Michael Haneke - Filmarchiv Austria

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Michael Haneke - Filmarchiv Austria

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MicHAel HAneKe

Michael Haneke

Gnadenlose Genauigkeit

Der Österreicher Michael Haneke zählt unbestritten zu den Virtuosen des Weltkinos. Mit seinen

Filmen widmet er sich unablässig und ohne Kompromisse den Abgründen der Gesellschaft.

Das Filmarchiv Austria zeigt nun die bislang umfassendste Retrospektive in Österreich, bei der

nicht nur sein preisgekröntes Kino-Œuvre, sondern auch sein vielseitiges Fernseh(-film-)schaffen

präsentiert wird.


LUKAS MAURER

Wer die Welt mit scharfen Augen betrachtet, ist

in seinen Zugängen nicht selten radikal. Michael

Haneke ist so jemand, ein Künstler, ein Filme-

macher, der mit kühler Präzision auf das Gebaren

der Gesellschaft blickt, der schonungslos und mit

provokativem Gestus den Horror des Alltäglichen

freilegt und die Grundbeschaffenheit der mensch-

lichen existenz im Spiegel der Moderne durchleuch-

tet. Haneke übt Kritik an den Dingen, die ihn stören,

unumwunden – sei es das Fernsehen und seine

Zerstreuungspraktiken, die Beruhigungsstrategien

des Hollywood-Kinos oder einfach die lieblosigkeit

im Miteinander, die »Vergletscherung der Gefühle«:

Das Uneinverstandensein mit dem Zustand der

Welt ist der Motor seiner Kunst. Darüber hat er

zu einer Form, zu einer Sprache gefunden, die im

Gegenwartskino ohne Vergleich ist. »Michael Hane-

ke ist der erste österreichische Spielfilmregisseur

der nachkriegszeit, der als bedeutender auteur

wahr genommen wird«, hat Alexander Horwath vor

einigen Jahren geschrieben. Spätestens seit seiner

elfriede-Jelinek-Adaption Die KlAVieRSPieleRin,

allerspätestens seit seinem französischen »Polit-

Thriller« cAcHÉ zählt er zu den weltweit wich-

tigsten Autorenfilmern überhaupt – die Goldene

Palme und der anschließende erfolgslauf seines

epischen erziehungsdramas DAS WeiSSe BAnD hat

dieser Position nur noch die Krone aufge -

setzt.

MicHAel HAneKe

LA PIANISTE/DIE KLAVIERSPIELERIN | F/D/Pl/A 2001

Seine Kompromisslosigkeit hat darunter aber nicht

gelitten. Gewiss: Das hermetische Kino Michael

Hanekes, welches den Figuren so gut wie keinen

Fluchtpunkt bietet, ist im Zuge seiner internationali-

sierung filmisch »weiträumiger« (die vielschichtigen

sozialen Bewegungen in cODe incOnnU) und, wenn

man so will, auch »wärmer« geworden (man denke

nur an den geradezu magischen Schluss in WOlF-

ZeiT oder an das liebeswerben zwischen Dorflehrer

und Kindermädchen in DAS WeiSSe BAnD), aber als

Konzessionen an den Weltruhm sind diese (Auf-)

Brechungen freilich nicht zu deuten. Für das Kino

von Michael Haneke gilt wie eh und je: Die Rigorosi-

tät ist seine wirksamste Kraft.

Hanekes Filme sind tiefschürfende, (moral)philo-

sophisch grundierte erzählungen. Sie handeln von

Schuld, Verdrängung, entfremdung und, damit eng

verbunden, von Gewalt. letztere ist, als Thema

und Motiv, der zentrale leitfaden in seinem Werk.

An ihr arbeitet er sich ab, unermüdlich, spürt ihren

Strukturen nach, von den Medien angefangen bis

hinein in die privaten, die intimsten Bereiche. in

DeR SieBenTe KOnTinenT beschließt eine linzer

Kleinfamilie, ihre weltlichen Zelte abzubrechen

und gemeinsam in den Tod zu gehen. in BennY’S

ViDeO tötet ein mediensüchtiger Jugendlicher ein

Mädchen mit einem Schlachtschussgerät (weil er

wissen will, wie das so ist). in Die KlAVieRSPiele-

Rin weiht eine verhärmte Bildungsbürgerin einen

verführerischen Studenten in ihre sadomasochi-

stischen Sehnsüchte ein. cAcHÉ wiederum rückt

einen französischen literaturjournalisten in den

Mittelpunkt, den anonyme Videobotschaften mit

einer Schuld aus der Kindheit konfrontieren. Und

DAS WeiSSe BAnD porträtiert eine norddeutsche

Dorfgemeinschaft im Vormärz des ersten Welt-

krieges, hinter deren protestantischer Fassade

Unterdrückung und Verachtung keimt. Die Qualen

– sowohl die sichtbaren als auch die unsichtbaren –,

welche seine Figuren ungelindert ertragen müssen,

will Haneke stets auch dem Pub likum zu spüren

geben. Und setzt dabei gerne auf die Wirkung des

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WER WAR EDGAR ALLAN | A/BRD 1985

MicHAel HAneKe


sublimen Schocks – beispielsweise mittels extremer

Zeitdehnungen, die viele einstellungen oft ins Un-

erträgliche steigern. Der Zuschauer soll sich gegen

seine Filme zur Wehr setzten. Das ist Hanekes

erklärte Absicht. lösungen, sprich, Auswege bietet

er konsequenterweise keine an. Seine Filme sollen

im Kopf des Zuschauers weitergehen und ihn zur

erkenntnis zwingen. in seiner »Gewalt-Parodie«

FUnnY GAMeS (wie auch, klarerweise, in seinem

Shot-by-Shot-Remake FUnnY GAMeS U.S.) wendet

sich einer der beiden Wohlstandsbengel, die eine

Kleinfamilie auf Sommerfrische mit einem absolut

tödlichen Spiel überraschen, sogar direkt an das

Publikum und macht es so zum Komplizen ihrer

Grausamkeit. Haneke will denn auch seinen Film als

»Watschn’« verstanden wissen, die der Zuschauer

für seine Schau- und folglich auch Gewaltlust

kassiert. es sind nicht zuletzt Provokationstakti-

ken wie diese, die ihn – neben seiner etikettierung

als hoffnungsloser Sozial- und Kulturpessimist –

jahrelang in den Verruf der überzogenen (Kino-)

Pädagogik gebracht hat. Aber Haneke hat, das sagt

er selbst, nichts dagegen, der »böse Unke« zu sein.

er versteht sich als Aufklärer und Moralist, der

seine Anliegen mit der nötigen ernsthaftigkeit und

Dringlichkeit formuliert.

MicHAel HAneKe

DIE REBELLION | A 1993

Michael Haneke, Jahrgang 1942, hat seine Karriere

beim Südwestfunk in Baden-Baden begonnen, wo

er ende der Sechziger als Redakteur Dramaturg

in der Abteilung »Fernsehspiel« engagiert wurde.

Darüber hinaus betätigte er sich auch als Theater-

regisseur und wechselte zwischenzeitlich zur Gänze

ins Bühnenfach. 1974 drehte er für den SWR seinen

ersten Fernsehfilm UnD WAS KOMMT DAnAcH?

(AFTeR liVeRPOOl) nach einem Hörspiel von

James Saunders. Dass Haneke im Fernsehen auch

ans Kino denkt, ist darin bereits klar zu erkennen:

Der Film eröffnet mit einem Zitat von Jean-luc

Godard: »Der Philosoph und der cineast haben

eine bestimmte lebensweise gemeinsam, die einer

Generation eigentümliche Sicht auf die Welt«. Die

folgenden Jahre in der Kreativzone »Fernsehspiel«

sollten für ihn prägend werden. Hier konnte er mit

Formen experimentieren, seinen Stil suchen und

schärfen. 1979 legte er seine erste Fernseharbeit

nach eigenem Stoff vor. Der Zweiteiler leMMinGe

ist ein in Wiener neustadt (Hanekes Ort der Kind-

heit) angesiedeltes Generationendrama, in dem eine

Gruppe von Jugendlichen ende der fünfziger Jahre

den Aufstand gegen die bürgerlichen Konventionen

probt, aber schließlich doch in ihnen erwachsen

werden muss. Das skeptizistische Weltbild Michael

Hanekes, sein sezierender Blick auf die Dinge, ist

dabei bereits deutlich präsent. Gesellschaft heißt

hier vor allem: Zwang, Krankheit, Tod. Überhaupt

lassen sich die meisten von Hanekes Fernsehfilmen

(wie seine finster-elegante ingeborg-Bachmann-

Adaption DRei WeGe ZUM See oder das Heimkeh-

rer-Melodram FRAUlein) als Bestandsaufnahmen

der deutschen bzw. österreichischen nachkriegs-

mentalität und ihrem nachleben lesen: Die Wirk-

lichkeit, das gibt Haneke auf verstörende Weise zu

verstehen, hat immer auch eine Vergangenheit.

