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Die besten Texte als .pdf zum download - ORF

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Lichter<br />

1


Inhaltsverzeichnis<br />

Vorlaut. 3<br />

Vorwort 4<br />

Yvonne Giedenbacher<br />

badeschluss, zurück und retour 5<br />

Cornelia Travnicek<br />

Wie ein Mixtape von Thomas Kunst 8<br />

Annett Krendlesberger<br />

inseltreiben. 11<br />

Gregor Guth<br />

In der Normandie war es immer schön 13<br />

Lukas Meschik<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler 16<br />

Stefan Petermann<br />

Was ich liebe. 22<br />

Jakob Pretterhofer<br />

Rot, Gelb, Grün 26<br />

Annette Schwarz<br />

<strong>Die</strong> Rettung 30<br />

Marianne Strauhs<br />

Oxytocin 33<br />

Max Werschitz<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig 35<br />

Biografien Zita Bereuter Pamela Rußmann 39<br />

inhaltsverzeichnis<br />

2


Vorlaut.<br />

Ja, es ist so eine Art Obsession, das Schreiben.<br />

Das wird wohl jede Schriftstellerin und jeder Schriftsteller bestätigen.<br />

<strong>Die</strong>ser Leidenschaft sind auch viele FM4-Hörerinnen und Hörer erlegen.<br />

Wie viel Hingabe, Zeit und Anstrengung in einem literarischen Werk liegen, erschließt sich für die<br />

Lesenden meist gar nicht, sind doch die <strong>besten</strong> Bücher die, „von denen jeder Leser meint, er hätte<br />

sie selbst machen können“, wie der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal lapidar<br />

vermerkte.<br />

Wer die Arbeit hinter einem abgeschlossenen Text hingegen einschätzen kann, sind jene Menschen,<br />

die ihre Kurzgeschichten bei Wortlaut einreichen.<br />

Es ist jedes Jahr aufs Neue erstaunlich, wie viele es davon gibt: Rund 800 Nachwuchsautoren und<br />

-autorinnen haben ihre <strong>Texte</strong> im Sommer 2006 an FM4 geschickt. Bei allen wollen wir uns herzlich<br />

bedanken.<br />

Das Thema „Lichter“ ist in den Kurzgeschichten erfreulich variantenreich interpretiert worden:<br />

von Lichtgestalten zu loderndem Feuer, von der Mitternachtssonne zu kühlen Neonröhren,<br />

von Sternschnuppen <strong>zum</strong> Licht am Ende des Tunnels. <strong>Die</strong> Szenerien reichen von abgelegenen<br />

Berghütten zu verlassenen Stränden, von überfüllten U-Bahnen zu Großraumbüros, von dunklen<br />

Bars zu leuchtend gelben Rapsfeldern. Vom Blinzeln <strong>zum</strong> Blenden <strong>zum</strong> Brennen.<br />

Stadt- und Landleben, Geburt und Tod und alle möglichen Varianten der Liebe.<br />

Lichter scheinen überall.<br />

Alle <strong>Texte</strong> wurden über Wochen von der Vorjury gelesen: von Martina<br />

Bauer, Zita Bereuter, Tim Gfrerer, Robert Glashüttner, Elisabeth Gollackner, Andreas Gstettner, Anna<br />

Katharina Laggner, Marianne Lang, David Pfister, Martin Pieper, Pamela Rußmann, Astrid Schwarz<br />

und Markus Zachbauer. Nach mehrmaligem Lesen, Weiterreichen, Diskutieren und erneuten Lesen<br />

sind letztendlich zwanzig <strong>Texte</strong> an die Hauptjury weitergereicht worden.<br />

<strong>Die</strong> Hauptjury, Thomas Jarmer (Musiker/Garish), Nicolas Mahler (Zeichner), Robert Rotifer<br />

(Journalist/FM4), Doris Schretzmayer (Schauspielerin) und Simon Wint (Gewinner Wortlaut 05), hat<br />

aus diesen <strong>Texte</strong>n die hier vorliegenden zehn Kurzgeschichten ausgewählt.<br />

Auf dass die Obsession des Schreibens nie erlischt.<br />

Zita Bereuter und Pamela Rußmann, September 2006<br />

<strong>Die</strong> Herausgeberinnen danken FM4, der Vor- sowie der Hauptjury, der Literaturzeitung<br />

Volltext, der Tageszeitung Der Standard und der Ottakringer Brauerei.<br />

<strong>Die</strong> Wahl der angewendeten Rechtschreibung obliegt dem/der jeweiligen AutorIn.<br />

vorlaut<br />

3


Vorwort<br />

Eigentlich schwer zu sagen, warum diese Wortlaut-Reihe nun schon seit Jahren so beharrlich<br />

funktioniert. Vielleicht steckt ja sowas wie wechselseitige Selbstermächtigung dahinter: Wenn<br />

ausgerechnet ein weitgehend manuskriptloser Live-Radiosender wie FM4 sich anmaßt, einen<br />

Literaturwettbewerb zu veranstalten, dann gehört das zeremonielle Überspringen hochkultureller<br />

Niveau-Latten wohl kaum zur Disziplin. Irgendwie so werden sich das vielleicht auch all jene<br />

EinsenderInnen gedacht haben, die der Wortlaut 06-Jury die unverschämte wilde Brut ihrer<br />

schreiberischen Triebe <strong>zum</strong> weit gefassten Thema „Lichter“ anvertrauten. Nach Auswahl der<br />

zehn strahlkräftigsten unter erstaunlich vielen luziden <strong>Texte</strong>n ergibt sich aus diesem Erfolg die<br />

besorgniserregende Zahl von rund 790 Schwergekränkten, Todbeleidigten oder <strong>besten</strong>falls in würdig<br />

sportlicher Teilnehmerfairness Gefassten. Aber dieses Verhältnis relativiert sich radikal, sobald man<br />

bedenkt, dass es bei Wortlaut keineswegs um sowas wie eine offizielle Beglaubigung schreiberischer<br />

Talente geht. So stolz wir auf den vorliegenden Band sind, so großen Wert legen wir auch auf den<br />

Grundsatz, dass die Relevanz, die Wichtigkeit oder gar die Qualität eines <strong>Texte</strong>s nicht davon abhängt,<br />

ob er zwischen zwei Buchdeckeln steckt. Das soll andererseits wieder nichts an der überzeugenden<br />

Unumstrittenheit schmälern, mit der Yvonne Giedenbachers badeschluss, zurück und retour<br />

<strong>zum</strong> heurigen Gewinnerinnentext gewählt wurde. Während andere mit kräftigem Blutgeklecker<br />

um Aufmerksamkeit buhlten, beschreibt sie ganz unspektakulär, aber mit viel atmosphärischer<br />

Spannung, die von bitterer Nostalgie erfüllte Reise der Erzählerin „von b nach a“ <strong>zum</strong> Schauplatz ihrer<br />

Kindheit und Jugend, von der nichts geblieben ist <strong>als</strong> das <strong>zum</strong> Verkauf stehende leere Elternhaus.<br />

In Cornelia Travniceks Wie ein Mixtape von Thomas Kunst – übrigens dem einzigen Text hier, der<br />

sich von seinen Referenzen her <strong>als</strong> Pop-Schreibe bezeichnen ließe – geht es dagegen um eine ganz<br />

andere Art von Leere: „Ich wollte immer ein Lied schreiben, über den Moment, in dem man weiß,<br />

man ist nicht mehr verliebt“, heißt es da. „Aber bis man das weiß, ist es schon lange vorbei.“ <strong>Die</strong><br />

Sommererlebnisse in Annett Krendlesbergers inseltreiben erscheinen wiederum zunächst wie eine<br />

dezent erotisierte, unschuldige Idylle. <strong>Die</strong> Unausgesprochenes suggerierende Wendung am Schluss<br />

trifft umso präziser. Bei den restlichen sieben <strong>Texte</strong>n haben wir auf eine Reihung verzichtet, aber<br />

auf eine gewisse Weise spielen in allen davon Krankheit und Tod zentrale Rollen. Da ist das jähe<br />

Ende eines Urlaubs in Gregor Guths In der Normandie war es immer schön, die Scham des vom<br />

Ertrinken bedrohten Betriebsausflüglers in Annette Schwarz‘ <strong>Die</strong> Rettung und die absurde Komik<br />

der Krankenhausgeschichten in Jakob Pretterhofers Akademiker-Farce Rot, Gelb, Grün. Da sind<br />

die Selbstmordtragödien in Marianne Strauhs‘ Oxytocin und Maximilian Werschitz‘ Geschnitten,<br />

gewaschen, essfertig, die mörderische Psychose in Stefan Petermanns Was ich liebe oder der aus<br />

Spießerseligkeit geborene, blutrünstige Exzess von Lukas Meschiks <strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler.<br />

Lichter allesamt, wenn auch großteils mit – Verzeihung für die missbrauchte Metapher – ziemlich<br />

düsterem Einschlag.<br />

Robert Rotifer, September 2006<br />

Robert Rotifer ist Journalist und Musiker und lebt in Canterbury (GB); er schreibt unter anderem<br />

für den Falter, profil und die Berliner Zeitung. Robert Rotifer hat drei Solo-Alben veröffentlicht und<br />

moderiert alle 14 Tage Montagabend die Sendung Heartbeat auf FM4. fm4.orf.at/rotifer; robertrotifer.<br />

co.uk; myspace.com/robertrotifer<br />

vorwort<br />

4


Yvonne Giedenbacher<br />

geboren 1976. Kindergarten, Volksschule, alles überaus durchschnittlich. Kindliche Fantasien<br />

einer großartigen Zukunft <strong>als</strong> Archäologin und Affenforscherin. Aber dann doch wie alle anderen<br />

auch: Matura, Studienabschluss, <strong>Die</strong>nstvertrag und Pensionsversicherung. Derzeit arbeitet sie <strong>als</strong><br />

freiberufliche Sozialwissenschafterin und studiert wieder. Notorische Leserin. Veröffentlichungen in<br />

Literaturzeitschriften und Anthologien. Lebt in Wien.<br />

badeschluss, zurück und retour<br />

raus aus den kulissen, bühnenbauten, die sich vor und hinter einer auftürmen, zehnzwölfmeterhoch,<br />

schluss mit dem statistentum, habe ich mir gesagt und: ich mach mich auf den weg. hinaus aufs<br />

land! hinein mit dir, zurück in den mutterbauch, ab und zu an einem haus vorbei, weiß herausgeputzt,<br />

der dachboden wird gerade ausgebaut.<br />

da muss man nicht lange üben, hier sind sie auch schon, die erinnerungen. altklug und unbedankt,<br />

wie immer. herzlich willkommen, nur herein mit euch! den fahrschein, bitte. er sagt es wohl <strong>zum</strong><br />

wiederholten male, denn es faltet sich schon kleiner ärger in seinem gesicht, und die anderen,<br />

sechs augen, schauen mich interessiert von oben bis unten an.<br />

kaum das hinterteil auf blauen samt gebettet, fällt dem körper alles gleich wieder ein, schamlos<br />

wie immer, und er nimmt die nächste kurve, sanft nach links, vorweg. auch die aussicht hat sich<br />

waggonfenstergroß, <strong>als</strong>o deutlicher eingeschrieben <strong>als</strong> vermutet: das ausgebrannte haus auf<br />

offenem feld, das mir noch immer den schriftzug entgegenhält, von dem ich mich in all den jahren<br />

auf dem weg von und zur schule niem<strong>als</strong> gefragt hatte, wofür hier, mitten im nichts an einer kaum<br />

befahrenen bahnlinie, eigentlich reklame gemacht wurde, weil man irgendwann einmal durch alles<br />

hindurch sieht, blind geworden. und vielleicht, nach drei, vier jahren des täglichen passierens, hebst<br />

du nur einmal versehentlich den kopf und siehst die dinge, nicht wie sie sind, aber doch <strong>zum</strong> ersten<br />

mal, einen drachen aus stein an einer hauswand, das ausgebleichte schild mit der tollwutwarnung<br />

oder eben acht buchstaben, siegfried theodor richard otto heinrich und RUM mitten im nichts an<br />

einer kaum befahrenen bahnlinie.<br />

für eine reise hat man meistens gute gründe, dienst oder urlaub, doch heute geht es um etwas<br />

ganz anderes, genauer gesagt, und darauf kommt man nicht von selbst: ich habe ein elternhaus zu<br />

verkaufen, wovon ausgehend sich mindestens zwei erzählstränge entwickeln könnten. <strong>zum</strong> beispiel:<br />

einfamilienhaus, baujahr 1962, guter zustand, kleinstädtische lage, 125m 2 wohnfläche, ca. 500m 2<br />

garten mit altem baumbestand. oder auch: milch und honig, und mücken torkelten gegen mein<br />

gesicht, besoffen vom flirrenden sommer. ich kratzte die flüssigkeit vom stamm des kirschbaums,<br />

leckte die zähe masse vom zeigefinger, hob das gesicht nach oben, richtung sonne, die durch die<br />

blätter kroch, und die mutter, der helle schatten, sagte lichtl. komm.<br />

guter zustand, von wegen. ich streife durch die leeren zimmer, der mieter hat nicht viel dagelassen:<br />

einen schuhschrank, in dem schief die türen hängen und einen lampenschirm aus nikotingefärbtem<br />

schnurgeflecht. wer hält so etwas schon aus. ich nicht, auf meinem weg durch fremde vor-, wohn-,<br />

schlaf-, kinderzimmer. fremd, von wegen. wo doch alles nur notdürftig verborgen knapp unter<br />

der oberfläche praktisch offen da liegt, nämlich die maserung des holzbodens und das rosabraun<br />

des badezimmers, das rechteck der abenddämmerung im fenster über den staubverschmierten<br />

heizkörperrippen:<br />

in meiner erinnerung steht er hinter dem zaun <strong>zum</strong> garten und lässt seinen rechten arm über das gitter<br />

baumeln. hin und her schneidet der maschendraht sanft in die weiße weiche haut an der innenseite<br />

seines oberarms und rillt rot in die achselhöhle, während ich ihn durch das fenster beobachte und<br />

auf meine unterlippe beiße, dieses mal noch ein wenig fester, bis ich einen hautfetzen zwischen den<br />

schneidezähnen habe. so nah. schluss damit, ich nehme mir ein zimmer im gasthof.<br />

badeschluss, zurück und retour<br />

5


die vorstellung in einem entwicklungsroman in die f<strong>als</strong>che richtung unterwegs zu sein, von b nach<br />

a, zurück zu den wurzeln, macht mürbe, und ich schlafe tief und traumlos, selbstvergessen. nur<br />

einmal schrecke ich aus dem schlaf, und es dauert eine weile, bis ich den lärm vor meinem offenen<br />

fenster <strong>als</strong> das erkenne, was er ist, nämlich dumpfe bässe aus dem innenraum eines autos und die<br />

halterung eines nummernschilds, das im rhythmus der musik vibriert. irgendjemand hat jetzt wohl<br />

das autofenster heruntergekurbelt, denn laut und deutlich rauscht es durch das gelächter herauf<br />

zu mir, nicht an mich gerichtet: dann lass dir doch einen blasen. kurz bevor ich wieder einschlafe,<br />

flüstert das zimmer: freitag abend, denn manche dinge ändern sich nie.<br />

fünf haben sich angemeldet für die drei tage, in deren verlauf ich immer widerwilliger türen öffne<br />

und erklärend die hand hebe, ohne dann etwas zu sagen. außer vielleicht, sie sehen ja selbst, da<br />

wäre schon ein bisschen was zu tun. in verkaufsgesprächen wie diesen bleibt kein spielraum mehr,<br />

diese stimmung drückt den preis ins bodenlose. fragend, nickend arbeiten wir uns durch die räume,<br />

die ganz ohne mein zutun von mal zu mal schäbiger werden und enger, aber hauptsache meter<br />

machen, denke ich. immerhin: ich habe ein elternhaus zu verkaufen.<br />

sie kommen pünktlich um zwei, stehen plötzlich vor der tür. ich habe mich <strong>als</strong>o nicht getäuscht. war<br />

das <strong>als</strong>o doch sein name, obwohl am telefon nicht von ihm, sondern von einer unbekannten frau<br />

buchstabiert. ungefragt, wohlgemerkt. denn während diese noch vor sich hin spricht, viel zu laut<br />

und deutlich nordpol anton ulrich emil richard habe ich die buchstaben längst aneinandergereiht<br />

und bestaune das, was sie ergeben: er hinter dem zaun <strong>zum</strong> garten und das rote muster an der<br />

innenseite seines oberarms.<br />

genau. er ist es wirklich, eine frau und zwei kinder inbegriffen. wir arbeiten uns durch das haus,<br />

zimmer für zimmer, während ich mich frage, ob er gerade an mich denkt, wie ich an ihn: wir<br />

kletterten über den zaun, auf das gelände des freibades. zwei rotweinflaschen klirrten in seinem<br />

rucksack gegeneinander, <strong>als</strong> er vom gitter hinunter in die wiese sprang. und ich sprang nach, lief<br />

hinter ihm her und holte ihn schließlich aufgeregt lachend ein. pssst, leise. gefallen wollte ich ihm<br />

wohl, gesehen werden noch viel mehr, an einem meiner letzten abende in der stadt.<br />

das haus wenigstens gefällt ihnen, das steht vom ersten moment an fest.<br />

am nächsten tag, der fünfte interessent kommt erst um drei, spaziere ich hinunter an das flussufer,<br />

breite dort meine decke auf der wiese aus und lege mich in die sonne. es leuchtet orange durch<br />

meine geschlossenen augenlider, warmes orange, das in der nase juckt. da schiebt sich ein schatten<br />

schwarz zwischen mich und die sonne, unerbittlich. ich öffne die augen und sehe zuerst nichts <strong>als</strong><br />

seine silhouette, umkränzt von gleißendem licht, ein scherenschnitt mit ausgefransten rändern.<br />

ich lächle zu ihm hinauf. er macht eine unbestimmte bewegung, hebt wohl die hand <strong>zum</strong> gruß und<br />

reibt sie dann gleich an der hose. bückt sich hinunter zu mir und fragt, ob er sich wohl setzen könne.<br />

ja, bitte. und so sitzt er <strong>als</strong>o neben mir, und blickt schweigend, von seiner rechten hand beschattet,<br />

um uns herum, so <strong>als</strong> hätte er die gegend seit jahren nicht mehr gesehen und wirklich, denn jetzt<br />

sagt er auf einmal: ich war seit jahren nicht mehr hier unten.<br />

seine stimme hallt nach, hier unten, wie meine erinnerung an ihn, <strong>als</strong> er keuchte und keuchte,<br />

während ich verhalten atmend über seine schulter hinauf in den nachtschwarzen himmel schaute<br />

und mich fragte, ob ich ihm wohl gefiele. und ruckzuck war er fertig, zog sich zurück aus mir, und<br />

ich hatte das gefühl, nun doch etwas sagen zu müssen. schön wars, <strong>zum</strong> beispiel. aber dann doch:<br />

ich glaube, ich gehe jetzt besser.<br />

und plötzlich muss es sein, ich will es wissen: kannst du dich noch erinnern, an den abend im freibad.<br />

weißt du noch? und er schaut zurück, blinzelt kurz und dehnt das ja ein wenig zu lange, denn eines<br />

ist klar: er hat keine ahnung, wovon ich spreche. er schaut durch mich hindurch und redet sich um<br />

kopf und kragen: ja, das freibad. ist das lange her. und genau hier fällt unsere unterhaltung auch<br />

schon auseinander, noch bevor wir überhaupt zusammengekommen sind, jung wie nie: er denkt an<br />

himmelblaue wasser, chlorverhangen, das gekreische beim verbotenen beckenrandspringen, den<br />

milchflip, der ihm in der sonne weiß über die finger tropft, die ausgebleichten kunststoffbänke, in<br />

die wir mit unseren zigaretten schwarze flecken gebrannt hatten.<br />

badeschluss, zurück und retour<br />

6


kurz gesagt: er kann sich nicht an mich erinnern. er weiß nicht mehr, dass ich gleich danach<br />

aufstand, meine sachen zusammenklaubte, die leere flasche ins gebüsch warf und mich hastig<br />

anzog. er wusste nie, dass er mir noch immer zwischen den beinen klebte, <strong>als</strong> ich nach hause<br />

radelte, dass ich besoffen und geistesabwesend eine mücke verschluckte, die sich im fahrtwind in<br />

meinen mund verirrt hatte. und plötzlich sehe ich die dinge – nicht wie sie wirklich sind, nein, aber<br />

doch <strong>zum</strong> ersten mal, dass nämlich alles ein ende hat, unwiederbringlich.<br />

nichts ist übrig geblieben, stelle ich fest, nur die weiche weiße haut von der innenseite seines<br />

oberarms hat sich ausgedehnt zu einer viel zu großen menschenhülle, die seltsam fremd neben mir<br />

zusammengesunken ist. aus der entfernung rauscht die autobahn. ich wende meinen kopf in die<br />

richtung des geräusches und meine nur, hingehaucht und schon vergessen: ja, lange ist das her, <strong>als</strong><br />

ich das fahrrad in die garage schob und leise die türklinke herunterdrückte, damit die eltern mich<br />

nicht hörten und fragten, wo ich denn gewesen sei. denn was hätte ich denn sagen sollen, ohne zu<br />

lügen. im freibad, lang nach badeschluss, unter einem berg aus weißer haut? ich schlich unbemerkt<br />

in mein zimmer, legte mich angezogen auf mein bett und starrte noch lange an die decke, an der<br />

die schatten des kirschbaumes zitterten. still.<br />

ich schirme meine augen ab gegen die sonne und blicke ihn an, sein gesicht im schatten, und<br />

wieder hallt etwas nach, unerhört: ich gehe jetzt besser. wir sehen uns. er streckt die hand aus nach<br />

mir, doch dieses mal – siebzehn jahre später – umfasst er nur meine rechte und schüttelt sie. ja, hat<br />

mich gefreut. wir sehen uns.<br />

ich werde ihm ein haus verkaufen, koste es was es wolle, denn müde bin ich geworden und mein<br />

preis ist ins bodenlose gefallen: 125m 2 wohnfläche, ca. 500m 2 garten mit altem baumbestand. und<br />

ich weiß jetzt schon, wie in einer nach vorne gerichteten erinnerung: seine kinder laufen durch das<br />

licht, das mädchen umfängt den kirschbaum und streckt die zunge nach dem eingefrorenen tropfen<br />

auf der rinde aus. honiggelb, harzbitter schmeckt er.<br />

lichtl, sagte mutter, wenn sie mich zärtlich rufen und aus dem garten ins haus locken wollte, zu<br />

einem teller anton berta cäsar buchstabensuppe oder der anprobe eines neuen kleides. mein lichtl,<br />

kleines. ganz ohne echo und ohne das wissen darum, dass sie wohl recht behalten würde, wie<br />

immer. denn verglüht sind wir alle, sie und ich, wie wir dam<strong>als</strong> waren.<br />

badeschluss, zurück und retour<br />

7


Cornelia Travnicek<br />

geboren 1987 in St. Pölten. Lebt in Traismauer. Sie schreibt seit einigen Jahren Lyrik und Kurzprosa<br />

und kann die Frage nach dem Grund nicht leiden. Der Hang <strong>zum</strong> Wort tritt bei ihr mit einer<br />

ausgeprägten Bibliophilie zu Tage. Außerdem HTL-Matura, Studentenausweis der Uni Wien, viel<br />

zu viele unterschiedliche Hobbys und eine Unmenge an Lieblingsautoren. Veröffentlichungen in<br />

mehreren Zeitschriften und Anthologien. Verschiedene Auszeichnungen: u.a. Anerkennungspreis<br />

bei „Youngsters of Arts“ der Stadt St. Pölten sowie der Preis für jugendliche Autoren bei „Schreiben<br />

zwischen den Kulturen“.<br />

Wie ein Mixtape von Thomas Kunst<br />

Aurora Borealis<br />

„Ich glaube, ich vermisse die Geschichten,<br />

in denen jemand vor die Hunde geht.“<br />

Thomas Kunst in „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“<br />

Ich wollte immer ein Lied schreiben, über den Moment, in dem man weiß, man ist verliebt. Ich habe<br />

es immer versäumt.<br />

Du sagst, Island ist ein Geräusch für dich. Island klingt, wie wenn der Schaum in einer Badewanne<br />

schmilzt. Seit du fünf Kilo weniger wiegst, sind die Grübchen an deinem unteren Rücken<br />

verschwunden und wir sind uns ferner.<br />

Licht und Nichtlicht. Ich frage mich, was es dir bringt, dass man die Hüftknochen über dem Rand<br />

deiner Jeans sehen kann, in einem Land wie diesem. Ich vermisse die Grübchen. In deinem Haar<br />

hängen Federn aus den alten Kopfpolstern.<br />

Im Schrank liegt ein roter Pullover, den niemand mehr trägt.<br />

Dein Mund ist ein Strich, aus dem sich mir eine Welt offenbart. Er ist ein Strich und er bleibt<br />

es, wenn ich dich küsse. Ich ziehe die kleinen, weißen Federn aus deinem Haar und reihe sie<br />

auf der Fensterbank auf. Irgendwann verliert das Nacktbaden im Pool draußen seinen Reiz. <strong>Die</strong>se<br />

