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Afghanistan Alive!

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Afghanistan Alive!

AFGhAnIStAn AlIve!

In den bald zehn Jahren, seit es wieder afghanisches Kino gibt, hat sich eine kleine, aber hoch lebendige

Szene engagierter FilmemacherInnen herausgebildet, die sich in sämtlichen Sparten und Stilen

des internationalen Gegenwartskinos ausprobiert. Kuratiert von Ines Steiner zeigt »Afghanistan

Alive« ›fremde‹ und ›eigene‹ Blicke auf eines der aufregendsten Filmländer der Welt.


Afghanistan Alive! – Filme aus und

über Afghanistan

INES STEINER

Freie Meinungsäußerung, die Freiheit der Kunst und

die Rechte der Frauen – diese lästigen »westlichen«

errungenschaften aufzugeben, wäre die heutige

afghanische Regierung wohl zu allererst bereit,

wenn sie sich dafür mit den taliban über die Aufteilung

materieller Ressourcen einigen könnte. noch

ist der einfluss der internationalen Geldgeber und

truppensteller groß genug, eine solche entwicklung

aufzuhalten. Mehr denn je steht jedoch dahin, ob

das experiment einer afghanischen Demokratie eine

Zukunft haben wird.

Unter diesen außergewöhnlichen, ja singulären

Bedingungen gehört Afghanistan – eine nation

ohne große Kinotradition, die noch immer unter den

kulturellen verwüstungen leidet, wie sie von den

radikalen Bilderstürmern angerichtet wurde – jetzt in

diesem Augenblick zu den spannendsten Filmländern

der Welt.

Standen zu Beginn der 2000er-Jahre die kommunikativen

Aspekte des Mediums, soziale verständigung

und Selbstverständigung über den neuanfang im

Zentrum der Produktion, so wird inzwischen immer

deutlicher auch die Frage nach der problematischen

nationalen Identität des vielvölkerstaates, seinen

kulturellen Wurzeln und darauf abgestellten Wegen

der vermittlung – einem afghanischen Film-Stil,

einer afghanischen Film-Sprache – gestellt. Die

unabweisbare Gefährdung durch einen Rückfall in

Barbarei und Unterdrückung verleiht diesen Fragen,

und damit auch den aus ihnen entstandenen Filmen,

eine spezifische Dringlichkeit.

AFGhAnIStAn AlIve!

nicht zuletzt beraubt dieses Kino den westlichen

Betrachter, der es gern einfach hätte, aller vermeintlichen

Sicherheiten: Weder zwischen Religiösen und

Weltlichen noch zwischen hauptstadt und Provinz

oder verschiedenen ethnien verlaufen klare trennlinien.

Stattdessen gibt es Widersprüchliches zuhauf;

in einer spannungsreichen Konstellation von tradition

und Moderne sehen sich die Menschen plötzlich

einer vielzahl von Wahlmöglichkeiten ausgesetzt,

welche die Suche nach Identität zum Patchworkunternehmen

werden lassen.

Dies bildet sich, reflektiert, zuallererst in der aus

Kostengründen immer noch raren afghanischen

Spielfilm-Produktion ab, wo mit höchst verschiedenen,

heterogenen und manchmal unvereinbaren

Mitteln nach angemessenen Darstellungsweisen für

die Probleme des zerrissenen landes gesucht wird.

Zugleich aber wird dem aufmerksamen Betrachter

schnell klar, dass Feature und Dokumentarformate

in der aktuellen Situation eine einheit bilden, die

beider Differenzen manchmal zum verschwinden

bringt.

Die breit angelegte Filmwoche »Afghanistan Alive«

zeigt darum drei differente Perspektiven auf ein

durch dreißig Jahre Krieg und den Zivilisationsbruch

der taliban-Diktatur traumatisiertes land, dessen

Bevölkerung einen Alltag in trümmern zu bewältigen

hat und trotz aller Probleme die hoffnung auf

ein besseres (Zusammen-)leben nicht aufgeben will.

Da ist erstens die »fremde« – ethnologisch interessierte

oder sozialkritisch engagierte – »Perspektive«

europäischer und amerikanischer Filmteams, die

für die Dauer eines Filmprojektes nach Afghanistan

reisen, um hier die Arbeit und die Probleme der Zusammenarbeit

von starken Frauen beim Wiederaufbau

vor Ort zu dokumentieren; so liz Mermin in the

BeAUtY ACADeMY OF KABUl und Jochen Frank in

AFGhAnen FlIRten nICht. Oder man wendet sich

einem Segment der afghanischen (Populär-)Kultur

zu, der endlich wieder erklingenden Musik etwa, um

so Prozesse gesellschaftlicher veränderung aufscheinen

zu lassen (die ausgezeichneten britischen

Dokumentarfilme BReAKInG the SIlenCe oder

AFGhAn StAR). Auch the BOY WhO PlAYS On the

BUDDhAS OF BAMIYAn, Phil Grabskys teilnehmender

Blick aufs Alltagsleben vertriebener hazara,

kann und will den »fremden Blick« durch die Kamera

bei aller empathie nicht verleugnen – so wie helga

Reidemeisters WAR AnD lOve In KABUl aus stets

spürbarer Distanz zeigt, dass auch die afghanischen

Männer Opfer sind, Opfer nicht nur der Kriege,

sondern auch der grotesken Ungleichheit zwischen

den Geschlechtern.

Da wäre zweitens die »gebrochene« Perspektive

jener afghanischen (R-)emigranten der ersten oder

zweiten Generation, die mit der Kamera bewehrt in

ihr herkunftsland zurückkehren, um nach Zeichen

des neuen, der hoffnung, der (ihnen selbstverständlichen)

Modernität zu suchen. So sympathisieren

Bahareh hosseini in AFGhAn GIRlS CAn KICK und

Saharaa Karimi in AFGhAn WOMen At the Wheel

natürlich mit den Mädchen und Frauen, die in Männerdomänen

einbrechen. Und in einem schonungs-

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AFGhAnIStAn AlIve!