Als Michael Haneke mit DeR SieBenTe KOnTinenT

1989 im Kino debütierte (und damit auch gleich eine

ein ladung nach cannes erhielt), war er bereits ein

»kompletter Filmemacher« (Horwath). Die Geschich-

te einer familiären Selbstauslöschung erzählt er mit

der stilistischen Selbstverständlichkeit des erfahre-

nen. Die elemente seines Kinos sind hier nahezu

schon vollständig versammelt: Die reduktionistische

inszenierungsweise, die modellhafte anti-psycholo-

gische Figurenzeichnung, die langen, insistierenden

einstellungen, die ausgewählten, wie Brücken ins

Metaphysische erscheinenden Musikstücke oder die

genau platzierten Schwarzbilder, also jene selbst-

reflexiven Zäsuren, die immerzu harte Brüche in

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die Kino-Wirklichkeit schlagen (spe ziell das Amok-

panorama 71 FRAGMenTe eineR cHROnOlOGie

DeS ZUFAllS und das Plansequenz-Meisterstück

cODe incOnnU sind nach diesem Prinzip gebaut).

Grundlegend für seine Handschrift ist aber auch die

überaus souveräne Führung der Schauspieler (das

betrifft seine großartigen Kinderdarsteller ebenso

wie die Weltstars Juliette Binoche, isabelle Huppert

oder Daniel Auteuil), die mit ihrem Spiel wesentlich

beitragen zu dem Balanceakt zwischen Realismus

MicHAel HAneKe

und Künstlichkeit, den er mit seinem Kino immer

wieder vollführt. Haneke, so lässt es sich vielleicht

zusammenfassen, erzählt unentwegt vom chaos,

vom Krieg im innersten der Gesellschaft, aber die

Bilder, die er dafür findet, sind von bestechender

Klarheit. Das ist das Paradoxe an seinen Filmen: Sie

beschreiben stets die kältesten und trostlosesten

aller möglichen (lebens-)Welten, aber in der Klar-

heit ihrer Form liegt immer auch etwas Tröstliches.

Genauigkeit, das betont Michael Haneke oft, ist für

le TeMPS DU lOUP/WOlFZeiT | F/A/D 2003

ihn ein essenzieller Begriff, ein moralischer Wert. ihr

fühlt er sich verpflichtet, in allem was er tut – und

schätzt sie auch am Kino anderer.

Die carte Blanche, die für Haneke im Rahmen dieser

Retrospektive ausgerichtet wird, ist dafür ein schö-

ner Beweis. Auf ihr finden sich namen wie Robert

Bresson, Andrej Tarkowskij, Pier Paolo Pasolini,

charlie chaplin oder John cassavetes: Filmemacher,

über die Michael Haneke gerne und leidenschaftlich

spricht, und die direkt (allen voran Bresson) oder

indirekt einfluss auf sein Werk genommen haben.

Mit ihnen teilt er – bei aller Verschiedenheit ihrer

Kunst – vor allem eines: den Drang, mit dem Kino

zum Wahrhaften vorzudringen. Und dies ist, wie

man weiß, ohne Klarsicht nur selten zu erreichen.

Lukas Maurer, geb. 1973 in Oberpullendorf, Bgld. Studium der

Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Kurator

und Filmpublizist. Mitarbeiter des Filmarchiv Austria, Programmverantwortlicher

und Moderator der Filmsendung Oktoskop bei dem

Fernsehsender Okto sowie lehrbeauftragter für Filmgeschichte

am Filmcollege in Wien. co-Herausgeber der Monografie Halbstark.

Georg Tressler: Zwischen Auftrag und Autor (2003).


impressum

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER: Filmarchiv Austria, Obere Augartenstraße 1, 1020 Wien

REDAKTION: ernst Kieninger, Günter Krenn, Georg Tscholl

BILDREDAKTION: Marlis Schmidt

TEXTE: Thomas Ballhausen (tb), ernst Kieninger, Günter Krenn (gk), Armin loacker (al), lukas Maurer (lm),

Kathrin Resetarits, nikolaus Wostry (nw), Karl Wratschko

KURATOREN: »NITROSESSIONS«: ernst Kieninger, nikolaus Wostry, Karl Wratschko

KURATOR »MICHAEL HANEKE«: lukas Maurer

KURATOREN »SILENT MASTERS«: ernst Kieninger, Günter Krenn, nikolaus Wostry, Karl Wratschko

KOPIENBESCHAFFUNG & RECHTEKLÄRUNG: Raimund Fritz

MARKETING: Barbara Heumesser

LEKTORAT: Marlis Schmidt, Georg Tscholl

COVERFOTO: Porträt Michael Haneke

GRAFIK: Judith eberharter

DRUCK: alwa & deil, Wien

ADRESSE: filmarchiv – Programmzeitschrift des Filmarchiv Austria, Obere Augartenstraße 1, 1020 Wien,

Tel: (+43 1) 216 13 00, Fax: (+43 1) 216 13 00 100, augarten@filmarchiv.at, www.filmarchiv.at

DANK: Arsenal-institut für Film und Videokunst e.V., Berlin (Gesa Knolle) | David Bohun, Wien | ccc Filmkunst

GmbH, Berlin (Marleen Dyett) | centre national de la cinematographie, Paris (eric le Roy) | cine TV

(Matthias Weber) | Diagonale (Barbara Pichler), Wien | Faces Distribution corp., Hazlet (Al Ruban) | Severin

Fiala, Wien | Filmladen, Wien (Doris Sumereder) | Französisches Kulturinstitut, Wien (christine Vitel) |

Michael Haneke, Wien | Jupiter-Film, neulengbach (Hans-Peter Blechinger) | Klett-cotta, Stuttgart (Susanne

Habermann) | Mercredi Films, Paris (elodie lachaud) | catalina Molina, Wien | Virgil A. Muellermann, Wien/

Paris | Thomas Müller, München | national center for Jewish Film, Waltham (Juliet Burch) | neue Visionen

Filmverleih, Berlin (Madita lambrecht) | ORF, Wien (Marion camus-Oberdorfer, Dagmar Fleischhacker, Heinrich

Mis, Sabine Renner) | Piper Verlag GmbH, München (nicola von Bodman-Hensler) | Ulrike Putzer, Wien |

rbb media GmbH, Berlin (Stefanie lubke) | Peter Rosei, Wien | Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek (Michael

Töteberg) | Schorcht international Filmproduktion und Filmvertrieb GmbH, München (Karin Peter) | Stadtkino

Filmverleih, Wien (Georg Horvath, Gabriela Mühlberger) | Saarländischer Rundfunk, Saarbrücken (Kornelia

Wilhelm) | Satel Film GmbH, Wien (Heinrich Ambrosch) | Sixpackfilm (Michaela Grill, Ute Katschthaler,

Wiktoria Pelzer), Wien | SWR Meida Services GmbH, Stuttgart (Markus Jochem) | Transit Film GmbH,

München (Daniele Guerlain) | Trigon-Film, ennetbaden (Regula Dell‘Anno) | (Verlag der Autoren (christiane

Altenburg) | WeGA-Film, Wien (Julia Heiduschka, Veit Heiduschka, Ulrike lässer) | Mario Wirz, Berlin | ZDF

enterprises GmbH, Mainz (Alexandra Burchard)

BILDNACHWEIS: Brandeis national center for Jewish Film, Waltham, MA | Deutsche Kinemathek, Berlin |

Filmarchiv Austria, Wien | ORF, Wien | Österreichisches Theatermuseum, Wien | Peter Patzak, Klosterneuburg-Weidling

| sixpackfilm, Wien | Gerald Zugmann, Wien

iMPReSSUM

VERANSTALTUNGSPARTNER:

FÖRDERER:

MEDIENPARTNER:

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ein persönlicher text über die arbeit mit

Michael haneke?

KATHRIN RESETARITS

ich komme gut mit ihm aus.

am norddeutschen set spricht er, ohne erst darüber

nachzudenken, österreichischen dialekt, auch mit

den kindern. was dazu führt, dass einer der kinder­

darsteller überzeugt davon ist, sein filmvater, der im

drehbuch eigentlich keinen namen hat, heisse eam.

– »do schaust dann zu eam.«

sein wiener neustädter spruch ist mir ein labsal in

vielen in­ und ausländischen situationen. gerade be­

ginnt man sich unwohl und fehl am platze zu fühlen,

und der schmäh kommt einem abhanden, weil in der

umgebung stark daran gearbeitet wird, kultiviert

und künstlerisch wertvoll zu erscheinen, da bezeich­

net er irgendjemanden (im besten fall abwesenden)

als vollkoffer. hallo! hier bin ich wieder zu hause. es

geht um etwas, nicht darum, so zu tun als ob.

da kann man auch gelassen bleiben, wenn die ge­

nauigkeit den rahmen sprengt und über den

bildrand hinauslappt, und hochbezahlte starschau­

spieler als dunkle flecken am bildrand sitzen und

hervorragendes leisten, komparsen in geschätzten

zwei kilometern entfernung von der kamera drin­

gend einen neuen bart ankleben müssen, bevor man

Michael haneke

zu drehen beginnt, oder eine schwierige einstellung,

die nach dem sechsten versuch endlich im rhyth­

mus ist, abgebrochen wird, weil ein kutschpferd –

mit scheuklappen – in die kamera geschaut hat.