Grübchen an deinem unteren Rücken waren es, was dich ausmachte, ein kleiner Makel, deine<br />

ganze Schönheit. Und die abgeschlagene Ecke deines linken oberen Schneidezahnes, über die<br />

man mit der Zunge streichen könnte beim Küssen, wenn dein Mund kein Strich wäre, der mir eine<br />

zweidimensionale Welt offenbart.<br />

Draußen, am Himmel, da ist das Nordlicht.<br />

Ich wollte immer ein Lied schreiben, über den Moment, in dem man weiß, man ist nicht mehr<br />

verliebt. Aber bis man das weiß, ist es schon lange vorbei.<br />

Als wir alt genug waren dafür, hat niemand mehr ein Mixtape verschenkt.<br />

Irgendwann muss man heimkehren, und dann werden wir sehen, wo unser Zuhause wirklich war.<br />

Wir werden zu zweit gehen, weil das im Endeffekt immer leichter ist. Du möchtest ein Kind haben,<br />

nur um ihm alles erzählen zu können, was dir jem<strong>als</strong> im Kopf herum ging. Ich sage, das reicht nicht,<br />

und du sagst, dass dann niem<strong>als</strong> etwas reichen würde.<br />

Hoffnung ist wie ein Ultraschallbild.<br />

Niemand sagt Aurora Borealis, das sagst nur du.<br />

Wir trinken gemeinsam Schnaps und geben nur vor ein Spiel zu spielen. Wir halten die Hände in den<br />

Schnee, bis wir nichts mehr spüren. Und manchmal wundern wir uns ein wenig, aber nicht zu viel.<br />

Wie ein Mixtape von Thomas Kunst<br />

8


Mit dir zu sprechen, das ist wie jemandem Briefe zu schreiben, den man vor Jahren einmal einen<br />

Tag lang gesehen hat, und dabei noch immer etwas zu empfinden. Obwohl derjenige ferner ist <strong>als</strong><br />

fünf Kilo und zwei Grübchen.<br />

Wie ein nie betretener Raum.<br />

Wir sitzen am Norden der Welt, am Rand von Licht und Nichtlicht und warten. Du putzt deine<br />

beiden Pferde jeden Tag morgens und abends, vor und nach dem Essen. Auf der Weide stehen sie<br />

bis zu den Bäuchen im Schnee. Du sitzt auf ihnen und hältst Ausschau und dann reitest du einmal<br />

bis zu meinem Horizont und wieder zurück. Ich spüle das Geschirr und warte.<br />

Das Lesen haben wir aufgegeben. Wir schreiben nur mehr. Jeden Tag schreibe ich dir zehn Briefe,<br />

bloß weil niemand mehr Briefe schreibt. Im Wohnzimmer sitzen wir uns gegenüber und ich schreibe<br />

dir vom Sofa aus, <strong>als</strong> wäre das die Welt.<br />

Ich habe Thomas Kunst einen Brief geschrieben, einfach so. Weil ich weiß, warum Lächeln<br />

Gegenwehr ist und warum ein Morgen aus zwei verflochtenen Uhren sein kann.<br />

Du sagst, wenn du ein Kind hättest, würdest du ihm den ganzen Tag lang nur vorlesen. Du würdest<br />

ihm die Aurora Borealis zeigen und ihm sagen, wie schlecht die Welt sein kann. Ich sage, das reicht<br />

nicht und noch weniger.<br />

Manchmal, da wünsche ich mir, du säßest am anderen Ende dieser verdammten Insel, damit<br />

ich dich wenigstens vermissen könnte. Ich wollte, du würdest nicht neben mir im Bett liegen und<br />

dich anfassen lassen. Dann schlage ich im Schlaf um mich und sage, es wäre bloß ein Albtraum<br />

gewesen.<br />

Wenn ich nicht mehr weiß, was ich empfunden habe, an einem Sonntag vor drei Jahren, dann ist<br />

das egal, ich weiß noch, dein Pullover war rot und zu groß.<br />

Jetzt schreiben wir uns zehn Briefe am Tag und manchmal steht darin nur ein einziges Wort und<br />

dieses fünfhundert Mal.<br />

Abends, im Pool, halten wir unsere Füße in den Schnee und unsere Hände ins Wasser, um den<br />

Unterschied zu fühlen und zu erkennen, woraus er besteht. Den Pferden bleibt das Eis im Fell<br />

hängen, wenn sie über die Weide laufen. Unsere Freunde haben vor einem Jahr aufgehört uns zu<br />

besuchen.<br />

Einmal in zwei Wochen fahren wir in die Stadt. Immer einzeln, nie beide gemeinsam. Wir können<br />

uns neben anderen Menschen nicht sehen. Unseren Frühstückskakao trinken wir nur mehr mit<br />

Rum und <strong>zum</strong> Abendessen jeder zwei Gläser Rotwein. In unserem Postfach liegt ein dicker Brief<br />

von Thomas Kunst.<br />

An manchen Tagen liegen wir draußen im Schnee und tun so, <strong>als</strong> wären wir in New Orleans. Durch<br />

die offene Terrassentür kommt der Jazz nach draußen und breitet sich unter diesem unmöglich<br />

blauen Himmel aus. <strong>Die</strong> Musik und wir sind so wunderbar fehl am Platz, am f<strong>als</strong>chen Ort und in der<br />

f<strong>als</strong>chen Zeit. Wir nehmen einen Mundvoll vom Schnee und schmelzen ihn an unseren Gaumen,<br />

bis die Zungen taub werden, dann darf ich dich küssen.<br />

Ich weiß noch, es war einmal, da gab es ein Ziel.<br />

Wir trinken Punsch nachmittags, auf der Terrasse, in diesen lächerlich rosa Decken und mit<br />

übergroßen Sonnenbrillen. Unsere Freunde schreiben keine E-Mails mehr. Du hast alle Spiegel<br />

im Haus versteckt. Abends im Bett drehst du dich hin und her, um deine Hüftknochen aus allen<br />

Winkeln zu betrachten. Ich habe es aufgegeben mit dir zu schlafen. Durch Fenster, da sieht man<br />

das Nordlicht. <strong>Die</strong> Kopfpolster werden immer dünner.<br />

Im dicken Brief liegt eine Kassette.<br />

Du machst dein Rührei mit Whiskey, so wie du es im Fernsehen gesehen hast. Ich habe dir die<br />

Wie ein Mixtape von Thomas Kunst<br />

9


Fernbedienung versteckt, jetzt siehst du nur mehr den einen Kanal. Wir ziehen uns immer noch im<br />

Dunkeln aus und ich berühre dich nicht im Licht. Manchmal versäumt man es. Jeden Tag stehen<br />

wir langsamer auf und wägen sorgfältiger ab, mit welchem Fuß zuerst, denn es könnte ja der f<strong>als</strong>che<br />

sein. Du sagst mir immer beim Frühstück, wie gerne du ein Kind hättest, und ich sage dir, wie<br />

wahnsinnig du bist.<br />

Ich hasse es, wenn mich jemand fragt, woran ich denke. Worüber denkst du nach?<br />

Abends sagst du oft, du vermisst die Wolken und den Regen. Der Schnee hat eine Kruste, durch die<br />

man bei jedem Schritt bricht. Du ziehst einen kleinen Graben um das Haus. Du fütterst den Pferden<br />

Salat, den du in der Stadt gekauft hast. Auf der Terrasse trinkst du Cocktails aus geeisten Gläsern.<br />

Du sagst, nichts macht Sinn, aber alles macht einen Unsinn. Und du erzählst deinen Eltern am<br />

Telefon, dass du Philosophie studieren würdest. Wenn sie fragen, wann du nach Hause kommst, wie<br />

es dir geht, dann legst du auf. Sie haben seit vier Monaten nicht mehr angerufen.<br />

Ich wollte immer mal ein Lied schreiben, über den Moment, in dem man nichts mehr erwartet vom<br />

Leben. Auch das habe ich immer versäumt.<br />

Du sagst, du möchtest einem Kind alles beibringen, was du weißt. Alles macht einen Unsinn. Wenn<br />

du von einem Kind sprichst, würde ich dich am liebsten mit den dünnen Polstern ersticken.<br />

Wir hören die Kassette, die Thomas Kunst aufgenommen hat. Dein Mund ist ein Strich und deine<br />

Augen sind tiefes Wasser. Würdest du jetzt weinen, dann würde ich in einen Flieger steigen und<br />

Thomas Kunst an deiner Stelle küssen, aber du weinst nicht. Das hast du aufgegeben, an einem<br />

Tag vor drei Jahren.<br />

Am schönsten ist dein Gesicht im Nordlicht, im grünen Schein, am schönsten ist dein Gesicht, wenn<br />

du betrunken einschläfst.<br />

Ich kann mich zusammen nehmen und diese Insel hassen, ich kann für ein paar Minuten aufstehen<br />

und daran denken hier weg zu gehen. Wenn du schnarchst, halte ich dir die Nase zu und stelle mich<br />

schlafend, wenn du davon aufwachst.<br />

Manche werden nie geboren. Es hilft nichts von vornherein zu trauern.<br />

Wir sitzen unter nordischem Himmel und hören italienische Musik, essen Tiefkühlpizza und Spaghetti<br />

Gorgonzola. Du schneidest die Spaghetti klein und isst sie mit einem Löffel. Ich habe extra Sahne in<br />

die Soße geleert. Man sagt immer, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Man sagt viel und das<br />

meiste ist irgendwie wahr.<br />

Irgendwann muss man heimkehren. Wir werden zu zweit gehen, weil das im Endeffekt immer<br />

leichter ist. Wir werden immer so tun, <strong>als</strong> wäre nie etwas geschehen.<br />

Du erzählst mir die Geschichten, die du deinem Kind erzählen würdest. Deine Augen sind tief. Wir<br />

hören Musik von einem Mixtape.<br />

Wir leben im Nordlicht. Deine Hände sind klein und die Spitze deiner Nase immer kalt. Wir hören<br />

Musik, zu der man singen könnte, und wir leben ein Leben, das man mögen könnte.<br />

Du sagst, du möchtest ein Kind, das so wäre wie du, und ich sage dir, wie wahnsinnig du bist. Wir<br />

schreiben uns jeden Tag zehn Briefe und manchmal steht darin nur ein einziges Wort.<br />

Nichts hält uns ab.<br />

Wie ein Mixtape von Thomas Kunst<br />

10


Annett Krendlesberger<br />

Geboren 1967 in Wien. Versucht, das Bedürfnis zu schreiben mit dem Wunsch nach finanzieller<br />

Unabhängigkeit zu vereinbaren: Das Ergebnis ist ein Ausbildungsmix aus einem Semester Publizistik,<br />

einem Abschnitt Betriebswirtschaft und schließlich einem Tourismus-Lehrgang. Vorerst schreibt sie<br />

heimlich für die Schublade. 1998 gelingt ihr die Wiederbelebung des abgebrochenen Studiums,<br />

eine schräge Kombination aus Philosophie mit BWL und Theaterwissenschaft, und der Abschluss<br />

im Jahr 2000. Das Schreiben bekommt jetzt immer mehr Raum und gewinnt vier Jahre später<br />

endgültig die Oberhand. 2005 macht sie mit einer Erzählung in der Literaturzeitschrift Lichtungen<br />

erstm<strong>als</strong> den Schritt in die Öffentlichkeit.<br />

inseltreiben.<br />

Wir liegen in den Dünen. In der großen Mulde, dort, wo keine Fliegen sind und der Wind fast still ist.<br />

Um das Badetuch herum glüht der Sand. Wir liegen verstreut wie die Inseln. Er kriecht in jede Ritze.<br />

Und vom Barfußgehen im heißen Sand werden dir die Fußsohlen papieren. Auf den glatten<br />

Holzstegen ist dir dann, <strong>als</strong> kratze einer mit seinen Fingernägeln an der Wand, und überall stellen<br />

sich dir die Haare auf.<br />

Aber noch liegen wir. Noch gehen wir nicht. Liegen wie fünf Inseln in der großen Mulde zwischen<br />

den Dünen und braten. <strong>Die</strong> Sonne sticht. Leicht verbrennt dir die Haut. Leicht brennst du auf<br />

und merkst es kaum, weht doch beständig eine sanfte Brise und streichelt dich. Schläfst du ein,<br />

wachsen dir kleine Wasserblasen.<br />

Wir sind auf der Hut. Während wir im Sitzen Sonnencreme auftragen, leuchten bunt die Bikinihöschen<br />

zwischen unseren braunen Schenkeln. Kleine Dreiecke in Regenbogenfarben. Mehr tragen<br />

wir nicht.<br />

Wir hören in der Ferne den Dackel bellen. Der Vater der Cousinen bespritzt ihn mit Wasser. Der<br />

Dackel liebt Wasserspiele und laut hallt sein Gebell, das schon fast ein Kreischen ist, über die<br />

Dünen. Als wär’s ein Zeichen, haben wir uns aufgerichtet und zur Lotion gegriffen. Wir machen<br />

weiße Punkte auf Arme und Beine. Anfangs war die Lotion noch kühl. Nun verreiben wir warme mit<br />

den vertrockneten Leibern winziger schwarzer Fliegen. Und manchmal mit Sand, der da und dort<br />

an uns klebt.<br />

Der Dackel ist des Onkels Hund. Er folgt ihm aufs Wort. Wir sprechen nicht. Wir liegen und braten.<br />

Der Himmel ist weiß über uns und das Gebell ist nicht mehr. Hund und Onkel spazieren den<br />

Strand entlang. Sie gehen weit, oft stundenlang. Manchmal auch bis hin zur Spitze der Sandzunge.<br />

Irgendwann einmal wird die Insel im Wasser versunken sein, sagt uns der Vater der Cousinen. Und<br />

wirklich schlagen die Wellen hoch und Schaum liegt im Sand, auch wenn – wie heute – ein ruhiger<br />

Tag ist. Sehr langsam, nicht schnell, lacht der Vater der Cousinen. <strong>Die</strong> eine oder andere Cousine<br />

lacht auch, mit dem Vater mit.<br />

Er spaziert allein. Wir gehen nicht mit. Er fordert uns auf, und wir sagen, der Sand ist zu heiß oder<br />

die Sonne und vertrocknete Halme oder Muschelschalen werden uns die Fußsohlen zerstechen<br />

und wir passen hier auf unsere Sachen auf. Der Cousinenvater geht und sein weißes Hinterteil zittert<br />

bei jedem Schritt. Dann ist auch der kahle Kopf hinter der Düne verschwunden. Schon bald in der<br />

Ferne Dackelkeifen. <strong>Die</strong> Badehose lässt der Cousinenvater in der Dünenmulde zurück. Abseits.<br />

Unsere Bikinidreiecke hängen an Fäden, sagt er, und sie seien ebenso gut wie nichts. Aber wir<br />

bleiben liegen.<br />

Am Wasser unten, da tragen die Mädchen ihre Bikinis nicht, und auch Frauen und Jungen und<br />

Männer sind ohne. Wir bleiben und liegen in der Mulde und braten.<br />

Bis eines hechelt neben dir und feucht und zottig an die Wange, die Schulter dir fährt und groß<br />

und schwarz ein Schatten über dir ist, und der Himmel blau. Was hast du da, da ist Sand, sagt der<br />

Cousinenvater, der diesmal nicht an die Spitze der Sandzunge gewandert ist, während die Cousinen<br />

im Wasser baden. Da ist Sand, ein ganz ein feiner, sagt der Cousinenvater, während du noch im<br />

Liegen bist, liegend dann seinen Daumen auf deinen Lippen hast, streichelnd auf deinen Lippen,<br />

ihn dazwischen hast, den Männerdaumen zwischen deinen Lippen hast. Vom Fuß leckt der Dackel<br />

dir das Salz.<br />

Du Wasserscheue, sagen die Cousinen, aus dem Land der Berge, sagen die Cousinen und legen<br />

sich <strong>zum</strong> Trocknen auf ihre ausgeschüttelten Badetücher. Wir legen uns auf den Bauch. Getrocknet<br />

inseltreiben.<br />

11


klebt und brennt und beißt Salz auf der Haut. Zieht seine Spuren kalkig weiß in den Armbeugen, auf<br />

der Brust. Später erst juckt es dir die Seele aus dem Leib.<br />

Später auch ziehen wir uns etwas über. Der Vater der Cousinen trägt unsere Taschen <strong>zum</strong> Wagen.<br />

Wir reiben lange unsere Füße. Der Sand kriecht in alle Ritzen. Sand kriecht unter die Fußnägel,<br />

klebt zwischen den Zehen. Er knirscht beim Einschlüpfen in die Sandalen. Papierene Sohlen. Wir<br />

laufen auf papierenen Sohlen über den Holzsteg <strong>zum</strong> Wagen. Auf der Zunge schmeckst du Salz und<br />

Sand. Feinen Dünensand. Bevor der Dackel in den Kofferraum des Kombiwagens springt, schüttelt<br />

er sich. Du hast sogar Sand im Haar. <strong>Die</strong> Kopfhaut fühlt sich schorfig an. Du kratzt und hast Sand<br />

unter den Fingernägeln. Weiß und fein.<br />

Wir haben Hunger. Im Haus des Cousinenvaters schlappt der Dackel gierig Wasser. <strong>Die</strong> Dackelzunge<br />

hängt hellrosa aus dem Maul. Der Dackel wartet. Er sitzt in der Küche neben seinem Wassernapf.<br />

Wir laufen in den Garten. Wir sprengen den Rasen. <strong>Die</strong> Luft ist lau und wir hüpfen im prickelnden<br />

Regen. Bunt leuchten die Bikinihöschen. Dreiecke an Schnüren. Ein Nichts. Und wir hüpfen. Im<br />

Garten hüpfen wir. In der Küche sitzt der Dackel immer noch und wartet.<br />

Der Onkel schneidet Fleisch. Unverzüglich hat sich der Onkel ans Fleischschneiden für seinen<br />

Dackel gemacht. Der Dackel frisst das Fleisch roh. Ungekocht. Karotten und Flocken werden mit<br />

dem Fleisch, dem rohen und noch ein bisschen blutigen, vermengt. Schließlich ist ein Dackel ein<br />

Jagdhund. Der Dackel ist des Onkels Hund und stürzt sich auf die Schüssel.<br />

Wir sind vom Garten in die Küche gelaufen, um dem Hund beim Fressen zuzusehen. Wir wollen ihn<br />

nicht stören. Wir sehen bloß zu. Der Dackel schlingt. Der Dackel schlingt das rohe Fleisch und die<br />

Karotten und die Flocken. Das ganze Gemenge.<br />

Binnen weniger Minuten ist der Hundenapf leergefressen. Der Napf ist groß und der Dackelkopf<br />

ist beinah bis über beide Ohren darin versunken. Nun sieht der Hund aus dem Napf. Er leckt sich<br />

die Schnauze. An beiden Ohren kleben kleine Karottenstücke und Haferflocken. <strong>Die</strong> Schüssel ist<br />

saubergeleckt. Der Hund sieht erschöpft aus und wankt aus der Küche. Er steht. Und geht wieder<br />

ein wenig an der Wand entlang. Wir gehen ihm leise hinterher. Uns ist kalt vom Gartenregen und<br />

wir schlingen die Arme um unsere nackten Oberkörper. Der Dackel ist auf die Terrasse getappt.<br />

Er krümmt sich stehend auf den Fliesen. <strong>Die</strong> Cousinen lachen. Da ruft der Cousinenvater deinen<br />

Namen. Und du hältst inne, wartest, gehst nochm<strong>als</strong> zu ihm in die Küche hinein, fühlst plötzlich die<br />

Hand, seine Hand auf deiner Brust, hörst ihn rufen, Wackelpudding, Wackelpudding rufen, und du<br />

hörst das Geschrei, und dass draußen der Hund sein Erbrochenes wieder frisst.<br />

inseltreiben.<br />

12


Gregor Guth<br />

geboren 1979 in Wien. Studiert nach der Matura weder Rechtswissenschaften noch Romanistik<br />

an der Universität Wien. Leistet Zivildienst im Krankenhaus. Macht Nebenjobs im Kulturbereich.<br />

