ihre linke Schulterklappe abband<br />

und erleichtert feststellte, dass die Rüstung die spitzen Zähne des<br />

Dämons aufgehalten hatte. Dann und gänzlich überraschend griff sie<br />

nach dem Magier, zog ihn schlagartig an ihn heran.<br />

„Lass noch mal einen Zauber so dicht an mir vorbei gehen und ich<br />

füttere den nächsten Dämon mit dir.“ groll sie, um ihn dann wieder<br />

von sich weg zu schleudern.<br />

„Gern geschehen für die Hilfe.“ murrte der Magier.<br />

- 245 -


Kapitel 41 <strong>–</strong> Luftangriff<br />

<strong>Die</strong> Tür zum Gasthaus von Area 52 schwang auf. Eine lange, sehr<br />

dünne und fahl aussehende Gestalt schritt hindurch und wankte auf<br />

die Bar zu. Klar erkannte man den Staub von scheinbar unzähligen<br />

Flugstunden ohne Rast und ohne Möglichkeit, sich zu säubern. Mit<br />

nicht viel mehr als einem schwachen Glimmen in den Augen stand<br />

eben jene Trauergestalt, die so bedrohlich wirkte wie ein satter,<br />

zahnloser Tiger, vor dem Tresen und blickte den Goblinwirt an.<br />

„Ahh...potentielle Kundschaft...“ rieb sich dieser die Hände, sich sicher,<br />

nun einen großen, fetten Braten nebst seinem sündhaft teuren Ale an<br />

den neuen Gast verkaufen zu können. Und tatsächlich tat die Gestalt<br />

nur wenige Augenblicke, nachdem sich der Gastwirt des Gastes<br />

genährt hatte, seinen Mund auf.<br />

„Ich bin auf der Suche nach etwas, das ihr mir geben könnt.“ krächzte<br />

die Stimme wie von einer Säge geschwungen hervor.<br />

„Ohhh jaja, sicher kann ich ihnen helfen. Was darf es denn sein? Einen<br />

Netherrochenbraten vielleicht? Und dazu ein hervorragendes<br />

Festtagsale <strong>–</strong> frisch aus Booty Bay importiert. Eine Köstlichkeit wie....“<br />

bot der Gastwirt seine Güter feil, wurde dann jedoch durch die<br />

krächzende Stimme des Gastes unterbrochen.<br />

„Informationen. Ein Untoter. War er hier? Wann? Wo ist er hin?“ klang<br />

die krächzende Stimme auf, nun wesentlich schroffer als noch gerade<br />

vorher.<br />

„Ich ähh...also...ich weiß nicht, wovon ihr sprecht. Beruhigt euch doch<br />

erst mal und trinkt etwas Ale. Dann können wir vielleicht...“<br />

„Sauf deinen Dreck alleine. Wo ist der Untote?!“ groll die krächzende<br />

Stimme nun deutlich lauter, griff einer der hageren Arme nach dem<br />

Gastwirt und hob ihn hoch.<br />

Zwei Goblins, beide in dunkle Anzüge gehüllt, traten links und rechts<br />

neben den Gast und hoben jeder etwas, das wie sehr fantasievoll<br />

verschörkelte Gewehre aussahen.<br />

„Ihr solltet jetzt vielleicht gehen.“ sagte der eine Goblin mit ernster<br />

Stimme, seine Ernsthaftigkeit jedoch größtenteils von seiner schwarzen<br />

Brille verdeckt haltend.<br />

- 246 -


Wie in Zeitlupe ließ die Gestalt den Gastwirt langsam wieder sinken,<br />

lockerte den Griff und drehte sich zu den beiden anderen Goblins.<br />

„Ihr hättet mir die Informationen freiwillig geben sollen. Jetzt werdet ihr<br />

leiden....fürchterlich leiden.“ groll die Stimme.<br />

Dann, mit einem Schlag und einem hellen Blitzen, löste sich die Gestalt<br />

in einer Implosion auf und hinterließ nur eine dicke Staubschicht auf<br />

dem Boden. <strong>Die</strong> Wachen starrten einander ungläubig an. Doch ehe<br />

sie begriffen, was gerade passiert war, wackelte der Boden.<br />

Panikartig blickte einer zum Fenster hinaus, sah einen Netherdrachen<br />

mitsamt Reiter über das Gasthaus hinweg fliegen. Dann noch einen,<br />

dann zwei weitere und dann wurde der Himmel dunkel vor lauter<br />

Netherdrachen und deren Schwingen.<br />

„Sieh mal da hinten.“ meinte Bwalkazz, mittlerweile schon etliche<br />

Marschstunden von Area 52 entfernt zum Horizont deutend. „Was geht<br />

denn dort ab?“<br />

Tayury drehte sich grummelnd um, blickte zum Horizont. Dort, wo Area<br />

52 lag, loderten Feuerbälle, flogen Dinge in die Luft und flatterten helle<br />

und dunkle Flecken hin und her. Sie grummelte nur.<br />

„Sicher wieder irgendein Nationalfeiertag von diesen Goblins. Nichts<br />

wichtiges <strong>–</strong> wie üblich.“<br />

Ohne einen weiteren Gedanken an das Chaos, das hinter ihnen lag zu<br />

verschwenden, gingen die beiden schnurstracks weiter <strong>–</strong> geradewegs<br />

in Richtung Schergrad.<br />

Grimmig musterten die Oger ringsum der Straße die drei Eindringlinge,<br />

die es gewagt hatten, dem Weg in Richtung Schergrad zu folgen.<br />

Doch nachdem zwei ihrer Wachen und kurz darauf auch noch ihr<br />

Kommandeur von einem wütenden Feuergeist bei lebendigem Leibe<br />

gegrillt worden waren und die beiden Trolle, die in einigem Abstand<br />

und mit gezogenen Waffen hinter einer Orcin her gingen jeder einen<br />

der verschmorten Arme ihres Kommandeurs in Händen hielten und<br />

herzhaft davon abbissen, war die wütende Tapferkeit der Oger einer<br />

blanken Panik bis Todesangst gewichen. Glücklicherweise waren sie zu<br />

dumm um zu merken, dass sie, wenn sie gemeinsam gekämpft hätten,<br />

diese drei Eindringlinge locker besiegt hätten. So ließen sie diese<br />

einfach nur ziehen, jedoch keinen Meter aus den Augen.<br />

- 247 -


Endlich waren die drei an einer Höhle angekommen, die in den<br />

Schergrad führen sollte. Dutzende von Spinnen waren es aber, die den<br />

Weg blockierten.<br />

„Da kann Brauni ja froh sein, dass sie nicht hier is, Mann.“ meinte<br />

Teborasque grinsend, die Spinnen musternd. „Beim Anblick von den<br />

Viechern wäre sie glatt ausgetickt.“<br />

„Spinnen sind doch etwas natürliches, wie alle anderen Kreaturen<br />

dieser Welt. Wieso sollte eine so naturverbundene Taurendame wie<br />

eure so geschätzte Druidin durchdrehen?“ fragte Sophilia überrascht.<br />

natürlich war es unverständlich: <strong>Die</strong> Kinder der Erdenmutter hatten<br />

jegliches Leben zu lieben. Egal, ob nun ein schönes Reh, ein wilder<br />

Wolf oder halt eine schlanke Spinne.<br />

„Mach sie weg! Schnell <strong>–</strong> mach das Ding tot!“ brüllte Braunpelz, sich<br />

wild schüttelnd, nachdem sich erneut eine Motte auf ihren Rücken<br />

gesetzt hatte.<br />

Vadarassar seufzte, wob einen Flammenzauber, der die Motte<br />

umhüllen würde und ließ ihn auf selbige los. Das bescherte Braunpelz<br />

zwar einige dunkle Brandflecken in ihrem Rückenfell, doch diese<br />

würde sie so ja schließlich eh nicht sehen. Und Spiegel in ihrer Größe<br />

waren ebenso selten wie Paladine, die ernstzunehmende Gegner<br />

darstellten.<br />

Braunpelz lächelte, als sie endlich von diesem Krabbeltier befreit<br />

worden war. Dann blickte sie sich wieder um, versuchte die<br />

Orientierung auf der Straße zurück zu gewinnen. Um die Siedlung auf<br />

dem Weg hatten sie einen großen Bogen machen müssen, war sie<br />

doch überlaufen worden. Einziger Nachteil an dem kleinen Umweg<br />

war das massenhafte Krabbelzeug, durch das sie sich hatten kämpfen<br />

müssen. Glücklicherweise erblickten die beiden schnell wieder den<br />

Weg, gingen direkt darauf zu.<br />

„Fühlst du das auch?“ fragte Braunpelz, als sie den Klippen des<br />

Schattenmondtals immer näher kamen. Ein eisiger Schauer lief ihr über<br />

den Rücken. Und dieser Schauer war ausnahmsweise mal nicht durch<br />

das verbrannte Fell an ihrem Rücken verursacht.<br />

Vadarassar blickte sie fragend an. „Was meinst du?“<br />

„Ein Gefühl Wie....als wenn hier etwas Vertrautes wäre. Etwas<br />

Bekanntes...nur weiß ich nicht was.“ brauchte die Druidin hervor,<br />

blickte dann in den immer dunkler werdenden Himmel. Der schien mit<br />

- 248 -


einer unnatürlichen Fratze auf sie zurück zu starren. Glühende Augen,<br />

die sie fokussierten und direkt in ihre Seele blickten. Eine schattenhafte<br />

Stimme, die leise ihren Namen groll und ihr neuerlich Schauer über den<br />

Rücken jagte.<br />

Sie stemmte sich gegen ihre Angst, blickte den Augen entgegen. Ein<br />

Glitzern von schwarzem Stahl begleitete das Funkeln der Augen <strong>–</strong> und<br />

nun endlich begriff sie, glaubte aber sogleich, ihren Verstand zu<br />

verlieren. Denn dort oben erkannte sie niemand geringeres als jenen<br />

Aspekten, der seine Brüder und Schwestern verraten, seinen eigenen<br />

Schwarz ausgerottet, die Roten korrumpiert und die Blauen fast<br />

gänzlich vernichtet hatte. Neltharion war er einmal gewesen, doch<br />

seit Zehntausend Jahren war er unter einem anderen Namen bekannt,<br />

gefürchtet und gehasst.<br />

Deathwing, der Erdenwächter. Und sein eiskalter Blick starrte auf<br />

Braunpelz herab, durchbohrte sie wie eiskalte Speere und riß an ihrer<br />

Essenz. Vada....wieso beschützte er sie nicht, stellte sich vor sie oder<br />

griff diesen Titanen an? Nein, der Hexenmeister blickte stattdessen sie<br />

an, bewegte eine Hand vor ihrem Gesicht und strich durch ihr Fell.<br />

„Nozdormu ist bisweilen überaus einfallslos. Bereits vor so vielen Jahren<br />

war es ein Druide, der mich aufhielt. Und jetzt will er seinen Trick ein<br />

weiteres Mal wiederholen? <strong>Die</strong>s wird nicht geschehen. Nein! Meine<br />

Pläne werden nicht aufgehalten werden! Niemals!“ groll eine Stimme<br />

durch die Dunkelheit. <strong>Die</strong> Lichter blitzte, ließen Braunpelz in diesem<br />

Moment zusammen fahren, als hätte sie der Schlag getroffen. Mit aller<br />

Kraft stemmte sie sich gegen diese Macht, flehte die Erdenmutter und<br />

alles Leben um sich herum an, ihr beizustehen und ihren Körper, ihre<br />

Seele vor der Pein zu bewahren. Doch ihr Flehen schien ungehört zu<br />

verhallen.<br />

Mühevoll riß sie den Mund auf, wollte schreien, Vadarassar um Hilfe<br />

anflehen. Ja, mit seiner Hilfe könnte sie vielleicht diesen finsteren Blick<br />

zurück drängen. Doch ihre Zunge klebte am Gaumen, ließ keinen Laut<br />

aus ihrer Kehle dringen, während sie ruckartig und stoßweise atmete.<br />

Luft...sie musste doch atmen, wenigstens einen Atemzug machen und<br />

dann um Hilfe schreien. Stattdessen hielt sie eine schwarze Klaue am<br />

ganzen Körper gepackt, presste auch noch das letzte Bisschen Leben<br />

aus ihr heraus. Eine hässliche, drachenähnliche Fratze tauchte vor ihr<br />

auf, verunstaltet durch etliche Narben, rote Risse, aus denen etwas<br />

wie Lava drang, schwarzes Metall, glühende Augen und Hörner, die<br />

auf halber Länge eingerissen oder abgebrochen waren. <strong>Die</strong> Flügel,<br />

die diese Gestalt ausbreitete, hingen teilweise in Fetzen, waren<br />

- 249 -


ebenfalls mit Metallplatten geflickt worden. Und dann hörte sie die<br />

Stimme, diese schreckliche Stimme grollen.<br />

„Nichts hält mich auf. Auch du nicht, kleiner Druide. Auch du wirst dem<br />

Schicksal aller, die sich mir in den Weg stellen, folgen.“<br />

Erbarmungslos öffnete sich das Maul, wurde Braunpelz von der Klaue<br />

in selbiges gehoben. Sie konnte sich nicht wehren, versuchte zu<br />

schreien, doch erneut versagte ihr die Stimme. Nur ihre Arme waren es<br />

noch, die sich bewegten, die mit einem Mal etwas zu fassen<br />

bekamen. Eine Hand....eine dicke, nur zu vertraute Hand. Sie<br />

mobilisierte ihre letzten Kraftreserven, krallte sich so fest sie konnte an<br />

diese Hand, zog sie zu sich, bekam dann den ganzen Arm zu fassen,<br />

der sie langsam aus dem Griff des schwarzen Drachen heraus zog. Sie<br />

roch schon den fauligen Atem dieses verdorbenen Aspektes, fühlte,<br />

wie ein Würgereiz sich ihrer ermächtigte. Sie wollte sich übergeben,<br />

scheiterte aber an ihrem fast versiegelten Mund, schüttelte sich und<br />

zog gleichzeitig so kräftig sie konnte, während sie näher, immer näher<br />

an das mit messerscharfen Zähnen bestückte Drachenmaul heran<br />

geführt wurde. Noch drei Meter, dann zwei. Jetzt waren schon ihre<br />

Beine im Maul und der Arm schien langsam die Kraft zu verlieren.<br />

Panikartig zog sie noch kräftiger, dann schloß sich das Maul des<br />

Drachen und verfehlte ihre Hufe nur um Millimeter. Schlagartig öffnete<br />

sich die Klaue des Drachen und Braunpelz wurde nach oben<br />

gezogen. Wieder versuchte sie zu schreien, sog die Luft so kräftig sie<br />

konnte durch die Nase ein, presste sie dann mit aller Macht durch ihre<br />

Kehle. Erst kam nur ein Würgen, dann endlich der befreiende Schrei.<br />

„NEEEIIINNN!“ brüllte Braunpelz mit aller Kraft und Luft, die ihr zur<br />

Verfügung stand. So laut, dass die Krähen, die sich auf den Bäumen<br />

ringsum niedergelassen hatten, fluchtartig ihre Nester verließen und in<br />

alle Himmelsrichtungen verschwanden.<br />

Sie war am Leben....der Drache war weg. Stattdessen fühlte sie eine<br />

weiche, matschige Unterlage. Zuerst dachte sie, alles wäre nur ein<br />

Traum gewesen, dann spürte sie einen hämmernden Schmerz an ihrer<br />

Schläfe und kurz darauf, nur reichlich verschwommen, einen ihr nur<br />

allzu gut bekannten Hexenmeister. Der rechte Ärmel seiner Tunika war<br />

zerfetzt, ließ das darunter liegende Hemd klar sichtbar hervor stechen.<br />

Sie wollte fragen, was passiert war, fühlte dann die Stoffreste zwischen<br />

ihren Fingern. Wieder glitt ihr Blick zu dem Hexenmeister hinüber.<br />

„Du hast ja ein ziemliches Horn....ein Drittes wohl gemerkt.“ brummte<br />

Vadarassar die Taurin an, die kein Wort verstand.<br />

- 250 -


„Was....auu...ist passiert?“ ächzte Braunpelz hervor, nach Halt<br />

suchend, um sich aufzuraffen. Der Schwindel und das sich wild<br />

drehende Karussell in ihrem Kopf verhinderten dies effektiv, ließen sie<br />

mit einem Stoßseufzer wieder auf den Boden sinken.<br />

„<strong>Die</strong> Motte dahinten ist passiert.“ erklärte Vadarassar kurz. „Du bist in<br />

Panik geraten und weggerannt. Dann bist du gestolpert, gestürzt und<br />

mit dem Kopf auf den Felsen dort aufgeschlagen. Den Schatten sei<br />

Dank, dass dir nicht mehr passiert ist. Ich habe schon das Schlimmste<br />

befürchtet.“<br />

Braunpelz nickte langsam, hielt sich aber immer noch den Kopf.<br />

„Ich...glaube Deathwing lebt....irgendwo hier.“ brummte sie mit<br />

verzerrtem Gesicht. „Er plant etwas. Und er glaubt, dass wir<br />

es...verhindern könnten.“<br />

Vadarassar blickte ernst drein, strich ihr dann aber vorsichtig übers<br />

Gesicht. „Ein Traum <strong>–</strong> nicht mehr. Wenn er wirklich existieren würde,<br />

hätte er nur Schiß, sich mir zu zeigen.“<br />

„Nein...dazu war es...viel zu real.“ ächzte die Taurin hervor, sich nun<br />

doch aufrichtend. „Ich...war in seinen Fängen. Und er wollte...mich<br />

töten. Ohne das ich...etwas dagegen tun konnte.“<br />

„Jetzt hör mir mal zu. Selbst wenn dieser schwarze Drache hier<br />

irgendwo sein sollte, dann wäre es für ihn gesünder, wenn er sich<br />

irgendwo in einer Erdhöhle verkriechen würde. Denn wenn er dir auch<br />

nur ein Haar krümmt, reiße ich ihm seinen breiten Echsenhintern so weit<br />

auf, dass der Dunkelmondjahrmarkt drauf Platz findet <strong>–</strong> inklusive<br />

Illusionenrennbahn.“<br />

Braunpelz lächelte, hob eine Hand und strich vorsichtig über das<br />

Gesicht des <strong>Hexenmeisters</strong>. „Danke dir. Du bist so lieb.“ sagte sie leise<br />

und schloß dann die Augen.<br />

Vadarassar verzog das Gesicht. „Immer diese Beleidigungen. Sowas<br />

nehme ich persönlich.“ brummte er, hob dabei allerdings einen<br />

Mundwinkel.<br />

Zum Glück waren sie allein. Nicht auszudenken wie peinlich es<br />

gewesen wäre, wenn ausgerechnet diese scheinheilige<br />

Schamanentuse jetzt hier gewesen wäre. Ohhh....sein Ruf wäre<br />

komplett hin gewesen. <strong>Die</strong>se Labertasche hätte das Gesehene doch<br />

direkt durch die ganze Kluft der Schatten posaunt...<br />

- 251 -


Kapitel 42 <strong>–</strong> Auf der Flucht<br />

„Das kann doch jetzt nicht mehr wahr sein.“ grummelte Tay, die<br />

Hände in die Hüften gestemmt auf den Abgrund vor sich blickend.<br />

Deutlich erkannte man die Abrisskante auf dieser wie auch auf der<br />

anderen Seite des Abgrunds.<br />

„Gibt es ein Problem?“ fragte der Magier nach, bekam dafür einen<br />

Schwinger in seine Richtung, dem er gerade noch so ausweichen<br />

konnte.<br />

„Natürlich gibt es ein Problem, du vertrotteltes Stück Torf. <strong>Die</strong> Brücke<br />

zum Schergrad. Sie ist weg <strong>–</strong> demoliert.“ knurrte sie.<br />

Bwalkazz ging einen Schritt näher an den Abgrund, blickte nach<br />

unten. Zu seiner Verunsicherung sah er dort unten weder ein Ende des<br />

Abgrundes noch irgendwelche anderen möglichen Übergänge.<br />

„Dann wirst du wohl springen müssen.“ schlussfolgerte der Mager, die<br />

Taurin dabei nicht ansehend.<br />

„Ich werf dich gleich da rüber. Springen...das sind über fünfzig Meter!“<br />

groll sie, machte dann kehrt und ging flott den Weg wieder zurück.<br />

„Warte mal <strong>–</strong> wo willst du denn jetzt hin?“ fragte der Magier, sah noch<br />

einmal die Klippe herunter und dann wieder zu der Taurin, die ihren<br />

Schritt schon deutlich beschleunigt hatte.<br />

„Zurück zu Area 52. Vielleicht wissen die Goblins da etwas oder haben<br />

eine Idee, wie man die Brücke wieder aufbauen kann. Und wenn<br />

nicht, sollen sie ihre Hintern mal anstrengen.“<br />

Ein lautes Krachen durchfuhr die Höhle, ließ die tauben Spinnen<br />

ringsum davon aber nicht sonderlich zusammen zucken. Es war schon<br />

eher die Tatsache, dass eine ihrer Artgenossen plötzlich und von einer<br />

Ladung Schrot getroffen, zerbarst und sich gleichmäßig über den<br />

Höhlenboden verteilte. Laut zischelnd rasten sie auf ihre Schwester zu,<br />

wurden gleich darauf ebenfalls von Wurfmessern und Schrotladungen<br />

getroffen.<br />

„Du darfst ruhig mitkämpfen, Mann.“ motzte Teborasque die Orcin an,<br />

während er sein Gewehr nachlud. Sie indes machte keine Anstalten,<br />

nach ihrer Waffe zu greifen, hatte die Arme nur vor ihrer Brust<br />

- 252 -


verschränkt und sah den beiden Trollen zu, wie sie die<br />

Spinnenpopulation innerhalb der Höhle merklich dezimierten.<br />

„Das hier ist ihr natürlicher Lebensraum. Sie deswegen zu töten macht<br />

keinen Sinn und ist grausam. Sie werden uns sicher hindurch lassen,<br />

wenn wir ihnen im Gegenzug nichts tun.“ meinte sie lapidar.<br />

„Ja, sicher Mann.“ lachte Barra, zwei neue Wurfmesser aus ihrer<br />

Gürteltasche nehmend. „Kannst ja mal mit denen sprechen, Mann.<br />

Vielleicht sind die ja gesprächiger als die Oger eben.“<br />

So sehr man sich über die Taktlosigkeit und Primitivität von Trollen<br />

aufregen konnte, so Recht schien die Schurkin diesmal ausnahmsweise<br />

zu haben. Dennoch änderte das nichts an der Meinung von Sophilia,<br />

ihren Streitkolben nicht zu ziehen. Auch nicht, als eine Spinne<br />

geradewegs auf sie zu kam, die Giftzähne schon geifernd vor Gift und<br />

einer möglichen Beute, an der sie sich hätte laben können. Sie nahm<br />

einen kleinen Anlauf und sprang dann auf die Schamanin zu, die den<br />

Ernst der Lage nicht zu realisieren schien. Erst wenige Zentimeter vor<br />

dem Gesicht der Orcdame krachte ein Schuss durch die Höhle,<br />

schleuderte die Spinne zur Seite und riß ihren Körper in zwei Hälften.<br />

Lediglich einige Spritzer des grünen Spinnenblutes klebten nun auf<br />

dem Gesicht der Schamanin, das ausdruckslos nach vorn starrte, als<br />

hätte sie noch immer nicht begriffen, wie knapp sie gerade dem<br />

sicheren Tod entkommen war.<br />

„Guter Schuss, Mann!“ gratulierte Barra ihrem Bruder mit einem<br />

Handkantenschlag auf den Rücken, der ihn einige seiner Rippen<br />

knacken hören ließ. Schlagartig atmete der Trolljäger aus, fasste sich<br />

an die Brust.<br />

„Ich...war das nich, Mann. Das kam von da....“<br />

Den Satz brachte er nicht mehr zu Ende, sah er doch eine Gestalt, die<br />

ihm den Atem noch mehr raubte, als der Schlag seiner Schwester. Eine<br />

andere Trollin stand dort, hatte ihr qualmendes Gewehr geschultert<br />

und grinste breit.<br />

„Das Vieh is nu tot, Mann.“ sagte sie, dann zu der Schamanin<br />

gerichtet.<br />

„Kannst froh sein, dass ich gerade hier unterwegs war. Sonst wärste nu<br />

nen Spinnensnack geworden.“<br />

- 253 -


Etwas ungläubig sah die Schamanin endlich zu der Trolljägerin, die auf<br />

sie zu schritt. Ihre Lederkleidung war eng, betonte jedoch ihr überaus<br />

breites Becken noch mehr, als es bei Trolldamen eh schon der Fall war.<br />

Ihr Haar war zu einem Zopf gebunden und fiel nach hinten und damit<br />

einen Köcher, den sie, trotz ihrer Flinte, dort trug.<br />

„Wo wolltet ihr eigentlich grad hin? Im Schergrad is der Teufel los <strong>–</strong><br />

jede Menge Dämonen sind da aufgetaucht, Mann.“<br />

Jetzt endlich fand auch Sophilia wieder das Wort, erwachte aus der<br />

Starre, die ihren Blick noch immer starr nach vorn hatte blicken lassen.<br />

Sie sah die Jägerin zuerst dankend an, deutete dann nach Norden.<br />

„Verzeiht meine Manieren. Ich möchte mich zuerst vorstellen. Mein<br />

Name ist Sophilia, Schamanin im <strong>Die</strong>nste des Kriegshäuptlings und<br />

