Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig ...

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Inhalt.

I. Johann Anton Leisewitz als Reformator der Armenpflege in der Stadt·

Braunschweig. Vom Stadtarchivar Dr H. Mack In Braunschweig.

Einleitung .

I. Reformbestrebungen von Leisewitz

2. Leisewitzens Reformplan

3. Begutachtung des Reformplanes durch das Armendirektorium

4. Leisewitzens Erwiderung auf das Gutachten des Armendirek-

tori11ms .

'i. Schlussverhandlllngen Leisewitzens mit dem Armendirektorium

6. Leisewitzells Mitarbeit an der Durchführung des Reformplans .

7. Die neue Armenanstalt bis auf Leisewitzens Tod

Il. Beiträge zur Kenntnis des Dichters Leisewitz. Von der Oberlehrerin M.

Niebour in Frankfurt am Main.

I. Zur Entstehungsgeschichte des "Julius von Tarent"

2. Leisewitz' dichterische Persönlichkeit, nach dem "Julius von Ta­

rent" und dem handschriftlichen Nachlass.

(ll. J. A. Leisewitz' Stammbuch aus seiner Göttinger Studienzeit. Vom Archivrat

Dr P. Zimmermann in Wolfenbiittel

IV. J. A. Leisewitz' Silhouettensammlung. Vom Archivrat Dr P. Zimmermann

in WolfenbütteI.

V. Verschiedenes über J. A. Leisewitz

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Redaktionsausschuss.

Geh. Hofrat Prof. Dr med. u. phi\. Wilh. Blasius,

Stadtarchivar Dr H. Mack,

Museumsdirektor Prof. Dr P. J. Me i e r

in Braunschweig,

Schulrat Prof. Dr Wilh. Brandes,

Archivrat Dr Paul Zimmermann

in Wolfenbtiuel.

Alle Sendungen sind an den Letztgenannten zu richten.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 3

harte und schwere Not der Zeit, an der Kriegsnachwehen, böse Missernten

und vielerwärts auch Missregierung schuld waren, der Erkenntnis zum Durchbruch

verholfen, dass man der Armut besser zu Hilfe kommen müsse, dass

man nur dadurch sich der wieder einmal zur Unerträglichkeit gesteigerten

Bettlerplage werde erwehren können. So ist es denn auch kein Zufall gewesen;

dass die Stadt Braunschweig gerade in dem berilchtigten Hungerjahre

1772 durch landesherrliche Verordnung mit einer bemerkenswerten Neuregelung

ihres Armenwesens bedacht wurde.· Hänselmann, dem wir hier folgen,

hat treffend gezeigt 1), inwiefern diese Reform auch ihrem Wesen nach als Vorläuferin

der drei Jahrzehnte später durchgeführten zu gelten hat. Vor allem

ist es die starke Betonung der damals sonst sehr vernachlässigten 2) speziellen

Armenpflege, durch die sie sich mit dem Leisewitzschen Reformplane eng

berührt. Man betraute mit der wichtigen Aufgabe die Mitglieder der Kirchenkollegien,

wie denn in der ganzen Organisation die Kirchspieleinteilung eine

wichtige Rolle spielte, doch versagten diese aus Gründen, die wir weiter

unten hören werden, schon nach wenigen Jahren aufs kläglichste. Da die

Lücke - sieht man von der ziemlich nutzlosen Anstellung einiger aus den

besten Armen gewählter Unteraufseher ab - nicht wieder ausgefüllt wurde,

so blieb als einziges vollwertiges Organ der Armenpflege das Armenkollegium

übrig, das 1772 durch Hinzutritt von je einem bis drei Deputierten der einzelnen

Kirchenkollegien zum Fürstlichen Armendirektorium gebildet worden

war S ). Der engen Fühlung mit seinen Schutzbefohlenen entbehrend, zudem

der Arbeitslast nicht gewachsen war es trotz rilhmlichsten Eifers und mancher

vorzüglicher Einrichtungen nicht imstande, einerseits allen Bedürftigen zu

helfen, andrerseits die gewährten Unterstützungen den Besonderheiten des

einzelnen Falles anzupassen. Infolge davon nahm die Bettelei wieder oberhand

und in demselben Masse die Opferwilligkeit des Publikums für die

Armenanstalt ab. Kurz, eine abermalige Reform erwies sich je länger je

1) Werkstücke Bd. 2 S. 254 ff. ') Vergl. Büsch, Schriften über das Armenwesen .•. ,

Hamburg 1792, S.294. B) Der Name ist allerdings jünger als die Sache: die Verord·

nung von 1772 nennt auch die erweiterte Behörde Armendirektorium, erst 1782 finde ich

für sie die offizielle Bezeichnung Armenkollegium (Nachricht von den hiesigen Armenan·

stalten. Braunschweig (782), durch die sie zweckmässig von ihrem Kern, dem eigentlichen

Direktorium, dessen zwei bis vier Mitglieder der Herzog ernannte, unterschieden ward.

Auch insofern steht die Verordnung von 1772 mit dem oben Gesagten im Widerspruch,

als sie den Beitritt von z w e i bis drei Deputierten der einzelnen Gemeinden zum Armendirektorium

bestimmt. Jedoch sehen wir aus Verzeichnissen von 1782 und 1783, dass die

Petri· und Michaelisgemeinde nur je ein e n Deputierten ins Armenkollegium entsandten,

die BrUdern· und die Katharinengemeinde je zwei, die Martini·, die Andreas· und die

Magnigemeinde je drei.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPLEGF. usw. 5

einer ArmenpflegersteIle bereit erklärten. Wir werden nicht fehlgehen, wenn

wir das Geleistete dem Eschenburgschen Kreise zuschreiben, dem u. a. Leisewitz,

der Garnisonprediger Junker, der Professor der Anatomie Roose und der

Kammerrat v. Schrader angehörten. Was insbesondere die Werbung von

Armenpflegern betrifft, so machte sich darum, wie Leisewitz einmal nachdrücklich

hervorhebt 1), an erster Stelle der Pastor Meier zu St. Katharinen

verdient. Es kam nun alles darauf an, ob die Regierung die Verpflichtungen

des Armendirektoriums gegen Eschenburg und seine Freunde einlösen, d. h.

das begonnene Werk fortführen werde. Dass sie es tat, und wie sie es tat,

ist hauptsächlich der warmen Teilnahme Herzog Kar! Wilhelm Ferdinands

an der guten Sache zu danken. Unterm 15. April 1801 berief er Leisewitz

als Referenten mit dem Titel eines Geheimen Justizrates in das Geheimratskollegium

und schon im Juli 2) desselben Jahres erhielt er von ihm eine ausführliche

Denkschrift über die geplante Reform eingeliefert. Daraus dürfen

wir wohl schliessen, dass er jene Ernennung zunächst in der Absicht vollzogen

hatte, um durch Leisewitz das Armenwesen und vornehmlich seine

Verbesserung in der Stadt Braunschweig bearbeiten zu lassen. Eben diese

Wahl zu treffen lag für den Herzog sehr nahe. Über die bedeutenden allgemeinen

Fähigkeiten Leisewitzens hatte er schon lange die beste und seither

durch reiche Erfahrung in vollem Umfange gerechtfertigte Meinung. Hatte

er doch bereits I 786 dem einfachen Landschaftssekretär den Unterricht des

Erbprinzen im braunschweigischen Staatsrecht übertragen und ihn dann vier

Jahre später ganz in seinen Dienst gezogen, indem er ihn zum Hofrat und

Sekretär der Geheimen Kanzlei ernannte. Ferner aber war ihm auch ohne

Frage die erfolgreiche theoretische und praktische Betätigung des Mannes auf

dem besonderen Gebiete der Armenfürsorge wohl bekannt. Er wusste sicherlich

um den von einem hannöverschen Minister als ausgezeichnet gerühmten Plan,

den Leisewitz 1779 für die Umgestaltung der Armenpflege Hannovers ausgearbeitet

hatteS), und auch Leisewitzens Zusammenwirken mit Eschenburg und

andern Menschenfreunden fUr das Wohl der braunschweigischen Armen wird

ihm nicht verborgen geblieben sein. Und dass Karl Wilhelm Ferdinands Wahl

in der Tat auf den rechten Mann gefallen war, dafür ist jene grosse Denkschrift

vom Juli 180 I in ihrer unübertrefflichen Klarheit, Sorgfalt und Gediegenheit

eins der gewichtigsten Zeugnisse. Deshalb verdient sie eine sehr

I) Im Reformplane S zn. ') Vom 31. Juli ist das kaum jüngere herzogliche

Schreiben datiert, mit dem die Denkschrift ans Armendirektorium weitergegeben wurde.

') Hier sei auch daran erinnert, dass Leisewitz gelegentlich seines Aufenthaltes in Wei·

mar i. J. 1780 mit Goethe unter anderm das Thema der Armenanstalten erörterte (vgl.

Kutschera, J. A. Leisewitz, S. 42).

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6 HEINRICH MACK

eingehende Behandlung, zumal die Kenntnis, dass hier eine Leisewitzsche

Arbeit vorliege, lange verloren gewesen ist 1 ).

2.

Leisewitzens Reformplan.

283 in der Regel nur zur Hälfte beschriebene Folioseiten umfassend, auf

denen Leisewitzens eigene Hand bloss in Einbesserungen erscheint, trägt die

Abhandlung den Titel "Über die Vervollkommnung der Braunschweigischen

Armen·Anstalt nach dem Muster der Hamburgischen. " Sie zerfällt in zwei

Hauptteile, deren erster, die grössere Hälfte des Ganzen, eine Darstellung der

hamburgischen Armenanstalt nach ihrem Zustande im Juni 1799 bietet, wäh·

rend die zweite sich mit dem Thema im engeren Sinne befasst. Obwohl auch

der erste als eine sehr verdienstliche und interessante Leistung anerkannt

werden muss, indem darin die amtlichen und nichtamtlichen Berichte über

die Hamburger Anstalt streng systematisch verarbeitet 2 ), die von 1788 bis

I 799 vorgenommenen Organisationsänderungen und deren Gründe gewissenhaft

berücksichtigt und endlich an nicht wenigen Stellen von scharfem und

praktischem Blicke zeugende kritische Bemerkungen eingeflochten sind, haben

wir uns doch naturgemäss gleich dem zweiten Teile zuzuwenden, bei dessen

Besprechung freilich dann und wann ein Zurückgreifen auf den ersten nötig

sein wird. Leisewitz erörtert hier zuvörderst die grundSätzliche Möglichkeit,

die Einrichtungen des hamburgischen Armenwesensauf das braunschweigische

zu übertragen. Der allgemeine Wunsch des Publikums, so hebt er an, die

Hamburger Armenanstalt bei der dringend nötigen Reform in Braunschweig

zum Muster genommen zu sehen, ist wohlbegründet, denn diese Anstalt ist

nicht nur auf den einfachen Grundsätzen aufgebaut, die für das nördliche

Europa die gegebenen sind, sondern es ist auch ihre Organisation auf die Er·

reichung der aus jenen Grundsätzen folgenden Zwecke mit vieler Weisheit

und Genauigkeit berechnet. Kann aber das Hamburger Werk für die Braunschweiger

mehr als ein schönes Ideal sein, d. h. verfügen sie über die Kräfte

jeder Art, deren sie bedürfen, um dem Ideale nachzustreben und ihm wenigstens

nahezukommen ? Gibt es in Braunschweig einerseits eine hinlängliche

Zahl von Einwohnern, die sich nach Gesinnung und Fähigkeiten für das wichtige

Amt eines Armenpflegers eignen, und sind andrerseits die zur Deckung

1) Während der 1854 verstorbene Stadtdirektor Bode sie noch gehabt hat, bezeich·

net z. B. Hänselmann (a. a. O. S. 277) den bekannten Aufruf "An das Rraunschweigische

Publikum" aus dem Oktober 1802 als die erste aktenmässige Kunde von dem Leisewitzschen

Reformwerke. ') Leisewitz hatte sich übrigens nicht nur aus gedrucktem Material über

die Hamburger Verhältnisse informiert: S 1 14 seiner Arbeit erwähnt er eine Unterredung,

die er mit dem Etatsrat Voght gehabt habe.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. j

der Kosten erforderlichen Fonds vorhanden? Eine ganz bestimmte Antwort

auf diese Fragen wird nicht gegeben wergen können, aber auch bei nur die

Wahrscheinlichkeit behauptender Bejahung wird man sich in Anbetracht des

wohltätigen Zweckes zu einern vorsichtigen Versuche fUr berechtigt halten

dürfen, zumal dessen etwaiges Misslingen keine beträchtlichen Nachteile für

das Armenwesen haben würde.

Indern nun der Verfasser die erste Frage zu beantworten unternimmt, beginnt

er mit einer ebenso lehrreichen wie kurzen historischen Einleitung folgenden

Wortlauts. "Manche eben so befremdende als unangenehme Erfahrungen

aus vorigen Zeiten zeigen nur zu deutlich, dass ein Teil des hiesigen

Publici nicht bloss auf keine Weise dazu zu bewegen gewesen ist, an gemeinnützigen

Unternehmungen einen thätigen und planmässigenAntheil zu nehmen,

sondern auch seinen Verdruss über die in solchen Fällen von andern bewiesene

Thätigkeit und seine Freude über das Misslingen eines solchen Unternehmens

nicht hat verbergen können, und daher scheint denn freilich die

Hoffnung, welche von dem Braunschweigischen Publico den zur Verwaltung

einer solchen Armen Anstalt erforderlichen Gemeingeist erwartet, schon im

Al1gemeinen zu kühn zu seyn und, so viel insbesondere den gegenwärtigen

Plan betrifft, durch eine sich unmittelbar darauf beziehende Erfahrung vereitelt

zu werden."

"Wie man in Braunschweig, lange vor Errichtung der Harnburgischen Anstalt,

nicht nur die Richtigkeit der dorten nunmehro angenommenen Grundsätze,

sondern auch dieZweckmässigkeit der zur Befolgung derselben gewählten

Mittel, wenigstens in einer gewissen Allgemeinheit, anerkannt hat, so

wurde auch schon in der Verordnung vom 26sten November 1772 ausdrücklich

der Grundsatz festgesetzt, dass ohne eine speciel1e, auf eine kleine Anzahl

Armer beschränkte, Aufsicht es unmöglich sey, den Zweck einer guten Armen

Anstalt zu erreichen, und zu Folge dieses Grundsatzes eine solche Aufsicht

den Repräsentanten der Kirchen Gemeinden übertragen, die also im Wesentlichen

den Hamburgischen Armenpflegern, so wie die Deputierten den Hamburgischen

Bezirks Vorstehern correspondirten."

"Allein diese Einrichtung hatte keinen Bestand, sondern nach einem sehr

merkwürdigen Berichte des Flirst!. Armen Directorii vom 18ten Januar 1787

""kaum ihren Anfang genommen, da schon einige Repräsentanten, um der

Aufsicht über die Armen entlediget zu seyn, ihre Stellen niederlegten, andere

aber so sorglos dabei verfuhren oder so starke Unterstützungen für ihre Armen

verlangten, dass man es für ein Glück ansehen musste, dass sie sich ihrer

Aufsicht gänzlich entschlugen und solche den Deputirten überliessen. ,," An

diese Worte des Armendirektoriums anknilpfend legt Leisewitz ausfilhrlich

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8 HElSRlCH MACK

dar, weshalb fUr den geplanten neuen Versuch mit der speziellen Armenpt1ege

das Wiederaufleben der alten Schwierigkeiten nicht zu befürchten sei. "Da

so viele Männer aus allen Ständen sich freiwillig und besonders ohne alles

Zuthun der Regierung zu der Übernahme der Armenpflege erboten und dadurch

gezeigt haben, dass sie dieses Geschäft für wichtig und belohnend halten,"

darf jetzt von vornherein vorhandene Trägheit ganz ausser Ansatz bleiben.

Auf d ie Trägheit freilich, die erst aus den mit der Armenpt1ege notwendig

verbundenen Unannehmlichkeiten erwächst, muss man gefasst sein, doch

wird sie sich in erträglichen Grenzen halten. Denn jene Männer werden im

Hinblick auf die Freiwilligkeit ihrer Mitwirkung "bei dem Gelingen oder Misslingen

dieser Unternehmung ihre Ehre interessirt halten und nicht bloss ein

Werk, auf das sie Mühe verwandt, sondern auch einen Zwang, den sie sich

selbst aufgelegt haben, lieb gewinnen." Ferner wird ein günstiger Einfluss

auf den Eifer der Pfleger davon zu erhoffen sein, dass ihre Pflichten nicht

nur genauer bestimmt, sondern auch einer besseren Kontrole unterstellt

werden sollen, als dies in der Verordnung des Jahres 1772 geschehen ist.

Neben der Trägheit ist es die Forderung unverhältnismässiger Unterstützungen

für die Armen, die in dem Berichte von 1787 den ehemaligen

Pflegern zum Vorwurfe gemacht wird. Beruht dieser Fehler auf Kurzsichtigkeit

und Nachlässigkeit, so ist der betreffende Pfleger fOr sein Amt

ungeeignet. Seine Unzufriedenheit uber die Ablehnung seiner Anträge verdient

keine Beachtung, und sein Rücktritt ist als ein Glück anzusehen. Indessen

kann auch ein tüchtiger Pfleger, dessen Ver! ust der Anstalt sehr

empfindlich sein wUrde, durch Nichtbewilligung seiner Forderungen zum

Nachteile der Erfüllung seiner Amtspflichten verstimmt und unlustig werden.

Hierfür ist die Möglichkeit gegeben, wenn die notwendigen Bedürfnisse der

Armen nicht allgemein festgestellt sind und so der Massstab fehlt, nach dem

die Höhe der einzelnen Unterstützung zu berechnen ist. Denn nur, wo ein

solcher allgemein gultiger Massstab zu Gebote steht, wird man einem zu viel

fordernden Armenpfleger das Übertriebene seiner Forderung beweisen können.

Ist dieser doch im andern Falle vollkommen berechtigt, seine auf genaue

Kenntnis der besonderen Umstände seiner Pfleglinge gegründete subjektive

oder, wie Leisewitz sagt, willkürliche Ansicht für richtiger zu halten als die

auch nur subjektive Ansicht eines Andern, der jene Kenntnis nicht besitzt.

Ausserdem kann es bei dem beregten Mangel leicht vorkommen, dass einem

Armenpfleger eine für seine Armen verlangte Unterstützung abgeschlagen

wird, die vorher einem anderen Armen, der keine besseren Anspruche darauf

hatte, verwilligt worden ist. Das wird dann der zurückgewiesene

Pfleger in der Regel - und nicht ohne Fug - als Parteilichkeit ansehen,

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 9

und seine Arbeit wird ihm um so mehr verleidet werden, als Unparteilichkeit

eine der wichtigsten Voraussetzungen jeder guten Armenpflege ist. Aus alle dem

folgt, dass man durch Adoptierung der in I-Iamburg durchgeführten und verwerteten,

in Braunschweig aber allem Anscheine nach bisher unterlassenen

genauen Ausmittelung des Bedurfnisses der Armen dem Übelstande der unverhältnismässigen

Forderungen im wesentlichen wird vorbeugen können. Unvollkommenheiten

freilich werden nie ganz ausbleiben, und auch in Hamburg

sind deren zu Tage getreten. Denn aus den privaten sowohl wie aus

den amtlichen Schriften über die dortige Anstalt erhellt, dass von den mehr

als 300 fUr sie tätigen Männern sich manche und besonders viele Armenpfleger

ihrer Geschäfte nicht mit der gehörigen Sorgfalt entledigen. Beispielsweise

soll das so höchst wichtige Erscheinen der Armen vor ihren Vorstehern

in einer Anzahl von Quartieren mehr oder weniger unterblieben

sein. - So viel über die Armenpfleger.

Als zweite unerlässliche Bedingung für das Gelingen der Reform

war von Leisewitz, wie wir uns erinnern, die Beschaffüng zureichender

Geldmittel aufgestellt worden. Um über ihre Erfüllbarkeit urteilen zu

können, berechnet er sich zunächst die Höhe der zu deckenden Kosten. Er

geht dabei sehreinfach, freilich auch recht summarisch zu Werke, indem er folgenden

Schluss zieht. Die Unterstützung der Hamburger Armen erfordert

bei insgesamt 120000 Einwohnern 300000 Mark = I 16666 2 /8 Taler 1),

also werden in Braunschweig, das rund 27500 Einwohner hat, für den

gleichen Zweck 68750 Mark = 267361/9 Taler nötig sein. Nun hat die

ordentliche Einnahme der braunschweigischen Armenkasse im Jahre 1800

17 2 47 Taler betragen. Hierzu kommen 5 145 Taler, welche die Armen

dank der Arbeitsanstalt durch die Wollenspinnerei und das Sortieren und

Kämmen der Wolle verdient haben, die ihnen also nicht aus der Armenkasse

haben gezahlt zu werden brauchen und sonach als reiner Gewinn fUr diese

zu gelten haben. Endlich sind 1500 Taler Zinsen aus dem der Armenanstalt

vermachten Legate der Herzogin Philippine Charlotte 2 ) von 50000 Talern einzustellen.

Mithin ist die gesamte Jahreseinnahme zu 23892 Talern zu veranschlagen

d. h. auf 2844 Taler weniger als die Jahresausgabe. Indessen

hat es wenig zu sagen, dass dieses Defizit wirklich eintreten wird. Denn

erstens ist der allerdings unsichere Gewinn der Arbeitsanstalt auf ihre

Warenconti, der 1798/99 rund I 168 Taler gebracht hat, gar nicht in Rechnung

gesetzt worden. Zweitens darf man hoffen, dass, wenn erst das Zutrauen

zu der Armenanstalt zurilckkehrt, der Ertrag der Sammlungen, fUr die

I) Die hamburgische Mark zu 9 Gutegroschen 4 Pfennigen gerechnet. ') t 2. Fe·

bruar 1801.

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10 HEINRICH MACK

sich der hamburgische Weg der Subskription empfiehlt, wie auch ein Versuch

mit den gleichfalls in Hamburg eingeführten HausbUchsen ratsam ist,

wieder beträchtlich steigen wird: sind doch 1774 nahe an 10000 Taler aufgekommen

gegen nur rund 7500 im Jahre 1800. Drittens ist in Braunschweig

die Teuerung, an sich schon arg genug, noch längst nicht so gross

wie in Hamburg. Endlich aber hat das hamburgische Armenkollegium im

Hinblick auf das ansehnliche Vermögen der Anstalt mit bedeutenden Opfern

einige Einrichtungen, vorab die Erziehungsanstalt, zu einer Vollkommenheit

erhoben, die zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig ist. Dies

alles in Betracht gezogen darf man annehmen, dass die Mittel der braunschweigischen

Armenkasse die geplante Vervollkommnung gestatten werden,

selbst wenn, wie es scheint, Braunschweig verhältnismässig mehr Arme haben

sollte als Hamburg. Übrigens hat die dortige Armenanstalt in dem richtigen

Trachten, von Anfang an keinen Armen unversorgt zu lassen und dadurch

der Bettelei grUndlieh zu steuern, bei ihren hierfür nicht ausreichenden Einnahmen

sich nicht gescheut, in den ersten fünf Jahren ihr ganzes verfügbares

Vermögen zuzusetzen. Und dieses kUhne Vorgehen hat die denkbar beste

Rechtfertigung gefunden. Denn auf ihr nutzbringendes Wirken hin wurden

der Anstalt schon nach kurzer Zeit so reichliche Vermächtnisse und Geschenke

zugewandt, dass sie nicht allein die geopferten Kapitalien voll zurückerhalten

hat, sondern nunmehr ihre Einnahmen die unumgänglichen Ausgaben überschreiten.

Zum Schlusse dieses Abschnittes betont der Verfasser, wie unangebracht

es sein würde, die Hamburger Organisation in Braunschweig sklavisch nachahmen

zu wollen. Dass alle die Einrichtungen nicht übernommen werden

dürfen, die den in Braunschweig schon vorhandenen desselben Bereichs an

Zweckmässigkeit nachstehen, ist ohne weiteres klar. Aber auch die Einfuhrung

mancher andern, wenn auch anerkannt vortrefflichen, wird einstweilen

wenigstens unterbleiben müssen, solcher nämlich, deren Erfolge von

einer gewissen Reife des ganzen Unternehmens und insbesondere von längerer

Übung und reicherer Erfahrung der Armenpfleger abhängen. Dadurch

wird dem gewiss richtigen Satze des Professor Büsch "Nichts muss zur

Hälfte geschehen" keineswegs zuwider gehandelt. Denn wesentliche Änderungen

des Hamburger Systems anzuraten liegt dem Verfasser so fern als

möglich.

Nachdem so die wichtige Vorfrage, ob Braunschweig das Vorbild Hamburgs

nachzuahmen wagen darf, bejahend beantwortet worden ist, wird in

einem zweiten Abschnitte die zu dem Behuf erforderliche Neuordnung der

Verwaltung oder, wie man heute vielleicht genauer sagen wUrde, der Ver-

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;

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 11

fassung der braunschweigischen Armenanstalt dargelegt. Die in dieser Hinsicht

gemachten Vorschläge decken sich in allem Wesentlichen mit dem, was

dann tatsächlich geschaffen wurde, und sind darum ihrem Inhalte nach längst

anderweitig bekannt geworden. In Anbetracht dessen genügt es hier vollkommen,

sie kurz zusammengefasst ins Gedächtnis zurückzurufen. Die Stadt

Braunschweig soll wie Hamburg in fünf Bezirke eingeteilt werden, deren

jeder aber nicht, wie in Hamburg, in zwölf, sondern der geringeren Einwohnerzahl

entsprechend nur in acht Quartiere zerfällt. FUr jedes Quartier werden

drei Armenpfleger bestellt. Ihnen liegt die Spezialaufsicht über die Armen

ihres Quartiers ob: sie untersuchen die Verhältnisse der um Unterstützung

Nachsuchenden oder der solcher Bedürftigen, zahlen die auf Grund ihrer

Anträge bewilligten U nterstiltzungen aus und stellen Hausvisitationen an;

die Aufsicht über die elternlosen und schulpflichtigen Kinder des Quartiers

besorgt einer von ihnen allein, ohne dadurch den übrigen Pflegergeschäften

völlig entzogen zu werden. Der Bezirk erhält drei Bezirkspfleger, zwei für

die Angelegenheiten der erwachsenen Armen je in der Hälfte des Bezirkes,

einen für die Jugend des ganzen Bezirkes. Sie prüfen vor allem die von den

Quartierpflegern eingereichten Untersuchungsberichte, U nterstützungsvorschläge

und Rechnungen und stellen die Verbindung zwischen jenen und dem

Armenkollegium her. Dieses setzt sich aus dem Fürstlichen Armendirektorium,

den Bezirkspflegern und einer unbestimmten Anzahl solcher Männer zusammen,

die ihrer besondern wissenschaftlichen oder technischen Kenntnisse wegen

- hierbei ist namentlich an die Schulen, die ärztliche Hilfe und die ArbeitsanstaIt

gedacht - unentbehrliche Mitarbeiter sind. Das Armenkollegium

sorgt fUr die nötige Einheitlichkeit und Übereinstimmung aller Massnahmen

und behält die Vervollkommnung der Anstalt im Auge. Doch macht die Menge

und Mannigfaltigkeit seiner Geschäfte die Erledigung der meisten von ihnen

durch Deputationen nötig, die indes dem ganzen Kollegium zur Rechenschaftsablage

über ihre Tätigkeit verpflichtet sind. Solche Deputationen sind zu errichten

für die Aufnahme von Armen in die Armenpflege und die Bestimmung

der ihnen zu geWährenden Unterstützungen, für die Schulen und die

Aufsicht über die Jugend, für die Medizinalhülfe, für die ArbeitsanstaIt usw.

Enge Fühlung hat das Armenkollegium mit den Verwaltern der milden Stiftungen

zu pflegen. Es darf sich nicht damit begnügen, von Zeit zu Zeit Verzeichnisse

der aus den Stiftungen unterstützten Personen zu erhalten, es muss

auch dahin streben, die Leitung jener an solche Männer zu bringen, die an

der Armenpflege offiziell beteiligt sind, und den Unterstützungsgrundsätzen

J der Armenanstalt auch bei den Stiftungen, soweit sie den Armen dienen, zur

Geltung zu verhelfen. Die äussere Leitung der Geschäfte, die Exekutive

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[ 2 HEl N R ICH MAC K.

und die Vertretung der Armenanstalt andern Behörden gegenüber faIlen dem

Fürstlichen Armendirektorium zu. Ihm ist insbesondere auch die bislang vom

Polizeidepartement gehandhabte Armenpolizei im engern Sinne anzuvertrauen,

damit es den vielen verderbten und widerspenstigen Menschen, mit denen

es zu tun hat, nötigenfaIls sofort selber nachdrücklich entgegentreten kann

und nicht erst eine andere Behörde um Hülfe anzurufen braucht, worunter

sein Ansehen leiden wUrde. AIlerdings erfordert diese Kompetenzerweiterung,

dass dem Direktorium ein Mitglied des Polizeidepartements - aber lediglich

für die Polizeisachen - zugeordnet werde.

Wie die Mitglieder des Armendirektoriums, so werden auch die ins Armenkollegium

zu berufenden Sachverständigen vom Herzog ernannt. Die BesteIlung

der Bezirkspfleger erfolgt in je zwei Fällen durch Wahl der Quartierpfleger

des einzelnen Bezirkes, im dritten durch Wahl des Armenkollegiums;

doch kann niemand Bezirkspfleger werden, der nicht vorher Quartierpfleger

gewesen ist. Auch je der dritte Quartierpfleger wird vom Armenkollegium

ernannt, die beiden andern gehen aus der Wahl der Subskribenten

d. h. derjenigen Bewohner des Quartiers hervor, die einen regelmässigen, nicht

unter einem Mindestsatze bleibenden Beitrag für die Armen gezeichnet haben.

Mehr als die Vorschläge selbst dürften die Begründungen interessieren,

die Leisewitz einzelnen von ihnen beigegeben hat. Zunächst sei auf das

hingewiesen, was er über die Einteilung der Stadt in Bezirke und Quartiere

sagt. Die Kirchspiele wie bislang auch inskunftig als Hauptarmenbezirke

zu benutzen erklärt er fUr untunlich. Denn während jeder Bezirk möglichst

dieselbe Zahl von Armen enthalten soll, waren beispielsweise 1792

in der Magnigemeinde mehr Arme vorhanden als in der Martini·, Petri- und

Brüderngemeinde zusammengenommen. Doch noch eine andre Bedingung

hat ein Bezirk zu erfüllen, um für zweckmässig abgegrenzt gelten zu können:

er muss eine genügende Anzahl von Personen aufweisen, die sich zu Armenpflegern

eignen, da es unbedingt nötig ist, dass diese in ihrem Bezirke

wohnen. Dadurch wird die Aufgabe ausserordentlich erschwert, werden

doch in den meisten irgend bedeutenden Städten gewisse Viertel nur von

Wohlhabenden und andre nur von Armen bewohnt. Indes ist diese örtliche

Scheidung von Arm und Reich nicht überall gleich scharf. So liegen in

Hamburg die Gässchen und sogenannten Höfe in der Nähe der von wohlhabenden

Leuten bewohnten Strassen, ein Vorteil, den die Hamburger Anstalt

allem Anscheine nach nicht gehörig auszunutzen verstanden hat. In Bremen

dagegen ist man sehr schlimm daran, weil die Armen sämtlich vom Mittelpunkte

der Stadt weit entfernt, viele sogar vor den Toren wohnen I). Braun-

1) Leisewitz schöpft diesen Vergleich zwischen Hamburg und Bremen aus Büsch, Schriften

über das Armenwesen, S. 370 f.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLECE USW. 13

schweig mag etwa die Mitte zwischen Hamburg und Bremen halten. Zwar

ist auch hier in weit höherem Masse als in Hamburg ein grosser Teil der

Armen in gewisse Reviere zusammengedrängt, allein diese Reviere sowohl,

als auch die Berührungspunkte zwischen ihnen und denen der Wohlhabenden

sind doch zahlreicher als in Bremen. Sonach ist folgendes Verfahren bei der

Einteilung der Stadt in Bezirke das gegebne. Man geht von den am meisten

mit Armen besetzten Revieren aus, teilt sie, wenn nötig, je in mehrere Stücke

und macht diese, immer unmittelbar benachbarte wohlhabende Gegenden an

sie angliedernd, gewissermassen zu den Kernstucken verschiedener Bezirke.

Hierbei wird man vielleicht die Unvollkommenheit eines einzelnen Bezirkes

mit in Kauf nehmen können, wenn dadurch eine desto zweckmässigere Zusammensetzung

der übrigen Bezirke ermöglicht wird.

