Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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DuRchfühRung

Die Teilnehmenden erinnern Situationen, in denen äußerungen gefallen sind, die antisemitisch gedeutet

werden könnten oder es tatsächlich sind, und wählen einige Fallbeispiele als szenische Vorlage für

Rollenspiele aus, in denen das Geschehen nachgestellt wird. Die Rollen können zu zweit oder mit

mehreren Personen durchgespielt werden. Die Pädagogin, welche die Situation eingebracht hat, spielt

beispielsweise sich selbst, und ein oder mehrere Personen aus dem Kolleg / innenkreis den oder die

beteiligte / n Jugendliche / n. Der Fall wird möglichst realistisch nachgestellt, wobei es nicht um schauspielerische

Hochleistungen geht, sondern vielmehr um die Stimmung, die Dynamik und den Verlauf

der Situation. Die umstehenden Pädagog / innen beobachten die Simulation, halten ihre Gedanken

und Fragen dazu fest und teilen im Anschluss an die Spielrunde ihre Beobachtungen der Gruppe mit.

Maßgeblich für die anschließende gemeinsame Auswertung ist die Frage, welche pädagogische Haltung

eingenommen wurde und ob die pädagogische Intervention weiterführend im Sinne einer menschenrechtsorientierten

Bildung war. Da die beobachtenden Kolleg / innen emotional weniger involviert

sind, haben sie aus der Distanz heraus üblicherweise eine objektivere Sicht, zumal einem die

»Fehler« bei anderen in der Regel leichter auffallen als bei sich selbst.

wenn sich das Rollenspiel im Kreis zu drehen beginnt, ist es möglich und wünschenswert, dass eine / r

der beobachtenden Pädagog / innen ins Spiel einsteigt und eine alternative Handlungsoption demonstriert,

auf die dann wiederum die anderen Mitwirkenden reagieren. Empfehlenswert ist es, verschiedene

Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren, um zu verfolgen, inwiefern sich der Situationsverlauf

sowie die wirkung der pädagogischen Intention verändern. Im anschließenden Auswertungsgespräch

hält ein Teammitglied auf Moderationskarten die Kommentare der Teilnehmenden und ihre offenen

Fragen als Schlagworte fest und heftet sie an eine Pinnwand. Am Ende der Rollenspiele können die

Teilnehmer/innen die Anregungen ergänzen und ordnen. So kann eine teamspezifische Handlungsethik

erarbeitet werden, die eine für alle Teammitglieder nachvollziehbare orientierung im Umgang

mit antisemitischen Vorfällen bietet.

In unseren workshops mit Pädagog / innen, in denen wir die vorgestellte Methode erprobt haben,

haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich auf diese weise regelrechte Aha-Effekte einstellen können.

So wurde beispielsweise einem Teilnehmer durch das Beobachten einer Kollegin, die beim Nachspielen

eines von ihm eingebrachten Falls seine Rolle einnahm, bewusst, dass er zwei Mädchen voreilig

auf der Sachebene begegnet war, anstatt ihrer – verbal durchaus überzogen geäußerten – wut

über israelische Bombardements in Gaza auf der emotionalen Eben empathisch zu begegnen und im

ersten Schritt Verständnis für die heftigen Gefühle der Trauer, wut und Entrüstung zu äußern. Die

beiden Pädagog / innen, die in diesem Fallbeispiel die zwei aufgebrachten Mädchen spielten, gaben in

der gemeinsamen Auswertung an, dass sie sich durch das anerkennende Verhalten der Pädagogin

verstanden und ernst genommen gefühlt haben. Zuvor sei dies nicht der Fall gewesen, was lediglich

den Frust, die wut und den Schmerz verstärkt habe. Hier zeigt sich, dass es hilfreich ist, zunächst eine

solidarische Vertrauensebene zu etablieren, bevor in einem zweiten Schritt der Anlass an sich – in

diesem Fall die militärische operation – sowie die (antisemitischen) Kommentare der Jugendlichen

aufgegriffen werden.

Nach der gemeinsamen Arbeit an den erlebten Fällen sollten die Teammitglieder in ihrem Arbeitsalltag

darauf achten, die erarbeiteten Prinzipien und Hilfestellungen eine Zeitlang in der Praxis anzuwenden

und in einem weiteren Termin ihre Erfahrungen auszuwerten.

tIpps füR DIE DuRchfühRung

Rollenspiele liegen nicht allen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – Scham, Angst vor einem

»peinlichen« Auftritt, nichts »Falsches« tun wollen oder die Vorstellung, zum Schauspiel ungeeignet

zu sein. Möglicherweise wird auch der Nutzen von Rollenspielen infrage gestellt. Es macht wenig Sinn,

diese Personen zur Mitwirkung zu drängen. Erfolgversprechender ist es, wenn die Spielfreudigen

beginnen und dem Ganzen seinen Schrecken nehmen. Da die übung von Experimentierfreude, Spaß

und Humor geprägt sein wird, ist die wahrscheinlichkeit groß, dass sich im weiteren Verlauf auch

zurückhaltendere Kolleg / innen beteiligen werden.

Im Hinblick auf die Auswahl der Fallbeispiele empfehlen wir, zumindest am Anfang solche Fälle heranzuziehen,

die signifikant sind für den pädagogischen Alltag. Im Rahmen unserer Arbeit wurde ein Fall

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