Verbringt fast zwei Jahre in Paris, wo es ihm dank des verschulten französischen Universitätssystems<br />

doch noch gelingt, ein Studium <strong>zum</strong> Abschluss zu bringen. Gregor studiert seit Oktober 2005 am<br />

Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Demnächst zieht er nach Berlin, wo er gemeinsam mit einer<br />

Kollegin versucht, ein Büro für Textproduktion (Kreation, Konzeption, Lektorat) aufzubauen.<br />

In der Normandie war es immer schön<br />

In der Normandie war es immer schön, auch wenn es regnete. Und wenn die Sonne schien, war<br />

es noch schöner. Wir teilten wieder ein Zimmer im Hotel Vent d’Ouest, in Fécamp, gleich hinter<br />

dem Bahnhof, wo wir gegen Mittag angekommen waren. Der Westwind brachte Paulas lange Haare<br />

ordentlich durcheinander, während wir einem schmalen Fußweg folgten, hoch über dem Meer,<br />

die Steilküste entlang, rechts der felsige Abgrund, hundert Meter tief, links ein Kuhzaun, der unter<br />

Spannung stand. Grüne Wiesen, keine Kühe. Artur und mir konnte der Wind weniger anhaben.<br />

Artur hatte immer kurzes Haar; ich trug es gerade kurz, bald war Sommer. Wir gingen zu einem<br />

moosbedeckten Bunker, die Alabasterküste war voll davon, kletterten auf das Flachdach und<br />

beobachteten eine Möwe, die vom Atlantik kommend auf uns zu flog. Paula verteilte Sonnencreme,<br />

bei diesem Wind neige man zu Leichtsinn. Der Möwe in der Luft schien der Wind gleichgültig zu<br />

sein. Artur hustete. Paula schlug ihm auf den Rücken. <strong>Die</strong> Möwe drehte ab. Artur bat Paula, ihm<br />

nicht dauernd auf den Rücken zu schlagen, das habe sie im Zug auch schon gemacht. Das bringe<br />

nichts.<br />

„Ich werde diese Scheißerkältung nicht los“, sagte Artur.<br />

„Das geht jetzt schon länger so“, sagte ich.<br />

„Chronische Bronchitis“, sagte Paula lachend.<br />

Artur lachte nicht, versprach aber, bald <strong>zum</strong> Arzt zu gehen. Wir wanderten weiter und suchten uns<br />

einen Felsvorsprung, auf dem wir ausruhen konnten. Artur packte die rote Decke aus. Paula holte<br />

die Wasserflasche hervor und meinte, dass wir mitsamt der Erde, auf der wir saßen, in den Atlantik<br />

stürzen könnten. Gelbe Schilder hatten uns gewarnt. Ich nahm einen Schluck, legte mich auf den<br />

Bauch und kroch vor bis <strong>zum</strong> Abgrund. Tief unter mir, zwischen den Felsen, war ein kleiner Strand<br />

zu sehen, den man zu Fuß nicht erreichen konnte. <strong>Die</strong> steilen Felsen ragten weit ins Wasser und<br />

versperrten den Landweg zur Bucht. <strong>Die</strong> starke Brandung machte einem auch keine Lust, dort hin<br />

zu schwimmen. Ich kroch zurück. Paula blätterte in ihrer Zeitung. Artur lag auf dem Rücken, ein<br />

kleines Handtuch verdeckte sein Gesicht. Er atmete ruhig. <strong>Die</strong> Meerluft tat uns gut.<br />

Wir aßen im benachbarten Yport zu Abend. Muschelplatte, Pommes Frites, Salat. Paula war begeistert<br />

von der prallen Wirtin, die uns augenzwinkernd mit Weißwein versorgte. Artur und ich beobachteten<br />

die langhaarigen Landjungs am Tresen, die um ein kurzhaariges Landmädchen buhlten. Paulas<br />

Zigarettenpackung, Gauloises bleues, passte farblich zur karierten Plastiktischdecke, an der ich<br />

gelegentlich mit dem Unterarm kleben blieb. Artur und Paula schwitzten auch, bis die Wirtin<br />

unaufgefordert die Fenster öffnete und kühle Meerluft ins Lokal ließ. Artur sagte, er freue sich über<br />

unsere gemeinsamen Tage in der Normandie. Paula freute sich auch. Um meiner Freude Ausdruck<br />

zu verleihen, versuchte ich mich in einem Trinkspruch, der dann ein wenig kitschig geriet. Artur<br />

und Paula lachten. Wir stießen an. Ich lachte auch. „Liberté toujours!“ rief Artur mit gekünsteltem<br />

Akzent, griff nach Paulas Zigaretten, spitzte künstlich die Lippen, steckte eine Zigarette dazwischen,<br />

nahm das Feuerzeug, spreizte beim Anzünden den kleinen Finger ab – und hustete nach dem<br />

ersten Zug so heftig, dass ich die Zigarette zu Ende rauchen durfte, was ich gerne tat.<br />

Nach dem Essen wollten wir noch einen Calvados trinken, immerhin waren wir in der Normandie.<br />

Paula ließ es sich nicht nehmen, zur Wirtin an den Tresen zu gehen und zu bestellen. Calvados für<br />

alle. Wir waren die Letzten im Lokal. <strong>Die</strong> Wirtin stellte vier Schnapsgläser in einer Reihe auf und<br />

füllte eines nach dem anderen mit Calvados, ohne Absetzen, das letzte Glas gehörte ihr. Paula<br />

setzte ein breites Lächeln auf und verwickelte die Wirtin in ein Gespräch. Ich sah Artur an. Artur sah<br />

mich an. Ich tastete nach der Zigarettenschachtel. Artur griff nach dem Feuerzeug. Ich nahm eine<br />

Zigarette heraus. Artur gab mir Feuer. Er sagte nichts. Ich sagte nichts. Lautes Gelächter am Tresen.<br />

In der Normandie war es immer schön<br />

13


Paula und die Wirtin hatten alle vier Gläser leer gesoffen. Drei wurden umgehend wieder aufgefüllt,<br />

beschwingt brachte Paula sie zu uns an den Tisch.<br />

„Eau de vie, meine Herren, eau de vie!“ sagte Paula.<br />

„Lebenswasser“, sagte ich.<br />

„Lebenswasser“, wiederholte Artur und nahm einen Schluck.<br />

Wir standen vor dem Gasthaus in Yport, die Wirtin versperrte von innen die Tür, Paula zog ihren Pulli<br />

an; es war spät geworden, weit nach Mitternacht.<br />

„Strand?“ fragte Artur.<br />

„Mir egal“, sagte Paula.<br />

„Sicher nicht“, sagte ich.<br />

Im Vorjahr waren Artur und ich über den Strand zurück nach Fécamp gegangen, Paula war an dem<br />

Tag im Hotel geblieben. Der Strand, von Sand war keine Rede, führte dicht an den hohen Kreidefelsen<br />

entlang, man musste über sperrige Steinbrocken klettern, der grobe Kies tat weh unter den<br />

Sportschuhen, man trat auch ständig auf angespülte Puppen und tote Möwen. Artur machte so<br />

etwas Spaß.<br />

Wir gingen dann auf einer einsamen Feldstraße zurück. Kein Mond, keine Sterne, keine<br />

Taschenlampe. Auf den schwarzen Feldern links und rechts vom Weg, den wir uns durch die Nacht<br />

bahnten, standen vereinzelt Kuhschatten herum. Es roch nach Meer. In der Dunkelheit konnten<br />

wir nur vermuten, wie weit wir von der Stelle entfernt waren, an der die Felder plötzlich abbrachen<br />

und sich die Steilküste auftat. Wir begannen, einander Gruselgeschichten und Schauermärchen zu<br />

erzählen, Nachtwanderung. Im Grunde erzählte Artur, Paula und ich hörten zu.<br />

Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb ...<br />

Leider war da auch ein tiefes Wasser, das die zwei Königskinder voneinander trennte. Eines Tages<br />

bat das Königsmädchen den Königsjungen, schwimmenzu lernen. Dann könne er in der Nacht das<br />

tiefe Wasser überqueren und sein Königsmädchen heimlich besuchen. Der Königsjunge war ein<br />

wenig ängstlich. Das Königsmädchen versprach, zwei Kerzen anzuzünden, die dem Königsjungen<br />

in finsterer Nacht leuchten und ihn vor dem Ertrinken bewahren sollten. Und zur Belohnung dürfe<br />

er sein Königsmädchen dann auch lieb haben, <strong>als</strong>o richtig lieb. Der Königsjunge lernte sofort<br />

schwimmen.<br />

Artur hatte mir diese Geschichte schon einmal erzählt, am Donaustrand. Beim Nachtschwimmen<br />

in der kalten Donau hatten Artur und ich für einen Augenblick die Orientierung verloren, man sah<br />

ja nichts in der Dunkelheit. Wir drangen zu weit in die Flussmitte vor, wo wir von einer starken<br />

Strömung erfasst wurden. Mit Mühe und Not kämpften wir uns frei und gelangten ans Ufer. Dort war<br />

Artur das Lied von den zwei Königskindern in den Sinn gekommen.<br />

Zwei Kilometer bis Fécamp, wir überquerten eine kleine Kreuzung. Dann war da auch noch eine<br />

f<strong>als</strong>che Nonne, die tat <strong>als</strong> wenn sie schlief, während die zwei Königskinder flüsternd ihren Plan<br />

schmiedeten. Lüstern belauschte die f<strong>als</strong>che Nonne das Gespräch der zwei Königskinder und<br />

hatte Mühe, ihre Erregung unter dem Habit zu verbergen. Hinter uns, in der Ferne, tauchten zwei<br />

leuchtende Punkte auf, die allmählich auf uns zu steuerten. Autoscheinwerfer. Paula wunderte<br />

sich, dass zu so später Stunde überhaupt noch jemand unterwegs war. Jedenfalls schwamm der<br />

Königsjunge aufgeregt los. Das Auto kam näher und näher, bald würde uns das Scheinwerferlicht<br />

erfassen. Wir blieben stehen. Auf der Kreuzung bog das Auto rechts ab und entfernte sich ebenso<br />

langsam, wie es gekommen war. Wir gingen weiter. Doch das Fahrzeug machte Halt, schob zurück<br />

zur Kreuzung und fuhr erneut auf uns zu.<br />

„Das ist kein Polizeiauto“, sagte ich.<br />

„Jetzt bitte kein Ede Zimmermann“, sagte Artur.<br />

„Kein wer?“ fragte Paula.<br />

Wir stellten uns brav am Straßenrand auf, Stirnreihe, um dem Auto Platz zu machen. Im blendenden<br />

Gegenlicht der Scheinwerfer war nicht zu erkennen, wer in dem Auto saß, das an uns vorbeifahren<br />

sollte, langsam abbremste und schließlich auf gleicher Höhe stehen blieb. Geräusch eines laufenden<br />

Motors. Im Inneren des Fahrzeugs, auf dem Beifahrersitz, bewegte sich ein Männerschatten und<br />

leuchtete Paula mit einer Taschenlampe durch das Seitenfenster ins Gesicht. Dann Artur. Dann mir.<br />

Eduard Zimmermann, dachte ich. Oder Peter Nidetzky. Ein Gang wurde eingelegt, das Auto setzte<br />

sich in Bewegung und fuhr davon. Wir starrten wie unter Hypnose auf zwei rote Rücklichter, die bald<br />

in der Dunkelheit verloschen.<br />

Im Hotelzimmer sprachen wir noch lange über den Vorfall, entwickelten Erklärungshypothesen und<br />

Verschwörungstheorien. Artur hustete stark. Paula wollte noch Haare waschen. Und föhnen. Ich<br />

In der Normandie war es immer schön<br />

14


schlief trotzdem bald ein und träumte ganz gut. Von Marienkäfern auf Kuhweiden. Bis Artur mich<br />

wach rüttelte und sagte, er habe Blut gespuckt.<br />

Artur lag nackt im Krankenbett, die Pyjamahose in Form eines Knäuels am Fußende, das Oberteil<br />

zusammengelegt auf einem ans Bett gerückten Besucherstuhl. Artur strampelte alles, was man<br />

ihm an Kleidung <strong>zum</strong>uten wollte, wieder ab. Er konnte es nicht ertragen, Wäsche auf der Haut zu<br />

spüren. Vielleicht war ihm seine Haut schon zu viel. Arturs Körper war ausgezehrt, dürr, die vielen<br />

Bestrahlungen und Infusionen hatten ihm zugesetzt. Ich lächelte verlegen, Arturs Schwester stand<br />

neben mir – und Artur spielte die ganze Zeit an seinem Schwanz herum. Er umklammerte ihn<br />

fest mit seinen knochigen Fingern, so gut es ging, und zog daran, zog ihn in die Länge. Vielleicht<br />

wollte er ihn ausreißen. Dann verließ Artur die Kraft, sein Schwanz flutschte ihm aus der Hand und<br />

schnalzte zurück wie ein gespanntes Gummiband, das man jemandem ins Auge schießen will, aber<br />

am f<strong>als</strong>chen Ende loslässt. Artur gab unzufriedene Geräusche von sich. Er drehte langsam den<br />

Kopf, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen. Ich sah Artur an. Artur sah mich an. Es war wie früher.<br />

Vielleicht auch nicht. Er wollte etwas sagen, brachte kein Wort hervor, sein Mund war ausgetrocknet,<br />

spröde, ein Plastikschlauch hing aus der Nase.<br />

„Vatikan“, sagte er dann mit Mühe.<br />

„Vatikan?“ fragte ich.<br />

„Morphium“, sagte Arturs Schwester.<br />

Sie lachte. Vielleicht weinte sie auch. Artur hatte ihr erzählt, er sei im Vatikan, bei einem Festbankett,<br />

lauter Purpurträger und so, und der Papst kenne sein eigenes Sternzeichen nicht, wo doch alle<br />

wissen, dass der Papst ein Fisch sei. In Arturs eingefallenem Gesicht war ein Lächeln zu erkennen.<br />

Vielleicht bildete ich es mir ein.<br />

Im Besucherzimmer, vor dem Kaffeeautomaten, fragte mich Arturs Schwester nach Paula, wie es<br />

ihr gehe. In seinen letzten klaren Momenten, bevor die Morphiumdosis erhöht wurde, habe Artur<br />

oft von Paula und mir gesprochen, von unseren Reisen in die Normandie. Ich rief Paula später an,<br />

erreichte sie aber nicht. Ich wollte ihr sagen, dass die f<strong>als</strong>che Nonne die Kerzen ausgelöscht hat,<br />

einfach so, die verfickte Schlampe.<br />

In der Normandie war es immer schön<br />

15


Lukas Meschik<br />

geboren 1988 in Wien. Lebt in Wien. Mit 14 packt ihn die Leidenschaft für die Schriftstellerei.<br />

2005 erhält er ein Arbeitsstipendium des BKA. Im Mai 2006 bricht er die Schule ab. Schreibt<br />

Kurzgeschichten, Lyrik, Kurzprosa, Romane, Theaterstücke, Drehbücher, Songtexte und Mist.<br />

Musiziert mit Kasper, Christoph und dem wandelnden Fragezeichen in der Band „Freilicht“. Er<br />

sammelt Kronkorken, Notizbücher und seit September 2003 auch Kinokarten. Lukas besteht darauf,<br />

keine Lieblingsfarbe zu haben.<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

Eins<br />

Verbissen strampelt er sein Fahrrad der untergehenden Sonne entgegen. <strong>Die</strong> Steigung macht ihm<br />

schwer zu schaffen. Hermann schnauft seinen Körper durch einen nicht gelingenden Luftaustausch,<br />

der unterversorgt. <strong>Die</strong> verschwitzten Hände rutschen wie auf Eisteppich von der Lenkstange,<br />

mühsam muss er immer wieder die Umklammer-ung erneuern. Hermann schüttelt den Kopf wie<br />

ein flussnasser Hund, todesmutige Schweißtropfen fallen ihrem Ende am rauen Asphalt entgegen.<br />

Auch tropft es vom Gepäckträger einen Mittelstreifen roter Punkte. Möge man sich auch für das Blut<br />

an sich nicht sonderlich interessieren, kein Mitleid empfinden, so ist doch jedes Teilchen Mensch<br />

oder gewesen. Ist doch jedes Teilchen Julia.<br />

Ihr jetziger Zustand macht eine gute Unterhaltung vor gemütlichem Kamin unmöglich, nie mehr<br />

kann man zugegen sein, wenn sie ihr Haar musikhörend bürstet. Der schwarze Müllsack ist zu ihrem<br />

Schneckenhaus geworden, in dem sie, geschützt vor Wind und Wetter, schlechtem Fernsehen, eine<br />

Reise unternimmt, einen Ortswechsel unbekannten Ziels. Ihr linker Fuß streichelt die rechte Schulter,<br />

sehnenlos und sich ergießend, die Hände umarmen sich inniglich und orthopädisch nicht ratsam.<br />

Julia, die es zu bedauern gilt, tropft vom Gepäckträger, es ist nur fair, dies zu entschleiern.Wer durch<br />

die Zeit reist, tut es nicht für eine Stunde, wer Obst kaufen geht, kehrt mit mehr <strong>als</strong> einer Beere<br />

zurück, denkt Hermann, bäumt sich auf, kämpft mit dem Pedalenpaar, es ist ganz blau von seinen<br />

Tritten. Einzelplatz in Fahrtrichtung, eine gute Art der Fortbewegung, denkt er. <strong>Die</strong>ser Tag, vielmehr<br />

der kleine Zeitraum, in dem er sie zerstückelte, ihr zu neuer Form verhalf, fühlte sich an wie ein Tag<br />

der Geburt. Gerne möchte er wissen, was sie dazu meint. Kampf der Geschlechter heißt immer:<br />

„Nimm diesen Ring und trage ihn!“, kichert er in sich hinein, nur in Gedanken, da tongebende Lunge<br />

immer mehr zu explodieren droht, unaufhaltsam und erdrückend wie eine Hirndrucksteigerung nach<br />

kurzen Nächten langer Tage. Ohne sein genaues Ziel zu kennen, steigt er ab und bringt das Fahrrad<br />

mitten auf der Straße, wo es gefährlich ist und tödlich, zu Bett. Mit seiner Braut im Arm, vollends<br />

verschleiert, ganz in Schwarz, übertritt er die Schwelle <strong>zum</strong> knisternden Wald.<br />

Zwei<br />

„Ach Hermann, so ein schöner Blumenstrauß, du bist ein Schatz!“, sagt sie mit zwitschernder<br />

Stimme und küsst ihn auf die Stirn. Wie ein Schlachtschussapparat schnellt der spitze Mund nach<br />

vorn. „Ich glaube fast, das mit uns ... es könnte etwas Ernstes werden, meinst du nicht?“ <strong>Die</strong><br />

Sondierungsgespräche verliefen von Anfang an zur vollsten Zufriedenheit beider Parteien. Julia teilt<br />

seine politische Einstellung, die Basis für ein glückliches Zusammenleben. Hermann schenkt Wein<br />

nach, sie nimmt einen großen Schluck, inhaliert dann dümmlich grinsend den Blumenduft, wirft<br />

ihm, dem Schatz, einen umschmeichelnden Blick zu. Das Gegenüber, nimmt er die Mimik zwar<br />

wahr und erwidert, zu einem Entgegenkommen mit den Händen kommt es jedoch nicht. Sie warten<br />

auf Messer und Gabel.<br />

Der Einfachheit halber werden für sexuelle Beziehungen Bekanntschaften aus dem näheren Arbeitsumfeld<br />

herangezogen. <strong>Die</strong>se Bekanntschaften sind oft sehr flüchtiger Natur. Bei Julia ergab es<br />

sich anders, es stellte sich schnell heraus, dass sie, von Freunden und Bekannten, der Familie, der<br />

Verwandtschaft oft und gerne betont, für Hermann die Frau des Lebens ist.<br />

„Wollen wir nicht gemeinsam verreisen ... zu Ostern, habe ich mir gedacht.“<br />

„Warum nicht ... Ostern ist eine gute Zeit. Und wohin?“<br />

„Nach Schweden, habe ich mir gedacht.“<br />

„Schweden, ja, sicher schön.“<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

16


„Ich weiß, es hört sich kalt an, ist es aber nicht immer.“<br />

„Nein, ist es sicher nicht immer. Schweden ist gut. Schweden zu Ostern.“<br />

„Gut, dann kümmere ich mich darum, wenn dir das Recht ist.“<br />

„Aber nur, wenn es auf meine Rechnung gehen darf.“<br />

„Du bist ein Schatz!“<br />

Sie streichelt seine Hand fast so zärtlich wie den fetttriefenden Braten vor sich auf dem Teller. Das<br />

spürt Hermann und streichelt zurück. <strong>Die</strong> Erbse in seinem Mund wandert hin und her, er vergisst,<br />

sie zu zermalmen. Man kann sehen: Hermann Adler ist restlos glücklich.<br />

Drei<br />

Er nimmt den Schraubenzieher und rammt ihn in Julias Gehörgang. Sie kann das eigene Schreien<br />

nicht hören. Ihr Mund formt seinen Namen, der abprallt von den Badezimmerfliesen, auf beide<br />

niederfährt, wie ein schrilles Donnergrollen. <strong>Die</strong> Bilder vor den Augen verschmelzen immer mehr<br />

zur grauen Masse. Ganz durcheinander macht sie das Werkzeug, wie es in regelmäßigen Abständen<br />

hineinstößt, nur um wieder auszutreten. Als möchte ihr Hermann beim Telefonieren helfen, hält er<br />

ihre Hand zwischen seinen Beinen gefangen, drückt ihren Kopf dem kleinen Speer entgegen. Julia<br />

spürt den Strudel in sich, der sie droht zu verschlucken. Sie strampelt und kreischt, zuckend und<br />

tobend und kommt doch nicht los. Ganz nahe wollte sie ihm sein, bis dass der Tod sie scheidet,<br />

kaum einem wird ein Herzenswunsch so eindringend erfüllt.<br />

Zur Gewalt des Hermann Adler ist zu sagen, dass sie ohne jede Regung des Gesichts, ohne Zittern<br />

der handelnden Hände und ohne schlagartig einsetzendes schlechtes Gewissen ausbricht. Er blickt<br />

an seiner Frau herab, mustert sie ein letztes Mal. Hermann macht einen Schritt zurück, er setzt sich<br />

an den Badewannenrand, mit ihr auf dem Schoß. Ihre Bewegungen sind gleich bleibend verzweifelt<br />

und heftig. Er greift nach dem Duschschlauch, aalig wie Seife. Immer wieder rutscht er widerspenstig<br />

durch die Finger, <strong>als</strong> wolle er unter keinen Umständen <strong>zum</strong> Mittäter werden. So muss Hermann mit<br />

der bloßen Hand den lauten H<strong>als</strong> umklammern, die Adern treten hervor, ein letztes Mal möchten sie<br />

zeigen, was für gute <strong>Die</strong>nste sie zu leisten im Stande sind.<br />