AFGHAN STAR| UK 2009

losen Report von »ganz unten«, wie Jawed taimans

ADDICteD In AFGhAnIStAn steckt untergründig

auch der Appell, die vorstellung, dort drüben sei

man irgendwie »ganz anders«, endlich zu verabschieden.

Die Identitätskrise der emigranten, die die

Katastrophe ihres landes ohnmächtig aus der Ferne

verfolgen mussten, macht Marc Forsters sorgfältige

Adaption des Bestsellers the KIte RUnneR schließlich

direkt zum thema. Und wie schwer der Weg

zurück ist, wird nicht nur in dem kurzen MOvInG In

A CIRCle sichtbar.

So macht uns drittens die befremdete Perspektive

auf das vertraute, wie sie kritische Filme seit jeher

in Afghanistan lebender RegisseurInnen einnehmen,

mit Recht besonderes neugierig. Und wenn diese

kostengünstig unter oft schwierigsten Bedingungen

produzierten Streifen nicht immer unseren Standards

entsprechen, so machen mitunter gerade ihre

»Mängel« sie besonders sehenswert. Drei langformatige

Spielfilme werden im Programm präsentiert

– jedes Mal geht es um Kinder, die symbolisch für die

Zukunft des landes einstehen. OSAMA, der Initialfilm

des neuen afghanischen Kinos, verbildlicht das

trauma des taliban-terrors am topos vom vergewaltigten,

missbrauchten Kind; KABUlI KID – eine afghanische

Paraphrase auf Chaplins Klassiker – spielt

zugleich mit dem Motiv des salomonischen Urteils.

An APPle FROM PARADISe endlich schickt einen alten

Bauern auf die verzweifelte Suche nach seinem

letzten Sohn, den er an die taliban verloren hat. Das

Wechselspiel dieser unterschiedlichen, spannungsreichen

und widersprüchlichen Blickweisen macht


PASSING THE RAINBOW | D 2008

OSAMA | AFGhAnIStAn/JAPAn/IRlAnD/nIeDeRlAnDe/IRAn 2003

»Afghanistan Alive« zum spannenden erlebnis. Die

themen der Schau geben Anhaltspunkte: Kinder

in Afghanistan – Symbol und Realität; Preziosen

afghanischer Filmgeschichte und aktuelle Kinokultur;

Emigration – Remigration; Musik in/aus Afghanistan.

eine Rolle mit Kurzfilmen präsentiert die Produktionen

der jüngsten afghanischen RegisseurInnen.

Besonderer Dank gilt Ibrahim Arify, der vor Ort

in Kabul die Kopien jener afghanischen Filme, die

keinen internationalen verleih haben, akquiriert hat;

Siddiq Barmak unterstützte ihn dabei. ebenso ist

homeira heidary für ihre Kooperation zu danken:

In den Jahren 2008/2009 hat sie ehrenamtlich

das »Afghanistan Filmfestival« im Kölner Filmhaus

organisiert gemeinsam mit dem Filmhaus-team; die

besten Filme des letzten Festivals »Panorama hindukusch«

werden nun auch in Wien gezeigt, während

neue Filme im Wiener Programm dann im Kölner

Filmhaus präsentiert werden.

Ines Steiner, geb. 1962 in Klagenfurt, ist Film- und Kulturwissenschaftlerin,

arbeitet derzeit als Dozentin für Film- und Medienwissenschaft

an der Universität Bonn und als freiberufliche Filmpublizistin;

zahlreiche filmwissenschaftliche Publikationen; arbeitete 2009

ehrenamtlich für »Panorama hindukusch« in Köln.

Homeira Heidary, geb. 1978, leitete ehrenamtlich das »Afghanistan

Filmfestival« 2008 und 2009 im Kölner Filmhaus, neueste Publikation:

Afghanistan – Ein gescheiterter Staat? Shaker verlag 2010.

Ibrahim Arify, Kameraassistent und Journalist, arbeitet derzeit in

Afghanistan für den DeeD; engagiert sich für den Aufbau der Filmausbildung

an der Kunstakademie in Kabul und ist als Berater bestens

vernetzt mit der Filmszene vor Ort.

AFGhAnIStAn AlIve!

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fR 11.6., 18:30

vOiCe Of the MOOn & BReAKing the silenCe

vOiCe Of the MOOn

GB/AFG 1990

REGIE Richard Stanley

MUSIK Simon Boswell

LÄNGE 30 Minuten

BReAKing the silenCe

GB 2002

REGIE Simon Broughton

KAMERA John Beck, Frank

Schneider

SCHNITT David Charap

MUSIKALISCHE BERATUNG

John Baily

PRODUKTION

Carl Simons

LÄNGE 59 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Nach dem sowjetisch-afghanischen Krieg und kurz

vor der Machtergreifung der Taliban reiste der

südafrikanische Regisseur Richard Stanley nach

Afghanistan und hielt dort außergewöhnliche

Momente fest. Geduldig und sensibel näherte er

sich mit der Kamera den Mudschaheddin, begleitete

sie in alltäglichen Situationen und schuf so ein

detailliertes Porträt des afghanischen Lebens in

dieser Interimsphase. Die Faktur des Films ist durchaus

experimentell und erzeugt einen poetischen

Effekt. – Bilderstürme und Bilderverbote hat es in

der Kultur- und Religionsgeschichte mehr als einmal

gegeben. Wohl einzigartig dagegen ist der Versuch

des Talibanregimes zwischen 1996 und 2001, ein

Land (fast) ohne Musik hervorzubringen. Simon

Broughtons BBC-Dokumentation ist bereits kurz

nach Sturz der diktatorischen Sektenherrschaft

entstanden, aber aufgrund ihrer weitgespannten

Perspektive unvermindert aktuell: Die Frage nach

der Legitimität der Musik erweist sich geradezu

als Schlüssel, der differenzierte Einblicke in die

spannungsreiche kulturelle Vielfalt Afghanistans

und weit zurück in die wechselvolle Geschichte des

Landes eröffnet. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

sA 12.6., 19:00

PAssing the RAinBOW D 2008

REGIE, BUCH, KAMERA, TON

Sandra Schäfer, Elfe Brandenburger

MUSIK Boris Baltschun,

SCHNITT Sandra Schäfer, Elfe

Brandenburger

MIT Saba Sahar, Marina Golbahari,

Zobaida Zahar, Roya Fahim,

Hamida Refah, Breshna Bahar,

Sakina Habib-zada, Nilab, Razi

Mohebi, Khaleda Forogh

PRODUKTION mazefilm (Berlin)