Michael haneke ist ermunternd genau und kann

ermüdend stur sein. genau sein heisst eben auch,

genau am punkt zu sein, und dieser punkt ist

manchmal ansichtssache.

aber darum geht es ja auch beim drehen. wenn es

für ihn so wirkt, als würde das halbblinde pferd in

die kamera schauen, dann ist es möglich, dass auch

jemand anderer sich davon irritieren lässt. man

kann eben immer nur von sich ausgehen.

um sich verständlich zu machen, um zu verstehen,

und um im drehprozess zu schnellen entschei­

dungen zu finden.

da ist es schon besser, ein bisschen starrsinnig zu

sein, wenn man findet, schneeflocken fallen un­

glaubwürdig, weil zu langsam oder zu schnell.

und mit gewissen abstrichen muss ich zugeben,

dass es sogar glaubwürdige und unglaubwürdige

milch in filmen gibt.

es gibt auch andere arten, ein ziel zu erreichen,

aber sturheit kann eines der wichtigen hilfsmittel

eines regisseurs sein, und dafür, dass sie eines der

wichtigen hilfsmittel von Michael haneke ist, ist er

eigentlich ungewöhnlich unstur und offen.

weil er einfach ein interesse an der sache hat und

am leben, und deshalb schaut er genau hin und hört

auch zu. man kann ihm einiges an den kopf werfen,

ohne das gesprächsklima zu zerstören.

die sache steht immer im vordergrund. das klingt jetzt

ein bisschen kärglich, ist es aber nicht. in meinen

augen ist es eine grosse und wohltuende ausnahme.

aber ob es wirklich stimmt, dass die drohgebärde

die beste taktik ist, um mitarbeiter zu höchstleis­

tungen anzutreiben, wage ich zu bezweifeln.

da kann es gelingen, menschen so zu verunsichern,

dass sie nicht einmal mehr in der lage sind, einen

raum zu durchqueren ohne lang hinzuschlagen,

kleindarsteller, deren aufgabe es ist, zwei worte

durch eine tür zu rufen, die sprache verlieren, ame­

rikanische requisiteure kein auto mehr abstellen

können, ohne den schlüssel darin einzusperren.

ich beneide niemanden, der unter seinen miss­

trauischen blicken artistisches zu leisten hat.


aber da es schwer zu beweisen ist, welchen anteil

die verunsicherung am versagen der beteiligten hat,

und in anbetracht des ergebnisses der hergang

keine rolle mehr spielt, ist der effekt nur eine wei­

tere bestätigung seiner meinung.

ich habe die filme von Michael haneke nie kalt

gefunden, im gegenteil, ich empfand es als tröstlich,

themen, situationen und menschen mit grosser

sorgfältigkeit darin aufgegriffen zu sehen, die mich

selber manchmal verzweifeln lassen. wenn andere

sie auch sehen (und sich ihrer annehmen), dann

sind die dämonen zwar nicht vertrieben, aber doch

auf kurze zeit gebannt. nicht immer ist geteiltes leid

halbes leid, aber erkanntes leid, leid, das eine form

gefunden hat, beweist einem wenigstens, dass man

nicht der einzige ist, der in einer welt aus glücklichen

cornflakeskindern und herrlich eingerichteten fern­

sehfamilien dinge sieht, die man nicht sehen sollte.

nach der arbeit an einem hanekeset fernzusehen

kann anstrengend werden. die schlampereien häu­

fen sich. automatisch erstelle ich bei jeder einstel­

lung in meinem kopf listen. je schlechter der film,

desto länger.

Michael haneke

da hat man es bei haneke schon leichter. viele unge­

nauigkeiten sind da nicht zu finden.

das, was oft als sezierender blick beschrieben wird,

empfinde ich in der arbeit, aber auch im privaten

gespräch als befreiend. es ist ein aufmerksamer,

offener und gewissenhafter blick, eine forschungs­

arbeit, wenn man so will. eine respektvolle zuwen­

dung.

als wir die klavierspielerin gedreht haben, war ich

eine ziemlich junge frau, und er schon ein ziemlich

älterer herr, aber in der arbeit war das egal. ne­

beneinander im videozelt im sexshop war da keine

peinliche berührtheit, sondern die konzentration

auf die arbeit.

und dazwischen auch blödes gekicher.

es ist so erfrischend einem klugen menschen zu

begegnen.

Kathrin Resetarits ist künstlerische assistentin von Michael haneke.

Sie hat an der Wiener Filmakademie studiert und arbeitet als Schauspielerin,

Regisseurin und autorin.

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Programm

Michael Haneke

1. bis 20.10.2010

Metro Kino

MO 11.10., 19:00

Werkstattgespräch mit

Michael Haneke

Michael haneke im Gespräch mit profil-kulturressortleiter

und Filmkritiker Stefan Grissemann.

»Das Maß des künstlerischen Werts ist die Genauigkeit,

und darin liegt pure Lust. Es ist die Verteidigung der

Ordnung gegen das Chaos. Darum lohnt es sich zu arbeiten,

und daraus entsteht Enthusiasmus. Damit muß ich

niemanden beglücken wollen. Ich glaube, daß Genauigkeit

per se beglückt. Jeder, der für künstlerische Äußerungen

empfänglich ist, wird beglückt sein, sofern etwas »gut gemacht«

ist. Aber nicht, weil der Künstler damit ein inhaltliches

Ziel verfolgt. Ich glaube nicht an Ziele. Ich glaube an

Genauigkeit.« (Michael Haneke)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

SO 17.10., 17:00

carte Blanche Michael haneke

The GOlD RUSh US 1925

REGIE, BUCH, SCHNITT

Charles Chaplin

KAMERA Roland H. Totheroh

MUSIK Charles Chaplin (1942)

MIT Charles Chaplin, Georgia

Hale, Mack Swain, Tom Murray,

Henry Bergman

PRODUKTION Charles Chaplin

Productions

LÄNGE 72 Minuten

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Für die englische Filmzeitschrift Sight and Sound

erstellte Michael Haneke 2002 eine Top-Ten-Liste

der für ihn persönlich wichtigsten Filme, darunter

auch jene fünf Filme, die hier in der Carte Blanche

zu sehen sind, somit auch GOLD RUSH, Charlie Cha-

plins Glückssucher-Komödie aus dem Jahre 1925, in

der er die condition humaine mit berührendstem,

hintergründigstem Slapstick ausleuchtet. Chaplin,

der seinen Schuh kocht und wie einen Knochen

abnagt, das ist wohl jene Szene, die seine Figur des

Tramp zu einer der strahlendsten, reichsten Ikonen

des Kinos erhob. Siegfried Kracauer formuliert

es folgendermaßen: »Charlie Chaplin, der den

GOLDRAUSCH gedichtet hat, geht durch seine

Dichtung als eine Darstellung des Menschlichen, die

aus fast verschütteten Quellen geschöpft ist. So ist

das Menschliche in den Märchen gemeint, in dem

dummen Hans und anderen Märchenhelden, die

keine Helden sind, so meint es vielleicht der Spruch

Laotses, dass das Ohnmächtigste die Welt bewege.«

(lm)


MO 4.10., 19:00

carte Blanche Michael haneke

aU haSaRD BalThaZaR F/SCHWEDEN 1966

REGIE, BUCH Robert Bresson

KAMERA Ghislain Cloquet

SCHNITT Raymond Lamy

MUSIK Jean Wiener, Franz

Schubert

MIT Anne Wiazemsky, Walter

Green, François Lafarge, Jean-

Claude Guilbert, Philippe Asselin

PRODUKTION Mag Bodard

/ Athos / Parc / AB Svensk /

Svenska Filminstitutet

LÄNGE 95 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

englischen Untertiteln

Ein Kristall der Filmgeschichte: Robert Bressons

nüchtern-präzise und gleichsam tief-empfindsame

Passionsgeschichte des Esels Balthazar, der von

den beiden Kindern Marie und Jacques zunächst

liebevoll getauft und umsorgt, von seinen späteren

Besitzern aber als Lasttier, Zirkusattraktion und

Schmugglergerät geknechtet und gequält wird. Eine

wehrlose Kreatur, die stumm und geduldig die Grau-

samkeit der Welt erträgt. Der Esel als Opfer und

Märtyrer. Selten war der Tod im Kino so gnadenvoll

wie beiläufig.

AU HASARD BALTHAZAR ist ein Schlüsselwerk für

Michael Hanekes filmisches Denken: »Kein Film

hat mir je Hirn und Herz so umgedreht wie dieser

… Man spürt in BALTHAZAR wie in allen Filmen

Bressons eine fast körperliche Aversion ihres

Autors gegen jegliche Form der Lüge, insbesondere

gegen jede Form des ästhetischen Betrugs. Diese

ingrimmige Abneigung scheint die Antriebskraft

seiner gesamten Arbeit zu sein, und sie führt zu

einer Reinheit der erzählerischen Mittel, die in der

Filmgeschichte ihresgleichen sucht.« (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

Sa 2.10., 19:00

DRei WeGe ZUM See A/BRD 1976

REGIE Michael Haneke

BUCH Michael Haneke, Ingeborg

Bachmann

KAMERA Igor Luther

SCHNITT Helga Scharf

KOSTÜME Barbar Langbein

MIT Ursula Schult, Guido

Wieland, Walter Schmidinger,

Udo Vioff, Bernhard Wicki, Yves

Beneyton, Rainer von Artenfels,

Jane Tilden

PRODUKTION Südwestfunk

(SWF); ORF

LÄNGE 97 Minuten

FORMAT Beta-SP

Kann man unbeschwert nach Hause zurückkehren?