Für die Bildung der Unterabteilungen der Bezirke, der Quartiere, sind bisher

zwei Methoden angewandt worden. Entweder hat man, wie in Hannover,

die gleiche Anzahl nebeneinanderliegender Häuser zu je einem Quartiere vereinigt

oder aber, wie 1772 in Braunschweig, die jeweils vorhandenen Armen

unter die Armenpfleger gleich verteilt. Beide Methoden leisten, wenigstens

wenn sie so starr und streng wie in den beiden genannten Städten durchgeführt

werden, nicht, was sie sollten. Denn eignen auch der ersten die sehr

wichtigen Vorteile, dass der Armenpfleger seinen Armen möglichst nahe wohnt,

und dass jeder, der genötigt ist Unterstützung zu suchen, sogleich weiss, an

welchen Pfleger er sich zu wenden hat, so ist doch andrerseits mit diesen

Vorteilen der schwere Nachteil verbunden, dass der Armenpfleger in einem

bloss von wohlhabenden Leuten bewohnten Quartiere niemals einen Armen

unter seine Aufsicht bekommt d. h. ganz überflussig ist, und es würde vollends

unsinnig sein, ein derartiges Quartier der sonst so heilsamen gemeinschaftlichen

Aufsicht von drei Armenpflegern zu unterstellen. Bei der zweiten Methode

liegt die Sache umgekehrt: der Nachteil der ersten haftet ihr nicht an,

dafür muss sie aber auch auf deren Vorteile verzichten. Um nun die Vorzüge

beider Methoden zu vereinigen, empfiehlt es sich die frUher entwickelten

Grundsätze für die Bildung der Bezirke auch auf die der Quartiere anzu·

wenden. Man macht ein Revier mit so viel Armen, als nach der Zahl der

Armen des ganzen Bezirkes auf ein Quartier entfallen mUssen, zum Kern des

Quartiers und schlägt dazu, weil ja kein Haus bei der Einteilung übergangen

werden darf, eine verhältnismässige Anzahl solcher Häuser, in denen keine

Armen wohnen und voraussichtlich nie wohnen werden. Gesetzt also die

Martinigemeinde sollte einen Bezirk ausmachen und in diesem wohnten nirgends

Arme als auf dem Bruche, so müsste man zuvörderst den Bruch in

eille der Zahl der Quartiere entsprechende Zahl von Revieren, jedes mit der

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gleichen Zahl Armer, einteilen und jedem Reviere dann und zwar so, dass

ein möglichst zusammenhängendes Ganze entstünde, eine gleiche Zahl der

übrigen Häuser der Martinigemeinde zulegen. Das ist freilich ein sehr grelles

Beispiel, doch kann es nicht schwer sein, das Verfahren auch andern Verhältnissen,

wenn also etwa zwei solcher Armenreviere sich in einem Bezirke

finden sollten, anzupassen.

Bei der hervorragend wichtigen Rolle, die Leisewitz nach dem hamburgischen

Vorbilde den Armenpflegern zuweist, ist es nur natUrlich, dass er mit

besonderer Genauigkeit die zweckmässigsten Grundsätze für ihre Wahl festzustellen

sucht. Er tut das an der Hand der einschlägigen Büsch'schen

Forderungen, die, wie er sagt, Büsch im Widerspruch gegen die wesentlich

abweichende Lösung der Frage bei der schliesslich ohne ihn vollzogenen

Organisation der hamburgischen Anstalt stets nachdrücklich verfochten habe,

während sonstige Änderungen seines Plans von ihm als gerechtfertigt anerkannt

worden seien. Büsch hatte namentlich dreierlei gefordert 1): I. die Armenpfleger

eines Quartiers müssen aus dessen Einwohnern gewählt werden, 2. nur

wer bei der Subskription für die ArmenanstaIt wenigstens ein Gewisses gezeichnet

hat, ist wählbar und wahlberechtigt, 3. die Wahl erfolgt auf drei Jahre.

Gegen die letzte Forderung, die einzige, die in Hamburg Annahme gefunden

hatte, wendet Leisewitz ein, dass vor allem erst die Erfahrung einen guten

Armenpfleger mache. Und wenn Büsch ins Feld geführt habe, die Besorgnis,

vielleicht nach Ablauf der drei Jahre nicht wiedergewählt zu werden,

würde für den Armenpfleger ein mächtiger Beweggrund fUr eifrige Erfüllung

seiner Pflichten sein, so komme doch andrerseits die Möglichkeit in Betracht,

dass manche Leute nicht nur mit einem leichtsinnigen, sondern auch

mit einem gewissenhaften Armenpfleger, der sein Amt mit zweckmässiger

Strenge verwalte, unzufrieden sein und viele Armenpfleger, um sich nicht

einer Übergehung auszusetzen, die Wiederwahl von vornherein ablehnen

würden. Darum sei es ratsam, diesen Punkt vor der Hand beiseite zu

lassen. Den beiden andern Forderungen stellt sich Leisewitz im ganzen

freundlich gegenüber, gibt aber zu, dass die Wahl der Subskribenten unter

Umständen auf ungeeignete Persönlichkeiten fallen könne und es vielleicht

schwierig sein werde, in jedem Quartier drei gute Armenpfleger zu finden.

Deshalb schlägt er vor, nur zwei Pfleger von den Subskribenten, den dritten

aber vom Armenkollegium wählen und für diesen die Bedingung der Ansässigkeit

in dem betreffenden Quartiere fallen zu lassen. Sehr nachdrücklich

wendet er sich zuletzt gegen einige Sätze über die Armenpfleger in

BUschs froher erwähntem Entwurfe fUr Braunschweig. BUsch hatte dort

I) Vgl. Büsch a. a. O. S. 367 ff.

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16 HEINRICH MACK

gezahlte Geld auf einen so beträchtlichen Zeitraum gehörig verteilen, nur zu

Nötigem verwenden und den Versuchungen zu Genüssen, namentlich solchen

über denen sie ihr Elend zeitweilig vergässen, widerstehen sollten. Deshalb

müsse in Zukunft wie in Hamburg, so auch in Braunschweig die Verteilung

wöchentlich erfolgen. Das war bereits in Herzog Karls "Vorläufigem Reglement

wegen Einsammlung der Wöchentlichen Almosen in der Stadt Braunschweig"

vom 2 5. Juni 1742 bestimmt worden, indes erhellt aus Leisewitzens

Forderung, dass diese Vorschrift aus Bequemlichkeits- oder Spar=

samkeitsgründen entweder von Anbeginn nicht beachtet oder doch allmählich

ganz ausser Übung gekommen war.

Aber auch Gutes hören wir .über Braunschweig. So wird im Hinblick auf

den Grundsatz der hamburgischen Anstalt, die Armen in erster Linie durch

Zahlung der Miete als seiner beträchtlichsten Ausgabe zu unterstützen, mit

Genugtuung hervorgehoben, dass dies auf Vorschlag des Geheimen Legationsrats

Henneberg, der sich um die braunschweigische Armenanstalt so grosse

und mannigfaltige Verdienste erworben habe, in Braunschweig schon längst

und länger als in Hamburg geschehe. Und der braunschweigischen Armenarbeitsanstalt,

die 1773 durch den wackern Kaufmann Hogreve ins Leben

gerufen war, werden gar beträchtliche Vorzüge vor der hamburgischen zuerkannt.

Damit kommen wir auf die Punkte, in denen Leisewitz dem harnburgischen

Unterstützungssysteme widerspricht. Sehr ausführlich sucht er die

in der hamburgischen Instruktion für die Armenpfleger und der schon erwähnten

Schrift des Etatsrats Voght erhobenen Einwände gegen die unentgeltliche

Verteilung von Naturalien, d. h. Nahrungsmitteln und Feuerungsmaterial,

zu entkräften. Besonders kennzeichnend für seine ganze Art scheint

mir das zu sein, was er auf den Grund der Instruktion 1) erwidert, man dürfe

den Armen, bei dem noch Hoffnung vorhanden sei, ihn zu einem besseren

Auskommen zurückzubringen, von der Geldwirtschaft nicht ganz entwöhnen.

"Eine solche Hoffnung, sagt er, setzt immer eine moralische und physische

Beschaffenheit bei dem Armen voraus, vermöge deren er wenigstens nicht

ganz von Almosen lebt, sondern sich noch einiges Geld nebenher verdient.

Dieses Geld bleibt natürlicher Weise zu seiner Disposition, und er wird also

nicht ganz von der Geldwirtschaft entwöhnt."

"Hiernächst lässt sich hier eine eigentliche Geldwirthschaft wohl nur in Verbindung

mit einer gewissen Freiheit denken, eine den Almosen gleiche

Summe zu einem anderen Behufe als zur Anschaffung derjenigen Bedürfnisse,

welche die Anstalt ihren Armen austheiIt, anwenden zu dürfen. Diese

1) Die hamburgische Instruktion fusst hiet' zweifellos auf den Ausführungen von Biisch

a. a. O. S. 33 I ff.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 17

Freiheit fehlt aber einem rechtlichen Armen, den die Anstalt ganz unterhält,

wenn er gleich seine Almosen in Gelde erhält, indem er durch seine Recht·

lichkeit sich bestimmt findet, zuvörderst eben die Naturalien anzuschaffen,

welche ihm nach der Behauptung des hamburgischen Armen Collegii nicht

von der Anstalt verabreicht werden sollen."

"Ein lasterhafter und leichtsinniger Armer wird freilich eher Leckereien als

Brod anschaffen, allein von dieser Geldwirthschaft sollte man, wenn man

kann, jeden Armen entwöhnen, und das Hamburgische Armen Collegium ist

ja auch selbst damit einverstanden, dass man verderbten Armen ihr Almosen

in Naturalien verabreiche."

Im übrigen weist Leisewitz namentlich darauf hin, dass die Naturalienverteilung

keineswegs, wie bei den meisten Einwänden der Hamburger vorausgesetzt

werde, den Ankauf der Naturalien durch die Anstalt im Grossen, die

Schaffung eines grossen Magazins und die Mitwirkung zahlreicher Beamten

erfordere, dass vielmehr dies alles sich durch Verträge mit grossen und kleinen

Lieferanten, von denen die Armen ihre Bedürfnisse unmittelbar zu beziehen

hätten, unschwer vermeiden lasse. Des nähern wird gezeigt, wie auf dieser

Grundlage den Armen Braunschweigs billiges Holz beschafft werden könne.

Eine weitere erhebliche Meinungsverschiedenheit zwischen Leisewitz und

den Hamburgern tritt auf dem Gebiete des Erziehungswesens zu Tage. Zwar

ist jener vollkommen damit einverstanden, dass die Fursorge fUr die erwachsenen

Armen von der für die Erziehung ihres Nachwuchses getrennt

und dementsprechend die den Eltern für ihre schulfähigen Kinder zu gewährende

Unterstutzung von der fUr ihre eigenen Bedürfnisse bestimmten

scharf geschieden werde, auch billigt er durchaus, dass die eine wie die andre

nur den Armen gezahlt werden soll, die ihre Kinder in die Schule schicken,

aber die hamburgische Armenschulorganisation kann ihm gar nicht recht gefallen.

Sie beruht auf der engen Verbindung der Lehr· mit der Industrieschule.

In der einen treiben die Kinder vier Stunden täglich Religion, Schreiben und

Rechnen, in der andern werden sie sechs Stunden je nach Alter und Geschlecht

mit Spinnen, Kattunbemalen, Anfertigung von Bindfaden, Stricken,

Nähen, Häkeln u. dgI. beschäftigt. Leisewitz bekennt sich nun als grundsätzlichen

Gegner der Industrieschule. Er stützt sein Votum auf das Urteil seines

Freundes, des Garnisonpredigers und Schuldirektors Friedrich August Junker,

eines bewährten praktischen Pädagogen 1). Diesem Urteile legt er um sohöhern

1) Ober ihn vg!. namentlich Friedr. Bosse, Der Garnisonprediger und Schuldirektor Friedrich

August Junker zu Braunschweig in seinen Beziehungen zu ... andern Schulmännern und

Gelehrten seiner Zeit (Nachrichten über das Herzog!. Lehrerseminar zu Braunschweig Ostern

1901 , S. 3-92).

Braun.chw. Jahrbucb IV. 2

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE uaw. 19

lichkeit jede Beschäftigung umgehen, die nicht von ihm, sondern von der er

abhängt. Das ist der Fall bei jedem Handwerk und zunftmässigem Gewerbe.

Ehe er sich denen unterwirft, wird er lieber spinnen, in eine Fabrik gehen,

Auslauferdienste verrichten u. dgl. Endlich ist sicher, dass alle die Arbeiten,

zu denen man Knaben in der Schule anhalten kann, sie hernach nicht zu ernähren

vermögen.

Dass sich gegen Junkers Ansichten auch Einwände erheben lassen, verkennt

Leisewitz als objektiv urteilender Mann mit nichten, ja er ,geht so weit,

die wichtigsten selbst zu formulieren. Nur von einer sehr starken Obertreibung

der Schulindustrie sind die angefilhrten Schäden zu erwarten. Ferner: diese

Schäden erfahren die Kinder der Armen zu einem beträchtlichen Teile auch

ohne die Schulindustrie, weil sehr viele Eltern ihre Kinder mit unbarmherziger

Strenge zum Spinnen anhalten oder - oft unter den grössten Gefahren

für ihre Sittlichkeit - in Fabriken arbeiten lassen; wird diese Kinderarbeit

in den Schulen geleistet, so entfallen jene Gefahren nicht nur, sondern es kann

d'abei sogar ein Gewinn für die Gesundheit und die Herzens- und Verstandesbildung

der Kinder erzielt werden. Und endlich noch eins, was wieder in

Leisewitzens Worten mitgeteilt zu werden verdient. "Die höchste Anstrengung

der cörperlichen Kräfte ist nicht die Bestimmung des ganzen männlichen

Geschlechts, sondern eine sitzende Lebensart das Loos vieler Männer,

nicht bloss in den höhern, sondern auch in den niedern Ständen. Mithin erfordert

eine zweckmässige Erziehung zu diesen Ständen eine Gewöhnung zu

der Lebensart, dem Zwange und den Unannehmlichkeiten, die damit verknüpfet

sind. Es lässt sich zwar allerdings nicht in Abrede stellen, dass dabei

gewisse Kräfte weniger entwickelt und geübt werden, als es die allgemeine

Absicht der Natur ist, dies scheint mir aber bei jeder Erziehung, die irgend

ein Kind in einer bürgerlichen Verfassung erhält, mehr oder weniger der Fall

zu sein. Die bUrgerIiche Verfassung ist eine grosse Fabrik, zu deren Vollkommenheit

wie zu der Vollkommenheit einer jeden andern grossen Fabrik

es gehört, dass jeder Arbeiter nur ein einzelnes Fabricat oder gar nur einen

Theil eines einzelnen Fabricates verfertige und nur die dazu erforderlichen Geschicklichkeiten

erlange."

Wenn nun auch Leisewitz diesen Einwänden einiges Gewicht nicht absprechen

will, erklärt er sich doch mit dem Pastor Junker in den wesentlichen

sowohl als in den meisten ausserwesentlichen Punkten ganz einverstanden.

Deshalb will er die Schulindustrie, wenn überhaupt, nur insoweit

eingeführt wissen, als sie einen wahrhaft heilsamen Teil der Erziehung eines Kindes

für die Zukunft ausmache, so dass die Arbeitsleistung der Kinder durchaus

nicht den Massstab filr die ihnen zu bewilligende Unterstützung abgeben dürfe.


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20 HEINRICH MACK

I n den drei bisher besprochenen Abschnitten ist alles Hauptsächliche des Leisewitzschen

Planes enthalten. Doch müssen von den ihnen noch folgenden vier,

die insgesamt nur ein paar Seiten umfassen, der erste und der letzte noch

mit einigen Worten berührt werden. In jenem, der "die Ausrottung und

Steurung der Bettelei" überschrieben ist, wird empfohlen die früher üblich

gewesene Bekanntmachung der über Bettler verhängten Strafen in den Braun·

schweigischen Anzeigen unter verschiedener Behandlung der erstmaligen und

der wiederholten Kontraventionen wieder aufzunehmen und durch Erhöhung

des Gehaltes der Armenvögte die Möglichkeit zu schaffen, dass man rüstige

Männer für dieses Amt bekomme. Ausserdem wird auf eine Forderung des

schon einmal rühmlich erwähnten Pastors Meier zu St. Katharinen hingewiesen,

die er in einem Leisewitz mitgeteilten und durch diesen wegen scharfsinniger

Benutzungvon Amtserfahrungen sehr gelobten Aufsatze erhoben hatte,

die Forderung nämlich, dass der Zuzug vom Lande in die Stadt gehemmt

werden müsse. Leisewitz gibt zu, dass es sich hier um einen wunden Punkt

handle, denn nach einem Berichte des Polizeidirektors Justizrats Alburg vom

14. Juni 1794 habe sich die Zahl der Tagelöhner seit der letzten Zählung

um 250 Personen und zwar vor allem durch das Einwandern mittelloser

Landleute vermehrt. Allein etwaige Vorkehrungen hiergegen wUrden doch

sehr behutsam zu treffen sein, damit der Fehler der englischen Armengesetze

vermieden werde, die, weil jedes Kirchspiel seine Armen zu ernähren die

Pflicht habe, das Verziehen aus einem Kirchspiel in das andere in widernatürlichem

und der Industrie sehr schädlichem Masse erschwerten. Dafür

wird Adam Smith's Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations

zitiert 1); wie hoch auch Leisewitz das berühmte Werk stellt, wird sich weiter

unten noch deutlicher zeigen.

DerSchlussabschnittbringt unmassgcbliche Vorschläge Uberdie ersten Schritte

zur Durchführung des neuen Planes. Nach dessen Genehmigung soll das Armendirektorium

die Einteilung der Stadt in Bezirke und Quartiere entwerfen,

wird der Herzog die von ihm zu berufenden Mitglieder des Armenkollegiums

ernennen, muss dieses die etwa noch fehlenden Bezirksvorsteher wählen und

sich in die vorgesehenen Deputationen teilen, von denen dann unverzüglich

die Instruktionen für die Armenpfleger und die Beamten zu bearbeiten sind.

Demnachst werden im Magazin Aufsätze und eine vom Domprediger Wolff

bereits ausgearbeitete Predigt erscheinen, worin die Neueinrichtung erläutert

und empfohlen wird. Nachdem die Subskription ins Leben gerufen ist, werden

die Armenpfleger gewählt und beginnen sofort mit der Abhörung der Armen,

J) Zugleich aber wird Leisewitz wohl auch Büschs Ausführungen a. a. O. S. 127 im Sinne ge·

habt haben.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPf'L EGE USW. 2 (

die bisher schon Unterstützung empfangen oder sich darum beworben haben.

Das die Hauptpunkte, zu denen noch einige weniger wichtige sich gesellen,

über die hinweggegangen werden kann.


Begutachtung des Reformplans durch das Armendirektorium.

Die Erwähnung der vom Domprediger WOHl schon ausgearbeiteten Predigt

setzt ganz ausser Zweifel, dass Leisewitz und seine Freunde auf eine

ebenso glatte wie rasche Abwicklung der Neuorganisation rechneten. Aber

diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Der Herzog zwar hatte keine wesentlichen

Bedenken gegen den Plan vorzubringen. Das beweisen seine wenigen

Bemerkungen dazu, die sich nur über ein paar Nebendinge näher auslassen

und von denen vielleicht die bedeutendste ein zu dem Satze "Die bürgerliche

Verfassung ist eine gros se Fabrik usw. 1 )" an den Rand geschriebenes

"Vortrefflich" ist, weil darin der entschieden utilitarisch gerichtete Sinn des

Fürsten zu klarem Ausdruck kommt. So konnte die Denkschrift bald zu gutachtlichem

Berichte an das Armendirektorium weitergegeben werden. Das

vom 3 J. Juli datierte herzogliche Begleitschreiben, wie von nun ab die

meisten Verfügungen in dieser Sache durch Leisewitz entworfen 2), bezeichnet

als angelegentlichen Wunsch des Herlogs, dass die Neueinrichtung bereits

mit dem Anfange des Winters in Kraft trete, und stellt ins Ermessen

des Direktoriums, weIche Punkte bis dahin notwendig zu regeln und weIche

späterer Entscheidung vorzubehalten seien. Also auch hier wieder die Zuversicht

auf die Möglichkeit schneller Erledigung. Doch schon begannen die unausschaltbaren

Reibungswiderstände zu wirken. Dem Fürstlichen Armendirektorium

gehörten damals an der Geheime Justizrat C. A. v. Biel, die Hofräte

W. Falk und J. G. P. du Roi und der Rat J. Rodemeyer, dieser allein im

Hauptamte, die übrigen drei nur im Nebenamte, Falk zudem andauernder

Kränklichkeit wegen nur noch dem Namen nach. v. Biels Abwesenheit auf

seinen mecklenburgischen GUtem zog die erste unliebsame Verzögerung nach

sich. Ein von Leisewitz aufgesetzter herzoglicher Erlass vom 8. September

erkannte sie als begründet an, stellte sich aber auf den Standpunkt, dass bei

genügender Vorbereitung des Materials die Erstattung des Gutachtens nach

v. Biels Ruckkehr keine grossen Schwierigkeiten mehr haben könne, mithin

es doch vielleicht möglich sein werde, den Armen im bevorstehenden Winter

ausgiebiger als vorher zu helfen. Allein auch daraus wurde nichts. Nachdem

v. Biel Anfang Oktobers heimgekehrt war, lieferte das Direktorium endlich

am 17. Oktober sein Gutachten ein, richtiger seme Gutachten, da jedes der

1) V gl. S. 19. ") Vielleicht legte er das Konzept dazu schon zugleich mit der Denkschrift vor.

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22 HEINRICH MACK

drei in Betracht kommenden Mitglieder eine besondere Ausarbeitung gemacht

hatte. Der Grund dieser Trennung erhellt aus der Datierung des Rodemeyersehen

Aufsatzes, der mit Ausnahme eines kleinen statistischen Anhangs schon

Mitte Septembers abgeschlossen war. Rodemeyer hatte also v. Biels Rückkehr

gar nicht abgewartet, und ebenso mag auch du Roi seine - undatierte -

Arbeit schon vorher niedergeschrieben haben. Aber auch ohnedies hätten die

drei Amtsgenossen sich kaum zu einem Gesamtvotum vereinigt. Denn während

v. Biel und du Roi den Vorschlägen des Planes im allgemeinen freudig zustimmen

und die Mängel, die ihm auch nach ihrer Ansicht anhaften, nicht für

unüberwindlich halten, vertritt Rodemeyer dem frohen Optimismus Leisewitzens

gegenüber den entschiedensten Pessimismus. Zwar liegt in seinen

Einwänden auch abgesehen von den tatsächlichen Erfahrungen, auf die sie

sich stützen, viel Wahres und Richtiges, aber als Ganzes tragen sie doch den

Stempel jener bureaukratischen Engherzigkeit, die, mit höherem Schwunge

unvereinbar, nicht einzusehen vermag, dass ein grosser Zweck auch eines

grossen Einsatzes wert ist, dass neue Gedanken auch neue Kräfte zu wecken

imstande sind, und die darum allen durchgreifenden Reformen abhold ist.

Nebenher zeugt auch die mangelhafte Anordnung seines Aufsatzes, die Behandlung

eines und desselben Punktes an verschiedenen Stellen und das Auseinanderreissen

von Zusammengehörigem von einem kleinen Geiste. Andrerseits

darf man Rodemeyer freilich das Zeugnis nicht versagen, dass er die

Sache viel grilndlicher angepackt hat als seine weiterblickenden Kollegen

v. Biel und du Roi. Um nun die Hauptbedenken und die wichtigsten Gegenoder

Ergänzungsvorschläge der drei Männer herauszuheben, so bekämpft Rodemeyer

von vornherein Leisewitzens Meinung, dass Braunschweig über die

Kräfte jeder Art verfüge, die für die Vervollkommnung der Armenanstalt

nach dem Muster der hamburgischen nötig seien, in ihrem ganzen Umfange.

Er führt dabei Folgendes aus. In der hamburgischen Bilrgerschaft herrscht bei

grossem Wohlstande ein ungewöhnlich stark entwickelter Gemeingeist und

ein entsprechend lebhafter Wohltätigkeitssinn, so dass die Aufbringnng der

gewaltigen Kosten der Armenanstalt, auf die man stolz ist, keine Hindernisse

findet. Dagegen ist das braunschweigische Publikum zum grössten Teile von

Gleichgültigkeit oder gar Abneigung gegen alles erfüllt, was Armenversorgung

heisst. Immer wieder ist es vom Armendirektorium durch Avertissements und

von den Geistlichen in ihren Predigten zu grösserer Mildtätigkeit aufgefordert

worden, aber Avertissements wie Predigten haben herzlich wenig genützt.

In Hamburg drängen sich die Leute zur Übernahme von Armenpfleger-

und Armenvorsteherposten, und viele bringen in diesen Ämtern beträchtliche

Geldopfer für die ihrer Aufsicht anvertrauten Armen. Der Grund hierfür

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPI"LEGE usw. 23

ist aber nicht etwa im Patriotismus, sondern darin zu suchen, dass bei Vakanzen

im Rate Männer, die schon mehrere Jahre als Armenvorsteher gewirkt

haben, vor andern berücksichtigt werden, somit leicht in einträgliche SteIlungen

gelangen können. In Braunschweig aber fallen solche Aussichten fort,

es wird also auch an Meldungen für das Armenpflegeramt fehlen. Zwar wäre

nach der dem Plane beigegebenen Liste künftiger Armenpfleger - in den

Akten fehlt sie jetzt - der Bedarf mehr als gedeckt. Allein wenn die dort

genannten Männer erst wissen werden, was für Verrichtungen sie als Armenpfleger

auf sich nehmen müssen und mit wie vielen Unannehmlichkeiten eine

genaue Untersuchung der oft in den erbärmlichsten Löchern wohnenden Armen

verbunden ist, so dürfte sich ihre Zahl um so eher vermindern, als -

und das äussert auch du Roi - sicherlich nicht alle diejenigen, die in der

Liste stehen, sich freiwillig gemeldet haben.

Einer besonders tief einschneidenden Kritik unterzieht Rodemeyer Leisewitzens

Berechnungen und Erörterungen über die finanzielle Tragweite der

Reform. Während Leisewitz die Einnahmen zu 23892 Tlr. bestimmt, will er

nur 18003 Tlr. zugestehen und die von jenem zu 2673 6 Tlr. berechnete Gesamtausgabe

veranschlagt er auf mindestens 3 0000 Tlr. Die erste Differenz

rührt namentlich daher, dass er - entschieden zu Unrecht - den durch die

Arbeitsanstalt vermittelten Verdienst der Armen nicht als Gewinn der Hauptarmenkasse

anerkennen will und zwar nur deshalb, weil die ArbeitsanstaIt

ihre eigne Kasse hat. Zu der höheren Ausgabe aber kommt er, indem er nicht

das Verhältnis zwischen den Einwohnerzahlen Hamburgs und Braunschweigs

(120000: 27500), sondern, was unfraglich den Vorzug verdient, das zwischen

den Zahlen der in beiden Städten unterstützten armen Familien (2548 : 876)

zu Grunde legt und den hiernach sich ergebenden Betrag mit Rücksicht auf

die grössere Teuerung in Hamburg um rund 25 0 10 verringert. Dabei hebt er

jedoch als seine persönliche Meinung noch hervor, dass auch mit 30000 Talern

die glUcklicheAusführung des Reformplans nicht zu ermöglichen sein werde, belaufe

sich doch schon die derzeitige Jahresausgabe der Armenkasse auf 20000

Taler, obwohl nur unzureichende Unterstützungen und selbst diese längst nicht

an alle wirklich Unterstützungsbedürftigen gewährt würden. Was nun die

Deckung des Defizits anlangt, so teilt Rodemeyer Leisewitzens Hoffnung auf

ein Emporschnellen der freiwilligen Beiträge keineswegs. Von wem, fragt er,

darf man ausgiebigere Opfer für die Armen erwarten? Die Zahl der in Braunschweig

wohnenden begüterten Familien von Adel ist äusserst klein, und ihre

Beiträge zu den wöchentlichen Sammlungen sind im Verhältnis zu ihrem Vermögen

so erbärmlich gering, dass, selbst wenn jene sich zur Verdoppelung

ihrer Gaben bequemen sollten, das nicht viel ausmachen würde. Die in Be-

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soldung stehende Dienerschaft, d. h. die Beamten, ist mit ganz wenigen Ausnahmen

bei ihren aufs knappste bemessenen Geh:tltern und der gegenw:trti·

gen enormen Teuerung aller Lebensmittel, die bald manchen Geber in einen

Unterstützungsbedürftigen verwandeln wird, nicht entfernt in der Lage mehr

zu leisten. Der Gewerbetreibende, dessen Wohlstand grösser scheint als er

ist, wird gleichfalls durch die Teuerung im Verein mit der gesteigerten Lebenshaltung

daran gehindert, seinen wöchentlichen Beitrag zur Armenkasse von

4, 6 oder 8 Pfennigen zu erhöhen. So ware der einzige Stand, von dem man

betr:tchtIiche Zeichnungen erwarten könnte, die Kaufmannschaft. Indes befindet

sich deren vornehmer und wohlhabender Teil in weitverzweigten Familienverbindungen,

die zu grossem geselligen Aufwande in Gastereien, Klubs

usw. Anlass geben, so dass auch diese Klasse sich der Armut nicht so annehmen

wird, wie sie es vermöchte und sollte. Man muss also - und damit

zieht Rodemeyer einen höchst bemerkenswerten Schluss -, um wirklich jedem

Armen helfen zu können, die freiwilligen Beiträge der Bürger durch

öffentliche Abgaben!) ersetzen. Sogar in Hamburg, "wo Wohlthun eines jeden

edeldenkenden Burgers ernster Wille ist", werden zur Deckung von Kassendefekten

der Armenanstalten vom Senate die sogenannten Grabengelder ausgeschrieben,

"und bis jezt hat noch kein patriotisch denkender Bürger jener

Stadt sich dieser Verfugung murrend widersezt". Aber auch in Braunschweig

selbst fehlt es an einer Art Präzedenzfall nicht. "Fand man im Jahre J 770,

wo Noth-Umst:tnde es erforderten, die Einführung einer Kopf-Steuer für das

Publikum nicht zu druckend, warum sollte die Einführung einer Armen­

Steuer, die die Erfüllung der ersten Pflicht eines jeden rechtschaffenen

Mannes zum Gegenstande hat, härter seyn?" Freilich steht die Verordnung

vom 29. Juli J 742, die besagt, dass aus den freiwilligen Beiträgen für die

Armen nie eine Steuer oder dergleichen gemacht werden solle, der Einführung

einer Armensteuer durchaus entgegen. Aber damals bezeigte man sich,

wie der Anfang der V (!j ordnung selbst lehrt, höchst liebreich und milde bei

den wöchentlichen Sammlungen, damals bedurfte es also keiner Zwangsmittel,

"jezt aber denkt man so liebreich, so milde gegen die Armen nicht".

Demnach ist der Herzog - so meint Rodemeyer zweifellos, wenn er es auch

nicht ausdrücklich sagt - nicht mehr durch jene Verordnung gebunden.

Dass Rodemeyer mit seiner Bemängelung des Leisewitzsehen Voranschlages

den wunden Punkt des Planes getroffen hat, wird uns vollends klar, wenn

wir seine Darlegungen durch die hierher gehörigen v. Biels und du Rois ergänzen

und auf das richtige Mass zurückführen. v. Biel weist zunächst darauf

1) Als ultima ratio, namentlich in monarchisch regierten Staatswesen, auch schon von Büsch

(a. a. O. S. 402) empfohlen.

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hin, dass keineswegs der ganze Verdienst der Armenarbeitsanstalt als reiner

Gewinn der Armenkasse angesehen werden könne, weil erstens nicht nur

Arme von jener beschäftigt würden und weil sie zweitens jährlich 800 T1r.

aus der Armenkasse empfange. Ferner dUrfe man allerdings für die Zukunft

auf höhere Erträge der wöchentlichen Sammlung rechnen, aber diese Steigerung

werde erst dann eintreten, wenn es durch Versorgung aller wirklich

Unterstutzungsbedürftigen gelungen sein werde die Gassenbettelei völlig und

auf die Dauer zu beseitigen. Das aber erfordere grosse Mittel und den kühnen

Schritt Hamburgs, für diesen Zweck die verfügbaren Kapitalien der Armenanstalt

hinzugeben, könne man in Braunschweig deshalb nicht nachtun,

weil es der dortigen Anstalt an solchen Kapitalien fehlen werde. Sie habe

deren freilich zur Zeit noch im Betrage von 5666 Tim. 1), diese Summe werde

aber schon durch das Defizit des laufenden Jahres im voraussichtlichen Betrage

von etwa 5484 Tlrn. 2) fast ganz aufgezehrt werden. Deshalb hange die

Ausführbarkeit des sonst sehr zweckmässigen Planes davon ab, dass man auf

andre Weise Rat schaffe.

Fast noch nachdrücklicher als v. Biel bezeichnet du Roi völlige Abstellung

der Bettelei als unerlässliche Vorbedingung für das dringend nötige Wiederaufleben

der Opferwilligkeit des Publikums. Aber selbst den besten Mut vermag

die Schwere dieser Aufgabe ins Wanken zu bringen. Denn mit den im

Jahre 1800 von der Armenanstalt verausgabten 17247 Tlrn. ist den Bedürfnissen

der Armen Braunschweigs sicher kaum zur Hälfte genügt worden. Freilich

ist zu hoffen, dass die neue und bessere Organisation die Armut und damit

auch den Aufwand für sie vermindern wird, aber das ändert nichts an der

Tatsache, dass anfangs ungewöhnlich grosse Anforderungen zu befriedigen

sein werden, wozu man entsprechend grosser Fonds bedarf. Da nun die Einnahmen

auf alle Fälle ungewiss sind, so darf es hier dem Staate auf ein Opfer

nicht ankommen: er muss es übernehmen das etwa Fehlende zuzuschiessen.