LÄNGE 71 Minuten

englisch, Dari mit

deutschen Untertiteln

vorprogramm:

sAhAR the YOUng CAR-

Pet MAKeR AFG 2008

REGIE Taj Mohammad Bakhtari

KAMERA Mohammad Reza

Hossaini SCHNITT Aurélie

Ricard PRODUKTION Les

Ateliers Varan, Cinecinema

(Kabul), Taimani Films LÄNGE

26 Minuten

Dari mit englischen Untertiteln

PASSING THE RAINBOW eröffnet einen Blick hinter

die Kulissen der Filmproduktion und -rezeption in

Afghanistan aus einer explizit gender-spezifischen

Perspektive. Er zeigt Strategien von Frauen, die sich

bemühen, die rigiden Geschlechternormen in der

afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen: auf der

Ebene filmischer Inszenierungen ebenso wie in der

politischen Arbeit und im Alltag. Eine Teenagerin,

die als Junge maskiert in Kabul lebt, um so arbeiten

zu können. Oder die Leinwand-Heroine Saba

Sahar, die als Polizistin und Regisseurin arbeitet:

Als Darstellerin legt sie in ihren Filmen männliche

Delinquenten in Handschellen oder kämpft mit asiatischer

Kampfkunst gegen Korruption, Kindesentführung

und Gewalt gegen Frauen.

Der Vater der gerade einmal 14 Jahre alten Sahar

(SAHAR THE YOUNG CARPET MAKER) hat eine

Marktlücke entdeckt: Nach fotografischen Vorlagen

webt er Teppiche, die als genuine Einzelstücke gute

Preise bringen und nicht mit Massenware konkurrieren

müssen. Während er selbst fürs Kreative

zuständig ist, liegt die Verantwortung für den

Herstellungsprozess in der Manufaktur in Sahars

Hand. (cb)


sA 12.6., 21:00 | fR 18.6., 18:45

OsAMA AFGHANISTAN/JAPAN/IRLAND/NIEDERLANDE/

IRAN 2003

REGIE, BUCH Siddiq Barmak

KAMERA Ibrahim Ghafuri

MUSIK Mohammed Reza

Darvishi

MIT Marina Golbahari, Mohammed

Nadre Khwaja, Mohammed

Arif Herati, Zubaida Sahar,

Hamida Refah

LÄNGE 108 Minuten

Dari-Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Siddiq Barmak, heute wohl der bekannteste afghanische

Filmemacher, fokussiert das Trauma der

Taliban-Herrschaft aus der Perspektive der Frauen

und Mädchen, die dem radikalen Zivilisationsbruch

kaum etwas entgegenzusetzen hatten. OSAMA, der

erste abendfüllende Spielfilm nach Ende des Terror-

Regimes, erzählt vom Scheitern eines verzweifelten

Versuchs, sich der absurden Logik der Fanatiker zu

entziehen: Weil Frauen ohne männliche Begleitung

das Haus nicht verlassen dürfen, muss die 12-jährige

Tochter einer verwitweten Ärztin zum Jungen werden,

damit die Mutter an der Klinik arbeiten kann.

Doch das ist nur der Anfang der Maskerade – einer

Odyssee, die schließlich mitten ins Zentrum der

Schreckensherrschaft führt. Verkörpert wird die Titelrolle

mit großer Authentizität und erstaunlichem

Ausdrucksvermögen von der Laiendarstellerin Marina

Golbahari, die Siddiq Barmak als Bettelkind in

Kabul auf der Straße entdeckt hatte. Der Film wurde

2003 und 2004 mit vielen Preisen ausgezeichnet,

unter anderen einem Golden Globe. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

sO 13.6., 18:00

fiRst Wheel & tAlABgAR

fiRst Wheel AFG 2009

REGIE, BUCH Nabi Tanha

KAMERA Ibrahim ÜBERSET-

ZUNG Abdul Quayeum Karim

BERATUNG Ibrahim Arify

PRODUKTION Saboor, Yama

Haidary LÄNGE 27 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

tAlABgAR / the sUitOR

AFG 1969

REGIE Khaled A’Lil MIT Khanaqa

Sorur, Ghazal Ebrahimi,

Rafik Sadek, Habiba Askar

LÄNGE 40 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Kinokultur in Kabul – Spurensuche in der Trümmerlandschaft

und Hoffnung auf den Wieder-Aufbau.

FIRST WHEEL unternimmt einen Streifzug durch

die Stadt, um die heute durch Bomben, Granaten,

Einschüsse (und Verwahrlosung) weitgehend zerstörten

Kinos aufzusuchen. Die Kinokultur erscheint

nicht nur mit Blick auf den Zustand der früheren

Stätten der Schaulust ruiniert. Nach der Bilderstürmerei

der Taliban, die das Anschauen von Filmen

strikt verboten und die mit der Vernichtung von

Filmkopien auch das audio-visuelle Gedächtnis des

Landes auszulöschen versuchten, erscheint ein Neubeginn

ebenso schwierig wie notwendig. TALABGAR

IST ein kleiner, unprätentiöser Film mit Nachrichten

aus einem versunkenen Land, in dem zwar Tradition

und Moderne hart aufeinanderstoßen, Konflikte

aber friedlich und im Notfall mithilfe von Polizei und

Gerichten beigelegt werden. Einmal mehr geht es

um das Thema Brautwerbung, den Zusammenhang

von Besitz und Begehren: Ein armer Mann verguckt

sich in ein reiches Mädchen, das lieber studieren will

als heiraten. Er präsentiert sich ihrem Vater unter

Vorspiegelung falscher Tatsachen als Brautwerber

und gerät auf die schiefe Bahn … (cb)