Herold der Horde. Wir sind auf der Suche nach einem der Unsrigen. Ein<br />

Vertreter der Verlassenen, verschwunden in dieser Welt und vermutlich<br />

irgendwo in Nethersturm befindlich.“ erklärte die Schamanin.<br />

<strong>Die</strong> Jägerin nickte. „Roxxy. Und hey, is ne miese Idee, nach<br />

Nethersturm gehen zu wollen. Nen paar Irre Blutelfen auf Drachen<br />

haben die Brücke gesprengt, Mann. Gibt keinen Landweg mehr<br />

rüber.“ erklärte die Jägerin, einige Schritte auf die drei zu gehend. Just<br />

in diesem Augenblick bemerkte sie auch, wie zwei Augen sie fixiert<br />

hielten. Ihr Blick traf eben selbige....und ein leichtes Kribbeln zog durch<br />

die Luft.<br />

„Das ist in der Tat ärgerlich. Wir sollten den Weg nach Shattrath zurück<br />

gehen, fragen, ob es einen Luftweg in eine der Städte in Nethersturm<br />

gibt. Kommt, wir sollten keine Zeit verlieren.“ sagte Sophilia, machte<br />

auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung südlicher Höhlenausgang.<br />

Barra folgte ihr zwei Schritte, blieb dann stehen und sah zu ihrem<br />

kleinen Bruder.<br />

Der Stand noch immer unbewegt auf seinem Platz, blickte in die<br />

Augen der Trolljägerin und diese in Seine. Das die beiden mit dem Blick<br />

mehr austauschten als lediglich die Erkenntnis, welche Rüstungsteile sie<br />

wohl gerade trugen, war mehr als offensichtlich.<br />

„Beweg dich Kleiner. Bevor die Spinnen kommen. Turteln kannste<br />

woanders, Mann.“ zischte Barra, ihren Bruder mit einer ordentlichen<br />

Backpfeife zurück in die normale Welt holend.<br />

- 254 -


<strong>Die</strong> Berge starrten beängstigend auf die beiden Eindringlinge herab.<br />

Nachtschwarz waren sie...na ja...der Name „Schattenmondtal“ kam ja<br />

schließlich nicht von ungefähr. Außerdem schien es, als sei die Legion<br />

hier weitaus aktiver, als sonst überall. Höllenbestien gingen an den<br />

Seiten der Wege entlang, brandeten auf einen der Außenposten der<br />

Horde ein wie Regentropfen, duellierten sich mit Wachen und<br />

Magiern, die sich alle Mühe gaben, die Position zu halten, einen<br />

Dämon zu erschlagen, während drei weitere auftauchten. Nein, das<br />

hier war kein angenehmer Ort für einen Urlaub. Jedenfalls nicht für<br />

Braunpelz, der diese Region ganz und gar nicht zusagte. Vadarassar<br />

hingegen blickte mit leichter Sehnsucht auf die Dämonenhorden,<br />

dann die sprudelnden Vulkanfontänen in einiger Entfernung.<br />

Für ihn war diese Gegend wie geschaffen. Balsam für seine dunkle<br />

Seele und ganz besonders nach diesem kitschigen Wald sowie der viel<br />

zu hellen, lichtdurchfluteten Stadt, in der sie sich getrennt hatten. Hier<br />

und in diesem Posten würden sie fragen, ob jemand etwas von einem<br />

Untoten Magier gehört hatte.<br />

Der Kommandeur der Garde war Vadarassar leider nur zu bekannt. Es<br />

war eben jener Sturkopf der Orcs, der auch schon in Steinard die<br />

Nerven des <strong>Hexenmeisters</strong> enorm strapaziert hatte. Und er stand<br />

geradewegs im Eingang des Hordestützpunktes, versperrte den<br />

beiden den Weg hinein.<br />

„Da sieh mal einer an, welche Fliege sich von dem Dreck angezogen<br />

fühlt.“ grummelte der Gardekommandeur den Hexenmeister an, die<br />

Mundwinkel dabei noch tiefer ziehend, als es seine Gesichtsmuskeln<br />

üblicherweise möglich machten.<br />

„Zu schade. Ich hatte gehofft, Steinard wäre überrannt worden, als<br />

das dunkle Portal geöffnet wurde.“ groll Vadarassar im<br />

Näherkommen, als wolle er durch den Gardisten hindurch gehen.<br />

Doch dieser machte nicht einmal ansatzweise Platz, ergriff den<br />

Hexenmeister stattdessen am Kragen und hielt ihn fest.<br />

„Das wir die Positionen halten konnten, ist nicht der Verdienst<br />

d<strong>eines</strong>gleichen. Und ganz besonders DU bist mir ein Dorn im Auge,<br />

Nachtgewächs. Verzieh dich wieder in das Loch, aus dem du<br />

gekrochen bist, oder ich...“<br />

Seinen Satz brachte er nicht zu Ende, denn Vadarassar hatte<br />

seinerseits eine Hand auf die gelegt, die ihn am Kragen festhielt. Wie<br />

Schimmel wuchs ein rötlicher Belag die Hand entlang den Arm nach<br />

oben, verbreitete ein schreckliches Brennen und das Gefühl, die Hand<br />

- 255 -


würde dem Gardisten noch im Plattenhandschuh verfaulen. Ruckartig<br />

riß er sie los und taumelte zwei Schritte zurück, während das<br />

Anwachsen des roten Glühens zunahm. Zwei Wachen an den<br />

Toreingängen lockerten ihre Waffen, bereit, den Hexenmeister<br />

kurzerhand in handlichen Orcaufschnitt zu verwandeln.<br />

„Vada, bitte beruhig dich wieder.“ sagte eine sanfte Stimme, gefolgt<br />

von einer felligen Hand, die sich auf seine Schulter legte. Schlagartig<br />

verschwand das rote Glühen am Arm des Kommandanten, wanderte<br />

der Blick des <strong>Hexenmeisters</strong> zu der Taurendruidin, die neben ihm stand<br />

und mit ihren großen Augen wie ein kl<strong>eines</strong>, verängstigtes Kind auf den<br />

Orc wirkte.<br />

„Er wird uns hinein lassen, da ihm klar ist, dass wir nur Informationen zur<br />

Verschleppung <strong>eines</strong> unserer Freunde suchen.“ sagte die Taurin dann,<br />

den Blick dabei langsam in Richtung Kommandant richtend. Der<br />

realisierte nur langsam, dass er eben jener Taurin gerade seinen Arm<br />

zu verdanken hatte, trat schließlich zur Seite und ließ die beiden<br />

dennoch eintreten.<br />

Vadarassar grummelte. Er war mittlerweile so schlapp geworden, dass<br />

er sich von einer Druidin in seinen Flüchen unterbrechen ließ. Was für<br />

ein Waschlappen!<br />

Area 52 lag in Trümmern. Überall brannten kleine und große Feuer, war<br />

dort, wo vorher wilde Basteleien und das Geklimper vieler Hämmer<br />

und sonstiger Werkzeuge zu hören war, nur das Feuer das einzige<br />

Geräusch, das die vollständige Ruhe unterbrach.<br />

„Ich denke die Goblinwache dort vorne wurde getötet.“ stellte Tayury<br />

mit einem Blick in Richtung Eingang fest.<br />

„Woher diese Weisheit, Schwarze? Hat dir das die Erdenmutter gefl....“<br />

Weiter kam er nicht, denn gerade in diesem Moment knallte schon<br />

eine rüstungsbewehrte Faust auf seinen Kopf, brachte seine<br />

Gedanken und seine Frisur durcheinander.<br />

„Ich habe dir etwas gesagt! Und nein, ich denke nur, dass eine Axt im<br />

Schädel wenig gesundheitsfördernd ist.“ grummelte sie, kurz darauf<br />

einen großen, schwarzen Dämon aus dem Eingang schreitend. An<br />

seiner Seite standen zwei Blutelfen in ebenfalls dunklen Rüstungen,<br />

musterten die Umgebung.<br />

- 256 -


So schnell sie konnte duckte sich die Taurin, riß in dieser Bewegung<br />

den sich noch immer den Kopf reibenden Bwalkazz kurzerhand mit auf<br />

den Boden, drückte sein Gesicht in den Dreck.<br />

Mit einem schmatzenden Geräusch versuchte sich dieser gegen die<br />

schroffe Behandlung zu wehren, wurde von dem festen Griff der Taurin<br />

aber nur noch kräftiger in den Boden gedrückt. Erst als der Dämon<br />

samt Leibgarde verschwunden war, hob sie den Untoten wieder auf<br />

und in ihre Gesichtshöhe.<br />

Wütend spie Bwalkazz einige Erdbrocken aus und in Richtung der<br />

Taurin, ehe er ihr einen eiskalten Blick zuwarf.<br />

„Was sollte das denn? Ich habe doch nichts gesagt.“<br />

„Wolltest du aber. Und du hättest uns verraten. Wir müssen hier weg.“<br />

stellte die Taurin grummelnd fest.<br />

„Ach? Und wohin bitte? <strong>Die</strong> Brücke ist kaputt, wenn ich dich erinnern<br />

darf.“ mahnte Bwalkazz, die Arme verschränkend und abermals seine<br />

total verdreckte und zerfetzte Robe mit einem Stoßseufzer einfach so<br />

akzeptierend wie sie war. Naja....vielleicht würde sie durch den vielen<br />

Netherstaub ja etwas Extramagie erhalten. Schließlich stank hier die<br />

gesamte Umgebung nach magischer Energie.<br />

<strong>Die</strong> Taurin zeigte nach Nordosten. Dort zeichnete sich, ziemlich weit<br />

am Horizont, eine Art Kuppelbau ab.<br />

„<strong>Die</strong> Biosphären. Der Prinz von den Astralen hat mir was angeboten.<br />

Zeit, das Angebot anzunehmen.“ grummelte die Taurin, selbige Worte<br />

mit so wenig Begeisterung wie nur irgend möglich aussprechend.<br />

Dann stand sie schon auf, schleifte den Magier die ersten Schritte<br />

einfach mit sich, ehe sie dann zusammen in die Richtung gingen.<br />

<strong>Die</strong>smal allerdings deutlich schneller als die Tage zuvor <strong>–</strong> denn diesmal<br />

spürten sie, dass ihnen jemand auf den Fersen war.<br />

- 257 -


Kapitel 43 <strong>–</strong> Flucht durch eine andere Welt<br />

<strong>Die</strong> ehemals so wunderschön eingerichtete Taverne war mittlerweile<br />

nur noch ein Schlachtfeld. Ein metergroßes Loch klaffte in der Decke,<br />

Trümmer lagen an allen Orten. Einige der Gäste inklusive dem Gastwirt<br />

waren durch die schweren Steinbrocken erschlagen worden, andere<br />

nur eingeklemmt und dann von Schwertern und Äxten der Dämonen<br />

von ihrem langsam dahinsiechenden Schicksal erlöst worden. Einen<br />

der Goblins hatte es weniger gut getroffen. <strong>Die</strong> Hälfte s<strong>eines</strong> Gesichts<br />

war schon verbrannt, der rechte Arm mehrfach gebrochen und <strong>eines</strong><br />

seiner Beine hatte er in der Attacke der Netherdrachen nebst ihrer<br />

Reiter verloren. Nun hing er hier, fest verschnürt an einem der wenigen<br />

Pfosten, die noch intakt waren und erwartete sein langsames,<br />

qualvolles Ende.<br />

„Ich frage dich jetzt zum letzten Mal, du Wurm. Hast du diesen Untoten<br />

Magier gesehen und wenn ja wann, wo und wohin ist er gegangen?“<br />

fragte ein Blutelf, der sich vor dem Goblin aufgebaut hatte, einen<br />

Dolch an dessen Kehle hielt.<br />

Fargoth war noch nicht lange unter den Gefolgsleuten von Illidan.<br />

Eigentlich war er in diese Lande gekommen, um seine Kenntnisse des<br />

Dämonischen auszubauen, ihre Kräfte noch besser benutzen zu<br />

können und damit noch viel stärker zu werden. Doch seine Jugend<br />

und seine Gier nach Macht hatten den Blutelfhexenmeister noch mehr<br />

korrumpiert als das mit seinem Volk eh schon geschehen war. Nur zu<br />

begierig hatte er die Versprechungen von Illidan, einen Zugang zu<br />

nahezu grenzenloser Macht, einen nicht versiegen sollenden Strom<br />

von Mana zu erhalten, angenommen. Es waren nicht viele Monde<br />

vergangen, seit dieser Pakt geschlossen wurde. Und noch immer war<br />

Fargoth ein Initiant, jedoch würde er sich beweisen und bald schon in<br />

die höheren Zirkel des Dämonenjägers aufsteigen, von ihm respektiert<br />

und geachtet werden. Bald, sehr bald schon...und mit dem Auffinden<br />

dieses elenden Untoten Magiers würde er beginnen.<br />

„Ich...ich weiß nicht, wovon ihr sprecht ich...“ stammelte der Goblin,<br />

dem der Dolch langsam immer fester auf den Hals gedrückt wurde.<br />

Dann jedoch besann sich Fargoth, begriff, dass er dem Goblin das<br />

Ende so viel zu früh bringen würde, zog den Dolch zurück und rammte<br />

ihn stattdessen mit aller Kraft in die rechte Schulter des Goblins. Ein<br />

lautes, verzweifeltes Aufschreien groll durch die Ruine, ließ Staub herab<br />

und auf die Robe von Fargoth rieseln. Doch es kümmerte ihn nicht.<br />

Seine glühend grünen Augen fixierten nur den Goblin, starrten ihn<br />

- 258 -


öse an, während eine seiner Hände auf dessen Stirn gelegt war und<br />

langsam, ganz langsam, die Kraft des Goblins absaugte.<br />

„Ich werde ungeduldig. Jetzt sag mir schon, was du weißt. Sonst lernst<br />

du die Welt der Schmerzen im Übermaß kennen.“ zischte der<br />

Blutelfhexenmeister, den Dolch in der Wunde langsam drehend.<br />

„JAAAUUUUUUUUUU....ICH REDE....ich rede ja schon....“ brüllte der<br />

Goblin vor Schmerzen auf.<br />

„Er...er kam mit....einer Taurin....einer<br />

schwarzen...Taurin....Schamanin.....wollten....zu ihr....nach<br />

Hause.....Thunder Bluff.....über....Shattrath....vor zwei...Tagen....“<br />

stammelte der Goblin gepresst, die Schmerzen noch immer zu<br />

unterdrücken versuchend. Vergeblich <strong>–</strong> sie waren einfach zu schlimm.<br />

Für Fargoth reichte die Information. Der Untote lebte also, hatte sogar<br />

Begleitung. Doch da die Brücke schon vorgestern zerstört worden war,<br />

würden sich die beiden noch in Nethersturm aufhalten. Hier kämen sie<br />

nicht mehr lebend weg. Das war alles, was Rakh’Gor würde wissen<br />

müssen. Und das er diese Information besorgt hatte, die kein anderer<br />

vor ihm erlangen konnte, würde Fargoth als deutlich positives Zeichen<br />

für sich vermerken können.<br />

Dann richtete er seine Sinne wieder auf den Goblin. „Für dich habe ich<br />

keine Verwendung mehr.“ sagte er trocken, rammte den Dolch in den<br />

Bauch des Goblins und sog dann langsam alle Energie, die er<br />

bekommen konnte, von dem kleinen Goblinkörper in sich auf. <strong>Die</strong>ser<br />

schrie noch gequält, fühlte aber, wie ihm die Kraft zum schreien mit<br />

jeder Sekunde schwand. Schließlich hing nur noch ein welker Körper<br />

an dem Pfeiler, kalkblass, schwach, das Herz und die Atmung nicht<br />

mehr vorhanden. Nicht einmal mehr Blut tropfte aus den Wunden, die<br />

der Hexenmeister in den Körper geschlagen hatte. Fargoth hingegen<br />

glühte geradezu vor Energie, fühlte sich erfrischt und wieder um Jahre<br />

jünger.<br />

Mit einem siegessicheren Grinsen, schließlich eine wertvolle<br />

Information für seinen Gebieter erlangt zu haben, verließ er die<br />

Trümmer der Taverne.<br />

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich so viel rennen muss, hätte ich mir<br />

die Beine <strong>eines</strong> Athleten zugelegt.“ ächzte Bwalkazz, als sie die eine<br />

Kuppel fast erreicht hatten. Auch Tayury schnaufte mittlerweile, war<br />

die Hatz sonst offensichtlich nicht gewohnt. Tief innerlich grummelte sie<br />

tief, wieso sie diesen dämlichen Untoten nicht einfach bei den<br />

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Dämonen gelassen hatte. Das hätte ihr viel Ärger erspart. Außerdem<br />

würde sie Knie die ganze Rennerei sicher bald büßen lassen. Zwar<br />

spürte sie noch kein Pochen, doch das musste nichts bedeuten.<br />

„Halt die Klappe und lauf lieber!“ machte sie sich ihrem Unmut freie<br />

Luft. Es würde noch weit, sehr weit sein, bis sie bei dem Nexusprinzen<br />

ankommen würden. Doch innerhalb der Biosphären waren sie<br />

wahrscheinlich erst einmal relativ sicher. Vermutlich zumindest.<br />

Bwalkazz blieb vor der Außenseite der Kuppel stehen, betrachtete sie<br />

eingehend. „Was...soll das denn sein?“ fragte er die Taurin.<br />

„Quatsch nicht, beweg dich!“ schnaubte die, holte aus und verpasste<br />

Bwalkazz kurzerhand einen Tritt, der ihn nach vorne stolpern und nicht<br />

im Dreck, sondern in hohem, weichen Gras landen ließ. Sie folgte dicht<br />

hinter ihm, zog ihn am Kragen wieder auf die Beine und spornte ihn<br />

erneut an, weiter zu laufen.<br />

„Wie weit ist es denn noch?“ ächzte Bwalkazz, dessen geschundener<br />

Körper deutlichst nach einer Pause verlangte.<br />

„Noch sehr weit. Also beeil dich lieber, wenn du leben willst.“<br />

Ein ironisches Lächeln zog über die Lippen des Magiers. Er und<br />

leben...das war einmal. Doch leiden wollte er auch nicht wieder <strong>–</strong> und<br />

sich mit dieser Meckertaurin auf eine Diskussion einzulassen war so<br />

sinnvoll wie mit einem Felsbrocken zu streiten, wer zur Seite gehen solle.<br />

Also folgte er ihr wieder, verfluchte seine Knochen und deren Trägheit<br />

noch im Gehen.<br />

„Also Roxxy is dein Name, eh?” pfiff Teborasque im Gehen der<br />

Trolldame zu. „Angenehm. Nenn mich Tebo. Bin auch nen Jäger <strong>–</strong><br />

genau wie du.“<br />

„Ja, das sieht man.“ säuselte sie zurück, dicht neben Tebo her<br />

gehend. „Was is das eigentlich für nen Freund, den ihr da sucht?“<br />

fragte sie interessiert.<br />

„Nen Untoter Magier. Aber nich so viel von ihm <strong>–</strong> was is mit dir? Wieso<br />

biste denn so allein hier?“<br />

„Na...weil ich allein bin. Deshalb.“ antwortete Roxxy, ihre Nase in<br />

diesem Moment hebend und zur Seite blickend. Tebo reagierte<br />

- 260 -


prompt, legte einen Arm um ihre Schulter und ließ die Hand<br />

kurzerhand knapp über ihrer Oberweite zum Ruhen kommen.<br />

„Ey!“ reagierte Roxxy, watschte Tebo eine und streckte ihn, der<br />

gänzlich überrascht war, erfolgreich auf den Boden nieder. „Ich geb<br />

das Tempo vor, Mann!“ motzte sie, dann kurzerhand auf ihn drauf<br />

springend.<br />

Sophilia und Barra verdrehten gleichzeitig die Augen, gingen<br />

anstandslos weiter.<br />

„Ohh neee, Mann. <strong>Die</strong> beiden können wir heute abschreiben.“ zischte<br />

Barra die Orcin an.<br />

„Du meinst, weil sie sich jetzt streiten werden?“ fragte Sophilia<br />

verwundert.<br />

„Du hast nich viel Erfahrung mit Trollen, wa?“ meinte Barra, zog ihre<br />

Kappe etwas tiefer ins Gesicht und verschränkte dann die Arme.<br />

„<strong>Die</strong> beiden sind wieder hier in den Marschen und bei den Sporen.<br />