Als die zur Starfotografin avancierte Elisabeth

Matrei anlässlich eines Besuchs bei ihrem Vater wie-

der in ihre Heimatstadt Klagenfurt fährt, löst eine

Wanderung durch die Schauplätze ihrer Kindheit

eine Reihe von Selbstreflexionen aus. Insbesonde-

re eine unglückliche Liebesgeschichte, die ihrem

Lebensentwurf einen erst nachträglich erfahr-

baren Knick verpasst hat, kommt beim Gang zum

Wörthersee wieder an die Oberfläche. Spielte schon

die Literaturvorlage Ingeborg Bachmanns mit den

Optionen von Medialisierung und zu ergehendem

System aus Verweisen, findet sich dieser Zugang

in Hanekes wunderbarer Verfilmung in gesteiger-

ter Form wieder: Die weitere Sequenzierung der

Handlung unterstreicht noch die Fragmentiertheit

der narrativen Strukturangebote, die Kameraarbeit

erinnert auf subtile Weise an die wechselnden Er-

zählperspektiven der literarischen Vorlage. Die Welt

ist aus den Fugen, ganz still. (tb)

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DO 14.10., 19:00

… UnD WaS kOMMT Danach? (aFTeR liVeRPOOl)

BRD 1974

REGIE Michael Haneke

BUCH Michael Haneke nach

einem Theaterstück und

Hörspiel von James Saunders,

Deutsch von Hilde Spiel

KAMERA Gerd Schäfer, Jochen

Hubrich, Günter Lemnitz

SCHNITT Christa Kleinheisterkampf

TON Wilhelm Dusil

MIT Hildegard Schmahl, Dieter

Kirchlechner

PRODUKTION Südwestfunk

(SWR)

LÄNGE 89 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe

… UND WAS KOMMT DANACH? (AFTER LIVER-

POOL): Michael Hanekes kunstfertiges Fernseh-

filmdebüt nach einem Theaterstück/Hörspiel von

James Saunders. Ein strenges und schmerzhaftes

Kammerspiel über die Unmöglichkeiten der Kom-

munikation. Ein Mann und eine Frau haben sich

alles und nichts zu sagen. »Die Beziehungskrise

als Sprachkrise«, hat es Alexander Horwath auf

den Punkt gebracht. (Selbst-)Reflexion auf allen

Ebenen. In das szenische Dialog-Ping-Pong immer

wieder eingeschoben: Bild- (The Beatles), Ton- (I

Can’t Get No Satisfaction) und Text-Zitate (Adorno,

Rimbaud, Warhol, McLuhan …). Zu Beginn die Worte

von Godard: »Der Philosoph und der Cineast haben

eine bestimmte Lebensweise gemeinsam, die einer

Generation eigentümliche Sicht auf die Welt«. Ein

Fernsehspiel mit spürbarer Nähe zum Essayfilm.

Hanekes Weg ins Kino ist vorgezeichnet. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

MO 18.10., 18:00

carte Blanche Michael haneke

a WOMan UnDeR The inFlUence US 1974

REGIE, BUCH John Cassavetes

KAMERA Mitch Breit, John Cassavetes

(ucr.), Al Ruban (ucr.)

SCHNITT David Armstrong,

Sheila Viseltear

MUSIK Bo Harwood

MIT Gena Rowlands, Peter Falk,

Fred Draper, Lady Rowlands,

Katherine Cassavetes, Matthew

Laborteaux

PRODUKTION Faces Internationakl

Films, Inc.

LÄNGE 146 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Ein Zentralwerk des american independent cinema,

wie die meisten von Cassavetes’ Filmen ein Liebes-

film oder vielmehr ein Film über die Liebe und ihre

existenziellen Erschütterungen. Die Geschichte

einer Frau (Gena Rowlands), die mit ihrem Mann

(Peter Falk) und ihren Kindern nach außen hin ein

normal suburbian life führt, in ihrem Innenleben

aber von Angst und Einsamkeit regiert wird – ein

Zustand, der sich zusehends in nackter Hysterie

entlädt. Ein unerbittliches Beziehungsdrama, das

seine Wirkung aus der radikalen Fokussierung auf

seine Schauspieler bezieht: »Ihr Naturalismus«, so

Martin Schaub, »überfällt den Regisseur und seine

technische Equipe, die sich zu wehren wissen. Das

ist das Umwerfende, das Unwahrscheinliche dieses

Films: dass das reflexartige Zusammenspiel, die

Unberechenbarkeit, beispielsweise das Durcheinan-

der einer gestörten Frühstücksparty, ohne Rest in

eine Kamera und in ein Mikrofon gehen. Die Filme

von Cassavetes kann man nur von den Figuren her

erleben (also nicht von der Kamera, nicht von den

hinteren Fauteuils aus). Das ist ihre Begrenzung und

vitale Stärke.« (lm)


Sa 16.10., 18:45

carte Blanche Michael haneke

ZeRkalO (DeR SPieGel) SU 1975

REGIE Andrei Tarkovsky

BUCH Andrei Tarkovsky,

Aleksandr Misharin

KAMERA Georgi Rerberg

SCHNITT Ljudmila Fejginowa

MUSIK Giovanni, Battista Pergolesi,

J.S. Bach, Eduard Artemjew,

Henry Purcell

MIT Margarita Terechova, Ignat

Danilzew, Oleg Jankowski, Filipp

Jankovski, Anatoli Solonizyn,

Alla Demidowa

PRODUKTION Mosfilm

LÄNGE 108 Minuten

FORMAT 35 mm

Tarkovsky verbindet in ZERKALO die individuelle

Geschichte der Hauptfigur Aleksei mit der Gesell-

schaftshistorie der Sowjetunion. Unter Nutzung

unterschiedlichster Bildquellen erzeugt er ein facet-

tenreiches Porträt, die Reflexion eines Sterbenden.

Im Rückblick dieses stark autobiografisch geprägten

Films, der wie SOLARIS unter Mitwirkung von

Aleksandr Misharin entstand, verfügen sich die pri-

vate Erfahrungen des Protagonisten, seine stories,

mit der allgemeinen history. In der Folge beginnen

sich die Bilder wechselweise zu bedingen, zu kom-

mentieren und zu ergänzen. Poetische Frakturen

und verwobene Erzählstrukturen treten, getragen

von Gedichten seines Vaters Arseni Tarkovsky, an

die Stelle von Geradlinigkeit – ein Umstand, der Tar-

kovsky in seiner Heimat nicht nur Lob einbrachte.

Alekseis Suche nach seiner (verlorenen) Lebenszeit

ist ein starker filmischer Ausdruck subjektiven

Erlebens und Empfindens, ein forderndes Bekennt-

nis zum Einzelnen (tb). »Nur eine Irritation bewirkt

wirklich etwas. Man will ja aus dem Kino nicht so

rauskommen, wie man reingegangen ist – das wäre

verlorene Zeit.« (M. Haneke)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

FR 8.10., 23:00

carte Blanche Michael haneke

SalÒ O le 120 GiORnaTe Di SODOMa I/F 1975

REGIE Pier Paolo Pasolini

BUCH Pier Paolo Pasolini,

Sergio Citti

KAMERA Tonino Delli Colli

SCHNITT Nina Baragli

KOSTÜME Danilo Donati

MUSIK Ennio Morriconi

MIT Paolo Bonacelli, Giorgio

Cataldi, Umberto Paolo Quintavalle

PRODUKTION Produzioni Europee

Associati; Les Productions

Artistes Associés

LÄNGE 116 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Im letzten Reich des faschistischen Italiens, der

Republik Salò, inszenieren Großbürger angesichts

des nahenden Endes des Mussolini-Regimes ihre

Macht in Form grausamer Rituale: Ganz der litera-

rischen Vorlage de Sades verpflichtet, werden eine

Reihe junger Menschen erniedrigt, gequält und

schließlich ermordet. Abseits aller Gewaltästheti-

sierung werden in diesem Film, der gleichermaßen

Wissenschaft und Gerichte beschäftigte, mensch-

licher Machtrausch und Vernichtungslust nüchtern

inszeniert: »Der Film, der mich in meinem Leben am

meisten weiter gebracht hat, war seinerzeit SALÒ

ODER DIE 120 TAGE VON SODOM von Pasolini. Der

zeigte Gewalt als das, was sie wirklich ist: Leiden

der Opfer. Das fand ich unerträglich. Das ist bis

heute der Film, der mich am meisten aus der Bahn

geworfen hat. Damals habe ich mich ununterbro-

chen gefragt: Halte ich das noch aus? Muss ich jetzt

kotzen? Aber der hat mich wirklich über sehr sehr

viel nachdenken lassen. In einer Gesellschaft wie

der unserigen kann man Kino oder dramatische

Kunst im weitesten Sinn nur so machen. Man kann

sie nicht konsensuell machen. Dann ist man dumm.