Wenigstens fUr das erste Jahr muss die Anstalt so ganz sichergestellt werden,

widrigenfalls es um die neue Organisation eine sehr bedenkliche Sache bleiben

wUrde. Hat doch selbst das hamburgische Armenkollegium trotz aller Wohlhabenheit

und Mildtätigkeit der dortigen Bevölkerung Sorgen um die Lebenskraft

seiner Anstalt. Andrerseits ist ein Blick auf Kiel geeignet die gesunkenen

Hoffnungen wieder zu heben, da die seit acht Jahren bestehende musterhafte

Armenpflege dieser Stadt grösstenteils durch die freiwilligen Beiträge erhalten

wird.

') Das Vermächtnis der Herzogin Philippine Charlotte (s. o. s. 9) war kein disponibles

Kapital. 2) Tatsächlich ergab sich hernach nur eins von 4124 Tlrn. 24 Mgr. (vgl. Nachricht

von den hiesigen Armenanstalten vom Jahre 180 I d. d. Braunschweig, den 5. Febr. 1802).

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Besonders viel verspricht sich du Roi von der geplanten Einführung der

Haussammelbuchsen. Seine Worte hierilber, die von warmer Begeisterung für

die gute Sache zeugen, wehen uns unverfälschten Lavendelduft aus Urgrossvätertagen

zu: "Ich halte wirklich unsern jetzigen Zeitgeist in Hinsicht der Mildthätigkeit

nicht so verdorben, als er wohl von Manchen verschrien wird", - wer

dächte hier nicht an Rodemeyer! - "und habe darüber mehr als eine beruhigende

Erfahrung zu machen Gelegenheit gehabt. Es werden ja schon jezt hin

und wieder von fröhlichen Gesellschaften unaufgefordert freiwillige Beiträge gesammelt

und zur Armenkasse eingesandt; wie viel mehr wird dies der Fall

seyn, wenn dazu erst Aufforderung vorhanden ist! Und grade jener Trieb

zum Vergnügen hat bei seinem grossen Nachtheile wieder das Gute, dass das

zur Frölichkeit erhobene Herz gewöhnlich (Jass es auch im aufwallenden

Taumel seyn, der Bewegungsgrund kann uns hier nichts kümmern, wenn

nur die Wirkung erfolgt) zum Geben gestimmt ist. Auch würden solche

Buchsen wohl mit Nutzen an die Wirthe vor den Thoren zu vertheiIen seyn,

wo, wenn ich so sagen darf, das gesellige Vergnugen einer zahlreichen Klasse

der hiesigen Einwohner besonders zu Hause ist. Gesetzt auch der Wirth

selbst fände aus eigennUtzigen Absichten bei Beförderung dieser Bachsen­

Sammlungen seine Rechnung nicht, so würde doch bei der Gesellschaft leicht

ein Armen· Vorsteher oder Pfleger seyn, der solche in Anregung zu bringen

Beruf in sich fühlte." Übrigens könne man, meint du Roi, auch noch andere

Quellen für die Armenanstalt erschliessen, doch verspart er sich seine dahin

abzielenden Vorschlage auf spater.

Der Teil des Leisewitzschen Planes, der den Verwaltungsorganismus der

neuen Armenanstalt zum Gegenstande hat, sieht sich in den Gutachten des

Direktoriums namentlich in Bezug auf zwei Materien kritischer Erörterung

ausgesetzt. Rodemeyer will die Kirchspiele als Armenbezirke nur höchst ungern

missen. Die gesamte bisherige Armenpflege ist, wie er im einzelnen darlegt,

so sehr auf diese Einteilung der Stadt zugeschnitten, dass eine anderweitige

Abgrenzung der Bezirke eine ganzliche Umwalzung der Armenanstalt

zur Folge haben müsste. Er sucht auch nachzuweisen, dass sich die eigentlichen

Armenviertel der Stadt ganz von selbst in die Kirchspieleinteilung

fügten, diese also die natürliche Grundlage für die Verteilung der Armen

unter die Armenpfleger abgebe. Freilich scheine damit der Einwand des

Planes, dass die Magnigemeinde an Armenzahl die andern so bedeutend übertreffe,

nicht gehoben, allein das Register des Armendirektoriums, auf das er

sich stütze, sei kein durchaus beweiskräftiger Zeuge dafUr. Dies Register stelle

die Armen zu der Gemeinde, wo sie in die Armenliste rezipiert worden wären,

deshalb sei aber noch gar nicht gesagt, dass sie nun dort auch wohnten. Denn

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J OHAN N A NTON LEI SEWITZ ALS RE FOR M ATOR DER ARM EN PF LEGE usw. 27

der Arme ziehe - in einzelnen Fällen vier-, sechs-, auch wohl zwölfmal des

Jahres - bald in diese bald in jene Gemeinde, sein Name aber werde ohne

Rücksicht hierauf in der Liste des Kirchspiels, in dem er zur Zeit der Rezeption

gewohnt habe, weitergeführt. Dass gerade dieser Umstand ein arges

testimonium paupertatis der bisherigen Organisation bedeutet und somit deren

Reformbedürftigkeit dartun hilft, entgeht dem kurzsichtigen Rodemeyer vollkommen_

Mehr Beachtung verdienen die Auslassungen der Direktoren über das Kernstück

des Planes, das Institut der Armenpfleger. Rodemeyer, der ja von vornherein

bezweifelt, dass sich solche in Braunschweig in genügender Zahl finden

werden, wirft ausserdem die Frage auf, ob nicht die dereinstigen Pfleger ihrer

mühseligen Geschäfte bald überdrüssig werden würden, hält auch Reibungen

zwischen ihnen und den Bezirksvorstehern nicht für unmöglich. Mit denselben

Reibungen rechnet auch du Roi, wenn er die Befürchtung äussert, dass nicht

jeder Pfleger genug Takt und Bescheidenheit besitzen werde, um sich

den Anordnungen und etwaigem Widerspruche seines Vorstehers, namentlich

falls dieser ein minder angesehener Mann sein sollte als er selbst, ruhig zu

fügen. Jedoch gibt er andrerseits zu, dass die Überzeugung dem gemeinen

Besten an wichtiger Stelle zu dienen und der Ehrgeiz es so gut als möglich

zu tun, einen sehr günstigen Einfluss auf das Verhalten der Pfleger ausüben

und viele Schwierigkeiten hinwegräumen werde. v_ Biel scheint die Bedenken

seiner beiden Kollegen nicht zu teilen, wenigstens macht er sie nicht gleichfalls

geltend, dagegen will er für die Wahl der Armenpfleger lieber die in

Hamburg angenommenen Grundsätze als die Büsch -Leisewitzsehen Vorschläge

befolgt sehen. Der mit der Wahl der Pfleger durch die Subskribenten

verbundenen Gefahr, dass man ungeeignete Persönlichkeiten zu Pflegern erhalte,

wird nach seiner Ansicht durch Übertragung der Wahl jedes dritten

Pflegers an das Armenkollegium nicht zureichend gewehrt werden. Das Richtige

dünkt ihn vielmehr das Hamburger Verfahren zu sein, wonach beim Abgange

eines Pflegers die übrigen Pfleger desselben Q.uartiers dem Armenkollegium

zwei Ersatzmänner vorschlagen, und zwar deshalb, weil jene die

zu erfüllenden Anforderungen am besten kennen und ein persönliches Interesse

;an der Wahl recht geeigneter Männer haben. Ferner bekämpft er den

Mindestsubskriptionssatz als Bedingung für aktives und passives Wahlrecht

bei den Pflegerwahlen. Das Publikum könnte darin einen Zwang zu höhern

Beiträgen sehen und hierdurch gegen die neue Anstalt eingenommen werden.

Ausserdem würden, falls man den Satz sehr niedrig bemässe, zu viele geringe,

einsichtslose Leute das Wahlrecht erhalten, andrerseits durch einen

ziemlich hoch bemessenen Satz manche zur Armenpflege besonders Geeig-

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HEINRICH MACK

nete von der Wählbarkeit ausgeschlossen werden. Die Beschränkung der

Amtszeit der Pfleger auf drei Jahre befürwortet v. Biel von dem doppelten

Gesichtspunkt aus, dass so ein untauglicher Pfleger leichter wieder wird beseitigt

werden können, dass aber auch das Pflegeramt dadurch fUr viele, die

es sich sehr mühselig denken, annehmbarer erscheinen wird. Weit nachdrücklicher

jedoch empfiehlt er, bei der demnächstigen Bestellung der ersten Armenpfleger

ausschliesslich die Männer zu berücksichtigen, die sich freiwillig

dazu gemeldet haben. Zwar sind das weit mehr als 120, der Bedarf fUr die zu

errichtenden 40 Quartiere, es muss also ein Teil von ihnen notwendig zurUckstehen.

Doch kann das Unangenehme diesen auszusondern dadurch vermieden

werden, dass man es der Gesamtheit der Vorgemerkten überlässt, aus ihrer

Mitte die 120 Pfleger zu wählen. - Auf die von Leisewitz den Pflegern zugedachte

Befugnis der freien Wahl zweier von den je drei Bezirksvorstehern

geht du Roi mit ein paar Worten ein, die, sehr ernst gemeint, für uns doch

einen stark komischen Beigeschmack haben. Er billigt den Vorschlag, "weil,

sagt er, jene (Art der Wahl) den Gemeinsinn gewiss befördern und - ich

darf bei diesen Worten wohl keine nachtheilige Auslegung befürchten - etwas

Republikanisches in die Anstalt bringen würde, welches ihr auf alle

Weise vortheilhaft sein muss."

Aus den Erörterungen, in denen die Armendirektoren zu Leisewitzens

Ideen über die verschiedenen Arten von Unterstützungen Stellung nehmen,

verdient hier nur zweierlei erwähnt zu werden. Das eine ist die entschiedene

Abneigung der Herren gegen die von Leisewitz empfohlenen Verträge mit

Lieferanten zwecks unmittelbarer Abgabe von Naturalien an die Armen;

Hauptgrund dieser Abneigung ist die Besorgnis, es werde nicht möglich sein,

die Armen vor Übervorteilung durch die Lieferanten zu schützen. Zweitens

sei hervorgehoben, dass du Roi für die vom Pastor Junker so hart angegriffene

Schulindustrie eine Lanze bricht. Er sieht die Quelle für Junkers abfälliges

Urteil in den unangenehmen Erfahrungen, die dieser in Magdeburg gemacht

habe, wo die Schulindustrie Ubertrieben worden sei. In Braunschweig sei

das Armendirektorium bei der Neueinrichtung der Magni- und der Abendschule

nach reiflicher Abwägung des Für und Wider von den Junkerschen

Grundsätzen mehrfach abgewichen, was der Erfolg durchaus gerechtfertigt

habe. Übrigens befinde sich die Sache noch zu sehr im Versuchsstadium, als

dass schon sichere Grundsätze darüber aufgestellt werden kOnnten. Man solle

daher erst einmal abwarten, wie sich die drei verschiedenen Formen der IndustrieschuIe,

die in Braunschweig bereits beständen, bewähren würden, um

sich dann für die den örtlichen Verhältnissen am meisten angemessene zu

entscheiden.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 29

Von Rodemeyer und du Roi wird endlich noch die Frage der Bettlerpolizei

mit grossem Eifer behandelt. Beide verlangen noch dringender als Leisewitz

durchgreifenden Wandel bezüglich der Armenvögte. Jetzt sind es ihrer

dreizehn, meist abgelebte, für ihre Obliegenheiten ganz unbrauchbare Leute.

Samt ihren, wie Rodemeyer behauptet, völlig unnützen Aufsehern kosten sie

nach einer Berechnung du Rois der Armenanstalt jährlich rund 981 Tlr.

Da sie nun im Jahresdurchschnitt 40 Bettler aufgegriffen und ins Werkhaus

gebracht haben, ist die Aufbringung jedes Bettlers der Armenkasse auf etwa

241/2 Tlr. zu stehen gekommen. Doch ausser der Verjüngung des Personals

tut noch ein anderes not. Die Armenvögte unterstehen jetzt dem Polizeidepartement

und hierauf trotzend leisten sie nicht selten "ohne Scheu" und

"mit den gröbesten Ausdrücken" den Befehlen des Armendirektoriums offenen

Widerstand. Deshalb muss in Zukunft das Armenkollegium die ausschliessliche

Verfügung über sie haben. Ein weiterer Missstand, den du Roi wie Rodemeyer

berühren, ist das leichtfertige Almosengeben. du Roi empfiehlt hiergegen

zweckmässige Belehrung des Publikums durch das Braunschweigische

Magazin, womit man mehr erreichen werde denn durch gesetzliche Verbote,

die als Eingriffe in die bürgerliche Freiheit würden empfunden werden.

Rodemeyer aber wagt es in untertäniger Bosheit auf das schlechte Beispiel

hinzuweisen, mit dem der Landesherr in diesem Punkte seinen Untertanen

vorangehe. Die Gassenbettelei der Stadtarmen Braunschweigs sei nicht so

arg, wie zur Rechtfertigung der geringen Opferwilligkeit des Publikums für

die Armenanstalt mit viel Geschrei behauptet zu werden pflege. "Diejenige

ausgenommen, heisst es weiter, wodurch Serenissimus der Wachen und Po­

Iizeyknechte ungeachtet so unaufhörlich belästigt werden; ob aber der Grund

davon in dem Mangel der Polizey oder in der zu grossen Gnade Sr. Durch!.

zu suchen sey, wage ich nicht zu entscheiden. So lange man gibt, so lange

man geben darf, so lange wird es auch an Bittenden nicht fehlen."

Behufs Abschreckung der fremden Bettler schlägt Rodemeyer ausser

strengerer Visitation aller Verdächtigen und besonderer Verwarnung der

Handwerksburschen an den Toren - dahin gehört auch du Rois Rat, Warnungstafeln

vor den Toren oder an den Landstrassen aufzusteIlen - ein Mittel

vor, auf das heute glUcklicher Weise niemand mehr verfallen könnte. Er wiII,

dass jeder beim Betteln ertappte Handwerksbursche, sofern er diensttauglich

ist, als Soldat eingestellt wird. Zwar sei wohl, da es sich meist um Ausländer

handeln werde, mit der Desertion dieser Leute zu rechnen, allein auch schon

einige Versuche würden unter den vagabondierenden Handwerksburschen,

denen die jetzt auf Bettelei stehende Werkhausstrafe ziemlich gleichgilitig sei,

eine heilsame Furcht verbreiten.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ERMENPP'LEGE nsw. 31

WO gegen ich mich bestreben wUrde - wann erst ins Reine gesetzt

sein wird, wie hoch das minimum der jährl. Armen Collecten Gelder

sich belauffen mögte, wan das Publicum von der Haus Betteley befreiet

sein wird - ein sicheres, nicht unbeträchtiges Capital den Armen

anzuweisen, um so viel thunlich das als dan noch fehlende durch

die Zinsen zu ersetzen;

E. endlich wird der Gedancke v. Rodemeyern wegen Anlegung einer Armen

Steuer zu prüfen sein, im Fall alle andern Mittel unzureichend

wären.

Alle ubrige Zweiffel und Bedencklichkeiten scheinen mir leichter gehoben

werden zu können, so bald der Artickel der Fonds gesichert sein wird.

Br. den 21. 8br. 1801 Carl W. F. H.

Der Auflage des Herzogs entsprach Leisewitz durch eine zweite Abhandlung

"Unmaassgebliche Bemerkungen zu den mit dem Berichte des Frstl.

Armen Directorii am 17. Oct. d. J. eingesandten Gutachten die Vervollkommnung

der hiesigen Armen Anstalt nach dem Muster der Hamburgischen

betr." I 57 Seiten stark gelangte sie zu Weihnachten in des Herzogs

Hände. Schon aus ihrem Umfange erhellt, dass der Verfasser auch hier

wieder mit der von seinem FUrsten gerahmten "ihm ganz eigenen Genauigkeit"

gearbeitet hat. Und was das besagen will, wird uns vollends klar werden,

wenn wir uns in seine ebenso feinen wie gründlichen Berechnungen und

Raisonnements nach Gebühr vertiefen. Leisewitz beginnt mit dem Zugeständnisse,

dass die Urteile so einsichtsvoller und erfahrener Männer seine Ideen

erweitert und berichtigt hätten und dass er in allen drei Gutachten Vorschläge

und Bemerkungen finde, denen er, obwohl sie zum Teil von den

seinigen abwichen, vollen Beifall nicht versagen könne. In anderm freilich

mUsse er seinen Kritikern widersprechen, indes wolle er sich fUr das Mal

mit ihnen nur über die Punkte auseinandersetzen, die fUr die erste Organisation

der Anstalt von Wichtigkeit seien. Da drängt sich ihm natürlich zuerst

wieder die Geldfrage auf. Er geht aus von dem Ergebnisse Rodemeyers,

dass der jährliche Aufwand mindestens 30000 Taler betragen werde, und

urteilt darüber, dass Rodemeyers Rechnung nicht so tief als nötig und möglich

in die Einzelheiten eindringe. Er begründet das Urteil, das natürlich auch

seine eigene frühere Berechnung trifft, indem er eine ganz neue aufstellt,

wobei er allerdings viel umständlicher als vorher verfährt. Wie Rodemeyer

an die letzte veröffentlichte Abrechnung der hamburgischen Armenanstalt

ober das Jahr vom I. Juli 1799 bis zum 30. Juni 1800 sich haltend sucht

er durch sorgfältige Abwägung jedes einzelnen dort aufgefuhrten Ausgabepostens

einen detaillierten Ausgabenanschlag für die neue braunschweigische

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HEINRICH MACK

Anstalt zu gewinnen. Da sind nun dreierlei Fälle zu unterscheiden. Entweder

wird der hamburgische Posten im Wege der Verhältnisrechnung auf

die den braunschweigischen Bedürfnissen entsprechende Höhe reduziert oder

er wird, wo angängig, unmittelbar durch den entsprechenden Posten der

bisherigen braunschweigischen Armenrechnungen ersetzt oder endlich er verfällt

der Streichung, wenn er nämlich Ausgaben betrifft, die für Braunschweig

gar nicht in Frage kommen. Ein besonderes Wort ist noch über die Verhält·

niszahlen zu sagen, mit denen Leisewitz bei der Reduktion der hamburgischen

Posten operiert. An Stelle des Verhältnisses zwischen den Einwohnerzahlen

Hamburgs und Braunschweigs setzt er nach RodemeyersVorgange das zwischen

den Zahlen der in bei den Städten unterstützten armen Familien. Doch verschiebt

sich bei ihm dieses Verhältnis etwas zu Ungunsten Braunschweigs,

weil er fOr Hamburg nur 2140 solcher Familien statt der von Rodemeyer

angegebnen 2548 herausrechnet. Dagegen beläuft sich der Abzug, den er

in Anbetracht der höheren Preise aller wichtigen Lebensbedürfnisse in Hamburg

macht, nicht wie bei Rodemeyer nur auf 25%, sondern auf 40%. Für

seine gründliche Gewissenhaftigkeit ist es bezeichnend, dass er, diese Steigerung

zu rechtfertigen, von andern Daten abgesehen den ganzen Etat einer

der niedern Bevölkerung Braunschweigs angehörigen Familie ins Feld führt.

Es handelt sich hier um die aus Mann und Frau, einer erwachsenen Tochter

und zwei Knaben bestehende Familie eines Dachdeckergesellen, der, ein

rechtschaffener und verständiger Mann, auf Leisewitzens Wunsch und Anweisung

eine schriftliche Zusammenstellung seiner Ausgaben gemacht und

mündlich erläutert und ergänzt hat. Danach gebraucht diese Familie wöchentlich

3 Taler 3 Gutegroschen 3 Pfennige, während in Hamburg der Angabe

des dortigen Armenkollegiums zufolge für nur drei zusammenwohnende Arme

und ohne dass dabei, wie in der Rechnung des Dachdeckers, von Ausgaben

für Fleisch, Bier und Branntwein die Rede wäre, 5 Taler 13 Gutegroschen

10 Pfennige erforderlich sind.

Aus diesen wenigen Andeutungen dürfte zur Genüge erhellen, dass Leisewitz

bei seiner abermaligen Berechnung der voraussichtlichen Ausgaben in

der Tat einen ganz neuen Weg eingeschlagen hat. Dennoch kommt er annähernd

auf dieselbe Gesamtsumme wie das erste Mal, nämlich auf 26 196

Taler gegenüber 26736, und man kann ihm nicht verdenken, dass er dieses

Zusammentreffen mit Genugtuung als eine gute Gewähr für die Richtigkeit

seines Ergebnisses begrüsst. Er geht nunmehr dazu über, seine frühere Einnahmen

berechnung in Rücksicht auf die Einwendungen Rodemeyers und

v. Biels einer Nachprüfung zu unterziehen. Wenn er sich auch hierbei mit

Recht gegen Rodemeyers Forderung wendet, dass der Verdienst der Armen-

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 33

arbeitsanstalt gänzlich zu streichen sei, so muss er doch sowohl diesen Posten

beträchtlich vermindern als auch einige andre Kürzungen vornehmen. Andrerseits

aber bringt er jetzt die trotz Rodemeyers Kassandrarufen nach wie vor

erwartete Steigerung der freiwilligen Beiträge des Publikums mit 2000 TIm.

direkt in Ansatz, so dass die neue Endsumme von 22 353 Tlrn. doch nur um

J 539 Tlr. hinter der anfangs herausgerechneten von 23892 Tlrn. zurückbleibt.

Da nun dieser Verminderung der Einnahmen eine solche der Ausgaben von

540 TIm. gegenübersteht, so ist das Defizit gar nur um fast genau 1000 Tlr.,

von 2844 auf 3843 Tlr., gestiegen.

An diesen rein rechnerischen Teil schliesst sich eine sehr genaue Prüfung

des Rodemeyerschen Vorschlages auf Einführung einer Armensteuer. Dass

der Herzog trotz der Deklaration vom 29. Juli 1742 eine Steuer der Art ausschreiben

könne, meint auch Leisewitz. Indem der Landesherr sich verpflichtet

habe die freiwilligen Beiträge nicht zum Fusse einer Armensteuer zu

machen, habe er sich noch keineswegs des Rechtes begeben, Armensteuern

nach einem andern Fusse auszuschreiben. Dagegen wird Rodemeyers Folgerung,

die Deklaration sei überhaupt hinfällig, weil das Publikum in seiner

Wohltätigkeit nachgelassen habe, sowohl an sich nicht für bündig erachtet,

als auch die Richtigkeit der Voraussetzung, auf der sie beruht, entschieden

bestritten. Leisewitz berechnet, dass die wöchentlichen Sammlungen im Jahre

1800 nur 233 Tlr. weniger eingebracht hätten als '745, und meint, diese

geringe Differenz erkläre sich vielleicht schon daraus, dass neuerdings beim

Sammeln erweislich nachlässiger verfahren werde als früher.

Nach dieser kleinen Plänkelei geht er zu nachdrücklichem Angriff auf der

ganzen Linie ober. Dabei kämpft er mit allgemeinen Gründen so gut wie

mit solchen, die aus der Eigenart der braunschweigischen Verhältnisse hergenommen

sind, jene im wesentlichen psychologischer, diese vorwiegend

finanzieller Natur.

"Zuvörderst - so führt er aus - lässt sich mit Zuverlässigkeit voraussagen,

dass die Einführung einer Armensteuer in dem Publico das lebhafteste Misvergnügen

erregen und die Armen Anstalt allgemein verhasst machen wUrde.

Dieses muss natürlicher Weise der Fall seyn, da nicht nur jede neue Auflage

eine unangenehme Sensation macht, sondern die Armensteuer wenigstens in

den Augen der meisten Einwohner noch das EigenthUmliche hat, dass sie

nicht zur Bestreitung allgemeiner Bedürfnisse des Staats oder der Stadt, sondern

von einem Theile der Einwohner zum Unterhalte eines andern Theils

derselben aufgebracht werden soll, wozu denn noch der kränkende und auf

keine Art zu verbergende Vorwurf einer Hartherzigkeit kommt, welche die

sonst so milde Regierung in die Nothwendigkeit setzt, eine so allgemein an-

Brauo8chw. Jahrbuch IV. 3

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34

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HEINRICH MACK

erkannte, aber gänzlich hindangesetzte religieuse und moralische Pflicht zu

einer Bürgerlichen Zwangspflicht zu machen und das seiner bisherigen moralischen

Freiheit unwerthe Publicum anzuhalten, bey Vermeidung unausbleiblicher

Execution wohlthätig zu sein." Will man sich aber auch ober dergleichen

Urteile und Stimmungen von dem Standpunkte aus hinwegsetzen,

dass das Publikum trotz alledem die zur Armenversorgung nötige Summe aufbringen

müsse, so bleiben immer noch einige andre gewichtige Bedenken bestehen.

Erstens: die Einführung der Armensteuer wird die Quelle der freiwilligen

Beiträge gänzlich versiegen lassen. "Dürfte es doch - dies wieder Leisewitzens

eigne Worte - schwer seyn, folgendes Raisonnement zu widerlegen,

aus dem ein vielleicht nicht fühlloser Mann die von ihm verlangten Bey träge

zu verweigern sich berechtiget halten mögte. ""Seitdem die Regierung in

der ausdrücklich erklärten Absicht, keine Armen unversorgt zu lassen, eine

Auflage ausgeschrieben hat, betrachte ich diese Steuer aus dem Gesichtspunkte,

aus dem ich jede Steuer zu betrachten habe. Ich entrichte sie pünctIich, werde

mich aber bey deren Entrichtung, wie es hier durch freywillige Beiträge zur

Armen Casse der Fall seyn würde, auf keine Weise pracgraviren lassen. Die

Anlage zu jeder Steuer muss von der Art seyn, dass der Zweck durch den

Ertrag erreicht werden kann, und die Armen Steuer muss wie jede andere

Auflage erhöht werden, wenn der bisherige Ertrag zu dem Zwecke nicht

hinreicht. Sollten also auch Umstände eintreten, die es unmöglich machten,

bey der strengsten und weisesten Oconomie mit dem Ertrage der ausgeschriebenen

Steuer auszureichen, so können deswegen von mir so wenig freywillige

Bey träge zur Armen- als zur Biersteuer Casse verlanget werden,

wenn diese einen Defect hätte. Es ist ganz vergebens in dieser Steuerangelegenheit

menschenfreundliche Gesinnungen in Anspruch nehmen zu wollen,

da der Staat, wenn er nur von seinem auf die Versorgung der Armen angewandten

Besteurungsrechte einen den Umständen angemessenen Gebrauch

machen will, seine Absicht, keinen Armen hülflos zu lassen und dadurch jeden

Menschenfreund zu beruhigen, ohne allen Zweifel erreichen kann.""

Durch Einführung der Armensteuer wird man aber zweitens auch die Möglichkeit

preisgeben, freiwillige Armenpfleger zu finden, weil niemand, der es

vermeiden kann, sich mit der durch die Steuer allgemein verhasst gemachten

Armenanstalt befassen wird. Da jedoch, wie auch Rat Rodemeyer einräumt,

eine spezielle Armenpflege unentbehrlich ist, so wUrde man nicht umhin

können, besoldete Armenpfleger anzustellen. Deren mUssten mindestens zehn

sein, so dass auf jeden 87 Familien entfielen, die zu versorgen ihm seine

ganze Zeit kosten würde, und für jeden müssten deshalb doch wohl 400 Tlr.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS RHORMATOR DER ARMENPFLEGE USW. 35

Gehalt ausgeworfen werden. Dadurch würden also die jährlichen Unkosten

der Anstalt um 4000 Tlr. steigen. Nebenher muss endlich mit der Gefahr

gerechnet werden, dass die Armenverwaltung, wenn sie über die gewissermassen

unerschöpfliche Hülfsquelle der Armensteuer verfügt, den Geist der

Sparsamkeit verlieren möchte, ohne den reiche Mittel einer Armenanstalt

ein wahres Unglück für den Staat werden können.

Andre beträchtliche Schwierigkeiten tauchen auf, sobald man der Frage

näher tritt, wie denn die Armensteuer aufgebracht werden soll. Rodemeyers

Vorschlag 1), zu dem Behuf einerseits die auf den Häusern ruhenden öffentlichen

Lasten verhältnismässig zu steigern, andrerseits die Gehälter derjenigen

fürstlichen Beamten, die keine Häuser besitzen, um einige Prozente zu kürzen,

hat von vornherein das gegen sich, dass bei seiner Verwirklichung alle die

Einwohner, die weder Hausbesitzer noch fürstliche Beamte sind, von der Armensteuer

frei bleiben würden. Aber hiervon einmal abgesehen, so hat Rodemeyer

und gewiss mit Recht ja selbst erklärt, dass die meisten Beamten bei

ihren knapp bemessenen Gehältern und der gewaltigen Teuerung aller Lebensmittel

gar nicht imstande sind ein Mehreres für die Armen zu leisten. Und

dennoch sollte man sie dazu zwingen? Zudem würde der Ertrag der Gehaltssteuer

nur gering sein, da ein grosser Teil der wohlhabenden Beamten

ein eigenes Haus besitzt. Aber auch den Hausbesitzern kann die Armensteuer

nicht auferlegt werden. Rechnet man die Jahresausgabe der Armenanstalt,

die Besoldung der Armenpfleger eingeschlossen, zu 30000 Talern und nimmt

die sehr ungewisse Aussicht, ein Drittel dieser Summe auf andre Weise herbeizuschaffen,

als gewiss an, so bleiben 20000 Taler durch die Armensteuer

zu decken. Etwa ebenso hoch belaufen sich die Auflagen, die zur Zeit in

Braunschweig von den insgesamt etwa 3000 Häusern erhoben werden, sie

wären also in Zukunft zu verdoppeln. Das würde aber sehr drückend empfunden

werden, namentlich von den Hausbesitzern der untern Klasse. Wie

sehr, das lehrt am besten ein Vergleich der hiernach berechneten Armensteuersätze

mit den bisherigen freiwilligen Spenden. So haben im Jahre 1800

die onera publica unter Ausschluss des Services für Leisewitzens Haus 6 Taler

17 Gutegroschen, für das seines Dieners 2 Taler I 5 Gutegroschen betragen,

und in derselben Höhe würden beide zur Armensteuer heranzuziehen sein.

Dagegen sind bisher auf das einzelne Haus des Sammlungsdistriktes, in dem

Leisewitz -- freilich unter unbemittelten Leuten - wohnt, legt man das

Sammlungsergebnis der letzten Woche nach Abzug des Leisewitzschen Beitrages

zu Grunde, im Durchschnitt nur 8 Gutegroschen jährlich an Beisteuer

zur Armenkasse entfallen.

1) Der oben (5. 24) nicht besonders erwähnt ist.

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Ausser den von Rodemeyer vorgeschlagenen Steuerarten könnten nun,

meint Leisewitz, fUr die Aufbringung der Armenabgaben höchstens noch die

Kopfsteuer und die Accise in Betracht kommen. Allein auch von deren Anwendung

glaubt er abraten zu sollen. Gegen die Kopfsteuer, unter der er

übrigens nicht die Kopfsteuer im engeren Sinne, sondern die Gesamtheit der

Personalsteuern versteht, führt er lediglich die Ausstellungen Adam Smith's

ins Feld, die heute grossenteils nur noch antiquarisches Interesse beanspruchen

und deshalb hier übergangen werden können. Viel selbständiger, weil den

gegebnen Fall wieder fest ins Auge fassend, findet sich Leisewitz mit der

Accise ab. Auf den ersten Blick muss sie, wie er einräumt, als ein sehr zweckmässiger

Modus für die Armensteuer erscheinen, weil sie alle Einwohnerklassen

und noch dazu im allgemeinen auch nach Massgabe ihres Aufwandes

trifft, ferner der Einwurf, dass die Erhebungskosten ungewöhnlich hoch seien,

in diesem Falle bedeutungslos ist, da ja in Braunschweig schon eine Accise

besteht. Allein bei den besondern wirtschaftlichen Verhältnissen dieser Stadt

würden eine Erhöhung oder Erweiterung der Accise hier sehr verderblich

wirken. Bedenkt man zunächst, dass bei weitem der grösste Teil der auf die

Braunschweiger Messe gebrachten GUter nicht in der Stadt oder im Lande,

sondern auswärts verbraucht werden soll, dass sie schon durch den Transport

nach Braunschweig und von da an den Ort ihrer Bestimmung verteuert

werden, dass sie wenigstens zum Teil an diesem Orte beträchtlichen Auflagen

unterworfen und dass Oberhaupt "der Flor und selbst die Existenz der Braunschweiger

Messe sehr zufällig und precär" sind, so wird man einsehen, dass

die Auflagen auf Messwaren sehr gering sein müssen. Deshalb darf aber auch

der von der Messe unabhängige, eigene Aussenhandel der Stadt, der sehr bedeutend

ist, nur wenig belastet sein, wenn anders er der Konkurrenz nicht

unterliegen soll. Auch ist es, wie ein durchaus misslungener Versuch gelehrt

hat, ganz untunlich, die in Braunschweig zum Verbrauche kommende Ware

mit einer höheren Auflage zu beschweren als die nach auswärts gehende.

