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VIELFALT SPIELERISCH ENTDECKEN

AusEInAnDERsEtzung MIt AntIsEMItIsMus

IM KontExt DIvERsIty-päDAgogIschER

AngEBotE BARBARA SCHäUBLE

Untersuchungen der Einstellungsforschung zufolge gelten 3 bis 15 % aller Jugendlichen als antisemitisch.

weitaus größer ist die Zahl derer, die einzelne antisemitische überzeugungen teilen, die antisemitisches

wissen in Unkenntnis seiner Problematik verwenden, und insbesondere die Zahl derjenigen

Jugendlichen, die davon ausgehen, dass »Juden anders sind als wir«. 1

Die Unterscheidung »Juden sind anders als wir« wird dabei jeweils unterschiedlich gefasst und als

unterschiedlich bedeutsam eingeschätzt. Ein Teil der Jugendlichen sieht die Unterscheidung als sachlich-angemessen

an, ohne daran besondere weitere überzeugungen und Emotionen zu knüpfen,

andere formulieren sie im Kontext variierender fremdenfeindlicher Differenzierungen, verbunden mit

wertenden Abgrenzungen gegen Juden und andere sozial konstruierte Gruppen. In ideologisch argumentierenden

Jugendgruppen wird die Unterscheidung zudem auch in der Form einer spezifisch gegen

Juden gerichteten aggressiven Abgrenzung vorgenommen.

Abgrenzungen gegenüber »den Juden« sind für die Mehrzahl der Jugendlichen, die sie vornehmen,

eine – aber nur eine von mehreren und nicht die zentral bedeutsame – Variante einer eigenen, über

Abgrenzungen verlaufenden »negativen Identitätskonstruktion«. So verweist z.B. die Aussage: »Muslime

werden immer heruntergemacht und Juden werden voll verwöhnt« seitens eines Jugendlichen,

dessen Selbstidentifikation als Moslem wesentlich aus einer Verteidigung gegen diskriminierende

Fremddefinitionen herrührt, auf die Problematik einer muslimischen Selbstdefinition durch Negation

und gleichzeitig auf eine der Mehrheitsgesellschaft konforme Unterordnung als Minderheit sowie auf

eine antijüdische Fremdkonstruktion, welche die Konkurrenz unter Minderheiten beschwört.

Die Unterscheidung »sie sind anders als wir« beinhaltet einerseits Konstruktionen über Juden als

»Andere« und andererseits Annahmen über sich selbst oder über eine konstruierte Eigengruppe.

Selbstdefinitionen in diesem Kontext sind in der Mehrzahl auf Normalität sowie auf moralische, nationale,

religiöse und soziale Identität gerichtet. Entsprechend erscheint es sinnvoll, im Kontext antiantisemitisch

orientierter Bildungsangebote nicht nur antisemitische Fremdkonstruktionen zu thematisieren,

sondern sich breiter mit den unter Jugendlichen gängigen, unter anderem nationalen, ethnischen

und religiösen Identitätskonstruktionen auseinanderzusetzen sowie mit den darin jeweils

bedeutsamen Aus- und Abgrenzungen. Abgrenzungen und Abwertungen gegenüber »den Juden«

können damit als eine Variante heterogener ideologischer Formen in den Blick genommen werden,

die Menschen in ungleiche oder vielmehr ungleichwertige Kategorien einteilen.

Solche Differenzsetzungen sowie die Thematisierung ihrer ähnlichkeiten und Unterschiede werden in

Angeboten der Diversity- und Social Justice-Pädagogik und der Menschenrechtsbildung angesprochen

und gezielt unterlaufen. Zu einer solchen Programmatik gehören ebenso eine kritische, reflexive,

humorvolle, ironisierende Auseinandersetzung mit eigenen und auf andere bezogenen Zugehörigkeitskonstruktionen

wie das Aufzeigen der Tatsache, dass Juden – ebenso wie sich mit anderen Gruppen

identifizierende Personen – nicht allein durch ihr Jüdischsein bestimmt werden. Deutlich werden

sollte ebenso, dass auch unter Juden (wie in anderen Gruppen auch) Unterschiede bestehen, die es

unmöglich machen sollten, das Verhalten einer Person als Ausdruck »jüdischer Eigenarten« oder z.B.

die staatliche Politik Israels als »jüdische Politik« zu sehen.

Reflexive diversity-pädagogische oder auch interkulturelle Bildungsarbeit zielt, wie die Sozialwissenschaftlerin

Ulrike Hormel und der Sozialwissenschaftler Albert Scherr dies formulieren, darauf:

»die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse durchschaubar zu machen, durch die Unterschiede

zwischen sozial ungleichen Gruppen hervorgebracht werden;

zur Kritik unzulässiger Generalisierungen sowie von Stereotypen und Vorurteilen zu befähigen

sowie dafür zu sensibilisieren, dass jedes Individuum ein besonderer Einzelner ist;

begreifbar zu machen, dass Gruppenzuordnungen keine klaren und eindeutigen Grenzen zwi-

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