Im gegenüberliegenden Spiegel begegnen sich ihre Blicke. Julia hält inne. Stumm fleht sie, nicht<br />

nach Gnade, vielmehr nach einer Erklärung. Hermann begleitet sie, ohne zu zwinkern, bis zu dem<br />

Moment, da ihre gütige Seele die Hülle verlässt, den Glanz ihrer Augen nimmt sie mit. Das Beben<br />

des nackten Körpers verebbt, in diesem schönen großen Haus, das sie gemeinsam ausgesucht<br />

haben, in weiser Voraussicht, dass es bald zu Nachwuchs kommen könnte.<br />

„Es stimmt doch alles zwischen uns. Du machst mich zur glücklichsten Frau der Welt. Wir passen<br />

so gut zusammen, alle sagen das, besser hätten wir es gar nicht treffen können. Wir finden nie mehr<br />

jemanden, mit dem es so schön sein wird. Unsere Kinder werden es gut haben. Du möchtest doch<br />

Kinder, Hermann?“<br />

Er zieht den Schraubenzieher aus ihrem Kopf, die Haare klebrig vom Gemisch aus Blut und anderer<br />

innerer Suppe. Mit einem Scheppern geht die Waffe zu Boden. Einige Minuten noch hält er Julia im<br />

Arm, wiegt sie sanft hin und her. Hermann kann spüren, wie die Wärme entweicht. Kurz spielt er mit<br />

dem Gedanken der Reue, entscheidet sich jedoch dagegen. Dann steht er auf, Julia kippt zur Seite<br />

und landet hart am kalten Boden. Ihre Augen von den Haaren verdeckt. Es ist nun an der Zeit, die<br />

neue Säge einzuweihen.<br />

Vier<br />

„Wozu brauchen sie denn so viel Licht?“, fragt der freundliche Verkäufer um die Ecke. Hermann gibt<br />

vor, den Satz nicht vernommen zu haben. In Gedanken versunken schlichtet er die Glühbirnen, die<br />

Verlängerungskabel, den Rest in den Einkaufswagen. Der Blick in einen grellen Lichtkegel gleicht<br />

einem Sehen des inneren Reichtums, denkt er.<br />

„Haben Sie Scheinwerfer? Ich brauche starke Scheinwerfer.“<br />

„Ja, da haben wir einiges. Starkstrom?“<br />

„Nein, alles, was ich ohne Starkstrom benutzen kann. Nur hell muss es sein.“<br />

Hermann kratzt sich am Kopf. Den verschwindenden Angestellten hält er auf.<br />

„Nein, Moment, Starkstrom ... ja, das ist in Ordnung, das kann ich machen.“<br />

„Ich hole schnell ein paar aus dem Lager, schauen Sie sich in Ruhe alle an.“<br />

„Danke, ich warte.“<br />

Auf der großen Tischfläche werden sie ausgebreitet. Perfekte Rundungen, die den erhellenden<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

17


Kern umschließen. Hermann ist ein guter Kunde. Bilder entstehen in seinem Kopf. Sie zeigen, was<br />

sein wird. Freudig erregt besorgt er sich einen zweiten Einkaufswagen. Der Baumarkt ist nicht gut<br />

besucht.<br />

„Kann ich Ihnen sonst noch helfen?“<br />

„Ja, einen Generator brauche ich.“<br />

Im Blick des Verkäufers große Verwunderung, der Versuch, sie zu unterdrücken, schlägt fehl.<br />

„Feiern Sie ein großes Fest?“<br />

„Ein Fest, ja.“<br />

„Ach, da wird keine dunkle Ecke mehr übrig bleiben, da können Sie sicher sein!“<br />

<strong>Die</strong> beiden Männer lachen brüderlich und erreichen die richtige Abteilung. Groß ist die Auswahl<br />

nicht, doch Hermann findet ein Gerät, das seinen Vorstellungen, ästhetischer und technischer<br />

Natur, entspricht. Dankbar nimmt er das Angebot an, von einem Mitarbeiter dabei unterstützt zu<br />

werden, die Einkäufe im geräumigen Kofferraum seines Familienfahrzeuges zu verstauen.<br />

Fünf<br />

<strong>Die</strong> Gewichtverdopplung lässt den schwer tragenden Hermann im feuchten Waldboden bei jedem<br />

Schritt versinken. Eine passive Julia bringt ihn gnadenlos ins Schwitzen. Einmal bleibt sie an einer<br />

Fichte hängen, das vorm<strong>als</strong> kleine Loch wird weiter aufgerissen. Nur mühsam gelingt es, das Paket<br />

aus der Umklammerung der Natur zu befreien. Nach kurzem Fußmarsch lässt Hermann seine<br />

Ehefrau aus Hüfthöhe zu Boden fallen, es ist ein dumpfer, kaum hörbarer Aufschlag. Er kniet sich hin<br />

und öffnet den festen Knoten zur Schließung des Müllsackes. Seine Kraft macht es ihm schwer.<br />

Er holt die linke Hälfte ihres Oberkörpers hervor. Sie ist angenehm warm anzufassen, das Herz<br />

noch damit verbunden. Mit den bloßen Händen schaufelt Hermann ein kleines Oberkörpergrab. <strong>Die</strong><br />

Erde bohrt sich tief unter seine Fingernägel, was ihm nicht auffällt. Er legt die beiden Teile sanft in<br />

das Loch und steckt sie ineinander wie ein Menschenpuzzle. Direkt anschließend folgt eine ebenso<br />

tiefe, längliche Aushebung. Julia nimmt langsam wieder Gestalt an. Schon sind am Unterleib die<br />

Oberschenkel angebracht, es folgen Unterschenkel samt Füßen. <strong>Die</strong> beiden Arme streckt sie seitlich<br />

von sich weg. Ein Gemisch aus Blut und Erde steht Hermann ins Gesicht geschrieben. Mit dem<br />

ganzen Körper stapelt er den Waldboden über den Puzzle-Körper seiner Frau. Mit schweren Schuhen<br />

lehnt er sich dagegen, um den veränderten Grund zu ebnen, der Umgebung anzupassen.<br />

Den Sack faltet er ordentlich zusammen und verstaut ihn am Gepäckträger. Es ist geglückt. <strong>Die</strong><br />

Sonne ist kaum mehr zu sehen. Bald werden die ersten Gäste eintreffen. Julias Augen starren<br />

gebannt in einen grellen Scheinwerfer.<br />

Sechs<br />

„Ich weiß das sehr zu schätzen, wirklich, aber wir schaffen es auch alleine.“, versucht Hermann<br />

Julias Mutter klar<strong>zum</strong>achen.<br />

„Keine Frage, das weiß ich doch. Aber ich weiß auch, wie es bei uns dam<strong>als</strong> war, ein bisschen etwas<br />

extra kann nie schaden. Von Zeit zu Zeit muss man sich auch etwas gönnen können, gerade wenn<br />

man noch so jung ist.“<br />

„Du hast schon Recht, Martha, es ist auch wirklich großzügig, aber bevor wir es nicht wirklich<br />

brauchen, möchte ich es nicht annehmen. Ich bin euch aber wirklich dankbar für das Angebot!“<br />

„Ich verstehe schon, lassen wir das. Ein wunderschönes Fest habt ihr! So hat sich meine Tochter die<br />

Hochzeit immer vorgestellt. Du bist der perfekte Mann für sie, Harald und ich sind uns da einig. Es<br />

freut uns, zu sehen, wie gut es Julia mit dir geht!“<br />

Hermann, erschöpft von den bisherigen Feierlichkeiten im Garten des Schwiegerelternhauses,<br />

hört aufmerksam zu, klopft einige Eiswürfel aus ihrer Form und füllt ein Glas mit abgestandenem<br />

Orangensaft. Ihre Mutter hat es geschafft, ihn in der Küche festzunageln. Es ist späte Nacht, das<br />

Läuten der Glocken schon lange verhallt.<br />

„Eine Braut, die in Erinnerung bleiben wird, sage ich dir. <strong>Die</strong> Kirche ist regelrecht gesegnet, nachdem<br />

ihr eure Hochzeit dort abgehalten habt. So schön war es, meine Augen sind noch ganz rot.“<br />

Hermann wird das seltene Glück zuteil, ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen Schwiegereltern<br />

zu haben. Von Anfang an sahen der Pfeife rauchende Harald und Martha mit dem sonnigen Gemüt<br />

ihn <strong>als</strong> Teil ihrer Familie, <strong>als</strong> wäre er ein leiblicher Sohn. Es darf unter keinen Umständen unbetont<br />

bleiben: Hermann kann und muss sich glücklich schätzen.<br />

„So, jetzt geh aber zurück zu deiner Frau, bevor sie sich mit einem Trauzeugen davonmacht!“, sagt<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

18


Martha, leicht betrunken und fest entschlossen, bis <strong>zum</strong> Morgengrauen auf den Beinen zu bleiben,<br />

so wie die Jungen, wie sie sagt.<br />

Sieben<br />

Hermann lehnt das Fahrrad an die Garagenwand. Der Rückweg, bergab, war keine große<br />

Anstrengung, konnte man doch die meiste Zeit der runden Bewegung ihren Lauf lassen, ohne<br />

selbst mitzuhelfen. Er geht hinters Haus, in den gepflegten Garten, in dem es sich gut entspannen<br />

lässt. Nur an das Summen der Stromleitung muss man sich gewöhnen, es lässt einem manchmal<br />

die Haare zu Berge stehen. Direkt hinter dem Zaun thront ein verwitterter Mast, jahrelang stand er<br />

still da, beschäftigt mit dem Transport von Elektrizität. In der langen Zeit der Existenz fiel er weder<br />

auf, noch ins Gewicht. <strong>Die</strong>s sollte sich bald geändert haben, denkt Hermann.<br />

Er nimmt Julias Kopf an den Haaren und hebt ihn langsam aus dem Lichtkegel, legt ihn zunächst<br />

beiseite. Den Scheinwerfer steckt er aus, rollt das Kabel rasch mithilfe des linken Unterarms ein.<br />

<strong>Die</strong>s sollte der letzte gemeinsame Moment im Inneren des Hauses gewesen sein. Kopf in Hand<br />

verlässt man das Schlafzimmer, wo der Rest Julia warten musste, bevor es nach draußen geht.<br />

Hermann bringt die letzte Lichtmaschine in Position, der Mast ist in helles Licht getaucht, <strong>als</strong> wäre<br />

er direkt der Sonne entstiegen. Julias Kopf wird vorerst an dessen Ende gelegt, es gilt noch einige<br />

Kleinigkeiten sicherzustellen. Hermann gibt sich nicht weniger Mühe <strong>als</strong> bei den Vorbereitungen<br />

<strong>zum</strong> heutigen Fest, das Einweihen des gemeinsamen Hauses <strong>zum</strong> Anlass. In diesem Fall geht ihm<br />

jedoch niemand zur Hand.<br />

Hermann, die mittlerweile stark verschmutzte Säge zwischen den Händen hin und her wandern<br />

lassend, steht vor dem Mast, mit dem Rücken <strong>zum</strong> Licht. Kritisch begutachtet er ihn, blickt vom Kopf<br />

seiner Ehefrau <strong>zum</strong> Seil, das von der Spitze des Mastes baumelt, die beiden Enden herunterhängend<br />

bis <strong>zum</strong> Boden. Dann wieder auf die Säge und an sich herab. <strong>Die</strong> Sonne ist untergegangen. <strong>Die</strong><br />

meisten Gäste haben sich vermutlich schon auf den Weg gemacht.<br />

Acht<br />

„Bitte, komm doch herein, Hermann!“ Klaus öffnet ihm die Türe, er besteht darauf, dass sein guter<br />

Freund die Schuhe anbehält.<br />

„Licht brauchst du ... <strong>als</strong>o besonders gut ausgestattet bin ich in dieser Hinsicht leider nicht. In jeder<br />

anderen ja, aber hier ...“, macht Klaus einen Witz und tätschelt seinen ruckartig aus den Fugen<br />

geratenden Bauch.<br />

„Hier, schau, kannst du so etwas brauchen?“<br />

„Ja, wenn ich die haben könnte, das wäre großartig!“<br />

„Gerne, nimm ruhig mit. Für das Fest am Samstag?“<br />

„Ganz genau, jetzt ist es endlich so weit. Wir wohnen ja jetzt schon viele Wochen im Haus. Da wurde<br />

es langsam Zeit für eine Feier.“<br />

„Gratuliere, Hermann! Du bist jetzt stolzer Besitzer eines Hauses, eines Autos und einer Frau.“<br />

Klaus gibt ihm einen freundschaftlichen Schubs. „Du weißt schon, ein bisschen ist sie ja hoffentlich<br />

schon dein Eigentum, <strong>zum</strong>indest in der Nacht.“ Sein Gelächter tut weh.<br />

„Ja, ich weiß schon.“<br />

„Ein tolles Gefühl ist das, nicht wahr? So ist es jedenfalls mir gegangen, ist ja jetzt auch schon<br />

fast sechs Jahre her. Ein großes Gefühl. Endlich etwas aufbauen, das von Bestand sein wird. Sich<br />

niederlassen. Den ganzen Stress vergessen können. Ab jetzt nur noch arbeiten und für die Familie<br />

sorgen. Du wirst dich doch um Nachwuchs kümmern,du Glückspilz, oder?“<br />

Klaus ist in Sachen Licht keine allzu große Hilfe, die möglichen Kontaktaufnahmen sind jedoch<br />

beschränkt, so gibt sich Hermann mit den zwei Verlängerungskabeln, der weihnachtlichen<br />

Lichterkette und einer leuchtenden Silvestersignalvorrichtung mit Zeitschaltuhr mehr <strong>als</strong> zufrieden.<br />

„Ich hoffe, ihr kommt. Am Samstag, meine ich.“<br />

„Zahlt es sich denn aus?“, fragt Klaus mit einem Alkoholikerlächeln.<br />

„Auf jeden Fall. Das sollte sich keiner entgehen lassen!“<br />

„Na, wenn das so ist, dann bis Samstag!“<br />

„Bis Samstag! Und danke noch mal für deine Hilfe!“<br />

„Keine Ursache, Hermann, keine Ursache.“<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

19


Neun<br />

Hermann legt die Säge aus der Hand. Seine Ehefrau zu zerlegen nahm mehr Zeit in Anspruch, <strong>als</strong><br />

er angenommen hatte. Sie ist jetzt sicher verstaut. Halbherzig reinigt er die Badewanne, es wird sie<br />

ohnehin niemand mehr genießen können.<br />

Der Generator ist an seinem Platz, eine praktische Leiter wird hervorgeholt. Hermann klettert empor,<br />

erreicht das Dach des Hauses. Mit sich führt er Scheinwerfer, die an der Dachrinne angebracht<br />

werden, lange Kabel versorgen sie mit Strom. Jede noch so kleine Nachttischlampe schafft er ins<br />

Freie, er glaubt an die Summierung des Kleinen für eine große Wirkung. <strong>Die</strong> Überlegung, Kerzen<br />

in großen Mengen zu besorgen, gab es anfangs auch, sie hätten dem Abend eine sehr düstere<br />

Atmosphäre gegeben. Um Düsternis geht es aber nicht, denkt Hermann und verbindet eine<br />

Mehrfachbuchse mit einem Verlängerungskabel.<br />

<strong>Die</strong> Lichterkette webt er ein, in die rostigen Maschen des Gartenzaunes, sie erfüllt einen nur sehr<br />

geringen Zweck. Der Garten gleicht immer mehr einer Attraktion, die herbstliche Nacht dem<br />

mittäglichen Sonnengruß. Zentriert sind die Lichter auf den obersten Punkt des Mastes.<br />

Hermann befestigt Julias Kopf am einen Ende des Seiles, ohne jede Andacht hisst er ihn und macht<br />

einen festen Knoten. <strong>Die</strong> nächsten paar Stunden sollte er halten.<br />

Zehn<br />

„Schatz, hilfst du mir bitte mit dem Griller? Ich kann die Holzkohle nicht finden.“, ruft Julia aus der<br />

Garage. „Wir haben einen Generator, habe ich ja gar nicht gewusst.“ <strong>Die</strong> restlichen Geräte sind<br />

sicher im Keller verstaut, hinter den neuen blauen Gartenmöbeln.<br />

„Wir werden nicht fertig, wir werden nicht fertig!“<br />

„Jetzt mach dir doch keine Sorgen, erstens schaffen wir es noch und zweitens spielt es keine Rolle,<br />

wenn nicht alles pünktlich bereit steht.“<br />

„Schatz, wir können uns nicht um die Gäste kümmern, wenn wir noch gehetzt durch den Garten<br />

laufen müssen. Außerdem muss ich mich noch duschen und umziehen.“<br />

„Dann geh du jetzt einmal in Ruhe ins Bad, ich kümmere mich um alles. Ich weiß ja, wo ich finde,<br />

was ich brauche. Entspann dich! Ich verspreche dir, alles wird bereit sein, noch vor dem Eintreffen<br />

der Gäste.“<br />

„Ach, Hermann, du bist ein Schatz!“<br />

„Ich weiß.“, sagt er und sieht seine Frau im Haus verschwinden. Er folgt ihr hinein. Sie schließt<br />

die Badezimmertüre, sperrt nicht ab. Wie angewurzelt steht er da, den Schraubenzieher fest<br />

umklammert, doch nicht lange. Hermann öffnet die Türe und tritt ein.<br />

Elf<br />

Ich habe mein Versprechen gehalten, denkt Hermann, alles ist bereit und noch niemand da.<br />

Beinahe alles. An diesem Punkt kommt Hermann ins Grübeln. Er denkt über die Notwendigkeit<br />

des nächsten, letzten Schrittes nach, kommt jedoch binnen kurzer Zeit zu dem Schluss, dass alles<br />

Bisherige nichts wert wäre ohne ebendiesen letzten Schritt.<br />

Hermann hebt das Kinn, setzt die Säge an und schluckt. Der Kopf rollt von seinem H<strong>als</strong>. Hermann<br />

kniet nieder und sucht danach. Weit kann er wohl nicht gekommen sein. <strong>Die</strong> beiden Hände tasten<br />

um die Wette, schließlich finden sie den verlorenen Körperteil ihres kopflosen Hermann. Auch dieses<br />

wird, mit einem zweiten vorbereiteten Seil, gehisst. Traurig darüber, sich selbst kein Bild seines<br />

Werkes machen zu können, verlässt er den Ort des Geschehens. Hermann und Julia baumelnd<br />

hoch oben am Mast, alle Lichter auf sie gerichtet, ein in den Mittelpunkt gerücktes Glück, denkt<br />

Hermann.<br />

Er hinterlässt Spuren auf der frisch gestrichenen Mauer, Körperfarbspritzer, bekommt es jedoch nicht mit.<br />

Immer wieder stolpert er beinahe über kleine Hindernisse wie Steine, Holzstücke oder Grashügel. <strong>Die</strong><br />

Arme rudern auf seinem Weg in den Wald. Erst spät nachts, <strong>als</strong> schon alles geschehen ist, wird Hermann<br />

seine Julia finden, die Stelle, an der er sie begrub, und sich neben sie legen. Ich hätte sie gar nicht wieder<br />

zudecken müssen, denkt Hermann, ich breche ihren Schlaf ohnehin wieder auf. Vielleicht ordne ich sie<br />

ein bisschen anders an, denkt er weiter, vielleicht macht es das neben ihr Liegen interessanter. Der Wind<br />

wird uns beide zudecken, es wird nicht kalt sein, wie schön, dass ich keine Ohren mehr habe, keine<br />

Augen, wo Licht ist, wollen die Menschen hin, das zieht sie an, sind die letzten Gedanken des Hermann<br />

Adler, wie er zwischen den dichten Baumkronen vergeblich nach den ersten Sternen Ausschau hält und<br />

sich ins erdige Bett legt, neben Julia, seine uneins schlafende Ehefrau.<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

20


Zwölf<br />

Ein Wagen fährt vor. Der Auspuff vibriert gereizt, schlottert vor Hitze. <strong>Die</strong> Türen springen auf. Ein<br />

weiterer Wagen. Es ist Zeit. Wer pünktlich sein will, muss nun angekommen sein. Das Gartentor<br />

quietscht. Freudiges Lachen der Gäste zeugt von einer Hochstimmung, die nicht hierher passt. Sie<br />

können es noch nicht wissen. Mitgebrachte Weinflaschen liegen schwer in den Händen der heiteren<br />

Besucher. Man bewundert die schöne Vorderfront des Hauses, obwohl man sie längst kennt. Fast<br />

zwei Dutzend bewegen sich schon ums Haus herum, man wartet aufeinander. Erstaunlich, wie<br />

zeitgleich sich alle gesellig versammeln.<br />

Nur wenige Augenblicke trennen die eintreffenden Gäste von einem Anblick, der deutlich machen<br />

wird: <strong>Die</strong> Gewalt des Hermann Adler sind die vielen hellen Lichter.<br />

<strong>Die</strong> Gewalt Des Hermann Adler<br />

21


Stefan Petermann<br />

geboren 1978 in Werdau/DDR. Aufgewachsen im Regierungsbezirk Karl-Marx-Stadt. Nach dem<br />

Zivildienst entscheidet er sich für ein Wirtschaftsstudium, kurz darauf dagegen. Geht nach Weimar,<br />

um dort Mediengestaltung zu studieren. Macht seitdem Filme. Spielt Musik in einer Gitarrenband.<br />

Schreibt seit zwei Jahren für das Onlinemagazin JUSTmag.net und länger schon kurze Erzählungen.<br />

Stefan würde gern eine Geschichte für die Frankfurter Tatort-Kommissarin erfinden.<br />

Was ich liebe.<br />

„Wenn es die Sonne nicht gäbe, dann wäre dieser Raps nicht so gelb“, sagt Lena, „erst das Licht<br />

macht ihn gelb.“<br />

Ich meine, keine Ahnung, ob das stimmt oder ob sie wieder mal was verwechselt. Aber Lena<br />

könnte alles sagen in diesem Moment. Ich würde ihr alles glauben. Und ich frage, wer würde das<br />

nicht? Ich meine, es ist Frühling und in der Luft liegt noch der Geruch von Regen und wir sitzen in<br />

diesem Rapsfeld und das ist wirklich alles wunderschön. Nicht im Sinne, wie ein Fernsehmoderator<br />