Denn erhebt man jene nicht nur von den Waren der in der Stadt ansässigen

Kaufleute, sondern auch von denen der Messbesucher, so wird eben eine bedenkliche

Störung des Messgeschäftes die Folge sein. Lässt man aber die

Messwaren frei davon, so werden alle Einwohner mit Ausnahme der Mindestbegüterten

ihren Bedarf auf der Messe decken. Dadurch aber würde einerseits

die neue Last auf die schwächsten Schultern gewälzt werden, andrerseits

der Eigenhandel der Stadt grösstenteils zugrunde gehen.

Weiter ist auch fUr die Konsumtionsaccisen im eigentlichsten Sinne, die

Malzaccise, den Mühlenpfennig und das Bäckerheyekorn, die Biersteuer, die

Branntweinsaccise, den Hausschlachte-, den Knochenhauer- und den Holz-

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 37

!icent, eine Erhöhung ausgeschlossen. Denn schon an und für sich oder wenigstens

auf Grund von Gewohnheit und Landessitte unentbehrliche Bedürfnisse

der Bevölkerung, zumal der untern Schichten, würden dadurch uno

erträglich verteuert werden, doppelt unerträglich, wo die Preise aller Dinge

ohnedies auf eine beispiellose Höhe gestiegen sind, um sicherlich nie wieder

auf den vorigen Stand herabzusinken. Und auch hier wieder wUrden nicht

aUe Einwohner gleichmässig getroffen werden, sondern in erster Linie die

Klassen, die ausser Stande sind durch eine Steigerung des Preises ihrer Arbeit

oder ihrer Produkte Repressalien zu üben, also die Beamten, die auf ihre

Pensionen angewiesenen Witwen, kurz alle, die von einer bestimmten Einnahme

leben mUssen ; doch würden vielleicht auch nicht einmal alle Gewerbetreibende

den Betrag der Accise auf ihre Waren schlagen können.

Ei n e Accise gibt es in Braunschweig aber doch, die einer Erhöhung fähig

wäre, die Weinaccise. Einmal ist jetzt der Wein im Vergleich zu andern

Dingen sehr wenig besteuert, ferner wird er im wesentlichen von den Wohlhabenden

konsumiert, drittens gehört er zwar zu den Handc1s-, aber nicht zu

den Messartikeln, so dass bei ihm eine verschiedene Behandlung des Verbrauchs

und der Ausfuhr unbedenklich sein würde. Indes wird der Herzog

kaum geneigt sein, in eine höhere Belastung des Weins zu willigen, nachdem

er ihn erst vor wenigen Jahren entlastet hat. Sodann aber würde diese an

und für sich gewiss ergiebige Quelle doch bei weitem nicht dem Bedürfnisse

der Armenkasse zu genügen vermögen, so dass man der Hauptsache nach

immer noch auf andre Auflagen angewiesen sein würde.

Endlich kann auch die Besteuerung von bisher völlig frei gelassenen Artikeln

nicht wohl in Frage kommen. Denn entweder handelt es sich dabei

um der Allgemeinheit ganz unentbehrliche Dinge, die überhaupt nicht belastet

werden dürfen, oder um solche, die nur dem hohen Wohlleben der

Reichen dienen und darum keinen nennenswerten Acciseertrag abwerfen

können. Die letzteren sind überdies zum Teil für den Handel Braunschweigs

von Bedeutung oder gar einheimische Fabrikate, haben also von vornherein

begründeten Anspruch auf Schonung.

Alle diese Bedenken gegen die Einführung der Armensteuer in Braunschweig

vermag Rodemeyers Hinweis auf das Beispiel Hamburgs nicht im

mindesten abzuschwächen. Es ist unrichtig, dass der Senat ohne weiteres zur

Deckung von Armenkassendefekten die sogenannten Grabengelder oder andere

Auflagen auszuschreiben pflege und noch niemand sich dagegen widersetzt

habe. Denn erstens bedarf der Senat zur Erhebung jeder auch noch so

geringen Auflage der Zustimmung der Bürgerschaft, und zweitens hat diese

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HEDIRICH MACK

schon einmal, nämlich '799, den Antrag des Senates auf Verwilligung der

gewöhnlichen Grabengelder tatsächlich abgelehnt. In Braunschweig würde

aber allerdings die Armensteuer ohne Genehmigung der Burgerschaft ausgeschrieben

werden, indem die hier geübte Zuziehung von Bürger-Deputierten

zur Steuerveranlagung durchaus kein Bewilligungsrecht verleiht. Wesentlicher

jedoch ist, dass die hamburgische Armenverwaltung die Grabengelder

schon über sechzig Jahre, also lange vor Errichtung der jetzigen Anstalt

genossen hat. Und als man nun zur Reform schritt und sich dabei die

Unzulänglichkeit der bisherigen Fonds herausstellte, hat man diese nicht etwa

durch eine neue Auflage ergänzt, sondern - und zwar mit dem glucklichsten

Erfolge - durch Einsammlung freiwilliger Beiträge an die Menschenliebe

des Publikums appelliert. In Braunschweig aber, wo bislang die freiwilligen

Beiträge die Haupteinnahme der Armenanstalt gewesen sind, soH nun nach

Rodemeyers Vorschlage nicht wie in Hamburg die Menschenliebe das Supplement

der Auflage werden, sondern die Auflage in einer das Publikum offenbar

herabwürdigenden Weise an die Stelle der Menschenliebe treten. Und

auch der Umstand ist schliesslich noch zu berucksichtigen, dass die bedeutenden

Fehlbeträge, die sich bei der Hamburger Anstalt mehrere Jahre hindurch

ergeben haben, durch Verbrauch des grössten Teils der disponibeln

Kapitalien, nicht etwa durch neue Auflagen gedeckt worden sind. Und warum

sollte wohl das hamburgische Armenkollegium um die Fortdauer seiner Anstalt

so ängstlich besorgt sein, wenn es ihm so leicht gemacht wäre jedes

Defizit der Armenkasse zu decken!

Zweifellos stecken in Leisewitzens Widerspruch gegen die Armensteuer

viel Scharfsinn und manche richtige Einzelbeobachtung. Trotzdem aber wird

man sagen müssen, dass seine Beweisfuhrung als Ganzes nicht vorurteilsfrei

genug ist, um überzeugend wirken zu können, was uns freilich deshalb besonders

klar zum Bewusstsein kommt, weil die Unentbehrlichkeit der Armensteuer

inzwischen durch die Macht der Tatsachen unwiderleglich dargetan

worden ist. Um so rUckhaltsloser kann man den Grunden beistimmen, mit

denen er Rodemeyers Votum fUr die alte Organisation der Armenbezirke im

Anschluss an die Kirchspiele bekämpft. Er weist zahlenmässig nach, dass

trotz der von jenem betonten, übrigens nicht einmal in jedem Betracht durchgeführten

Vereinigung des Martini-, des Michaelis-, des Petri· und des Brüdernkirchspiels

zu einem Armenbezirk im Magnibezirkedoch immer noch bei weitem

die meisten Armen sitzen. Er zeigt weiter, wie wenig dieser Bezirk dadurch

entlastet wird, dass nicht alle 282 dort wohnenden armen Familien zu den

rezipierten Armen des Bezirkes gehören, indem nämlich den 52 in andern

Bezirken geführten Familien 44 gegenüberstehen, die aus dem Magnikirch-

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 39

spiele verzogen, aber nach wie vor in dessen Armenliste zu finden sind. Hieran

anknUpfend bemerkt er dann:

"Eben diese Einrichtung, dass ein Armer, er mag hinziehen, wohin er will,

allezeit ein Armer desjenigen Kirchspiels bleibt, worin er zuerst recipirt

worden, ist aber nach meinem Dafürhalten mit einer speciellen Armenpflege

in dem Grade unvereinbar, dass sie den aus einer solchen Armenpflege zu

erwartenden wesentlichen Nutzen vereitelt und die Abtheilung in Bezirke

und Quartiere wieder aufhebt. Ein ... Beispiel wird dieses deutlicher machen."

"Von den Armen, welche in dem die Martini-, Brüdern-, Pe tri- und Michaelis-Kirchspiele

begreifenden Distrikte recipirt sind, wohnen mit Ausschluss

der Militair Armen

in demselben ... ... ... ... 122

und ausserhalb desselben ... 79

Familien. Die letztern, welche also weit über die Hälfte der ersten ausmachen,

stehen aber eben so gut wie diese noch immer unter den Armenpflegern dieses

Distrikts, deren Wirkungskreis sich also Uber die ganze Stadt erstreckt.

Hingegen wohnen in eben diesem Distrikte 53 in demselben nicht recipirte

Arme. Von diesen, deren Anzahl beynahe der Hälfte von jenen I 22 Familien

gleich ist, hat auch nicht ein einziger seinen Pfleger in diesem Distrikte. Ihre

Pfleger wohnen in der ganzen Stadt zerstreuet, und natürlicher Weise gehört

dieser Distrikt in den Wirkungskreis aller Braunschweigischen Armenpfleger.

Es kann also sehr wohl der Fall seyn, dass ein auf der Echternstrasse wohnender

Armenpfleger eine Haus Visitation bey einem Armen am Wendenthore

anstellt, wenn zu derselben Zeit ein vor dem Wendenthore wohnender

Pfleger auf der Echternstrasse die Wohnung des nächsten Nachbarn des

dortigen Pflegers visitirt."

"Man kann sich das Mangelhafte dieser Einrichtung versinnIichen, wenn

man sich einen Grundriss der Stadt denkt, worauf der Sprengel eines jeden

Bezirksvorstehers und Armenpflegers mit Linien bezeichnet wäre. Es fällt in

die Augen, wie lästig eine solche Einrichtung die Geschäfte der Bezirksvorsteher,

Pfleger und Unterbedienten machen, wie beschwerlich sie den Armen

werden und wie sie bey aller der Mühe, die sie verursachte, den wesentlichen

Zweck der ganzen Anstalt, eine genauere Kenntniss von den Armen

zu haben und eine genauere Aufsicht über sie zu führen, vereiteln müsste".

Darum ist die früher vorgeschlagene Neuorganisation unumgänglich. Und

wenngleich sie viel neue Arbeit hervorrufen wird, nicht einmalige allein,

sondern auch dauernde, so wird doch die Kompensation dafür in Gestalt von

Erleichterungen gegen den bisherigen Zustand und namentlich einer gleichmässigeren

Geschäftsverteilung nicht ausbleiben.

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Hat Leisewitzens Replik bis dahin im wesentlichen den Einwänden Rodemeyers

gegolten, so geht sie zum Schlusse noch ausführlich auf v. Biels Gutachten

über die Wahl der Armenpfleger ein. Dass bei der bevorstehenden

ersten Wahl nur solche Personen in Frage kommen können, die sich zur

übernahme eines Armenpflegerpostens bereits freiwillig erboten haben, wird

ohne weiteres als selbstverständlich anerkannt. Sonst wiederholt Leisewitz

seine früheren Gründe gegen die Wahl durch die übrigen Pfleger und fUr

diejenige durch die Subskribenten, trägt indes v. Biels Besorgnissen hinsichtlich

der zweiten Möglichkeit insofern Rechnung, als er nunmehr empfiehlt,

nur das aktive, nicht auch das passive Wahlrecht von einem Subskriptionsminimum

abhängig zu machen und dieses Minimum relativ hoch zu bemessen.

Doch er kommt v. Biel noch weiter entgegen. Er gibt zu, dass für die Wahl

durch die Pfleger die grössere Einfachheit spricht, und erkennt als einen Umstand

von Bedeutung an, dass dieser Modus sich in Hamburg schon wirklich

bewährt hat, während Uber den von Büsch verfochtenen noch keine praktischen

Erfahrungen vorliegen. Wenn aber deshalb die Entscheidung zugunsten

des ersteren fallen sollte, mUsste dennoch die Wahl des dritten Pflegers

dem Armenkollegium gewahrt bleiben, dafür jedoch die Wahl der beiden

andern den Armenpflegern ohne jede Einschränkung d. h. unter Preisgabe

der in Hamburg üblichen Präsentation beim Armenkollegium zugestanden

werden.

Die "Unmaassgeblichen Bemerkungen", deren hauptsächlichen Inhalt darzulegen

im Vorstehenden versucht worden ist, finden eine wichtige Ergänzung

in dem vom 24. Dezember 180 I datierten Promemoria, mit dem Leisewitz seine

Arbeit an den Herzog absandte. Es enthält nämlich Bemerkungen und Vorschläge,

die nach Ansicht ihres Urhebers im Gegensatze zu der Replik selbst

zur Mitteilung an das Armendirektorium ungeeignet sind. Zunächst wird bedauert,

dass für die Berechnung der zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben

nicht noch genauere Daten zu Gebote gestanden haben, dass insbesondere

die Auskünfte des Kaufmanns Fredeking aber die Arbeitsanstalt

den ihm vorgelegten, mit sorgfältiger Berücksichtigung der herzoglichen Befehle

abgefassten Fragen so wenig gerecht geworden sind. Darum würde es

bedenklich sein über den erforderlichen Zuschuss bestimmteres zu sagen, als

dass er zwischen 3000 und 4000 Talern betragen möchte. Hierbei ist freilich

vorausgesetzt, dass der Armenkasse die Zahlung des Gehalts und der Emolumente

Rodemeyers im Gesamtbetrage von 5 1 3 Talern abgenommen werde.

Das muss unbedingt geschehen, weil, wie ja auch dem Herzoge bekannt ist,

"das Publicum gegen diese Besoldung ein zwar ungegrUndetes, aber so tief

eingewurzeltes Vorurtheil gefasst hat, dass deswegen sogar der Ertrag der

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Subscription geringer ausfallen könnte". Zudem ist "eine Besoldung eines

Mitgliedes des Directorii mit dem Geiste, der die ganze Anstalt beleben muss,

nicht wohl vereinbar".

Übrigens empfiehlt es sich, dass der Herzog seine huldreiche Absicht, die

Armenanstalt mit den Zinsen eines beträchtlichen Kapitals zu unterstützen,

vor der Hand noch nicht in ihrem vollen Umfange bekannt gebe. Denn sonst

würde vielleicht das Publikum "nach seiner Gewohnheit unmögliche Dinge

von seinen Regenten zu verlangen" und darauf bauend, dass der Herzog

jedes auch noch so grosse Defizit decken werde, minder freigebig sein. Und

im selben Wahne möchten sich - hier wird ein schon gegen die Armensteuer

vorgebrachtes Argument 1) wiederholt - Vorsteher und Pfleger dem

Geiste jener Sparsamkeit entfremden, in der selbst bei unerschöpflichen Hilfs·

quellen die Nützlichkeit der Anstalt beruht. Darum möge der Herzog dieser

wohl sofort gewisse Wohltaten angedeihen lassen und ihr auch Hülfe für die

Zukunft versprechen, sich in seiner Zusage jedoch einerseits nicht auf eine

bestimmte Summe festlegen und sie andrerseits an die Bedingung knüpfen,

dass auch das Publikum das Seine zur Unterhaltung der Anstalt beitrage, da

der Zuschuss nicht so gross sein dürfe, dass er die Fonds für sonstige wohltätige

und gemeinnützige Zwecke mit aufzehre.

Nach und auf Grund dieser allgemeinen Erörterung macht Leisewitz genaue

Vorschläge Uber die Unterstützungen, die der Anstalt sofort zu gewähren

sein wUrden. Sie bedarf vor allem eines besondern Kapitals, um die Ausgaben

des ersten Jahres bestreiten zu können. Ihre verfügbaren Kapitalien

von insgesamt 5666 Talern kommen dafür nicht in Betracht, weil sie nach

Angabe v. Biels durch das Defizit des verflossenen Jahres nahezu voll in Anspruch

genommen werden. Deshalb ist vielleicht folgendes Verfahren anzuraten.

Die Fürstliche Leihhauskasse schiesst der Armenanstalt 6000 Taler zu

21j2 0/0 vor. Für die Verzinsung sorgt zwei Jahre der Herzog, dann wird sie

von der Anstalt übernommen, die gleichzeitig mit der Amortisation in Jahresquoten

von etwa 250 Talern beginnt. Ferner würde es schiefe Urteile verhUten

helfen, wenn der Herzog die auf etwa 300 Taler zu veranschlagenden

Kosten der Aktentaschen für die Armenpfleger und der HaussammelbOchsen

extraordinarie zu decken geruhen wollte. Dass der Fürst den Beitrag seiner

Mutter von 348 Tim. jährlich der Anstalt weiter zahlt, kann das Publikum um

so weniger erwarten, als jener Posten durch die Zinsen des grossen Vermächtnisses

der Verewigten fUr die Armen weit überholt wird. Indessen

WUrde es "wahrscheinlich eine angenehme Sensation machen", wenn er es

') Vgl. S. H.

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einstweilen, nämlich bis zur Festlegung des geplanten regelmässigen Zuschusses

an die Anstaltskasse, dennoch täte.

In Sachen der sowohl vom Herzoge als vom Armendirektorium beifällig

aufgenommenen Vorschläge wegen Übertragung der Armenpolizei an die genannte

Behörde wird die endgültige Resolution noch so lange auszusetzen

sein, bis über die notwendige Umgestaltung der gesamten Polizei entschieden

sein wird. Jedoch erscheint es ratsam, dem Direktorium zu seiner Beruhigung

vorläufig die allgemeine Zusage zu machen, dass es einer exekutiven Gewalt

nicht entbehren und insbesondre die alleinige Verfügung aber die Armenvögte

erhalten solle.

Was schliesslich die wenig zahlreichen Meinungsverschiedenheiten zwischen

der Majorität des Armendirektoriums und Leisewitz betrifft, so werden sie am

einfachsten durch anzuordnende mündliche Verhandlung der bei den Parteien

geklärt werden. Man wird so sehr bald imstande sein zur wirklichen Ausführung

der Sache zu schreiten, weshalb dem Armendirektorium schon jetzt

aufgegeben werden könnte einige Subjekte zu benennen, die sich nach seinem

Dafürhalten zu Mitgliedern des Armenkollegiums eignen möchten.


Schlussverhandlungen Leisewitzens mit dem Armendirektorium.

Das Leisewitzsehe Promemoria vom 24. Dezember 1801 hat die hauptsächliche

Grundlage abgegeben fUr das herzogliche Reskript vom 5. Januar

1802, mit dem die "Unmaassgeblichen Bemerkungen" dem Armendirektorium

zugefertigt wurden. Da es wieder von Leisewitz konzipiert ist, so schliesst es

sich im Wortlaute häufig an jenes an, was aber wichtiger ist - es nimmt

auch die Vorschläge des Promemorias nahezu in vollem Umfange auf und

bekundet damit abermals, wie sehr sich der Herzog in dieser Sache auf Leisewitz

verliess. Nur die Gewährung des für das erste Jahr erforderlichen Zuschusses

wird in einigen Punkten etwas abweichend geregelt. Die aus der

Leihhauskasse an die Armenanstalt zu zahlende Summe wird auf 6500 Taler

erhöht, wobei 500 Taler als Aequivalent fUr die Hälfte der Karten- und

Kalenderstempelgelder bezeichnet werden, die der Herzog den Wolfenbütteler

Armen belassen wissen will, während Leisewitz in den "Bemerkungen" an·

genommen hatte, dass sie hinfort der braunschweigischen Anstalt mit zufallen

sollte. Verzinsung und Rückzahlung des Kapitals übernimmt der Herzog,

es wird also der Anstalt nicht dargeliehen, sondern geschenkt, jedoch nur insoweit,

als sie seiner wirklich bedarf. Die sonstigen Zuschussposten werden

im Einklange mit dem Promemoria angesetzt, doch hinsichtlich des Beitrages

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der verstorbenen Herzogin Mutter mit grösserer Bestimmtheit verordnet, dass

er nur noch fUr das erste Jahr nach Inkrafttreten der neuen Ordnung gezahlt

werden solll).

Die weitere Entwicklung der Sache hing nunmehr von den Beratungen

Leisewitzens mit dem Armendirektorium ab. Hierbei erscheint jener wieder

durchaus als die treibende Kraft. Indem er in einem Promemoria vom 8. Februar

dem Herzoge den Geh. Legationsrat v. Haeckel frtr die wegen Krankheit

des Hofrats Falk neu zu besetzende Stelle des Armendirektoriums empfiehlt

und seine WUnsche betreffs der Übertragung der Armenpolizei an das

Direktorium genauer begrenzend fUr dieses vor allem die Aufhebung und

Bestrafung der Bettler fordert, deutet er an, dass es fUr ihn von Wert sein

wurde, noch vor Beginn der Konferenzen die höchste Willensmeinung uber

diese Vorschläge kennen zu lernen, worauf ihm grundsätzlich zustimmender

Marginalbescheid zu teil wird. Ferner stellt er nach der Paragraphenfolge des

Plans diejenigen Punkte zusammen, die seines Erachtens den Beratungsstoff

der Konferenzen zu bilden haben. Es sind das namentlich Fragen

der Verfassung und des UnterstUtzungswesens, meist von keinem allzugrossen

Belang. Bei der Gelegenheit gibt er einige Nachträge zu seinen "Un·

maassgeblichen Bemerkungen". So wendet er sich gegen einen Vorschlag

du Rois, die Verwalter der frommen Stiftungen in das Armenkollegium zu

ziehen: wollte man sie sämtlich aufnehmen, so wUrde das Kollegium zu gross

werden, eine Auswahl dagegen könnte sehr zweckwidrige Wirkungen haben;

sein Wunsch geht vielmehr dahin, die Vorsteher der Stiftungen als Quartierpfleger

tätig zu sehen. Im Anschlusse hieran bezeichnet er Rodemeyers Ge-

') Der Herzog bewilligt somit der Armenanstalt durch das Reskript vom '). Januar an ein·

maligen Zuschüssen 61)00 Taler aus der Leihhauskasse, 348 Taler als letzte Zahlung des Bei·

trages seiner Mutter und 300 Talerfür die Aktentaschen und Hausbüchsen, in Summa 7148

Taler. Zugleich nimmt er ihr zu Lasten der Fürstlichen Kassen für immer und schon mit dem

I. Januar 1802 Ausgaben im Betrage von 663 Talern ab. Davon entfallen I) I 3 Taler auf die

Bezüge Rodemeyers und 150 Taler auf Verringerung der jährlichen Leistung der Armen·

kasse an die Arbeitsanstalt, die darauf beruht, dass die Kasse der Arbeitsanstalt von der

Gehaltszahlung an den Buchhalter der Wolfenbütteler Armenanstalt befreit wird. Diese 11)0

Taler hatte Leisewitz schon in den "Bemerkungen" von den Ausgaben absetzen zu dürfen

geglaubt, noch nicht indes die I) I 3 Taler Rodemeyers, um die sich also das dort zu 3843 Ta·

lern berechnete Defizit mindert. Da es sich aber andrerseits durch gewisse andere Korrekturen

um insgesamt 277 Taler erhöht, so wird es von jetzt ab in den einschlägigen Verfügungen zu

3607Taiem angegeben. Behufs seiner Deckung fasste der Herzog in erster Linie Ersparungen

bei der Geh. Kanzleikasse ins Auge (Promem. an Fürst!. Finanzkollegium d. d. 1802 Jan. 1),

desgl. an Fürst!. Ministerium d. d. 1802 Jan. 11) und zwar, wie spätere Verhandlungen lehren,

von dem Gesichtspunkt aus, dass nach der Reform der Armenanstalt die Bewilligung von

Unterstiitzungcn aus der genannten Kasse sich bedeutend werde einschränken lassen.

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danken einer Unterordnung der milden Stiftungen unter die ArmenanstaIt

als zwar recht gut, aber auch als vorläufig unausführbar, da diese Massnahme

nicht nur auf die grössten sachlichen Schwierigkeiten stossen, sondern

auch das Publikum sehr verdriesslich machen wUrde. Der Ansicht v. Biels

in Sachen der Armenpflegerwahl wird jetzt noch entschiedener als in den "Bemerkungen"

der Vorzug vor der eignen gegeben. Im Gegensatz zu Rodemeyer

wird es für höchst wichtig erklärt, dass alle Unterstützungen auf irgend

eine Weise durch die Hand der Armenpfleger gehen, und für höchst gefährlich,

die Almosenverteilung - wie jetzt - ein mit Nebenverdienst verbundenes

Geschäft der Unterbeamten sein zu lassen. Rundweg abgelehnt wird

endlich Rodemeyers Vorschlag, die bettelnden Handwerksgesellen unter die

Soldaten zu stecken. Erstens könne dieses Verfahren bezüglich der Untertanen

solcher Landesherrschaften, mit denen der Herzog in gewissen KarteIlverhältnissen

stehe, gar überhaupt nicht in Frage kommen, zweitens sei es

mit der Vorsicht, die man gegen die fremden Handwerksburschen insgemein

beobachten müsse, völlig unvereinbar, und drittens stehe eine Strafe, wodurch

ein junger Mensch seiner Familie und seinem Vaterlande entrissen und der

ganze Plan seines Lebens vernichtet werde, mit dem Vergehen des Bettelns

gar nicht im Verhältnisse. Übrigens wird in dieser Denkschrift bestimmter

und häufiger als in den früheren der Anschauung Ausdruck verliehen, dass

nicht alles von vornherein festgelegt zu werden brauche, dass vielmehr die

Ausgestaltung im einzelnen sich später gleichsam von selbst vollziehen werde.

Am 16. und 17. März 1802 hielt dann Leisewitz seine Konferenzen mit

dem Armendirektorium ab. Nach Ausweis des darüber gefertigten Protokolls

wurden lediglich die von jenem bezeichneten Gegenstände durchgenommen,

nicht auch die in einer Vorberatung des Armendirektoriums vom 13. März

vereinbarten Bemerkungen zu einigen wenigen Paragraphen des Plans. Ober

diese, die das Wesen der Sache kaum berühren, scheint sich Leisewitz vielmehr

mit dem Direktorium nebenher verständigt zu haben. Um aus dem

Verlaufe der Hauptkonferenzen das Wichtigste herauszuheben, so wies Hofrat

du Roi auf anderweite Quellen zur Speisung der Armenkasse hin. Er gab

anheim, die Konzessionsgelder der zur Messe kommenden Marionettenspieler,

Seiltänzer u. dgl. statt der Polizei- der Armenkasse zuzuwenden, ferner zu

deren gunsten niedrige Abgaben von den Auktionsgeldern und den Kollateralerbschaften

zu erheben, endlich dafür zu sorgen, dass die in Kontrakten, Ehestiftungen,

Testamenten usw. für die Armen bestimmten Gelder inskünftig

der Armenkasse statt wie bisher vielfach dem Waisenhause B. M. V. überwiesen

würden. Bemerkenswert ist ferner, dass Zweifel daran laut wurden,

ob Leisewitzens Ausgabenanschlag dem wirklichen Erfordernis entspreche.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 45

Er sei nach der Zahl der bislang unterstützten armen Familien, 876, aufgestellt,

aber seit kurzem seien der Armen in Braunschweig sehr viel mehr geworden,

und das Inkrafttreten der neuen Einrichtung werde vorerst eine

weitere beträchtliche Steigerung der UnterstUtzungsempfänger nach sich

ziehen. Bezüglich der Wahl der Armenpfleger wurde den Vorschlägen

v. Biels zugestimmt, jedoch in der ihnen von Leisewitz gegebnen Gestalt:

die ersten Armenpfleger werden von denen, die sich haben vormerken lassen,

aus ihrer Mitte gewählt, von Neuwahlen stehen je zwei den Pflegern des

betreffenden Quartiers zu und dürfen nur auf Bewohner des Quartiers fallen,

die dritte Wahl dagegen vollzieht das Armenkollegium, ohne an jene Beschränkung

gebunden zu sein. Eine ziemliche Anzahl der in das Beratungsprogramm

aufgenommenen Punkte wird in dem Protokoll beiseite gelassen:

von ihnen heisst es am Schlusse ganz allgemein, dass man der Ansicht Leisewitzens

darüber beitrete.

Unter Einreichung der erwachsenen Akten erstattete Leisewitzam 30. März

dem Herzog einen ausführlichen Bericht ober die Konferenzen und die nunmehr

zu ergreifenden Massnahmen. Als Hauptresultat der Verhandlungen bezeichnet

er, dass Fürstliches Armendirektorium und er in allen wesentlichen

Punkten übereinstimmten. Dann äussert er sich über gewisse Einzelheiten des

Konferenzprotokolls. Seinen früher vorgetragenen Ansichten über Armensteuern

gemäss lehnt er die vorgeschlagene Besteuerung der Auktionsgelder

und Kollateralerbschaften ab. Auch von der Überweisung der benannten Messkonzessionsgelder

und der dem Waisenhause aus Kontrakten und Testamenten

zufliessenden Beträge an die Armenkasse hält er nichts, weil sie dazu andern

Kassen entzogen werden müssten; hierbei hebt er noch besonders hervor,

dass das Waisenhaus die Armenanstalt auf mehr als eine Weise höchst freigebig

unterstütze, in der angeregten Minderung seiner Einnahmen also eine

UnbiIligkeit liegen werde. Dass die Zahl der Unterstützung verlangenden

Armen in Zukunft wachsen werde, wird dem Direktorium als möglich zugestanden,

jedoch mit dem Hinzufügen, es seien keine Gründe vorhanden,

derentwegen man auf ein unverhältnismässig starkes Anwachsen rechnen

müsste. Eine wichtige Ergänzung erfährt das Protokoll durch den Hinweis

auf einen Beschluss der Konferenz, dass jeder Teilnehmer einen Entwurf zur

Einteilung der Stadt in Armenbezirke (und -quartiere?) liefern solle, was

Leisewitz, wie er bemerkt, schon getan hat. Im Anschluss an die Meldung,

dass das Armendirektorium gegen seine Ergänzung durch den seinerseits zum

Eintritt bereiten Geh. Legationsrat v. Haeckel nichts einzuwenden habe,

wird dann der Vorschlag gemacht, zur Vermeidung von Rangstreitigkeiten

im Armendirektorium und -kollegium die Reihenfolge der Mitglieder beider

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Beh5rden in erster Linie von dem Zeitpunkte des Eintritts eines jeden, in

zweiter von der Stellung der Anfangsbuchstaben der Namen im Alphabet abhängig

zu machen 1). Leisewitz erörtert diesen Vorschlag sehr eingehend und

äussert sich sehr befriedigt über die Zustimmung der Herren v. Biel und v. Haeckel

dazu. Als feiner Menschenkenner lässt er eben in seiner Rechnung den wichtigen

Faktor der leidigen Eitelkeit zu voller Geltung kommen und sucht ihren

störenden Einflüssen um so sorglicher Tür und Tor zu versperren, als er sich

der besonderen Schwierigkeit bewusst ist, Männer so verschiedener Berufe

und Gesellschaftsklassen im Armenkollegium zu fruchtbarer Tätigkeit zusammenzuschliessen.

Übrigens hatte das Direktorium in einem Promemoria

vom 26. März bereits ein Verzeichnis der Personen aufgestellt, die es zur

Berufung ins Armenkollegium für geeignet hielt. Leisewitz reicht es mit ein

und bemerkt dazu: "Natürlicher Weise kann mir über mich selber kein Urtheil

zustehen, alle übrigen in Vorschlag gebrachte Männer werden aber nach

meiner unbedeutenden Meinung auf eine oder die andere Weise als Mitglieder

des Armen Collegii dem Institute sehr nützlich werden. Auch scheint

es mir sehr zweckmässig, die gewiss sehr seltene Thätigkeit des Tabacks Fabricanten

Blume auf die vorgeschlagene Art zu versichern." Worin die "sehr

seltene Thätigkeit" Blumes bestand und welche Rolle man ihm in der Armenpflege

zugedacht hatte, bleibt leider im Dunkeln, weil jenes Promemoria

des Armendirektoriums nicht auf uns gekommen ist. Dagegen können wir

die Vorschlagsliste für das Armenkollegium aus den später ergangenen Akten

rekonstruieren. Es waren darin benannt: Kirchenprovisor A. H. Breymann,

Kaufmann H. W. Denike, Hofrat Professor Joh. Joach. Eschenburg, Dr. med.

H. Fricke, Kriegsrat Gärtner, Kommissär Hille, Pastor Fr. A. Junker, Klosterratssekretär

J. A. v. Kalm, Generalsuperintendent W. G. Knittel, Leisewitz,

Kaufmann L. J. Löbbecke, Hofrat Professor T. G. A. Roose und Kaufmann

J. H. Stähler. Diese Männer sollten also zu dem bisherigen Bestande des Armenkollegiums.

den die vier Mitglieder des Direktoriums und die zehn Deputierten

der Kirchenkollegien bildeten, hinzutreten »).

Nach der Erörterung dieser Einzelheiten zur Hauptsache zurUckkehrend

erklärt Leisewitz, dass der Plan nunmehr die verheissene höchste Genehmigung

1) Natürlich sollten die Mitglieder des Armendirektoriums, die ja auch zum Armenkollegium

gehörten, geschlossen an dessen Spitze stehen. ") Gleich hier mag erwähnt werden, dass Gärt·

ner und Hille demnächst den an sie ergehenden Ruf ablehnten, dafür aber fünf in der ursprüng·

lichen Liste fehlende Männer, der Kaufmann H. W. Bierbaum, der obengenannte Fabrikant

B. E. F. Blume, der Kammersekretär J. L. C. Hoffmeister und die Kaufleute H. C. E. Homester

und J. P. Spehr sich zum Eintritt ins Kollegium bereit finden liessen. - Deputierte der Kirchen·

vorstände waren damals J. H. Thies, J. W. V. Unverzagt, J. F. Viebrans, C. P. Reiners, P. A.