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MO 14.6., 19:00

AfghAn stAR UK 2009

REGIE Havana Marking

KAMERA Phil Stebing

TON Phil Stebbing

SCHNITT Ash Jenkins

MUSIK Simon Russel

PRODUKTION Mike Lerner,

Havana Marking / Channel 4

British Documentary Foundation

LÄNGE 87 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Pop, als Inbegriff westlicher Sittenlosigkeit und

Unmoral, hassen Taliban und ihre ideologischen

Handlanger wohl noch mehr als die (Freude an)

Musik schlechthin. Darum ist es für alle Beteiligten

kein geringes Risiko, die Suche nach dem nationalen

»Superstar« endlich auch an den Hindukusch

zu bringen. Natürlich stehen auch hier die Sehnsucht

nach Ruhm und kommerziellem Erfolg im

Vordergrund. Doch stehen hier sehr viel höhere

Einsätze auf dem Spiel als hierzulande, vor allem

für die weiblichen Teilnehmer. Ein paar ungelenke

Tanzschritte und ein absichtsvoll ins Rutschen

gebrachtes Kopftuch können eine nationale Kontroverse

auslösen und zu Todesdrohungen führen. Andererseits:

One Call, One Vote! Das ist für viele ein

sehr viel anschaulicheres Modell von Demokratie

als die mit Misstrauen verfolgten Parlaments- und

Präsidentschaftswahlen. Männer, Frauen, ethnische

Minderheiten sind völlig gleichgestellt, eine radikale

Idee in einem Land, das noch immer von tradierten

patriarchalen Strukturen bestimmt ist. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

MO 14.6., 21:00

the BeAUtY ACADeMY Of KABUl USA 2007

REGIE, SCHNITT Liz Mermin

KAMERA Lynda Hell

TON Richard Fairbanks, Anna

Riekre

LÄNGE 87 Minuten

Dari und englisch mit

englischen Untertiteln

Entwicklungshilfe einmal anders: Unterstützt (unter

anderem) durch internationale Kosmetik-Konzerne

wie Clairol und Vogue, reist eine Gruppe von

Hair-Stylistinnen nach Afghanistan, um dort einer

Schule für Friseurinnen und Beauty-Spezialistinnen

zu einem fachlichen Fundament zu verhelfen. Nur

unangebrachte Arroganz kann am Nutzen dieses

einzigartigen Entwicklungsprojektes zweifeln; Freiheit

nämlich bedeutet für afghanische Frauen nicht

zuletzt die Freiheit, das Haar nach eigenem Wunsch

zu tragen, sei es offen, sei es unter dem Schleier.

Und: eine Friseurin kann leicht mehr verdienen als

ihr Ehemann. Die Kamera folgt den ehrenamtlichen

Lehrerinnen, unter denen sich neben drei gebürtigen

Amerikanerinnen auch drei Afghaninnen

befinden, die nach Jahrzehnten im Exil zum ersten

Mal in ihr Heimatland zurückkehren. Anrührend und

oft auch humorvoll wird ins Bild gesetzt, wie Frauen

mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen

zueinander finden, wie Verständigung und Erfahrungsaustausch

möglich werden. (cb)


DO 17.6., 18:30

ADDiCteD in AfghAnistAn GB/AFG 2009

REGIE Jawed Taiman

BUCH Jawed Taiman, Sharron

Ward

KAMERA Jawed Taiman

TON Jawed Taiman, James

Tinnery

MUSIK Deen Mohammed Ghamkwar,

Elias Shanha

SCHNITT Nigel Taylor, Jason

Brooks, Sharron Ward

PRODUKTION Jawed Taiman

für FilmFX Zone Ltd, Sharron

Ward für Katalyst Productions

Ltd.

LÄNGE 90 Minuten

Original mit englischen

Untertiteln

In Afghanistan – berüchtigt als Land des Drogenexports

– leben selbst mehr als eine Million Drogenabhängige,

40 Prozent der Betroffenen sind Kinder

und Frauen. Der in London lebende Regisseur

Jawed Taiman stellt in seinem erschütternden

Debutfilm zwei Teenager, Jabar und Zahir, als Perspektivfiguren

ins Zentrum. Der gut recherchierte

und engagierte Dokumentarfilm gibt einen ebenso

schockierenden wie einfühlsamen Einblick in den

hoffnungslosen Alltag der beiden 15-jährigen Jungen,

die – ständig auf der Suche nach dem nächsten

Schuss – in den Elendquartieren von Kabul hausen.

Der Film eröffnet auch einen kritischen Blick auf die

politische Situation des zerstörten Landes: Während

Jabar und Zahir die Amerikaner dafür verantwortlich

machen, Heroin in Afghanistan eingeführt zu

haben, weiß es Zahirs Mutter besser, die Taliban

haben sie abhängig gemacht. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

sA 19.6., 19:00

the BOY WhO PlAYs On the BUDDhAs Of BAMiYAn

UK 2003

REGIE Phil Grabsky

SCHNITT Phil Reynolds

MUSIK Dimitri Tchamouroff,

Dawood Sarkhosh

LÄNGE 96 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Im Zentrum der preisgekrönten Dokumentation

steht der 8-jährige Mir, der in äußerster Not in einer

Höhle im Bamiyan-Tal lebt, gleich unterhalb der

Nischen, aus denen die Taliban 2001 die monumentalen

Buddhastatuen herausgesprengt haben. Mir

ist ein fröhlicher kleiner Kerl, ebenso neugierig wie

intelligent. Als wichtigste Lektion in seinem kurzen

Leben hat er gelernt, die Dinge so zu nehmen, wie

sie kommen. Denn er gehört zu einer Familie aus

dem ethnisch diskriminierten Volk der Hazara, die

schon vor der Talibanherrschaft vertrieben wurde,

und deren erwachsene Mitglieder durch Krieg und

Verfolgung physisch wie psychisch schwer gezeichnet

sind. Die unverwüstliche Lebensfreude des

kleinen Jungen dient so Phil Grabskys einfühlsamer

Langzeitstudie, die einmal rund um das Kalenderjahr

führt, als Gegengewicht zu all dem Elend, das

Mir als selbstverständlich hinnimmt. Die Eindringlichkeit,

der Appellcharakter des ruhig und langsam

dahinfließenden Films wird dadurch nur verstärkt.