Und das da sind die Anfänge des Paarungsrituals. Das dauert, Mann.“<br />

meinte sie, bei den Worten und den Gedanken, die ihr dabei in den<br />

Sinn kamen, leicht rot anlaufend. Nur Augenblicke nach ihren Worten<br />

flogen schon die Gewehre, Munitionsbeutel, Stiefelschäfte, die<br />

Rüstungen und auch die Hosen in Richtung der beiden Damen und sie<br />

hörten ein feuchtes Klatschen von den beiden, wie sie sich durch den<br />

Sumpf rollten und einander mit Bissen, Kratzern und jeder Menge<br />

Dingen, die nur Trolle wirklich tun oder verstehen konnten, noch mehr<br />

in Ekstase brachten.<br />

Sophilia und Barra blieb nichts anderes übrig, als beschämt in eine<br />

andere Richtung zu sehen und die Geräuschkulisse, die sich kurz<br />

darauf aufbaute, so gut es ging auszublenden.<br />

„In der Tat habe ich einen Untoten hier in diesen Landen gespürt.<br />

Einen, der gefangen gehalten und gequält wurde.“ sagte die alte<br />

Taurin, die an einem Feuer saß und zu den beiden Besuchern hinauf<br />

blickte.<br />

„Das Land hat ihn erkannt, für ihn um Hilfe gerufen, doch niemand<br />

schien den Hilfeschrei zu hören. Jetzt jedoch, da die Rufe verstummt<br />

sind, kommt ihr, ihn zu suchen. Ein Zufall, vielleicht ein Glücksfall. Doch<br />

der Untote ist nicht hier. Nicht mehr. Er verschwand vor einigen<br />

Nächten.“<br />

- 261 -


Vadarassar nickte finster. Sie waren also zu spät...hoffentlich war<br />

Bwalkazz nichts zugestoßen. Eine Hoffnung, die durch das gerade<br />

Gesagte eher ein zynischer Funken denn wirklich Wahrheit gewesen<br />

war. Wenn er denn noch lebte, dann sicher nicht mehr im<br />

Schattenmondtal.<br />

„Wo wurde er denn gefangen gehalten? Kann es sein, dass man ihn<br />

nur an einen Ort gebracht hat, wo ihn das Land nicht mehr spüren<br />

könnte? Ein Ort, den es vielleicht fürchtet?“ fragte Braunpelz ihre<br />

Artgenossin mit einer Sicherheit, die der alten Taurendame zeigte, dass<br />

Braunpelz, obwohl sie noch sehr jung war, die Umstände der Natur<br />

sehr wohl verstand. Denn selbst das Leben und die Länder, die Bäume,<br />

Gräser und sogar die Pilze fürchten sich vor bestimmten Dingen. Das<br />

war auch der Grund, weshalb rings um das Dunkle Portal nie wieder<br />

etwas gewachsen war: <strong>Die</strong> Natur fürchtete sich vor dem Bösen, das<br />

aus dem Portal einstmals gekommen war und vielleicht wieder<br />

kommen würde.<br />

<strong>Die</strong> alte Taurin blickte auf, deutete dann gen Osten.<br />

„Dort <strong>–</strong> weit im Südosten, liegt ein schwarzer Tempel. Seine Anhöhen<br />

sind verflucht, seit der dunkle Lord eingetroffen ist. Niemand sollte sie<br />

betreten, so dieser sein Leben zu behalten wünscht.“<br />

Bingo. Genau dort würde Bwalkazz sicher festgehalten, wenn er denn<br />

noch am Leben war.<br />

Schnell verabschiedeten sich die beiden, sahen einander an und<br />

nickten sich zu: Dort, in diesem Tempel musste Bwalkazz festgehalten<br />

werden. Das er hier gewesen war, war eindeutig. Also machten sie<br />

sich auf den Weg, eben jenen Tempel ausfindig zu machen.<br />

- 262 -


Kapitel 44 <strong>–</strong> Verrat unter Verbündeten<br />

<strong>Die</strong> riesigen Kuppeln waren beeindruckend. Kaum hatte man diese in<br />

einem dunklen Lila schimmernden Gebilde betreten, die von einer<br />

wirren Konstruktion aus magischen Prismen, Rohrleitungen und<br />

Materialien, die Bwalkazz gänzlich unbekannt waren, schien man in<br />

einer komplett anderen Welt umher zu laufen. Anders als in der kargen<br />

Wüste draußen blühte hier das Leben. Wasserquellen sprudelten,<br />

Raptoren und die unterschiedlichsten anderen Tiere liefen umher,<br />

kleine Falter saßen auf den mit Morgentau bedeckten Friedenblumen<br />

und futterten dort den süßen Nektar. Es war verblüffend <strong>–</strong> so viel<br />

Leben, als wäre man inmitten des Dschungels von Stranglethorn.<br />

Eine idyllische Atmosphäre...wenn man der Typ für so etwas war.<br />

Bwalkazz indes war genau so etwas nicht, freute sich aber über die<br />

farbliche Abwechslung zum ständigen Dunkelgrau der Wüste.<br />

Dann, inmitten dieser riesigen Kuppel, ragte eine Anhöhe nach oben,<br />

ein Felsplateau, das dem von Thunder Bluff alle Ehre gemacht hätte.<br />

Und genau wie in der Taurenstadt waren es magische Podeste, die<br />

stets zwischen oben und unten verkehrten, die Besucher von der<br />

Bodenebene nach oben trugen.<br />

„Dort ist es. Beweg dich, gleich sind wir da.“ spornte die schwarze<br />

Taurin den Untoten grimmig an. Doch der Magier war mittlerweile<br />

erschöpft, trug sich nur noch gerade so und schlapp auf die<br />

Transportplattform. Schlaf <strong>–</strong> er brauchte jetzt Schlaf. So ironisch es<br />

klang, doch selbst bereits tote Wesen wie er brauchten noch jene<br />

Eigenheit, die sonst den Lebenden vorbehalten war. Den Grund<br />

konnte er sich nicht erklären <strong>–</strong> für so etwas waren schließlich die<br />

Apotheker in Undercity da. Er wusste nur, was er selbst fühlte. Und<br />

eben das war eine unglaubliche Müdigkeit.<br />

„Jetzt beweg dich endlich. Wir sind ja gleich da. Dann kannst du<br />

deine Knochen wieder in deinen Sarg legen. Oder willst du hier direkt<br />

beerdigt werden?“ grummelte Tay.<br />

Bwalkazz antwortete nicht, folgte ihr einfach nur. Natürlich war sie<br />

auch erschöpft, waren sie doch zwei Tage und Nächte durch<br />

gelaufen, ohne Rast und ohne Pause. Das hätte zum einen zu lange<br />

gedauert und zum anderen hätte es das Risiko gehabt, von der<br />

Legion oder diesen Wahnsinnigen Blutelfen erwischt zu werden. Keine<br />

schöne Vorstellung, die sie die ganze Zeit über begleitet und<br />

angespornt hatte, ihr Äußerstes zu geben. Doch nun waren ihre Kräfte<br />

- 263 -


versiegt, schleppte sie nur noch ihr eiserner Wille auf <strong>eines</strong> der großen<br />

Gebäude zu. Dort, in eben jenem Gebäude, standen schon zwei<br />

Astrale Wachen, hielten die beiden zuerst auf, ehe sie die Taurin<br />

erkannten.<br />

„Ahhh, sieh einer an. <strong>Die</strong> Kriegerkuh kehrt zurück. Es freut mich, dich<br />

ein weiteres Mal in meinem Heim begrüßen zu dürfen, Tayury.“ flüsterte<br />

ein Hologramm in der Mitte des Raumes in einer derart fremdartigen<br />

Art und Weise, dass es Bwalkazz siedend heiss das Rückgrad herab<br />

floss. <strong>Die</strong>se Astralen hatten eine ganz eigene Art zu sprechen, sehr<br />

abgehackt, mehrfach verzerrt und mit einem Hall dahinter, als wären<br />

sie in einer riesigen Kathedrale. Einige Worte kamen verzögert,<br />

überlappten die anderen und klangen daher unwirklich fern, auch<br />

wenn man direkt vor einem stand.<br />

„Nexusprinz. Ihr habt mir einmal etwas angeboten, was ich ausschlug.<br />

Jedoch benötige ich nun zur Abwechslung eure Hilfe, eben jenes<br />

Angebot.“ sagte die schwarze Taurin so freundlich sie konnte <strong>–</strong> doch<br />

selbst das klang am ehesten wie eine rügende Zurechtweisung <strong>eines</strong><br />

kleinen Kindes, das gerade mit Wachsmalstiften das Bild des<br />

Kriegshäuptlings um einige zusätzliche Bart- und Haaransätze<br />

bereichert hatte.<br />

„Sieh an <strong>–</strong> die Taurin mit dem magischen Desinteresse wünscht meine<br />

Hilfe. Du spielst auf das Portal an, das ich dir einst anbot.“ hallte die<br />

Stimme erneut aus dem Hologramm.<br />

„Das ist richtig. Leider führt kein anderer Weg mehr....“<br />

„Wohl wahr. Wenn die Brücke zerstört ist und die Windreiter nicht mehr<br />

am Leben, ist es zweifellos der einzige Weg zurück nach Shattrath für<br />

dich.“ unterbrach die Astrale Gestalt den schwarzgefellten<br />

Redeschwall.<br />

„Woher...?“ fragte die Taurin, erschrak dann, als Bwalkazz sie mit seiner<br />

knochigen Hand in die Hüfte kniff. Ruppig drehte sie sich um, die Hand<br />

schon zu einer Kopfnuss auf den Untoten erhoben, als sie zum Eingang<br />

blickte und ihr Gesicht schlagartig nach hinten zu kippen schien.<br />

Ein riesiger Dämon stand dort im Eingang, flankiert von zwei<br />

Blutelfenwachen. Das Grinsen in der tief roten, dämonischen Fratze<br />

war fast so breit, dass er nicht durch den Eingang gepasst hätte. Und<br />

auf das verblüffte, schockierte Gesicht der Taurin reagierte er mit<br />

einem finsteren Lachanfall, der die Wände erzittern ließ.<br />

- 264 -


„Haben wir dich am Ende doch noch erwischt, du totes Stück Fleisch.<br />

Und du hast dir eine Begleiterin gesucht, wie es aussieht. Wie<br />

bedauerlich für sie.“ groll der Dämon, sah zugleich das Hologramm<br />

hinter ihr flimmern.<br />

„Ihr kamt zu mir, weil ihr einen Untoten begehrtet. Er sei euer, jedoch<br />

nicht seine Gefährtin. <strong>Die</strong>se steht in meiner Schuld.“ echote der<br />

Nexusprinz, gab ein Zeichen und ließ zugleich seine Wachen an ihre<br />

Seiten gleiten.<br />

„Rede nicht so eingebildet, Prinz! Wenn du dich gegen den dunklen<br />

Lord stellen willst, dann wirst du schneller aus diesen Landen radiert als<br />

die elenden Goblins! Und jetzt gib sie heraus! Sie wird ebenso wie er zu<br />

unserem Herrn gebracht werden. Er wird über ihr Schicksal<br />

entscheiden.“<br />

Einen Moment lang herrschte Stille. Bwalkazz starrte Tayury an, die<br />

blickte kühl zurück, fühlte unter ihrer dicken Schale irgendwo doch<br />

gewisses Mitleid für den Untoten. Doch ihre Gedanken wurden von<br />

zwei astralen Armen unterbrochen, die sie packten und nach hinten<br />

schleiften.<br />

„Ich habe meine Entscheidung getroffen. Der Kodex muss eingehalten<br />

werden!“ hallte es erneut. Dann begann das mechanische Portal zu<br />

glühen, waberte leicht, als wäre die Oberfläche aus Wasser.<br />

„Nein! Ich werde nicht gehen! Lasst mich los ihr verdammten<br />

Energiedinger, sonst schlage ich eure Hel....“ brachte die Taurin noch<br />

hervor, wurde dann aber in ihrem wütenden Gekeife unterbrochen,<br />

als die beiden sie schlicht durch das Portal hindurch warfen.<br />

„Und dann bin ich auf meinem Raptor einfach mitten durch die<br />

Legion gestürmt. Mann, haben die da gegafft, als Pok’Lok dem<br />

Kommandeur der Kerle durchs Gesicht gelatscht ist!“ erzählte Roxxy<br />

mit einem breiten Grinsen, Tebo einen Ellenbogenstoß in die Rippen<br />

verpassend. Der grinste seinerseits nur ebenfalls breit, strich mit einer<br />

Hand durch ihr Haar, mit der anderen durch das Fell s<strong>eines</strong> Geparden,<br />

der dicht neben ihm her ging. Eine gewisse Eifersucht war in dem<br />

Gesicht der Katze zu erkennen, hatte sie doch zugesehen, wie diese<br />

beiden Trolle mehr als nur Freundschaft für sich empfanden.<br />

„Boah Mann, das war ja wirklich schrill.“ bestätigte Teborasque die<br />

Trolldame, die daraufhin nur laut und kehlig lachte.<br />

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„Ne Mann, das war noch gar nix. Du hättest mich mal sehen sollen,<br />

wie ich diese dämlichen Häscher verarscht hab. Das Riesending wollte<br />

mich doch glatt zertreten <strong>–</strong> stattdessen hab ich’s in die Allianzfestung<br />

gelockt. Boah <strong>–</strong> haben die sich über den Besuch gefreut. Und danach<br />

gabs einigen Schrott mehr.“ feierte sie ihre Glanzleistung.<br />

Barra verdrehte die Augen. Normalerweise waren es ja die Männchen,<br />

die mit irgendwelchen hirnfreien Aktionen die Damen beeindruckten.<br />

Doch diese....Tussi war so schrill und abgedreht, die hatte den Spieß<br />

kurzerhand umgedreht. Seit nicht weniger als NEUN Stunden redete<br />

die Trolljägerin ohne Punkt und Komma von den absurdesten und<br />

lebensmüdesten Aktionen, die sie wohl nur aufgrund einer Legion<br />

Schutzengel überlebt hatte. Was ihr Bruder an ihr fand, konnte sie sich<br />

nicht erklären. Doch seit der ersten Minute, in der sie sich gesehen und<br />

unterhalten hatten, waren sie nicht mehr voneinander zu trennen. Es<br />

gab Momente, da hätte sie dieser Trine am liebsten einen Dolch in<br />

den Rücken gerammt, jedoch waren die nicht lang genug, um sie<br />

Wirklichkeit werden zu lassen.<br />

Wenigstens war mittlerweile das Gasthaus von Shattrath in Sicht. Hier<br />

würden die Vier nach einem Windreiter in Richtung Nethersturm<br />

fragen. Schließlich war dort sicher ihr Freund irgendwo <strong>–</strong> hofften sie<br />

jedenfalls.<br />

„Ich habe mit dem Gastwirt gesprochen. Er ist in der Lage und bereit,<br />

uns zwei Windreiter zu organisieren, auf das wir mit ihnen dorthin<br />

fliegen, wo wir hin wünschen. Nethersturm wäre in diesem Falle einen<br />

Tag mit selbigen entfernt.“ erklärte Sophilia den versammelten Trollen,<br />

von denen lediglich die Jäger kaum etwas mitbekamen. Zu vertieft<br />

waren sie in ihre Turtelei.<br />

Eine arkane Explosion riß sie mit einem Schlag von den Beinen,<br />

schleuderte sie einige Meter zur Seite und ließ die Wachen ringsum ihre<br />

Waffen ziehen. Zwar war es dank der Macht von Al’Dal der Legion<br />

nicht möglich, in Shattrath einzudringen, jedoch gab es noch mehr als<br />

genug andere böse Kreaturen auf dieser Welt, die den Frieden zu<br />

stören als ihr Ziel hatten. Entsprechend deutlich und vehement waren<br />

die Wachen bereit, gegen den Eindringling vorzugehen.<br />

„...me ein und reiße euch die Köpfe ab!“ brüllte eine schwarze Kuh, in<br />

diesem Moment realisierend, dass ihre Arme nicht mehr durch etwas<br />

gehalten wurden. Schlagartig griff sie nach ihrem Streitkolben, bereit,<br />

ihren scheinbaren Häschern den Gar aus zu machen. Das<br />

interpretierten die Wachen wohl als Bedrohung, schritten mit ebenfalls<br />

gezogenen Waffen auf sie zu.<br />

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<strong>Die</strong> Taurin war mehr als verdutzt, mit einem Mal von derartigen<br />

Wachen umringt zu stehen. Doch statt ihre friedlichen Absichten zu<br />

bekunden und ihre Waffe zu senken hob sie ihre Stimme und<br />

schnauzte die Wachen an.<br />

„Was soll der Mist ihr Möchtegernblechdosen? Habt ihr keine<br />

Konservenfabrik, wo ihr als leere Kessel gebraucht werdet?!“ groll sie,<br />

die Wachen eine nach der anderen ansehend. <strong>Die</strong> starrten einander<br />

nur an, verstanden wohl nicht, was die Taurin damit gemeint haben<br />

konnte. Zögerlich ließen sie zuerst ihre Waffen sinken, hoben sie dann<br />

aber wieder, um weiter auf die Taurin zu zu gehen.<br />

„Haltet ein, ehrenhafte Stadtwachen. Ich möchte euch versichern,<br />

dass von dieser, meiner Schwester keine Gefahr ausgehen wird.“<br />

mischte sich sogleich Sophilia ein, ging einen Schritt auf die schwarze<br />

Taurin zu, die sie direkt als ebenfalls schamanistische Schülerin erkannt<br />

hatte.<br />

<strong>Die</strong>se Nachricht verstanden die wachen, nickten der Orcschamanin<br />

zu und steckten ihre Waffen weg. Nur zu <strong>–</strong> sollte die sich mit der dicken<br />

Kuh beschäftigen. Abgesehen davon hatte es gerade vor zwei<br />

Minuten zum Essen fassen geläutet. Folglich nickten sie nur kurz,<br />

drehten sich um und verschwanden in Richtung der<br />

Truppenversorgung.<br />

<strong>Die</strong> Taurin gaffte den mit einem Mal verschwindenden Wachen<br />

sprachlos hinterher, sah dann zu der Orcfrau, die auf sie zu ging.<br />

„Wer soll meine Schwester sein? Etwa du halbe Portion?“ groll sie, ihren<br />

Hammer nur geringfügig sinken lassend.<br />

Sophilia nickte sachte. „Natürlich. Alle Kinder und <strong>Die</strong>ner der<br />

Erdenmutter sind Brüder und Schwestern. Und ich freue mich, dass du<br />

hier bist, damit ich dich...“<br />

„Ich diene keiner Erdenmutter.“ unterbrach die Taurin mit fester,<br />

grummelnder Stimme. „Ich diene MIR und sonst niemandem.“<br />

„Das wage ich zu bezweifeln. In Anbetracht deiner Erscheinung sehe<br />

ich deutlich, wie sehr du mit der Erdenmutter verbunden bist. Sie<br />

spendet uns Kraft und beschützt uns.“<br />

Jetzt war es soweit <strong>–</strong> die Taurin war richtig wütend. Nicht nur, dass<br />

diese Tussi sie dort ebenfalls als irgendeine Magietrine beschimpft<br />

- 267 -


hatte, nein, sie bestand auch noch auf diesem uralten Schwachsinn,<br />

als wäre es irgendeine abgedrehte Religion.<br />

„Dann zeig doch mal, ob deine Erdenmutter dich auch vor so was<br />

beschützt!“ groll sie, hob mit einem Mal ihren Hammer und schwang<br />

ihn auf Sophilia zu.<br />

Nur die äußerste Spitze des Hammers berührte leicht die Schläfe der<br />

Orcschamanin, als die Taurin von einem Blitz getroffen wurde, ihr<br />

Hammer vor Schreck zu Boden krachte und sie ebenfalls nach hinten<br />

stolperte, über einen losen Stein stolperte und wie ein kl<strong>eines</strong>,<br />

unbeholfenes Kalb auf dem Hintern landete. Eine Welle aus Wut und<br />

Schmerz vermischte sich in ihrem Kopf, ließ alles, was sie sah, nur noch<br />

verschwommen an sie heran kommen. Sie sah nur noch, wie die<br />

Orcdame auf sie zu ging und sie berührte.<br />

„Beruhige dich, Schwester. Auch dich wird die Erdenmutter segnen.<br />

Du musst es nur wollen und daran glauben.“<br />

Eine heilende Welle schwang durch den Körper der Taurin, ließ ihre<br />

Sinne schlagartig zurück kehren. <strong>Die</strong> Schmerzen, sogar ihr dumpf<br />

hämmerndes Knie, verschwanden mit einem Mal, schrumpften zuerst,<br />

um sich dann schließlich inmitten einer kleinen Rauchwolke aus Luft<br />

aufzulösen.<br />

Jetzt erst realisierte sie, wo sie war und was eigentlich passiert war. Und<br />

erneut kochte ihre Wut hoch, ließ sie sich aufrappeln und schnauben.<br />

„Beruhige dich. Du bist hier in Sicherheit.“ beschwichtigte Sophilia die<br />

Taurin, wollte sie so gut es ging zurückhalten.<br />

„Lass mich in Ruhe, du Labertasche. Bwalkazz ist in Händen von<br />

diesem Irren und wird es nicht überleben, wenn ich ihm nicht helfe.“<br />

groll sie, wollte die Orcin wegschlagen. Doch die erstarrte ihrerseits.<br />

Auch die Trolle, ihrer drei, machten noch spitzere Ohren als sonst,<br />

starrten nun auf die Taurin.<br />

„Wer? Wie heißt er, hast du gesagt?“ fragte die Orcschamanin noch<br />

einmal, diesmal ganz langsam.<br />

„Herrje, hast du dir deine Totems in die Ohren gestopft oder wieso<br />

hörst du so schlecht? Bwalkazz, ein Untoter Magier! Er ist von einem<br />

Dämon verschleppt worden und wird nun zu Illidan und seinen<br />

Gefolgsleuten geschleppt.“ groll die Taurin, nun komplett aufstehend,<br />

um sich nach der schnellstmöglichen Richtung aus der Stadt heraus zu<br />

orientieren. Doch noch mitten im Umhersehen hatten sie zwei Hände<br />

- 268 -


ergriffen <strong>–</strong> es waren die Hände zweier der Trolle, die sie mit einem Mal<br />

so kräftig gepackt und ihren Kopf herunter gezogen hatte, dass sie<br />

sich nicht dagegen wehren konnte.<br />

„Wohin? Wo ist er?“ groll Teborasque die Taurin an. „Verrat es uns! Na<br />

los doch!“<br />

Schnaubend schlug die Taurin nach den beiden, wedelte sie weg wie<br />

lästige Fliegen und verschränkte dann die Arme vor der Brust.<br />

„Na wo ist Illidan wohl? Im Schattenmondtal natürlich, du dämlicher<br />

Troll!“<br />

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Kapitel 45 <strong>–</strong> Sanitöter<br />