Schaden hausen, F. C. Meyer, Chrn. Voss, C. A. H. Weidemann, H. T. Fredeking und E. Haase.

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JOHANN ANTON LEISEWITl ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 47

erhalten könne. Freilich eine bei weitgehender Unbeschränktheit doch wieder

nur sehr bedingte Genehmigung. "Ich habe, sagt er, diesen Plan zwar mit

pflichtmässigem Fleisse entworfen, es fällt aber nicht nur sogleich in die Augen,

dass er nur die äussersten Umrisse der Einrichtung enthalte, die folglich einer

weitern Ausführung bedurfen, sondern ich glaube auch mit Gewissheit voraussagen

zu können, dass dieser Plan noch manche nicht unwesentliche und unerwartete

Abänderungen werde erfahren müssen. Wenn man nun dabey dem

gewöhnlichen Geschäftsgange folgen will, so wird das Berichten, Rescribiren

und Conferiren ins Unendliche gehen und die wirkliche Vervollkommnung

des Armenwesens noch sehr weit entfernt sein." Deshalb möge der Herzog,

indem er die Genehmigung des Planes ausspreche, zugleich dem Armendirektorium

Vollmacht und Weisung erteilen, ihn im Einverständnis mit dem

Armenkollegium, so weit nötig, abzuändern und auszugestalten und auf solcher

Grundlage ein Jahr lang zu arbeiten, dann aber behufs weiterer Verordnung

Bericht zu erstatten.

Zum Schluss äussert sich Leisewitz dahin, dass jetzt auch eine Nachricht

von der beabsichtigten Vervollkommnung des Armenwesens in das Publikum

zu bringen sei, um es darüber zu belehren, was ihm die neue Anstalt verspreche

und als Gegenleistung von ihm fordere. In der "submissesten Hoffnung",

der Herzog werde die Idee gutheissen, sei er bereits mit dem Ent·

wurf einer solchen Nachricht beschäftigt.

Aber nicht nur für diesen einen, sondern für die Gesamtheit seiner Vorschläge

erwartete er die Billigung des Herzogs mit grosser Sicherheit. Fügte

er doch seinem Promemoria gleich den Entwurf eines ebenfalls vom 30. März

datierten höchsten Reskripts an das Armendirektorium bei, durch das die Ge·

nehmigung des Reorganisationsplans ganz so, wie es das Promemoria anheimgibt,

ausgesprochen wird. Und seine Erwartung wurde so wenig getäuscht,

dass der Herzog das Reskript vollzog, ohne auch nur ein Wort daran zu

ändern. Jetzt erst konnte die Reform als völlig gesichert betrachtet werden.

6.

Leisewitzens Mitarbeit an der Durchftihrung des Reformplans.

Als ein rechter Baumeister hat Leisewitz sich nicht auf die Feststellung des

Planes für das grosse Werk beschränkt, sondern er hat auch mit nimmermüder

Gewissenhaftigkeit seine AusfUhrung geleitet und ist darüber hinaus

einer der fleissigsten Werkleute am Bau gewesen. So hat er die drei Jahre

hindurch, die trotz dem Eifer aller Beteiligten bis zur Vollendung des Gebäudes

noch verstrichen, unausgesetzt und angestrengt gearbeitet, und da er

bekanntlich von sehr zarter Gesundheit war, hat man hierin vielleicht nicht

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HEl N R ICH MAC K.

die letzte Ursache seines frühen Todes zu sehen 1). Versuchen wir es, diese

Arbeit nach ihrer Vielseitigkeit und Gründlichkeit in grossen Zügen zu schildern.

Den Einfluss, den ihm sein Amt und sein unbestrittenes Ansehen beim

Herzoge gaben, machte er namentlich in zwei Richtungen geltend. Er sorgte

dafür, dass dem Armendirektorium in Sachen der Armenpolizei dasjenige Mass

von Befugnissen gewährt wurde, das er selbst und das Direktorium fUr nötig

erachteten, dass insbesondere die Übertragung dieses Verwaltungszweiges

an das Direktorium nicht durch zu grosse Selbstä.ndigkeit des letzterem für

die PoIizeigeschäfte beizuordnenden Mitgliedes des Polizei departements

ihren wesentlichen Zweck verfehlte. Das herzogliche Reskript vom 5. Juni

1802, durch das der Polizeidirektor, Justizrat Alburg, von der beabsichtigten

Änderung unterrichtet und angewiesen wurde, sich ihrethalben mit dem

Armendirektorium in Verbindung zu setzen, gab - nahezu wörtlich - nur

die Vorschläge Leisewitzens wieder. Und Alburg blieb nichts weiter übrig

als sich zu fügen, was ihm freilich schwer genug wurde, da er den Standpunkt

einnahm, dass das ganze Armenwesen "als ein Nebenzweig der Polizey

eigentlich dem F. Polizey Directorio subordiniert seyn mUsste" 2). Hiernach

kann es auch gar nicht Wunder nehmen, dass, als die Eröffnung der neuen

Armenanstalt vor der Türe stand, wiederum Leisewitz den ersten Entwurf

der sehr eingehenden Ministerialverordnung vom 20. Dezember 1804 über

die Bekämpfung der Haus- und Gassenbettelei lieferte.

Die wichtigste Vorbedingung für das Gedeihen des neuen Wesens blieb

natürlich immer eine solide finanzielle Grundlage, und ihm diese zu sichern

war deshalb Leisewitz auch nach den erfreulichen Versprechungen des Herzogs

vom 5. Januar 1802 unablässig bemüht. Solange die alte Armenanstalt

noch bestand, schloss ihre Rechnung Jahr für Jahr mit einem beträchtlichen

Defizit ab S). Das erste und grösste vom Jahre [801 hatte sie, wie wir sahen,

aus ihren verfügbaren Kapitalien decken können, aber damit war diese HilfsqueIle

fast ganz erschöpft. Um nun die Anstalt vor einer Schuldenlast zu bewahren,

die demnächst ihre Nachfolgerin geerbt haben wUrde, wirkte Leisewitz

an seinem Teile dahin, dass der Herzog immer wieder die anderweitige

Deckung jener Defizits anordnete. Insbesondere ist aus den Akten ersichtlich,

dass auf seine Anregung Karl Wilhelm Ferdinand der Armenanstalt zur

I) Vgl. die Worte Klingemanns über L. in dem Vorworte zum "Todtenopfer den Manen

des ... Dichters J. A. Leisewitz •.. dargebracht ... " (Theater Bd. 2, 181 I, S. 3): "Sein

späterer Beruf entfernte ihn von den Musen, die dadurch einen Liebling verloren, und erweiterte

seine praktische Sphäre, in der er für Menschenwohl uneigennützig und auf Kosten seiner

Lebenskraft rastlos thätig wirkte." ') Promemoria Alburgs an den Geh. Legationsrat Henneberg

1802 Nov. 11 (Akten des Landeshauptarchivs). ") Vgl. Darstellung der Grundsätze und

Einrichtungen der Brschw. Armenanstalt, Brschw. 1804, S. 11.

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tritt des Kollegiums gebildet. Es waren abgesehen von der Deputation für

die Armenpolizei, die sich mit dem Armendirektorium deckte, die Deputationen

für die Aufnahme der Armen und die Bestimmung der ihnen zu

verwilligenden Unterstützungen, für die Schulen und die Aufsicht über die

Kinder, für die Medizinalanstalt, für die Kassenverwaltung und das Rechnungswesen,

für die Arbeitsanstalt und für die Registratur. Nicht weniger als

vieren davon, der Unterstützungs-, der Schul-, der Medizinal- und der Registraturdeputation,

gehörte Leisewitz als Mitglied an, und zwar nahm er es

wie die leider nur teilweise erhaltenen Deputationsakten 1) erkennen lassen,

auch mit den ihm hieraus erwachsenden Pflichten sehr ernst. So finden wir

von ihm in den Akten der Medizinaldeputation zum Teil sehr eingehende

Gutachten über die Besoldung der Armenwundärzte, über die Instruktionen

für die Pfleger in Sachen der Medizinalhülfe und für die Armenärzte sowie

über die Anerbieten verschiedener nicht zu den angestellten Armenärzten gehörender

namhafter Ärzte zu kostenloser Behandlung armer Wöchnerinnen

und ihrer Neugeborenen, Anerbieten, denen gegenüber Vorsicht geboten war,

weil die begreifliche Forderung jener Herren, ihren Patienten auf Kosten der

Armenanstalt Arzneien verschreiben zu dürfen, mit den finanziellen Interessen

der Anstalt in Einklang gesetzt und Störung der besseren Rechte der angestellten

Ärzte verhütet werden musste. Für die Schuldeputation bearbeitete

Leisewitz namentlich die eng mit einander verknüpften Fragen, inwieweit

ein regelmässiger Schulbesuch der Armenkinder zu verlangen, mit welchen

Zwangsmitteln gegen die Kinder und deren Eltern er zu erzielen und wie

das Nachholen der das gestattete Mass überschreitenden Versäumnisse zu

regeln sei. Bei weitem die bedeutendste und umfänglichste Arbeit leistete er

für die Unterstützungsdeputation, freilich nicht allein, sondern in Gemeinschaft

mit den Kaufleuten Spehr und Stähler: die Ausmittelung des - wie

man heute sagt - Existenzminimums für den Einzelnen sowohl wie kleinere

oder grössere Familien in Braunschweig, um danach die Höhe der in jedem

Falle zu geWährenden Unterstützung bestimmen zu können. Hierbei gingen

die drei Männer streng wissenschaftlich zu Werke. Sie sammelten reichliches

Material, sichteten es durch Ausscheidung unzuverlässiger Angaben, verarbeiteten

es in Tabellen und zogen daraus ihre Schlüsse. Von allen der

wichtigste d. h. derjenige, welcher die Grundlage des ganzen Unterstützungswesens

werden musste, wenn er allgemein anerkannt wurde, besagte, dass

der aus den benutzten Nachrichten berechnete Durchschnittsverbrauch der

Armen überraschend hoch und deshalb die Armenunterstützung nicht nach

ihm, sondern nach dem ortsüblichen niedrigsten Tagelohne zu bemessen sei.

1) Im Stadtarchive.

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JOHANN ANTON LEISEWITZ ALS REFORMATOR DER ARMENPFLEGE usw. 51

"Da die Erfahrung ergibt, dass Tagelöhner-Familien, die keine andere gewisse

Geldeinnahmen haben, als das niedrigste ... Tagelohn', damit auskommen,

so muss dieses auch den Armen möglich seyn, die von einer Armenanstalt

UnterstUtzung erhalten. Es ist allerdings höchst wahrscheinlich, dass

eine Tagelöhner-Familie, ohne die nicht zu berechnenden Gewinnste und Ersparungen

mit dem niedrigsten Tagelohne nicht auskommen wUrde. Allein

diese Gewinnste und Ersparungen kommen auch den Armen, und ganz vorzUglich

ihnen, zu Statten. Es wUrde die nachtheiligsten Wirkungen fUr die

Moralität und Industrie haben, wenn man den Armen in eine Lage versetzen

wollte, die merklich besser wäre, als diejenige, worin sich irgend ein Tagelöhner

befindet. Ein grosser Theil der arbeitenden Classe wUrde das reichlichere

Almosen dem kärglichem Verdienste vorziehen; das schätzbare bei

uns noch immer rege Gefühl, das Manchen abhält, seine Zuflucht zu der

Armencasse zu nehmen, würde ersterben, und'die grössere UnterstUtzung der

Armen würde nicht nur das niedrigste Tagelohn, sondern mit ihm auch alle

übrigen Löhne verhältnissmässig steigern. Die Armen, und diejenige Classe

unserer Mitbürger, die ihnen am nächsten steht, befinden sich allerdings in

einer traurigen Lage; und wer kann sich des Wunsches erwehren, dass ihr

Antheil an den Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens grösser seyn

möchte? Man darf es sich aber nicht verbergen, dass die Lebensweise der

ärmern Classen eine nothwendige Wirkung der bürgerlichen Verfassung sey,

auf der das Glück der Menschheit beruhet, und die nicht nur dem Reichen,

sondern auch dem Aermsten so grosse Wohlthaten gewährt. So lange die

bürgerliche Verfassung, und die damit in Verbindung stehenden gesellschaftlichen

Einrichtungen bestehen sollen, wird auch das nothwendige Resultat

derselben fortdauern müssen. Bemühungen, den Armen einen höhern Genuss

des Lebens zu verschaffen, als es die Lage aller Dinge nun einmal gestattet,

würden zuverlässig ein neuer Beweiss der traurigen Wahrheit werden, dass

ein grosser Theil des Elendes, das die Menschheit drUckt, eine Wirkung edler

und menschenfreundlicher Absichten ist, die sich dem unbedingten Gehorsame

entziehen wollen, den man unabänderlichen Umständen nie ungestraft versagt."

So heisst es 1) in dem ausfuhrlichen Berichte vom 2. April 1803, den

Leisewitz, Stähler und Spehr uber die Ergebnisse ihrer Arbeit der Unterstützungsdeputation

erstatteten und der, wie schon der Stil erkennen lässt,

von dem Erstgenannten verfasst war. Das Armenkollegium genehmigte die

Vorschläge des Berichtes und brachte ihn dementsprechend bis auf einen

Teil der Anlagen im Ersten - und einzigen - StUcke der das Armenwesen

1) s. 28 des Druckes, dessen Seitenzählung die des Aufrufs "An das Braunschweigische

Publikum" fortführt,

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der Stadt Braunschweig betreffenden Nachrichten (Braunschweig im December

1803) zum Abdruck. Auch die Vorerinnerung, mit der das Stück eingeleitet

wird, stammt aus Leisewitzens Feder 1).

In dieser Vorerinnerung wird bereits eine umfänglichere Veröffentlichung

des Armenkollegiums angekOndigt, die wenige Monate später erschien. Es

ist die "Darstellung der Grundsätze und Einrichtungen der Braunschweigisehen

Armenanstalt in Beziehung auf die von den Herren Quartierpflegern

zu übernehmenden Geschäfte, Braunschweig bei Friedrich Vieweg 1804", eine

Zusammenfassung der bislang von dem Kollegium und seinen Deputationen

geleisteten Arbeit. Das Buch rührt jedenfalls von einer Mehrzahl von Verfassern

her, aber diese mit Sicherheit festzustellen oder gar den Anteil eines

jeden genau abzugrenzen, darauf muss vorläufig verzichtet werden und ist

vielleicht überhaupt unmöglich. Soviel aber steht ganz ausser Frage, dass

Leisewitz zu den Verfassern gehört und nicht an letzter Stelle, denn sehr

häufig treten uns seine Gedanken, sein Stil entgegen, wie z. B. gleich die

Vorrede mit ziemlicher Gewissheit ihm zugesprochen werden darf.

Wohl fast zur selben Zeit wie die Geschäftsanweisung für die Q!Iartierpfleger

erschien ein "Verzeichniss der Mitglieder des Armen·Collegii, der Deputationen

desselben, der Bezirks- und Quartier-Armen-Pf1eger, wie auch der

Aerzte, Wundärzte und Schullehrer eines jeden Armen-Bezirks und Quartiers

der Stadt Braunschweig, Braunschweig, Fürst!. Waisenhaus- Buchdruckerei

18°4". Hierin wird nun Leisewitz nicht nur als Mitglied des Armenkollegiums

und der von uns bezeichneten Deputationen, sondern auch

als Quartierpfleger aufgefahrt. Er bekleidete dieses Amt im fünften Quartier

des ersten Bezirkes, das sich von der Sonnenstrasse ober die Gülden- und die

Scharrenstrasse bis auf den Bäcker- und den Südklint und zum Alten Petritore

erstreckte; die bei den andern Pfleger des Quartiers waren der Kammerrat

Karl Heinrich Urban v. Schrader, Leisewitzens bester Freund, und der

Hofsekretär Karl August Gottfried GeiteI, dem vor allem die Fürsorge für

die schulpflichtige Jugend zufiel, während Leisewitz und v. Schrader ausschliesslich

Pfleger für die Erwachsenen waren. Indem Leisewitz zu seinen

übrigen arbeitsreichen Ämtern hinzu auch noch das ebenso bescheidene wie

mühevolle eines Pflegers auf sich nahm, bekräftigte er durch die Tat, eine

wie hohe Bedeutung er gerade diesem Amte beimass, bekundete er nachdrücklich,

dass er zu glücklicher Fortführung seines Werkes der Bertihrung

mit den Armen nicht entbehren zu können glaubte, lieferte er den unwiderleglichen

Beweis, dass es die Sache und nur die Sache war, die ihn trieb,

und dass ihm aller streberhafte Ehrgeiz, aus dem so viele hochgepriesene

1) L's eigenhändiges Manuskript im Stadtarchive.

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Es steht dieser Eröffnung jetzt fast kein anderes Hinderniss mehr entgegen

als die Einlieferung der sämtlichen Abhörungsbogen, deren Revision u. die

lediglich hiervon abhängende, wirkliche Verabreichung des nach unsern Grundsätzen

bestimmten Almosens an die Armen". Genau wurde allerdings auch

der hier genannte Termin nicht innegehalten. Eines der Mitglieder des Armenkollegiums,

der Kaufmann Bierbaum, machte gegen die Wahl des I. Februars

geltend, dass er gerade in die erste Messwoche falle, in der ein grosser Teil

des Kollegiums und der Pflegerschaft mit Geschäften sehr überhäuft sei und

die Subskription nur unter Unbequemlichkeiten werde vorgenommen werden

können. Deshalb schlage er vor bis zum I. März zu warten. Seinen Bedenken

wurde insofern stattgegeben, als man wenigstens die Messe erst verstreichen

liess. So erklärt es sich, dass der 13. Februar der Stiftungstag der neuen Armenanstalt

geworden ist, deren wesentliche Geschicke bis zum frühen Tode

ihres Gründers zu erzählen der gegebne Schluss unseres Aufsatzes sein dürfte.

Kaum war die Anstalt unter Dach und Fach gebracht, so wurde ihr Wirkungskreis

beträchtlich erweitert, ihre Fähigkeit zu helfen bedeutend gesteigert,

indem ihr eine Suppenanstalt angegliedert wurde. Deren Aufgabe war

den unter der allgemeinen Teuerung der Lebensmittel leidenden Angehörigen

der niedern Klassen, insbesondere auch denen, die keine rezipierten Armen

waren, eine vornehmlich aus zerkleinerten Knochen nach einem Rezepte des

Apothekers Wiegmann bereitete nahrhafte Suppe, also eine Abart der bekannten

Rumfordschen Suppe, zu einem die Herstellungskosten bei weitem

nicht deckenden Preise zu verabreichen. Den Überschuss der Ausgaben uber

die Einnahmen zahlte der Herzog, der auch das Lokal, die KUche im Fürstlichen

Opernhause am Hagenmarkte, hergab. Von der Absicht des Herzogs,

diese Anstalt einzurichten, hören wir zuerst am 26. Juni 1805. An diesem

Tage schreibt Leisewitz an seinen Vetter, den Kaufmann Friedrich Langerfeldt,

der, so viel wir sehen können, seit 1804 als Mitglied desArmenkollegiums

und als Pfleger an dem Reformwerk eifrig beteiligt war!), über eine Verhandlung

vom 25.: der Herzog glaube, die Knochensuppe könne sogleich bereitet

werden und habe seine - Leisewitzens - Zweifel, ob die dazu erforderlichen

Graupen ohne weiteres zu beschaffen seien, sehr ungnädig aufgenommen;

Langerfeldt möge also seinen kaufmännischen Rat erteilen. Am

selben Tage sendet du Roi dem Herzoge zwei Portionen der fraglichen Suppe

mit Kostenangabe. Der Herzog erklärt durch Marginalbescheid die Suppe für

"recht sehr guth", bezeichnet es als seinen Wunsch, dass sie "in diesen cala-

1) Die gewöhnliche Annahme, dass Langerfeldt schon bei der Vorbereitung der Reform

ganz erheblich mitgewirkt habe, findet in den Akten keine Unterstützung. Das ist weiter nicht

wunderbar, denn Langerfeldt (geb. 29. April 1772) war zwanzig Jahre jünger als Leisewitz.

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mitösen Zeiten der Armuth fordersamst gereicht werden möge", und ersucht

demnach die nötigen Massnahmen auf seine Rechnung zu treffen. Daraufhin

wurde in der Konferenz des Armenkollegiums am I. Juli die Organisation

der Anstalt nach du Rois Vorschlägen beschlossen, so dass die Verteilung der

Suppe schon am 7. Juli beginnen konnte, nachdem durch eine von Leisewitz

verfasste und mit den Braunschweigischen Anzeigen vom 6. Juli ausgegebne

Bekanntmachung des Armendirektoriums d. d. 3. Juli das Publikum über die

Sache eingehend belehrt worden war. Die Suppenanstalt war nicht als dauernde

Einrichtung gedacht, sie sollte nach dem Sinken der Lebensmittelpreise

wieder eingehen; da indes die Teuerung hartnäckig anhielt, so hat sie sogar

die Katastrophe von 1806 überdauert. Wer die erste Anregung zur Errichtung

der höchst zweckmässigen Anstalt gegeben hat, ist nicht mit Sicherheit festzustellen.

Wenn wir aber berücksichtigen, dass Leisewitz unablässig die Vervollkommnung

seines Werkes im Auge hatte - z. B. gibt es ein vom 18. Dezember

1804 datiertes Promemoria Langerfeldts an Leisewitz über die von

diesem aufgeworfene Frage, wie man am besten einen gemeinschaftlichen geheizten

Arbeitsraum für die Armen beschaffen könne -, so liegt die Vermutung

nahe, dass Leisewitz auch zuerst den Gedanken der Suppenanstalt

gehabt hat. Und auch diesen Plan mag er zunächst mit Langerfeldt durchberaten

haben. Wenigstens setzt sein obenerwähntes Schreiben an Langerfeldt

dessen volle Vertrautheit mit dem Gegenstande voraus.

Nach allem, was uns die Akten melden, erfreute sich die neue Armenanstalt

bei der Einwohnerschaft Braunschweigs grosser Gunst: es war eben

das Verlangen, dem Bettlerunwesen ein Ende gemacht zu sehen, allgemein verbreitet.

Nur von einem feindseligen Akte gegen die Leisewitzsche Schöpfung

ist Kunde auf uns gekommen, und dieser ist allerdings so bezeichnend, dass

wir näher auf ihn eingehen müssen. Seit langem bestand in Braunschweig

die Einrichtung der mit Kollekten verbundenen Armenpredigten. Ursprünglich

wurde deren jährlich nur eine gehalten, eine zweite war erst durch herzogliches

Reskript vom 20. Januar 1774 hinzugekommen. Der Termin jener war

der erste, seit 1782 der siebente Sonntag nach Trinitatis, der Termin der später

angeordneten der erste Sonntag im Jahre. In der Annahme, dass die neue

Armenanstalt bald ins Leben treten werde, hatte der Herzog zuerst im Sommer

1802 vorläufige Aussetzung der Armenpredigten bestimmt und diesen Befehl,

da die Vorbereitungsarbeiten sich so sehr in die Länge zogen, mehrfach wiederholt.

Als nun aber das Werk gIocklich zu Ende geführt worden war, kamen

auch die Armenpredigten wieder zur Geltung. Unterm 29. Januar 1805 erging

ein Reskript, wonach an dem auf den 24. Februar fallenden Sonntage

Estomihi das Publikum in den Stadtkirchen "vermittelst einer auf diesen

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Zweck gerichteten Predigt" ermahnt werden solle, "das heilsame Institut der

Armenanstalt durch mildthätige Beiträge zu unterstützen". Und genau ein

Jahr später wurde verfügt, hinfort solle nur ein e Armenpredigt im Jahre und

zwar stets an dem Sonntage gehalten werden, der auf den Stiftungstag der

neuen Anstalt, den 13. Februar, folge. Begründet ward diese Anordnung

damit, dass die Einwohner Braunschweigs alljährlich auf eine feierliche, Eindruck

machende Art öffentlich an den wohltätigen Gemeinsinn erinnert

werden sollten, durch den die Anstalt im ersten Jahre ihres Bestehens erhalten

und unterstützt worden sei. Da das Reskript denen, die es anging, zu

spät zu Händen kam, musste gleich das erste Mal davon abgewichen werden:

statt auf den 16.' ward die Predigt auf den 23. Februar angesetzt. Nun hatten

schon 1805 bei der an die Predigt sich anschliessenden Kollekte in jeder

Kirche einige Armenpfleger das Einsammeln der milden Gaben besorgt und

recht stattliche Summen erzielt. Deshalb nahm das Direktorium ihre Hilfeleistung

auch 1806 wieder in Aussicht, doch stiess es dabei auf den Widerstand

des Geistlichen Gerichts, dem sämtliche Kirchen der Stadt bis auf die

Schlosskirche, den Dom, die reformierte und die katholische Kirche unterstellt

waren. Dieses, auf Anraten des Generalsuperintendenten Knittel, der ja selber

Mitglied des Armenkollegiums war, um entsprechende Verfügung ersucht, erklärte

sehr schroff: im Vorjahre habe das ohne Wissen und Einwirkung des

Geistlichen Gerichts geschehene Einsammeln der Almosen durch die Armenpfleger

"unter den Diaconis oder Klingeherren eine grosse Sensation gemacht",

indem sie darin "eine Zurücksetzung in den vermöge ihres Amts

ihnen angewiesenen Geschäften" gesehen hätten; Geistliches Gericht glaube

also zur Zurückweisung der Klingeherren von ihren Geschäften nichts tun zu

können, zumal die persönliche Anwesenheit der Armenpfleger bei der Sammlung

keinen Nutzen bringe, und müsse darum anheimgeben, dieserhalb

eventualiter von Serenissimo Verordnung extrahieren zu wollen. Solche erging

im Sinne des Armendirektoriums 1), und nun erhob sich die Frage, wer

denn die erforderliche Bekanntmachung wegen Übernahme des Sammelns

durch die Armenpfleger zu erlassen habe. Knittel meinte: das Geistliche Gericht,

Hofrat du Roi aber trat sehr entschieden für die Zuständigkeit des Armendirektoriums

ein. Es sei sehr misslich, sich in Armensachen auf andre

Behörden zu verlassen, die kein Interesse für jene fühlten, und man habe

wohl nicht ohne Grund zu befürchten, dass das Geistliche Gericht die Bekanntmachung

vernachlässigte und vergässe. So solle man selber für diese

') Das Direktorium hatte allem Anschein nach die freundliche Anregung des Geistlichen

Gerichts gar nicht erst abgewartet, denn dessen Schreiben ist vom 19., die Verordnung aber

schon vom 18. Februar datiert.

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sorgen und den etwaigen Widerspruch und "die auf wirkliche Pickeleien

hinauslaufenden Empfindlichkeiten des Geistlichen Gerichts geruhig abwarten".

Seine Ansicht drang durch, das Geistliche Gericht war auf der ganzen

Linie geschlagen, doch sollte die Sache noch ein sehr übles Nachspiel haben.

Unterm 25. Februar ging beim Armendirektorium eine vom selben Tage datierte

Beschwerde der Pfleger des fünften Bezirkes ein, die an erster Stelle

vom Bezirkspfleger Friedrich Langerfeldt unterschrieben und wahrscheinlich

auch von ihm abgefasst war. Sie lautete:

An

das Hoch Fürst!. Armen Directorium

Gehorsamstes Pro Memoria

Dem Hochfürst!. Armen-Directorium achten die Unterzeichneten sich fUr

verpflichtet anzuzeigen, dass der Herr Pastor Schiller sich erlaubt hat in seiner

am letzten Sonntag gehaltenen Armen-Predigt die Armen Vorsteher und Armen

Pfleger dem Publicum in einem verdächtigen Lichte darzustellen und

dadurch den Armen-Anstalten einen nicht zu berechnenden Schaden zu bereiten.

Die Unterzeichneten müssen es dem Ermessen des Hochfürst!. Armen­

Directorii anheim geben, ob Phrasen wie unter mehreren folgende:

"wenn die Armen Vorsteher und Armen Pfleger Vorgesetzte anderer

Leute seyn wollten, müssten sie auch die Kirchen besuchen, Gottes

fürchtig, keine Schweiger, Hurer und Ehebrecher seyn, damit das Publicum

ihnen Geld anvertrauen könnte und nicht glauben müsste, dass es

an liederliche Weibes Personen verwendet werden könnte,"

"viele Armen Pfleger versäumten um des Armen Wesens willen ihre

Geschäfte, aber nicht um die Armen zu unterstützen, sondern sich einen

grossen Namen zu machen, Lobpreisungen zu erhalten, von Zeit zu Zeit

mit diesem und jenem in einer glänzenden Gesellschaft zu schmausen

und sich Weihrauch streuen zu lassen,"

so wie die Schluss Ermahnung an das Publicum,

denen Armen "in den ausgestell ten Becken" - also nicht durch

die sammelnden Pfleger - eine milde Gabe zufliessen zu lassen,

geeignet sind denen Pflegern das Zutrauen des Publici zu erhalten, dessen

die Anstalt vor allen Dingen bedarf, und ob mit solchen Ausdrücken Serenissimi

höchster Intention bei Anordnung der Armen Predigten Genüge geleistet

werde.

Jeder Armen Pfleger hat für sich bei solchen Invectiven gewis mit denen

Unterzeichneten nur das Gefühl der Indignation und das Zeugniss seines Be·

wusstseins. Der Schaden, der aber dadurch im Allgemeinen gestiftet wird,

liegt zu Tage. Der Theil des Publicum, der seinen Verhältnissen nach sein

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Urtheil nur nach dem Urtheile von Männern richten kann, denen er Kenntniss

der Sache und Wahrhaftigkeit von Amtswegen zutrauen muss, wird

wenigstens irre werden, was er von den Armen Pflegern zu denken habe,

wenn ihm Misstrauen gepredigt wird. Dieses Misstrauen darf aber unsrer

innigen Ueberzeugung nach nicht eintreten, wie es leider seit dieser Predigt

nun schon von mehreren Seiten geäussert ist.

Das Wohl der ganzen Anstalt ist auf das Vertrauen des Publici gegrünctet.

Dieses schwächen heisst die Anstalt untergraben und zu ihrem Ruin arbeiten.

Und wird nicht mancher unter uns Pflegern den Muth verlieh ren und mit

ihm seine Stelle aufgeben müssen, wenn er für seine redlichen Bemühungen

sich da erniedrigt hören muss, wo er Aufmunterung erwarten und fordern

könnte. So haben auch schon die Pfleger, die am Sonntag Morgen die Collecte

in der Brüdern Kirche gemacht haben, erklärt, dass sie nie diesem Geschäfte

sich wieder unterziehen würden, wenn d. Hr. Pastor Schiller predigte.

Von der hohen Wichtigkeit der Sache überzeugt übergeben dieselbe die

Unterzeichneten vertrauungsvoll dem Hochfürst\. Armen-Directorium als Behörde

der ganzen Anstalt; für sich verlangen sie nichts - für diese

Alles. Doch können sie nicht umhin zu bemerken, wie ihrer festen Ueberzeugung

nach Schutz vor öffentlichen Beleidigungen, die unter dem Schirm

eines geheiligten Amtes die Besorger einer wohlthätigen Anstalt treffen, von

unserm gerechten Fürsten ihnen nicht versagt werden könne, und bitten das

Hochfürst\. Armen Directorium die deshalb für die Zukunft nöthigen Verfügungen

von der höchsten Behörde veranlassen zu wollen.

Braunschweig, den 25. Febr. 1806. (Folgen die Unterschriften.)

Diese ebenso nachdrücklich wie würdig gehaltene Beschwerde kam zunächst

an du Roi, der nach v. Biels wohl schon zu Beginn der Reformarbeit

erfolgtem Ausscheiden aus dem Armendirektorium an dessen Spitze getreten

war, und fand bei ihm vollen Widerhall. Indem er sie an seine Kollegen

weitergab, sprach er sich dahin aus, dass man Höchsten Orts auf die durch

das" wirklich tolle Verfahren des Pastors Schiller" heraufbeschworene grosse

Gefahr aufmerksam zu machen und die Notwendigkeit öffentlicher Genugtuung

für die öffentliche Beleidigung zu betonen habe. Da Rodemeyer und

v. Haeckel dem durchaus beipflichteten, wird der Herzog das Skandal um erfahren

und für gründliche Zurechtweisung Schillers gesorgt haben, wenn dieser

nicht so klug gewesen sein sollte noch vor Toresschluss den Rückzug anzutreten.

In die Akten ist nichts darüber gekommen, und wir brauchen uns

dieserhalb nicht zu grämen. Denn für das Urteil über die Bedeutung des Vorfalls

ist es ganz gleichgaltig, welche von den bei den Möglichkeiten zutrifft.