Ein Sequel ist in Arbeit. (cb)

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sA 19.6., 21:00

KABUli KiD AFG/F 2009

REGIE, BUCH Barmak Akram

KAMERA Laurent Fleutot

SCHNITT Hervè de Luze, Pierre

Haberer

MIT Hadji Gul, Valéry Schatz,

Amèlie Glenn, Mohammed Chfi

Sahel, Helena Akram

PRODUKTION Oliver Delbosc,

Marc Missionier

LÄNGE 95 Minuten

Dari mit englischen bzw.

französischen Untertiteln

Der Taxifahrer Khaled schenkt der burkaverhüllten

Frau wenig Beachtung, die gleich bei Fahrtantritt

zahlt und ganz plötzlich verschwindet. Erst später

wird er auf das Bündel aufmerksam, das auf der

Rückbank zurückgeblieben ist: ein kleiner Junge,

höchstens ein halbes Jahr alt. »The Kid in Kabul«

müsste der Film also eigentlich heißen, denn

wirklich entwickelt sich eine liebevoll durchgespielte

Variation auf Charlie Chaplins unvergessliche

Stummfilmkomödie. Khaled ist allerdings kein

Tramp, sondern ein nachdenklicher und verantwortungsvoller

Mann, der mit Vater, Frau und Töchtern

in bescheidenen Verhältnissen lebt und es einst

weit bringen wollte. Entsprechend anders sind die

Fragen, mit denen das Kabuli Kid seinen von der Not

gedrungenen Versorger konfrontiert … Ohne jede

Hektik, mit dokumentarischem Gestus, entfaltet

Barmak Akram seine Geschichte. Er bringt so ein

soziales Panorama hervor, das sich – so rührend wie

komisch – um ganz normale Leute dreht, die nicht

unter normalen Umständen leben. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

sO 20.6., 19:00

tARe tU PUDe MAn & hAlf vAlUe life & 25 PeRCent

tARe tU PUDe MAn

AFG 2008

REGIE Aarzoo Burhani KA-

MERA Ahmad Siyar Noorzad

PRODUKTION Aarzoo Burhani

LÄNGE 24 Minuten

hAlf vAlUe life

AFG 2008

REGIE, BUCH, KAMERA Alka

Sadat SCHNITT Mujtabar Seyar,

Ghayoor

GESANG Golson Sediq

GESANGSTEXTE Roya Sadat

SPRECHER Manizha Adeel

PRODUKTION Roya Films Production

LÄNGE 25 Minuten

25 DARsAD / 25 PeR-

Cent AFG 2007

REGIE Diana Saqeb KAMERA

Malek Shafi’i PRODUKTION

Caca Kabul LÄNGE 38 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

TARE TU PUDE MAN: ein filmischer Essay um das

– zweifelhafte – Symbol für Islam und Islamismus

schlechthin, in Ost und West: die Burka. An ihr

scheiden sich auch in Afghanistan die Geister, aber

eben nicht entlang so strikter Grenzen, wie es das

Vorurteil will.

HALF VALUE LIFE: Diese »teilnehmende Beobachtung«

am Alltag einer bemerkenswerten Frau kommt

ohne lange Erklärungen aus und nimmt den Betrachter

direkt mit in die herrschende Unübersichtlichkeit.

Denn Mariya Bashir ist als erste und einzige Staatsanwältin

in Herat mit einer nahezu unmöglichen

Herausforderung konfrontiert. Die Juristin steht

einem für Afghanistan insgesamt nicht untypischen

Sumpf von Vetternwirtschaft und Korruption gegenüber,

der im Geflecht von Stammesloyalitäten und

Clanstrukturen die Gesellschaft dominiert.

Was in keiner westlichen Republik politisch durchzusetzen

wäre, hat sich auf internationalen Druck

Afghanistan verordnet: die Frauenquote. Ein Viertel

der Sitze im ersten Nachkriegsparlament sind für

Frauen reserviert. 25 DARSAD begleitet einige

dieser Abgeordneten im häuslichen, beruflichen und

politischen Alltag. (cb)


sO 20.6., 21:00

MOving in A CiRCle & AfghAn giRls CAn KiCK

MOving in A CiRCle

AFG 2009

REGIE Ahmad Siyar Norzaad

BUCH Rafiullah Mohammadi,

Ahmad Siyar Noorzad KAMERA

S. H. Nabizada, Nazir Sahil TON

Ghafar Azad MUSIK Franz

Schubert MIT Leena Alam, Fisal

Fazli, Masood Noorzad, Navid

PRODUKTION Faisal Noorzad

LÄNGE 29 Minuten

AfghAn giRls CAn KiCK

AFG 2007

REGIE, BUCH, KAMERA

Bahareh Hosseini SCHNITT

Marta Valesquez MUSIK The

Afghan Music Project LÄNGE

50 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

MOVING IN A CIRCLE: Eine junge afghanische

Remigrantin verbringt ihre unausgefüllten Tage mit

Malen, Yoga, Kochen, Rauchen und Fernsehen. Das

Haus kann sie nur mit Kopftuch und Mantel verlassen,

um Einkaufen zu gehen, sie leidet unter ihrer

Einsamkeit. Auf der Straße beobachtet sie einen

Betteljungen, der sich vor dem Abtransport durch

die Polizei versteckt, und entschließt, ihn mit zu sich

in die Wohnung zu nehmen …

Dass es überhaupt ein Team gibt, das sich als

afghanische Frauen-Nationalmannschaft bezeichnen

kann, ist der Einzelinitiative weniger Enthusiastinnen

zu verdanken. AFGHAN GIRLS CAN KICK

nimmt die Reise der Spielerinnen zu einem Turnier

im pakistanischen Islamabad zum Anlass, nach

der uns in weiten Teilen so fremden Normalität

des Lebens junger Frauen in einem Land zwischen

Hoffnung und Krise zu fragen. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