„wunderschön“ sagen würde, sondern irgendwie viel mehr wie ... Ich kann dafür gerade keine<br />

Worte finden. Aber ich muss das auch nicht. Weil Lena das für mich macht. Ich meine, ich blicke<br />

ihr schon ab und zu in die Augen und ihr blaues Sommerkleid habe ich auch registriert und die rote<br />

Mohnblume, die ich ihr vorhin gepflückt habe, sehe ich sehr auffällig in ihrem Haar leuchten. Aber<br />

eigentlich beobachte ich hauptsächlich Lenas Mund. Der ist schon ein ziemliches Wunder. Manchmal<br />

krieg ich mich darüber gar nicht mehr ein. Sie kann wirklich absolut bescheuerte Sachen sagen und<br />

das ist trotzdem ganz großartig, weil die bescheuerten Sachen ja aus ihrem Mund kommen.<br />

Gerade sagt sie etwas total Dämliches über die Stromleitungen, die sich wie Spinnweben über die<br />

Felder spannen. Lena beobachtet die Vögel, die auf den Leitungen sitzen und behauptet, die Vögel<br />

würden deshalb keinen Stromschlag kriegen, weil ihre Füße von einer nichtstromleitenden Schicht<br />

überzogen sind. Ich meine, diese Aussage kann doch niemand ernstnehmen? Lena ist zwar erst<br />

16, aber so was weiß man doch schon in diesem Alter, oder? Wirklich, so was Dämliches. Trotzdem<br />

bin ich hingerissen und nicke sanft wie der Wind, der die Regenwolken zurück in die Stadt treibt.<br />

Natürlich, Lena, isolierte Vogelfüße, natürlich gibt’s die, ist so eine evolutionäre Sache. Ich nicke und<br />

bestaune diesen makellosen Mund und die makellose Haut um den Mund herum und überhaupt<br />

alles Makellose an Lena. Ich glaube auch, dass Lena weder weiß, dass sie nicht oft kluge Sachen<br />

sagt, noch dass sie makellos ist. Ich meine, das Rapsfeld ist so gelb und Lena liegt mit mir an<br />

diesem perfekten Tag in diesem Feld, sie hat keine Ahnung, wie wunderschön alles ist.<br />

Aber grundsätzlich verstehe ich diesen Augenblick nicht. Wenn etwas wirklich Wunderschönes<br />

passiert, dann denke ich, das kann doch so nicht bleiben! Ich meine, ich spreche gerade von<br />

einem absoluten intensiven Moment, ein Moment, der so schmerzhaft perfekt ist, dass auch die<br />

kleinste Abweichung ihn zu einem durchschnittlichen Erlebnis werden ließe. Und was passiert,<br />

wenn Schönes plötzlich weniger schön wird ... Der Jammer nimmt nach der Perfektion sekündlich<br />

und proportional zu. Man kennt das ja. Ist ein Haufen Enttäuschung und Bitterkeit und man grämt<br />

sich über das Leben und sagt so schwere Worte wie „Vergänglichkeit“. Philosophieren macht Leute<br />

echt zu Idioten. Ich meine, wenn man Dinge nicht ändern kann oder nicht versteht, warum sie<br />

sich nicht ändern lassen, dann muss man doch nicht noch darüber faseln, oder? Fotoalben <strong>zum</strong><br />

Beispiel. Ein Albtraum! <strong>Die</strong> Leute gucken da rein und haben erst mal und später keinen Spaß damit,<br />

weil die Leute sich natürlich mit sich selbst von früher vergleichen. So im Sinne von Früher war alles<br />

besser und Da war ich ja noch viel schlanker und Guck mal, hier hat Opi noch gelebt. Ich meine,<br />

man feiert Feste und sollte die dann auch gleich vergessen. Man macht sich andernfalls nur das<br />

Leben schwer, weil man sich ständig versucht zu erinnern, wie toll alles war. Obwohl das vielleicht<br />

gar nicht mal stimmt.<br />

Aber ich gehöre ja auch zu den Leuten und deshalb kann ich so was ganz gut verstehen. Im<br />

Grunde genommen macht es mir noch mehr zu schaffen <strong>als</strong> den öden Digitalkameraknipsern, die<br />

so leidenschaftslos jeden Moment festhalten ohne auszuwählen, welcher wirklich von Bedeutung<br />

ist. Ich meine, ich sehe Dinge an und ich sehe sie in fünf Dimensionen. Das können die nicht. <strong>Die</strong><br />

schauen aufs Display, aber nicht auf die Dinge selbst und dann glauben die noch, die Dinge zu<br />

verstehen. Dabei ist alles, was die aktiv machen, auf einen Knopf zu drücken.<br />

Was ich liebe.<br />

22


Ist aber eine seltsame Sache, dieses 5D-Sehen. 3D ist ja klar. Mein 4D ist die aktuelle Schönheit<br />

(<strong>als</strong>o wie im Augenblick gerade Lenas Mund oder die Mohnblume in ihrem Haar). Ich glaube, ein<br />

paar Leute können auch in 4D sehen. Aber jetzt kommt’s. Mein 5D schafft mich echt. Ich sehe in<br />

die Zukunft. Und was ich sehe, gefällt mir gar nicht. Zum Beispiel wenn ich eine sattgelbe Banane<br />

im Supermarkt in der Hand halte, wird mir ganz schlecht, weil ich das Braune und Vergammelte und<br />

Verschimmelte gleich noch mit blicke.<br />

Ich sehe ein Ding und ich sehe es, wie es den Bach runtergeht. So funktioniert 5D und es wäre<br />

manchmal sehr hilfreich, nur 4D zu sehen.<br />

Ich meine, das sind vielleicht in erster Linie kranke Gedanken, die niemand verstehen kann. Ich<br />

selbst erkenne da ja keine zwingende Logik. Andere sehen vielleicht auch in 5D, aber ich habe bisher<br />

niemanden getroffen, der etwas gegen dieses Den-Bach-Runtergehen getan hätte. Ich meine, man<br />

muss doch was tun! Wenn man weiß, wie’s kommt, ist es doch widersinnig, extra auf den Schmerz<br />

zu warten.<br />

Ich habe immer was getan. Mein Kätzchen <strong>zum</strong> Beispiel. Ich war sieben Jahre alt oder so und<br />

mein Kätzchen war wirklich sehr niedlich. Ich hatte ihr irgendeinen entzückenden Namen gegeben,<br />

Samtauge oder Federfell oder Weißpfötchen, kann sein, dass mein Kätzchen Weißpfötchen hieß.<br />

Weißpfötchen war noch sehr jung, ein paar Wochen, kleine Tätzchen, weißes Fell, Kornblumenaugen,<br />

das volle Niedlichkeitsprogramm eben, das Tantenherzen in zartschmelzende Pralinen verwandelt.<br />

Weißpfötchen hatte Geschwister, die waren kohlrabenschwarz und größer und hatten spitzere Krallen.<br />

<strong>Die</strong> sind immer über Weißpfötchen hergefallen. Ich meine, ich habe versucht, mein Kätzchen vor<br />

den anderen zu beschützen, aber ich konnte ja nicht immer bei ihr sein! Wenn ich nach der Schule<br />

nach Hause kam, waren Kratzspuren in ihrem Fell und manchmal tropfte Blut auf ihre Schnurrhaare<br />

und einmal war auch ein Auge ganz verklebt, da hatte ihr jemand einen Stoß gegeben. Ich meine,<br />

Weißpfötchen war das schönste Kätzchen, das ich jem<strong>als</strong> gesehen habe. Aber ich sah auch, wie<br />

Weißpfötchen wuchs und wie sie manchmal zurückkratzte und ihr weißes Fell verstruppte. Das<br />

konnte jeder sehen!<br />

Eines Tages, <strong>als</strong> meine Eltern noch in der Arbeit waren, ließ ich Wasser in die Badewanne laufen. Bis<br />

<strong>zum</strong> Rand habe ich die Wanne gefüllt. Dann schnappte ich Weißpfötchen. Sie hat sich nicht gewehrt,<br />

ich meine, bisher hatte ich sie ja auch immer beschützt, wieso sollte sie sich auch vor mir fürchten?<br />

Jedenfalls nahm ich ein paar dieser durchsichtigen Plastikbeutel, in die man im Supermarkt Obst<br />

und Gemüse packt, und steckte Weißpfötchen hinein. Sie blieb ganz ruhig, vielleicht dachte sie,<br />

das wäre ein Spiel oder so. Erst <strong>als</strong> ich den Beutel in die Wanne ließ, begann sie sich zu bewegen.<br />

Ich holte mir einen Stuhl aus der Küche und setzte mich vor die Badewanne und beobachtete<br />

Weißpfötchen ganz genau. Aus den Plastikbeuteln kam sie nicht raus. Sie kugelte ein bisschen<br />

über den Boden der Wanne. So kleine Luftbläschen stiegen auf und manchmal hörte ich sie auch<br />

maunzen, das war ganz leise und traurig.<br />

Ich konnte durch die Plastikbeutel hindurch genau sehen, wie groß ihre Angst war. Aber sie hat sich<br />

nicht wirklich gewehrt. Sie blieb ziemlich ruhig und das hat mir dann Angst gemacht. Doch ich bin<br />

stark geblieben und habe abgewartet. Irgendwann wurde sie dann ganz ruhig. Ich nahm die Beutel<br />

aus der Wanne und vergrub Weißpfötchen in unserem Garten. Ich meine, ich musste nicht gerade<br />

tief graben. Als meine Eltern kamen und fragten, wo mein Kätzchen sei, begann ich zu weinen und<br />

sie haben nicht verstanden, warum ich weinte. Ich habe es ihnen auch nie gesagt!<br />

Kürzlich hat ein Junge 40 Leute in Berlin mit einem Messer angegriffen. 40 Leute! Der lief durch die<br />

Stadt und stach mal auf den, mal auf den anderen ein. Hat aber niemand so richtig mitbekommen.<br />

Wenn der mit einer Pistole oder so geschossen hätte, dann hätte sich jeder gleich umgedreht und<br />

geschrieen und auf den Boden geworfen. So aber stach er unerkannt auf diese Leute ein und<br />

konnte erst nach 40 Messerstichen von der Polizei gestoppt werden. Später kam raus, dass der<br />

Erste, den der Junge angestochen hatte, AIDS hatte. Es kann <strong>als</strong>o sein, dass sich jetzt 39 andere<br />

noch mit AIDS anstecken. Das wissen die aber erst in ein paar Monaten. Das dicke Ende kommt<br />

eben immer etwas später. Der Junge konnte nicht erklären, warum er die Menschen angegriffen<br />

hatte. Er hätte mich fragen sollen. Ich hätte es ihm erklärt. Ich hätte ihm gesagt, dass man manche<br />

Dinge nur in manchen Momenten erklären kann. Wenn die Momente vorbei sind, helfen auch alle<br />

Verhöre und so was wie Hypnosen nicht mehr, da kommste nicht mehr ran. Ist weg und für alle Zeit<br />

verschwunden. So ist das.<br />

Was ich liebe.<br />

23


Ich glaube, bei vielen Leuten ist das wie bei Raps. Erst wenn Licht auf sie fällt, beginnen sie zu<br />

leuchten. Ich denke schon, dass auf jeden der Leute mal Licht fällt. Und genau das ist das Problem.<br />

Weil das Licht auch mal wieder verschwindet.<br />

Das ist dann echt beschissen. Ich meine, der Raps blüht ja auch nur einmal im Jahr. Und dann ist<br />

Sense. Glaubt jemand vielleicht, ich würde mich mit Lena in ein Rapsfeld ohne Raps legen? Es gibt<br />

doch nichts Hässlicheres <strong>als</strong> ein abgeerntetes Feld. Da bleibe ich lieber zu Hause oder in der Stadt.<br />

Ich meine, die Leute stehen im Dunkeln und vieles läuft irgendwie f<strong>als</strong>ch und dann kommt Licht,<br />

<strong>als</strong>o ich mein’ das jetzt übertragen, das kann Geld sein oder eine nette Frau oder auch was ganz<br />

Kleines, wie wenn man mit seinem Pudel so einen Pudelwettbewerb gewinnt. Ist egal, die Leute<br />

merken das schon ganz genau, wenn es sie trifft. Und sie spüren auch ebenso genau, wenn’s wieder<br />

weniger wird. Da sind die Leute ganz sensibel. Ich meine, ein paar kommen schon damit klar und<br />

sagen, okay, ich war jetzt lange genug in der Sonne, jetzt kann das Leben auch mal wieder einen<br />

Gang zurück schalten. Aber im Prinzip kommen die Leute damit nicht klar, sondern heben sich so<br />

Zeugs wie Urkunden oder Zeitungsartikel oder Erinnerungen in einer ganz besonderen Schatulle<br />

auf. Und wenn die geöffnet wird, dann aber. Ich sag mal, das macht man nicht gerne.<br />

Deshalb wäre so meine Einstellung ein ziemlich cooler Titel für ein Lied. „They fuck what they love“<br />

<strong>zum</strong> Beispiel. Habe ich selbst mal gesungen. Das Prinzip mit dem Kätzchen hat sich nämlich so<br />

durchgezogen, dieses Ich-beende-alles-bevor-es-abfällt. Ich liebe Musik und habe auch mal eine<br />

Zeitlang in einer Band gespielt. Lief ziemlich gut, wir sind übers Land gekommen und das Land hat<br />

uns sehr gemocht. Unser größter Auftritt war in so einer kleinen Halle, waren gar nicht mal so viele<br />

Leute da, aber die haben uns richtig gefeiert. Ich meine, so richtig auf die Bühne gestürmt und uns<br />

um Zugaben angefleht. Das war schon fast beängstigend, wie die Kirschblütenmädchen zu meinen<br />

Füßen rumgerutscht sind und geschrieen haben. Nach dem Auftritt habe ich mich von den Jungs<br />

verabschiedet. <strong>Die</strong> haben erst sehr erstaunt geguckt, später sind sie fast ausgerastet. Aber ich bin<br />

gegangen. Und hatte damit recht. <strong>Die</strong> Band gab’s noch ein paar Jahre, aber weder ist dann noch<br />

jemand gerutscht noch hat jemand gefleht.<br />

Oder meine Frau. Ich meine, ich habe sie eigentlich immer sehr geliebt. Aber erinnere ich mich<br />

nur an diesen einen Moment, kurz nach der Geburt von Lena. Wir lagen an einem Sonntag im Bett,<br />

ich links, meine Frau rechts und in der Mitte Lena, die noch ein Baby war. Es war Sommer und die<br />

Sonne knallte durchs Fenster, <strong>als</strong>o wunderschön, <strong>als</strong> es plötzlich klingelte. Sonntag Morgen! Ich war<br />

stinksauer, <strong>als</strong> ich zur Tür stürmte. Draußen stand unsere Nachbarin, mit so einem riesigen Tablett.<br />

Sie meinte, sie hätte noch Brötchen und Obst und Marmelade und Eier übrig, ob wir das nicht<br />

gebrauchen könnten. Das konnten wir. Ich nahm das Tablett und dann frühstückten wir im Bett. Als<br />

Lena aufwachte und meine Frau sie stillte, ich meine, das war wirklich mein Leben, das konnte ich<br />

kaum glauben, an diesem Sonntagmorgen.<br />

Und auch klar, dass die Liebe zwischen den Leuten abnimmt, je länger sie zusammen sind. Ich<br />

meine, wenn klar ist, dass etwas ein schlechtes Ende nehmen wird, da beende ich es doch lieber<br />

vor dem schlechten Ende. Wer würde das nicht machen? Lena besucht mich manchmal noch.<br />

Nicht, dass ich gerade viel von ihr und ihrem Leben weiß, aber es reicht trotzdem, dass ich in<br />

ständiger Angst lebe. Bis sie dann heute auftaucht. Da schlägt der alte Affe hart zu. In ihrem blauen<br />

Sommerkleid kam sie und in den Raps wollte sie. Da ahnte ich schon, wie wunderschön alles<br />

werden würde. Da roch es schon nach Abschied. Da beschlich mich so eine Ahnung. Ich meine,<br />

nicht dass Lena wie Weißpfötchen wäre, aber irgendwie schon. Ich weiß ja ganz genau, welche<br />

Gedanken bei mir ablaufen. Und dass ich was tun muss. Lena bleibt nicht so, soviel ist klar. Wäre<br />

ich doch nicht mitgegangen!<br />

Nachts gibt es kein Licht. Der Raps ist schwarz und unsichtbar. Taschenlampenstrahlen schneiden<br />

in die Dunkelheit. Jemand ist verschwunden. Ich wollte Lena da nicht mit reinziehen, aber ich meine,<br />

sie ist wunderschön und so und das wird nicht bleiben, da ist schon klar, wie das ausgehen wird. Ich<br />

muss immer wieder an Weißpfötchen denken und wie ich vor der Wanne saß und zugesehen habe.<br />

Ich meine, ich bin heute noch überzeugt, dass es richtig war. Aber irgendwie auch nicht.<br />

Ich sehe Lena vor mir. In ihrem blauen Sommerkleid, ich rieche ihren leicht süßen Schweißgeruch,<br />

der trotzdem nach Blumen oder so duftet. Aber vor allem sehe ich ihren Mund. Sie kreischt und<br />

schreit und einer der Polizisten muss sie festhalten, damit sie nicht hinfällt. Es tut mir wirklich<br />

wahnsinnig leid.<br />

Wahrscheinlich haben die Polizisten Lena gebeten, ihnen den Ort zu zeigen, an dem sie mich<br />

zuletzt gesehen hat. Also ist Lena mit ihnen <strong>zum</strong> Rapsfeld gegangen. Ich meine, wenn man das<br />

Was ich liebe.<br />

24


streng nimmt, ist es nicht gerade logisch, was ich getan habe. Ich meine, ich habe niem<strong>als</strong> zu den<br />

schönen Dingen oder so gehört. Und den perfekten Moment gab’s zwar auch nicht nur einmal, aber<br />

den hätte es auch ohne mich gegeben. Vielleicht ist das auch alles totaler Schwachsinn, ich mein’,<br />

meine Gedanken und was ich so getan habe. Das ist zwanghaft und ich bin angedreht und bilde mir<br />

was ein und zerstöre etwas sinnloserweise, weil ich Angst ... Aber was, wenn nicht? Wenn ich Recht<br />

habe? Ich meine, ich muss doch handeln! Wäre es da nicht sinnvoller, nicht die schönen Dinge<br />

umzubringen, sondern mein fünfdimensionales Sehen?<br />

Da steht Lena vor mir und weint genauso leise wie mein Kätzchen. Bestimmt wird sie nichts verstehen.<br />

Aber das ist so. Der Moment ist vorbei und von nun an verschließe ich alles in einer Schatulle und<br />

alles bleibt für immer verschwunden.<br />

Was ich liebe.<br />

25


Jakob Pretterhofer<br />

geboren 1985 in Graz. Nach einer braven Kindheit mit viel Fußball und wenig Tennis 2003 AHS-<br />

Matura. Darauf folgend versucht er sich ein Jahr an einem Doppelstudium in Graz, wobei ihn<br />

nur die Germanistik fesseln kann. Seit Herbst 2005 Studium an der Filmakademie Wien. Mit der<br />

Kurzgeschichte „Fiebrig. Und sonst nichts.” gewinnt er 2005 den „Wiener Werkstattpreis“.<br />

Rot, Gelb, Grün<br />

Rot<br />

Herr Josef Popschar steht vorne im Hörsaal, wie es sich für ihn gehört. Er blickt den Hörsaal<br />

hinauf, in die vor seinen Augen zu buntem Brei verschwimmende Studentenmasse. Es werden<br />

wie meistens an die fünfhundert Studenten sein. Herr Popschar hält <strong>zum</strong> siebten Mal seine<br />

Einführungsvorlesung. Er sollte sie <strong>zum</strong> siebten Mal halten. Er hat keine Lust mehr. Beim sechsten<br />

Mal, im einundzwanzigsten Jahr an der Universität, hat er begonnen, seine Vorträge auf Minidisc<br />

aufzuzeichnen. Herr Popschar schließt seinen Minidisc-Player an die Stereoanlage des Hörsa<strong>als</strong><br />

an. <strong>Die</strong> Studenten schauen ihn gespannt an. Zuhauseerzählt Herr Popschar seiner Tochter, dass<br />

die Studenten nichts mehr könnten außer blöd gaffen und zu buntem Brei verschwimmen. Herr<br />

Popschar legt die mit „Einführungsvorlesung, erste Einheit“ beschriftete Minidisc in den Player,<br />

startet sie und verlässt den Hörsaal. <strong>Die</strong> Studenten schauen gebannt nach vorne und lauschen.<br />

Irgendetwas ist anders, irgendwie auch nicht. Sie wundern sich, warum niemand da ist, hören weiter<br />

zu.<br />

Herr Popschar hat sich durch eine Minidisc zwei Semesterstunden mehr Freizeit verschafft. Statt<br />

vorzutragen und keine Fragen zu beantworten, geht er lieber Tennis spielen. Er fährt auf den<br />

Parkplatz vor der Tennishalle und steigt aus. Es ist kalt.<br />

Aus der Ferne sieht er schon den Wagen seines Spielpartners, Herrn Kokosisi. Ihn selbst sieht er<br />

nicht, obwohl er im Auto sitzt, sein Autoinnenraum ist vollgeraucht. In der Tennishalle ist leider<br />

Rauchverbot. Jetzt steigt Herr Kokosisi mit zwei Rauchschwaden und einer Tennistasche aus dem<br />

Auto und hebt die freie Hand <strong>zum</strong> Gruß. Scheiß Raucher, denkt sich Herr Popschar und lächelt Herrn<br />

Kokosisi an. Scheiß Akademiker, denkt sich Herr Kokosisi und schnäuzt sich in ein Taschentuch.<br />

Herr Popschar und Herr Kokosisi haben sich fertig aufgewärmt. Bald kann das Match beginnen.<br />

Herr Kokosisi sagt, ich muss noch kurz aufs WC. Er verlässt die Tennishalle, geht auf den Parkplatz<br />

und raucht, vor Kälte zitternd, schnell eine Zigarette. Scheiß Winter, denkt sich Herr Kokosisi.<br />

Währenddessen trainiert Herr Popschar fleißig weiter seinen Aufschlag. Er will endlich gegen Herrn<br />