Wie hat aber dieses Urteil zu lauten? Pastor Schiller war ein arger Hitz-

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JO H AN N ANTO N LEI S EW ITZ ALS R EFO R M ATO R DER ARM EN PFL EG E usw. 59

kopf, und so sind ihm denn in seinen Predigten schlimme Entgleisungen auch

sonst wohl passiert, indessen wenn er in andern Fällen seiner rein persönlichen

Ansicht so bösartigen Ausdruck gab, so entlud er in dem unsrigen nicht nur

seinen eignen Groll. Wir haben schon gesehen, wie bestimmt das Geistliche

Gericht, in dem neben zwei Mitgliedern des Stadtmagistrates auch zwei Vertreter

der Stadtgeistlichkeit sassen, gegen das Armenkollegium Stellung nahm.

Sehr zu denken gibt ferner, dass Langerfeldt sein an du Roi gerichtetes Begleitschreiben

zu der Beschwerde mit den Worten schliesst: "Ew. Wohlgeboren

werden ihren vielen Verdiensten um unsere wie die wahre Kirche

streitende Armen Anstalt ein wichtiges hinzufügen, wenn Sie auch für solche

Priester-Anfälle ihr Schutz verschaffen." Endlich darf nicht ausser Acht gelassen

werden, dass laut des früher erwähnten Personalverzeichnisses der

Armenanstalt von 1804 in deren Dienste nur vier Geistliche, nämlich Knittel,

Junker, Hoffmeister und Lungershausen, sei es als Mitglieder des Armenkollegiums,

sei es als Pfleger, tätig waren, obwohl die Gesamtzahl der Stadtprediger,

die reformierten und katholischen Geistlichen ungerechnet, sich auf

mehr als das vierfache belief. Nach aIledem wird man behaupten dürfen,

dass trotz der Teilnahme, die Leisewitz für seine Ideen von vornherein bei

den Pastoren Meier und Junker gefunden hatte, die Hauptmasse der braunschweigischen

Stadtgeistlichen diesen Ideen und der auf ihnen beruhenden

Schöpfung anfangs feindlich oder zum mindesten gleichgültig gegenüberstand.

Das ist auch ganz begreiflich. Die durchaus nötige Reform war nicht nur in

Braunschweig wie anderwärts Laienwerk, sondern sie hatte auch den alten

Zusammenhang zwischen der Armenpflege und der Kirchengemeinde - aus

sehr triftigen Gründen, wie wir sahen - fallen lassen. Das mussten die Geistlichen

mit hochentwickeltem Selbstgefühl sehr bitter empfinden. Glilcklicherweise

ist ihre Missstimmung nicht von Dauer gewesen. Hat doch - wir wollen

nur einen Namen nennen - unser Armenwesen seitdem einen seiner

verdientesten Förderer in dem allgemein geliebten und verehrten Pastor

Skerl gefunden, der in der Vorbildlichkeit seines unermüdlichen Wirkens

und seines im edelsten Sinne asketischen Lebenswandels noch lange nicht

genug gewilrdigt ist.

In den langwierigen Erörterungen über die Durchführbarkeit der Reform

hatte, um das kurz zu wiederholen, der Geldpunkt eine Hauptrolle gespielt.

Leisewitzens Voranschlag war vom Armendirektorium, namentlich von Rodemeyer,

als zu optimistisch bekämpft, von seinem Urheber aber auf Grund

sorgfältiger Nachprüfung im wesentlichen aufrecht erhalten und dann auch

zum Massstabe für den vom Herzoge bewilligten Zuschuss gemacht worden.

Da drängt sich von selbst die Frage auf: hat der tatsächliche Verlauf der Dinge

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60 HEINRICH MACK

die Anschläge Leisewitzens bestätigt oder nicht? Der Abschluss des ersten

Rechnungsjahres, das vom 13. Februar 1805 bis zum 8. Februar 1806 lief,

war günstig: Einnahmen von insgesamt 4°372 Talern 29 Groschen 1/2 Pfennig

entsprachen Ausgaben im Betrage von 3750 I Talern 3 Groschen, es

blieb also ein Vorrat von 2871 Talern 26 Groschen 1/2 Pfennig. Aber

zu Schlüssen für die Zukunft berechtigten diese Zahlen in nur sehr beschränktem

Masse. Denn einerseits hatte die erste Einrichtung manche nicht

wiederkehrende Ausgaben verursacht, andrerseits waren aber auch unter den

Einnahmen viele Posten, die künftig ausfallen mussten und deren Gesamtsumme

einschliesslich des für das erste Jahr bewilligten Extraordinariums von

3148 Talern von du Roi auf rund 7633 Taler berechnet wurde. Darum

durfte man sich nicht allzusehr wundern, als schon in der ersten Hälfte des

zweiten Jahres die Verhältnisse sich gründlich verschoben. Am 2 I. August 1806

hatte Rodemeyer dem Armendirektorium Folgendes zu berichten. Der Geh.

Legationsrat Henneberg habe schon wiederholt um Bezahlung von 2490 Talern

für den vom Fürstlichen Kornmagazin der Armenanstalt im ersten und zweiten

Quartal 1806 gelieferten Roggen gemahnt, indessen versichere der Kassierer

König, dass er nur noch etwa 400 Taler in Kasse habe, die nicht einmal

zur Bestreitung der zu Johannis übersandten Apothekerrechnungen und

der laufenden wöchentlichen Ausgaben hinreichten. Ferner sei nach Königs

Angabe bis Michaelis nur auf 1000 Taler Einnahme zu rechnen, so dass er

weder die zu diesem Termine fällig werdenden Mieten, 14-1500 Taler,

noch auch die dann eingehenden Apothekerrechnungen werde bezahlen

können. "Quaeritur, schliesst Rodemeyer, woher nehmen wir Gelder, um

diesen Bedürfnissen abzuhelfen, und besonders um die F. Korn Magazin

Commission zu befriedigen." Eine Fortsetzung findet diese Darlegung in

dem, was Rodemeyer an du Roi am 5. September über eine Unterredung

mit Henneberg schreibt. Henneberg habe auf seine Mitteilungen über den

gegenwärtigen Zustand der Armenkasse erwidert, du Roi möge darüber nur

mit Leisewitz reden, der nach der Äusserung des Kammerrats v. Schrader

du Rois Zuspruch, wenn auch der Gegenstand der Unterredung odiosa betreffen

sollte, schon erwartet habe. Und du Roi setzt darunter: "Leider bedarf

dies nun wohl jetzt keiner Beantwortung mehr, und mag der Herr

G L R. Henneberg uns seine Ideen, wie aus diesem Nothstande herauszuhelfen

sey, mittheilen."

"Leider bedarf dies nun wohl jetzt keiner Beantwortung mehr" - diese

Worte kann du Roi nur im Hinblick auf Leisewitzens hoffnungslose Erkrankung

oder auf seinen Tod, der am Morgen des 10. Septembers eintrat,

geschrieben haben. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Leisewitz, hätte er länger

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JO H ANN ANTON LEI SEWITZ ALS REFOR MATOR OE R ARM EN PFLEGE usw. 61

gelebt, bei der Wahrhaftigkeit seines Wesens und der Beweiskraft der Zahlen

sich beugend seinen rechnerischen Irrtum eingestanden, zugleich aber auch

nichts unversucht gelassen haben würde, die Armenanstalt auf eine breitere

finanzielle Grundlage zu stellen. Das wäre ihm sicherlich auch gelungen,

wenn der Regierung Karl Wilhelm Ferdinands eine längere Dauer beschieden

gewesen wäre, aber den Nöten, in die nach der Katastrophe von Jena und

Auerstädt die Fremdherrschaft seine Schöpfung hineinstürzte, und die einmal

besonders behandelt zu werden verdienen, würde auch er nicht haben wehren

können. Und insofern mag man ihn wegen seines frühen Todes glücklich

preisen. Freilich haben jene Nöte, so hart sie waren, das Werk Leisewitzens

wohl in den Grundfesten zu erschüttern, aber nicht zu zerstören vermocht:

noch heute rühmt es seinen Meister als dessen schönstes Denkmal, ein Denkmal,

von dem uns allen krankhaften Versuchen der Modernen, der Welt

eine neue Moral aufzudrängen, zum Trotz in unvergänglichem Glanze die

Worte entgegenstrahlen :

Edel sei der Mensch, hülfreich und gut!

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS

DES DICHTE RS LEISEWITZ.

Von M. Niebour.

Als am 14. September 1806 zu Braunschweig der schlichte Holzsarg des

Geh. Justizrats Leisewitz in die Erde gesenkt wurde, als an seinem Grabe

die Kinder der Armenschule sein Lob sangen l ), da klagte man um den edlen,

bescheidenen Menschenfreund, den Vater der Armen Braunschweigs, "der

Bürgerwohl und Vaterland im Herzen trug"2). Weit zurückgetreten aber war

im Bewusstsein seiner Mitbürger der D ich t er Leisewitz ; war es doch 30

Jahre her, dass sein ,,Julius von Tarent", das einzige von ihm vollendet herausgegebene

Drama, erschienen war, und das war noch dazu ausserhalb des

Herzogtums geschrieben und gedruckt. Aber gerade als die einzige grössere

Dichtung des Verfassers ist es uns doppelt wertvoll, und auch die Braunschweigische

Landesgeschichte kann nicht an dem ,,Julius" vorübergehen,

denn je mehr man sich in dieses Werk vertieft, desto mehr schliesst sich das

Bild des jungen Dichters mit demjenigen Bilde zusammen, das der in Braun·

schweig aufbew.?hrte handschriftliche Nachlass des älteren Leisewitz ergibt,

und aus dieser Ubereinstimmung erklärt sich das Verstummen des Dichters,

erklärt sich sein ganzes Verhalten zur Literatur während der 30 Jahre, da er

Braunschweiger Bürger war. Dieser Nachlass freilich ist schon benutzt worden

in der "wenigstens was Data und Material anlangt erschöpfenden'(8)

Monographie von Kutschera von Aichbergen 4 ), sowie in der sorgfältigen Nachlese

von Werner 6 ); doch lässt sich aus den umfangreichen Tagebuch -Aufzeichnungen

einerseits und aus dem Original-Manuskript andererseits noch

manches Einzelne gewinnen, was zum Bilde des Dichters beiträgt und was

in seinem Todesjahre auch in Braunschweig von Interesse sein kann.

1) Text des Liedes im "Liederbuch des 13. Februars", des Stiftungsfestes der Armenanstalt

zu Braunschweig S. 7. 2) eb. aus der Grabrede des Bezirkspflegers Stähler.

") Urteil Erich Schmidt's, Anzeiger f. d. Altertum lll, 190. ') Gregor Kutschera von

Aichbergen, Johann Anton Leisewitz. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur

im 18. Jahrhundert. Wien 1876. 6) Julius von Tarent und die dramatischen Fragmente

von J. A. Leisewitz, ed. R. M. Werner. Deutsche Literaturdenkmale des 18. u. 19. Jahrhunderts

ed. SeufTert Nr. 32. Heilbronn 1 S89.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWTlZ 63

I.

Zur Entstehungsgeschichte des "Julius von Tarent".

"Über die erste Jugendzeit und Geistesentwickelung des Dichters ist nicht

viel bekannt", sagt Kutscheral); doch lässt sich durch eine Untersuchung über

die Entstehung des ,,Julius von Tarent" vielleicht noch hie und da ein Einblick

in seine Geistesentwickelung während der JUnglingsjahre gewinnen.

Leisewitz selbst sagt in seinem Tagebuche am 16. Februar 1781 in einem Rückblicke

bei Lessings Tode!): "Ich hatte schon auf Schulen - da Ballhorn so

viel auf ihn hielt - die grösste Hochachtung fUr ihn." Ob freilich der Gymnasialdirektor

Ballhorn in Hannover seine Schüler für den Dichter Lessing

interessierte, erscheint mehr als zweifelhaft. In seinen hinterlassenen Schriften

findet sich nichts von einer Vorliebe für Lessing, vielmehr wird Ballhorn

immer gerühmt als Meister des lateinischen Stils, ja, in seiner Programm­

Arbeit von 1764 "Über den unweisen Fleiss studierender Jünglinge, vorzüglich

kurz vor den akademischen Jahren"S) warnt er sehr ernstlich vor der

Zurücksetzung der antiken Klassiker hinter die modernen Schriftsteller, er

klagt, dass die Jugend über VoItaire, Kleist, Hagedorn, Milton, Shakespeare

genau Bescheid wisse, "ungeachtet die Manier und Schreibart dieser letzten

Dichter nicht immer musterhaft ist". Lessing erwähnt er nirgend, auch nicht wo

er "den Werth der grossen Köpfe unseres Jahrhunderts" anerkennt, und doch

waren damals schon die "Literaturbriefe", "Miss Sara Sampson" und

"PhiIotas" erschienen. Es möchte also scheinen, dass Ballhorn seine Schüler,

(wenn Leisewitz' Erinnerung richtig ist, was wohl nicht bezweifelt werden

kann) mehr auf Lessings archäologische Forschungen und auf dessen musterhafte

"Manier und Schreibart" hingewiesen habe als auf seine dramatischen

Dichtungen. - Wie dem auch sei, die Jugend wird bei diesem Hinweise

nicht stehen geblieben sein, Lessing war schon damals in aller Munde (bis

1770 war Leisewitz in Hannover), seine Stücke wurden von der Seylerschen

und von der Ackermannschen Truppe oft aufgeführt, auch "Minna von Barnhelm"

war 1763 erschienen, und unter den Schülern des Hannoverschen

Lyceums scheint reges, dramatisches Interesse geherrscht zu haben. Ein Mitschüler

Leisewitzens, der sich in dessen Stammbuch besonders zärtlich als

"dich ewig liebenden Freund" bezeichnet und ihn seiner "aufrichtigsten und

zärtlichsten Freundschaft" versichert, war ein älterer Bruder des grossen Schauspielers

Iffland, und wenige Jahre später fand Reiser') in Hannover die feste

Einrichtung, dass die Primaner jährlich einmal öffentlich Komödie spielten,

') a. a. O. S. 9. 2) abgedruckt bei Kutschera a. a. O. S. 22. S) übersetzt im "Neuen

Hannoverschen Magazin" 1799 Stücke 32-33. ') K. Ph. Moritz, Anton Reiser, ein

psychologischer Roman. Berlin 178,-90.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 65

zum Schlimmen (m, 3) bis zur doppelten Katastrophe beweisen Lessing'sche

Technik; auch die sorgfältige Motivierung der Handlung aus den Charakteren,

ohne dass die Zeichnung der letzteren je den strengen Gang der Handlung

überwuchert, die scharfe Abgrenzung der Charaktere untereinander, die strenge

Logik des Stils, die Vorliebe für allgemeine Sentenzen und schlagfertige Entgegnungen,

das alles stellt Leisewitz auf die Seite Lessings, in Gegensatz aber

zu dem neuen poetischen Evangelium, das damals die Stürmer und Dränger

am Rheine verkündeten.

Aber Leisewitz ist nicht nur Schüler des Dramaturgen, sondern auch

des Dichters Lessing. Gelegentlich ist er bei dem Vorbilde der "Miss Sara

Sampson" stehen geblieben. Wie Lessing hier die steifen Gestalten der französischen

"Confidents" noch nicht ganz überwunden hat, so stellt Leisewitz

neben jede seiner Hauptpersonen einen Vertrauten, der jener Gelegenheit zu

Dialogen gibt, ohne recht eigenes Leben zu haben, und der sicher nicht an

Lessings Franziska oder Marinelli weitergebildet ist; doch das kann am technischen

Ungeschick des jungen Dichters liegen. - Auch der Sti I des "Julius"

erinnert oft an den der "Miss Sara" in jener steifen, oft unnatürlich philosophierenden

Art, von der auch Lessings Jugenddramen gewiss nicht freizusprechen

sind; doch lag solche Denkweise wohl tief in Leisewitz' Natur. -

Interessanter sind einige deutliche Anklänge, die ein sorgfältiges Studium der

"Miss Sara" beweisen. Ähnlich wie Julius verlässt ja auch Sara um der

Liebe willen einen Vater am Rande des Grabes, und beide werden von mahnenden

Träumen gequält. Wie Sara dem Geliebten, so erzählt Julius seinem

Vertrauten von den Schrecken der verflossenen Nacht. Jene meint (I, 7) dem

Geliebten auf steilem Pfade zu folgen, plötzlich hört sie hinter sich "ein freundliches

Rufen, welches ihr still zustehen befahl", es ist "der Ton'< ihres Vaters.

So träumt Julius (I, I), er entführe Blanka, da plötzlich sieht er seinen Vater

"mit der Miene der väterlichen Wehmut" und hält inne. - In derselben

Szene des ,,Julius" (I, I) findet sich noch eine Parallele zur "Miss Sara". Julius

erzählt: "Wie ich im Vorsaal herumschwankte, hörte ich, dass meine

Wache vor der Tür schnarchte. leh habe nie einen Menschen so beneidet als

diesen Trabanten", und dort ruft Mellefont (I, 3) seinen Bedienten: "He,

Norten. Er schläft noch. Aber bin ich nicht grausam, dass ich den armen

Teufel nicht schlafen lasse? Wie glücklich ist er!" Der Zug stammt ja bekanntlich

aus Shakespeares ,,Julius Caesar" (11, I), wo der ruhlose Brutus von dem

schlafenden Diener sagt: "Ich wollt', es wär mein Fehler so zu schlafen!",

aber die Entlehnung aus Lessing ist hier wohl wahrscheinlicher, weil die Situation

der bei Lessing bedeutend ähnlicher ist (bei Shakespeare weckt Brutus

den Diener auf!), und weil überhaupt die ganze Szene Lessing näher steht

BrauDachw. Jahrbuch IV. 'i

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66 M. NIEBOUR

als Shakespeare. Besonders deutlich erscheint die Entlehnung an einer andern

Stelle. Die Marwood gibt (II, 3) Mellefont "einen kleinen Ueberschlag" über

den Verlauf seiner Leidenschaft: jetzt sei er "im heftigsten Paroxysmo", nach

drei Tagen werde "eine ziemlich geruhige Liebe" folgen, nach acht Tagen

werde er sich nur gelegentlich daran erinnern, sodann werde er sich erinnern

lassen, bis "die äusserste Gleichgültigkeit" eingetreten sei; so gibt sie ihm

einen Monat, um sich von seiner Leidenschaft loszumachen. Ganz ähnlich

dringt Aspermonte immer wieder in Julius, nur noch einen Monat zu warten;

er führt (II, 5) aus, Julius werde erst seinem Schmerze getreu bleiben wollen,

aber er werde doch endlich, wenn er lange genug an dem Gegenstand desselben

gehaftet habe, "auf einen benachbarten abgleiten und von diesem

wieder auf einen andern", und so werde er, ohne es zu wissen, über die

Grenze der Traurigkeit kommen. Es liegt auf der Hand, dass diese Analyse

des Vergessens mehr am Platze ist im Munde der frivolen Marwood dem

"Flattergeist" Mellefont gegenüber, als im Munde eines besänftigenden Freundes

gegenüber einer schwärmerisch festgehaltenen Liebe. (Was war von diesem

Monat zu erwarten, da Julius' Liebe nach 5 monatlicher Trennung noch nicht

erkaltet war? Auch musste durch diese Analyse entschieden Julius' Widerspruch

herausgefordert werden!) So sind im ,,Julius" einige deutliche Anklänge

an "Miss Sara Sampson", und es sei vorläufig darauf hingewiesen,

dass diese Anklänge sich alle in undatierten Szenen finden l ). - Auch "Minna

von Barnhelm" muss Leisewitz gekannt haben, doch hat dieses Lustspiel wohl

nicht viel Einfluss auf die Ausgestaltung unsres Trauerspiels gewonnen, es sei

denn, man wolle annehmen, dass der dort scharf ausgeprägte Konflikt zwischen

Liebe und Ehre anregend gewirkt habe auf die Ausgestaltung des auch von

Leisewitz scharf auf Liebe und Ehre zugespitzten Konfliktes zwischen den

beiden Brüdern, - Viel tiefer und bestimmender wirkte dann auf Leisewitz

Lessings i. J. 1772 erscheinende "Emilia Galotti." Die einzelnen Stellen, die

als Entlehnungen Leisewitzens aus diesem Stücke zu bezeichnen sind, hat

Otto Brahm 2 ) zusammengestellt. Es geht aus diesen zahlreichen Belegstellen

hervor, dass auf den Schluss des "Julius von Tarent" der Ausgang der Emilia

so bestimmend gewirkt hat, dass hier und da die Wahrscheinlichkeit darunter

leidet. Dass Guido, ganz wie Emilia, durch die Hand des Vaters fällt, das

schrieb allerdings schon die historische Quelle vor; aber bei der Ausführung

hat offenbar das Verhalten Emilias dem Guidos zum Vorbild gedient. Nach

Vertot, Leisewitz' Quelle, leugnet der Mörder zuerst, und dann, als er zum

Geständnis gebracht ist, fleht er um sein Leben; aber der Vater reisst ihm im

Zorne den Dolch von der Seite und tötet ihn damit. Leisewitz' Guido aber

1) Vgl. S. 89 f. ') Archiv für Literaturgesch. x. 209 fg.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 67

verhält sich durchaus unterwürfig, er will durch die Hand des Vaters sterben

wie Emilia. Warum aber er, der heissblütige Guido, der infolge seiner Tat

seinen Namen schon an einer "Schandsäule" sieht, wie ein zaghaftes Mädchen

auf die Hand des Vaters wartet, anstatt sich selbst das Leben zu nehmen, das

ist nicht klar herausgearbeitet; denn die natürliche Erklärung, er halte wie

sein Vater Selbstmord für Sünde und warte auf den Richter, wird durch aIleriei

Einzelheiten wieder durchkreuzt. Der Dichter schwankte zuerst zwischen

einem Degen und einem Dolch als Mordwaffe im 4. Akt, dann aber - ob·

gleich der Degen zu dem ritterlichen Guido sicher besser passte, wurde der

Degen überaIl in einen Dolch verwandelt mit Rücksicht auf den 5. Akt.

Hier wird der Dolch mit der Leiche des Gemordeten hereingetragen. (Wie

geschickt weiss dagegen Lessing seinem Odoardo den Dolch in die Hände

zu spielen!) Als dann Guido kommt und sich sofort dem Gericht des Vaters

unterwirft: "Hier bin ich, Vater - ich hasse das Leben, und ich werde mich

an Sie halten; Sie haben es mir gegeben. Verbessern Sie nun, was Sie ver·

dorben haben," da deckt der Vater erst noch den Gemordeten auf: "Kennst du

den Leichnam?" Dann zeigt er ihm den Dolch: "Kennst du den auch?" Beide

Fragen sind überflüssig, und am wenigsten passt Guidos letzte Antwort:

"Nur halb, (indem er danach greift) aber ich werde ihn ganz kennen lernen."

Wenn sich Guido das Leben nehmen woIlte, so hätte er das lange tun

können, und er brauchte nicht erst jetzt, da der Vater zögert, zu sagen: "Es

giebt mehr Dolche, auch Feuer und Wasser, Berge und Abgründe." Beide

SteIlen haben sich nur eingeschlichen durch Anlehnung an Emilia Galotti. Hier

ist es aIlerdings natOrIich, dass die Tochter den Vater um den Tod bittet,

dass sie, als er ihr den Dolch zeigt, danach greift, - dass der Vater warnend

sagt: "Und wenn du ihn kenntest, diesen Dolch," - dass sie antwortet:

"Wenn ich ihn auch nicht kenne!" und dass sie endlich, da der Vater zögert,

verzweifelt sagt: "Es ist wahr, mit einer Haarnadel solI ich .. " Diese SteIlen

haben offenbar Leisewitz zu wörtlich vorgeschwebt!). - Auch das Verhalten

des alten Fürsten erinnert an das Odoardos; doch finden sich hier keine

störenden Entlehnungen. - Im ganzen charakterisiert sich also Leisewitz als

Schüler (freilich wohl der beste, ein geist· und geschmackvoIler Schüler!)

Lessings, und Ebert hat wohl recht, wenn er bei Erwähnung von Lessings

"aufrichtiger Bewunderung" für Leisewitz sagt, "dass Lessing dabei, ohne

es zu wissen, sich selbst gefaIle ll )".

Aber noch andere Einflüsse haben in den Göttinger Studienjahren auf den

1) Selbständiger und konsequenter lässt hier Klinger in seinen "Zwillingen" den wil·

den Guelfo sich schweigend verhüllen, um den Dolch des richtenden und rächenden Vaters

zu erwarten. ') Brief Eberts vom 21. 6. '776 Julius v. Tarent, ed. Werner, S. XXXV.

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68 M. NIEBOUR

jungen Dichter gewirkt. Einen Genossen seiner Bewunderung für- Lessing

fand er wohl zunächst in seinem Freunde, dem DichterJohann Christoph

U n z er. Das erste Werk desselben nämlich, das I 77 5 gedruckte Trauerspiel

"Diego und Leonore," zeigt in Anlage und Ausführung nicht nur dieselbe

Lessingsche Schule, sondern soviel mit dem ,,Julius" verwandte Motive, dass

die Annahme einer zufälligen Ähnlichkeit ausgeschlossen ist. Beide Stücke

haben als eine Hauptperson die ehrwürdige Gestalt eines Greises: hier den

spanischen Patriarchen, dort den alten Fürsten von Tarent. Beide reden viel

von ihrem Alter und ihrem Bedürfnis nach Ruhe, beide schauen mit Stolz

auf eine junge, blühende Nichte, für deren glückliche Vermählung sie Pläne

machen, ohne das Herz des Mädchens zu fragen. Der Patriarch sagt von

seiner Nichte (IV, 3): "Das Mädchen ist so an mein Herz gewachsen,"

der Fürst von Tarent (IV, 4): "Das Mädchen ist mein Abgott."

Jener fährt fort:

"Der schöne Traum, dass sie und mein Freund durch einander glücklich

werden sollten! das soll dir, dacht' ich, die drückende Last deines Amts er·

leichtern, das soll dich deine kummervolle Jugend vergessen machen, das soll

die zeitliche Belohnung für Zeit und aufgeopferte Kräfte sein; und nun -"

Ähnlich sagt der Fürst von Tarent (I, 6:) "Zu den häuslichen Freuden des

Greises gehören durchaus Weiber; ihr sanfter Ton stimmt so gut in seinen

gedämpften", und später(I, 7): "Hätte Julius eine Gattin! Was für einen Wert

könnte sie diesem Rest des Lebens geben, an dessen Ende ich aus ihren

Armen unvermerkt in die Arme eines andern Engels gleiten würde", und

später (II1, 2): "Diese Freude sollte mir alle Sorgen eurer Erziehung

vergelten, aber jetzt seh ich's -"

Beider Pläne scheitern dann. Die Nichte des Patriarchen wendet ihr Herz

dem Diego, einem Ketzer, zu - der Sohn des Fürsten von Tarent kann

sich nicht von Blanka losreissen, obgleich sie Nonne geworden ist. So geraten

beide Paare in Konflikt mit der Kirche.

Freilich suchen die beiden Greise gutherzig zu vermitteln, aber mit der

zögernden, nicht durchgreifenden Art des Alters. Der Patriarch erteilt dem

herzlosen Inquisitor eine Ermahnung zu christlicher Milde (VI, 2); doch

er bricht ab: "Ich werde nächstens über dieses Kapitel ausführlicher mit

Ihnen reden müssen;" der alte Fürst sucht beide Söhne (II1, 2) zum Nachgeben

zu bereden; aber er bricht ab. "Ich will zu einer bequemeren Zeit

davon mit dir reden," sagt er zu Guido; - "Ich seh', es ist noch zu früh, mit

dir vernünftig zu reden", sagt er zu Julius. So können beide Greise das

Furchtbare, das sich vorbereitet, nicht hindern, ja, sie wollen es nicht in seinem

ganzen Umfange ahnen, sie meiden die zu starke Erregung.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 69

Ähnlich weicht der alte Fürst der Erregung aus (IV, 4): "Doch ich will

mich zwingen. Ich habe heut viel gethan, viel gelitten, und wie ich denke,

einen vergnügten Abend verdient", und er setzt sich und will "heut Abend

auch recht fröhlich sein", als sich schon der Mord seines Sohnes hinter der

Szene vorbereitet.

Als dann das Traurige geschehen ist, da stehen beide Greise an der Leiche

ihrer Kinder. "Nimm mich weg von der Scene des Jammers, mich alten

Mann!" klagt der Patriarch. "Ich bin in Arbeit und Kummer vertrocknet,

und da brechen sie mir die beiden grünen Zweige ab."

Ähnlich der alte Fürst (v, 9): "Mein Haus ist gefallen, die jungen Orangenbäume

mit Blüthe und Frucht sind umgehauen, es wär ein schändlicher Anblick,

wenn ich alter verdorrter Stamm allein da stUnde" 1).

Als vorher der Erzbischof den alten Fürsten von Tarent von dem traurigen

Schauspiel entfernen will (v, 5), gibt dieser ihm die Antwort: "Stelle mich

vor ein Gericht von Vätern und ich will meinen Schmerz verantworten -

aber nicht gegen einen Priester. Was väterliche Liebe ist, versteht niemand

als ein Vater. Bruder, schwatze von Büchern und Kirchen!" Bei Unzer bekommt

der Patriarch von seiner Nichte eine ähnliche Antwort (IV, 7): "Was

wissen Sie von der Liebe! Sie und der Pater sind nur halbe Menschen, Sie

haben den ersten, den seligsten Trieb der Menschheit in sich ersticken müssen.

Gehn Sie in Ihr Kloster, wo Liebe Torheit und Gefühllosigkeit Pflicht heisst!"

Dem Greise gegenüber steht nun in beiden Stücken das jugendliche liebespaar,

hier Diego und Leonore, dort Julius und Blanka. In beiden verteidigen

diese ihre Liebe mit etwas rhetorischem Pathos gegen alle Rücksichten.

Leonore sagt (IV, 7): "Aber der Himmel weiss, ich konnte nicht. Ich hatte

keinen Gedanken, keine Empfindung, als für meinen Diego. Aber, gnäd'ger

Herr, ich liebte ja;" Julius (111, 3): "Ob ich will - ob ich will - wer liebt,

will lieben und weiter nichts."

Wie dort der Pater droht (IV, 10): "Er soll die Hoffnung ausziehen, wie

sein Kleid", so eifert hier Julius (m, 3): "Glaubst du denn, dass ... man die

Liebe an- und ausziehen könne, wie einen Harnisch?"

Wie dort sich Leonore auf den Vorwurf, dass ihre Liebe Verbrechen sei,

verteidigt (IV, 7): "Das ist dessen Sache, der mir diese Sinne und dieses Herz

gab", so antwortet hier Julius (11, I) auf einen ähnlichen Vorwurf: "Was ist

älter, die Regel der Natur, oder die Regel des Augustins ?" So geraten sie in

Konflikt mit der Kirche, und in beiden Dramen fühlt die Frau diesen Konflikt

tiefer; so haben Leonore und Blanka manche Ähnlichkeit.

J) Vgl. \Vallcnstein: "Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen, da steh ich, ein

entlaubter Stamm."

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M. NIEBOUI\

Leonora ist von jeher eine eifrige Beterin gewesen, und so sucht sie auch

jetzt Trost im Gebet (v, 2). Auch Blanka finden wir zur Stunde der Andacht

(111, 6); auch sie kann sagen, sie habe schon "das Entzücken der Andacht" gefühlt,

sie glaubte sich stark und die Erde schon unter ihren Füssen.

Beide aber fühlen dabei ihre irdische Liebe als ein Unrecht und geloben

im Augenblick des Affektes die strengste Busse. "Gut, ich will auch büssen",

sagt Leonora, "mehr als eine Heilige des Himmels. Am Tage will ich lieben,

und des Nachts wachen, beten, seufzen, weinen, knien; so büssen, bis der

Teufel selbst sagt: es ist zu viel;" und Blanka gelobt (IIJ, 7): "Solche Seufzer

sollen diese Mauren nie gehört haben, Augustin soll gestehn, seine Regel sei

Weichlichkeit, Heilige, durch mich mit der Liebe versöhnt, sollen für Mitleiden,

und Märtyrer für Beschämung das Gesicht verwenden."

Aber trotz so leidenschaftlicher Vorsätze fühlen beide ihre Ohnmacht, sich

von ihrer Liebe loszureissen, sie zweifeln beide, dass die Heiligen selbst das

gekonnt haben. Leonora meint (v, I): "Aber gegen seine liebsten Wünsche

mit völliger Unterwerfung zu bitten: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!

ich glaube, das ist kein Gebet, das sprechen die Lippen allein. - Dennoch

sollen's die Heiligen gekonnt haben." - "Ich beneide keine Heilige", sagt

Blanka (IIJ, 7), "gönn' ihr ihren Weihrauch, ihren Glanz, und ihre Palmen ...... ;

seyn Sie versichert, Aebtissin, keine von diesen Weibern hat wie ich geliebt.

Sonst hätten wir von ihr nur Eine Legende; - sie starb vor Quaalen der Liebe."

So ringen beide in genau demselben Widerstreit, den bei Leisewitz Julius

deutlich ausspricht (11, 5): ,,0 des entzückenden Streites der Religion und

Liebe um ihre Seele! Beyde vermischten sich so in ihren Empfindungen, dass

keine zur andern sagen konnte: Diese Thräne ist mein, und diese ist dein."