Einige tote Hölleneber und zwei Dutzend verschmorte, ziemlich<br />

durchgedrehte Blutelfen später waren Vadarassar und Braunpelz<br />

endlich im äußersten Südosten angekommen. Im Gegensatz zu der<br />

Region vorher, die durch eine große, alte und zerschlagene Festung<br />

einen dunklen Schatten auf den Weg geworfen hatte, blickten sie nun<br />

auf ein weites, lediglich von Felsen bewachsenes Feld, über das<br />

Felshetzer huschten. Das wäre ja noch nichts besonderes gewesen,<br />

doch am Himmel über diesen Kristallen flatterten Wesen, die wie aus<br />

einem Traum zu sein schienen. Drachen, deren Gestalt nicht komplett<br />

aus Materie, jedoch auch nicht aus Rauch oder ähnlichem zu<br />

bestehen schienen. Das mussten die Netherdrachen sein, von denen<br />

die beiden schon oft gehört hatten.<br />

„Imposante Viecher, eh?“ brummte Vadarassar, zu Braunpelz<br />

blickend. <strong>Die</strong> nickte nur sachte, wirkte leicht geistesabwesend. Immer<br />

wieder blickte sie sich um, sah auf die Gesteinstrukturen ringsum.<br />

„Ich weiß nicht...das ganze hier...kommt mir irgendwie bekannt vor.“<br />

murmelte die Taurin leise, ihren Blick wieder und wieder zu allen Seiten<br />

hin schweifen lassend.<br />

„Hast du mir irgendwelche Reisen während meiner ‚Arbeit’ vor dem<br />

Dunklen Portal verschwiegen?“ fragte Vadarassar, dabei ein leichtes<br />

Grinsen auflegend. Er wusste, dass die Frage dumm war, schließlich<br />

war das Portal noch nicht lange genug offen, um diese Gegenden<br />

hier überhaupt ansatzweise erkunden zu können. Doch es änderte an<br />

ihrer Meinung nichts <strong>–</strong> Braunpelz ging langsamer, sah sich immer<br />

wieder um, ging schließlich sogar zu einer kleinen Felsformation neben<br />

der Straße und berührte sie.<br />

„Das hier kommt mir WIRKLICH bekannt vor. Ich weiß nur nicht....“<br />

murmelte sie wieder, stockte dann, als die Erinnerung langsam zurück<br />

kam.<br />

Ihre Augen weiteten sich schlagartig. Jetzt wusste sie, woher sie diese<br />

Gegend kannte. Ja, es war aus der Vision, die sie gemeinsam gehabt<br />

hatten. Jene Vision mit einem Kampf zwischen zwei Drachen. Hier in<br />

dieser Gegend hatten sie gestanden....vielleicht wäre...nein...das war<br />

doch nur eine Illusion.<br />

„So, du denkst das war nur eine Illusion, richtig?“ fragte eine karge, alt<br />

klingende Stimme vorlaut hinter ihr.<br />

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Mit einem großen Schreck drehte sich Braunpelz um, vermutete zuerst<br />

Vadarassar, der einfach nur seine Stimme verstellt hatte. Doch der<br />

Orchexenmeister stand nur da, die Hände so erhoben, als wolle er<br />

einen Zauber weben. Allerdings bewegte er sich nicht, blinzelte nicht<br />

einmal. Sein gesamter Körper war wie erstarrt, als würde die Zeit um ihn<br />

herum stehen. Braunpelz war verwirrt, sah dann auf einen kleinen<br />

Menschenmagier, dessen Hautfarbe ungesund blass und glanzlos<br />

wirkte und den eine breite Narbe über dem linken Auge zierte. <strong>Die</strong><br />

Kleidung bestand aus einer lediglich einfachen, roten Robe. Eine<br />

kümmerliche, schwache Gestalt von einem Allianzler. Doch seine<br />

Augen....seine Augen strahlten eine Macht aus, die Braunpelz<br />

imponierte. Etwas Altes lag in ihnen, das spürte sie sofort.<br />

„Mach dir keine Gedanken über deinen Gefährten. Er wird sich gleich<br />

von seinem Schock erholen. Allerdings habe ich seinen Zauber zu<br />

seinem eigenen besten unterbrochen. Ihr wollt ja schließlich noch<br />

nicht auffallen, nehme ich an.“ meinte der Magier keck, einige<br />

Schritte auf die Taurin zu gehend, um sie dann interessiert umrundend.<br />

„Hrm <strong>–</strong> in den Erzählungen wirkst du irgendwie größer. Doch auf die<br />

Körpergröße kommt es ja bekanntlich nicht an, wenn es um das<br />

Wirken von Zaubern geht, richtig?“ stellte der Magier fest, die Taurin<br />

langsam umrundend.<br />

Jetzt erst und mit einem Schlag erwachte Vadarassar aus seiner Starre,<br />

blinzelte verwirrt, weil der Mensch, dem er gerade seine Zauber um die<br />

Ohren hauen wollte, verschwunden war. Sein Blick ging zu Braunpelz,<br />

an deren Seite der Mensch stand. Sofort war seine Wut wieder da,<br />

glommen die Hände vor schwarzer Magie und endeten abrupt, als<br />

der Magier eine Hand hob.<br />

„Ich wünsche nicht mit dir zu kämpfen. Das wäre für dich eh äußerst<br />

ungesund. Ich will euch nur um Hilfe bitten, die gleichsam eure Eigene<br />

sein wird, um euren Freund zu retten.“<br />

Braunpelz und Vadarassar blickten fragend auf den roten Magier, der<br />

sich mit einem Grinsen präsentierte, als wäre er der einzige, der seine<br />

Worte verstanden hatte, während die kleinen Welpen um ihn herum<br />

nicht einmal das erste Wort begriffen hatten. Als er sich dann, nach<br />

einigen Sekunden endlich genug in der Ahnungslosigkeit, der<br />

Dummheit aller um ihn herum als derjenige mit dem überragenden<br />

Intellekt gesonnt hatte, fuhr er dennoch fort, den beiden die genauen<br />

Umstände zu erklären.<br />

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„Deine ‚Vision’, wie du sie gern bezeichnest, war keine solche. Eure<br />

astralen Existenzen haben stattdessen gesehen, was geschehen<br />

würde. Und in der Tat ist es geschehen. Vor nicht einmal einem Tag,<br />

um genau zu sein. Und an jenem Ort, den ihr beide gesehen habt.“<br />

erklärte der Magier lapidar, als wäre es das Normalste der Welt.<br />

„Allerdings mit einem kleinen Unterschied. Der Drache, den Deathwing<br />

zu töten suchte, ist noch nicht tot. Er wird es jedoch bald sein, wenn er<br />

keine Hilfe erhält. Er ist der Schlüssel zur Rettung eures Freundes und<br />

der Existenz all eurer kümmerlichen Leben.“ komplettierte der Magier<br />

die Erklärung.<br />

„Wie heißt du, Menschling und wieso sollten wir dir glauben?“ groll<br />

Vadarassar, nun auf Braunpelz und den Roten zugehend. Er traute<br />

diesem Kerl nicht <strong>–</strong> ebenso wenig, wie er keinem Menschen traute.<br />

Und Magiern traute er sowieso nicht <strong>–</strong> damit war dieser Kerl sogar mit<br />

doppeltem Misstrauen seinerseits gesegnet. Ein Spontanzauber <strong>–</strong> nur<br />

kurz etwas Terror verbreiten, ja, das würde reichen, um diesen Wurm<br />

von Braunpelz zu trennen und dann zu erlegen....er musste nur nahe<br />

genug heran.<br />

„Du darfst mich Krasus nennen, Orcling. Und du darfst mir glauben,<br />

weil es die Wahrheit ist, die ich spreche.“ erklärte der<br />

Menschenmagier dem immer näher kommenden Hexenmeister.<br />

Braunpelz blinzelte, ging dann einen Schritt vor und damit zwischen<br />

Vadarassar und den Menschenmagier.<br />

„Ich vertraue dir. Wirst du uns zu dem Drachen führen?“ fragte sie den<br />

Menschen, ließ den Hexenmeister mit einem verblüfft offen stehenden<br />

Mund erstarren.<br />

Der Mensch nickte, schritt dann auf die breite Ebene zu, die von vielen<br />

der Felshetzer bedeckt war. Gerade war er auf den Berg zu<br />

gegangen, hob dann seine rechte Hand und ließ einen Teil des Berges<br />

aufwabern. Wie eine Decke löste sich ein Teil auf, offenbarte einen am<br />

Boden liegenden Drachen, der übel verdreht dar lag und eine große,<br />

schwarze Blutlache unter sich hatte. Niemand hätte gedacht, dass in<br />

dieser Gestalt noch Leben stecken könnte. Doch wenn sie den Worten<br />

des Magiers glaubten, dann war dem wohl so.<br />

Voller Vertrauen ging Braunpelz auf den Magier und den am Boden<br />

liegenden Drachen zu. Vadarassar folgte ihr dicht, flüsterte ihr etwas<br />

zu.<br />

„Du willst mir doch nicht erzählen, dass du diesem Kerl traust. <strong>Die</strong><br />

Allianz ist hinterlistig <strong>–</strong> und die Menschen ganz besonders. Das ist<br />

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estimmt eine Falle, damit sie uns gefangen nehmen und<br />

ausquetschen können. Ich kenne diese hinterlistige....“ redete er auf<br />

die Taurin ein. Doch die hob nur eine Hand, legte sie dem<br />

Hexenmeister mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen auf die<br />

Schulter.<br />

„Er ist kein Mensch. Auch wenn er uns das glauben machen will.<br />

Vertrau mir <strong>–</strong> er wird uns nichts tun.“ sagte sie mit sanfter Stimme, ging<br />

dann an den Drachen heran.<br />

Das, was dort am Boden lag, war eine beeindruckende Gestalt. Ein<br />

Drache, weit größer als diejenigen, die am Himmel kreisten. Jedoch<br />

nicht ganz so groß wie dieser rote Drache, den Braunpelz in den<br />

Katakomben der Blackrockspitze vor dem sicheren Tod gerettet hatte.<br />

Behutsam ging sie an die Seite des Drachen, strich über die tiefen<br />

Bisswunden an dessen Nacken.<br />

Der Körper war noch warm und sie spürte leise das Blut in dem Körper<br />

pulsieren. Zwar hatte der Kampf vieles in seinem Körper zerschmettert,<br />

doch würde es heilen können, wenn man ihm nur eine Chance gab.<br />

Nur war die Lebensenergie in dieser Region hier nicht die beste.<br />

Deutlich spürte Braunpelz, dass ausgerechnet hier, im<br />

Schattenmondtal, die Natur auf der Flucht war. Selbst die Elementare<br />

waren aufgebracht, wären sicher nicht zur Hilfe zu überzeugen. Es<br />

würde schwierig werden, genug Energie zu sammeln, damit das<br />

Leben dieses Drachen gerettet werden konnte.<br />

Mehrere Netherdrachen landeten um die Taurin und den Orc herum,<br />

schritten auf die beiden zu, schienen den Menschen aber gänzlich zu<br />

ignorieren. Auf einen Kampf vorbereitet legte sich Vadarassar schon<br />

seine Zauberformeln im Geiste zurecht, begann den ersten<br />

Kampfzauber zu weben, als sie die lispelnden, hauchenden Stimmen<br />

der Netherdrachen hörten.<br />

„Seid ihr gekommen, ihn zu retten? Bitte, nehmt unsere Kräfte, um<br />

Netheraku zu retten. Er ist unser Vater.“ hauchten zwei Dutzend<br />

Stimmen im Gleichklang wie ein Chor auf die beiden ein.<br />

Braunpelz blickte auf die Netherdrachen, seufzte und versuchte die<br />

Träne, die aus ihrem Auge quoll, wieder zurück zu pressen. Man konnte<br />

keine Lebensenergie erzeugen, nur umlenken. Doch ein Leben für ein<br />

anderes zu tauschen war ein Geschäft, das sie niemals einzugehen<br />

bereit gewesen wäre. Eher würde sie selbst sterben, als das sie so<br />

etwas grausames würde geschehen lassen.<br />

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„Bitte...sonst verlieren wir alles, was uns eint. Nehmt unsere Leben,<br />

damit hunderte andere frei leben können.“ hallte es erneut mit einer<br />

wehleidigen Betonung, die ihresgleichen noch suchen sollte.<br />

Dann nickte sie langsam. „Ich werde es versuchen. Aber niemand soll<br />

sterben <strong>–</strong> ich nehme nur so viel, wie ihr entbehren könnt.“ sagte sie,<br />

legte ihre Hände auf den Nacken des großen Netherdrachen und<br />

schloß die Augen.<br />

„Ich hoffe wir kommen nicht zu spät.“ grummelte Teborasque, der sich<br />

den Windreiter ausgerechnet mit seiner Schwester teilen musste. Wieso<br />

hatte Sophilia ausgerechnet Roxxy einen eigenen gegeben und ihn<br />

nicht mit auf selbigen gelassen?<br />

„Werden wir schon nicht, Mann. Wenn die Schamanin Recht hat, wird<br />

er erst im Laufe dieses Tages am Tempel ankommen. Und wir werden<br />

schon verhindern, dass sie ihn umbringen.“<br />

„Wieso ist sie eigentlich mitgekommen? Hat sie irgendwas mit ihm zu<br />

tun?“<br />

„Weiß nicht. Aus der schwarzen Kuh ist ja nichts rauszubekommen.<br />

Gegen die ist eine Khoriumschließkassette ein offenes Buch.“<br />

Reihenweise sanken die Netherdrachen vor und um Braunpelz mit<br />

schmerzverzerrten Seufzern zu Boden, rangen nach Luft und weigerten<br />

sich, die Spende ihrer Lebensenergie einzustellen. Sie waren bereit, für<br />

ihren Vater, ihren Herrn Netheraku ihr eigenes Leben zu geben.<br />

Braunpelz jedoch weigerte sich, dieses Opfer zuzulassen, nutzte ihre<br />

eigenen Kräfte, um sie aus der Verbindung hinaus zu drängen. Doch<br />

trotz all der Opfer, die jene Netherdrachen gebracht hatten, reichte<br />

es noch immer nicht. <strong>Die</strong> Wunden waren tief, die Verletzungen zu<br />

schwer, als das die Leben der eh schon geschwächten<br />

Netherdrachen hätten etwas verändern können.<br />

Verzweifelt flehte Braunpelz die Elemente dieser Welt darum an, ihr<br />

Zugang zu dem Quell des Lebens zu gestatten. Doch wieder und<br />

wieder erhielt sie keine Reaktion, stieß sie nur auf Verachtung. Dann<br />

aber fühlte sie eine neue, extreme Wärme.<br />

Krasus, der Menschenmagier hatte seine Hände auf die Schultern der<br />

Taurin gelegt und nun ebenfalls die Augen geschlossen. Eine Macht<br />

durchströmte sie mit einem Mal, eine Macht, die größer war als alles,<br />

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was sie jemals gekannt hatte. Eine uralte Kraft und gleichzeitig eine<br />

Stimme, die neben ihrer eigenen in die Tiefen der Welt groll.<br />

„Ich rufe euch, Elemente des Lebens, gehorcht dem Aspekt des<br />

Lebens oder es wird euer aller Untergang sein!“ groll die tiefe Stimme,<br />

ließ die vorher stummen Elementare in ein wildes, unkoordiniertes<br />

Geplapper ausbrechen. Dann endlich und mit einer Kraft, die jene,<br />

die von dem Menschenmagier ausging noch mehr übertraf, donnerte<br />

die Energie der Elemente des Landes auf sie ein.<br />

Ein strahlendes Licht umgab die Taurin, ließ die Lebenskraft geradezu<br />

aus dem Boden schießen und ringsum zum Glühen bringen. Nicht nur<br />

Netherakus Wunden begannen zu heilen, auch die fast leblos<br />

zusammengesackten Netherdrachen ringsum begannen zu glühen,<br />

fühlten, wie ihre Körper von einer Kraft durchflutet wurden, die sie nur<br />

in ihren besten Tagen gespürt hatten. Am meisten traf die Kraft jedoch<br />

Braunpelz selbst, die jene Kraft aber nur mit ihrer eigenen bündelte<br />

und ohne sich selbst auch nur ein Quenchen dieser Macht<br />

abzuzweigen in den Körper des fast toten Drachen fahren ließ. Das<br />

Licht, das dabei durch ihre Hände schoß war derart intensiv, dass<br />

Vadarassar sich die Augen zu halten musste, um nicht zu erblinden.<br />

Der Segen der Elemente....ja selbst diese gesamte Welt schien sich mit<br />

einem mal gegen das für Netheraku ersonnene Schicksal stemmen zu<br />

wollen, riß ihn vom Rande des Abgrunds des Todes in die Höhe und<br />

spendete ihm neue Kraft. Eine Kraft, die seine Schwingen erstrahlen<br />

ließ und seine Augen zum Aufblitzen brachte. Selbige riß er schlagartig<br />

auf, stieß einen markerschütternden Schrei aus, ehe sein Körper sich<br />

unter dem Beben des Bodens aufraffte.<br />

Mit neuer Kraft und in Erinnerung an seinen Beinahetod bei der<br />

Begegnung mit Deathwing durchlebte er seine letzten Sekunden noch<br />

einmal, spie eine von Schatten gesäumte Netherflamme und fixierte<br />

die drei, die keine Netherdrachen waren, mit seinem Blick.<br />

Eindringlinge im Gebiet der Netherschwingen, ganz offensichtlich.<br />

Eindringlinge wie Deathwing.<br />

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Kapitel 46 <strong>–</strong> Heiße Freundschaft<br />

Erwartungsfroh stand Illidan auf einer offenen Plattform weit oben am<br />

schwarzen Tempel. Seine Streitkräfte würden in Kürze zurück kehren,<br />

das spürte er. Und er wusste auch, dass sie mit einer Erfolgsmeldung<br />

zurückkehren würden. Denn Misserfolg <strong>–</strong> so etwas tolerierte er nicht.<br />

Folglich traute sich auch keiner seiner Kämpfer lebendig zu seinem<br />

Herrn zurück, um ihm von seinem Misserfolg zu berichten. Entweder sie<br />

erledigten den Auftrag oder starben bei dessen Erfüllung. Alles andere<br />

war inakzeptabel und wurde unmittelbar mit der schwersten aller<br />

Strafen geahndet: Der ewigen Seelenpein. Gegen jene war selbst<br />

seine Gefangenschaft von zehntausend Jahren wie ein Besuch in<br />

einem Wellnesshotel von Darnassus.<br />

Tatsächlich hörte er bald darauf die Netherdrachenschwingen und<br />

sah auch schon die Formation, die dicht über den Wolken flog und<br />

auf den schwarzen Tempel zu stürzte. Ein zufriedenes, finsteres Lächeln<br />

auflegend wandte er sich um und kehrte zurück nach drinnen und<br />

damit seine Gemächer. Dem Untoten würde er höchstpersönlich den<br />

Garaus machen. Ein Opfer von vielen auf seinem langen Marsch<br />

gegen all jene, die ihn verurteilt und verstoßen hatten. Denn nun<br />

würden sie sehen, was die wahre Macht war und wie man sie<br />

einsetzen sollte <strong>–</strong> rücksichtslos, ohne Grenzen und ohne<br />

irgendwelches, lästiges Ehrgefühl.<br />

„Was sucht ihr Eindringlinge in dem Reich der Netherschwingen?!<br />

Sprecht rasch.“ groll Netheraku, der mit einem Mal seine vollen Kräfte<br />

zurückerlangt hatte. Er fühlte sich kraftvoll, so mächtig, als wäre er<br />

gerade frisch geschlüpft und dennoch schon Jahrtausende alt. Sein<br />

Zorn allerdings ruhte auf diesen drei Eindringlingen. Anders konnte er<br />

sich nicht erklären, weshalb er hier am Boden und nicht hoch oben in<br />

den Lüften war, wie es für ihn doch alltäglich zu sein schien.<br />

Der bleiche Mensch in dem roten Gewand trat vor und hob die<br />

Hände schützend vor die Taurin und den Orc, die beide zwar einen<br />

bösen, aber sicher nicht bedrohlichen Eindruck machten. Wirklich<br />

drohen konnte Netheraku sowieso niemand. Kein Wesen im<br />

Schattenmondtal war dumm genug, sich mit ihm anzulegen.<br />

„Höre mich an. <strong>Die</strong>s hier sind nicht deine Feinde. Sie haben dich vor<br />

dem sicheren Tod und der Verdammnis bewahrt. Ohne sie würdest du<br />

nicht mehr deine Schwingen in die Luft erheben können.“ erklärte der<br />

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Magier mit einer Stimmlage, die wie die Worte <strong>eines</strong> mahnenden<br />

Vaters klangen. Ein Wortlaut, der Netheraku ganz und gar nicht gefiel.<br />

„Du sprichst sehr vorlaut für einen Menschen! Nenne deinen Namen!“<br />

groll Netheraku, den Menschen nun alleinig anstarrend. Seine Brut<br />

ringsum tat das gleiche, jedoch nicht einmal ansatzweise mit der<br />

Boshaftigkeit wie ihr Vater.<br />

„<strong>Die</strong> Sterblichen kennen mich unter dem Namen Krasus. Nozdormu<br />

schimpft mich Schicksalsbringer, der die Ströme der Zeit<br />

durcheinander wirft. Und wenn es die einzige Möglichkeit ist, dich zu<br />

überzeugen, nenne ich dir meinen wahren Namen.“ rief der Mensch<br />

zu dem sich immer höher aufrichtenden Netherdrachen empor, ehe er<br />

einige Schritte zur Seite ging und sowohl Braunpelz als auch<br />

Vadarassar deutete, möglichst weiten Abstand zu suchen.<br />

<strong>Die</strong> beiden verstanden den Grund nicht, sahen aber sogleich, wie<br />

Krasus zu wachsen begann. Er wuchs und wuchs, sein fahles, blasses<br />

Gesicht wurde länger, größer, die Haut veränderte sich, wurde grober,<br />

roter, die Augen wanderten nach hinten, während aus den Händen<br />

lange Krallen erwuchsen. <strong>Die</strong> Robe indes verschmolz mit dem Körper,<br />

bedeckte ihn nun komplett, wandelte sich in hellrote und dunkelrote<br />

Schuppen, die gleich darauf den gesamten Körper einnahmen. Auch<br />

die Stiefel, die er getragen hatte, waren nun mit Schuppen übersät,<br />

ließen ebenfalls Krallen an ihren Spitzen wachsen. Das blonde Haar<br />

verschwand, flatterte kurz nach oben und entblößte zwei gewaltige<br />

Flügel, die kräftig nach Luft schlugen, während er noch weiter wuchs.<br />

Zehn Meter, zwanzig, dreißig <strong>–</strong> über fünfzig Meter maß er nun in der<br />