Kokosisi gewinnen. In der Schule und beim Studium ist ihm alles leichtgefallen. <strong>Die</strong> Prüfungen auf<br />

der Universität hat er <strong>als</strong> lächerlich empfunden, am liebsten hätte er seine Mitstudentinnen und<br />

Mitstudenten alle ständig beschimpft wegen ihrer Blödheit und Unentschlossenheit, hätte es da<br />

nicht die eine gegeben, die ihm gefallen hat und die schlussendlich auch seine Frau geworden ist.<br />

Selbst in der Liebe, in dem, was Herr Popschar unter Liebe versteht, plant er und führt genau durch,<br />

und es funktioniert. Aber der Sport. Der will sich seinem Ehrgeiz nicht unterordnen. Immer gewinnt<br />

dieser Kokosisi, dick, dumm und faul ist er, denkt sich Herr Popschar.<br />

Also muss der Aufschlag trainiert werden. Herr Popschar wirft den Ball in die Höhe, konzentriert<br />

sich, schwingt den Schläger, trifft den Ball fest, sein rechtes Knie schnalzt, der Ball fliegt über das<br />

Netz und geht knapp ins Out. Schade, sagt Herr Kokosisi und hustet. Herr Popschar schaut ihn<br />

gequält an, sein rechtes Knie brennt. Wenn der Aufschlag funktioniert, ist Tennis ein wunderschöner<br />

Sport, sagt Herr Kokosisi und stellt sich an die Grundlinie.<br />

Herr Popschar humpelt <strong>zum</strong> Aufschlag. Er schlägt den Ball fest über das Netz, Herr Kokosisi kommt<br />

nicht mehr <strong>zum</strong> Ball, das erste Ass von Herrn Popschar, gleichzeitig sein erster Meniskuseinriss.<br />

Herr Popschar liegt mit schmerzverzerrtem Grinsen am Boden. Er versucht sich so zurechtzulegen,<br />

dass er das Feld, in welches er das Ass geschlagen hat, sehen kann. Herr Kokosisi ruft die Rettung,<br />

dabei raucht er. Er hat keine Lust, Herrn Popschar ins Krankenhaus zu bringen.<br />

Herr Popschar liegt im Krankenwagen. Er ist noch nie mit heulender Sirene und Blaulicht gefahren,<br />

wieder hat er es nicht so weit gebracht. Der Krankenwagen muss bei Rot stehen bleiben. Herr<br />

Popschar ärgert sich.<br />

Rot, Gelb, Grün<br />

26


Gelb<br />

Lisa sitzt zuhause und schaut in ein Buch. Sie kann sich nicht konzentrieren, liest jeden Satz drei<br />

Mal und versteht trotzdem nichts. Sie denkt an ihren Freund in Australien, sie stellt sich vor, wie<br />

er mit Kängurus spielt, auf ihnen reitet und glücklich ist. Da läutet das Telefon. Sie hebt ab, nickt,<br />

legt wieder auf, zündet sich eine Zigarette an. Während sie raucht, schaut sie in den Raum, kann<br />

sich dabei ein Grinsen kaum verkneifen. Dann beginnt sie, durch ihr Zimmer zu springen wie<br />

ein fröhliches Känguru ohne Freund am Rücken. Sie hüpft zu einer Reisetasche, räumt sie mit<br />

Männerkleidung voll und hüpft dann weiter zu ihrem Auto.<br />

Jetzt steht Lisa mit dem Auto am Parkplatz vor dem Krankenhaus. Sie raucht im Auto, im Gebäude<br />

ist Rauchverbot. Dann steigt sie aus und geht ins Krankenhaus.<br />

Sie betritt das Zimmer ihres Vaters. Ich muss am Meniskus operiert werden, sagt Herr Popschar<br />

und schaut seine Tochter gequält an. Dabei habe ich so viel zu tun. Ich weiß, sagt Lisa, die Ruhe<br />

wird dir gut tun.<br />

Du stinkst, sagt Herr Popschar, du hast geraucht. Lisa grinst. Ich habe dich vermisst, sagt sie und<br />

küsst ihn auf die Wange, dabei atmet sie ihm tief und fest und rauchig ins Gesicht. Warum du dir das<br />

antust, ständig so zu stinken, verstehe ich nicht. Du machst den ganzen Tag nichts anderes <strong>als</strong> dich<br />

vollzustinken und dein Leben zu verkürzen, sagt er. So eine Meniskusoperation soll schmerzhaft<br />

sein, sagt Lisa, der Robert hat mir das einmal erklärt, wie das Skalpell zuerst am Knie ansetzt und<br />

dann – Herr Popschar beginnt laut zu lachen. Was ist, fragt Lisa. Es tut mir leid, aber immer wenn<br />

ich mir diesen Schwachkopf mit dir zusammen vorstelle, wie er dir was erklärt, muss ich zu lachen<br />

anfangen, sagt er.<br />

Lisa setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett, in dem Herr Popschar liegt. Der lacht röchelnd,<br />

zwischendurch kurze Stöße Nichtraucherhusten. Lisa sieht ihrem Vater direkt in die Augen. Er<br />

verstummt kurz, hustet dann noch zwei Lacher aus sich heraus und schaut Lisa jetzt auch direkt<br />

an.<br />

Wie fühlt man sich, so hilflos, fragt Lisa. Ich bin nicht hilflos, sagt Herr Popschar. Mein Meniskus ist<br />

eingerissen, nicht mein Hirn.<br />

Lisa beugt sich über ihren Vater, ihr Gesicht nahe bei seinem. Plötzlich kannst du dich nicht mehr<br />

bewegen, deinen schwachen, alten Körper. Du wirst vielleicht noch zwei Artikel publizieren, in<br />

irgendwelchen Zeitschriften, die keine Sau liest. Und dann ist es aus mit dir. Du bist ja wahnsinnig,<br />

sagt er. Er grinst. Lisa grinst auch, steht auf und haut ihrem Vater auf das verletzte Knie. Er schreit<br />

auf, schließt die Augen, es ist ihm, <strong>als</strong> würde der Schmerz wie eine schwarze Wand durch seinen<br />

Körper gemauert werden und für immer dort stehen bleiben und ihn mit ihrer Schwere auf den<br />

Boden werfen, sodass er nicht und nie mehr hochkommt. Als er die Augen wieder öffnet, die Wand<br />

in ihm langsam zerbröckelt, ist Lisa weg.<br />

Lisa geht langsam zu ihrem Auto zurück, sie versucht langsam zu gehen, in der Hoffnung, dadurch<br />

ihre Wut und ihre Schadenfreude auch nur langsam in sich aufsteigen lassen zu können. Aber<br />

nach ein paar Schritten stürzt es in sie hinein. Sie denkt, das Schicksal, an das sie nicht glaubt, hat<br />

ihren Vater erwischt, ihm eines ausgewischt. Ihr Vater ist bestraft worden. Was für ein Glück. Der<br />

Meniskus ist gerissen, die Hoheit gebrochen. Sie denkt an Robert und wie sie fröhlich auf seinem<br />

Rücken reitet, <strong>als</strong> wäre er ein großes Känguru.<br />

Dann kommen sie wieder. <strong>Die</strong> Erinnerungen hoch wie Kotze. Tochter sein. Negativer Kontrast.<br />

Ein blasses Abziehbild. <strong>Die</strong> Mutter irgendwann mit dem Auto eine Bergstraße hochgefahren, eine<br />

Serpentine nach der anderen, bei einer Aussichtsplattform am Schotter stehen geblieben, zu einem<br />

Baum gegangen und sich aufgehängt.<br />

Lisa würde ihren Vater gerne schuldig erklären, für alles. Das wäre zu einfach, denkt sie. Aber der<br />

Meniskus, der eingerissene. Der macht kurz zufrieden. Eine Strafe für nichts Bestimmtes, verhängt<br />

vom Schicksal, an das sie nicht glaubt.<br />

Sie blickt beim Gehen hinunter auf ihre Beine, wie sie ihren Körper weiter tragen, während sich in<br />

ihrem Kopf weiter Gedanken zusammenbrauen und zu gären anfangen. <strong>Die</strong> Beine spazieren mit ihr<br />

weiter. Links. Rechts. Links. Rechts. Ein Zebrastreifen erscheint unter ihr. Im rechten Augenwinkel<br />

sieht sie einen Radfahrer. Der schießt sie ab. Als das Vorderrad ihr rechtes Bein bereits berührt,<br />

brüllt der Radfahrer „Achtung“.<br />

Der Radfahrer (Herbert) ist bei Gelb über die Ampel gerast, Lisa hat nur auf den Zebrastreifen<br />

geachtet. Lisa, Herbert und das Fahrrad liegen ineinander verkeilt am Boden. Lisa ist benommen.<br />

Sie sitzt in einem Nebel, sie raucht gerade nicht. Sind Sie verletzt, fragt Herbert. Er steht schon<br />

wieder, unsicher, putzt sich die Hose ab und tätschelt dann Lisas Wange. Lisa schüttelt den Kopf,<br />

Rot, Gelb, Grün<br />

27


lächelt Herbert an. Warum fahren Sie im Winter Fahrrad, fragt Lisa. Herbert zuckt mit den Schultern,<br />

er weiß es selbst nicht. Dann hilft er Lisa auf, sie humpelt ins Krankenhaus zurück.<br />

Grün<br />

Herr Popschar liegt in seinem Krankenbett. Eine Krankenschwester verlässt gerade das Zimmer. Er<br />

hat, während sie ihm das Essen auf das Tischchen neben dem Bett gestellt hat, einen Witz gemacht<br />

und sie angegrinst. <strong>Die</strong> Krankenschwester hat keinen Mundwinkel verzogen und schüttelt jetzt beim<br />

Verlassen des Raumes den Kopf. Herr Popschar grinst weiter und denkt sich, mein Meniskus ist<br />

eingerissen, mein Körper liegt in einem Krankenhausbett, aber mein Hirn, das ist noch da. Und<br />

solange das noch da ist, müssen sich alle vor mir in Acht nehmen, ob sie wollen oder nicht.<br />

Herr Popschar richtet sich auf. Nach einiger Zeit lässt er den Kopf wieder zurück ins Kissen sinken und<br />

versucht seine Schultern zu entspannen, es gelingt ihm nicht. Er dreht sich zu seinem Mittagessen,<br />

nimmt einen Bissen vom Rindsbraten, will das Stück aus seinem Mund zuerst auf den Boden<br />

spucken, kaut es dann aber doch widerwillig weiter und schluckt es, <strong>als</strong> ob er irgendjemandem<br />

im Raum etwas beweisen müsste. Wieder drückt er sich zurück in das Kissen. Er richtet es sich<br />

mehrm<strong>als</strong>. Aber es will nicht gemütlich werden.<br />

Lisa fragt sich, für was sie das Schicksal, an das sie nicht glaubt, bestraft hat. Ein Verband ist um<br />

ihre Stirn gewickelt, ein anderer um ihr rechtes Bein. Sie sitzt im Wartesaal. Sie stellt sich vor, wie<br />

ihr Vater im Krankenbett liegt und plötzlich das Krankenbett zusammenklappt und mit ihm ihr<br />

Vater, wie es ihm das Rückgrat bricht, der Vater im Rollstuhl sitzt, sie ihn herumführen kann und<br />

muss, und mit ihm machen, was sie will. Nur der Mund müsste ihm noch gestopft werden, denkt<br />

Lisa, oder ein Klebeband drüber und dann Ruhe. Es ist Zeit zu lachen, denkt Lisa. Sie schaut in<br />

den Wartesaal, beobachtet einen Zivildiener, der einen Rollstuhl nach dem anderen mit in sich<br />

zusammengefallenem Inhalt vor sich her schiebt, und plötzlich will sie ihrem Vater das Rückgrat<br />

wieder zusammensetzen und zurechtbiegen, ihm das Klebeband vom Mund reißen und ihn weiter<br />

herumgehen und herumsprechen lassen.<br />

Ihre Stirn beginnt zu jucken, sie reibt mit der linken Hand über sie, hustet in die vorgehaltene<br />

rechte Hand. Sie schließt die Augen. Sie denkt an Robert. Ihren Robert. Sie stellt sich vor, wie er auf<br />

dem Rücken eines Kängurus reitet und sie anlächelt, ihr fällt auf, dass er einen völlig blödsinnigen<br />

Gesichtsausdruck hat, sie stellt sich vor, wie ein Dingo zuerst ihm und dann dem Känguru an die<br />

Kehle springt. Lisa öffnet die Augen, dann steht sie auf und humpelt ins Freie. Sie raucht zwei<br />

Zigaretten.<br />

Herr Popschar denkt an seine Tochter. Wenn sie nicht so blöd wäre, hätte ich sie gerne, denkt er<br />

sich, vielleicht kommt sie mich wieder besuchen. Lisa kommt in das Krankenzimmer. Ich habe<br />

gerade an dich gedacht, sagt Herr Popschar. Ich bin unter ein Fahrrad gekommen, sagt Lisa. Ich<br />

hab mir gedacht, wenn du nicht so blöd wärst, hätte ich dich gerne, sagt Herr Popschar. Das Bein<br />

ist aufgeschürft, sagt Lisa, wie gehts dir. Herr Popschar sieht seine Tochter an. Er wischt sich über<br />

die Stirn, klopft mit der linken Hand mehrm<strong>als</strong> aufs Bett. Besser, sagt Herr Popschar, bitte schlag<br />

mich nicht noch einmal. Das kommt ganz auf dich an, sagt Lisa, dann fängt sie an zu lachen.<br />

Herr Popschar beginnt auch zu lächeln. <strong>Die</strong>ser Robert ist ja wirklich ein Riesenidiot, denkt er sich.<br />

Lisa hat sich wieder beruhigt, du hast dich nicht einmal beschwert, dass ich stinke, du musst<br />

wirklich verletzt sein, sagt sie. Ich hab mich damit abgefunden, dass meine Tochter stinkt. Aber<br />

dieser Robert ... Ich weiß, sagt Lisa. Sie greift nach der linken Hand ihres Vaters, die noch immer<br />

nervös am Bett herumhüpft. Lisa streichelt ihm langsam über die Hand. Sie geht mir ab, sagt Herr<br />

Popschar. Lisa glaubt, eine Träne aus dem rechten Auge ihres Vaters sickern zu sehen, sie würde<br />

gerne eine sehen, aber nichts kommt. Wie sind wir so weit gekommen, denkt sich Lisa, überlegt<br />

hin und her, was sie sagen soll, wie sie irgendetwas sagen kann, aber die Kehle ist zugeschnürt.<br />

Eine Krankenschwester betritt das Zimmer und nimmt das Tablett mit dem bis auf einen Bissen<br />

nicht angerührten Rindsbraten in die Hand. Sie betrachtet die beiden, kurz ist sie neidisch. Hat’s<br />

Ihnen nicht geschmeckt, Herr Popschar, fragt sie. Herr Popschar zieht die Hand unter der seiner<br />

Tochter heraus, so einen Mist kann ich nicht essen, da kann ich mich gleich ins Grab legen, sagt<br />

Herr Popschar. Er grinst die Krankenschwester an. <strong>Die</strong> schüttelt den Kopf, dabei schüttelt sie sich<br />

den Neid ab und verlässt den Raum. Ich geh jetzt, sagt Lisa und steht auf. Herr Popschar nickt, und<br />

rauch nicht zuviel, sagt er.<br />

Rot, Gelb, Grün<br />

28


Zwei Tage später. Es ist Zeit, dass Herr Popschar wieder dorthin kommt, wo er hingehört. Er steht<br />

draußen vor dem Krankenhaus und wartet. Um 13.30 holt ihn seine Tochter ab. Da kommt sie auch<br />

schon, öffnet die Autotür und lässt ihren Vater sich mit den Krücken mühsam in das Auto zwängen.<br />

Du siehst gut aus, sagt Herr Popschar, was ist passiert. Lisa steigt aufs Gas, es reißt ihren Vater<br />

auf dem Sitz nach vorne, bei der nächsten roten Ampel gurtet er sich hastig an, du fährst wie ein<br />

Mädchen, sagt er. Lisa grinst. Soll ich dich gleich auf die Uni fahren oder brauchst du noch was von<br />

zuhause, fragt sie, Unterlagen, deinen Laptop, einen Minidisc-Player vielleicht? Herr Popschar sieht<br />

schräg zu Lisa hin. Er klopft sich mit dem Finger auf den Kopf, <strong>als</strong> würde er jemandem den Vogel<br />

zeigen wollen, ist alles da drinnen, mehr braucht der Mensch nicht, ein Hirn mit einem Willen und<br />

einem Ehrgeiz, sagt er. Ach ja, sagt Lisa, hab ich ganz vergessen. Hast du <strong>zum</strong> Rauchen aufgehört,<br />

fragt der Vater. Lisa bremst ab. Sie schaltet das Radio ein. Lisa fährt wieder an, rechts vorne ist das<br />

Universitätsgebäude zu sehen. Wieder bleibt Lisa stehen. Du stinkst nach Krankenhaus, sagt Lisa,<br />

steig aus. Herr Popschar bringt zuerst seine Krücken, dann sich selbst aus dem Auto, er steht am<br />

Gehsteig vor der Universität. Herr Popschar schaut zuerst zweifelnd auf das Gebäude, dann schaut<br />

er seine Tochter an und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wir sehen uns heute Abend, sagt<br />

er. <strong>Die</strong> Ampel springt auf Grün, Lisa nickt, mehr für sich, und fährt los.<br />

Rot, Gelb, Grün<br />

29


Annette Schwarz<br />

geboren 1964 in Güstrow, Mecklenburg. Abitur und Studium der Betriebswirtschaft, das zu dem<br />

seltsamen Titel Diplomingenieurökonom führt. Seit 1985 regelmäßige Teilnahme an den sogenannten<br />

„Poetenseminaren“ der DDR in Schwerin, 1989 Förderpreis dieses Seminars. In der Wende mit zwei<br />

Koffern nach Gießen ins Auffanglager, von wo sie nach Reutlingen geschickt wird. Irritierter Blick<br />

auf die Landkarte, wo das eigentlich liegt. Ergänzungsstudium in Reutlingen, danach Umzug nach<br />

Hamburg, Arbeit in Rechnungswesen und Controlling. Zwei Kinder können sie nicht vom Schreiben<br />

abhalten. Ein angefangener und zwei beendete Romane landen in der Schublade. <strong>Texte</strong> von Annette<br />

kann man auch auf www.schwarztext.de lesen.<br />

<strong>Die</strong> Rettung<br />

Am Ufer lagen schon die Kanus <strong>als</strong> bunte Farbstreifen vor dem Fluss, dessen Wasser schmutziggrau<br />

und aufgewühlt war. Es spiegelte die niedrig hängenden Wolken, schwarz und bedrohlich.<br />

Jonich starrte aufs Los in seiner Hand. Er hatte ausgerechnet Enderlein gezogen, seinen neuen<br />

Stellvertreter, mit dem musste er ins Boot, es half nichts. Er wusste gar nicht, wie er auf ihn zugehen,<br />

was er sagen sollte. Um Zeit zu gewinnen, tat er, <strong>als</strong> könne er die Schrift nicht entziffern, hielt<br />

den Zettel dicht vor Augen. Er schaute verstohlen auf, doch niemand beachtete ihn. <strong>Die</strong> meisten<br />

Kollegen waren gut gelaunt, hatten sich schon paarweise zusammengefunden und lästerten über den<br />

Betriebsausflug – lauter Bürohengste in Kanus, sagte einer, das wird lustig, wenn welche kentern.<br />

<strong>Die</strong> meisten sahen gelöst aus, voller Vorfreude, waren in Gedanken wohl schon beim Umtrunk, beim<br />

Grillen. Sahen sie das trübe Wetter nicht?<br />

Jonich hätte den Tag lieber verschlafen, anstatt eine Kanufahrt zu machen. Neuerdings arbeitete er<br />

bis <strong>zum</strong> Umfallen, rechnete immer neue Varianten durch, um für die Firma Kosten zu sparen. Er war<br />

nun oft bis spät im Büro, das in der Nähe des Flughafens war. <strong>Die</strong> Lichter der landenden Flugzeuge<br />

leuchteten ihm abends. An manchen Tagen, bei bestimmter Wetterlage, flimmerten sie direkt über<br />

das Bürohaus, in dem Jonich saß. Sie flogen so niedrig, dass ihm fast war, <strong>als</strong> könne er sie greifen.<br />

Wenn keine mehr kamen, wegen des Nachtflugverbots, dann dachte Jonich immer, das letzte hätte<br />

Schlafsand ausgestreut, ihm fielen bald die Augen zu.<br />

Da hinten stand Enderlein. Geh auf ihn zu, dachte Jonich, sag ihm, dass ihr in einem Boot seid.<br />

Aber je näher er Enderlein kam, umso kürzer wurden seine Schritte.<br />

Er kam sich linkisch und lächerlich vor, sein Anorak trug um den Bauch herum auf. Im Büro sah man<br />

einander nur im Anzug. Jonich ging immer mit polierten Schuhen, im Winter im Cashmeremantel,<br />

sorgfältig gebürstet, dazu den Burberryschal. Ihm lag nichts an den teuren Sachen, aber in seiner<br />

Position müsse man sich herausputzen, hatte ihn ausgerechnet seine Sekretärin ermahnt, vor<br />

Jahren schon, seitdem hielt er sich daran. Und jetzt dieser Anorak, in dem er aussah, <strong>als</strong> habe er<br />

einen Bierbauch. Immerhin ging es Enderlein auch nicht besser. Er trug Jeans und eine Windjacke,<br />

stand mitten im Morast, die Schuhe verschwanden im Matsch, er wirkte kleiner <strong>als</strong> sonst.<br />

Jetzt erreichte Jonich Enderlein.<br />

„Ich habe Sie gelost“, sagte er und wedelte mit dem Zettel.<br />

Enderlein sah das Papier nicht mal an. Er gab Jonich die Hand, das machte er sonst nie.<br />

„Hoffentlich hält das Wetter“, sagte Jonich.<br />

Er habe keine Kapuze, antwortete Enderlein.<br />

Vorm Kanu standen die beiden unschlüssig.<br />

„Der Chef sitzt vorn“, sagte Enderlein. Jonich nickte wie ein folgsames Kind. Er hielt sich am<br />

Bootsrand fest, setzte das linke Bein ins Kanu. Es schwankte, vor Jonichs Augen schaukelte der<br />

Himmel, <strong>als</strong> tappten die schwarzen Wolken tollpatschig hin und her. Im Röhricht raschelte es, der<br />

Wind fuhr hinein, ein Vogel schrie auf.<br />

Jonich spürte, wie Enderlein hinter ihm einstieg, das Kanu schlingerte und ächzte. Jonich wurde<br />

