Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Die beschriebenen Rahmenbedingungen auf dem Feld der Jugendarbeit müssen bei der Entwicklung

pädagogischer Angebote handlungsleitend sein. Die Angebote sollten sich vor allem durch

Niedrigschwelligkeit auszeichnen, d.h., sie sollten einen affektiv-emotionalen Zugang ermöglichen,

an die Lebens- und Alltagswelt der Jugendlichen anknüpfen und ihnen Spaß machen. Gleichzeitig

müssen sie dem Einrichtungsprofil entsprechen und sich an der jeweiligen Zielgruppe orientieren. Es

empfiehlt sich, Angebote so zu konzipieren, dass sie von den Jugendarbeiter / innen ohne Unterstützung

durch externe Expert / innen im pädagogischen Alltag anwendbar sind. Denn externe Fachkräfte

werden bei nur ein- oder zweimaligem Kontakt von den Jugendlichen schnell als »Fremdkörper«

wahrgenommen, zu denen sie keine Beziehung herstellen können. Zudem erfordert das Einbeziehen

von Expert / innen zusätzliche Gelder, die meist nicht aufgebracht werden können.

Der formulierte Anspruch lässt sich bei einem derart komplexen Themenfeld wie dem Antisemitismus

in der Praxis jedoch nicht immer umsetzen, zumal oft ein umfangreiches Hintergrundwissen gefordert

ist, dessen Aneignung die Jugendarbeiter/innen aufgrund ihrer vielfältigen Aufgaben überfordert.

Das wird besonders deutlich, wenn pädagogische Konzepte im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt

zum Einsatz kommen sollen. In der Auseinandersetzung mit diesem heiklen Thema empfiehlt es

sich, Pädagog / innen mit ähnlichen Herkunftsbezügen einzubinden, insbesondere im Umgang mit

palästinensischen Jugendlichen. Solche Pädagog / innen werden von den Jugendlichen eher als vertrauenswürdig

wahrgenommen und nicht von vorneherein als einseitig »projüdisch« abgelehnt.

Herkunftsspezifische Bezüge sollten stets in die pädagogische Arbeit integriert werden, und Themen

wie Rechte, Biografie, Migrationsgeschichte, Mitsprache oder Medienkompetenz sollten ausreichend

Raum erhalten. Kollektive Identitäten und Gruppenzwänge können thematisiert und »wir-Die«-Dichotomien

aufgebrochen werden, indem die Vielfalt von Identitäten aufgezeigt, multiperspektivisch

gearbeitet und Empathie gefördert wird. Die Kommunikation mit den Jugendlichen sollte durch Anerkennung

und wertschätzung geprägt sein und moralisierende und stigmatisierende Zuschreibungen

vermeiden, um eine vertrauensvolle Atmosphäre und einen geschützten Raum herzustellen.

In der Regel ist es sinnvoll, Antisemitismus nicht direkt zu thematisieren, sondern ihn in eine Bearbeitung

seiner thematischen Kontexte, Funktionen und Motive einzubetten. In diesem Zusammenhang

war insbesondere die Umwegekommunikation erfolgreich, d.h. ein indirekter Einstieg über Themenschwerpunkte

oder Lebensweltbezüge sowie das Anknüpfen an die Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen

der Jugendlichen. Da die Jugendlichen Themenfolge und Tempo vorgeben, ist

aufseiten der Pädagog / innen Flexibilität notwendig – Umwegekommunikation kann auch bedeuten,

dass das Thema Antisemitismus in einzelnen pädagogischen Maßnahmen letztlich nicht den ursprünglich

vorgesehenen Raum erhält. Pädagogische Angebote sollten so angelegt sein, dass sie

Einstellungen und Denkmuster hinterfragen oder irritieren sowie Anstöße zu Einstellungs- und Verhaltensänderungen

geben. Da es sich hierbei um einen langwierigen Prozess handelt, müssen die

Angebote Teil einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem Thema sein.

Das Modellprojekt »amira« hat unterschiedliche Konzepte, Methoden und Materialien entwickelt

und erprobt, die der pädagogischen Bearbeitung des Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit

dienen und die eben skizzierten Bedingungen berücksichtigen. Sie werden auf den folgenden Seiten

detailliert vorgestellt.

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