Länge, als ein Schwanz hinaus peitschte und mit der dornenbesetzten<br />

Spitze einen Graben durch die etwas entfernte Straße schlug. Dann<br />

endlich war er ausgewachsen, blickte aus über fünfundsechzig Metern<br />

Größe und zwanzig Metern Höhe auf den erheblich kleineren<br />

Netheraku herab.<br />

„Korialstrasz.“ donnerte die Stimme nun, ließ den Mund von<br />

Vadarassar so weit aufklappen, dass sein Unterkiefer beinahe durch<br />

den Boden hindurch in die Ewigkeit des Raums gestürzt wäre, wenn da<br />

nicht noch einige Hautfetzen links und rechts dran gepappt wären,<br />

die den Sturz des selbigen gut zu bremsen wussten. Auch Netheraku<br />

war baff, blickte auf den erhaben auf ihn nieder sehenden Drachen,<br />

der sich zu seiner vollen Größe aufgeplustert hatte, die Schuppen<br />

aufstellte und damit noch viel ehrfurchtgebietender aussah, als es<br />

Drachen eh schon taten.<br />

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„Deine Wut ist verständlich. Sie ist gegen Deathwing gerichtet <strong>–</strong> den<br />

Zerstörer der Welten, korrumpierter Aspekt der Erde. Doch dein Ziel soll<br />

nicht er sein, sondern dein Schwarm. Ihn um dich zu einen und zu<br />

befreien ist deine Aufgabe. Nur so kannst du ihn schwächen und<br />

zurück schlagen.“ erklärte Korialstrasz mit unveränderter Erhabenheit<br />

dem weitaus kleineren Netherdrachen vor sich. „<strong>Die</strong> Gelegenheit<br />

hierfür wirst du haben, wenn jene hier ihren Freund zu befreien<br />

suchen.“<br />

In diesem Moment drehte Korialstrasz den Kopf. Er spürte, dass noch<br />

jemand kam. Andere, die scheinbar auch auf der Jagd nach dem<br />

verlorenen Magier waren. Ebenso schnell, wie er seine drachische<br />

Gestalt angenommen hatte, begann er wieder zu schrumpfen,<br />

verwandelten sich die Schuppen wieder in eine Robe, die Klauen zu<br />

Händen und sackte das lange, schuppige Gesicht wieder ins ich<br />

zusammen, bis nach wenigen Augenblicken vor der beeindruckten<br />

Menge nur noch der hagere, sehr blass wirkende Magier stand, der<br />

sich in Richtung Horizont drehte und dort die nahenden Windreiter<br />

erspähte.<br />

„Dort unten!“ rief Sophilia. „Da sind sie. Ich kann sie schon spüren!“<br />

Teborasque hatte sein Fernrohr bemüht und die Gegend nach dem<br />

Magier abgesucht. Das sie dabei auch noch Vadarassar und<br />

Braunpelz, die sich ja auf den Weg hierher gemacht hatten, fanden,<br />

war jetzt reine Glückssache. Aber offenbar hatten sie eine mindestens<br />

ebenso heiße Spur, wie sie jetzt gerade. Nur stutzte Teborasque, als er<br />

durch sein Fernrohr blickte.<br />

„Komisch. Ich hätte schwören können, dass da gerade nen großer,<br />

roter Drache stand, mann.“ rieb er sich über die Augen, blickte noch<br />

einmal hindurch und sah nun lediglich eine Menge Netherdrachen<br />

und einen in rot gekleideten Menschenmagier, der an der Seite von<br />

Braunpelz und Vadarassar stand.<br />

Barra verpasste ihm kurzerhand eine Kopfnuss und blickte selbst durch<br />

das Fernrohr, sah aber nichts anderes, als er gerade auch gesehen<br />

hatte.<br />

„Einbildung, Brüderchen. Keine von den Pilzen mehr für dich die<br />

nächste Zeit, klar?“ zischte sie ihren Bruder an, der daraufhin die<br />

Mundwinkel sinken ließ.<br />

„Ja Mama.“ motzte er dann nur und gab ihr einen Ellenbogenhieb<br />

nach hinten.<br />

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„Hey! Mach das noch mal und du fliegst hier runter, klar!“ zischte sie<br />

böse zurück, ihm daraufhin sein Fernrohr über den Kopf ziehend.<br />

Roxxy, die direkt neben ihnen her flog, kicherte nur, als sie<br />

beobachtete, wie sich die Geschwister stritten.<br />

Dann endlich landeten sie neben den vielen Netherdrachen und<br />

stiegen ab. Eine kurze Begrüßungsformel, dann die Vorstellung Marke<br />

‚das hier ist Roxxy, meine Freundin und die grimmige Taurin dort ist eine<br />

Freundin von Bwalkazz’ endete mit einem wütenden Schnauben von<br />

eben zuletzt Genannter, die daraufhin dem Trolljäger kurzerhand eine<br />

Kopfnuss verpasste, dass seine Zähne eine kleine Ode klapperten.<br />

„Ich bin weder grimmig noch seine Freundin. Und wer etwas anderes<br />

behauptet kriegt einen Einlauf mit meinem Streitkolben!“ knurrte sie,<br />

wandte sich dann den Drachen zu. „Wie sollen die uns denn helfen?“<br />

groll sie.<br />

„Der schwarze Tempel wird gut bewacht.“ erklärte Krasus der<br />

überraschten Taurin, die dem Menschen beinahe den Kopf abgerissen<br />

hätte, wäre da nicht eine Artgenossin im Weg gewesen.<br />

„Das der gut bewacht ist weiß ich selber, du wandelndes Feuerzeug.<br />

Beantworte die Frage, Smalltalk brauchen wir hier nicht.“<br />

Krasus räusperte sich, ersann für einen Moment, der schwarzen Taurin<br />

eine schrecklich juckende Hautkrankheit angedeihen zu lassen,<br />

verwarf diesen Gedanken dann aber wieder und sagte stattdessen<br />

„Wer zu Fuss in den Tempel geht, wird von vielen Wachen überrascht<br />

werden. Und Windreiter sind auch viel zu leicht zu entdecken. Ihr<br />

würdet mitsamt eurer Reittiere vom Himmel geholt, ehe ihr auch nur in<br />

der Nähe des Tempels wärt. Allein mit den Netherdrachen als Reittier<br />

werdet ihr auf die obersten Emporen des Tempels kommen und damit<br />

dann auch zu eurem Freund gelangen.“<br />

„Und wieso das? Haben die irgendeine Tarnkappe oder sonstigen<br />

magischen Firlefanz?“ brummte Tay noch immer verärgert.<br />

„Schwester, reg dich doch bitte ab. Sie sind ganz und gar nicht böse.<br />

Was hast du denn gegen sie und ihre Magie?“ fragte Braunpelz in<br />

einem beruhigenden Tonfall, auf ihre Artgenossin zu gehend.<br />

„Bleib mir vom Pelz du Hippie. Und ich mag Magie nicht, ich mag<br />

Magier nicht und nichts, was mit Magie zu tun hat. Also auch dich<br />

nicht, Blumenschmuserin!“<br />

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Vadarassar musste grinsen. <strong>Die</strong>se Taurin war ein unverschämtes,<br />

dickköpfiges, stures Stück schwarzes Fell in Form einer<br />

Taurenschamanin. Ihre Wortwahl war aggressiv, deutlich und<br />

messerscharf. Kurzum: Wäre sie ein Orc gewesen, er hätte ich Hals<br />

über Kopf in sie verliebt. Dazu noch der Hass auf Magier <strong>–</strong> perfekt!<br />

„Was glotzt du denn so, Fettsack?“ groll Tayury den Hexenmeister an,<br />

der daraufhin sein Grinsen noch breiter werden ließ.<br />

Hrm...Fettsack....na ja, dafür würde er sich noch etwas einfallen lassen.<br />

„Fett? Neben dir bin ich ein dünner Zweig.“ warf der Hexenmeister<br />

zurück. Mit einem Schlag veränderte sich die Gesichtsfarbe von Tayury<br />

<strong>–</strong> von Schwarz zu knallrot, was selbst durch ihr dickes, schwarzes Fell<br />

noch klar erkennbar war. Im Zeitlupentempo zog sie ihren Streitkolben<br />

vom Gürtel, hob ihn an und deutete damit auf den Hexenmeister.<br />

„Noch so eine Bemerkung und du musst dir keine Gedanken mehr<br />

über Zahnschmerzen machen. Verstanden?!“ groll sie böse.<br />

Doch Vadarassar grinste nur noch breit, zwinkerte ihr zu und hauchte<br />

noch einen Satz, ehe er schon auf einen der Netherdrachen stieg.<br />

„Aber sicher doch, Moppelchen.“<br />

„ICH BRING IHN UM!“ brüllte Tayury, wollte auf Vadarassar zu stürmen<br />

und ihm den Streitkolben so kräftig auf den Schädel donnern, dass er<br />

am Hinterteil wieder hinaus kam. Doch sie wurde erfolgreich von nicht<br />

weniger als zwei Trollen, einer Taurin und einer Orcschamanin zurück<br />

gehalten, zog diese aber trotzdem wie ein wilder Stier etliche Meter<br />

auf Vadarassar zu, ehe sich der Schaum, der sich vor ihrem Mund<br />

gebildet hatte, dünner wurde.<br />

Es vergingen noch einige Minuten und einiges an Überzeugungsarbeit,<br />

um wirklich alle auf einen Netherdrachen zu verfrachten. <strong>Die</strong> boten<br />

sich gern als Reittiere an <strong>–</strong> schließlich schuldeten sie der Druidin ihr<br />

Leben. Und jeder Freund der Druidin war auch ihr Freund. In einer<br />

kleinen Siebenerformation flatterten die Netherdrachen auf den<br />

schwarzen Tempel zu, ließen sowohl Netheraku wie auch Krasus am<br />

Boden zurück, damit diese noch einige Dinge besprechen konnten.<br />

„Das du das nur weißt, du blöder Schattenorc <strong>–</strong> wenn wir landen, reiße<br />

ich dir den Hintern auf!“ groll die Schamanin dem Hexenmeister zu, der<br />

dadurch nur noch breiter grinsen musste.<br />

„Ist das dein übliches Paarungsritual oder einfach nur persönliches<br />

Amüsement?“ kicherte er böse, hörte hinter sich kurz darauf, wie<br />

- 280 -


erneut jemand ausrastete und drei panische Stimmen die wild auf<br />

dem Drachen umher wackelnde Taurin daran hinderten, schlagartig<br />

aufzuspringen und über die ganzen Netherdrachen hinweg in etlichen<br />

hundert Metern Höhe einen Seiltanz sondersgleichen zu veranstalten,<br />

um dann einen Hexenmeister zu erwürgen.<br />

Vadarassar lachte laut und herrlich amüsiert. Ja, diese Taurin war nach<br />

seinem Geschmack. Er musste wirklich aufpassen, dass er sich nicht in<br />

sie verliebte.<br />

- 281 -


Kapitel 47 <strong>–</strong> Doppeltes Spiel<br />

Mit einem lauten Klatschen ließen die Reiter den Magier die letzten<br />

paar Meter von ihren gerade landenden Netherdrachen fallen. Das er<br />

sich bei dem Sturz nicht schon das Genick brach, war bedauerlich,<br />

jedoch für Illidan genau richtig <strong>–</strong> denn so würde er noch etwas Spass<br />

mit dem Magier haben, ehe er ihn entweder in seine Streitmacht<br />

integrierte oder dann doch und als Beispiel für alle, die sich gegen ihn<br />

zu stellen wagen sollten, exekutierte.<br />

„Ich habe euren Befehl ausgeführt, Mylord.“ berichtete Rakh’Gor<br />

seine Tat, sank vor dem Dämonenjäger auf ein Knie, deutete<br />

gleichzeitig auf den sich am Boden windenden Untoten Magier, der<br />

zwischen ihnen lag.<br />

„Ausgezeichnet, in der Tat. Du darfst gehen und dich um die Wache<br />

kümmern. Ich werde nach dir rufen, sobald ich weiß, was ich mit dem<br />

Untoten genau machen werde.“ groll Illidan, ehe sich Rakh’Gor mit<br />

einer tiefen Verbeugung verabschiedete und dann in einem der<br />

zahllosen Gänge verschwand.<br />

Indes, und völlig unbemerkt, landeten die sieben Netherdrachen auf<br />

einer der Anhöhen des Tempels. Das Netherdrachen hier ein und aus<br />

flogen und ihre Reiter mitbrachten, war normal. Folglich war auch<br />

keine Wache auf sie aufmerksam geworden. Wer hätte denn auch<br />

ahnen können, dass einige Leute derart bescheuert sein konnte,<br />

mitten in die Höhle des Löwen zu fliegen, ohne auch nur ansatzweise<br />

stark genug bewaffnet zu sein, es mit einer kompletten Armee von<br />

Dämonen, Draenei, Blutelfen und wer weiß noch für korrumpierten<br />

Wesen aufzunehmen? Selbst Illidan, dem sein Bruder jahrhundertelang<br />

den Wahnsinn nachgesagt hatte, wäre nicht auf einen solchen<br />

Gedanken gekommen. Und so verwunderte es auch nicht, dass die<br />

sieben problemlos durch die Gänge schleichen konnten, stets die<br />

Türen ringsum im Auge und die Schritte belauschend. So leise sie nur<br />

konnten schlichen sie von Nische zu Nische. Hier zeigte sich allerdings,<br />

dass Schleichen für Tauren in etwa so unmöglich war wie für einen Orc<br />

eine Fastenkur, die länger als zwanzig Minuten dauern sollte. <strong>Die</strong> Hufe<br />

klapperten auf dem steinigen Boden derart laut, dass es nur so durch<br />

die Gänge hallte.<br />

„Mach doch nicht so einen Krach, Mann.“ flüsterte Teborasque der<br />

schwarzen Taurendame zu.<br />

- 282 -


„Kann ich was für meine Hufe? Ich kann ja dich als Schuh nehmen!“<br />

groll sie zurück, fing sich daraufhin ein sechsfaches „PSSSSST!“ ein.<br />

„Braunpelz macht nicht so einen Krach. Du bist eben einfach zu fett<br />

und damit zu schwer, Mann.“ stach Barra in die selbe Wunde.<br />

„DAS IST....“ begann sie laut, begriff dann, dass sie schrie und besser<br />

still sein sollte. Mit gedämpfter Stimme fuhr sie dann fort.<br />

„....das ist kein Fett, das ist meine Rüstung! Eine ordentliche Rüstung<br />

wiegt nun einmal mehr als dieser Ledermüll!“<br />

„Also ich mag meine Rüstung so wie sie ist. Schön warm und<br />

gemütlich.“ verteidigte Braunpelz sich.<br />

„Ja <strong>–</strong> wie bei Muttern an der Zitze. Solltest du nicht irgendwo am Herd<br />

stehen und Tränke kochen?“ brummte Tay ihre Artgenossin an.<br />

„Pff <strong>–</strong> wenigstens bekenne ich mich zu meinen Wurzeln und leugne<br />

nicht meinen Ursprung.“ antwortete Braunpelz patzig.<br />

„ICH LEUGNE NICHT MEINEN URSPRUNG VERDAMMT NOCHMAL!“<br />

brüllte Tayury, dass es nur so durch die Gänge hallte.<br />

Sechs Augenpaare starrten die schwarze Taurin an, die in diesem<br />

Moment knallrot anlief und eine Hand vor ihren eigenen Mund hielt.<br />

„Ups...“ sagte sie noch, dann hörte man aber schon das Geklapper<br />

einiger Wachen, die auf die Gruppe zu kamen.<br />

„Gut gemacht, Madame Dickschädel.“ groll Teborasque der<br />

Taurendame zu, die nur noch die Arme verschränkte und dann ihre<br />

Waffe und ihren Schild zog. Barra indes schlich an der Wand vorbei,<br />

schien mit den Schatten Eins zu werden und spähte um die Ecke.<br />

In diesem Moment bogen zwei Wachen um die Ecke. Beides Blutelfen,<br />

beide in eine Rüstung gekleidet, die Charsi wohl neidisch gemacht<br />

hätte. Statt Gold bestanden sie aus reinem Adamit, verziert mit nicht<br />

weniger als drei Dutzend Diamanten auf jeder Schulter. Man hätte sie<br />

glatt für wandelnde Edelkronleuchter halten können, wären sie nicht<br />

mit gezogenen Schwertern auf die Gruppe zu gerannt und hätten<br />

einen Kriegsschrei losgelassen.<br />

Einer der Kriegsschreie verstummte allerdings ungewohnt schnell in<br />

einem Gurgeln, ließ nur das metallene Fallen <strong>eines</strong> Schwertes klingen,<br />

ehe die Gestalt leblos in sich zusammen sackte. Pikant an der Sache<br />

- 283 -


war, dass Barra mit ihrer Klaviersaite diesmal, im Gegensatz zu dem<br />

Orc, den sie damit erwürgt hatte, den dünnen Hals des Blutelfen<br />

problemlos durchschnitten hatte und nun den ungläubig drein<br />

blickenden Kopf des Blutelfwächters in Händen hielt. Der Mund formte<br />

gerade noch einen Schrei, konnte mangels Luft aber weder schreien<br />

noch etwas sagen. Dann endlich regten sich die Augen auch nicht<br />

mehr und die Trollschurkin ließ den Kopf wie einen Fußball zu Boden<br />

fallen, kickte ihn kurzerhand zur Seite und ging auf die nächste Wache<br />

los, die sich derweil einen Zweikampf mit der Taurenschamanin lieferte.<br />

Barra indes brachte das ganze schnell und leise zu Ende, rammte dem<br />

Blutelfen einfach einen Dolch von hinten durch den Hals, ließ ihn<br />

kurzerhand leise gurgelnd und unfähig irgendwie mehr zu tun<br />

zusammensacken.<br />

„Legt der Taurin einen Maulkorb an!“ zischte sie, ihren Dolch vom Blut<br />

befreiend. Tayury senkte den Blick, sagte jetzt vorerst gar nichts mehr.<br />

Zu wütend war sie im Moment...sie hätte platzen können....<br />

„Mylord! Wir haben Eindringlinge im Tempel!“ schrie eine der Wachen,<br />

die kurz darauf in das Allerheiligste von Illidan vordrang, um noch im<br />

selben Moment auf den Boden zu fallen und damit seine Ehrerbietung<br />

dem Dämonenjäger gegenüber zu erweisen.<br />

„Dann schickt Wachen hin und schaltet sie aus!“ knurrte dieser nur,<br />

den Untoten derweil in einer Hand haltend.<br />

Der Gardist nickte, kroch geradezu rückwärts durch die Tür und sagte<br />

nur leise „Jawohl Mylord. Es wird geschehen.“<br />

Fargoth hatte nur zu gut neben den Gemächern s<strong>eines</strong> Herrn<br />

gelauscht und sah hierin eine weitere Chance für sich, um zu<br />

beweisen, wie kostbar er sein würde. Ja, er würde die Eindringlinge<br />

selbst und allein erledigen. Schließlich war er ein Hexenmeister <strong>–</strong> und<br />

nicht irgendeiner, sondern ein Blutelfhexenmeister, einer der<br />

begabtesten und verdammtesten s<strong>eines</strong> Fachs. Niemand konnte sich<br />

mit ihm messen <strong>–</strong> NIEMAND würde ihn aufhalten. Und <strong>eines</strong> Tages<br />

würde er sogar diesen mächtigen Dämonenjäger als SEINEN <strong>Die</strong>ner<br />

haben. Jawohl, hierzu war er geboren. Hierzu waren alle Blutelfen<br />

geboren, zu herrschen, über die niederen, auf ihre eigenen Mächte<br />

vertrauenden, schwachen Kreaturen. Er war nicht schwach, ER würde<br />

ihnen ihre Kräfte entreißen, wie er es schon so viele Male vorher<br />

gemacht hatte.<br />

- 284 -


Leise schlich er durch die Gänge, hörte genau die Kampfschreie von<br />

zwei Wachen und eilte hinterher. Dann hörte er das Gurgeln, das<br />

Kullern, das wie ein zu Boden fallender Kopf klang und dann das<br />

Verenden der zweiten Wache.<br />

Seine Gegner waren stark. Er musste trickreich sein. Ja, er wusste auch<br />

schon wie.<br />

Geschickt zog er seinen Dolch, schnitt seine feine Robe vorn ein und<br />

steckte den Dolch dann so in das Loch, dass die Klinge nur ganz<br />

knapp seine zarte Haut verfehlte. Dann ließ er sich auf den Boden<br />

sacken, lag dort, als hätte man ihn niedergestreckt.<br />

„Los <strong>–</strong> um die Ecke dort. Da sind die Wachen her gekommen.“ zischte<br />

Barra, den Weg deutend.<br />

„Wieso bestimmst du jetzt den Weg?“ brummte Tayury die Schurkin an.<br />

„Weil ICH im Gegensatz zu DIR nicht den Krach von dreißig Legionen<br />

bei einem Schritt mache, Hufhirn. Und jetzt kommt!“ zischte die<br />

Schurkin zurück, ließ die erneut vor Wut kochende Tayury zurück. Wieso<br />

war sie nur mitgekommen? Wieso hatte sie sich durch diese<br />

Sentimentalität nur hierher schleppen lassen? Sie war doch<br />

bescheuert, sich wegen einem MAGIER in so eine Gefahr zu begeben!<br />

Zumal hier nichtmal eine Belohnung für sie heraus sprang! Wie<br />

grottendämlich war sie eigentlich? Innerlich verfluchte sich Tayury,<br />

diesen dämlichen Knochensack vor den Dämonen gerettet zu haben,<br />

ihn wieder und wieder aus dem Mist gezogen zu haben und dann jetzt<br />

schließlich hier zu stehen, sah bei den Gedanken zu dem<br />

Hexenmeister, der ja offenbar ein Meister der Flüche war. Hatte er<br />

einen für Schwachsinnigkeit auf sie gezaubert? Würde diesem Kerl ja<br />

nur zurecht passen.<br />

Mit einige Koordinationsproblemen bogen die sieben schließlich um<br />

die Kurve, erspähten dort einen scheinbar niedergestreckten Blutelfen,<br />

der an der Wand gelehnt lag und die sieben anlächelte, als er sie sah.<br />

„Hey Mann, was ist denn mit dir passiert?“ zischte Barra, die als Erstes<br />

bei dem Blutelfen stand. Doch der bedeutete ihr, nicht zu nahe zu<br />

kommen.<br />

„Vorsicht...überall...Fallen.“ spie Fargoth heraus, deutete dann nach<br />

links.<br />

- 285 -


„Dort...den Gang entlang...dann rechts ist ein....Untoter....er lebt...nicht<br />

mehr lange...Beeilt euch...“ brachte er noch hervor.<br />

<strong>Die</strong> sieben sahen einander an, stimmten dann zu, dass Vorsicht nun<br />

nicht mehr das Optimalste war. Schließlich war das Leben von<br />

Bwalkazz in Gefahr.<br />

„Roxxy <strong>–</strong> bleib bei ihm und pass auf ihn auf. Wir holen Bwalkazz und<br />

sind gleich wieder da. Halt die Stellung. Mann.“ orderte Barra und lief<br />

dann so leise sie konnte los. <strong>Die</strong> meisten anderen folgten, ließen Roxxy<br />

zurück, die erst den Blutelf betrachtete, dann hinter ihnen her sah und<br />

seufzte. Nicht etwa, weil sie nun hier warten musste, sondern weil sie<br />

von ihrem lieben Teborasque getre....<br />

Ihre Gedanken rissen ab, als sie spürte, wie sich eine Klinge in ihren<br />

Rücken bohrte. Schnell wanderte ihr besorgter Blick zu dem Blutelfen,<br />

der gerade noch an der Wand gelegen hatte. Doch der stand nun<br />

hinter ihr und führte die Klinge, rammte sie tief in ihren Rücken, bis sie<br />

zu ihrer Brust wieder hervor kam und drückte ihr eine Hand auf den<br />

Mund.<br />

„Nummer Eins <strong>–</strong> bleiben noch sechs.“ kicherte der Blutelf, die<br />