Oder feig, oder zynisch.« (M. Haneke)

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36

SO 3.10., 21:00

leMMinGe (aRkaDien) A/BRD 1979

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jerzy Lipman, Walter

Kindler

SCHNITT Marie Homolkova

MUSIK Franz Schubert, Ludwig

van Beethoven, Alexander

Steinbrecher

MIT Regina Sattler, Christian

Ingomar, Eva Linder, Paulus

Manker, Bernhard Wicki, Elisabeth

Orth, Hilde Berger, Kurt

Sowinetz, Greta Zimmer, Ingrid

Burkhardt, Kurt Nachmann,

Rudolf Wessely

PRODUKTION Schönbrunn-

Film; ORF; SFB (Sender Freies

Berlin)

LÄNGE 113 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe

Mit dem zweiteiligen, semi-autobiografischen

Generationendrama LEMMINGE präsentiert sich

Michael Haneke dem Fernsehpublikum erstmals als

Regisseur und Autor in Personalunion. Und breitet

damit in aller inszenatorischen Dringlichkeit sein

Weltbild aus. Die (moderne) Zivilisation ist – ver-

kürzt formuliert – ein Gefängnis und die Konvention

dessen Wärter. Im ersten Teil ARKADIEN porträtiert

er die Jugendjahre seiner Protagonisten: Evi, Chri-

stian, Fritz und das großbürgerliche Geschwister-

paar Sigrid und Sigurd, fünf Gymnasiasten im Wr.

Neustadt der späten fünfziger Jahre – aufgerieben

zwischen den Versprechen der Popkultur, (schwie-

riger) Sexualität und der rigiden, überkommenen

Werteordnung ihrer Väter, aus deren Klammern sie

sich mit allen Mitteln zu befreien versuchen. Doch

Haneke gibt ihnen keine Chance, lässt sie verzwei-

felt in den Tod stürzen (Sigurd) oder in Resignation

erstarren. Nur Sigrid schafft es aus der Kleinstadt

nach Wien – zwischenzeitlich. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

DO 7.10., 21:00

leMMinGe (VeRleTZUnGen) A/BRD 1979

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jerzy Lipman

SCHNITT Marie Homolkova

MIT Monika Bleibtreu, Elfriede

Irrall, Rüdiger Hacker, Wolfgang

Hübsch, David Haneke, Norbert

Kappen, Guido Wieland, Vera

Borek, Wolfgang Gasser, Julia

Gschnitzer

MUSIK J. S. Bach

PRODUKTION Schönbrunn-

Film; ORF; SFB (Sender Freies

Berlin)

LÄNGE 107 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe

LEMMINGE, zweiter Teil. Aus den verzweifelten

Jugendlichen sind verzweifelte Erwachsene gewor-

den. Sigrid kehrt anlässlich des Todes ihres Vaters

von Wien nach Wr. Neustadt zurück. Doch sie findet

nichts als Leere vor. Und zwar nicht nur in den

(Erinnerungs-)Räumen der elterlichen Villa, sondern

auch in den Gesichtern ihrer Jugendfreunde. Chri-

stian, heute Oberleutnant, stellt bei einem gemein-

samen Essen zynisch fest: »… die Form hält etwas

zusammen, was längst auseinandergefallen ist«.

Eine Einsicht, aus der er aber letztlich die falschen

Konsequenzen zieht …

In finsterer Atmosphäre und mit nüchterner

Bildsymbolik inszeniert, weitet Haneke in VER-

LETZUNGEN seine Gesellschaftsdiagnose auf die

Verhältnisse der siebziger Jahre aus, zeichnet eine

Welt, die sich wie ein undurchdringbares Netz aus

Schuld, Angst, Entfremdung und Gleichgültigkeit

darstellt. »Was gilt da noch?«, bricht es am Ende

aus Christian heraus. Eine Frage, auf die selbst der

Pfarrer keine Antwort mehr weiß. LEMMINGE: Ein

Fernseh(-film-)Epos von tiefer, existenzialistischer

Traurigkeit. (lm)


FR 8.10., 18:15

VaRiaTiOn BRD 1983

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Walter Kindler

MUSIK Egberto Gismonti, Jan

Garbarek, Charlie Haden

MIT Elfriede Irrall, Suzanne

Geyer, Hilmar Thate, Monica

Bleibtreu, Eva Linder, Udo

Samel, Ilse Trautschold, Kurt

Hübner

PRODUKTION SFB

LÄNGE 98 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe

Variationen über die Liebe und ihre Schmerzen.

Der Lehrer Georg und die Journalistin Anna lernen

einander kennen und lieben. Doch ihre Zuneigung

kann sich nicht frei entfalten. Georg ist, scheinbar

glücklich, mit Eva verheiratet und Anna lebt in Be-

ziehung mit der Schauspielerin Kitty. Eine naturge-

mäß vertrackte Situation, die für Kitty Hysterie und

für Eva stille Verlorenheit bedeutet. Georgs Schwe-

ster Sigrid wiederum erleidet eine Art emotionalen

Kollatoralschaden, schneidet sich in der Badewanne

die Pulsadern auf. Bei alledem ist VARIATION aber

keine >grausame< Tragödie, viel eher ein nachdenk-

licher Liebesfilm, in dessen schmuckloser, aber nicht

weniger avancierter Mise-en-scène ebenso viel küh-

le Distanz wie zärtliche Nähe zum Ausdruck kommt.

»Haneke hat VARIATION einmal seinen ›John-

Cassavetes-Film‹ genannt, weil bei all den Verlet-

zungen, die jeder dem anderen zufügt, die Utopie

der Liebe erhalten bleibt« (Horwath). Tatsächlich

zählt der Schluss zu den versöhnlichsten in Hanekes

Werk, ein Happy End ist es freilich nicht. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

FR 15.10., 19:00

WeR WaR eDGaR allan? A/BRD 1984

REGIE Michael Haneke

BUCH Hans Broczyner, Michael

Haneke, Peter Rosei

KAMERA Frank Brühne

SCHNITT Lotte Klimitschek

MUSIK Ennio Morricone

MIT Paulus Manker, Rolf Hoppe,

Guido Wieland, Renzo Martini,

Walter Garadi

PRODUKTION Neue Studio

Film, ZDF, ORF

LÄNGE 83 Minuten

FORMAT Beta-SP

Mit »Wer war Edgar Allan?« versuchte sich Peter

Rosei 1977 erfolgreich im »Erzählen einer lite-

rarischen Halluzination« (K. E. Thorpe): In stark

fragmentierter Form schildert er darin die Identi-

tätskrise eines Kunststudenten. Diverse Rausch-

mittel zerrütten sein Selbstbild als Dandy, die

Begegnung mit einem mysteriösen US-Amerikaner,

dem titelspendenden Edgar Allan, und die Ver-

wicklung in mysteriöse Verbrechen führen zur

Verschlimmerung der Krise. Textlich offen gehalten,

mit Elementen einer möglichen Biografie Poes

durchsetzt, bot Roseis Vorlage die ideale Startbasis

für ein offenes filmisches Erzählen. Wie der heim-

liche Klassiker der österreichischen postmodernen

Literatur, bleibt auch die Adaption eine einfache

Lösung schuldig. Vielmehr dominieren das Labyrin-

thische und Verzweigte, treten gewinnbringend an

die Stelle einfacher (Krimi-)Linearität. Dass Rosei in

seiner Poetik den Leitlinien eines außermoralischen

Charakters der Grausamkeit und der existenziellen

Ausweglosigkeit des Lebens verpflichtet ist, trägt

noch zum Reiz dieser Arbeit Hanekes bei. (tb)

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38

FR 15.10., 21:00

FRaUlein BRD 1985

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Walter Kindler, Klaus

Hohenberger

SCHNITT Monika Sozbacher,

Monika Schreiner

MIT Angelica Domröse,

Peter Franke, Lou Castel, Heinz-

Werner Kraehkamp, Cordula

Gerburg , Chris Howland, Lisa

Helwig, Paulus Manker

PRODUKTION Telefilm Saar

Gmbh; SR (Saarländischer

Rundfunk)

LÄNGE 108 Minuten

FORMAT Beta-SP, s/w

Eine Mentalitätsstudie der deutschen Nach-

kriegszeit, ein bitter-sarkastisches Melodram, von

Haneke einmal als seine Antwort auf Fassbinders

DIE EHE DER MARIA BRAUN bezeichnet. Eine Frau

hat es sich in ihrem kleinstädtischen Leben »gut«

eingerichtet – mit ihren beiden Kindern und ihrem

Liebhaber, einem französischen Besatzungssol-

daten und Amateur-Catcher. Bis ihr für tot erklärter

Ehemann aus der russischen Kriegsgefangenschaft

zurückkehrt. Die Autonomie ist schlagartig dahin,

und ihr Alltag fortan von Entfremdung, Isolation

und Psycho-Terror bestimmt: Der Mann leidet nicht

nur am Trauma des Krieges, sondern auch am Trau-

ma der Heimkehr. Hanekes bildästhetisch vielleicht

ausladendster Fernsehfilm, nicht nur das Porträt

einer Frau, die ihr »Glück« einfordert, sondern

auch das Porträt einer deutschen Kleinstadt im

Taumel des Wirtschaftswunders. Das Kino als Ort,

in Hanekes Filmen nur selten präsent, ist dabei eine

zentrale Drehscheibe – und gerät am Ende – ganz im

metaphorischen Sinn – zum Fluchtraum schlechthin.

(lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

FR 1.10., 19:30 | MO 4.10., 21:00

DeR SieBenTe kOnTinenT A 1989

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Toni Peschke

SCHNITT Marie Homolkova

MUSIK Alban Berg

MIT Birgit Doll, Dieter Berner,

Leni Tanzer, Udo Samel, Robert

Dietl, Georg Friedrich

PRODUKTION Veit Heiduschka;

Wega-Film

LÄNGE 104 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Das Kinodebüt von Michael Haneke, 1989 in Cannes

uraufgeführt und Auftakt zu seiner viel diskutierten

Trilogie der emotionalen Vergletscherung. Ein Film

von stilistischer Präzision, wie man sie im österrei-

chischen (Erzähl-)Kino bis dahin noch nicht gesehen

hat. Über einen Zeitraum von drei Jahren zeichnet

Haneke den Alltag einer Linzer Mittelstandsfami-

lie nach: Aufstehen, Zähneputzen, Frühstücken,

Arbeiten, nach Hause kommen, Lichtabdrehen.