übel. Ausgerechnet mit Enderlein in ein Boot zu müssen, das war ein harter Schlag. Enderlein,<br />

der Jonich so hochmütig behandelte, ihm immer widersprach, wenn andere es hörten. Dabei war<br />

Jonich der Chef, aber wie lange noch? Einer vom Vorstand hielt die Hand schützend über Enderlein,<br />

<strong>Die</strong> Rettung<br />

30


vielleicht war der überhaupt eingestellt worden, um Jonich abzulösen, abzusägen, wie es hinter<br />

vorgehaltener Hand gern hieß.<br />

Enderlein war erst seit kurzem in der Firma, wollte aber alles umkrempeln. Regte sich über die<br />

Personalkosten auf und hätte am liebsten hundert Leute entlassen, vermutlich zuerst die Alten,<br />

dachte Jonich. Enderlein sparte, wo es nur ging. Schlug vor, lauter Firmen zu gründen, um Personal<br />

auszugliedern. Statt Putzarbeiten teuer zu bezahlen, hatten sie nun eine eigene Putzfirma mit<br />

Leuten, die kaum einen Hungerlohn bekamen. Eine eigene Softwarefirma hatten sie auch, mit Sitz<br />

weit im Osten, da war der Tarif niedriger. Jonich zweifelte, dass sich das am Ende rentierte, aber<br />

Enderlein würgte jeden Zweifel ab.<br />

Schon schmatzte das Stechpaddel hinter Jonich im Wasser, wie immer legte Enderlein gleich los.<br />

Sollte Jonich links oder rechts einstechen? Beim Seitenwechsel lief ihm Wasser in den Ärmel.<br />

Das Kanu glitt vorwärts, Jonich spürte den kraftvollen Einsatz des Paddels hinter sich, Zug um Zug,<br />

voller Energie.<br />

Es war wie im Büro – Jonich fühlte sich belauert, er wusste den massigen Körper hinter sich, spürte<br />

seine Anwesenheit, ohne ihn zu sehen. Er hätte am liebsten den Kopf gedreht, um zu prüfen, was<br />

Enderlein machte, ob er beim Paddeln schwitzte, ob er ihn anstarrte, ob er gar das Paddel hielt, <strong>als</strong><br />

wolle er es Jonich über den Kopf schlagen.<br />

Enderlein war wie alle diese Kerle, die je vom Wirtschaftsprüfer in die Firma gekommen waren<br />

– zäh, ehrgeizig, rücksichtslos. Natürlich hatte er ein WP im Autokennzeichen. Sobald so einer den<br />

Abschluss <strong>als</strong> Wirtschaftsprüfer hatte, besorgte er sich so ein Kennzeichen. Dann ging er bald in<br />

irgendeine Firma, um einem anderen die Position streitig zu machen, alles umzukrempeln, alles<br />

besser zu wissen, zu ändern.<br />

Enderlein paddelte immer schneller, Jonich fühlte sich gehetzt. Er spürte Tropfen von Enderleins<br />

Paddel auf sich niedergehen, fühlte den treibenden Rhythmus Enderleins. So schnell tauchte der<br />

andere das Paddel ein, viel zu schnell. Der will mich antreiben, der will mich forttreiben, ging es<br />

durch Jonichs Kopf. Dann dachte er: Was für ein Dummkopf! Wir sitzen ja in einem Boot. Du kannst<br />

mich nicht überholen. Ich bleibe vor dir, immer, jag mich nur, jag mich nur. Das ist wie auf einem<br />

Laufband, du rennst, aber du kommst nicht vorwärts, du kommst mir keinen Millimeter näher.<br />

Links und rechts holten Kanus auf. Zwei Frauen aus der Buchhaltung schoben sich Zug um Zug<br />

vorbei, verbissen. Sie hatten keinen Blick für ihren Chef und dessen Stellvertreter, aber Jonich sah<br />

ihnen zu. Der Kopf der ersten ruckte immer auf und ab – sie hob das Paddel, schaute nach vorn,<br />

sie stach es ein, dabei blickte sie zu Boden.<br />

<strong>Die</strong> sind bloß schneller, weil sie viel leichter sind <strong>als</strong> wir, dachte Jonich, dabei wusste er, es lag daran,<br />

dass er sich gar nicht anstrengte. Wozu auch, es war ja nur ein Betriebsausflug? Aber Enderlein<br />

keuchte jetzt hinter ihm, paddelte noch hastiger. Vielleicht hat der ja Angst vor Gewitter, vielleicht<br />

hetzt der deswegen so, dachte Jonich. Dann sah er die Frauen vor sich im Boot, eine blickte plötzlich<br />

zu ihm hin und da packte er endlich mit an. Das Kanu wurde schneller, Wasser spritzte auf. <strong>Die</strong><br />

beiden Buchhalterinnen fielen zurück, sie hatten sich verausgabt.<br />

Ein Blitz ging hinterm Fluss nieder, der Lichtschein brannte sich in Jonichs Blick, er flimmerte noch<br />

Sekunden vor seinen Augen. Bei Gewitter auf dem Wasser zu sein, das ist gefährlich, dachte er.<br />

Sein Puls klopfte, die Angst musste in seinem Gesicht stehen. Er versteckte den Kopf zwischen<br />

den Oberarmen und guckte stur nach unten, dabei sah Enderlein sein Gesicht doch sowieso nicht.<br />

Er paddelte verkrampft, den Kopf so hängend. Dann war ihm, <strong>als</strong> risse das Paddel seinen Arm<br />

nach hinten, kugle ihn aus. Er schrie auf, verlor das Paddel, beugte den Körper aus dem Boot. Er<br />

grapschte ins Wasser, fasste ins Nass, das Paddel war weg und dann kippte das Kanu. Jonich spürte<br />

das Wasser in die Fasern seiner Kleidung dringen. Der ganze Körper war jetzt kalt, das Wasser war<br />

überall, in den Socken, in der Unterwäsche.<br />

Neue Blitze zuckten auf, Jonich sah die Lichter sich verdoppeln, im Wasser gespiegelt. Er dachte, das<br />

Wasser siede gleich. Er fürchtete, er treibe im Wasser, wenn der Blitz es kochte wie ein Tauchsieder,<br />

aus seiner Haut eine blasige Hülle machte.<br />

Der Anorak sog sich voll, er zog ihn nach unten. Jonichs Arme griffen hoch, aber Wellen schlugen<br />

über ihm zusammen.<br />

Er spürte, wie Enderlein ihn am Kragen packte und zog, wie eine junge Katze, die man am Genick<br />

hält. In irrer Wut schlug er nach ihm. Er wollte von dem nicht gerettet werden, nicht wie eine junge<br />

Katze geschleppt und ans Ufer gezerrt werden. Er konnte ja selbst schwimmen, nur gehorchten<br />

seine Arme ihm nicht, war er zu alt? Kaum fünfzig, das ist heute alt, dachte er, du bist alt, alt, alt.<br />

<strong>Die</strong> Rettung<br />

31


Du kannst dich nicht mal ans Ufer retten, es ist vorbei mit dir. Nein, er konnte selbst schwimmen,<br />

er musste nur aus diesem dicken Anorak raus. Wenn der verdammte Enderlein ihn nicht so zöge,<br />

dann käme er aus dem Stoff heraus.<br />

<strong>Die</strong>ser Bursche ist so zäh, dachte er. Leute wie der gingen nicht unter, die schafften alles, die hatten<br />

eine dünne Windjacke an, die sie nicht nach unten zog, wenn sie ins Wasser fielen.<br />

Enderlein hatte ihn jetzt unterm Kinn gepackt. Jonich lag auf dem Rücken, das Gesicht sah gerade<br />

so aus dem Wasser hervor. Er spürte die plätschernde Linie an Wangen und Ohren und bis ins Haar<br />

hinein. Er schaute hoch, Tropfen stürzten herab, ein neuer Blitz brannte ein sternförmiges Muster<br />

in den Himmel. Er kam sich wie eine Puppe vor, ein lebloses Ding, das man am Ufer auswrang und<br />

beiseite legte.<br />

Vielleicht war Enderlein gar nicht so böse, wie er immer glaubte. Möglich, alles war Einbildung,<br />

Verfolgungswahn, nur geträumt, dachte er. Vielleicht wollte Enderlein wirklich die Firma retten, auf<br />

sichere Füße stellen, für die nächsten zehn Jahre ans rettende Ufer bringen. Nein, sagte sich Jonich,<br />

der will sich bloß profilieren, wichtig machen – schon vergaß er diese Gedanken überm nächsten<br />

Blitz, der fast gleichzeitig mit dem Donner kam.<br />

Es ist genau über uns, dachte Jonich und spürte Enderleins Hand unterm Kinn, <strong>als</strong> wolle er ihn<br />

erwürgen, ihm die Luft abdrehen.<br />

Enderlein zog und schleppte ihn Richtung Ufer, Jonich spürte Grund unter den Füßen. Jemand<br />

brachte ihr Kanu herbei und das Paddel, das verlorene, auch.<br />

Jonich ließ sich aufs Gras fallen. Er sah die Hose an seinen Beinen kleben, die wirkten jetzt dünn wie<br />

die eines Greises. Der Anorak trug immer noch auf, obwohl er schwer herunterhing.<br />

Du musst dich bei ihm bedanken, dachte Jonich. Er schnaufte und pustete und sah zu Enderlein<br />

hin, der einen Meter weit weg saß und mit dem Kopf schüttelte. Wahrscheinlich schüttelt er den<br />

Kopf über mich, weil ich das Kanu umgekippt habe, weil ich so blöd bin, nein, weil ich nach ihm<br />

geschlagen habe, dachte Jonich. Er steckte die Hände in die Anoraktaschen, die klammen und<br />

nassen. Ganz unnütz war das, aber so saß er und fühlte das Regencape in der Tasche und dass die<br />

Leute ihn anstarrten. Immer mehr Kanus landeten an, die Leute stiegen aus.<br />

Er musste sich bedanken, dachte er wieder, aber die Zunge bewegte sich nicht, die Lippen waren<br />

starr. Wieder beobachtete er verstohlen Enderlein, der immer noch gut und muskulös aussah, der<br />

war so verdammt jung und kräftig.<br />

„Wenn die Leute mich nur nicht so anstarrten“, dachte Jonich und holte das Regencape aus der<br />

Tasche. Er wedelte damit, auf dass es sich entfaltete, es flatterte mit dem Wind. Er schaffte es, sich<br />

darunter zu verstecken. Es war ein rotes Cape, rotes, dünnes Plastik. Er hörte die Regentropfen<br />

darauf klimpern, sah verschwommen die Leute dahinter, sie umstanden ihn jetzt und starrten ihn<br />

an. Der nächste Blitz war durch das Cape in rotes Licht getaucht. Jonich flüsterte „Danke“, zu<br />

seinen Füßen hin, zur Erde hinab, aber immerhin hatte er es gesagt, eine Übung für irgendwann<br />

später.<br />

<strong>Die</strong> Rettung<br />

32


Marianne Strauhs<br />

geboren 1982 in St. Pölten. Nach quälenden Jahren im naturwissenschaftlichen Realgymnasium<br />

flüchtet sie 2001 reifegeprüft nach Wien. Dort beginnt sie Bühnenbild zu studieren. Sie eignet sich zwar<br />

sehr gute Bastelfähigkeiten an, hat sich trotz allem aber nie <strong>als</strong> großartige Geburtstagsgeschenkebastlerin<br />

etabliert. Im Zuge des Studiums mehrere Praktikumsaufenthalte an Theatern in Wien und<br />

Berlin.<br />

Oxytocin<br />

Es ist Herbst. Es ist dunkel. Das Fenster steht offen. Der Lärm, der von der Straße kommt, ist zu<br />

laut. Hinunterklettern und das Fenster schließen: ausgeschlossen. Hier ist alles provisorisch. Auch<br />

die Leiter <strong>zum</strong> Hochbett.<br />

Ich liege in diesem Bett. Auf dieser fremden Matratze mit einem fremden Menschen, <strong>als</strong>o mit dir. In<br />

der Dunkelheit ist dieses Hochbett ein Gefängnis zwei Meter 20 über dem Zimmerboden. Ich weiß<br />

nicht, wo ich hier das Licht andrehen kann. Und mir ist klar, dass ich in der Dunkelheit neben die<br />

Leiter treten würde.<br />

Also bleibe ich einfach still auf dem Rücken liegen.<br />

Mit der beginnenden Ausnüchterung kehrt die Angst zurück und der Drang Wasser zu trinken<br />

steigt.<br />

Du liegst neben mir. Ich höre gleichmäßige Atemgeräusche. Kein Schnarchen. Ich kann nicht sagen,<br />

ob du schläfst oder ob dich auch das offene Fenster nervt.<br />

Ich schaue den Lichtstreifen, die die Scheinwerfer der Autos auf die Decke werfen, zu. Manche<br />

kommen von links und enden rechts. Andere andersherum.<br />

Wir waren in einem Lokal und haben Dinge besprochen. <strong>Die</strong> Ausgangssituation für einen gelungenen<br />

Abend war optimal. Wir hatten beide kurz davor etwas erlebt, das die anderen Menschen nicht<br />

mit uns teilten. Und dadurch, dass wir uns von den Leuten in diesem Lokal, die ein simples<br />

Kinoerlebnis verband, unterschieden, hatten wir diese angenehme Arroganz und gleich zu Beginn<br />

ein unerschütterliches Zusammengehörigkeitsgefühl.<br />

Um dieser schon sehr schnell entstandenen Intimität nachzukommen, haben wir uns dann doch<br />

unsere Namen gesagt und von unseren Beschäftigungen erzählt. Wir waren uns sympathisch.<br />

Du sagtest: Ich kann dich sehr gut leiden und wir haben wirklich viel gemeinsam.<br />

Ich liege noch immer auf dem Rücken. Ich zähle die von rechts kommenden und die von links<br />

kommenden Lichtstreifen. Du drehst dich in meine Richtung. In der Dunkelheit kann ich nicht<br />

sehen, ob du die Augen offen hast.<br />

In diesem Lokal war der Alkohol sehr billig und die Bedienung nachlässig. Niemand holte den<br />

Aschenbecher und wir wurden ständig daran erinnert, wieviel wir diesen Abend schon geraucht<br />

hatten.<br />

Du sagtest: Das Leben kann ohnehin jede Sekunde vorbei sein und da ist das bisschen Zigarettenrauch<br />

auch schon egal.<br />

Ich dachte an diesen Mann. An diesen Mann, den ich nicht einmal genau gesehen hatte.<br />

Du bestelltest Wodka.<br />

Du sagtest: <strong>Die</strong> Dramaturgie des Abends verlangt nach Wodka.<br />

So wie du das sagtest. Mit diesem Grinsen. Ich war mir nicht sicher, ob ich das lustig finden sollte<br />

oder ob es irgendwie einfach nur scheiße war. Ich trank den Wodka. Ich verstand, dass in dieser<br />

Dramaturgie auch das Bezahlen deinerseits vorgesehen war.<br />

Ich fühlte mich wohl.<br />

Ich zähle noch immer die von rechts und die von links kommenden Scheinwerfer. 7 für rechts zu 22<br />

für links. Ich nehme an, dass um diese Uhrzeit mehr Menschen in die Stadt hinein, <strong>als</strong>o zur Arbeit,<br />

wollen. Zuhause liegt demnach links. Du liegst zu meiner rechten Seite.<br />

Ich würde gerne etwas in die Dunkelheit hinein sagen, doch jedes Wort wäre jetzt f<strong>als</strong>ch. Ich<br />

würde gerne von den Autos erzählen, die ich zähle. Der Mensch von vor vier Stunden hätte mit mir<br />

mitgezählt.<br />

Wir sprachen in diesem Lokal über vieles. Wichtiges und Unwichtiges. <strong>Die</strong> richtige Mischung. Es<br />

entstanden keine peinlichen Gesprächspausen.<br />

Als ich auf die Toilette ging, merkte ich, dass ich noch immer meine Arbeitskleidung anhatte. Ein<br />

Oxytocin<br />

33


schwarzes Kostüm und unbequeme Schuhe. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich schon 21<br />

Stunden auf den Beinen war. Ich hatte mich selten besser gefühlt. Ganz kurz. Genau in diesem<br />

Moment, <strong>als</strong> mein Blick den Spiegel streifte und eine Frau die Türe öffnete und von draußen die<br />

ersten Takte eines Songs kamen, den ich mal sehr gerne mochte, genau dann hatte ich ganz kurz<br />

das Gefühl, dass das alles seine Richtigkeit hat.<br />

Ich wälze mich im Bett hin und her und kann keine bequeme Stellung finden. Alles ist unbequem.<br />

Ich denke wieder an diesen Mann, der sicher in keiner bequemen Stellung lag, <strong>als</strong> man ihn fand.<br />

Ich möchte mich wo anhalten und klammere mich an deinen Oberarm.<br />

Wir sprachen über die Notwendigkeit von körperlichen Beziehungen, während sich unsere Blicke<br />

ineinander verhedderten und letztendlich dort auch hängen blieben.<br />

Du sagtest: Es gibt ein Hormon, das heißt Oxytocin. <strong>Die</strong>ses Hormon ist für die Glücksgefühle<br />

zuständig, wenn man andere Menschen berührt, andere Menschen umarmt. Das Kuschelhormon.<br />

Kurz fragte ich mich, ob du das jeder Frau erzählst. Wir küssten uns. <strong>Die</strong> Bedienung drehte das<br />

Licht an. Wir blickten uns an. Mir fiel ein Pickel an deinem Kinn auf. Du zahltest. Wir standen<br />

auf und verließen das Lokal. Draußen war es noch dunkel. Wir küssten uns wieder. Es hatte was<br />

Verzweifeltes.<br />

Ich liege auf dem Bauch und atme den Geruch des fremden Kopfpolsters ein. Ich denke daran, wie<br />

es wohl wäre, jeden Tag hier zu schlafen. Instinktiv zu wissen, wo der Lichtschalter ist, sich hinzulegen<br />

und jeden Tag seinen eigenen Geruch in der Bettwäsche vorzufinden. Vor dem Einschlafen Sex mit<br />

dir zu haben. Am Anfang immer. Dann manchmal. Du legst deinen Arm auf meinen Rücken.<br />

Ich stand mit dem Rücken zu den U-Bahngleisen.<br />

Ich war in den Fahrplan vertieft. Ich kam von der Arbeit. <strong>Die</strong> U-Bahn fuhr ein. Ich hörte ein Geräusch,<br />

das ich nicht kannte. Es war dumpf und danach hörte ich eine Art Zischen. Doch das wurde schon<br />

von einem lauten Schrei übertönt. <strong>Die</strong>ser Mann. <strong>Die</strong>ser Mann war vor die U-Bahn gesprungen. Der<br />

U-Bahnfahrer hatte keine Chance für ihn zu bremsen.<br />

Ich liege wieder auf dem Rücken. Deine Hand liegt jetzt auf meinem Bauch. Ich denke daran, dass<br />

es Menschen gibt, für die es sich lohnt zu bremsen. Stehenzubleiben. Mit ihnen zu reden. Mit ihnen<br />

... und ich sehe wieder den Lichtstreifen zu. Einer bremst abrupt und bleibt mitten im Raum stehen.<br />

Das Quietschen von Reifen war zu hören. Eine Autotüre wird geöffnet und wieder zugeschlagen. Ich<br />

höre Stimmen, verstehe aber keine Wörter. Jemand lacht. <strong>Die</strong> Autotüre wird wieder geöffnet und<br />

zugeschlagen. Der Motor angelassen und der Lichtstreifen verschwindet von der Zimmerdecke.<br />

Jemand hat bei jemandem Halt gemacht.<br />

Du sagtest: Du bist blass. Lass uns was trinken gehen und diesen Mann vergessen.<br />

Oxytocin<br />

34


Max Werschitz<br />

geboren am 4. Juli 1979 in Graz. In der Schule hasst er es, in Mathematik an die Tafel gerufen zu<br />

werden, und macht dafür zwei Dinge gerne mit seinen Heften: sie mit Zeichnungen und Geschichten<br />

voll zu kritzeln. Nach einer Grafik-Design-Ausbildung in Wien kehrt er nach Graz zurück, arbeitet ein<br />

Jahr in einer Werbeagentur und stellt schließlich fest, dass es das noch nicht gewesen sein kann. Er<br />

beginnt Anglistik/Amerikanistik und Medien zu studieren, verbringt ein Erasmus-Jahr in Manchester<br />

und erklärt die Grafik vorerst <strong>zum</strong> freiberuflichen Nebenjob. Seine Essays, Gedichte, Kurzgeschichten,<br />

Fotos und Blogeinträge veröffentlicht er im Internet unter www.maxwerschitz.com.<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig<br />

Anders konnte er es sich nicht erklären. Nachdem es die ganze Nacht geschüttet hatte musste<br />

der Kälteeinbruch in den Morgenstunden so plötzlich gekommen sein dass all diese Regenwürmer<br />

schlichtweg erfroren waren bevor sie in ihre Unterwelt zurückkehren konnten. Passiert vermutlich<br />

nicht so oft, dachte er. Aber nun lagen sie wie kleine vereiste Äste überall am Wegrand herum und<br />

verursachten herzhaft knackende Geräusche wenn er auf sie trat.<br />

Felix beschleunigte seinen Schritt ein wenig und rammte fröstelnd seine Hände noch tiefer in die<br />

Jackentaschen. Seit der letzten Schachtel Zigaretten konnte er sie nicht mehr wirklich spüren. <strong>Die</strong><br />

unter den linken Arm geklemmte Damenhandtasche presste sich noch fester an seine Rippen. Bevor<br />

er Gelegenheit hatte zu überlegen ob er zu laufen beginnen sollte war die Straßenbahn wenige Meter<br />

vor ihm schon am verlassenen Wartehäuschen vorbeigerattert. Aus irgendeinem Grund passierte<br />

ihm das bei dieser Haltestelle immer. Bis zur nächsten würde er sicher über eine Viertelstunde<br />

warten müssen. Sonntag in Graz.<br />

Mit 5 glaubte er noch Regenwürmer kämen an die Oberfläche weil sie den Regen so lieben. Kurz<br />

darauf hörte er sie täten es weil sie Angst hätten in ihren Gängen unter der Erde zu ertrinken. Also<br />

legte er einen Regenwurm für einen Tag in ein Glas Wasser. Er war danach immer noch quicklebendig.<br />

Schließlich aß er ihn einfach. Sauber war er ja. Inzwischen war Felix sich einigermaßen sicher dass<br />

