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MIT HIPHoP GEGEN ANTISEMITISMUS

DAs hIphop-vEhIKEl — EInE JugEnDKultuR

Als BEgEgnungsRAhMEn SooKEE

HipHop ist gegenwärtig eine der größten und wichtigsten Jugendkulturen weltweit. Die traditionellen

Elemente Rap, DJing, Graffiti, Breakdance und Beatboxing, die im Zuge der Transformation von

einer Sub- zu einer Popkultur noch um Felder wie digitale und instrumentale Musikproduktion, Dokumentation,

Fotografie, Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit erweitert wurden, bieten vielfältige

Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Betätigung, Vernetzung und Kommunikation.

HipHop gilt seinen Gründungsmythen zufolge als eine Jugend- bzw. Subkultur, innerhalb derer marginalisierte

Schwarze Jugendliche sozio-politische Zustände und Schieflagen in den US-amerikanischen

urbanen wohnbezirken thematisieren und der eigenen Ausgrenzung aus dem kulturellen

Leben der weißen Mehrheitsgesellschaft entgegenwirken wollten. So begannen die jungen Menschen

sich selbst zu organisieren, Ressourcendefizite auszugleichen, neue Techniken der kulturellen

(Selbst-)Darstellung zu entwickeln und darüber eine Subkultur aus dem Boden zu stampfen, die vierzig

Jahre später so groß und einflussreich geworden ist, dass zahlreiche Industrien versuchen, sich an

ihr zu bereichern. Doch auch Gesellschaftsbereiche, die nicht vom Interesse der Profitmaximierung

beherrscht werden, nutzen HipHop als Arbeitsinstrument. Viele Jugendeinrichtungen machen Angebote

im HipHop-Bereich, um den Interessen der Jugendlichen gerecht zu werden. Rap-Songs haben

Eingang in den Deutschunterricht gefunden, und auch die sogenannte klassische Hochkultur lässt

sich im Rahmen von Bildungsprojekten über HipHop erschließen. HipHop erweist sich also als ein

förderungswürdiges kulturelles Phänomen, das Menschen miteinander verbindet, kommunikative Fähigkeiten

stärkt und allerhand thematische optionen sowie ein großes Bildungspotential birgt.

Rap – also die sprachlich-rhythmische Komponente von HipHop – bietet vor diesem Hintergrund zwei

entscheidende Möglichkeiten: Zum einen ist das Verfassen von Rap-Texten eine Kulturtechnik mit

vielen Vorgaben und Herausforderungen. Das Reimen schult die Auseinandersetzung mit den lautlichen

Gesetzmäßigkeiten von Sprache, die Festlegung auf ein Thema innerhalb eines Songs fordert

dazu auf, Synonyme zu finden sowie semantische Felder auszuschöpfen, und die Begrenzung durch

die Takte der Beats hat zur Folge, dass einzelne Sätze genau formuliert werden müssen, was eine intensive

Auseinandersetzung mit der Struktur des Satzbaus erfordert. Songs, die konkrete Geschichten

erzählen, sind letztlich Inhaltsangaben von Erlebtem oder Fiktivem, und für solche Geschichten müssen

narrative Kompetenzen trainiert werden.

Zum anderen hat Rap in den letzten Jahrzehnten eine Fülle von Subgenres hervorgebracht. So gibt es

unzählige Richtungen wie gesellschaftskritischen Conscious-Rap, spaßorientierten Party-Rap, auf Stärke

und Härte abzielenden Gangsta- und Battle-Rap oder selbstdarstellerischen Representer-Rap, um

nur einige Beispiele zu nennen. Innerhalb dieser Subgenres wiederum werden implizit oder explizit

Themen verhandelt, die den politischen Gehalt von Rap deutlich werden lassen. Die Texte des frühen

US-amerikanischen Gangsta-Rap, der auch in Deutschland adaptiert wurde und mittlerweile eine

gewisse Dominanz in der Szene hat, berichteten unter anderem von Repression durch Staats- und

Polizeigewalt. Auch heute nutzen junge Rapper/innen die Gelegenheit, in Songs etwa über ihre Erfahrungen

mit strukturellem und /oder alltäglichem Rassismus zu sprechen. Rap ist somit einerseits

ein Fundus an kulturellen Produkten, innerhalb derer man auf die Suche nach politischen Themen

und Aussagen gehen kann, um Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und andere Formen

von Machtverhältnissen und Diskriminierung zu kontextualisieren. Andererseits lässt sich über

das Verfassen, Aufnehmen und Performen eigener Texte ein Raum eröffnen, in dem junge Menschen

die Perspektive ihrer Lebenswirklichkeit artikulieren.

In einem pädagogischen Kontext wird die Songproduktion zudem noch um die Dimension der Reflexion

eigener Denk- und Sprechweisen, Erfahrungen und Haltungen erweitert. Deshalb ist es nicht

ausreichend, Jugendlichen lediglich ein paar Hinweise an die Hand zu geben, wie ein Rap-Song aufgebaut

ist, wie man assoziatives Denken einsetzen kann, um auf Themen zu stoßen, oder sie über die

gängigen Reimschemata in Kenntnis zu setzen. Eine inhaltliche Begleitung, eine fragende Haltung

und ein Gesprächsangebot im Arbeitsprozess sind mindestens genauso wichtig wie die bloße Vermittlung

von Schreibtechniken. Die Auseinandersetzung mit bestimmten stigmatisierenden, stereo-

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