Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

Die Fragen hängen zunächst verdeckt auf DIN A4-Blättern an der (Pinn-)wand und werden von den

Teilnehmern gewählt und aufgedeckt. Jeder Frage ist eine bestimmte Punktzahl zugeordnet (20, 40,

60, 80, 100 Punkte). Der Gedanke des Gewinnens dient vor allem als Anreiz, um die Teilnehmenden

zu Diskussionen über die jeweiligen Fragen zu ermuntern; bei ihrer Beantwortung spielen aber die

Kategorien »richtig« und »falsch« keine Rolle. Auch den Teilnehmenden wird im Laufe des Spiels

schnell deutlich, dass es nicht allein um die zu gewinnenden Punkte geht, sondern vielmehr um die

Diskussionen, die durch die Fragen angeregt werden.

Auf diese weise werden klassische Themen der Jungenarbeit sowohl mit der Lebens- und Alltagswelt

der Teilnehmer und deren Ausgrenzungserfahrungen als auch mit dem Thema Antisemitismus verknüpft.

Dadurch werden intensive und differenzierte Diskussionen ermöglicht, bei denen von den Teilnehmern

immer wieder die kritische Reflexion ihrer männlichen Praxen und ihrer Rolle als – heterosexueller

oder auch homosexueller – Junge oder Mann mit Migrationshintergrund gefordert wird. Auch biografische

und private Fragen über die Familie und das häusliche Umfeld können aufgeworfen werden

– falls die Jungen sich dazu entscheiden, solche Themen anzusprechen. wichtig ist in jedem Fall, dass

vonseiten der Teamer/innen ein Rahmen gewährleistet wird, in dem die Jungen keine Angst haben

müssen, für ihre offenheit abgewertet zu werden. Bei der Erprobung des Konzepts entwickelten sich

anhand der Fragen zu den unterschiedlichen Bereichen lebhafte Diskussionen, vor allem rund um das

Thema männliche Vorbilder sowie über den Umgang mit als unmännlich geltenden Emotionen.

Die Einbeziehung von Antisemitismus als einer der Rubriken des Quiz liefert Erkenntnisse über die

Positionen der Jungen zu diesem Thema und über möglicherweise bei ihnen vorhandene antisemitische

Haltungen. Auch wenn sich die Teilnehmer bei äußerungen zu diesem Bereich zurückhaltend

zeigen sollten, kann durch gezieltes Nachfragen eine Diskussion initiiert werden. So wurde bei der

Erprobung des workshops darauf hingewiesen, dass alle teilnehmenden Jugendlichen doch schon

einmal »du Jude« als Schimpfwort verwendet hätten. Auch wenn es den Jungen deutlich unangenehm

war, dies zugeben zu müssen, entstand ein längeres Gespräch über die Frage, warum und wie

die Bezeichnung abwertend wirkt. Die Erklärungen der Jugendlichen verwiesen einerseits auf ihr inkonsistentes

weltbild, andererseits fanden sich in ihren Argumentationen, vor allem zum Nahostkonflikt,

durchaus analytische Bestimmungen, aber auch antidemokratische Einstellungen; insbesondere

sie bedürfen der weiteren Bearbeitung.

Der zweite Teil des workshops, das Fotoprojekt, kreist um die Themen Zuschreibungen, Homogenisierungen

und Vorurteile. Da es beim späteren Foto-Shooting unter anderem um die mimische und

gestische Darstellung von Gefühlen sowie deren wahrnehmung geht, empfiehlt sich als kurze Einstiegsübung

in diese Projektphase eine »Gefühlsscharade«, bei der die Jungen bestimmte Gefühle

wie verliebt sein, Angst haben oder enttäuscht sein pantomimisch abbilden. Anschließend machen

die Jugendlichen ein Brainstorming zu der Frage, wie sie als männliche Jugendliche mit einem türkischen,

kurdischen oder arabischen Hintergrund von ihrem Umfeld wahrgenommen werden, z.B.

von Lehrer/innen, Mitarbeiter/innen der Arbeitsagentur, Eltern, Freund/innen oder mitreisenden

Fahrgästen in der U-Bahn. Hier sollen die unterschiedlichsten Vorurteile und Stereotype benannt werden.

So machen die Jugendlichen immer wieder die Erfahrung, als aggressiv, gewaltbereit, kriminell,

dumm, sexistisch oder integrationsunwillig wahrgenommen zu werden. Muslimische Männer werden

zudem von der Mehrheitsgesellschaft gemeinhin als antidemokratisch, rückständig und nicht

dazugehörig stigmatisiert. Eine weitere Zuschreibung, mit der sich die Jugendlichen unter Umständen

konfrontiert sehen, ist ihre Kategorisierung als antisemitisch.

Im nächsten Schritt sollen sich die Jugendlichen drei bis fünf Stichwörter aus dem Brainstorming auswählen

und zu zweit bearbeiten. Aufgabe der Paare ist es, sich Stichwörter auszuwählen, mit denen

sie sich von den Zuschreibungen und den Homogenisierungen abgrenzen und zur wehr setzen, die

ihnen (mutmaßlich) entgegengebracht werden. Die Gelegenheit dazu bekommen sie in der Auseinandersetzung

mit der zentralen Frage: »wie sehe ich mich selbst?«. Hier können sie ihre Stärken ergründen

und wünsche und Visionen formulieren, die sie im anschließenden Foto-Shooting als positive

Selbstbilder entwerfen und den Fremdzuschreibungen entgegensetzen.

Nach dem Vorbild der Fotoserie im Magazin der »Süddeutschen Zeitung«, das den Jugendlichen als

Vorlage zur Verfügung gestellt werden sollte, werden anschließend paarweise drei bis fünf Fragen zu

Themen formuliert, die für die Jugendlichen von zentraler Bedeutung sind. Dabei kann auch auf Diskussionspunkte

aus der Quiz-Show zurückgegriffen werden, in der ja bereits Felder bearbeitet wurden,

die für das Selbstverständnis der Jugendlichen wichtig sind. Die Entwicklung der Fragen kann

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