Eine ganz ähnliche Stelle findet sich in einem etwa gleichzeitigen Gedichte

Unzers "Liebe im Tode", ein Gespräch. Oktober 1772. Dort sagt der Jüngling

von der sterbenden Geliebten:

"Schon ward ihr sanftes Auge trübe,

Doch sah ich noch darin den Streit,

Den mächt'gen Streit der ird'schen Liebe

Mit der kommenden Ewigkeit.

Und ohne diese zauberische Liebe

Hätte keine bedauernde Thräne

Dieses schöne

Brechende Auge entweiht."

Beide Heidinnen, Leonora wie Blanka, finden sodann denselben Ausweg

aus diesem Konflikt. "Ich habe einen Freund, einen mächtigen, sichern Freund,

der noch keinen Unglücklichen verlassen hat. ... Tod heisst er", sind Leonoras

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Worte (IV, 9), und Leisewitz' Blanka klagt: "Gott, was giebt meiner Seele

Friede? ... Nichts als der Tod, nach Julius mein Lieblingsgedanke (m, 6)."

(Ganz ähnlich sagt bei Unzer auch Diego (IV, 6): "Ich habe nur zwei Wünsche:

Leonoren, oder den Tod", und Leisewitz' Julius sagt (11, 5): "Nur zweyerley

bitt' ich vom Himmel: Blanka, und dass ich keinen Augenblick länger nach

Luft als nach Freyheit schnappe. ")

So sterben die bei den HeIdinnen dahin wie die welkende Blume, ein Bild,

das bei beiden Dichtern sehr häufig ist; doch kehrt dieses, wohl aus dem

Schluss der Emilia Galotti stammend, so unzählige Male in der zeitgenössischen

Literatur wieder, dass hier nichts zwingt, eine direkte Beeinflussung zwischen

Unzer und Leisewitz anzunehmen.

Ferner aber haben die Helden der beiden Stocke, Diego und Julius, manches

Verwandte. Beide sind schwermOtig und grüblerisch. "Ein schwermOtiges

Milchgesichtchen" wird Diego bei Unzer genannt. "Von jeher war sein

grösstes Vergnügen, in der Einsamkeit zu träumen", heisst es von Julius,

als "ein liebekrankes Mädchen" wird er bezeichnet. Dabei verstehen beide

aber, spitzfindig zu disputieren, und reizen dadurch ihre heftigeren, ehrgeizigen

Gegner. "Prunkhafte Auskramung moralischer Grundsätze" wirft hier

der Gegner dem Diego vor. Dort heisst es von Julius, seine Philosophie sei

"mit hohen Sentenzen einbalsamirt", und beide haben wiederholt durch ihr

Disputieren die Gegner gereizt. Beide sind trotz dieses verhassten Wesens

bei der Geliebten die glücklichen Bewerber gewesen: wie Julius bei Blanka

seinen Bruder Guido verdrängt hat, so verdrängt Diego bei Leonora den

Bruder des Paters, für welchen dieser die Verbindung anstrebt.

"Wie durfte sich der namenlose Fremdling einkommen lassen, der Nebenbuhler

des Ritters Sampazo zu seyn?" sagt er zornig, und ähnlich sagt Leisewitz'

Guido (I 3): "Was hat denn der Schmetterling fOr ein Recht mein

Nebenbuhler zu sein?" -r--

In bei den StUcken beschliessen dann die Liebenden, sich durch eine Flucht

nach Deutschland allem Zwange zu entziehen, obgleich sie den grössten Gefahren

entgegen gehen, die grössten Opfer bringen. Hier ist es besonders

Leonora, die um des Geliebten willen alles aufgibt, Heimat und Familie, dort

ist es Julius, der Vater und Vaterland, ja, einen Thron im Stiche lässt, und

beide lassen sich durch den Einspruch wohlmeinender Freunde nicht abhalten.

"Das ist nicht Muth, das ist Wildheit. Wer muthig ist, muss kalt seyn",

wird hier Leonora gemahnt, und sie antwortet: "Muth, sagten Sie? .,. Diego

hat Muth ." aber kalt war Diego nicht (I, 7)." Ähnlich wird Julius gemahnt:

"Kaltes Blut, Prinz! Sie sollen jezt untersuchen", und er antwortet: "Jezt

soll ich kaltes Blut haben - Glauben Sie, dass ich ein Thor sey (11, 5)?"

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Familie: Vater, Mutter, Stiefmutter, Oheim, Tante, Bruder haben literarische

Interessen gepflegt und selbst poetische Produktionen veröffentlicht. Gegentiber

Leisewitz war Unzer jedenfalls der Lebhaftere,· Stürmischere (er war

1767 wegen Freigeisterei von der Schule zu IIfeld verwiesen), er war auch

jedenfalls der leichter und sorgloser Produzierende (er hat noch mehrere

btihnengerechte, aber an Idealgehalt arme Stücke geschrieben). So mag er

den fünf Jahre jüngeren Freund zum dramatischen Dichten angeregt, er mag

den schüchternen, zaudernden Leisewitz vorwärts getrieben haben; - bereichert

und vertieft hat er ihn wohl kaum, und es ist ja bezeichnend, dass

gerade die Motive, die Leisewitz nur mit Unzer gemein hat (der Konflikt

mit der Kirche, die Gestalt der Cäcilia), recht kahl und farblos geblieben

sind. In andern Dingen wuchs Leisewitz' Werk bald weit über Unzer hinaus;

- an Feinheit des Stils und der Charakterzeichnung, besonders aber an sittlichem

Ernst kann sich dieser nicht entfernt mit ihm messen.

Wichtig wird diese Berührung mit Unzer besonders für die Chronologie

des "Julius von Tarent". Unzer promovierte in Göttingen am I. Juli 1771,

bald darauf muss er die Universität verlassen haben. Er hatte mit seinem

jüngeren Bruder Ludw.August ein Stipendium der Grafen von Stolberg-Wernigerode

genossen, das zuletzt zu Ostern 1771 ausbezahlt wurde'). Bald nach

jener Promotion finden wir ihn in Hamburg, dann in Altona. Sein Verkehr

mit Leisewitz ist offenbar abgebrochen, was bei dessen ausgeprägter Schreibfaulheit

kein Wunder war. Auch von den i. J. 1774 auf Leisewitz mächtig

einwirkenden Einflüssen derGöttinger Lyrik findet sich in "Diego und Leonore"

keine Spur. Jener Gedankenaustausch muss also zur Zeit des persönlichen

Verkehrs stattgefunden haben, denn "Diego und Leonore" erschien erst 177 5,

und die Vollendung des ,,Julius v. Tarent" fällt in der Hauptsache in das

Jahr 1774, seine Veröffentlichung in das Jahr 1776. Leisewitz muss sich

also schon im Jahre 1771 (oder wenig später) mit seinem "Julius von Tarent"

getragen haben.

Danach würde sich die Entstehungsgeschichte des "Julius von Tarent" etwa

folgendermassen gestalten: Leisewitz wählt gleich am Anfang seines Göttinger

Aufenthalts unter dem Einflusse von Lessings "Hamburgischer Dramaturgie"

bei Gelegenheit seiner historischen Studien seinen Stoff, er ges taltet ihn um

1771 im Wetteifer mit Unzer und beeinflusst von "Miss Sara Sampson",

I 772 oder 73 gewinnt dann "Emilia Galotti" bestimmenden Einfluss, besonders

auf die letzten Akte, vieIIeicht auch Shakespeare 2 ). Dann liess der

Dichter sein Werk anscheinend eine Zeitlang liegen, wenigstens hat er sicher

') Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Archivrats Dr E. Jacobs in Wernigerode.

') vgl. S. 84.

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M. NIEBOUR

wenig davon gesprochen, denn als er am 2. Juli 1774 in den "Hain" eintritt,

ist er den Genossen nur als Historiker, nicht als Dichter bekannt. Auch hat

er vorher ganz offenbar diesem begeisterten dichterischen Kreise ganz fern

gestanden; das beweist sein Stammbuch. Nur Hölty hat sich schon 1771 eingeschrieben

1) mit einem ziemlich gleichgültigen Verse. 1772 folgt Boie mit

einer ebenso allgemeinen Sentenz, und er fügt hinzu: "Erinnern Sie sich

Ihres gehorsamsten Dieners H. C. Boie", was gegenüber andern Unterschriften

sehr steif und förmlich klingt. Unter den Haingenossen fehlen dann ganz die

Brüder Stolberg, denn diese reisten schon Herbst 1773 ab. Im Juni und September

1774 folgen dann die Göttinger Dichter schnell aufeinander 2 ), mehrere

mit herzlichen Freundschaftsversicherungen. Von diesem Kreise poetisch angeregt,

hat er dann offenbar sein Drama wieder hervorgesucht, er hat sich

am 16. Juli 1774 aus der Göttinger Bibliothek die "Istoria Fiorentina" von

Ammirato geholt, ein Buch, das offen barS) nicht seine erste Quelle war,

sondern ihm wohl nur das historische Faktum wieder vergegenwärtigen sollte,

und seit dem 24. Juli hätte er sich dann an eine um- und überarbeitende Abschrift

gemacht, wobei jetzt der Einfluss der Göttinger Lyrik deutlich hervortritt.

Dass aber dieser Einfluss an den Grundlinien des Ganzen nicht mehr viel

geändert hat, das wird ein näheres Eingehen auf die Spuren desselben leicht

ergeben.

Fast alle Hauptmotive der Göttinger Lyrik finden im "Julius" ihren Widerklang.

Was jene vor allem predigt, ist die Befreiung des individuellen Gemütslebens

von allem steifen Herkommen, allem Zwange der Alltäglichkeit. Darum

preisen sie (mit Klopstock, Gessner, Rousseau) mit Vorliebe das Landleben

mit seiner ungestörten Hingabe an die Natur. So preist Hölty das Landleben,

Bürger besingt sein "Dörfchen", und solche Empfindungen klingen wieder,

wenn Julius ausruft (11, 5): "Geben Sie mir ein Feld für mein Fürstenthum,

und einen rauschenden Bach für mein jauchzendes Volk - einen Pflug für

mich und einen Ball für meine Kinder." Ganz ähnlich schreibt kurz zuvor

Hölty4): "Eine Hütte, ein Wald daran, eine Wiese mit einer Silberquelle und

ein Weib in meiner Hütte ist alles, was ich auf diesem Erdboden wünsche",

- gewiss ein Beweis, dass die Freunde sich damals gegenseitig solche Bilder

ausmalten. Ganz dieser weichen Hingabe an die Natur entspricht es, dass sie

selten wilde Nacht- und Winterszenen, wie Klinger und andere Stürmer und

Dränger, selten auch strahlenden Sonnenschein, triumphierende Sommer- und

Mittagshitze schildern, denn beides ist zu stark und lässt weiche Träumerei

1) Kutschera a. a. O. S. 12. ') ibo S. 12 Kutschera vergisst die beiden Miller am

2. Juni 1774. B) vgl. Fricke, die Quellen des Julius von Tarent. Euphorion IV 51.


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BEITRÄGE ZUR K!NNTNIS DES DICHT!RS LEISEWITZ 75

nicht harmonisch ausklingen. Sie besingen dagegen vorwiegend den keimenden

Frühling, den dämmernden Morgen und daneben die welkenden Blätter

des Herbstes, die verschwimmenden Farben des Abends, und in dieser Vorliebe

passiert es ihnen sogar, dass sie in zusammenhängenden Schilderungen

zwischen Morgen und Abend den Mittag, zwischen Frühling und Herbst den

Sommer vergessen l ). Ganz dieselbe Vorliebe für jene dämmernden Zeiten

des Übergangs zeigt nun auch der "Julius von Tarent." Julius träumt wiederholt

im Garten, "als die Morgenröthe eben anbrach", Blankas Erröten ist ihm

"wie der erste Frühlingstag im Jahre", der Fürst spricht mit Vorliebe von

dem "rosenfarbenen Glanze", in dem die Jugend alle Dinge sehe, Portia

spricht von der "rosenfarbenen Zukunft", die vor den Augen eines Mädchens

liege, von "Rosen und Veilchen", die in sanftem Wechsel das Blumenbeet

des Lebens schmücken. Derartige oft wiederkehrende Wendungen entsprechen

der Naturbetrachtung der Göttinger Lyrik, nirgend ist eine Spur von

südländischen Lokalfarben, wie sie wohl für Tarent zu erwarten wären. In

drei Fällen im ganzen Stücke kommt Uberhaupt nur, ganz vorübergehend,

ein Wort vor, das an die südländische Natur erinnert, einmal ist von einem

"dunkeln Myrtengebüsch", einmal von zwei "Orangenbäumen" die Rede,

sodann wird das "Citronen- oder Pomeranzenwäldchen" oft erwähnt, in dem

Julius sein erstes Liebesglück genoss. Doch sind das nur Wörter, keine geschauten

Vorstellungen, und das vielgenannte Citronenwäldchen erinnert trotz

des fremdländischen Namens deutlich an die "Laube" oder den "Hain", von

denen die Göttinger Lyriker ihre Liebenden schwärmerisch singen lassen.

Wenn Miller singt:

"Im Hain, wo liebetrunken

Dein Mund mir Küsse gab,

Wank ich, in Harm versunken,

Und suche stumm mein Grab,"

so sind das Worte, die man unmittelbar Julius in den Mund legen könnte,

da er "wie ein liebekrankes Mädchen im Pomeranzenwalde irrt." Mit noch

grösserer Vorliebe scheint Leisewitz den Abend zu malen 2 ). Der alte Fürst

mischt immer wieder Abendbilder in seine Rede. "Meine Sonne ist schon

untergegangen", sagt er, "und ich wolte so gern in der kühlen Dämmerung

mit Ruhe das lange Tagwerk noch einmal überschauen" (m, I). Ähnlich heisst

es in Stolberg' s "Abend":

t) In Miller's Gedicht "Der Wunsch" aUi dem Jahre 177 I, sowie in Hölty's "Mailied"

aus dem Jahre I 772 fehlt der Mittag, in Miller's "Einladung zur Freude. An die Stadt·

mädchen" aus dem Jahre 1773 fehlt der Sommer. 2) vgl. auch S. 68 (Unzer).

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M. NIEBOUR

"Ruhe senket herab dann sich auf thauenden

Lüften, kühlet den Wald, tränket die Blumenau. "

Wie der Erzbischof zum Fürsten sagt: "Übersieh denn jetzt dein Tagwerk.

Am Abend duftet alles, was man gepflanzt hat, am lieblichsten", so he isst es

bei Stolberg: "Nur reinen Herzen duftet der Abendthau der bunten Lenzflur".

Diese Vorliebe für Morgen und Abend überträgt sich auch auf die Schilderung

der menschlichen Lebensalter. Die Göttinger Lyriker, in ihrer Schwärmerei

für die alten Deutschen, die man sich nach Klopstock's "Bardieten" gern als

ehrwürdige Greise vorstellte, fOr die Erzväter, die durch die biblische Dichtung

lebendig geworden waren, hatten eine besondere Vorliebe für das Greisenalter,

dem sie gern hoffnungsvolle Jünglinge gegenüberstellten, - Abend und

Morgen. So singt Stolberg vom Harz, dass er "Jugend von Stahl" und "silberne

Grei se" nähre, und ähnliches begegnet oft. In dem bekannten "Liede

eines alten schwäbischen Ritters an seinen Sohn" steht dem Greise im

"weissen Haar", das der Helm "schon funfzig Jahr" deckt, der ganz jugendliche

Sohn gegenüber, der erst der Ritterlaufbahn entgegen sieht. Auch der

alte Fürst von Tarent, der seinen 76. Geburtstag feiert, kann sich nicht genug

tun im Betonen seines Alters, seiner Weltentsagung, während ihm die

kaum über die Schwelle der Jünglingsjahre getretenen Söhne gegenüberstehen.

Überhaupt enthält das ganze Stück k ein e n reifen, starken Mann, k ein e

Frau, nur Greise, Jünglinge und Jungfrauen.

Spezielle Anklänge an die Naturlyrik der Göttinger hat dann das Stück

noch in den Mondscheinschilderungen. Der Mond, dessen Besingung vielleicht

durch Ossian Mode geworden war, der auch in der Lyrik des angebeteten

Klopstock eine grosse Rolle spielt, musste der Muse des Hains besonders zusagen.

Sein verschleiernder Schein hält allzustarkes Eingreifen der AussenweIt

in das Gemütsleben ab, regt durch die unbestimmt gelassenen Umrisse

zu träumerischer Phantasietätigkeit an, erzeugt also gerade jene Dämmerungsstimmung,

weIche die Göttinger lieben.

Zahllos sind die Lieder und Elegien an den Mond, die aus diesen Kreisen

stammen. Hölty, Miller, die Stolberge, auch J. F. Hahn besingen ihn unermüdlich,

selbst Voss schreibt gutgemeinte Gedichte an den Mond, und überall

verweben sich Bilder der Sehnsucht und Erinnerung damit. Auch die Briefwechsel

jener Jahre, sowie die späteren Romane Miller's, wimmeln von Anrufungen

an den Mond und von Mondscheinträumereien. An solche Stellen

klingt Leisewitz oft an, und gerade hier tritt die Beeinflussung durch die

Genossen besonders deutlich hervor. Wie die Liebenden der Göttinger Lyriker

irrt Julius nächtlich im Garten umher, und man könnte ihm dabei wörtlich

Miller's Gedicht "An den Mond" in den Mund legen:

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 77

"Mitleidig siehst du meine Pein,

Wallst trauriger vorüber;

Hüllst deinen hellen Silberschein

In blasse Thränenwolken ein,

Und alle Welt wird trüber."

Wie Hölty's Liebender sieht dann Julius im Mondenschein das Bild der

Geliebten. Bei Hölty heisst es l ):

"Wenn mich, mit meinem Harm vertraut,

Zur Stunde der Gespenster,

Der liebe, helle Mond beschaut,

Bebt's (das Bild) durch mein Kammerfenster,

Und malt sich an die weisse Wand,

Und schwebt vor meinen Blicken,

Und winkt mir mit der weissen Hand,

Und lächelt zum Entzücken."

Solche nächtliche Traumbilder häuft Leisewitz geradezu in seiner ersten

Szene. Zuerst sieht Julius Blankas Bildnis (eine Verwendung des wirklichen

Bildes, die Leisewitz, wie wir sahen, mit Unzer und mit Lessing's Emilia gemein

hat), wie es plötzlich von ein paar Mondstrahlen beschienen wird, und

es verzieht sich zum Weinen. Dann erscheint ihm Blanka, wie sie auf seinem

Gesichte ein höhnisches Lachen beobachtet (eine etwas künstliche Kombination),

Uberall sieht er sie "in tausend Auftritten, in tausend Gestalten", ganz

ähnlich wie Hölty singt:

"Im jungen Nachtigallenhain,

Und auf der öden Wildniss,

Wo Tannenbäume Dämmrung streun,

Umflattert mich das Bildniss,

Es tanzt aus jedem Busch hervor .... "

Ebenso wird Blanka in ihrer Klosterzelle vom Bilde des Geliebten umflattert:

,,Julius! immer um den dritten Gedanken dein Bild." Auch sie wird

durch den Mondschein an das verflossene Liebesgluck erinnert. "Sehn Sie,

wie der Mond scheint! Sie denken sich ihn als einen leuchtenden Weltkörper

- ich seh an ihm bloss den Zeugen meines ersten Kusses - ein nicht zu

raubendes Andenken meiner Liebe - Sey gegrüsst, lieber Mond!" Ganz

denselben Gedanken spricht bei Miller der einsame Liebende beim Anblick

des Mondes 2 ) aus:

"So schien er einst, da ich von dir den letzten

Und feuervollsten Kuss empfing,

') Hölty "Das Traumbild", ähnlich "Die Liebe." Z) Miller "Elegie an Laura".

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M. NIEßOUR

Und tausend Thränen unsre Wange netzten,

Und Lipp' an Lippe bebend hing."

Mit B1anka kommen wir zu einem andern Momente der Göttinger Lyrik,

das entschieden Einfluss auf Leisewitz geUbt hat, es ist die Gestalt der Non n e.

Wohl mochte ihn seine Quelle auf den Gedanken der Einfilhrung des Klosters

bringen, auch bei Le Noble 1 ) wird Camilla, die heimliche Gattin Julians, in ein

Kloster zu einer diesem befreundeten Äbtissin gebracht. Wohl mochte auch

bei Lessing Odoardos Äusserung, ein Kloster sei jetzt das einzig Ziemende

fUr Emilia, und des Prinzen rasche Antwort: "So viel Schönheit soll in einem

Kloster verbIUhen?" anregend wirken. Wohl mochte also schon der erste

Entwurf die bei den Gestalten der jugendlichen Nonne und der Äbtissin ent·

halten; dennoch ist es gewiss, dass die Ausbildung der Klosterszenen im ein·

zeInen auf Göttingisehe Vorbilder, besonders auf Miller zurückgeht. Schon

die Situation in den ersten Klosterszenen ist ganz dieselbe wie in Höltys

"Nonne", wo der Ritter auch am Gitter des Sprechzimmers zu der geliebten

Nonne fleht. Wenn wir später Blanka am mondbeschienenen Fenster ihrer

Zelle sehen, wenn auch Julius sie erschaut, "wie der Mond durch ihr kleines

Fenster auf ihr Crucifix und Breviarium schien", so singt in ganz derselben

Situation Millers Nonne:

"Ach, du lieber Mond, wie helle

Scheinest du in diese Zelle,

Wo, auf ewig eingemauert,

Gottes AnverIobte trauert."

Mit andern Zutaten der Göttinger Lyrik wird dann dieses Bild ausgeschmückt.

Gern sieht man die Nonne, im Klostergarten Blumen pflegend, die

dereinst ihr Grab schmUcken sollen. So singt MiIlers Nonne:

"Rosen pflanzt ich. Eh sie bluhen,

Werd ich diesen Kerker fliehen.

Pflücke sie vom Strauch herab,

Und bestreu damit mein Grab!"

Ähnlich schliesst sein "Grablied für eine Nonne":

"Indess, 0 Schwester, pflanzen wir

Aufs Grab hin Rosensträuche dir;

Und eilen, dulden wir wie du,

Mit Thränen ihrem Schatten zu."

Ganz ebenso wUnschen sich bei Leisewitz Blanka und die Äbtissin (m, 8)

in fünfmaliger Wiederholung "Rosen und Thränen" auf ihr Grab. Dann wird

auch die dahinsiechende Nonne selbst mit der welkenden Blume verglichen.

') vgl. Euphorion IV 51.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 79

So erscheint dem Liebenden '"das Lächeln der Liebe auf ihrem Nonnengesicht

wie eine Rose, die aus einem Grabe blühet", und in einem ähnlichen Bilde

sagt er später, dass im Kloster "jeden Tag der Schmerz neue Anmuth und

Reiz von ihr, wie der Sturm die Blüthe von einem Baume abschüttelt." Ganz

ebenso singt wieder Millers Nonne:

"Unbeklagt, wie ihr, verfärbet

Sich, ihr Rosen, mein Gesicht."

Und der verzweifelnde Liebhaber singt:

"Du Treue! wie so totenbleich

Du dort im Kummer schweigest;

Und, halb versengten Rosen gleich,

Dich nach dem Grabe neigest."

Das Bild der welkenden Rose für die sterbende Schönheit ist ja freilich

unendlich häufig 1 ); doch in dieser klösterlichen Einkleidung weist es deutlich

auf Miller hin, der eben damals von seiner "wahren Freundschaft" für Leisewitz

spricht. So ist die Gestalt der Nonne bei Leisewitz mit den lyrischen

Zutaten der Göttinger reichlich ausgeziert, und das hat gewiss zum Erfolge

des Stückes beigetragen, denn Millers Nonnenlieder waren damals in aller

Munde 2 ); doch von einer eigentlichen Fortentwickelung dieser Gestalt, von

dramatischer Ausbeutung kann wohl kaum die Rede sein. Blanka gibt sich

im ganzen in weichen Träumereien ihrer irdischen Liebe hin, obgleich sie das

Klostergelübde schon abgelegt hat, und auch die Äbtissin macht ihr keine

Vorwürfe, bringt sie nicht in Konflikte, sondern hat im Grunde nur Mitleid

und Tränen für sie (während sogar Miller in seinen lyrischen Gedichten hier

und da ernstere Töne anschlägt!) Auch sie selbst hat ja in 19 Jahren die

irdische Liebe nicht überwunden.

So gilt hier im einzelnen doch wohl - wie im ganzen - die Beobachtung,

dass Leisewitz den Göttinger Dichtern wohl zarte, lyrische Blüten entlehnt

hat (die er freilich mit feinem Geschmack in seinem Werk benutzt hat, ja,

von denen man wohl sagen kann, dass sie in seiner feinen Prosa sich manchmal

besser machen als in den oft spielerischen Versen Millers); dass aber

diese Beeinflussung auf den dramatischen Gang des Ganzen keinen Einfluss

mehr geübt hat. Es scheint also eine erste Bearbeitung schon ziemlich fertig

vorgelegen zu haben, und dazu passt auch, dass Leisewitz später (25. l. 1780)

bemerkt, Miller habe ihm bei dem "Julius von Tarent" gesagt, seine Szenen

seien zu kurz, und darauf habe er noch vieles geändert.

I) vgl. S. 71. 2) Auch das Verhältnis Blankas zu Cäcilia, vielleicht gar der Name

"Cäcilia", scheint an Millers "Clarissa an Cäcilien" angelehnt zu sein; doch fehlt auch

hier jede dramatische Ausnutzung.

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80 M. NIEBOUR

Noch weniger scheint ein solcher umgestaltender Einfluss stattgefunden zu

haben von der andern Seite der Göttinger Lyrik her, durch welche diese sich

mit der Poesie der rheinischen Stürmer und Dränger berührt. Wenn auch

ein Grundzug der Göttinger jene weiche Hingabe an das Gefühl ist, so finden

sie doch auch oft stürmische Töne zur Verfechtung dieses Gefühls, sie eifern

mit leidenschaftlichem Pathos gegen alles Vorurteil, gegen Zwang und Unnatur.

Während Miller die Nonne beweint, besingen Hölty und Fritz Stolberg

gern einen Ausbruch oder eine Entführung aus dem Kloster. Während

Miller und Hölty sich schwärmerisch in die Minnepoesie der Vorzeit versenken,

holen sich die Stolberge, Hahn und Voss von dort Vorbilder echter,

deutscher Heldentugend und Männersitte, stürmen gegen moderne Schwächlichkeit

und (besonders Hahn) gegen den entartenden französischen Einfluss.

Wenn Bürger den vielbesungenen schlichten Landmann vorführt, so zeigt er

ihn unterdrückt von seinem "durchlauchtigsten Tyrannen", und der Bauer,

dessen Fluren von dem jagenden Gewaltherren zertreten werden, ist ein beliebtes

Motiv; auch der Tyrann, der des Volkes Gut verprasst, kehrt oft in

glühenden Farben wieder. Dass Leisewitz i. J. 1774 unter solchen Einflüssen

stand, ist gewiss. Seine beiden, doch wohl i. J. 1774 entstandenen kleinen

Dialoge 1) sind ganz aus diesem Geiste geboren, zwei Stammbuchverse aus

dem Juli und September 1774 2 ) atmen ihn deutlich; aber in den ,,Julius

von Tarent" sind nur noch versprengte Tropfen davon geraten.

So deklamiert Julius gelegentlich mit allen Hyperbeln des Geniestyls gegen

die Regel Augustins, welche die Regel der Natur unterdrücken will (11, I);

Blanka soll sein werden, "wenn der Priester statt des Segens den Bannfluch

über uns bis ins tausendste Glied ausspräche 3 )." Er findet auch einmal ein

schönes stürmisches Bild (11, 5): "Kennen Sie den allmächtigen Hauch im

Lenze, so reich an Kraft, dass es scheint, er werde die Gränzen der Schöpfung

verrücken, und das Leblose zum Leben erwecken? Ein solcher Hauch

hat mein ganzes Wesen durchdrungen." Auch Guido sagt einmal (11, 4) im

feurigsten Geniestyl: "Mitten in euren Umarmungen soll plötzlich mein Bild

') Zuerst bezeugt durch Hölty am 2. Mai 177" gedruckt im Göttinger Musenalmanach

für 177,. ') F. L. H. von Walthausen schreibt am 26. Juli 1774: "Freund las uns

Golddurst, Stolz und Schlösser hassen und Kleinigkeiten Fürsten überlassen", Christian

R udolf Boie am 3. September 1774:

"Gut seyn, gut seyn, ist viel gethan,

Erobern ist nur wenig,

Der König sey der bessre Mann,

Sonst sey der Bessre König."

8) Auch die Verwendung biblischer Wendungen hat er mit den Stürmern und Drängern

gemein, doch ist das damals überhaupt Mode und findet sich sehr häufig in seinen Braunschweiger

Tagebüchern.

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BEI TRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 81

in Eurer Seele aufsteigen, die Küsse werden auf euren Lippen zittern, wie

Tauben, über denen ein Adler hängt." Aber das sind nur gelegentliche Wendungen,

die sich von dem reflektierenden Ton des Ganzen deutlich abheben.

- Eine solche Vermischung zweier Richtungen zeigt sich besonders in den

Äusserungen über Fürsten und Fürstentum. Der milde, massvolle Leisewitz

hat keine Tyrannen gesehen, wiII kein Tyrannenblut vergiessen; er zeichnet

den Fürsten als Vater seiner Untertanen, zu dem jeder Bauer Zutritt hat,

dessen Sohn den Mann aus dem Volke an die Brust drückt, ganz in der milden

idyllischen Weise jener ersten Richtung. Und doch dringen Töne des

Tyrannenhasses ein. Da soll der Vater des Fürsten ein blutdürstiger Tyrann

gewesen sein, und wenn auch die ErZählung, dass er seinen Kanzler habe

spiessen und drei Hofleute unter der kleinen Schlosstreppe habe einmauern

lassen, gestrichen ist (v, I erste Fassung vom 27. Juli 1774 !), so ist es

jetzt um so störender, dass bei dem friedlichen Geburtstagsfeste des Sohnes

der Bauer auf die Tyrannei des Vaters hinweist, besonders wenn man bedenkt,

dass kurz zuvor der Sohn selbst das "Zittern eines Tyrannen" der

"Rache des guten Fürsten" im Tode gegenübergestellt hat. Das letztere Motiv

scheint wieder aus Anlehnung an Millers Gedicht "Der Todesengel am Lager

eines Tyrannen" hervorgegangen zu sein und steht hier ziemlich unvermittelt.

Ebensowenig ist nachher (IV, 4) die Schärfe motiviert, mit welcher

der Fürst von den "Hofweibern" spricht, "bey denen Schminke und Wizeln

im schändlichen Bunde stehen", ebensowenig die Bitterkeit, mit welcher er

von seinem eigenen Tode spricht (v, 2): "Hält es der Höfling der Mühe

werth, um den lezten eines Hauses unbeobachtet zu weinen? und wenn ich

vorher Klagen miethete und Seufzer bezahlte, sie würden mir nicht Wort

halten." Das sind Anklänge an jene Tyrannenhasser ; aber wie kommt der

Fürst zu solchen Erfahrungen? Im ganzen Stücke ist kein schmeichelnder

Höfling, keine witzelnde Hofdame vorgekommen, der Fürst ist von der Liebe

seiner Untertanen umgeben. - Ähnlich steht es mit Julius' Äusserung (11 5):

"Und musste denn das ganze menschliche Geschlecht, um glücklich zu seyn,

durchaus in Staaten eingesperrt werden, wo jeder ein Knecht des andern,

und keiner frey ist - jeder an das andere Ende der Kette angeschmiedet,

woran er seinen Sklaven hält". - Wie kommt er zu solchen Ansichten vom

Zwange des Staates? Unter dem milden, väterlichen Regimente des alten

Fürsten konnte er sie wohl kaum gewinnnen. Noch unnatürlicher erscheinen

solche freiheitsdürstenden Deklamationen im Munde Cäciliens (11, 6): "Ich

kann den Gedanken nicht ausstehen, die Sklavin eines Mannes zu werden,

das Wort Heurath klingt mir wie ein Gerassel von Ketten, und der Brautkranz

kämmt mir vor wie der Kranz der Opferthiere." Wie kommt sie, die

Braun6chw. Jahrbuch IV. 6

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M. NIEBOUR

Busenfreundin der schwärmerisch-passiven Blanka, welche in dieser die Liebe

zu Julius "genährt und gepflegt" hat, zu solchem mannweiblichen Freiheitsdurste

? - Nein, es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass solche Äusserungen

fremde Bestandteile im Gefüge des Stückes sind. Obgleich Entführung aus

dem Kloster und Brudermord der Hauptgegenstand des Stückes sind, so bleibt

doch zweifellos immer der weiche, schwärmerische Julius der Liebling des

Dichters, und die versuchte Entführung BIankas aus dem Kloster wäre bei

ihm keine wilde Tat der Empörung gegen den Zwang gewesen, sondern der

Entschluss ist der Ausfluss einer stillen, durch fünf Monate des Entsagens nur

fester gewurzelten Liebe, es ist ein mit allen Gründen erwogener und als

unvermeidlich befundener Schritt, der in weicher, elegischer Stimmung bei

Mondschein und Nachtigallensang unternommen wird. Mehr möchte ja Guido

zum Charakter der Göttinger Freiheitssänger passen, aber er tritt ganz zu rUck,

er wartet bis zum 4. Akt, und am Ende desselben will er nur Julius' Tat verhindern

und tötet ihn unabsichtlich. - So hat das Stück in der Hau ptsach e

nichts vom Geiste der Stürmer und Dränger, es gehört durchaus (nach der

Schlegelschen Unterscheidung) zum "genre lamentable", nicht zum "genre

furibond. "

Zum Drama konnten ihn ja überhaupt die Göttinger Freiheitssänger nicht

angeregt haben, denn es findet sich im "Hain" kein Dramatiker ausser Leisewitz,

und wer etwa dessen dramatisches Schaffen durch rheinische Einflüsse

miterklären wollte, der braucht nur Leisewitz' Stellung zu Goethe näher

. anzusehen. Im Juni 1773, also etwa ein Jahr vor der Umarbeitung (die

meisten Forscher sagen Abfassung) des "Julius von Tarent", erschien "Goetz

von Berlichingen", und unser Stück enthält (trotz all der ausschmückenden

Zusätze) keine sichere Spur davon, es lässt sich nicht einmal nachweisen, dass

Leisewitz sich ernstlich mit dem "Götz" beschäftigt hat. Wenn nämlich

K utschera 1) meint: "Wol das Erscheinen der Goetheschen Tragödie veranlasste

ihn im Januar 1773 zur Lesung des Lebens von Götz von Berlichingen",

so muss das auf einem Versehen des Abschreibers beruhen. Nach den Ausleihelisten

der Göttinger Universitätsbibliothek ist das Werk im Jahre 1773

gar nich t ausgeliehen, im Jahre 1774 aber fünfmal, darunter einmal (26. 8.)

fUr "Beckmann p. Seip. ", was der Abschreibervielleicht fUr "Beckmann p. Leisewitz"

gelesen hat, denn auch ftirLeisewitzfungiert meistens Beckmann als Bürge.