Vater, Mutter, Kind eingespannt in die Mechanik der

kapitalistischen Lebensordnung. Dann, eines Tages,

die Wende. Das Ehepaar beschließt, gemeinsam

mit der Tochter, in den Tod zu gehen – und vollzieht

ihre Tat auf brachiale Weise. Ein Familienporträt

als Traktat über das »Grauen der Wirklichkeit«,

unmissverständlich formuliert in einer Grammatik

der Ausweglosigkeit: Schwarzblenden, strenge

Bildkadrage, kalte Farben, wie versteinert agierende

Figuren. Haneke erklärt nichts, vertraut stattdessen

ganz auf die Wirkungskraft der Zeichen. Ein zutiefst

verstörender Film, der in der Klarheit seiner Form

aber nachhaltig zu transzendentaler Schönheit

findet. (lm)


Di 19.10., 18:45

nachRUF FÜR einen MÖRDeR A 1991

GESTALTUNG Michael Haneke

SCHNITT Brigitte Pevny

REDAKTION Wolfgang Ainberger,

Evelyn Itkin

PRODUKTION ORF (»Kunststücke«)

LÄNGE 110 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe

»Am 8. September 1990 schoß der 21jährige Felix

Zehetner aus Wien Florisdorf auf seine schlafenden

Eltern, richtete auf der Party benachbarter Freunde

ein Blutbad an, streckte zwei Polizisten nieder und

tötete sich anschließend selbst. Fazit des Amok-

laufs: 6 Tote, 4 lebensgefährlich Verletzte. Drei Tage

später fand im 2. Programm des österreichischen

Fernsehens aus diesem Anlass ein CLUB 2 mit dem

Thema ›Töten statt reden – Über den jugendlichen

Gewaltrausch‹ statt. Sämtliche Fernsehsendungen

dieses einen Tages (FS1 und FS2) bilden das allei-

nige Material der folgenden TV-Collage. Länge, Posi-

tion und Häufigkeit der Sendungsteile in der Collage

entsprechen proportional exakt der Länge, Position

und Häufigkeit ihres Vorkommens im Tagespro-

gramm«: So liest sich die instruktive Texttafel im

Vorspann von NACHRUF FÜR EINEN MÖRDER, Ha-

nekes nüchtern-zynische Reflexion über die mediale

Auseinandersetzung mit diesem Fall, die er nicht

zuletzt überformt sieht durch den Bilderkreislauf

des Entertainment. Fernsehkritik im Fernsehen, in

ihren Mitteln so einfach wie komplex. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

Di 12.10., 20:30

BennY’S ViDeO A/CH 1992

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Christian Berger

SCHNITT Marie Homolkova

TON Karl Schlifelner

MIT Arno Frisch, Angela Winkler,

Ulrich Mühe

PRODUKTION Wega Film;

Bernard Lang

LÄNGE 105 Mintuten

FORMAT 35 mm

Die Spektakelgesellschaft und ihre Vertreter stehen

im Zentrum von BENNY’S VIDEO: Der Film beginnt

mit dem statischen Rauschen der Bildschirme, dem

kalten Technikgeräusch der Tötung eines Schweins

mittels Bolzenschussgerät. Benny, der wohlstandver-

wahrloste Sohn aus gutem Hause, thront in seinem

Zimmerreich aus Bildschirmen, Gerätschaften und

Abspielgeräten. Verschanzt in seinem Reich der

Wirklichkeitsmanipulation und vermeintlicher All-

macht, ediert er seine eigenen Erfahrungen, kehrt er

immer wieder zur bewahrten Szenerie einer Schlach-

tung zurück. Die Begegnung mit einem namenlosen

Mädchen, die er in einer Videothek trifft, führt nicht,

wie es die filmischen Konventionen anbieten würden,

zu einer sexuellen Erfahrung, sondern zu einem

kühlen Mord abseits des Sichtbaren. Das Fragen nach

moralischen Rahmenbedingungen und Medienehtik

bestimmen diesen gleichermaßen zugänglichen

wie sachlich anmutenden Film. Dass die elterliche

Generation in ihrer Verantwortungsverweigerung

dabei kein gutes Bild abgibt, ist ebenso konsequent

wie klar. Das Prothesengedächtnis Video erweist sich

hier als bandlanger Stoff aus dem Alpträume und

generationsübergreifende Fesseln gewoben sind. (tb)

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Sa 9.10., 18:30 | MO 18.10., 21:00

Die ReBelliOn A 1993

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jirí Stibr

SCHNITT Marie Homolkova

TON Karl Schlifelner

MIT Branko Samarovski, Judith

Pogány, Thierry Van Werveke,

Deborah Wisniewski, Ulrich

Reinthaller, Katharina Grabherr,

August Schmölzer, Johannes

Silberschneider, Christian Spatzek,

Karl Ferdinand Kratzl, Götz

Kauffmann, Georg Trenkwitz,

Udo Samel

PRODUKTION Wega-Film; ORF

LÄNGE 105 Minuten

FORMAT Beta-SP, Farbe, s/w

Michael Hanekes Verfilmung des gleichnamigen

Romans von Joseph Roth, gedreht als Auftragsar-

beit für das österreichische Fernsehen. Aber auf

das Kino vergisst Haneke dabei wieder einmal nicht:

DIE REBELLION lässt sich in seinem Expressionis-

mus auch als Verbeugung vor den Sozialdramen des

Weimarer Kinos lesen. Es ist ein stiller, überaus ly-

rischer Film, in seinen Farbtexturen feinsinnig gewo-

ben, mit einem glänzenden Schauspieler-Ensemble

besetzt und von Udo Samels unprätentiöser Erzähl-

stimme durchdrungen. Andreas Plum (Samarovski)

wird im Krieg ein Bein amputiert und – zurück in

Wien – mit einer Drehorgellizenz »belohnt«. In

seiner Staatsgläubigkeit stets unerschüttert, gerät

er allerdings jäh in Konflikt mit der Justiz. Plum

verliert seine Lizenz, seine Frau und, nicht zuletzt,

auch seine Fassung. Er wird ins Gefängnis gesteckt

und nach seiner Enthaftung zum Toilettenaufseher

im Café Halali gemacht, wo er – in einer Schlussse-

quenz von klarstem Surrealismus – zu einer letzten

Erkenntnis gelangt. Die Geschichte vom Untergang

der Donaumonarchie als Geschichte einer Wahrneh-

mungsverschiebung. Eine Großtat. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

MO 11.10., 21:00

71 FRaGMenTe eineR chROnOlOGie DeS ZUFallS

A/D 1994

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Christian Berger

SCHNITT Marie Homolkova

TON Hannes Eder

MIT Gabriel Cosmin Urdes,

Lukas Miko, Otto Grünmandl,

Anne Bennent, Udo Samel,

Branko Samarovski, Claudia

Martini, Georg Friedrich,

Alexander Pschill

PRODUKTION Veit Heiduschka;

Wega-Film; ZDF; arte

LÄNGE 95 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Letzter Teil von Michael Hanekes Trilogie der

emotionalen Vergletscherung. Ein Gesellschafts-

Panorama im besten Sinne. Haneke gibt Einblicke

in die Lebensentwürfe verschiedener Menschen in

Wien – ein rumänischer Straßenjunge, zwei Ehe-

paare, ein alter Mann oder ein Student. Sie stehen

in keinerlei Verbindung zueinander, bis sie der Zufall

am Ende zusammen führt: Kurz vor Weihnachten

läuft der Student Amok, eröffnet in einer Bank das

Feuer und richtet sich im Anschluss selbst. In seiner

Chronik der Ereignisse verweigert sich Haneke, so

will es seine rigorose Kino-Moral, jeglicher psycho-

logischen Deutung des Falls, sucht vielmehr nach

dem größeren, soziokulturellen Zusammenhang und

erstellt mit klinischer Genauigkeit ein Protokoll der

existenziellen Überforderung. Gegliedert ist dieses

dabei in 71 Alltags-Szenen, die durch Schwarzfilm

markant voneinander getrennt sind: Die mediale

Wirklichkeit ist ein komplexes, manipulatives Kon-

strukt. Das gibt uns Haneke hier in aller Dringlich-

keit zu verstehen. Großes Kino der Beunruhigung,

so klar wie rätselhaft. (lm)


Mi 20.10., 19:00

lUMiÈRe eT cOMPaGnie F/DK/ESP/SCHWEDEN 1995

REGIE Theo Angelopoulos,

Peter Greenaway, Abbas

Kiarostami, Spike Lee, David

Lynch, Michael Haneke, Jacques

Rivette u. a.