Trolljägerin mit einem weiteren Dolchstich gänzlich zu Boden<br />

streckend. Vor Roxxys Augen verwuschen die Farben, ihre Beine<br />

trugen ihr Gewicht nicht mehr und ihre Zunge klebte am Gaumen,<br />

während sie langsam gen Boden sackte. Ihre letzten Gedanken<br />

galten ihrem Geliebten, dann wurde es auch schon schwarz um sie.<br />

Gierig nach noch mehr Opfern fledderte der Blutelf schnell die Flinte<br />

vom Rücken der Trolljägerin. Unbeholfen, da er so ein Gerät nicht<br />

wirklich zu bedienen wusste, zielte er grob auf den Trolljäger, der als<br />

Letzter im Bunde gerade um die Ecke biegen sollte, und schoß.<br />

Der Schuß streifte den Trolljäger nur, warf ihn aber auf den Boden.<br />

Wütend raffte er sich auf, blickte auf den Ursprung des Schusses. Dann<br />

sah er den Blutelfen, wie er dort stand und mit der Waffe kämpfte, sie<br />

nach zuladen. Zu seinen Füßen lag Roxxy....in einer Blutlache. Der<br />

Dolch des Blutelfen steckte noch in ihrem Rücken. Dann endlich hatte<br />

Fargoth die Waffe nachgeladen, legte wieder an und schoß.<br />

<strong>Die</strong>smal verfehlte der Schuß komplett, doch Teborasque stand noch<br />

immer da, konnte nicht begreifen, was er sah. Seine Geliebte am<br />

Boden, der Blutelf, der im Mordrausch über ihr stand, hatte ihm das<br />

genommen, was ihm am Wertvollsten war, seine Geliebte, seine<br />

Zukunft, sein Ein und alles. Und nun trachtete er auch nach seinem<br />

- 286 -


eigenen Leben. Das reichte Teborasque. Sein Blut geriet in Wallung<br />

und dann....zum allerersten Mal in seinem Leben und mit einer Wucht,<br />

die mit der Explosion der Quelle der Ewigkeit vergleichbar war,<br />

passierte es: Er sah rot und drehte völlig durch.<br />

Von unbändigem Zorn getrieben sprintete er auf den Hexenmeister zu,<br />

machte Schritte, die größer waren als er selbst, schien mitten im<br />

Rennen abzuheben. Erneut schoss der Blutelf, traf Teborasque mit<br />

einem Streifschuß in der Magengegend. Doch das machte den Troll<br />

nur noch wütender. Noch mitten im Rennen zog er seine große<br />

Zweihandaxt vom Rücken, sah, wie der Blutelf derweil die Waffe<br />

fallenließ und einen Zauber wob. Ein Grüner ballen Magie traf den<br />

Trolljäger, Horror durchfuhr ihn, als ein dunkler Mantel sich über ihn<br />

legte und sich an seiner Gesundheit labte. Doch die Schmerzen, die<br />

der Zauber mit sich brachte, ließen die Wut in seinen Adern nur noch<br />

mehr anschwellen, der Horror versank im Zorn, der die Hand von<br />

Teborasque lenkte, ihn mit der Axt ausholen ließ und dem<br />

Hexenmeister, der gerade zum nächsten Zauber ansetzte, in einem<br />

unendlich schrecklichen Schwung entgegen schleuderte, den rechten<br />

Arm traf und ihn unterhalb des Ellenbogens glatt abtrennte.<br />

Fargoth schrie laut auf, blickte auf die Axt und seinen zu Boden<br />

fallenden Arm. Doch ehe er wirklich begreifen konnte, was geschehen<br />

war, sprang ihn auch schon der von der Wut wahnsinnig gewordene<br />

Troll an, ließ seine Axt einfach Axt sein und warf den Hexenmeister um.<br />

Seine Fäuste ballten sich, suchten ihr Ziel und fanden es im Gesicht des<br />

Blutelfhexenmeisters.<br />

„DU MÖRDER! DRECKSKERL! ICH MACH DICH KALT DU BASTARD!“<br />

brüllte Teborasque und donnerte seine Fäuste wieder und wieder in<br />

das Gesicht des Blutelfen. Ein Knacksen durchfuhr ihn, deutete ihm an,<br />

dass erst die Nase des Blutelfen und dann zwei seiner Finger unter den<br />

enormen Schlägen brachen. Doch der Schmerz bremste ihn nicht, er<br />

fachte seine Wut nur noch mehr an, ließ die Schläge in noch<br />

schnellerer und gnadenloserer Abfolge auf den Blutelfen eindonnern.<br />

Fargoth, dessen Gesicht mit jedem Schlag mehr zu einer breiigen<br />

Masse aus Fleisch und Blut wurde, versuchte seine Beine anzuziehen<br />

und den Troll abzuwerfen. Das gelang auch, jedoch schleuderte er ihn<br />

nur wenige Meter weit, von wo aus der Troll mit neuem Schwung und<br />

Elan zuerst auf <strong>eines</strong> der Beine des Blutelfen losging, es mit beiden<br />

Händen packte und in Positionen drehte, die selbst einem Unfallopfer<br />

fremd waren, den Unterschenkel dann im Wahnsinn einfach vom<br />

schreienden Blutelfen abriß und den Blutelfen dann mit seinem<br />

eigenen Bein zu verprügeln begann.<br />

- 287 -


Noch während seiner Eskapaden waren Braunpelz und Sophilia auf<br />

den wie ein Berserker tobenden Troll aufmerksam geworden, sahen<br />

aus einigen Metern Entfernung, wie Teborasque auf den leblos am<br />

Boden liegenden Blutelfen noch immer eindrosch und den schon<br />

gänzlich platten Schädel des Blutelfen weiter mit seinem eigenen Bein<br />

noch viel breiter schlug, als die steinernen Bodenfliesen darunter<br />

waren. Wieder und immer wieder brüllte er dabei die Worte „ICH<br />

BRING DICH UM DU VERDAMMTER MÖRDER!“ und schlug von seiner<br />

eigenen Wut angepeitscht noch kräftiger zu.<br />

„Hör auf! Tebo! Reg dich doch endlich ab! Er ist doch schon tot!“<br />

versuchten ihn die beiden, nicht gerade schwachen Damen von dem<br />

Blutelfen wegzuziehen, dessen Gesicht sich mittlerweile gleichmäßig<br />

über den Boden verteilt hatte. Doch der Jäger strampelte mit und<br />

schlug wild um sich, traf sowohl Sophilia wie auch Braunpelz hart im<br />

Gesicht und begann dann von neuem, auf den Hexenmeister<br />

einzuprügeln, ehe er heulend auf die Knie sank und zur leblos da<br />

liegenden Roxxy kroch, um ihren noch warmen Kopf in seinen Schoß<br />

zu legen. Tränen flossen Strömen über sein Gesicht, suchten nach<br />

Hoffnung in den Augen <strong>–</strong> vielleicht noch einen Lebensfunken. Doch<br />

da war nichts <strong>–</strong> ihr Körper begann schon auszukühlen.<br />

„Nein...bitte...neeeeiiiinnn...“ schrie der Jäger, dessen Tränenschwall<br />

kein Ende nehmen wollte.<br />

Fargoths Seele indes schwebte über seinem zerschlagenen Körper. Ein<br />

zufriedenes Grinsen lag auf dem schemenhaften Gesicht, das, im<br />

Unterschied zu seinem wirklichen, noch vollständig intakt war. Er hatte<br />

sein Leben zumindest damit enden lassen, die Gruppe zu dezimieren.<br />

Lord Illidan würde zufrieden sein, auch wenn er sein eigenes Leben<br />

dafür gegeben hatte. So wollte er davon schweben, wurde aber<br />

dann und mit einem Mal von einer Kraft gepackt, die er nicht<br />

verstand.<br />

Hinter der einen Ecke stand Vadarassar, die eine Hand in Richtung des<br />

Seelenschemens gerichtet.<br />

Fargoths Augen weiteten sich. Nein <strong>–</strong> das konnte, das durfte nicht sein.<br />

„NEIN! Du wirst keinen Splitter meiner Seele erhalten! Sie gehört MIR<br />

allein!“ waberte die Luft in einer Sprache, die nur Hexenmeister und<br />

jene, die in die dunkle Kunst des Seelendiebstahls eingeweiht waren,<br />

verstehen konnten.<br />

- 288 -


„Das habe ich auch nicht vor.“ groll Vadarassar böse, die Energien,<br />

auf die er sich konzentrierte, intensivierend. Fargoth schrie vor<br />

Schmerzen, konnte nicht glauben, dass ein Toter, ein Geist, der nicht<br />

mehr war als die reine Seele, solche Qualen erleiden konnte.<br />

„Von DIR werde ich keinen Splitter erhalten. Ich werde deine GESAMTE<br />

Seele in einem Kristall einsperren. NIEMAND tut so etwas einem meiner<br />

Freunde an. NIEMAND. Und du wirst die Ehre erhalten, deinem Herrn<br />

die Verderbnis zu bedeuten!“ groll Vadarassar, die schwarze Magie<br />

dann vollends über die Seele kommen lassend.<br />

„NEEEIIIIIIIIIIIIII.......“ schrie sie noch, ehe sich die Seele in lilanen Rauch<br />

auflöste, auf Vadarassar zu raste und in seiner hand auskristallisierte.<br />

Entstanden war nicht etwa ein Seelensplitter, wie er viele besaß,<br />

sondern ein Seelendiamant, der die gesamte Seele dieses<br />

verdammten Verbrechers beinhaltete. So würde sie niemals<br />

wiedergeboren werden, um erneut Schandluder zu treiben. Ein Verlust,<br />

denn auf der rechten Seite wäre er vielleicht nützlich geworden. Doch<br />

keiner, der nicht zu verschmerzen war.<br />

Mit tiefster Genügsamkeit steckte Vadarassar den Seelendiamanten in<br />

seine Robentasche, bereit, ihn gegen Illitan persönlich einzusetzen.<br />

Besiegt durch seinen eigenen Handlanger <strong>–</strong> das geschah diesem<br />

Mistkerl Recht.<br />

- 289 -


Kapitel 48 <strong>–</strong> Daemonicus Interruptus<br />

Der Todesschrei von Fargoth und das irre Gebrüll von Teborasque<br />

hatten bewirkt, dass kurzerhand mehr als drei Dutzend Wachen<br />

aufgetaucht waren, die nun mit gewetzten Waffen auf die verteilten<br />

Eindringlinge zu stürmten. Als die ersten jedoch erblickten, was jenem<br />

Blutelfhexenmeister widerfahren war, stockte der Vorstoß der Krieger.<br />

Einige in den vordersten Reihen mussten angewidert den Blick<br />

abwenden, andere liefen grün an und wieder andere übergaben sich<br />

in ihre eigenen Rüstungen. Einen Blutelf so zuzurichten hatte nicht<br />

unbedingt etwas mit Kraft oder Wut zu tun <strong>–</strong> nur ein total Wahnsinniger<br />

war in der Lage, jemanden derart grausam umzubringen und so zu<br />

verstümmeln.<br />

Angst und Zweifel, wer von den sechs übrigen Recken der Verursacher<br />

dieses Gemetzel war, ließen die Wachen unsicher von Charakter zu<br />

Charakter blicken. Es war schließlich Tayury, die einen kräftigen Schritt<br />

nach vorn machte und einmal laut „BUH!“ brüllte, woraufhin sich die<br />

Hälfte der Wachen vor Angst in ihre Rüstungen machte und panisch<br />

die Flucht ergriff. <strong>Die</strong> übrigen hoben ihre Schwerter, fürchtend, genau<br />

so zu enden wie ihr hexender Kollege. Doch ehe sie an Flucht denken<br />

konnten, prallte schon der mächtige Streitkolben der Taurin auf ihre<br />

Schädel ein, zermatschte kurzerhand einen davon und ließ die übrigen<br />

dann auch in Panik ihre Waffen und Schilde fallen lassend die Flucht<br />

ergreifen.<br />

Wut groll durch alle Gesichter, nur Braunpelz wirkte nachdenklich und<br />

sah auf die tote Trolljägerin herab, die Teborasque noch immer<br />

umklammert hielt. Er konnte einfach nicht fassen, dass das, was er so<br />

geliebt hatte, jetzt einfach nicht mehr sein sollte. Vorsichtig sank<br />

Braunpelz neben ihr auf ein Knie, strich über ihren Körper, als wolle sie<br />

damit etwas herausfinden.<br />

Dann weitete sie ihre Augen. Nein, die Trolljägerin war definitiv tot, der<br />

Puls war nicht mehr vorhanden und ihr Körper kühlte bereits aus. Doch<br />

die Seele, die den Körper beim Tod für gewöhnlich verließ, weigerte<br />

sich die leblose Hülle loszulassen. Mit aller Kraft klammerte sie sich noch<br />

in dieser Welt fest, hoffte auf eine Möglichkeit, doch noch hier zu<br />

bleiben. Ein eiserner Wille, der die Druidin beeindruckte. Und eine<br />

Möglichkeit, denn alles, was gestorben war und dennoch eine Seele<br />

besaß, konnte erneut erblühen. So war es mit den Pflanzen und so<br />

würde es auch mit dieser Jägerin sein.<br />

- 290 -


Sie griff in ihre kleine Gürteltasche, brachte ein unglaublich k<strong>eines</strong><br />

Objekt daraus hervor. Ein Samenkorn, nicht viel größer als eine<br />

Stecknadel und kleiner als ein Floh lag auf der großen braunen Hand<br />

der Druidin, die diesen kurz darauf auf die Trolljägerin fallen ließ.<br />

„Toter Körper und lebende Seele in einem. Erdenmutter, die du<br />

mächtig bist, deine <strong>Die</strong>nerin fleht um deine Gnade, beide wieder in<br />

einer lebenden Einheit auf dieser Welt wandeln zu lassen. Gib zurück,<br />

was viel zu früh genommen, gleiche das Ungleichgewicht aus und<br />

schenke ihr erneutes Leben. Erdenmutter, als deine <strong>Die</strong>nerin flehe ich<br />

dich um deinen Segen an. Bitte, lass mit diesem Samen neues Leben in<br />

die tote Hülle einkehren.“ hauchte Braunpelz betend, ihre Hände auf<br />

das Herz und die Wunde der Trolljägerin legend. Tayury indes wendete<br />

sich ablehnend ab. Erdenmutter <strong>–</strong> so ein Schwachsinn. Und doch<br />

drehte sie sich mit einem Mal ungläubig um.<br />

Ein strahlendes Licht ging von dem kleinen Samenkorn aus, wurde<br />

größer, immer größer und ließ den gesamten Korridor erstrahlen, hüllte<br />

alle ringsum in ein unendlich warmes Weiss. Und dann erklang eine<br />

Stimme, so sanft und fern, dennoch nah und unglaublich gütig. Eine<br />

Stimme, als käme sie direkt von den Titanen, die einstmals die Welten<br />

erschaffen hatten.<br />

„Du wünschst das Leben einer, die zu Unrecht fiel, zurück in die Welt zu<br />

schicken. Es ist, was nicht nur die Seele, sondern alle ringsum am<br />

meisten ersehnen. Dein Flehen ehrt die Macht, die dir gegeben. Das<br />

Geschenk einer zweiten Chance sei gewährt.“ hauchte eine Stimme,<br />

die überall und nirgends herzukommen schien.<br />

<strong>Die</strong> Dolchwunden auf Roxxys Körper verschwanden mit einem Mal,<br />

blätterten einfach von ihrem Körper ab, als wären sie nie da gewesen.<br />

Noch ein letztes mal pulsierte das Licht, dann verschwand es<br />

schlagartig und ließ die Sieben in der Dunkelheit des Ganges zurück.<br />

Roxxy blinzelte, holte einen tiefen Atemzug und riß dann die Augen<br />

auf. Teborasque, der noch immer neben ihr kniete, konnte es nicht<br />

glauben, riß sie empor und drückte sie so fest an sich, dass er sie<br />

beinahe erwürgte und damit fast ein weiteres Mal umbrachte.<br />

„Bei allen Zephyriumladungen <strong>–</strong> du lebst!“ jubelte der Trolljäger, hielt<br />

sie in seinen Armen und wollte sie gar nicht mehr loslassen, sah nur<br />

noch Braunpelz neben sich, die leicht hin und her wankte, von diesem<br />

Gebet offenbar geschwächt zu sein schien. Dann richtete sie sich<br />

jedoch auf und ging wieder zu ihrer Artgenossin.<br />

- 291 -


„Danke....ich....ich werde dir auf ewig dankbar sein, Mann....“ presste<br />

Teborasque noch unter Tränen heraus. Braunpelz stützte sich nur an<br />

der Wand ab, blickte zu Tayury, die ihre Augen noch immer weit<br />

aufgerissen hatte und starrte, als könne sie das gerade Geschehene<br />

einfach nicht erklären.<br />

„Danke nicht mir <strong>–</strong> danke der Erdenmutter, dass sie euch beiden eine<br />

zweite Chance gibt.“ brachte Braunpelz noch hervor, ehe sie tief<br />

durchatmete und sich erst mal sammeln musste.<br />

„Deine Freunde werden zu spät kommen, dich zu retten. Und sie<br />

werden meine Pläne nicht vereiteln. Bald schon werden genügend<br />

Drachen und Kämpfer auf meiner Seite stehen, damit wir Azeroth für<br />

uns nehmen können. Dann, wenn MEINE Streitmacht komplett ist,<br />

werde ich in meine Heimat zurück kehren und sie vor den Dämonen<br />

und allen, die es wagen, die Ruhe zu stören, beschützen. Und mit dir<br />

und deiner gesamten Horde fange ich an.“ groll Illidan. Doch ehe er<br />

seine Dämonenklinge heben und sie in den wehrlos am Boden<br />

liegenden Magier rammen konnte, wurde die Tür von außen<br />

aufgestoßen und Vadarassar, Barra und alle anderen stürmten voran,<br />

um sich gegen den einstigen Dämonenjäger zu stellen.<br />

„Gib ihn frei, dann werden wir dich verschonen!“ groll Vadarassar so<br />

tief er konnte, deutete auf Illidan, der die Klinge in diesem Moment<br />

sinken ließ und die kleine Gruppe nur mit einem breiten Grinsen<br />

betrachtete.<br />

„Ihr? Ihr wollt MICH aufhalten? Vermessen, SEHR vermessen von euch.<br />

Ihr wisst nicht, was euch erwartet!“ groll er seine zweite Klinge greifend,<br />

um kurz darauf einen kräftigen Sprung in Richtung eben jener Sieben<br />

zu machen, die Klingen hoch erhoben.<br />

<strong>Die</strong> erste Klinge traf das Schild von Tayury, wurde davon aber nicht<br />

abgewehrt, sondern schnitt es glatt in zwei Teile, die andere tat das<br />

gleiche mit ihrem Streitkolben und ließ sie damit gänzlich schutzlos<br />

zurück taumeln, ehe die beiden Trolle ihre Gewehre benutzten und<br />

Illidan eine Ladung Schrot mitten in die nicht vorhandenen Augen<br />

schossen. Der Dämonenjäger wehrte die Kugeln elegant mit seinen<br />

Klingen ab, stürmte dann wieder vor und baute sich drohend vor den<br />

sieben auf.<br />

„Ihr habt keine Chance. Ergebt euch und schließt euch meiner Armee<br />

an. Gemeinsam werden wir erst diese Welt und dann Azeroth von<br />

allem befreien, was eine Gefahr für den Frieden sein könnte. Es wird<br />

- 292 -


ein Reich aus gänzlicher Harmonie werden, frei von der dämonischen<br />

Bedrohung oder den Gefahren durch irgendetwas.“ groll der Dämon,<br />

seine Klingen drohend vor die Gruppe haltend.<br />

Keiner der sieben sagte einen Ton. Nur Vadarassar sagte etwas, griff<br />

dabei in seine Tasche und brachte dabei den Seelendiamanten<br />

hervor. In der Nähe dieses Überdämons begann er stark, sogar<br />

übermäßig stark zu glühen. Dann, mit einer Kühle, die selbst Bwalkazz<br />

zur Ehre gereicht hätte, sagte er nur vier Worte, während er auf Illidan<br />

deutete.<br />

„Brenne in der Hölle!“ donnerte hervor, gefolgt von einer magischen<br />

Formel, die den glühenden Seelendiamanten noch heller glimmen<br />

ließ. Ein Feuerball, weitaus mehr astraler Natur als üblich, entwuchs aus<br />

dem Diamanten, verschlang ihn und brannte so heiss, dass alle um<br />

Vadarassar schon einen Schritt zurück gingen. Dann und ohne die<br />

Mine zu verziehen, ließ er den Flammenball auf den Dämonenjäger los<br />

donnern.<br />

Der grinste nur lässig, hob seine Dämonenklinge und schlug auf den<br />

Feuerball ein, als wolle er ihn damit lässig zur Seite schlagen. Doch die<br />

Klinge fuhr glatt durch den Ball hindurch <strong>–</strong> mehr noch, schmolz, als sie<br />

durch ihn hindurch glitt in sich zusammen.<br />

Mit einem ungläubligen Blick traf der Ball den Dämonenjäger,<br />

verbrannte aber nicht seine Haut, sondern verschlang ihn von innen,<br />

ließ ihn in unendliche Schmerzen verfallen zusammen brechen. Doch<br />

er starb nicht, nein, er rappelte sich wieder auf, blickte aus glühenden<br />

Augen auf die Gruppe und fletschte die Zähne.<br />

„Dafür wirst DU brennen, Hexenmeister!“ groll er, hob seine Hand und<br />

ließ einen Blitz entfahren.<br />

Der Blitz schlug geradewegs im Oberlicht des Raumes ein, ließ es<br />

zerbersten und sich damit öffnen. Durch jenes Oberlicht strömten<br />

darauf Dutzende, hunderte und bald schon tausende von<br />

Netherdrachen auf Illidan zu, kreisten um ihn herum und füllten den<br />

Raum, bis dieses riesige Konstrukt vollends mit Netherdrachen gefüllt<br />

war.<br />

Illidan lachte wahnsinnig. „Ich sagte euch, ihr wisst nicht, was euch<br />

erwartet! Dein Zaubertrick hat mir meine Kräfte zerschlagen, doch um<br />

mich besiegen zu können, müsst ihr schon mehr bieten. Und jetzt,<br />

meine Drachen <strong>–</strong> greift sie an und brennt sie nieder! Lasst nur Staub<br />

von ihnen übrig!“<br />

- 293 -


Kapitel 49 <strong>–</strong> Der Herr über das Heer der Netherdrachen<br />

Gerade eben noch hatte alles so gut ausgesehen. <strong>Die</strong> Attacke von<br />

