Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

SCHLUSSwoRT

Das Modellprojekt »amira« hat auf die vielfältigen Herausforderungen, die mit der Auseinandersetzung

mit Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft verbunden sind, mit einem umfassenden par -

ti zipativen Prozess reagiert. In diesen Prozess wurden neben engagierten Jugendarbeiter/innen aus

Kreuzberg bewusst auch Migrant / innenselbstorganisationen einbezogen. Migrant / innenvereine sind

immer wieder mit Bestrebungen konfrontiert, migrantische Jugendliche und Erwachsene pauschal als

antisemitisch zu stigmatisieren und so eine Minderheit für ein gesamtgesellschaftliches Problem verantwortlich

zu machen. Deshalb war von Anfang an klar, dass eine solche partizipative Herangehensweise

bedeutet, sich auf einen kommunikationsintensiven und langwierigen Prozess einzulassen, der

mit dem Ende des Projekts noch lange nicht abgeschlossen sein kann.

wir sind überzeugt, dass »amira« damit einen Beitrag zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit

Antisemitismus in ethnisch pluralen Kontexten leisten konnte, der über die Entwicklung pädagogisch er

Angebote und über den Stadtteil hinausreicht. Dass relevante Akteur/innen aus Jugendarbeit und Migrant

/ in nenselbstorganisationen im Lauf dieses Prozesses (auch) zum Thema Antisemitismus ins Gespräch

gekommen sind, werten wir trotz aller Kontroversen und weiterhin offenen Fragen als großen

Erfolg.

»amira« hat den Bereich der (offenen) Jugendarbeit als Arbeitsfeld gewählt. Er ist gekennzeichnet

durch Prinzipien wie Freiwilligkeit und Lebensweltbezug sowie ein besonderes Vertrauensverhältnis

zwischen Pädagog / innen und Jugendlichen. Damit verfügt die Jugendarbeit über ein großes Potenzial,

um (migrantische) Jugendliche auf anderem wege zu erreichen, als es beispielsweise die Schule vermag.

Um in Jugendeinrichtungen Antisemitismus wirksam und nachhaltig bearbeiten zu können, reicht

jedoch der kurzfristige Einsatz von externen Expert / innen nicht aus. Vielmehr müssen Bildungsangebote

zum Antisemitismus und seinen unterschiedlichen Kontexten langfristig und dauerhaft angelegt

sein und in eine allgemeine menschenrechtsorientierte Pädagogik integriert werden. Einrichtungen,

die sich dieses komplexen und brisanten Themas annehmen, benötigen ein klares Profil sowie wissens-

und Handlungsstandards zum Umgang mit antisemitischen äußerungen und anderen Formen von

gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die für alle Mitarbeiter/innen verbindlich sind. Das gesamte

Team sollte sich verantwortlich fühlen und durch gemeinsame Fortbildungen auf einen gemeinsamen

Kenntnisstand bringen. Bis die Jugendarbeiter/innen ein ausreichendes wissen über Antisemitismus

und über den praktischen Umgang mit ihm erworben haben, brauchen sie jedoch beratende Begleitung

von außen. wünschenswert wäre die Entwicklung eines umfassenden, einrichtungsspezifischen

Bildungskonzepts, das im Rahmen einer längerfristigen Kooperation mit Partner/innen aus dem Bereich

der außerschulischen Bildung umgesetzt wird.

»amira« setzt auf das Engagement der Pädagog / innen – den entscheidenden Faktor für den pädagogischen

Erfolg. Voraussetzung für ihr Engagement ist jedoch, dass die Jugendarbeiter/innen »den

Kopf frei haben« und entlastet sind von existenziellen Sorgen um die Zukunft der Jugendeinrichtung

und ihrer Arbeitsplätze sowie von zeitlicher überforderung. Mit der zentralen Aufgabe, die Jugendlichen

bei der Bewältigung von alters- und zielgruppenspezifischen Problemen zu unterstützen, sind

die pädagogischen Fachkräfte in ihrem Arbeitsalltag vielfältigen und belastenden Anforderungen ausgesetzt.

Um neben den alltäglichen Herausforderungen dem Anspruch gerecht werden zu können,

auch mit antisemitischen äußerungen von Jugendlichen adäquat umzugehen, benötigen die Einrichtungen

ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen. Dies gilt genauso für Migrant / innenselbstorganisationen,

die sich in diesem Feld engagieren sollen (und wollen).

Klar ist aber auch, dass Jugendarbeit und Migrant / innenvereine die vorhandenen Probleme nicht allein

in den Griff bekommen können. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen

Bereichen wie Schule, Zivilgesellschaft und Politik, um nur drei wesentliche zu nennen. wir hoffen,

dass die Akteur/innen in Kreuzberg, die über die letzten drei Jahre so viel Ausdauer und Mut bewiesen

haben, sich weiterhin dieser Herausforderung stellen und auch in Zukunft gemeinsam den – oft

mühevollen – Prozess der Auseinandersetzung mit Antisemitismus weiterführen werden.

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