Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Anschließend können die Teilnehmenden in einem Paar- und / oder Gruppengespräch in Textarbeit

eine bereits existierende Antisemitismus-Definition diskutieren. Hierfür eignet sich beispielsweise die

»working Definition«, die vom früheren »European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia

(EUMC)« der Europäischen Union gemeinsam mit dem »Büro für demokratische Institutionen und

Menschenrechte« der oSZE und mit jüdischen organisationen entwickelte wurde. 4

Im zweiten Teil der Fortbildung beschäftigen sich die Pädagog / innen mit Fallbeispielen aus ihrem beruflichen

(oder privaten) Alltag, die zunächst per Kartenabfrage gesammelt werden. Die Pädagog / innen

werden gebeten, sich etwa zehn Minuten Zeit zu nehmen und sich an eine oder mehrere Situationen

zu erinnern, in denen sie mit antisemitischen äußerungen konfrontiert waren; vorzugsweise an

solche, in denen sie unzufrieden über ihr eigenes Verhalten waren. Sie werden gebeten, sich zu vergegenwärtigen,

wie die Situationen verlaufen sind und welche Kontexte aus ihrer Perspektive wichtig

waren. Gleichzeitig sollen sie sich darüber Gedanken machen, welche pädagogischen Ziele sie in der

Situation verfolgt haben oder aber gerne verfolgt hätten, und was generelle Zielsetzungen im pädagogischen

Umgang mit Jugendlichen sind. Solche Ziele könnten beispielsweise sein, mit den Jugendlichen

ins Gespräch zu kommen und etwas über die Motive ihrer äußerungen zu erfahren, die Jugendlichen

(mit den besseren Argumenten) zu überzeugen, sie auf ihre Alltagsrealität zu verpflichten oder

ihnen auch einfach nur bestimmte Grenzen zu setzen.

Als Nächstes wählen die Teilnehmenden durch die Vergabe von Klebepunkten Situationen aus, mit

denen sie sich im weiteren Verlauf beschäftigen möchten. Da es zeitlich meist schwer zu planen ist, wie

lang die Arbeit an einer Situation dauern wird, empfehlen wir, ein Ranking vorzunehmen, um mit dem

Fallbeispiel, das die meisten Punkte erhalten hat, anzufangen und dann so viele Fälle zu bearbeiten, wie

die Zeit zulässt. Alternativ können in Kleingruppen auch unterschiedliche Situationen parallel diskutiert

werden. Die Teilnehmenden analysieren die von ihnen ausgewählte Situation anhand von Leitfragen

nach dem genauen Hergang, dem Kontext und den möglichen Motivationen der beteiligten Jugendlichen

sowie – in Bezugnahme auf die zuvor erarbeitete Begriffsdefinition – der Einschätzung, ob die

äußerungen antisemitisch sind und wenn ja, warum. Im zweiten Schritt diskutieren sie den Umgang

der Pädagogin bzw. des Pädagogen mit diesen äußerungen, das dabei implizit oder explizit verfolgte

pädagogische Ziel sowie in Frage kommende Handlungsalternativen. Es sollte auch geprüft werden,

welche Handlungsoptionen einen Ausstieg aus antisemitischen Differenzkonstruktionen bieten.

Anschließend können die Teilnehmenden in Dreier- oder Vierergruppen in kurzen Rollenspielen unterschiedliche

Reaktionsweisen erproben und hinsichtlich ihrer wirkung auf die Jugendlichen einschätzen.

Dabei übernimmt eine Person die Rolle des Jugendarbeiters oder der Jugendarbeiterin, ein

oder zwei die Rolle des oder der Jugendlichen, während die übrigen Teilnehmer/innen die Situation

beobachten. Nach dem Rollenspiel tauschen sich die Mitwirkenden über die gesammelten Erfahrungen

sowie die Beobachtungen von außen aus.

Danach werden die bearbeiteten Fallbeispiele in der Gesamtgruppe vorgestellt und diskutiert. Gemeinsam

können unterschiedliche Gesprächsstrategien und -techniken, die von den Teilnehmenden eingesetzt

wurden, herausgearbeitet und hinsichtlich ihrer wirksamkeit eingeschätzt werden. Solche Strategien

und Techniken können zum Beispiel sein: in Gruppensituationen statt der wortführer/innen die

Unentschiedenen oder Indifferenten ansprechen oder potenzielle Bündnispartner/innen einbinden;

Konkretisierungen von äußerungen sowie nachprüfbare Beispiele einfordern; auf innere widersprüche

aufmerksam machen; Ironisieren; eigene Erfahrungen einbringen und anderes mehr.

Am Ende der Fortbildung sollten Teilnehmende und workshopleiter/innen die Gelegenheit erhalten, in

einer Auswertungsrunde mitzuteilen, wie ihnen die Fortbildung gefallen hat und welche Inhalte und

Erkenntnisse für ihren Arbeitsalltag nutzbar sind. Falls dies von den Fortbildungsteilnehmenden oder

der Einrichtung gewünscht wird, kann über gemeinsame Folgemaßnahmen nachgedacht werden.

4 Die Arbeitsdefinition wurde vom »European Forum on Antisemitism« ins Deutsche sowie in weitere Sprachen (darunter auch

26

Türkisch und Arabisch) übersetzt und ist auf der Internetseite http://www.european-forum-on-antisemitism.org/working-

definition-of-antisemitism zu finden.

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