IDEE Philippe Poulet

MIT Jeffe Alperi, Romane Bohringer,

Bruno Ganz, Neil Jordan,

Satchel Lee

PRODUKTION Cinétévé; La

Sept Arte; Igeldo Komunikazioa;

Søren Stærmose AB; Canal+;

Arte

LÄNGE 88 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Glückwunschfilme an das Kino. 1995 feierte es

seinen 100. Geburtstag – begleitet von zahlreichen,

internationalen Projekten. Unter anderem von

diesem: Für LUMIÈRE ET COMPAGNIE wurden an die

150 Filmemacher eingeladen, mit einem der ersten

Zauberkästen des Kinos zu hantieren, nämlich mit

einer Original-Kamera der Gebrüder Lumière. Die

Spielregeln waren dabei für alle gleich: Die Filme

müssen in der Kamera geschnitten werden, dürfen

nicht länger als 54 Sekunden lang sein, über kein

künstliches Licht und keinen zusätzlichen Ton

verfügen und in nicht mehr als drei takes gedreht

werden. 40 Regisseure erklärten sich bereit, nach

diesen Regeln zu spielen. Unter ihnen Virtuosen wie

Peter Greenaway, David Lynch, Abbas Kiarostami

oder eben auch Michael Haneke. In seinem Beitrag

sieht Haneke mit der Kamera fern, verdichtet eine

Nachrichtensendung auf die vorgegebene Zeit:

Moderation, Politik, Chronik, Sport und das Wetter.

Die Aufzeichnungs-Prinzipien der geduldigen Welt-

betrachter Lumière, auf denen die Regeln aufbau-

en, angewandt auf eine Wirklichkeit des medialen

Bildüberschusses. Typisch Haneke also. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

SO 17.10., 18:30

DaS SchlOSS A 1997

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jirí Stibr

SCHNITT Andreas Prochaska

TON Hannes Eder

MIT Ulrich Mühe, Susanne

Lothar, Frank Giering. Felix

Eitner, Nikolaus Paryla, André

Eisermann, Dörte Lyssewski,

Branko Samarovski, Ortrud

Beginnen, Otto Grünmandl,

Johannes Silberschneider

PRODUKTION arte; BR; ORF;

Wega Film

LÄNGE 123 Minuten

FORMAT 35 mm

Michael Hanekes geradlinige, bis zur Sachlichkeit

klare Umsetzung von Kafkas Literaturvorlage macht

deutlich, anders als vergleichbare Verfilmungen

des Romanfragments, wie wenig Raum ein positiver

Entwurf hier haben kann: Landvermesser K. – selbst

in seinem Beruf mehr ein von Autoritäten Berufener

denn Ausübender – kann nicht ins Schloss, das über

seinem Aufenthaltsort, dem entlegenen Dorf, liegt,

gelangen. Je mehr er sich bemüht, desto weiter

rückt sein Ziel in die Ferne. Aufgabe und Existenz

erliegen dem bürokratischen Dickicht und den

undurchsichtigen Entscheidungen wenig greif-

barer Instanzen. K. bleibt ein Ausgelieferter ohne

Hoffnung oder Utopie, doch mit einer möglichen

Botschaft: »Wenn es eine Utopie geben sollte, die

man ernstnehmen kann, dann kann das nur eine

negative Utopie sein. Und die wiederum kann es nur

geben, wenn man genau analysiert, meinetwegen

auch übertreibt, wenn man eine präzise Bestands-

aufnahme des Gegebenen bietet. Wenn ich das, was

ist, wirklich radikal zu Ende formuliere, dann kann

aus den Einsichten, die der Zuschauer gewinnt,

eine Form von Hoffnung, Utopie, von Kampfwillen

entstehen.« (M. Haneke) (tb)

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DO 14.10., 21:00

FUnnY GaMeS A 1997

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jürgen Jürges

SCHNITT Andreas Prochaska

TON Wolfgang Amann

MIT Arno Frisch, Frank Giering,

Susanne Lothar, Ulrich Mühe,

Stafan Clapczynski, Doris

Kunstmann, Christoph Bantzer,

Wolfgang Glück, Susanne Meneghel,

Monika Zallinger

PRODUKTION Wega Film; ORF

LÄNGE 108 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Mit FUNNY GAMES, einem seiner bis heute um-

strittensten Filme, entfaltet Haneke eine negative

Idylle: Die Tage am See führen für eine bürgerliche

Familie nicht zur gewünschten Erholung, sondern

geradewegs in den Tod. Medienreflexiv gezeichnet,

treten zwei junge Männer, deutlich referenzbela-

dene Erinnyen, in das kleine Glück, führen als stille

Rasende nicht nur die Verletzbarkeit der Opfer, son-

dern auch des Publikums vor. Schritt für Schritt wird

die Kinosituation mitgemeint, macht der Schrecken

der angespielten Genres vor dem extradiegetischen

Raum nicht mehr Halt. Die scheinbar motivlosen,

psychischen wie auch physischen Gewaltdemonstra-

tionen der Täter entfalten sich dabei im horriblen

Paradox von ausgesuchter Höflichkeit und gna-

denloser Exekution. Mit dem Einbruch der beiden

werden aber nicht nur die beklemmenden Folgen

einer unhinterfragten Medialisierung von Wirklich-

keit vorgeführt, sondern auf zweiter und wohl auch

gewichtigerer Ebene die vielfältigen Verknüpfungen

von Macht und Legitimation aufgerufen. (tb)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

Sa 16.10., 21:00

cODe incOnnU: RÉciT incOMPleT De DiVeRS

VOYaGeS F/D/R 2000

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jürgen Jürgens

SCHNITT Andreas Prochaska,

Karin Hartusch, Nadine Muse

MUSIK Giba Goncalves

MIT Juliette Binoche, Thierry

Neuvic, Alexandre Hamidi, Josef

Bierbichler, Paulus Manker

PRODUKTION MK2 Productions;

France 2 Cinéma; Canal+;

Les Films Alain Sarde; Arte

France Cinéma; Bavaria Film;

ZDF; Filmex Romania

LÄNGE 118 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Michael Hanekes erster internationaler Film,

vornehmlich produziert und gedreht in Frankreich

und mit einem Weltstar (Juliette Binoche) in der

Hauptrolle besetzt. Haneke erzählt von Fremdheit,

Entfremdung und dem Mangel an Kommunikation

in der modernen, von Multikulturalität geprägten

Gesellschaft, rückt Menschen in den Mittelpunkt – u.

a. eine Schauspielerin, eine rumänische Bettlerin,

einen schwarzen Musiklehrer, einen Kriegsfoto-

grafen –, die in ihren privaten oder öffentlichen

Begegnungen keinen Zugang zueinander finden.

Wie der Titel bereits sagt: Code Unbekannt.

In seiner ästhetischen Strategie präsentiert sich Ha-

neke dabei einmal mehr als brillanter, auf filmische

Selbstreflexion fokussierter Konstruktivist. Er weist

seine Alltagsbeobachtungen explizit als Fragmente

aus und formt diese nahezu ausschließlich zu

Plansequenzen, welche in ihren vielschichtigen

(sozialen) Bewegungen ebenso die Konzentration

des Zuschauers fordern wie sie eine geradezu

offene Empathie für die handelnden Personen in

sich tragen – nicht zuletzt deshalb wohl Hanekes bis

dato zugänglichster Kinofilm. (lm)


FR 8.10., 20:15

la PianiSTe/Die klaVieRSPieleRin F/BRD/PL/A 2001

REGIE Michael Haneke

BUCH Michael Haneke, nach

dem gleichnamigen Roman von

Elfriede Jelinek

KAMERA Christian Berger

SCHNITT Nadine Muse, Monika

Willi

MUSIK Francis Haines

MIT Isabelle Huppert, Annie

Girardot, Benoît Magimel,

Michael Schottenberg, Susanne

Lothar, Udo Samel, Cornelia

Köndgen, Georg Friedrich

PRODUKTION Wega Film,

Wien; MK2 Productions; Les

Films Alain Sadre; Arte France

Cinéma; Bayrischer Rundfunk;

P.P. Film Polski

LÄNGE 131 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Erika ist Mutters ganzer Stolz. Sie hat es weit

gebracht. »Frau Professor« wird sie am Konserva-

torium genannt. Die gesellschaftliche Anerkennung

und das sichere Einkommen sollen sie für ihre

entgangene Weltkarriere als Pianistin entschädigen.

Kommt Erika am Abend zu spät nach Hause, gibt

es Streit und Vorwürfe, die oft erst in der Intimität

des gemeinsamen Doppelbettes, in dem Mutter

und Tochter schlafen, besänftigt werden. Eines

Tages beginnt ein junger Student, sich um Erika zu

bemühen. Fluchtbewegungen sind es vor allem, die

Haneke in gewohnt kühlen und distanzierten Bildern

von seiner Klavierspielerin zeichnet. Fluchtversuche

aus einem Leben ohne Liebe, Wärme und wirklich

gelebte Sexualität – gnadenlos inszeniert und von

Isabelle Huppert erschreckend intensiv dargestellt.