MO 21.6., 19:00

fiRst Wheel & AfghAn WOMen BehinD the Wheel

fiRst Wheel AFG 2009

REGIE, BUCH Nabi Tanha

KAMERA Ibrahim ÜBERSET-

ZUNG Abdul Quayeum Karim

BERATUNG Ibrahim Arify

PRODUKTION Saboor, Yama

Haidary LÄNGE 27 Minuten

AfghAn WOMen BehinD

the Wheel / AfgAnsKÉ

ZenY ZA vOlAntUM

SLOVAKISCHE REPUBLIK

2009

REGIE, BUCH Saharaa Karimi

KAMERA Nicol Suplatová

LÄNGE 52 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Kinokultur in Kabul – Spurensuche in der Trümmerlandschaft

und Hoffnung auf den Wieder-Aufbau.

FIRST WHEEL unternimmt einen Streifzug durch

die Stadt, um die heute durch Bomben, Granaten,

Einschüsse (und Verwahrlosung) weitgehend

zerstörten Kinos aufzusuchen. Die Kinokultur

erscheint nicht nur mit Blick auf den Zustand der

früheren Stätten der Schaulust ruiniert. Nach der

Bilderstürmerei der Taliban, die das Anschauen von

Filmen strikt verboten und die mit der Vernichtung

von Filmkopien auch das audio-visuelle Gedächtnis

des Landes auszulöschen versuchten, erscheint ein

Neubeginn ebenso schwierig wie notwendig.

AFGHAN WOMEN BEHIND THE WHEEL: Die talentierte

junge Regisseurin Sahraa Karimi, die in Kabul

aufwuchs und seit der Emigration in der Slowakei

lebt, spürt in ihrem Dokumentarfilm der Frage nach,

ob und wie es in der patriarchal strukturierten

afghanischen Gesellschaft möglich ist, dass Frauen

im Straßenverkehr sichtbar werden und am Steuer

agieren. (cb)

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MO 21.6., 20:45 | sO 27.6., 18:30

the Kite RUnneR / DRAChenlÄUfeR US 2007

REGIE Marc Forster

BUCH David Benioff nach dem

gleichnamigen Roman von

Khaled Hosseini

KAMERA Roberto Schaefer

MUSIK Alberto Iglesias

SCHNITT Matt Chesse

MIT Kalid Abdalla, Atossa

Leoni, Shaun Toub, Sayed Jafar

Masihullah Gharibzada, Zekeria

Ebrahimi, Ahmad Khan Mahmoodzada,

Homayoon Ershadi

LÄNGE 123 Minuten

englische fassung

Nach dem gleichnamigen Bestseller von Kahled

Hosseini rekapituliert Marc Forster bildgewaltig und

mit exzellenter Besetzung die bewegte Geschichte

des Landes – vom Aufbruch in die Moderne während

der 1970er-Jahre bis in die Zeit des Taliban-

Terrors. Erzählt wird eine parabelhafte Erinnerungskonstruktion

aus der Perspektive des in die USA

emigrierten Schriftstellers Amir. Als Sohn eines aufgeklärten

paschtunischen Geschäftsmannes wächst

er in der Villa in Kabul auf gemeinsam mit seinem

besten Freund Hassan, dem Sohn des Hausdieners,

der als Hazara-Junge ethnischer Diskriminierung

ausgesetzt ist. Gemeinsam lassen sie Drachen

steigen, gehen ins Kino, verewigen ihre Namen wie

ein Liebespaar in einem Granatapfelbaum. Doch

die Geschichte dieser Freundschaft zwischen den

»ungleichen Brüdern« mündet in eine Katastrophe.

Während Hassan in Afghanistan bleiben muss, flüchtet

Amir mit Beginn der sowjetischen Besatzung ins

US-amerikanische Exil. Doch muss er zur Zeit des

Terrors in sein Herkunftsland zurückkehren. Er hat

noch etwas gut zu machen. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

DO 24.6., 19:00

AfghAnen fliRten niCht. eine KRisenMAnAgeRin

in KABUl D 2004

REGIE, BUCH Jochen Frank

KAMERA Dietmar Ratsch

TON Kerstin Pommerenke

MUSIK Jens Grötzschelf

SCHNITT Anna Weber

MIT Suzana Lipovac

PRODUKTION Indifilm in

Kooperation mit Filmakademie

Baden-Württemberg und SWR

LÄNGE 75 Minuten

Dari mit deutschen

Untertiteln

Im Zentrum dieses mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten

Dokumentarfilms steht die Krisenmanagerin

Suzana Lipovac. Regisseur Jochen Frank

begleitet die 35-jährige Leiterin einer deutschen

Hilfsorganisation im Jahr 2003 über mehrere Monate

bei ihrer schwierigen Wiederaufbau-Arbeit in

Kabul. Sie versucht, mit Spendengeldern Notambulanzen

in Kabul sowie in den völlig unterversorgten

ländlichen Gebieten einzurichten, um eine medizinische

Grundversorgung zu gewährleisten. Durch

die diskrete Beobachtung ihres Alltags gelingt es,

ein bemerkenswertes Porträt dieser starken Frau zu

zeichnen. AFGHANEN FLIRTEN NICHT konstatiert

Suzana Lipovac lakonisch, wenn sie über die von

Tabus, Ritualen, Hierarchien und ungeschriebenen

Gesetzen bestimmte Interaktion mit ihren männlichen

Kooperationspartnern vor Ort spricht. Kulturkontakt

und Kulturkonflikt; Fremdbild und Selbstbild

auch darüber reflektiert der Film aus der Perspektive

einer energischen »fremden Frau«, die ihre

Führungsposition in der patriarchal strukturierten

lokalen Gesellschaft behaupten muss. (cb)


fR 25.6., 19:00

Mein heRZ sieht Die Welt sChWARZ. eine lieBe in

KABUl / WAR AnD lOve in KABUl D 2009

REGIE, BUCH Helga Reidemeister

KAMERA Lars Barthel

TON Nic Nagel Katharina Geinitz

SCHNITT Maria Mete

PRODUKTION Zoran Solomun,

Helga Reidemeister / Ohne

Gepäck (Berlin)

LÄNGE 86 Minuten

Paschtu, Dari mit

deutschen Untertiteln

Ein Leben im Wartestand, ohne jede positive Perspektive,

dem jederzeit der Sturz ins Nichts droht.