Regenwürmer weder etwas lieben noch vor etwas Angst haben, sondern dass was auch immer sie<br />

dazu treibt aus der Erde hervorzukommen eben in ihrer Natur lag. Vielleicht wollten sie einfach nur<br />

zwischendurch einmal ans Licht, und taten dies eben bei Regen damit sie nicht Gefahr liefen in der<br />

Sonne auszutrocknen.<br />

Er stellte die Handtasche für einen Moment auf die Bank und warf einen Blick auf den Fahrplan.<br />

14 Minuten. Gute zwei davon benötigte er um mit seinen tauben Fingern die nächste Packung<br />

zu öffnen. Nach der vierten Zigarette kam die Straßenbahn. Wie immer war sie, so kurz nach der<br />

Endhaltestellenschleife Wetzelsdorf, praktisch leer. <strong>Die</strong> Tür öffnete sich erst nach mehrmaligem<br />

Drücken des Knopfes, was ihm unfreiwillige drei Sekunden mit seinem Spiegelbild bescherte. Du<br />

siehst wirklich Scheiße aus, dachte er, und hätte dabei beinahe müde gelächelt. Wenigstens würde<br />

er heute endlich etwas dagegen tun. Er breitete sich auf einem Zweiersitz ganz am hinteren Ende<br />

des Wagens aus und starrte durch das Fenster Richtung Innenstadt. Schade dass man von hier den<br />

Schloßberg nicht richtig sehen kann, dachte er.<br />

Mit 7 wollte Felix zuhause im Gemüsebeet heimlich einen Apfelbaum pflanzen. Also hatte er, wie<br />

von seiner Mutter gewohnt, einen Apfel geschält, ihn in zwei Hälften geschnitten und das Gehäuse<br />

entfernt. So vergrub er ihn. Als sich nach einer Woche noch nichts rührte wiederholte er den Versuch,<br />

dieses Mal mit Schale. Vier Wochen später hörte er resigniert auf nachzusehen. Vielleicht hatten sich<br />

ja <strong>zum</strong>indest die Regenwürmer über den Apfel gefreut.<br />

<strong>Die</strong> Lautsprecheransage riss ihn aus seinen Gedanken. In der Eggenberger Allee wurde wieder<br />

einmal gebaut; die Straßenbahn war ohne dass er es mitbekommen hatte in die Remise Alte<br />

Poststraße gefahren und die Fahrgäste wurden aufgefordert in den Schienenersatzverkehrsbus<br />

umzusteigen. Er wartete bis alle ausgestiegen waren, nahm die Handtasche vom Sitz neben sich<br />

und folgte schließlich den anderen. Eine alte Frau – sie sah aus wie ein einziger großer Faltenwurf<br />

und ging sicher schon auf die Hundert zu – schimpfte lautstark über „die Zustände“. Er setzte sich<br />

<strong>als</strong> letzter in den Bus. Wenigstens war die Heizung trotz noch offener Türen schon eingeschaltet.<br />

Seine Fingerspitzen begannen zu prickeln.<br />

Mit 10 hatte sich Felix das erste Mal verliebt. Es war der erste Schultag im Gymnasium und sie<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig<br />

35


waren den Großteil der Zeit damit beschäftigt sich eifrig zu notieren was für Hefte sie brauchen<br />

würden (linierte ohne Rand, linierte mit Rand, karierte ohne Rand, ein dreispaltiges Vokabelheft;<br />

alles auf umweltfreundlichem Papier – wenn möglich).<br />

Und da war dann noch sie, schräg vor ihm in der ersten Reihe. Auch wenn er es nie wagte es ihr<br />

(oder jemand anderem) einzugestehen, in irgendeiner Form blieb er bis zur Matura in sie verliebt,<br />

und freute sich jedes Jahr auf das Klassenfoto.<br />

Einmal war sie krank und nicht drauf. Bei irgendeiner Veranstaltung in der Schule, in der zweiten<br />

oder dritten Klasse, sah er <strong>zum</strong> ersten Mal ihre Eltern. Er war schockiert. Statt den erwarteten<br />

Supermodels standen zwei ganz normale Menschen vor ihm.<br />

Der Bus fuhr erst eine Viertelstunde später los – er hatte auf eine weitere Straßenbahn gewartet. <strong>Die</strong><br />

alte Frau murmelte ärgerlich vor sich hin; sie hatte zuvor schon immer wieder drohend ihre Krücke in<br />

Richtung wurstsemmelessenden Fahrer erhoben. Einige der Nebenstraßen die sie nun abklapperten<br />

hatte Felix noch nie gesehen. Nur wenige Menschen waren unterwegs; an den provisorischen<br />

Haltestellen warteten vereinzelt welche unter kleinen Wölkchen pulsierender Atemluft.<br />

Kurz nach Felix’ elftem Geburtstag starb sein einziger Großvater. Er war seit einigen Tagen im<br />

Krankenhaus gewesen, eigentlich nur zur Beobachtung nach einem unerwartet aufgetauchten<br />

Herzproblem. Es waren die letzten Tage der Sommerferien, <strong>als</strong>o war Felix mit seinen Eltern noch im<br />

Haus der Großeltern in Graz. Der Anruf kam am Abend, alle waren gerade im Wohnzimmer vor dem<br />

Fernseher versammelt. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern was genau seine Großmutter aus<br />

dem Nebenzimmer, den Telefonhörer noch in der Hand, gerufen hatte. Aber es war in einem Tonfall<br />

gewesen den er noch nie zuvor in seinem Leben gehört hatte. Er hätte ihm sogar Angst eingejagt<br />

wenn sie ihn dazu benutzt hätte „Essen ist fertig!“ zu verkünden. Alles danach war inzwischen<br />

ziemlich verschwommen, bis auf eines: vor was Felix sich am meisten gefürchtet hatte war die<br />

Aussicht noch in derselben Nacht mit ins Krankenhaus zu müssen um den toten Großvater noch<br />

einmal zu sehen. Ob das seine Eltern wirklich gesagt hatten oder er es sich nur eingebildet hatte<br />

wusste er inzwischen nicht mehr. Jedenfalls kam es nicht dazu.<br />

Nach kurzer Zeit hatte der Bus die Schleife am Hauptbahnhof erreicht. Normalerweise schwappte<br />

hier eine einsteigende Welle von Leuten der aussteigenden entgegen; heute verlief alles sehr gesittet.<br />

Felix bot trotzdem der alten Frau seine Hilfe an. Sie war gerade dabei die Falten in ihrem erstaunten<br />

Gesicht in ein Lächeln zu gießen <strong>als</strong> ihr Blick auf seine Handtasche fiel. Sofort packte sie die ihrige<br />

ein Stückchen fester; anstatt der Mundwinkel begann sich nun die Stirn zu runzeln. Felix überlegte<br />

nicht lange. Er manövrierte an ihr vorbei und marschierte Richtung Straßenbahnhaltestelle.<br />

Mit 13 küsste er <strong>zum</strong> ersten Mal ein Mädchen. Leider nicht jenes in das er verliebt war (wenn man<br />

das Küssen von Klassenfotos ausnimmt), sondern eines das er eigentlich kaum kannte, aus einer<br />

Parallelklasse. <strong>Die</strong>ser ungewohnt intimen Premiere war keine Briefchenschreiberei oder ein hochrot<br />

gestammeltes „Willst du mit mir gehen?“ vorausgeeilt; irgendwie war er durch seine damalige Clique<br />

einfach in das Ganze reingerutscht. Nicht dass sie uninteressant oder unattraktiv war – er wusste<br />

nur einfach nichts mit ihr anzufangen. Felix konnte sich noch an einen Winterabend mit ihr, seinem<br />

<strong>besten</strong> Freund und dessen Freundin in dem irgendwie schmuddelige Hallenbad seines Heimatortes<br />

in der Obersteiermark erinnern. Alle vier knutschten ungeniert im Wasser auf den Beckenrandstufen<br />

herum, sie saß sogar auf seinem Schoß. Eine Erektion bekam er erst zwei Stunden später durch<br />

minutenlanges krampfhaftes Herumfummeln allein in der Duschkabine, aufgestachelt durch seinen<br />

Freund nebenan der in pubertärer Neugier einen Größenvergleich anstellen wollte.<br />

Zuhause hatte es eigentlich immer einwandfrei geklappt.<br />

Bis die nächste Straßenbahn in Richtung Innenstadt kam gingen sich nur anderthalb Zigaretten<br />

aus. Felix warf den Rest der zweiten neben sich in eine Lacke und erkannte erst am Fehlen des<br />

charakteristischen Zischens dass diese von einer hauchdünnen Eisschicht bedeckt war. Sogar ein<br />

gefrorener Regenwurm lag daneben. <strong>Die</strong> Enttäuschung lenkte ihn so ab dass er beim Einsteigen<br />

beinahe eine rüstige Mittfünfzigerin mit Hosenanzug und Aktentasche über den Haufen rannte.<br />

Genauso überrumpelt wie sie, murmelte er nur ein hastiges „Tschuldigung“ und setzte sich so<br />

schnell wie möglich auf einen freien Platz.<br />

Mit 14 wurde er gefirmt. <strong>Die</strong> ganze Familie war versammelt, und irgendwie fühlte er sich <strong>als</strong> würde<br />

ihm zu einem „Sehr gut” auf einer Schularbeit gratuliert bei der er geschummelt hatte. <strong>Die</strong> meisten<br />

der christlichen Grundprinzipien hatte er ja immer voll in Ordnung gefunden, nur inzwischen wusste<br />

er nicht mehr ob er jem<strong>als</strong> an (vielleicht <strong>zum</strong>indest in kindlicher Naivität den „Lieben“) Gott geglaubt<br />

hatte. Das Einzige an das er sich <strong>zum</strong> Beispiel aus dem Religionsunterricht noch wirklich erinnern<br />

konnte war <strong>als</strong> der Lehrer (wie an der katholischen Schule üblich ein Pater) sie fragte was das<br />

Gleichnis von Jesus bei der Hochzeit zu Kana aussagen sollte. „Dass Jesus Wunder vollbringen<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig<br />

36


konnte?“ (es war jenes mit der Verwandlung von Wasser zu Wein) mutmaßten die Schüler. „Dass<br />

Jesus auf Partys ging.“ offenbarte der Pater. <strong>Die</strong>se neue Sichtweise hatte Felix irgendwie beeindruckt.<br />

Obwohl er erst ab der Zeit nach der Matura, <strong>als</strong> er das Elternhaus verlassen hatte, so richtig auf<br />

Partys ging.<br />

<strong>Die</strong> Straßenbahn setzte sich dermaßen ruckartig in Bewegung dass ihm die Handtasche beinahe<br />

vom Schoß fiel. Er packte sie fester. Für einen Moment fummelte er an der aufgestickten orangen<br />

Blume herum. Vielleicht sollte es auch eine Sonne darstellen, er war sich da nie so sicher. Als<br />

er wieder aufblickte bemerkte er wie die Hosenanzugsfünfzigerin ihn verächtlich musterte. Felix<br />

überlegte kurz ob er ihr vielleicht <strong>als</strong> weitere Entschuldigung für den Rempler seinen Platz anbieten<br />

sollte. Aber vielleicht fühlte sie sich noch jung und dynamisch und wäre dann noch mehr beleidigt.<br />

Das Risiko erschien ihm zu hoch.<br />

Mit 19 hatte er <strong>zum</strong> ersten Mal Sex. Somit war er offiziell ein Spätzünder. Seine Lieblingsausrede<br />

war dass sein Heimatort einfach zu klein gewesen war um eine Auswahl an wirklich interessanten<br />

Mädchen bieten zu können, noch dazu war er in der Schule (die <strong>zum</strong> Ausgleich viele Fahrschüler-<br />

Innen vorzuweisen hatte) unglücklicherweise in die anscheinend einzige Klasse geraten in der die<br />

Burschen immer in der Überzahl waren. Und beim Bundesheer waren die Chancen nicht viel besser<br />

gewesen, Sanitäter hin oder her. Bereits mehrere Tage vor dem monumentalen Ereignis kaufte er<br />

sich <strong>als</strong>o eine Packung Kondome und übte in seinem Studentenzimmer. Das hatte er zwar schon<br />

Jahre zuvor einmal gemacht – dam<strong>als</strong> lief die Beschaffung noch heimlich bei einem Bahnhofsklo-<br />

Automaten – aber sicher war sicher. Er hatte sie erst kurz davor kennengelernt; der von ihnen<br />

eine Woche zuvor irgendwie unausgesprochen geplante Abend selbst verlief dann eigentlich recht<br />

reibungslos. Für sie, so gestand sie ihm nur wenige Momente davor, war es auch das erste Mal, und<br />

zur prickelnden Nervosität mischte sich ein Schuss humorvoller Pioniergeist. Natürlich kam er viel<br />

zu früh, aber das war dann auch nicht mehr so wichtig.<br />

Bei der Station nach dem Annenhofkino stieg eine junge Mutter mit zwei lautstark vor sich<br />

hinquengelnden Töchtern ein. Sie drängte sich mit einer noch halb vollen Popcorntüte unter dem<br />

Arm an der Aktentasche von Felix’ missbilligender Beobachterin vorbei und klammerte sich vor ihm<br />

mit der freien Hand an einem der Haltegriffe fest. Felix hatte wohl etwas zu lange darauf gestarrt – oder<br />

er sah noch bemitleidenswerter aus <strong>als</strong> er zuvor angenommen hatte – denn keine zwei Sekunden<br />

später hielt sie ihm die Tüte mit leicht belustigtem Blick unter die Nase. Er schüttelte lächelnd den<br />

Kopf. <strong>Die</strong> Frau drehte sich achselzuckend wieder zu ihren Kindern um. <strong>Die</strong> Straßenbahn bog in die<br />

leichte Kurve <strong>zum</strong> Südtirolerplatz ein.<br />

Mit 25 schloss Felix sein Studium in Wien ab und fand etwas später eine Stelle <strong>als</strong> Grafiker in einer<br />

Grazer Werbeagentur. <strong>Die</strong> schwer in Worte fassbare Mischung an Gefühlen im dazwischenliegenden<br />

Sommer verwirrte ihn zwar kurzzeitig, aber das von ihm vor kurzem aufgeschnappte Konzept der<br />

quarter-life crisis gab ihr schließlich einen Namen, was wirklich dabei half alles weitgehend im Keim<br />

zu ersticken. <strong>Die</strong> Arbeit war eine kreative Herausforderung, vor allem <strong>als</strong> ihm klar wurde dass der<br />

Kunde zwar mit königlichen Rechten aber meistens nicht gerade mit gutem Geschmack gesegnet<br />

war. Das machte Verhandlungen über Gestaltungsentwürfe oft zu einem schmerzvollen Spagat.<br />

Als die Straßenbahn stehen blieb und die Frau sichergestellt hatte dass ihre Töchter noch in<br />

Sichtweite waren drehte sie sich wieder zurück in Felix’ Richtung. Ihr Blick glitt von der eigenen<br />

Popcorntüte auf seine Handtasche. Sie grinste. „Hübsch!“ sagte sie. Er war sich nicht sicher ob er<br />

darauf reagieren sollte. „<strong>Die</strong> gehört meiner Frau“ murmelte er schließlich. „Ich passe nur kurz auf<br />

sie auf.“ <strong>Die</strong> Straßenbahn war inzwischen schon auf der Brücke. Felix versuchte aus<strong>zum</strong>achen ob<br />

sich bei dem Wetter Leute auf die Murinsel verirrt hatten. Nachdem er es geschafft hatte die zwei<br />

offensichtlich hyperaktiven Mädchen von der Tür zu verscheuchen stieg er am Hauptplatz aus.<br />

Mit 27 lernte er Lucia kennen. Später konnte er es sich selbst nicht mehr erklären wie oder wann<br />

es genau passiert war, das Verlieben. Er war sich nicht einmal sicher gewesen dass er dazu noch<br />

in der Lage war. Als Kind hatte er jahrelang wegen einer Allergie eine Desensibilisierungskur über<br />

sich ergehen lassen müssen, jede Woche eine Injektion die ihm jedes Mal mehr vom selben in den<br />

Körper jagte. Nach einem halben Dutzend Beziehungen und den dazugehörigen Stichen hatte er<br />

sich ernsthaft gefragt ob er inzwischen nicht einfach immun war. Aber da war sie, Lucia. Vielleicht<br />

war das die einzig mögliche Beschreibung. Sie war 27 Jahre seines Lebens nicht da gewesen,<br />

und dann war sie da. Er hatte das unbändige Verlangen mit ihr Regenwürmer zu essen, heimlich<br />

irgendwo einen Apfelbaum zu pflanzen, ihre Eltern (egal wie sie aussahen) kennenzulernen, im<br />

Hallenbad zu knutschen, auf Partys Wasser oder Wein zu trinken, beim ersten Mal zu früh zu<br />

kommen und kreative Spagate bei Beziehungsentwürfen zu machen. Drei Jahre später heirateten<br />

sie (nur standesamtlich).<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig<br />

37


Felix marschierte durch die Sackstraße, die Zigarette abwechselnd in die linke und rechte Hand<br />

nehmend, die jeweils andere <strong>zum</strong> Warmhalten in der Jackentasche vergraben. Als er <strong>zum</strong><br />

Schloßbergplatz einbog fand er ihn vollkommen verlassen.<br />

Nur ein leerer Kinderwagen stand neben dem Eingang zu den öffentlichen Toiletten. Beim<br />

Vorbeigehen bemerkte er winzige rosa Fäustlinge die neben einem weiteren gefrorenen Regenwurm<br />

auf dem Boden lagen. Kurz darauf war er auch schon beim Liftschacht im Berg angelangt und<br />

drückte ungeduldig auf den Rufknopf.<br />

Was genau Lucia noch so auf die letzte Sekunde darin nachsehen wollte wusste er inzwischen nicht<br />

mehr. Als der Krankenpfleger sie auf dem Bett in den OP rollte hatte sie jedenfalls nur noch Zeit Felix<br />

ihre Handtasche mit einem Lächeln und den Worten „Haltest du inzwischen?“ entgegenzustrecken.<br />

„Natürlich“ hatte er zurückgelächelt und die Tasche nach einem koketten Knicks auf seine Schulter<br />

gehängt. Anderthalb Stunden später waren Lucia und das Neugeborene tot. Der Arzt konnte es<br />

sich nicht wirklich erklären. Und er teilte es Felix zwar mit angemessen trauriger Miene aber in dem<br />

gleichen Tonfall in dem andere „Essen ist fertig“ sagen mit. An alles danach konnte sich Felix nicht<br />

mehr so recht erinnern. Nur dass er dort regungslos stand, die Handtasche immer noch unter dem<br />

Arm, mit dem Gefühl <strong>als</strong> hätte gerade jemand das einzige Licht im Raum ausgeknipst. Nein, zwei.<br />

Das war vor ungefähr drei Monaten. Irgendwie hatte er es geschafft die Familie zu verständigen.<br />

Als Lucias tränenüberströmte Mutter ihn beim Umarmen fragte ob er denn nicht die Handtasche<br />

ablegen wolle hatte er gesagt, ja gleich. Aber dann hat er es irgendwie doch nie getan.<br />

Felix stieg aus dem Lift und hielt kurz inne. Für eine Sekunde saugte er den fantastischen Ausblick<br />

wie einen bitter nötigen Atemzug ein. Er setzte seinen Weg bergauf fort, den Uhrturm unter sich<br />

zurücklassend, vorbei an leeren Bänken und verlassenen Aussichtspunkten. Dann war er an seinem<br />

Ziel angelangt. An dieser Stelle machte der Schloßberg seinem Namen ausnahmsweise alle Ehre;<br />

zwischen Felix und dem wenig benutzten Serpentinenweg darunter lagen gut fünfzehn Meter steiler<br />

Fels. Er beugte sich weit nach vorne – die Mauer war zwar nur hüfthoch aber sehr massiv – um sich<br />

zu vergewissern. Schließlich kletterte er auf sie.<br />

<strong>Die</strong> Handtasche landete etwas abseits vom Weg, und traf mit voller Wucht einen der gefrorenen<br />

Regenwürmer. Vielleicht war das ein Riesenpech für ihn. Vielleicht wäre er wenig später in der<br />

Sonne aufgetaut, hätte erstaunt in das ungewohnte Licht geblinzelt und dann unbekümmert seinen<br />

Weg fortgesetzt. Bei Regenwürmern weiß man das ja nie. Manche Arten überdauern schließlich<br />

ganze Winter in einer Art Kältestarre.<br />

Geschnitten, gewaschen, essfertig<br />

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Zita Bereuter<br />

geboren 1973 in Egg. Ist schon sehr früh der Faszination von Büchern erlegen. Viele Stunden<br />

verbrachte sie in der Gemeindebücherei Egg, der Vorarlberger Landesbibliothek, der Bibliothek<br />

der Pädagogischen Akademie Feldkirch, der University of Derby Library, der Bibliothek der<br />

Fachhochschule Vorarlberg und der Manchester Metropolitan University Library. In einigen dieser<br />

Bibliotheken hat sie Abschlussarbeiten zu verschiedenen Studien geschrieben. Während dieser<br />

Studien arbeitet sie im Aktuellen <strong>Die</strong>nst des Landesstudio Vorarlberg. Seit 2001 Redakteurin bei<br />

FM4, u.a. Organisatorin von Wortlaut. Ebenfalls seit 2001 <strong>als</strong> Grafikerin tätig. Beschäftigt sich sowohl<br />

redaktionell <strong>als</strong> auch gestalterisch mit Büchern: Staatspreis für das schönste Buch Österreichs<br />

2004.<br />

Pamela Rußmann<br />

geboren 1975 im steirischen Bruck/Mur. Nach der Reifeprüfung am Gymnasium Mürzzuschlag<br />

beginnt sie ein Studium der Anglistik und Germanistik. Das vorzeitige Ende desselbigen ist dem<br />

Radiosender FM4 zuzuschreiben, dem sie sich im Jänner 1996 verschreibt. Seit einer Dekade<br />

werkt Pamela in verschiedenen Positionen und Redaktionen bei FM4, derzeit <strong>als</strong> Leiterin der<br />

Literaturredaktion, Organisatorin des FM4-Literaturwettbewerbs Wortlaut und seit 2000 mit großer,<br />

nicht enden wollender Leidenschaft <strong>als</strong> Autorin/Kolumnistin für fm4.orf.at. Abseits von FM4 ist<br />

sie mit ebenfalls nicht enden wollender Leidenschaft Mama einer Tochter sowie Sprecherin und<br />

Fotografin (www.miupar.com).<br />

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