Vadarassar gegen Illidan schien eine Wirkung entfaltet zu haben, die<br />

weit über dem war, was sie wohl erwartet hätten. Doch nun waren sie<br />

von Drachen umzingelt <strong>–</strong> weit mehr, als sie jemals auf einem Haufen<br />

gesehen hatten. Scheinbar unendlich viele, glühende Augen fixierten<br />

sie, warteten nur auf den Befehl ihres Herren.<br />

<strong>Die</strong> sieben sahen ihr sicheres Ende gekommen, sechs von ihnen<br />

zitterten am ganzen Leib, erwarteten den kurzen, dafür umso<br />

schmerzvolleren und tödlicheren Angriff der Netherdrachen. Nur der<br />

Orchexenmeister war halbwegs ernst, schien mit irgendetwas<br />

beschäftigt. Dann schließlich ergriff er das Wort.<br />

„Vierhundertdreiundfünfzig.“ sagte er kühl und ohne Emotion im Satz.<br />

„Etwa siebzig für jeden von uns.“<br />

Sechs weitere Augenpaare fixierten den Hexenmeister, der das<br />

Gesagte mit einem ernsten, festen Gesicht als wirklich ernstgemeinte<br />

Tatsache betonte.<br />

„Haste ne Macke? So viel Kugeln kann ich gar nich abschießen, ehe<br />

wir aufgefuttert sind.“ protestierte Teborasque.<br />

„Drachen töten? Aber...ich kann doch keinen Drachen töten.“<br />

wimmerte Braunpelz, die Netherdrachen freundlich anblickend,<br />

obwohl sie dafür nur Fauchen kassierte <strong>–</strong> einerseits von dem<br />

angestarrten Netherdrachen, andererseits von der schwarzen Taurin<br />

neben ihr.<br />

„Klar, du wirst dich lieber zerfetzen lassen und dich dabei bei dem<br />

Drachen für deine Existenz entschuldigen, du Hippie.“ brummte Tayury,<br />

nun einen Stab in Händen haltend, um damit auf den nächstbesten<br />

Drachen loszugehen.<br />

Ein finsteres Lachen entglitt Illidan als er sah, wie diejenigen, die ihn<br />

gerade noch bedroht hatten, jetzt vor Angst schlotterten. Ein<br />

Hochgefühl, das ihm eine Leichtsinnigkeit verlieh, wie sie ihn schon<br />

früher begleitet und manchmal zum Verhängnis hat werden lassen.<br />

Doch nicht diesmal <strong>–</strong> dieses Mal würde er triumphieren und sie<br />

zerfetzen. Nicht selbst, sondern von seinen vielen<br />

Netherdrachendienern, die ihm treu ergeben waren.<br />

- 294 -


Ohne jede Kraftanstrengung packte er den am Boden liegenden<br />

Magier und schleuderte ihn mitten in die Gruppe.<br />

„Ich lasse eurem Freund die Ehre zuteil, mit euch zu sterben. Dann seid<br />

ihr wenigstens im Tode vereint. Und jetzt <strong>–</strong> greift an und lasst nichts von<br />

ihnen übrig!“ brüllte er, die Klingen vor seiner Brust kreuzend.<br />

Noch gerade hatten sie Bwalkazz aufgefangen, schon bildeten sie<br />

einen Kreis, um sich bestmöglich gegen die nun in Wellen<br />

angreifenden Netherdrachen zu verteidigen. Zwanzig Drachen<br />

bildeten die erste Welle, wurden von Flüchen, einem Kugelhagel,<br />

fliegenden Dolchen und einem schwingenden Kampfstab<br />

empfangen. Eine zweite Welle sollte folgen, stürmte schon auf die<br />

Gruppe zu, als mit einem Mal die Kuppel von einem hellen Blitz noch<br />

weiter aufgerissen wurde und eine donnernde Stimme zu brüllen<br />

begann.<br />

„Ihr werdet erst angreifen, wenn ICH es euch sage!“ groll die Stimme,<br />

die einem riesigen Schatten gehörte. War das Netheraku? Nein, dieser<br />

Schatten war größer, viel größer und viel dunkler. Nur leicht blitzte das<br />

Licht von stumpfen, schwarzen Metallplatten ab. Dann, im Licht einer<br />

der Wandfackeln, erkannten sie den Urheber dieses Schreis.<br />

Es war niemand geringeres als Deathwing. Jener Drache, von dem<br />

alle gehofft hatten, er wäre beim großen Krieg zu Tode gekommen.<br />

Seine Worte grollen, als kämen sie direkt aus einem Hochofen und<br />

wollten die Anwesenden sämtlichst verbrennen.<br />

Illidan blickte seinerseits mit abfälligem Blick zu dem großen,<br />

schwarzen Drachen über sich. Er kannte ihn noch von früher, auch<br />

wenn er ihn schon damals nicht wirklich gefürchtet hatte. Es war mehr<br />

eine Art Wut darüber, dass er einfach seinen Befehl mit einem Brüllen<br />

gestoppt hatte.<br />

„Ich habe euch einen Befehl gegeben! Zerstört diese Eindringlinge!“<br />

brüllte Illidan wieder den Netherdrachen ringsum zu. Doch die<br />

bewegten sich nicht, starrten nur auf Deathwing.<br />

„Nachtelf, obwohl du nun von dämonischem Blute bist, ist dein<br />

Verstand noch immer winzig. <strong>Die</strong>se meine Kinder folgten dir nur, weil<br />

ich es so wollte. Sie gehören zu mir <strong>–</strong> und sie sind noch nicht bereit. Der<br />

Kampf wird erst noch kommen.“ groll der schwarze Drache, Illidan kurz<br />

darauf einen Schlag mit dem Schweif verpassend, dem der Nachtelf<br />

jedoch zu einem großen Teil ausweichen konnte. Leicht strauchelnd<br />

kam er wieder auf seine Beine, starrte dann das Echsengesicht böse<br />

an.<br />

- 295 -


„<strong>Die</strong>s hier ist MEIN Reich. Niemand stellt sich über mich. NIEMAND!“<br />

brüllte er nun, seine verbliebene Klinge zückend, um sie Deathwing<br />

durch den Stahl hindurch in die Echsenhaut zu rammen.<br />

Eine magische Barriere packte Illidan, riß ihn umher und ließ ihn<br />

schließlich in der rechten Pranke von Deathwing landen, wo er gleich<br />

darauf von den dicken Krallen umschlungen wurde. Seine Klinge fand<br />

schlagartig eine der Klauen, wurde hinein gestoßen und durchstieß sie<br />

gänzlichst.<br />

Deathwing brüllte auf, spürte die Schmerzen, schien darunter aber<br />

nicht zu leiden, Viel mehr verzog er das Gesicht, als würde er jene Pein<br />

geradezu genießen.<br />

„Du magst stark sein, doch gegen mich wirst du nicht ankommen. Ich<br />

lasse sich nur am Leben, damit ich meine Ruhe habe und sich alle DIR<br />

als gefährlichstem Gegner widmen. Und in der Zwischenzeit wächst<br />

meine Armee, damit ICH MEINE Welt erobern und ENDLICH von dieser<br />

Pestilenz bereinigen kann.“ groll Deathwing, sah dabei auf die vielen<br />

Netherdrachen.<br />

Es waren keine schwarzen Drachen mehr. Nein, in seinen Augen<br />

waren sie durch diesen Unfall noch mehr geworden, stärker, als seine<br />

ursprüngliche Brut. Eine Urmacht, der Azeroth nichts entgegenzusetzen<br />

haben würde. Nichts würde ihn bremsen. Nicht einmal dieser<br />

verdammte Netheraku hatte es geschafft, war viel zu leicht zu<br />

beseitigen gewesen.<br />

„<strong>Die</strong>se Armee ist nicht deine.“ rief eine Stimme von oben herab.<br />

Deathwing blickte nach oben, wollte wissen, wer diesen Frevel wagte,<br />

IHN, als Herrscher von Azeroth zu verleugnen.<br />

Ein hagerer, bleicher Mensch mit roter Robe stand dort oben. Doch<br />

Deathwing blickte durch die Verkleidung hindurch, sah die viel<br />

mächtigere Existenz dahinter und groll laut.<br />

„Das Lieblingsschoßhündchen meiner ehemaligen Geliebten. Du wirst<br />

der Erste sein, der von meinen Nachkommen zerrissen wird.“ groll<br />

Deathwing böse, den Netherdrachen ein tiefes Grollen entgegen<br />

bringend. Sofort machten sich hundert Netherdrachen auf, um auf<br />

den Magier zuzustürmen. Der indes machte keine Anstalten ihnen<br />

auszuweichen oder gar seine Gestalt zu ändern. Brauchte er auch<br />

nicht, denn nur Momente später kam der Angriff zum Stehen und die<br />

- 296 -


Netherdrachen schwebten nur noch langsam über dem Magier, den<br />

sie eigentlich zerfetzen sollten.<br />

„Greift ihn an! Ihr sollt ihn zerfetzen. Ich bin euer Vater und Herr!“ groll<br />

Deathwing die Netherschwingen finster an.<br />

„Nein <strong>–</strong> du bist der Herr der schwarzen Drachen. Nicht der<br />

Netherschwingen!“ antwortete eine Stimme, die Deathwing nur zu gut<br />

kannte, die ihn allerdings an seinem eh schon maroden Verstand<br />

zweifeln ließ. Dann sah er ihn <strong>–</strong> Netheraku schwebte dort oben, war<br />

alles andere als ein Geist oder ein bloßes Hirngespinst. Ungläubig sah<br />

er, wie die Netherdrachen dort oben Kehrt machten, stattdessen an<br />

der Seite ihres Vaters, ihres Artgenossen schwebten und nun auf<br />

Deathwing zu kamen.<br />

Unbändige Wut brannte in ihm. Er wollte Netheraku endgültig<br />

zerschlagen, ihn zerschmettern. Doch ehe er seine ganze Kraft auf<br />

selbigen konzentrieren konnte, traf ihn schon ein konzentrierter<br />

Feuerstrahl direkt in die Seite.<br />

Korialstrasz, der rote Drache hatte sich ungesehen von den anderen<br />

aus seiner menschlichen Gestalt geschält und schwebte nun<br />

schwerelos über dem großen schwarzen Drachen, der Illidan in eine<br />

Ecke warf und sich schließlich den Drachen widmete.<br />

Flammen und Flüche wechselten die Kehlen, schossen auf die jeweils<br />

andere Fraktion. Illidan seinerseits stand auch nicht hilflos dar, mischte<br />

sich ein und traf mal jene, mal die andere Seite. Ein Verwirrspiel<br />

zwischen drei Fraktionen <strong>–</strong> der Seite von Illidan, Deathwing und<br />

Netheraku. <strong>Die</strong> Netherdrachen ringsum waren verwirrt, wirbelten<br />

teilweise unter der Kontrolle von Illidan, von Deathwing oder<br />

Netheraku umher, schlugen aufeinander ein, bekämpften sich oder<br />

wechselten spontan die Seiten. Ein Durcheinander von drei Mächten,<br />

die einander keinerlei Boden lassen wollten.<br />

„Interessant.“ brummte Vadarassar, das Geschehen wie alle anderen<br />

vom Boden aus beobachend. Nur Braunpelz stand über Bwalkazz<br />

gebeugt und untersuchte den zerschundenen untoten Körper des<br />

Magiers. Besonders markant fand sie die roten Würgemale in Form von<br />

Taurenfingern an seinem Hals, blickte Tayury streng strafend an, die<br />

ihrerseits so tat, als würde sie den Blick gar nicht bemerken.<br />

„Du hast ihn gewürgt.“ stellte die Braune fest, sich wieder aufrichtend,<br />

nachdem sie für den Magier getan hatte, was sie konnte.<br />

- 297 -


„Der hat genervt. Also habe ich ihn zum Schweigen gebracht.“<br />

brummte die schwarze Taurin nur, Braunpelz dann tief in die Augen<br />

blickend. „Und jetzt lass mich in Ruhe.“<br />

„Hör mir gut zu Schwester. Wenn du meinen Freunden weh tust, dann<br />

auch mir. Also entschuldige dich gefälligst.“ sagte Braunpelz mit einem<br />

Schlag, Tayury mit einer Hand am Handgelenk greifend.<br />

Wie Dolche bohrten sich die Augen Tayurys in die sonst so freundlichen<br />

Augen der braunen Taurin. Doch die ließ sich nicht beeindrucken, sah<br />

ihrerseits entschlossen zurück.<br />

„Lass meinen Arm los oder ich breche dir die Hand.“ groll die schwarze<br />

Taurin.<br />

„Versuch es doch, Schwester.“ antwortete Braunpelz, nun zum ersten<br />

Mal wirklich grimmig.<br />

„Hey Mädels <strong>–</strong> VORSICHT!“ brüllte Teborasque mit einem Mal, warf sich<br />

einfach gegen die beiden Tauren und schleuderte sie zur Seite. Keinen<br />

Moment zu spät, denn genau in diesem Moment krachte Netheraku<br />

auf den Boden und blieb dort zunächst zitternd liegen. Sofort stürmte<br />

Deathwing auf ihn hinab, um sein Werk endlich zu vollbringen. <strong>Die</strong>smal<br />

würde er ihn nicht einfach in Ruhe zum Sterben am Boden liegen<br />

lassen <strong>–</strong> er würde diesem verdammten Netherdrachen den Kopf<br />

abreißen, ihn auf einen Speer spießen und ihn als warnendes<br />

Mahnmal vor seinen Bau stellen, damit jeder wusste, dass man sich<br />

NIEMALS dem Aspekt der Erde in den Weg stellte.<br />

Korialstrasz brachte ihn vom Kurs ab, rammte ihn im letzten Moment in<br />

den Bauch und schlug seine Krallen tief in die Schuppen. Ein Beben<br />

ging durch den schwarzen Tempel, ließ Risse durch alle Wände fahren<br />

und die Wachen, die neugierig zum Eingang gelaufen waren,<br />

panikartig in Richtung Ausgang flüchten. Ohne nachzufragen waren<br />

Braunpelz und Sophilila zu Netheraku gelaufen und betrachteten den<br />

geschwächten Netherdrachen. Er war stark <strong>–</strong> ganz ohne Frage. Doch<br />

gegen einen Aspekt, selbst wenn dieser korrumpiert war, kam selbst er<br />

nicht an. Ein Glück nur, dass dieser aktuell mit etwas ganz anderem<br />

beschäftigt war.<br />

Brüllend rafften sich die beiden Drachen auf, fauchte Deathwing den<br />

kleineren roten Drachen an und schlug mit einer Vorderpranke nach<br />

ihm. <strong>Die</strong>se traf mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit und Präzision die<br />

Flanke des Roten, ließ ihn laut aufschreien und seinen Kopf damit weit<br />

- 298 -


erheben. Das reichte Deathwing, um den Kopf mit einem weiteren<br />

Prankenschlag zu erwischen.<br />

Benommen durch den Treffer taumelte der rote Drache zur Seite und<br />

krachte gegen einige Pfeiler, riss sie mit seinem Gewicht um, als wären<br />

es nur kleine Streichhölzer und blieb schließlich unter einigen Tonnen<br />

Stein und Gemäuer regungslos liegen. Jetzt wollte Deathwing sein<br />

Werk endlich vollenden, Netheraku umzubringen, spürte gleichzeitig<br />

aber ein Schwert, dass sich in seinen Nacken und an den dort<br />

angebrachten Metallplatten vorbei in seine Schuppenhaut bohrte.<br />

Wild wirbelte er herum, schüttelte Illidan ab.<br />

„Idiot. Du bist keine Gefahr für mich. <strong>Die</strong> Mächte, die du inne hattest,<br />

die Drachen, die du kontrolliertest <strong>–</strong> es war alles von mir. Und ich kann<br />

dir nehmen, was ich dir gegeben habe.“ groll der schwarze Drache,<br />

den Dämonenjäger schließlich mit seinen Augen fixierend.<br />

„Du irrst gewaltig, Drache. Ich werde dich erlegen, wie ich die<br />

Dämonen erlegt habe. Ohne deine Hilfe.“<br />

„Dummer, kleiner, wertloser Elf.“ groll Deathwing, gleich darauf wieder<br />

mit den Pranken nach Illidan schlagend<br />

Netheraku indes öffnete wieder seine Augen, spürte die Kraft, die er<br />

von der Druidin und der Schamanin erhielt und wie sich seine Wunden<br />

in Rekordzeit schlossen. Dann fand sein Blick wieder Deathwing und<br />

die Netherdrachen ringsum. Sie waren noch immer verwirrt, wem sie<br />

nun gehorchen sollten, standen zu großen Teilen unter dem Einfluß von<br />

jedem der beiden Bösewichte. Erst als Netheraku laut nach ihnen<br />

schrie, schien die Magie langsam zu vergehen, ihre Sinne wieder die<br />

Kontrolle über ihr Tun zurück zu kehren. Und dann einten sie sich,<br />

stießen auf Deathwing herab, rissen eine der riesigen Metallplatten aus<br />

seinem Rücken.<br />

Ein schriller Schrei entglitt dem schwarzen Drachen, der Illidan mit<br />

einem Ruck gegen eine Säule schlug und sich Netheraku zuwandte,<br />

der jetzt inmitten der Gruppe stand. Durch die Schmerzen in seinem<br />

Rücken blind vor Wut schlug er um sich, erwischte einige<br />

Netherdrachen und zermalmte sie unter sich, während er Schritt um<br />

Schritt näher kam.<br />

„Das....ist eure....einzige Chance...“ keuchte es unter jeder Menge<br />

Gestein hervor. Korialstrasz war es wohl, der sich aus den Steinen<br />

herauszugraben versuchte. Niemand schien wirklich zu verstehen, was<br />

der rote Drache mit diesen Worten gemeint haben wollte. Lediglich<br />

- 299 -


die Schurkin und der Hexer verstanden es, nickten beide und gingen<br />

etwas zur Seite, krallten sich beide die zwei Jäger und gingen<br />

unauffällig hinter einer Säule in Deckung.<br />

„Illidan war ein Narr. Ohne meine Mächte wäre er noch immer nur der<br />

Herrscher dieses Tempels und würde versuchen, die Legion in Schach<br />

zu halten. Seine Vermessenheit wird ihm nun dieses Schicksal auf ewig<br />

auferlegen. Und ICH werde über Azeroth herrschen.“ groll Deathwing,<br />

seine Pranke erhebend, um Netheraku mit nur einem Schlag endgültig<br />

den Gar aus zu machen.<br />

Von seinen Wunden größtenteils geheilt rollte dieser sich aber in letzter<br />

Sekunde weg und sprang den schwarzen Drachen wie ein Wolfshund<br />

an die Kehle, biß kräftig durch den schweren Metallpanzer in das<br />

Fleisch s<strong>eines</strong> Widersachers. Deathwing groll, schlug um sich und fügte<br />

Netheraku mehrere tiefe, stark blutende Schnittwunden zu, während<br />

er sich immer weiter aufrichtete.<br />

„Macht euch bereit.“ sagte Vadarassar, die Hand hebend und in<br />

Gedanken schon einige Zauber vorbereitend. <strong>Die</strong> Jäger legten mit<br />

ihren Flinten an und Barra hielt zwischen den Fingern beider Hände<br />

ihre Wurfmesser bereit. Dann senkte der Hexenmeister die Hand, ließ<br />

im selben Moment eine schwarz glühende Energiekugel los rasen,<br />

umschlossen von einem noch viel schwärzeren Glühen. Sofort folgten<br />

die Kugeln der Trolle, begleitet von den Messern der Schurkin.<br />

Beinahe gleichzeitig trafen Zauber, Kugeln und Messer die<br />

ungeschützte Stelle in Deathwings Rücken, ließen ihn laut aufschreien<br />

und zurück torkeln. Dann traf eine weitere Salve die gleiche Stelle,<br />

noch ein weiterer Zauber ließ das hervor quellende Fleisch verfaulen,<br />

sich nach innen fressend den Körper verderben, ehe ein Schwall Lava<br />

aus dem Körper und über die Rüstungen glitt.<br />

Deathwing groll, wandte sich um und ließ den gesamten Raum in<br />

Flammen aufgehen, hoffte so die Angreifer zu grillen. Nur ihren<br />

schnellen Reflexen und der nahen Steinsäule hatten sie es zu<br />

verdanken, nicht wirklich in Grillbriketts verwandelt worden zu sein.<br />

„Wertlose Horde. Ihr Würmer werdet mich nicht aufhalten! Ich bin<br />

mächtiger als eurer gesamtes Volk! Ich werde euch zerschmettern!“<br />

groll Deathwing, schrie dann auf, als Illidan, seinerseits wieder auf den<br />

Beinen, sein Schwert in die ungeschützte und schon verletzte Flanke<br />

des Riesendrachen rammte.<br />

- 300 -


Wutentbrannt schlugen die Gedanken wieder auf den Dämonenjäger<br />

um, krachten Krallen in Stein und verwüsteten alles, was ihnen im Weg<br />

stand.<br />

Dann, mit einem Mal, stand Krasus neben Vadarassar und den Trollen.<br />

„Jetzt ist der Punkt, an dem ihr fliehen solltet.“ sagte der Magier in<br />

strenger Stimme, den Restlichen um Netheraku herum zunickend. Der<br />

große Netherdrache verstand, nahm Druidin und Orcschamanin auf<br />

seinen Rücken, beorderte einige seiner Untertanen herbei, um den<br />

anderen ebenfalls eine Mitfluggelegenheit zu geben. Vier weitere<br />

flogen auf Vadarassar, Tebo, Roxxy und Barra zu, landeten nur wenige<br />

Zentimeter vor ihnen und blickten sie auffordernd an, aufzusteigen.<br />

„Wieso sollten wir fliehen? Mit dem Würmchen werden wir doch noch<br />

fertig.“ brummte Vadarassar und deutete auf Deathwing, der Illidan<br />

gerade wieder knapp verfehlt hatte und nun zu einem weiteren<br />

Feuerstoß ansetzte. Doch Krasus schüttelte den Kopf.<br />

„Du unterschätzt seine Macht bei weitem, Hexenmeister. Eure Kräfte<br />

sind groß, doch seine sind groß genug, um ganze Armeen deiner Sorte<br />

zu zerfetzen. Und wenn ihr bleiben würdet, dann wäre dies euer<br />

sicheres Schicksal sowie Ende. Nun geht. Flieht. Schnell.“<br />

Mit diesen letzten Worten hoben die Netherdrachen ab, trugen die<br />

Gruppe mit schweren Flügelschlägen aus dem Tempel heraus und<br />

dann mit höchster Geschwindigkeit Richtung Shattrath. Noch<br />

während sie die Grenze des Schattenmondtals, das an die Wälder von<br />

Terrokar grenze überflogen, hörten sie den Kampfeslärm zwischen<br />

Illidan und Deathwing. Doch die Schreie der Netherdrachen, die<br />

vorher so allgegenwärtig waren, waren nun verschwunden.<br />

- 301 -


Kapitel 50 <strong>–</strong> Endlich in Sicherheit<br />

Bwalkazz öffnete die Augen und spürte ein intensives Leuchten. Ein<br />

Naaru schwebte dort vor ihm, ließ eine unglaublich warme, intensive<br />

Energie auf ihn herab scheinen. Sein Blick ging weiter.<br />

Ein riesiger Raum, kreisförmig, angefüllt mit allerhand merkwürdigen<br />

Gestalten. Doch es war kein schlechter Ort, wie er schon so viele<br />

gesehen hatte. Stattdessen sah er nach einem Umsehen seine<br />

Freunde in einer Ecke stehen. Sogar Tayury sah er, jedoch hatte diese<br />

den Streitkolben gezogen und blickte grummelnd auf die Druidin auf<br />

der anderen Seite. Was...ging da vor? Dachten sie, diese Schamanin<br />

wolle ihm etwas zuleide tun und sie dachte das selbe von den<br />

anderen?<br />

Er wollte sich erheben und zwischen die beiden treten, wurde aber<br />

von dem Licht zurückgehalten, das in diesem Moment eine sanfte<br />

Melodie in seinem schmerzenden Schädel zu spielen begann.<br />

„Du brauchst keine Angst zu haben. Du bist hier sicher und ihr wird<br />

nichts geschehen.“ klang diese Melodie wie eine innere Stimme in<br />

Bwalkazz. Es war nicht einfach nur eine Stimme, die das gesagt hatte,<br />

es war wie eine tiefe Überzeugung, die ihm jeden Zweifel nahm und<br />

ihn sich stattdessen sanft aufsetzen ließ, um aus dieser Position das<br />

Geschehen in nur wenigen Metern Entfernung direkt zu sehen.<br />

„Wenn du eine blutige Nase haben willst, du Hippie, dann nur zu.“ groll<br />

Tayury, ihren neu gekauften Streitkolben schwingend. Braunpelz<br />

beeindruckte das nicht, sie verschränkte die Arme und blickte ihre<br />

schwarzfellige Artgenossin streng an.<br />

„Ich verlange eine Entschuldigung für dein Benehmen unserem Freund<br />

gegenüber. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ sagte sie kühl.<br />