So muss man fast wünschen, dass sich das Leben

weiter im Takt jener quälend langsamen Schwünge

bewegt, mit denen der querschnittgelähmte Hossein

auf seinen Krücken voranschleppt. Von Kindesbeinen

an haben er und die Nachbarstochter Shaima in

dem Gefühl gelebt, sie seien für einander bestimmt.

Krieg und Flucht, sogar Hosseins Kriegsversehrung

hat diese Liebe überstanden. Und doch hat sie

keine Zukunft. Hossein wäre auch unter besseren

Umständen kaum fähig, eine Familie zu ernähren;

und Shaima wurde von ihrem paschtunischen Vater,

um des Brautpreises Willen, zur Ehe mit einem 40

Jahre älteren Mann gezwungen. Aussichten auf

eine Scheidung gibt es nicht … Es ist und bleibt ein

Elend, das die Kamera aufzeichnet, und die Liebenden

sind zwei Ertrinkende, die sich auch deshalb

aneinanderklammern, weil sie von ihren eigenen

Familien gerade so geduldet werden. Ehre, Gewalt,

Tradition, materielle Interessen – all dies verschlingt

sich unauflöslich zu einer Tragödie, so erschütternd

wie Romeo und Julia. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

fR 25.6., 21:00

RABiA BAlKhi (teil 1 und teil 2) AFG 1965

REGIE Abdullah Shadaan

BUCH Latif Nazimi

KAMERA Mohamad Rizayee

SCHNITT Toryalay Shataq

SET DESIGN Daoud Faran

MIT Seema Shadaan, Abdullah

Shadaan, Mohamad Nazir

PRODUKTION Mohamad Nazir,

Mohamad Rizayee / Nazir Film

LÄNGE 180 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Identitätsstiftung: diese Funktion hatten die neuen

Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts mit ihrer oft

leseunkundigen Bevölkerung dem Kino zugedacht.

Afghanistan reihte sich im Jahr 1965 mit dem

opulenten Filmepos RABIA BALKHI in diesen Reigen

ein. Dabei nahm man sich bemerkenswerterweise

vor, die Geschichte der ersten und einzigen afghanischen

Königin zu erzählen: Rabia Balkhi, eine

durchaus machtbewusste, aber auch hoch gebildete

Frau, ist keineswegs die Marionette ihres Hofstaats.

Die Herrscherin tritt unter anderem auch mit

erotischen Gedichten in der Tradition des Sufismus

hervor und lässt sich in ihrer Liebe zu einem Sklaven

von ihrer Umgebung nicht beirren. Schließlich

fällt sie einem Komplott ihres intriganten Bruders

zum Opfer. Kein Wunder, dass RABIA BALKHI in den

1960er-Jahren für enormes Aufsehen sorgte, kein

Wunder, dass diese bemerkenswerte Melange aus

Folklore und Hollywood den Taliban verhasst ist wie

kein anderer Film. (cb)

49


50

sA 26.6., 18:30

An APPle fROM PARADise AFG 2008

REGIE Hamayoun Morowat

BUCH Daoud Wahab, Hamayoun

Morowat

KAMERA Zinull Abuddin Wasee

SCHNITT Waqef Al Hussaini,

Rafei Berhozian

MUSIK Qasim Ramishgar

MIT Rajab Hussainov, Hashmatullah

Fanee, Wali Talash

PRODUKTION Roya Aziz / Star

Group Media

LÄNGE 125 Minuten

Yaqub, ein alter Bauer, kommt in die Hauptstadt

Kabul, um seinen Sohn Yousuf zu besuchen, den

er – ein frommer, tief in der Tradition verwurzelter

Mann – in die Obhut einer Religionsschule (Madrasa)

gegeben hat. Doch Yousuf, sein jüngster und

einziger noch lebender Sohn, ist verschwunden,

und bald stellt sich heraus, dass der Junge in

den Bannkreis der Islamisten geraten und zum

Selbstmordattentäter bestimmt worden ist. Auf

dem Hintergrund der aus der Bibel und dem Koran

vertrauten Geschichte von Jakob und Josef (und

seinen Brüdern) entfaltet sich die Suche nach dem

verlorenen Sohn als Stationendrama, das kreuz

und quer durch die im Religionskrieg zwischen

vermeintlicher Tradition und Moderne zerrissene

afghanische Gesellschaft führt. Der engagierte Film

nimmt klar Partei und stellt den bigotten Zynismus

selbsternannter heiliger Männer offen zur Schau.

Den tiefgreifenden Identitätskonflikt Yaqubs aber

macht der Darsteller Rajab Hussainov in kleinen

Gesten und im mimischen Detail sichtbar; noch in

der tiefsten Demütigung weiß er seine Würde zu

wahren. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

sA 26.6., 21:00

seveRe CleAR US 2009

REGIE, BUCH Kristan Fraga

KAMERA Mike Scotti

MUSIK Cliff Martinez

PRODUKTION Mark J. Perez,

Kristian Farga (Sirk Productions)

