Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von ... - Migration-online

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Liebe Leserinnen und Leser,

was macht eine Freundschaft aus? Es waren einmal drei Jugendliche in Kreuzberg, die über den übertritt

zum Islam diskutierten. Einer der drei Freunde wollte konvertieren, bis herauskam, dass seine Eltern

ihm seine jüdische Identität verschwiegen hatten: Sie hatten ihn vor Vorurteilen und Ausgrenzung

schützen wollen. Die Freundschaft der Jungen zerbrach darüber; die Familie des Jungen zog aus

Kreuzberg weg. Das ist nur eine der vielen Geschichten zum Thema Antisemitismus, denen das Projekt

»amira – Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus« des Vereins für Demokratische

Kultur in Berlin e.V. im Laufe seiner dreijährigen Arbeit in Kreuzberg begegnet ist.

Es ist nach wie vor nicht einfach, in der Jugendarbeit das Thema Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

zu verhandeln und Pädagog / innen darin zu unterstützen, mehr Handlungssicherheit

im Umgang mit antisemitischen äußerungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu

erlangen. wie notwendig eine solche Arbeit gleichwohl ist, belegen aktuelle Umfragen und Studien,

und spätestens seit der sogenannten zweiten Intifada (2000–2005) und dem Anschlag auf das world

Trade Center am 11. September 2001 ist das Thema »Antisemitismus unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund«

auch ein Dauerbrenner in den deutschen Medien – allerdings häufig ohne die notwendige

Differenzierung und mit vielen pauschalen Zuschreibungen. Zudem ist diese Berichterstattung,

vor allem zum Nahostkonflikt, mitunter nicht frei von einseitigen Schuldzuweisungen und antisemitisch

motivierter Israelfeindschaft.

ob Migrant / innen tatsächlich, wie es die Berichterstattung oft nahelegt, anfälliger für antisemitische

Einstellungen sind, darüber gibt es bislang wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Zweifellos gibt es

jedoch entsprechende Probleme in Jugendeinrichtungen, vor denen wir nicht die Augen verschließen

sollten – schon die Tatsache, dass hier »Du Jude« ein beliebtes Schimpfwort ist, gibt einen ersten

Hinweis darauf. Ein genaueres Bild zeichnet die gerade erschienene empirische Studie der Berliner

Erziehungswissenschaftlerin Heike Radvan. Der Studie zufolge stehen Pädagog / innen im Jugendbereich

einerseits vor der Herausforderung, in ihrem Berufsalltag mit dem Antisemitismus der Jugendlichen

(mit und ohne Migrantionshintergrund) umzugehen, andererseits enthalten auch ihre Reaktionen

darauf mitunter selbst verschwörungstheoretische und stereotype Annahmen über »die Juden«.

Die Studie zeigt aber auch, dass es in der Arbeit mit Jugendlichen durchaus gelingen kann, antisemitische

Haltungen nachvollziehbar zu widerlegen, ihre ideologischen Hintergründe aufzuzeigen

und sie infrage zu stellen.

An genau dieser Aufgabe arbeitete seit 2007 das Projekt »amira« gemeinsam mit Vertreter/innen aus

der Jugendarbeit und Migrant / innenselbstorganisationen. In der dreijährigen Zusammenarbeit wurden

Zugänge und Methoden für eine nicht stigmatisierende Bearbeitung von Antisemitismus bei Jugendlichen

vor allem mit türkischem, kurdischem und arabischem Migrationshintergrund entwickelt.

Der Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. freut sich sehr, mit der vorliegenden Publikation diese

Angebote und Konzepte der (Fach-)Öffentlichkeit vorstellen zu können. Sie sind nicht nur der engagierten

Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen aus dem Projekt geschuldet, sondern auch ihrer

guten Zusammenarbeit mit den vielen Partnerinnen und Partnern aus der Jugendarbeit und aus den

Migrant / innenselbstorganisationen, aber auch aus der Verwaltung und der politischen Bildung sowie,

besonders, aus dem Jugendamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Ihnen allen gilt daher unser

Dank. Besonders gedankt sei auch dem Berliner Beauftragten für Integration und Migration, dem

Bundesprogramm »VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie« des Bundesministeriums

für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Jugend- und Familienstiftung des

Landes Berlin – sie alle haben das Modellprojekt »amira« finanziell erst möglich gemacht.

BIAncA KlosE unD tIMo REInfRAnK

Geschäftsführerin und Vorstand des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin e.V.

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