„Einen Dreck bekommst du, Baumschmuserin! Nicht für die Dunstwolke<br />

dort.“ knurrte Tayury, nun eine Kampfhaltung einnehmend. Braunpelz<br />

tat es ihr ähnlich, hielt ihren Stab jedoch nur neben sich, statt ihn mit<br />

beiden Händen zu umklammern.<br />

„Dann willst du es nicht anders. Ich werde dir Manieren beibringen,<br />

Schwester.“<br />

„Halt die Klappe und kämpf, Blumenkind!“ groll Tayury, auf Braunpelz<br />

zu stürmend. <strong>Die</strong> hob nur eine Hand und begann Dinge zu flüstern.<br />

- 302 -


Magie <strong>–</strong> wieder diese widerliche Magie. Nein <strong>–</strong> Tay würde vor stürmen<br />

und dieser Druidin ihre Magie heraus klopfen. Nicht ernsthaft verletzen,<br />

nur diese elende Magie....<br />

Sie stockte mitten in der Bewegung. Eigentlich war sie nur noch einen<br />

Schritt von der Druidin entfernt, konnte aber keinen mehr machen.<br />

Ungläubig blickte sie nach unten, sah, wie ihr rechter Huf von Wurzeln<br />

umwachsen war, die explosionsartig aus dem Boden geschossen<br />

waren und nun nicht nur ihren Huf, sondern ihr gesamtes Bein<br />

umwucherten.<br />

„Was zum....was soll der Mist?“ brüllte Tayury, ihren Streitkolben gegen<br />

die Wurzeln schwingend, die immer weiter an ihr empor kletterten und<br />

jedes Vorankommen unmöglich machten. Erst jetzt traf der Stab von<br />

Braunpelz die schwarze Taurin, jedoch auch nur die Hand, ließ damit<br />

den Streitkolben aus ihrer Hand gleiten. Dann verließ ein glühendes<br />

Schimmern die Stabspitze, traf die Rüstung der Schamanin und ließ sie<br />

hell aufglühen. Einige Stellen wurden durch das Glühen transparent,<br />

schienen sich aufzulösen, während sie wie ein unsichtbares Feuer<br />

glühten. Der leichte Schlag mit dem Stab gegen den Rücken der<br />

Schamanin spürte sie daraufhin, als wäre er ihr direkt auf nacktes Fell<br />

gegangen, blickte die Druidin zornig an.<br />

Dann rastete Tayury aus, stieß eine kleine Dampfwolke aus ihren<br />

Nüstern und griff im Ducken nach ihrem Streitkolben, stieß sich mit<br />

beiden Beinen sowie ihren Armen vom Boden ab und riß damit die<br />

Wurzeln auseinander, um mit dem Überschuß an Schwung auf die<br />

Druidin zu springen, in der Hoffnung, ihr den Streitkolben vor den Kopf<br />

zu hämmern.<br />

Noch mitten im Sturz änderte Braunpelz ihr Aussehen, ließ ihre<br />

Erscheinung in einen Terrorbären verändern, der sich auf den Rücken<br />

rollte, kurz darauf dann aber die schwarze Taurin unter seinem hohen<br />

Gewicht fast begrub. Lange, spitze Klauen lagen auf dem Hals der<br />

Schamanin, eine andere Pranke auf ihrem Arm, der den Hammer hielt.<br />

„Entschuldige dich, du Sturkopf. Ich will dir nicht weh tun müssen.“ groll<br />

es aus der Bärenvisage und voller Wut, vermischt mit Mitleid.<br />

„Putz dir die Zähne, du Flohpelz. Du hast Maulgeruch!“ spuckte Tayury<br />

zurück, ein Knie anziehend um damit den Bären von sich zu<br />

schleudern. Doch schon im Flug änderte Braunpelz wieder ihre<br />

Gestalt, landete auf sanften Katzenpfoten, um im selben Moment<br />

ungesehen zu verschwinden.<br />

- 303 -


Noch immer leuchtete die Rüstung der schwarzen Taurin und ließ sie<br />

damit wie jene Lichtgestalt in der Mitte aussehen...na ja, fast<br />

zumindest. Etwas perplex, wo die Druidin hin war, drehte sie sich<br />

verunsichert einige Male um die eigene Achse, ehe sie mit einem Mal<br />

von jener Katze aus dem Nichts von der Seite angesprungen wurde,<br />

stolperte und erneut auf den Boden krachte. Dann fiel es der Katze<br />

auf <strong>–</strong> mit jenen Sinnen, die sogar eine krumm gezupfte Feder an einem<br />

in dreihundert Meter entfernten Specht bei Nebel erkennen konnten,<br />

sah sie das leichte Straucheln der Schamanin, wieder auf die Beine zu<br />

kommen, erkannte die Schwäche am Knie und stürmte kurzerhand auf<br />

selbiges los. Es tat ihr in tiefster Seele weh, ihrer eigenen Artgenossin<br />

eine schmerzhafte Lektion erteilen zu müssen, doch würde sie jetzt<br />

k<strong>eines</strong>falls kleinbei geben. Mit einem weiteren Sprung schickte sie die<br />

Taurin erneut ins Straucheln und auf den Boden, sprang dann<br />

kurzerhand an ihre Seite. Noch im Sprung verschwand das Katzenfell<br />

der Druidin, kehrte ihre taurische Gestalt zurück und griffen die Hände<br />

nach dem nach oben ausgestrecktem rechten Huf der Schamanin,<br />

zogen das Bein nach oben und setzte sie ihrerseits einen Huf auf das<br />

Knie der schwarzen Taurin.<br />

„Ich tue es ungern. Entschuldige dich endlich, dann höre ich auf.“<br />

grummelte Braunpelz, das Bein ein wenig drehend.<br />

Tayury schrie kurz auf, blickte die Druidin dann böse an. „Einen Dreck<br />

werde ich du verdAAAAUUUUUUUU!!!“<br />

Braunpelz fühlte, wie eine alte, nie geheilte Verletzung immer weiter<br />

aufriß und die Schamanin in ein Meer der Schmerzen hüllte. Eigentlich<br />

keine ernste Verletzung <strong>–</strong> es benötigte nur den rechten Zauber, um sie<br />

gänzlich zu beseitigen. Nur der dicke Kopf der schwarzen Taurin hatte<br />

es wohl verhindert. Nun....Zeit für den Nussknacker.<br />

„Los <strong>–</strong> du sollst dich entschuldigen!“ sagte Braunpelz nun mit ernster<br />

Mine, das Bein noch ein wenig verdrehend.<br />

Abgesehen von Gewimmer kam zuerst nichts, dann brüllte Tayury aus<br />

voller Lunge heraus.<br />

„ALSO GUT! ENTSCHULDIGUNG BWALKAZZ ES TUT MIR LEID UND NUN<br />

NIMM DEINE HÄNDE VON MIR DU MISTSTÜCK!“<br />

Schlagartig knallte der Huf der schwarzen Taurin auf den Boden, lagen<br />

dann aber die Hände der Druidin auf dem pochenden Knie und<br />

ließen selbige einen grünlichen Schimmer um selbiges herum kreisen.<br />

Binnen Sekundenbruchteilen waren die Schmerzen auf Tays Gesicht<br />

verschwunden, gab das Knie nur noch ein leises Knacksen von sich<br />

- 304 -


und nahm das grüne Leuchten in sich auf. Dann reichte Braunpelz<br />

ihrer Schwester die Hand.<br />

„Du und dein dicker Kopf. Wann lernst du endlich, dass das<br />

Gleichgewicht zwischen der Erdenmutter und deiner Existenz dein<br />

wahrer Quell der Macht ist?“ fragte Braunpelz, während Tayury<br />

aufstand und ungläubig einige Schritte machte. Tatsächlich <strong>–</strong> als hätte<br />

diese verdammte Baumkuschlerin ihr ein neues Knie besorgt. Sie<br />

schwieg nun, knurrte nur kurz und ging dann einige Schritte weg.<br />

„Wir werden uns wiedersehen. In Thunder Bluff. Irgendwann.“ brummte<br />

sie noch und ging dann durch <strong>eines</strong> dieser nach Magie stinkenden<br />

Portale. Magie...sie hasste sie. Doch noch mehr hätte sie gehasst,<br />

wenn diese verdammte Druidin und ihr Gefolge jetzt noch ihr<br />

knallrotes Gesicht unter dem Fell gesehen hätten. Und der nächste<br />

Kampf würde bestimmt nicht zum Vorteil der Druidin ausgehen. GANZ<br />

bestimmt nicht!<br />

„<strong>Die</strong> arme Tay.“ murmelte Sophilia hinter der schwarzen Taurin<br />

hinterher. „Ein Schamane, der seine Magie und Verbindung zur<br />

Erdenmutter leugnet, ist kein ganzer Schamane. So gut sie auch<br />

kämpft, diese Schwäche kann sie nicht ausgleichen. Was auch immer<br />

sie versucht.“<br />

„Sie wird schon noch klug werden. Irgendwann, hoffe ich.“ murmelte<br />

Braunpelz vor sich hin, blickte dann zu Bwalkazz, der schon langsamen<br />

Schrittes auf das Portal Richtung Undercity zu ging.<br />

„Du willst schon gehen?“ fragte sie.<br />

„Schon?“ fragte der Magier, hinter sich blickend. „Ich wollte mich mit<br />

Sylvanas treffen und habe schon Probleme, für meine leichte<br />

Verspätung eine Erklärung zu finden. Noch viel länger und sie macht<br />

mich lebendig.“ murrte der Magier.<br />

„Lebendig? Aber du....“<br />

„Du hast mich richtig verstanden.“ fügte er in gleicher Stimmlage<br />

hinzu. „Dann bringt sie mich noch mal um.“<br />

Sophilia stellte sich neben den Magier, klopfte ihm auf den Rücken<br />

und schlug damit eine riesige Staubwolke auf, die dann beide<br />

einhüllte. „Und eine neue Robe brauchst du auch. Ich werde dich<br />

begleiten. Auf meine Intervention hin wird Sylvanas sicher von einer<br />

Bestrafung absehen und die Spannungen innerhalb des<br />

Hordenbundes sollten sich auch wieder geben. Denn schließlich ist er<br />

- 305 -


durch einen Bund von Trollen, Orcs, Tauren und einer Blutelfe gerettet<br />

worden.“<br />

Mit diesen Worten gingen die beiden durch das Portal Richtung<br />

Undercity.<br />

„Blutelfe...ich traue mich nicht zu fragen. Wo ist sie wohl....“ begann<br />

Vadarassar mit einem gequälten Unterton, als er mit einem Mal eine<br />

schrille Stimme hinter sich hörte.<br />

„Huhu du fetter Schattenorc, ich habe es geschafft!“ brüllte eine nur<br />

zu bekannte Stimme hinter Vadarassar und Braunpelz. Als beide nach<br />

hinten blickten, sahen sie einen Kronleuchter, der auf sie zu hüpfte.<br />

Nein...das war kein Kronleuchter, das war tatsächlich Charsi, die wie<br />

ein Kronleuchter behangen in einer neuen, gleißend goldenen<br />

Rüstung mit Edelsteinanhängern überall auf sie zu hüpfte, das alle<br />

Schurken ringsum sich vor Freude schon die Hände rieben. Stolz<br />

präsentierte sie eine Schriftrolle und zeigte mit den Lettern, die<br />

ebenfalls in goldener Schrift verfasst waren, auf die beiden<br />

baffen(Braunpelz) bis angewiderten(Vadarassar) Freunde.<br />

„...die Ausbildung zum Vergeltungspaladin mit ausreichendem Erfolg<br />

bestanden und darf nun den Kampf suchen. Na, Was sagt ihr?“ fragte<br />

die schillernde Blutelfe, deren Ohrringe allein mehr wert waren als die<br />

Rüstungen so mancher Krieger <strong>–</strong> Waffen und Reittier inbegriffen.<br />

„Das...ist doch wunderbar.“ versuchte Braunpelz so freundlich wie<br />

möglich zu sagen, schaffte es damit aber nicht, Vadas entgleisende<br />

Gesichtszüge damit zu überspielen.<br />

„Ich glaube ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen.“ brummte<br />

dieser nur, sich die Hände an die Schläfen legend um sie zu massieren.<br />

„Ey, DAS is jetzt aber wirklich nicht nett. Ich habe mir wirklich Mühe<br />

gegeben und tagelang auf diese dämlichen Holzpüppchen<br />

eingedroschen. Wisst ihr überhaupt, wie hart die zuschlagen können?<br />

Das ist ja wirklich nichts für jeden.“<br />

„<strong>Die</strong> sind am Boden festgeschraubt und starr.“ brummte Vadarassar,<br />

seine Schläfen noch kräftiger massierend.<br />

„Pff <strong>–</strong> dann mach dus doch besser, du Grummeltroll. Ich gehe jetzt los<br />

und suche mir jemanden, der mit mir die Welt unsicher machen will.<br />

Hey, Hallo, ihr da drüben! Wollt ihr mit mir mitkommen? Ich kann richtig<br />

ordentlich austeilen!“ rief Charsi, kurz darauf zu dem nächstbesten<br />

Grüppchen Hordler zulaufend. Das diese kurz darauf panisch die<br />

- 306 -


Flucht ergriffen lag ihrer Meinung nach wohl eher daran, dass der Orc<br />

gerade einen hatte fahren lassen. Oder war ihr Deo vielleicht schon<br />

wieder schwächer geworden? Eventuell hatte sie ja auch einen Fleck<br />

auf der Brustplatte....ja, genau das war es sicher!<br />

„Ich glaube ich fliege noch mal ins Schattenmondtal und mache dort<br />

Urlaub.“ brummte Vadarassar. Er wusste schon, wieso er Dämonen<br />

bevorzugte. <strong>Die</strong> konnte man wenigstens, wenn sie einem auf die<br />

Nerven gehen, in eine Zwischendimension einschließen und ihnen<br />

damit das Mundwerk verbieten. Vielleicht ging das ja auch mit<br />

nervigen Blutelfinnen....doch den passenden Zauber hatte er bisher<br />

noch nicht gefunden. Ein wirklicher Jammer...<br />

Braunpelz stupste ihn in die Seite und lächelte.<br />

„Und ich dachte wir beide sehen uns mal Nagrand an. Dort soll es zu<br />

dieser Jahreszeit richtig angenehm sein.“<br />

„Wieso wir?“ fragte Vadarassar, die Taurin fragend ansehend.<br />

„Naja <strong>–</strong> irgendeiner muss ja auf mich aufpassen. Und ich kenne grad<br />

keinen besseren als dich.“<br />

„Nee <strong>–</strong> die Rakete kommt da oben hin. Ja, genau Mann. Und da die<br />

Helme und dort das Eisenlager.“ erklärte Teborasque den beiden<br />

Goblins, die gerade mit den Bauarbeiten an Area 52 beschäftigt<br />

waren. <strong>Die</strong>se Ruine sollte schließlich wieder aufgebaut werden. Und<br />

rein zufällig war er der ranghöchste Gobliningenieur weit und breit, seit<br />

irgendein durchgedrehter Blutelf seinen Vorgänger auf recht brutale<br />

Weise ins Jenseits geschickt hatte. Roxxy beobachtete ihren<br />

Gefährten interessiert und kicherte, zog ihm dann den<br />

Goblinbergbauhelm ins Gesicht.<br />

„Ey! Lass das, ich muss mich konzentrieren. Ansonsten fliegt....“<br />

Ein lautes Krachen durchschnitt den Satz des Trolljägers und der eine<br />

Baukran brach donnernd in sich zusammen. Ein breites, zufriedenes<br />

Grinsen lag auf dem Gesicht von sowohl Roxxy wie auch Teborasque.<br />

Jaja...typisch Gobliningenieure. Nur wenn’s knallt, ists lustig. Und Area<br />

52 würde eh schon früh genug wieder fertig werden. Dafür würde er<br />

schon sorgen.<br />

- 307 -


Epilog<br />

So viel grün und so viel Wasser. Eine Umgebung so voller Leben, dass<br />

Vadarassar von einem Schwindelanfall in den nächsten geriet und<br />

regelmässig die Invasionspunkte der Legion besuchte <strong>–</strong> nur um<br />

wenigstens für einige Zeit eine etwas angenehmere Luft zu atmen. Als<br />

er wieder einmal von einer seiner Eskapaden an einem der<br />

Invasionspunkte mit etlichen Überbleibseln der dahingeschiedenen<br />

Dämonen zu Braunpelz zurück kehrte, sah er Krasus neben ihr stehen.<br />

Nicht etwa, das er ihn direkt erkannt hätte <strong>–</strong> für ihn als Orc sahen alle<br />

Menschen gleich aus. Doch würde Braunpelz wohl nur einen solchen<br />

Menschenmagier in roter Robe direkt neben sich erlauben. Außerdem<br />

standen dicht neben ihm zwei Netherdrachen. Ein Umstand, der<br />

Vadas Schritt noch weiter beschleunigen ließ, damit er auch wirklich<br />

nichts verpasste.<br />

Ohne Not sich begrüßen zu müssen drehte sich Krasus um und hieß<br />

den Hexenmeister mit einem zufriedenen Nicken willkommen.<br />

„Der Kampf ist vorläufig vorüber. Deathwing ist wieder fort und<br />

niemand weiß wo genau.“ sagte der rote Magier mit dumpfer Stimme.<br />

„Was soll das heißen? Ist er Illidan und dir entkommen?“ brummte<br />

Vadarassar unzufrieden. Eigentlich hatte er einem großen, mächtigen<br />

Vertrauten Alexstraszas mehr zugetraut.<br />

„Jein. Seine Pläne wurden vereitelt. <strong>Die</strong> Netherschwingen sind nun<br />

gänzlich frei, Netheraku geniesst den Respekt von allen und sammelt<br />

sie, damit sie frei bleiben können. Doch Deathwing wird<br />

wiederkommen. Er ist besessen von der Idee, Azeroth nach seinem<br />

Wunsch zu formen. Wenn er eine neue Möglichkeit sieht, wird er sie<br />

nutzen.“<br />

„Und was ist mit Illidan?“ brummte Vadarassar, nur kurz nickend.<br />

„Der ist noch immer in seinem Tempel. Durch die Netherschwingen<br />

und den unbekannten Bund mit Deathwing hatte er eine Macht inne,<br />

die ihn unbesiegbar gemacht hätte. Doch eine Seele hat diese Macht<br />

zerrissen. Es muss irgendeine verdorbene Seele gewesen sein, die sich<br />

mit aller Kraft gegen ihn geworfen hat.“<br />

In diesem Moment blickte Vadarassar auf seine Robentasche. Der<br />

Seelendiamant, den er mit seiner Magie getränkt und gegen Illidan<br />

eingesetzt hatte. Er hatte iegentlich erwartet, dass er sein Seelenfeuer<br />

- 308 -


nur intensivieren würde <strong>–</strong> tatsächlich hatte er damit diese magische<br />

Verbindung zerstört.<br />

„Illidan ist noch immer eine Gefahr für die Scherbenwelt, doch lange<br />

nicht mehr so groß wie vorher. Früher oder später wird er besiegt<br />

werden. Und das ist allein euch zu verdanken.“<br />

Mit einer einladenden Geste deutete Krasus auf die beiden<br />

Netherdrachen neben sich.<br />

„<strong>Die</strong>s sind Nerakis und Nernia. Sie wurden vor zwei Monden in Freiheit<br />

geboren und erhielten ihren Vater dank eures Einsatzes zurück. Sie<br />

wollen euch in Zukunft in diesen Landen hier als Wegbegleiter und<br />

Reittiere dienen. Sie sind zwar noch jung, doch schneller als alles, was<br />

die Allianz oder die Horde an Reittieren jemals wird züchten können.<br />

Ein kleiner Dank für alles, was ihr für dieses Land, die Netherschwingen<br />

und unsere ganze Art getan habt.“<br />

„Und wie geht es jetzt weiter?“ brummte Vadarassar, als der Magier<br />

mit einem Mal losging und sich von den nun vieren entfernte.<br />

„Das weiß nur Nozdormu genau. Nur <strong>eines</strong> weiß ich <strong>–</strong> das eure Kinder<br />

einmal die Verdammnis abwenden werden.“<br />

Mit diesen Worten verschwand der Magier mit einem Mal, ließ einen<br />

Hexenmeister mit einem weit offen stehendem Mund zurück.<br />

Er und KINDER? Mit wem? Etwa...Braunpelz? Hallo?! War diesem in<br />

Gummihaut gewickeltem Reptil in dem Tempel ein zu schwerer Stein<br />

auf die Birne gefallen?<br />

Den Kopf schüttelnd blickte er zu Braunpelz, die herzallerliebst lachte.<br />

Er und Kinder...das war ja schlimmer als Brennende Legion, Allianz und<br />

Fastenzeit zusammen.<br />

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