LÄNGE 93 Minuten

englische Originalfassung

vorführung in Anwesenheit

des Produzenten

Rückblende ins Frühjahr 2003: First Lieutnant

Mike Scotti ist mit seiner Einheit der US-Marines

unterwegs in den Mittleren Osten. Mit seiner Mini-

DV-Kamera dokumentiert der Soldat die Vorbereitungen

zum Irak-Krieg, die Euphorie der fast

mühelosen Besetzung des Landes, die allmählich

einsetzende Enttäuschung der Wochen danach, in

denen die vermeintlich Befreiten alles andere als

Begeisterung erkennen lassen. Aus einer ähnlichen

Berichtsperspektive gefilmt wie die Reportagen der

»embedded journalists«, fallen Scottis »Home Movies«

doch unvergleichbar provokanter aus. Denn

sein Blick auf den verschworenen Männerbund der

Elitetruppen ist – gerade für Alteuropäer – auf viel

unmittelbarere Weise befremdlich: »Here is the

truth about being a Marine that you won‘t find on

the local news.We’re loud. We drink too much, fight

too much and swear too much. Truth be told, our

rifles are the only things we think about more than

sex.« Wenn Iraker hier nur als Opfer vorkommen, so

entspricht auch dies der Sachlage. (cb)


sO 27.6., 21:00 (gesamtlänge: 97 Minuten)

AfghAnisChe KURZfilM-ROlle

the lAst shOUt AFG 2008

REGIE, ANIMATION, PRODUK-

TION Sayed Ali Reza Sajiade

MUSIK Homayoon Hohner

LÄNGE 7 Minuten

1+1=1 AFG 2008

REGIE Mirwais Rekab SCHNITT

Mirwais Rekab KAMERA Jamal

Nasar Sarwari MIT Shabnam

Sima, Faroq Baraki, Robada

Ahmadi PRODUKTION New

Wave Cinema LÄNGE 4 Minuten

WAteR AnD seeD …

fReeDOM AFG 2008

REGIE, BUCH Sultan Masoud

Arifi KAMERA Romal Yousofazi

MIT M. Zaki Harfi, Asadullah

Salihe, Haroon Arya PRODUK-

TION Sharukh Films LÄNGE

9 Minuten

shAtteReD hOPes AFG

2008

REGIE, KAMERA Radar Akbar

MUSIK Nikos Kypourgos LÄN-

GE 9 Minuten

Ein überaus charmanter kleiner Animationsfilm mit

dem ewig jungen Thema »boy meets girl«, originell und

professionell gestaltet: in den Hauptrollen agieren zwei

Streichhölzer. (cb)

Der kurze Spielfilm versucht, das Thema »Gewalt gegen

Frauen« und lizensierte »Gewalt in der Ehe« einerseits

direkt, zugleich aber auch auf dem Umweg eines formalen

Experimentes anzugehen. Bereits der Titel verweist darauf,

dass die Frau in der patriarchal strukturierten afghanischen

Gesellschaft »nichts« zählt. (cb)

Ein Junge, der sich ein wenig Geld als Wasserverkäufer

verdient, hat sich in eine der zahllosen Tauben »verliebt«,

wie sie von Händlern im Basar feilgeboten werden. Doch

er kann sich keine Hoffnung machen, das nötige Geld

jemals aufzubringen … Kind und Taube – der Film greift auf

universal verständliche Symbole zurück, um die Hoffnung

auf Frieden als Voraussetzung für eine Zukunft des Landes

zu artikulieren. (cb)

In ihrem Debutfilm präsentiert die junge afghanische Regisseurin

Radar Akbar Impressionen aus einem improvisierten

Flüchtlingslager, in dem noch immer zahllose Menschen

ums Überleben kämpfen müssen. Der Film erzeugt behutsam

Empathie mit diesen Flüchtlingen, die nicht nur an den

physischen Wunden, die der Krieg geschlagen hat, zu leiden

haben, sondern auch psychisch traumatisiert sind. (cb)

AfghAnistAn Alive | PROGRAMM | 11. BIS 27. JUNI 2010 | METRO KINO

life AgAin AFG 2010

REGIE Hassan Fazeli BUCH

Hadi Mujtabayi KAMERA,

SCHNITT Sayed Jalal Husseini

MIT Mina Amani, Sayed Mustafa

Hashimi, Maryam Husseini, Ghulam

Farough Sarkosh LÄNGE

15 Minuten

the WAll AFG 2009

REGIE Noor Hoseyni PRODUK-

TION Jump Cut Films LÄNGE

6 Minuten

the Angels On eARth

AFG 2009

REGIE Sayed Jalal Husseini

KAMERA Morteza Shahed

SCHNITT Ali Hussein Husseini

MUSIK Ghafer Malik Nezhad

PRODUKTION Hasan Fazeli,

Jump Cut Films LÄNGE

15 Minuten

! AFG 2010

IDEE, REGIE, PRODUKTI-

ON Hassan Fazeli KAMERA,

SCHNITT S. Jalal LÄNGE

3 Minuten

Dari mit englischen

Untertiteln

Auf dem Weg von der Schule zurück in ihr Haus tritt eine junge

Mutter auf eine Mine. Sie überlebt die Amputation des Beines,

doch der Ehemann verlässt sie, um sich eine körperlich

unversehrte neue Frau zu suchen. Mit ihrer Tochter findet sie

Unterkunft bei einem Onkel, der ihr Arbeit in einer Schneiderei

beschafft, abends besucht sie die Schule. Schließlich wird

sie Aktivistin in einer Organisation für Mineopfer. (cb)

Ein Junge verdient sich seinen Lebensunterhalt als Autowäscher

und träumt davon, wie andere Kinder die Schule

besuchen zu können. Doch die Mauer, die den Zugang zur

Bildung versperrt, ist zu hoch. Der Amateurfilm operiert

exzessiv mit dem Jump Cut. (cb)

Ein Schuhputzer lebt mit seinem Sohn in der Ruine eines

ausgebombten Hauses. Morgens laufen sie über das

Gräberfeld des Friedhofs und setzen sich, auf Kundschaft

wartend, an den Straßenrand. Während der Sohn mit einem

Miniatur-Militär-Hubschrauber spielt, stiehlt ein anderer

Betteljunge das Paar Turnschuhe. Es kommt zum Konflikt

zwischen Vater und Sohn … (cb)

Der Friedhof mit den Kriegsgräbern, eingezäunt mit

entschärften Granaten, wird zum Ausflugsort und zur

Pilgerstätte in Kabul. (cb)

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