»Wie sich Menschen abarbeiten an der Kunst und

den Körpern, davon erzählt dieser Film, unbeirrt,

zwei Stunden lang … Kunstfertiger war Europas

Kino jedenfalls lange nicht.« (Stefan Grissemann)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

SO 17.10., 21:00

le TeMPS DU lOUP / WOlFZeiT F/A/D 2003

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Jürgen Jürges

SCHNITT Nadine Muse, Monika

Will

TON Jean-Pierre Laforce,

Guillaume Sciama

MIT Isabelle Huppert, Béatrice

Dalle, Patrice Chéreau, Brigitte

Roüan, Olivier Gourmet

PRODUKTION Wegafilm;

Bavaria Film; Canal+; CNC; Eurimages;

France 3 Cinéma; Les

films du Losange; arte France

Cinéma

LÄNGE 113 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Michael Hanekes WOLFZEIT geht das Spiel mit dem

Apokalyptischen – genauer: mit dem Postapoka-

lyptischen – ein. Zu Beginn der Handlung ist die

Katastrophe schon geschehen, das alles verän-

dernde Ereignis ist atmosphärisch spürbar, bleibt

aber ungenannt. So wie sein Film CODE INCONNU

(2000) die Frage danach stellt, wie lange es mit der

westlichen Gesellschaft noch so weitergehen kann,

werden hier anhand einer gewaltvoll zertrümmerten

Kleinfamilie Fragen nach dem Weiterleben nach

der Katastrophe gestellt. Lösen große Hollywood-

Produktionen diese Komplexe meist zugunsten

der wiederhergestellten familiären Einheit oder

Schicksalsgemeinschaft auf, trägt bei Haneke im-

mer der Einzelne die Verpflichtung, Bürde und Last

der Situation. Unter Rückgriff auf mythologische

Elemente wird ein Ausweg geöffnet – und erst dann

darf die Sonne wieder in voller Pracht Licht und

(trügerische?) Hoffnung spenden. (tb)

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Di 12.10., 19:00

24 WiRklichkeiTen in DeR SekUnDe.

Michael haneke iM FilM A 2004

REGIE, BUCH, KAMERA

Nina Kusturica, Eva Testor

SCHNITT Niki Mossböck, Nina

Kusturica

TON Marco Antoniazzi

PRODUKTION Mobilefilm

LÄNGE 58 Minuten

FORMAT Digi-Beta, Farbe

24 WIRKLICHKEITEN IN DER SEKUNDE heißt dieser

Film. Sein Titel könnte aber auch lauten: Szenen

aus dem Alltag eines Kino-Getriebenen. Denn

Nina Kusturicas und Eva Testors Doku ist nicht so

sehr ein Film über das Kino von Michael Haneke,

sondern vielmehr ein Film über Haneke bei der

Arbeit an diesem und für dieses Kino. Über einen

Zeitraum von zweieinhalb Jahren haben sie ihn in

seinem beruflichen Alltag begleitet, ihn beobachtet

in Diskussion mit seinem Team bei der Motivsuche

für WOLFZEIT im Burgenland oder im Gespräch

mit seinem Publikum in Frankreich, im Studio beim

Schnitt von CACHÉ oder bei Interviews in gedie-

genen Hotelzimmern. Haneke, so scheint’s, ist ein

Rastloser, immer am Sprung. Dazu passt denn auch,

dass die Gespräche zwischen Kusturica/Testor und

Haneke vor allem im Zug, im Auto oder im Flugzeug

stattfinden. Ein Arbeitsporträt als road movie über

einen Filmemacher, der sich für Antworten zu sich

und seinem Kino nie zu schade ist – außer aber es

betrifft Fragen, deren Antworten er schon in seinen

Filmen rigoros verweigert hat. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

Sa 2.10., 21:00

cachÉ F/A/D/I/US 2005

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Christian Berger

SCHNITT Michael Hudecek,

Nadine Muse

TON Jean-Paul Mugel

MIT Daniel Auteuil, Juliette

Binoche, Maurice Bénichou,

Annie Girardot, Bernard Le Coq,

Nathalie Richard, Daniel Duval

PRODUKTION Les Films du

Losange; Wega Film; ORF; Bavaria

Film; WDR; BIM Distribuzione;

France 3 Cinéma; Arte France

Cinéma; Canal+; StudioCanal;

Uphill Pictures

LÄNGE 117 Minuten

FORMAT 35 mm

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Mit dem in Cannes ausgezeichneten CACHÉ spürt

Haneke erneut der Natur der Schuld nach: Wie auch

in David Lynchs LOST HIGHWAY wird eine brüchige,

doch immer noch intakte Familie ins Visier genom-

men. Wer hier den eröffnenden bedrohlichen Blick

auf die schicke Pariser Wohnung wirft, bleibt aber

unklar. Deutlich wird hingegen, dass die Zuschau-

er und die allmächtig scheinende Position einen

ansonsten unverstellten Blick auf das nach und

nach freigelegte Leben der Familie Laurent werfen

können (tb): »Das großbürgerliche Intellektuellen-

paar erhält anonyme Botschaften: Videobänder, die

zeigen, dass sie von irgendwem überwacht werden;

Bilder, die wie Kinderzeichnungen aussehen, und

gewalttätige Inhalte haben. Ganz sachte lässt

Haneke die Hysterie der Familie, die Spannungen

zwischen ihren Mitgliedern wachsen und registriert

mit seismografischer Konsequenz dieses Zerrin-

nen des Sicherheitsgefühls – bis die Nerven blank

liegen. Es ist klar: auch für diese wohlsituierten, in

jeder Hinsicht etablierten Bourgois kommt erst die

Sicherheit, dann die Freiheit.« (R. Suchsland)


Di 19.10., 21:00

FUnnY GaMeS U.S. US/UK/F/A 2008

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Darius Khondji

SCHNITT Monika Willi

MUSIK Georg Friedrich Händel,

Pietro Mascagni, Wolfgang Amadeus

Mozart, John Zorn

MIT Naomi Watts, Tim Roth,

Michael Pitt, Brady Corbet,

Devon Gearhart

PRODUKTION Belladonna

Productions; Halcyon Pictures;

Tartan Films; X Film International;

Kinematograf

LÄNGE 111 Minuten

FORMAT 35 mm, Farbe

Originalfassung mit

deutschen Untertiteln

Das US-Remake von FUNNY GAMES – in seiner

Shot-by-Shot-Bauweise am ehesten vergleichbar

mit Gus van Sants PSYCHO-Experiment. Mit einem

gewichtigen Unterschied: Die Re-Inszenierung

dieser unerhörten Urlaubsgeschichte, in der zwei

Wohlstandsbengel in Komplizenschaft mit dem

Zuschauer eine Kleinfamilie in ein absolut tödliches

Spiel zwingen, besorgte der Regisseur des Origi-

nals gleich selbst. FUNNY GAMES, entstanden als

zynische Reaktion auf die Gewaltverliebtheit der

Konsumindustrie (also auch jener Hollywoods), war

laut Haneke immer auch für ein amerikanisches

Publikum gedacht. Und mit der Amerikanisierung

seines Films konnte er dieses nun direkter, quasi in

dessen vertrauten Codes adressieren: der eigenen

Sprache, der eigenen Lebenswelt, der eigenen

Kino-Kultur (mit den Stars Naomi Watts und Tim

Roth). Dies sind denn auch die feinen Akzentver-

schiebungen, die FUNNY GAMES U.S., bei aller

strukturellen Übereinstimmung mit seinem Vor-Bild,

eine etwas andere Dynamik verleihen – freilich ohne

dabei an Schock-Wirkung einzubüßen. Dafür ist

Hanekes Spannungs-Dramaturgie zu virtuos. Experi-

ment geglückt. (lm)

Michael haneke | PROGRAMM | 1. BIS 20. OKTOBER 2010 | METRO KINO

Sa 9.10., 20:45 | Mi 20.10., 20:45

DaS WeiSSe BanD A/D/F/I/KANADA 2009

REGIE, BUCH Michael Haneke

KAMERA Christian Berger

SCHNITT Monika Willi

TON Guillaume Sciama

MIT Christian Friedel, Burghart

Klaußner, Ulrich Tukur, Josef

Bierbichler, Susanne Lothar,

Branko Samarovski, Birgit

Minichmayr, Ernst Jacobi, Ursina

Lardi

PRODUKTION X Filme Creative

Pool; Wega-Film; Les Films du

Losange; Canal +; Lucky Red;

[Mini-Traité Franco-Canadien]

LÄNGE 145 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

In einem protestantischen Dorf gehen seltsame Din-

ge vor sich: Der Arzt stürzt mit seinem Pferd über

ein heimlich gespanntes Seil, ein Kind wird entführt

und gefoltert, eine Scheune in Brand gesteckt. Die

Vorfälle, für die kein Täter in Sicht ist, sind aber nur

die »äußere« Gewalt in dieser mystery tale. Gewalt

findet auch im Innersten des Dorfes, in den Familien

statt. Frauen werden gedemütigt und misshandelt,

Kinder mit höflicher Strenge gezüchtigt. Der Pastor

bindet zweien seiner Söhne und Töchter für ihre

»Vergehen« ein weißen Band um, ein Zeichen der

moralischen Reinheit und Unschuld, die aber längst

verloren sind.

Michael Hanekes Opus Magnum, in seiner visu-

ellen Wucht oftmals verglichen mit dem Kino eines

Carl Theodor Dreyer oder Ingmar Bergman. Ein

vielschichtiges, beinahe schon klassizistisches

Sittengemälde, in dem Haneke den Wurzeln von To-

talitarismus und Terrorismus, ergo auch Faschismus

nachspürt – in Szene gesetzt mit einem fulmi-

nanten Schauspieler-Ensemble und getaucht in ein

Schwarzweiß von geradezu unheimlicher Klarheit.

Ein teuflisches Werk. (lm)

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