(Übrigens hätte Kutschera selbst an jener Angabe irre werden können, denn

Goethes "Götz" erschien erst September 1773·) Wie dem auch sei, dass

Leisewitz den "Götz" mit den Genossen gelesen hat, ist wohl sicher, dass

derselbe aber keinen Einfluss auf sein Drama gehabt hat, ist wohl ebenso

1) a. a. O. S. 15.

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BEITRAGE ZUR KE N NTN IS DES DICHTE RS LEISEW ITZ 83

sicher, vielmehr dürfte er ihm mehr Ab- als Zuneigung eingeflösst haben.

Im Jahre 1779 1 ) hat er einen "entsetzlichen" Traum: "alles im neuesten

Geschmack ohne Einheit, Ordnung und Zusammenhang - kein Gedanken

an den Aristoteles." Das ist gewiss eine deutliche Absage an das Drama der

Stürmer und Dränger. - Ja, auch Goethes "Werther" hat er nur ganz allmählich

schätzen gelernt, obgleich der ihm ja viel näher steht. Nachdem er

am 28. August 1780 die Lektüre des "Werther" zum zweitenmale vollendet

hat, bemerkt er in sein Tagebuch: "Ich finde dass die Idee die ich davon gehabt

habe lange nicht hoch genug gewesen ist, wahrscheinlich kam das daher

dass ich das Buch zum ersten mahl zu flüchtig gelesen habe, ich erinnere mich

noch deutlich dass das in Braunschweig in meiner Schwester Hause als ich

aus Göttingen zum Besuch da war geschahe." Wann dieser Besuch stattfand,

lässt sich vermuten. Im Oktober 1774 verliess Leisewitz die Universität für

immer, Mitte September erschien der "Werther." Wenn Leisewitz in der

Zwischenzeit noch in Braunschweig war (und man darf bei ihm wohl nicht

zweifeln, wenn er sich "deutlich" erinnert), so wird das die "notwendige

Reise" gewesen sein, die ihn am 24. September verhinderte, Klopstock in

Göttingen zu sehen 2 ). Er hat also den "Werther" gleich nach dessen Erscheinen

gelesen, ohne einen tiefen Eindruck von ihm zu empfangen, und

damals war der "J ulius von Tarent" fast vollendet. Als er ihn dann zum 3.

Mal mit seiner Frau gelesen hat, schreibt er in sein Tagebuch (6. 2. 1787):

"Mir deucht das Buch hatte nie eine so grosse Wirkung auf mich gethan. Wie

lebendig Alles da steht! wie bis zur Nothwendigkeit natürlich der Weg des

Unglücklichen von den Entzückungen zum Selbstmorde ist." Inzwischen hatte

Leisewitz auch Goethe persönlich kennen gelernt und ein offenbar vorhandenes

Vorurteil allmählich überwunden. So schreibt er vor der Reise in sein

TagebuchS): "Wenn ich in Weimar - oder was unendlich besser wäre -

in Gotha ankommen könnte, so wäre es mir sehr lieb. Ich gienge lieber nach

Gotha als nach Meiningen und lieber nach Meiningen als nach Weimar." Nach

der ersten Bekanntschaft aber heisst es'): "Er gefiel mir doch (!) sehr", nach

der zweiten'): "Zu Goethen, der mir doch (!) ungemein gefiel ..... nur um

den Mund einige unangenehme ZOge." Zu einem näheren Verhältnis kam es

aber offenbar auch jetzt nicht 6 ). - Jedenfalls steht fest, dass sich Leisewitz

1774 während der Arbeit am "Julius von Tarent" von den Stürmern und

Drängern am Rhein ganz fern hielt.

Wohl aber konnte er durch seine Göttinger Freunde auf den dramatischen

Genius hingeführt werden, der von heiden Dichtergruppen schwärmerisch

') s. Tagebuch vom 24. Juni 1779., ") Kutschera a. a. O. S. 16. ") abgedruckt

eh. S. 40. ') abgedruckt eb. S. 42. ö) vgl. Kutschera a. a. O. S. 43.

6*

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M. NIEBOUR

verehrt wurde, auf Shakespeare. Es ist ja oft darauf hingewiesen, wie viel

Shakespearesche Elemente der "Julius von Tarent" enthält. Will man auch

in I, I das Motiv des schlafenden Bedienten 1 ) aus "Miss Sara Sampson" herleiten,

so erinnert doch in derselben Szene der in Liebessehnsucht wandelnde

Julius an Romeo. Wie Julius selbst erzählt: "Die Morgenröthe brach eben

an, als ich so träumte; ich gi eng in den Garten, und träumte noch so süss, als

Sie mich antrafen", so erzählt dort Benvolio von Romeo:

"Dort in dem Schatten des Kastanienhains,

Der von der Stadt gen Westen sich verbreitet,

Sah ich, so früh schon wandelnd, euren Sohn."

In den nun folgenden Guido-Szenen enthält Guidos Bemerkung an Julius:

"Fragt man die Rose, ob sie dem, der Geruch hat, duften will?" wohl eine

matte Reminiscenz an Othel1os berühmtes: "Dufte mir vom Stamm!" - Im

2. Akte sind die Anklänge an Shakespeare gering, weil hier der Einfluss der

Göttinger Lyrik am meisten sich geltend macht. Die Stimmung des Julius

freilich, in der er sich ein Feld für sein Fürstentum und einen rauschenden

Bach für sein jauchzendes Volk wUnscht, könnte ebensogut wie an Hölty­

Rousseausche Naturempfindungen an Shakespeare-Worte anklingen, so in

König Heinrich VI (3. TeilIi, 5) oder in Richard 11 (III, 4)· - Im 3. Akte hat

die Entschlossenheit Guidos etwas von der Percy's in König Heinrich IV

(I. Teil I, 3). Wie Guido (111, 4) sagt: "Ich will Dir eine Erinnerung in die

Seele sezen, die Dir stets Guido zurufen soll, heller Guido rufen soll, als das

Gewissen eines Vatermörders, Mörder!" so sagt Percy:

"Allein ich find' ihn, wo er schlafend liegt,

Und ruf ihm in die Ohren: Mortimer!"

Und wie der Vater (111, 2) auf Guidos heftige Entgegnung sagt: "leh will

zu einer bequemem Zeit davon mit Dir reden - wenn Du mehr dazu aufgeräumt

bist", so bekommt dort Percy die Antwort: "Ich will mit euch

sprechen, wenn ihr zum Hören aufgelegter seid."

Ferner erscheint Blankas Todesphantasie (III, 7): "Ha! wenn nun die freye

Seele zum erstenmal über dem hohen Dome flattert" - als eine schwache

Nachbildung von des sterbenden Talbot trotzigen Worten an der Leiche seines

Sohnes (König Heinrich VI I. Teil IV, 7):

"Doch bald, vereint in ew'gen Banden, frei

Von deiner übermüt'gen Tyrannei,

Entschwingen sich durch Himmelsräume weit

Zwei Talbots, dir zum Trotz, der Sterblichkeit."

Mit dem Herannahen der Katastrophe, wo, wie wir sahen, die lyrischen

I) vgl. S. 6,.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 85

Klänge aufhören, mehren sich die Anklänge an Shakespeare. Die Schilderung

des Erbbegräbnisses (IV, 2) wird ja meist auf Hamlets Betrachtungen auf dem

Kirchhof zurückgeführt, nur dass zu Hamlets bittrer, sarkastischer Stimmung

die Stelle besser passt als zu dem elegischen, friedlich entsagenden Julius.

Auch passen Äusserungen wie: "Faulet nicht Theoderichs Hund so gut, als

Theoderich? - Dieser erstickende Dunst ist wie der Dunst aus der Gruft

eines Bettlers, und kein Schmeichler kan sagen: er duftet lieblich", - gewiss

besser an ein geöffnetes Grab als in eine feierliche Fürstengruft. So

scheint hier die Entlehnung sicher. - Ebenso sicher ist wohl eine Stelle in

der Brudermordszene aus Shakespeare entlehnt. Aspermonte schreit hier dem

toten Julius ins Ohr: "Blanka, Blanka!" und dann schliesst er aus dessen

Schweigen: "Da er das nicht hört, wird er nie wieder hören!" Ähnlich sagt

Warwiek zum toten Clifford (König Heinrich VI, 3. Teil 11, 6): "Man höhnt

dich, Clifford; fluche, wie du pflegtest!" und Richard Gloster setzt hinzu:

"Was? keinen Fluch? Dann steht es schlimm, wenn Clifford

Für seine Freunde keinen Fluch mehr hat.

Nun seh' ich, dass er tot ist."

Freilich zeigt sich hier auch die ganze Überlegenheit Shakespeares. Bei

ihm treiben bittre Feinde ihr Spiel mit dem Toten. Sie stellen sich erst, als

glaubten sie nicht an seinen Tod, um das Gift ihrer Worte über ihn ausgiessen

zu können. Zu dreien reizen sie ihn mit Stachelreden, und dann kommt der

kalte, höhnische Richard zu dem Schlusse: "Nun seh' ich, dass er tot ist!"

Bei Leisewitz aber, im Munde des zärtlichen Aspermonte, wirkt das Motiv

wie ein geradezu unerträgliches Experiment. Wenn es wahr ist, wie Kutscheral)

meint, dass Schiller in den "Räubern" diese Stelle aus Leisewitz nachgeahmt

hat, so hat er hier jedenfalls seine ganze Überlegenheit über diesen gezeigt.

Bei ihm treiben wieder empörte Feinde ihr Spiel mit der Leiche Franz

Moors, und so ist es wohl natürlicher, diese Stelle direkt auf Shakespeare

zurückzufOhren 2 ). - Im 5. Akt erinnnert dann fast jede Szene an Shakespeare,

sodass man in Versuchung kommt, bei jeder kräftigen Stelle eine Entlehnung

zu wittern. Besonders die I. Szene (in der ursprünglichen Fassung),

die Wahnsinnsszene, einzelne leidenschaftliche Äusserungen des FOrsten

lassen sich mit Sicherheit auf Shakespeare zurückführen. - So ist sicher, dass

Leisewitz Shakespeare genau gekannt hat, dass er eine Menge einzelner ZOge

von ihm er borgt hat. Doch scheinen das auch nur versprengte Einzelheiten,

die sich meist als solche erkennen lassen und die anscheinend den Plan des

1) a. a. O. S. 93. ') Jedenfalls war die Szene aus "Heinrich VI" Schiller genau

bekannt, denn sie schwebt ihm noch in der "Jungfrau von Orleans" bei Talbots Tode

deutlich vor.

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86 M. NIEBOUR

Ganzen nicht mehr verändert haben. Von Shakespeareschem Geiste, wie er

die Stücke der rheinischen Stürmer und Dränger durchweht, hat der "Julius

von Tarent" mit seinen ruhig und konsequent philosophierenden Personen,

seiner sorgfältig aufgebauten Handlung, seiner Armutan fortreissenden Effekten,

seinem Mangel an tragischer Stimmung im Grunde recht wenig. - Wann

freilich diese Beeinflussung des Stückes durch Shakespeare stattgefunden hat,

das lässt sich schwerlich fixieren. Gewiss ist der Dichter schon durch Lessing

auf Shakespeare hingewiesen, gewiss hat er einzelne dieser Entlehnungen schon

mit Unzer gemein, wahrscheinlich gehörte er auch in den ersten Göttinger

Jahren dem Bürgersehen Shakespeare-Club 1 ) an. Dennoch scheint die Entlehnung

von kleinen Zügen darauf hinzuweisen, dass er auch bei der Ausarbeitung

der Szenen den Shakespeare immer zur Hand hatte. Es mag das

etwa so gewesen sein wie 5-6 Jahre später, als er an seiner Komödie "Der

Sylvesterabend" arbeitete. Damals las er täglich in Shakespeares Lustspielen,

oft nur eine Szene, mit der ausgesprochenen Absicht, sich daran "gehörig zu

echauffieren", sich "in eine theatralische Laune zu setzen." So las er in der

ersten Hälfte des Jahres 1780 sieben Lustspiele Shakespeares durch (drei hat

er vorweg ausgeschlossen, weil er sie noch zu gut kennt, also wohl kurz zuvor

gelesen hat) und blätterte auch im Hamlet, der ihm offenbar am bekanntesten

ist (noch 12./4. 1787 findet sich im Tagebuch ein langes englisches Citat aus

Hamlet). Die Lustspiele gefallen ihm meist "vortrefflich", "ausserordentlich",

(nur "Love's labours lost" findet er "unausstehlich"), er spricht sogar einmal vom

"Propheten Shakespeare" ; doch klingen all diese Urteile recht kalt und verstandesmässig

(während er gleichzeitig für Cicero, Sternes Tristram Shandy,

Wielands überon warme Worte der Bewunderung hat I), einmal, als er

zwischendurch ein französisches Lustspiel gelesen hat, entschlüpft ihm sogar

die Äusserung, er finde das französische Theater "selbst (!) unnatürlicher als

das englische", und als i. J. 1780 die Arbeit an seiner Komödie zurücktritt,

da verschwindet auch Shakespeare aus seiner Lektüre. - So wirkt die Berührung

mit Shakespeare auch nicht umstürzend in Leisewitz, sie scheint auch

den Grundplan seines ,,Julius" nicht mehr verändert zu haben. Der Dichter

bleibt, was er von Anfang an war: ein Schüler Lessings, und die Analyse des

Stückes hat mannigfache Anhaltspunkte dafür ergeben, dass die Arbeit daran

sich ober mehrere Jahre hingezogen und dass i. J. 1774 nur eine überarbeitende,

ausschmückende Abschrift stattgefunden hat 2 ).

Danach wären die Anfänge des ,,Julius von Tarent" allerdings bedeutend

früher zu setzen, als es sonst geschieht, und wir haben uns daher besonders

1) Bürger nennt sich im Stammbuch schon am 2. März 1771 Leisewiu' "aufrichtigen

und zärtlichen Freund." ') vgl. S. 73.

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88 M. NIEBOUR

ständen. Er war glücklich verlobt und eifrig bemüht, durch literarische Arbeit

sich und seiner Braut eine Existenz zu gründen; er hatte ausserdem viel Zeit

und wurde i. J. 1780 durch die persönliche Bekanntschaft mit Goethe, Herder,

Wieland u. and. poetisch angeregt. Es ist nicht zu glauben, dass derselbe

Mann sechs Jahre früher, als er auch schon unter seinen Freunden als "hypochondrischer"

Grübler bekannt war, in reichlich zwei Monaten ein Trauerspiel

sollte fertig ausgearbeitet haben, ja, schon die überarbeitende Abschrift

geht für Leisewitz sehr schnell von statten, was nur dadurch zu erklären ist,

dass er damals in Göttingen gar nichts mehr zu tun hatte; war er doch schon

Ostern 1774 als akademischer Bürger entlassen.

Auch die einzelnen Stadien bei der Arbeit an der Komödie werfen Licht

auf die Entstehung des "Julius von Tarent". Ungefähr 11/2 Jahr gebrauchte

er, um einen Plan des Ganzen zu machen, wobei er schon eine Reihe einzelner

Szenen ausarbeitete. Dann machte er einen "detaillierten" Plan des

Ganzen, wobei er offenbar genau den Stoff auf alle Szenen verteilte, und

nun griff er nach Zufall und Laune bald hier, bald dort eine Szene heraus,

die er nach dem früheren Entwurf "ins Reine" oder "in Ordnung" brachte 1 ).

- Die Ähnlichkeit mit der Entstehung des "Julius von Tarent" ist in die

Augen springend. Auch hier greift er bei der letzten Ausarbeitung bald hier

bald dort eine Szene heraus, springt ohne Zusammenhang hin und her. Ein

solches Auseinanderpflücken ist nur möglich, wenn ein "detaillierter" Plan

vorhergeht, und dass diesem wieder bei vielen Szenen eine erste Niederschrift

vorangeht, lässt sich auch durch manche Einzelbeobachtung an der

"Schlussredaktion" nachweisen. Von den Szenen tragen 12 kein Datum, bei

einer 13. (ll, I) heisst es unbestimmt "vor dem 24. Julius 1774". Werner

ist geneigt, alle diese Szenen vor den 24. Juli 2 ) zu verweisen, und das er·

scheint nicht nur "nach Papier und Schreibart", sondern auch aus andern

Gründen wahrscheinlich. Gerade diese Szenen nämlich zeigen sehr geringe

1) Kutschera gibt (a. a. o. S. 11 s) die Data der ausgearbeiteten Szenen, doch lässt er

die ersten fort, nämlich: I, 1 am 20., 21., 26., ,0. Juli, IV, 1 u. Anfang von 1, 8 am

1. August, V, 1 am 24- Juli, 11. u. I,. August 1780. ') Werner a. a. O. S. XVI.

Wenn er hier diese Vermutung trotzdem fallen lässt, weil auf der I. Fassung von I, 1 der

24. Julius 1774 angegeben ist, während die 2. Fassung undatiert ist, so erklärt sich das

vielleicht so: Die dem Originalmanuskript angeheftete I. Fassung von I, 1 ist anscheinend

schon eine Abschrift. Sie beginnt sehr hübsch und sauber auf S. 223, der Dichter hat

dann in der Folge noch viel zu verändern gefunden und hat die Szene noch einmal ab·

geschrieben, und diese 2. Szene ist so sauber und korrekt wie keine andere Szene des

ganzen Stücks. Sie scheint also eine 2. Abschrift, die wenn nicht auch am 24. Juli, so

doch in den nächsten Tagen angefertigt wurde. Am 3 o. Juli war sie jedenfalls schon fertig,

denn da schrieb (vgl. Werner S. XIII) Leisewitz den geänderten Anfang von I, 2 auf den

freigebliebenen Teil der Seite 14, die das Ende von I, 1 enthält.

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Spuren vom Einflusse der Göttinger Lyrik, unter dem der Dichter i. J. 1774

(und erst sei t 1774) 1) vorwiegend stand, sie enthalten aber die hauptsächlichsten

Stellen, die auf "Miss Sara Sampson'(2) zurückweisen. Es scheint

also, dass Leisewitz diese Szenen mit geringeren Korrekturen aus der ersten

Bearbeitung herübernahm, während er die anderen ganz abschrieb. Doch wäre

das nicht zwingend ohne manche Einzelheiten, die (besonders in den undatierten

Szenen) auf eine ältere Bearbeitung des Ganzen zurückweisen. Es

tritt nämlich in diesen undatierten Szenen besonders ein übertriebenes Philosophieren

an unrechter Stelle hervor, wie es Leisewitz in den ersten Jahren

des Göttinger Aufenthaltes eigen gewesen zu sein scheint. Sogar der heftige

Guido entwickelt in I, 4 und I, 5 eine ungewöhnliche Menge philosophischer

Kenntnisse. Auch Cäcilia, deren etwas unklare Gestalt fast ausschliesslich in

den undatierten Szenen vorkommt, gebehrdet sich (1II,4 und 6) wie ein weiblicher

Stoiker, sodass der Dichter sich später genötigt sah, ein paar tibertriebene

Stellen zu streichenS), und andererseits sie etwas weiblicher zu machen

durch einen Zusatz, der etwas deutlicher zeigt, dass sie J ulius heimlich liebt').

Eigentümlich ist sodann in diesen Szenen besonders eine Stelle (1,5). Guido

ist durch den Streit mit seinem Bruder und dessen Freund heftig erregt, hat

sich durch seinen Oheim, den Erzbischof, nicht beruhigen lassen und sagt

jetzt zu sich selbst: "Was thuts, dass andere meine Grundsäze hassen -

Gott sei Dank, dass ich welche habe, und dass ich sie behalten kann, wenn

mich auch ein Weib streichelt, und ein Teufel mir dräut." Den "Teufel"

kann man in anbetracht der heftigen Erregung Guidos wohl auf Aspermonte

deuten, der ihn beleidigt, aber die vorhergehenden Worte sind an sich unverständlich.

In dem ganzen Stücke kommt kein "Weib" vor, das Guido gestreichelt

hätte oder ihn streicheln könnte. Die Erklärung ist wohl die, dass

im ersten Entwurf an Stelle des Erzbischofs die Mutter der beiden Prinzen

eingeführt war, und es finden sich zwei versprengte Spuren dieser Gestalt.

I, 6 (Werner S. 29) schildert der alte Fürst dem Erzbischof den träumerischen

Zustand des Julius, und im Originalmanuskript stehen hier die Worte: "Sag

ihm, Julius ich bringe dich um er wird lächeln und antworten Wie Sie befehlen

gnädige Frau." Für diese hier plötzlich auftauchende "gnädige Frau"

gibt es wohl keine andere Erklärung, als dass der Fürst hier ursprünglich zu

seiner Frau sprach, und dass der Dichter diese Stelle in der Zerstreutheit aus

der ersten Bearbeitung abschrieb, um sie dann natürlich sofort zu durch-

I) vgl. S. 74. 2) vgl. S. 66. Der Einfluss Unzers, der sich nach S. 72 auf den ganzen

Plan bezieht, zeigt sich dagegen ebenso in den datierten Szenen, denn an Einzelschönheiten

hat Leisewitz wenig von ihm erborgt, was nicht einer Umarbeitung bedurft hätte. ") Werner

a. a. O. S. 61. ') in V. 4 Werner a. a. O. S. 114 unten.

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M. N1EBOUR

streichen. Dass dem Dichter die Gestalt der alten Fürstin eine Zeitlang vorgeschwebt

habe, beweist noch eine andere Stelle. I, i) spricht der Fürst von

seiner künftigen Schwiegertochter und sagt nach dem Original manuskript

ursprünglich von dieser: "Sie würde mich im Vergangnen an meine Ämilia

und im Zukünftigen an den Umgang himlischer Geister erinnern." Hier

ist also die alte Fürstin als schon gestorben behandelt; doch strich der Dichter

auch diese Stelle, vermutlich weil die Gestalt der Fürstin überall getilgt war,

und nur jene erste Stelle in Guidos Monolog, der anscheinend 1774 nicht

umgearbeitet wurde, blieb aus Versehen stehen. Eine Stütze findet diese Vermutung

inbezug auf die Gestalt der Mutter sodann noch durch Klingers

"Zwillinge." Nach Erich Schmidts allgemein angenommener Vermutung 2 )

hat Miller, als t:.r in der letzten Juliwoche 1774 bei Klinger in Giessen war,

diesem den Plan des "Julius" mitgeteilt und so ihn zum Wetteifer angeregt.

Natürlich konnte MiIler damals, ganz zu Anfang der Neubearbeitung, den

Plan nur in der älteren Form mitteilen, und wirklich haben Klingers "Zwillinge"

genau dieselben Hauptpersonen wie der "Julius": die beiden feindlichen

Brüder, den treuen Freund des einen, die Geliebte beider, den Vater;

nur an der Stelle des Erzbischofs steht bei Klinger die Mutter Amelia, (bei

Leisewitz "Aemilia"). So führen uns mancherlei Einzelheiten auf die Annahme

einer früheren Bearbeitung des ,,Julius von Tarent" hin.

Seit 1771 also erwuchs das Trauerspiel unter Einfluss Lessings, Unzers,

Shakespeares, und 1774 wurde es dann unter dem Einfluss der Göttinger

Lyrik einer Ober- und Umarbeitung unterzogen.

2.

Leisewitz' dichterische Persönlichkeit, nach dem "Julius von

Tarent" und dem handschriftlichen Nachlass.

Wichtiger nun als diese Chronologie des "Julius von Tarent" ist das, was

daraus für die Charakteristik des jungen Dichters folgt, denn nun erscheint

uns seine dichterische Persönlichkeit zur Zeit der Abfassung seines Jugenddramas

ganz ähnlich wie in den aus späteren Jahren vorliegenden Tagebüchern

und Briefen, und auf Grund beider lässt sich ein klares Bild derselben

geben. Wir erkennen in dem Verfasser des "Julius von Tarent" überall den

Mann von Geist; eine gedankenreiche, geistvolle Atmosphäre liegt über dem

Ganzen. Wie er selbst sagtS), hat er bei der Ausgestaltung des Stoffes "die

poetisch-philosophischen Sitten des Mediceischen Hofes" beibehalten, weil

ihm "die Philosophie auf dem Pegasus" gefiel, - und eine Vorliebe für die Philosophie,

besonders die stoische, findet sich ja fast auf allen Seiten des Stückes.

I) Wemer a. a. O. S. ,6. ') Anzeiger für deutsches Altertum IIl, 198 fg. ') vgl.

Kutschera a. a. O. S. 77.

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Nicht nur die Greise, nicht nur Julius und Aspermonte, auch Guido und Cäcilia

zeigen diese Neigung, und dass sie tief in dem Dichter lag, das beweisen

für die Göttinger Zeit ausser Unzers noch mehrere andere Stammbuchverse,

das beweisen für die spätere Zeit seine eifrigst betriebene Lektüre des Cicero

und sein einmal erwähnter l ) Plan eines Dramas "Cato." In diesem philosophischen

Streben kann er sich ja schon beim "Julius" nicht genug tun in

sorgfältiger Zuspitzung seiner Sätze, fast jeder soll einen geistreich aufgebauten

Gedanken, eine geistvolle oder witzige Wendung enthalten, und mag der junge

Dichter diesen Stil auch erst an Lessing und Shakespeare gelernt haben, so

liegt er doch offenbar tief in seiner Natur. So gelingt ihm bezeichnenderweise

der heftige Guido am besten da, wo er des Bruders Leben und Treiben mit

Spott übergiesst (I, 2 u. I, 4). Schon Hölty nannte bekanntlich die Szenen der

Leidenschaft im ,,Julius" zu witzig 2 ), und auch seine Braut findet ihn "manchmal

zu witzig." Seine spätere literarische Beschäftigung aber scheint sich mehr

und mehr zu einem geistvollen, witzigen Geplauder zu gestalten; er veröffentlicht

und plant allerlei satirische AufSätzeS), schreibt an seiner Komödie, und

selbst in seinen Tagebüchern, die im ganzen doch kurz gefasst sind, hat er

immer noch Zeit zur behaglichen Aufzeichnung eines witzigen Einfalls. -

Ein gereinigter Geschmack aber bewahrt ihn schon im ,,Julius von Tarent"

vor Extremen. Nirgend sucht auch der junge Dichter zu starke Effekte in

Handlung und Sprache; überall herrscht Freude an Mass und gediegener

Durchbildung. So ist der Verfasser des "Julius" schon derselbe Mann, wie er

in den Urteilen seiner Braunschweiger Freunde weiterIebt: der geistvolle

Gelehrte, der viel gelesen hat und mannigfache Interessen pflegt, der witzige

Gesellschafter, der Jerusalem, Eschenburg, Ebert dauernd an sich fesselt, mit

dem auch Lessing sich gern unterhält, die vornehme, massvolle Natur, die

sich im Leben nie vordrängt, sondern lieber einsam in geistige Arbeit vertieft,

der feine Spötter, der doch von seinem Winkel aus die Menschen und ihre

Schwächen scharf beobachtet.

Aber solche Verstandesvorzüge können wohl einen geistreichen Gelehrten,

aber keinen Dichter machen, am wenigsten einen tragischen Dichter. Um

uns zu den grossen tragischen Affekten fortzureissen, dazu gehört dramatische

Kraft, gestaltende Phantasie. Den Plan einer Tragödie kann man wohl in

Lessings Schule mit dem Verstande machen, aber bei der Ausgestaltung muss

jene die Hauptsache tun. Hat Leisewitz die dramatische Kraft für seine Zeit

in genügendem Masse besessen, um die tragische Wirkung zu erzielen? Es

scheint der einfachste Weg, sich da erst einmal die Nachrichten anzusehn,

1) Tagebuch, 18. 4. 1780. 2) vgl. Kutschera a. a. O. S. 122. ') vgl. Kutschera

a. a. O. S. 99 fg.

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die wir von der Wirkung der Auffilhrungen des ,,Julius von Tarent" haben.

Unwillkürlich kommt man dabei zu einem Vergleich mit Klingers "Zwillingen",

dem siegreichen Konkurrenzstück zum "Julius von Tarent". Nun hat

man ja oft behauptet 1 ), die "öffentliche Meinung" habe dem Urteil der Hamburger

widersprochen und "das geschichtliche Urteil" habe dieser öffentlichen

Meinung recht gegeben. Gewiss hat der ,,Julius von Tarent" unleugbare

Vorzüge vor dem wildgenialen Stück Klingers, und die literarische Kritik

hat diese eifrig hervorgehoben, aber hier, wo es sich um die Bühnenwirkung

handelt, ergeben doch die genauen Nachrichten allerlei Interessantes. -

Kutschera 2 ) findet sich auffallend kurz mit dieser Frage ab, er sagt nur, die

Aufführungen des "Julius" hätten sich bald "unter grossem Erfolge" über

ganz Deutschland verbreitet, und er zählt dann die ihm bekannten Vorstellungen

auf. Was die Zahl der Aufführungen angeht, so mag ja allerdings dem

"Julius" gegenüber den "Zwillingen" ein etwas grösserer Erfolg zukommen.

In Berlin wurde er schon i. J. 1776 viermal gegeben. Von der Schröderschen

Gesellschaft finden wir elf AufführungenS) verzeichnet, nämlich 3

in Hannover (20./2.,21./2.,7./3.1777),5 in Hamburg (9,/4" 15·/4·,17·/4·,

15./8.,19./9.1777) und I in Altona (27./3. 1778), dann später noch 2: eine

am 29. März 1780 und eine i. J. 1793, beide in Hamburg. In noch sieben

anderen Städten wurde nach Kutschera in den Jahren 1777-85 der "Julius"

aufgeführt: in Gotha (1777 filnfmal), in Bonn (1780 und 81 zweimal),

in Meiningen (1780 von Gliedern der herzog\. Familie), in Mannheim (1784

dreimal)4), in Salzburg (?5), in Strassburg (1782), in Wien (1785); dazu

kommt noch eine Vorstellung in Göttingen i. J. 1777 durch eine "fixierte

Privatgesellschaft" 6). Dann wird noch eine Vorstellung des Stückes am 19.

September 1808 in Braunschweig genannt, eine Aufführung aus rein persönlichen

Gründen, als Gedächtnisfeier für den vor zwei Jahren gestorbenen

Braunschweiger Bürger. Das ist gewiss eine stattliche Anzahl von Aufführungen

für das Erstlingswerk eines jungen Dichters, eine Zahl, welche

Klingers "Zwillinge" nicht ganz erreichen 7 ). Doch lässt das nicht ohne

1) Hettner, Literaturgesch. des 18. Jahrhunderts III 3, I S. 349. ') a. a. O. S. 74.

B) Kutschera nennt i. J. 1777 nur 7, weil er die Wiederholung der I. Aufführung gleich

am 21. 2 übersieht (Anhang zum Hamburger Theater JI S. 391, das er selbst zitiert).

Auch irrt er, wenn er die erste Aufführung in Hamburg auf den 20. Februar 1777 setzt.

Die erste wie die beiden folgenden (20./2., 21./2., 7./3.) waren in Hannover, sodass die

I. Hamburger Aufführung doch auf den 9. 4. fällt, womit Schütze, Hamburgische Theater_

geschichte (S. 457) u. Meyer, Schröder (I S. 295) übereinstimmen. ') so nach Martersteig,

Protokolle des Mannheimer Nationaltheaters. 6) Die in Salzburg scheint die ver·

botene, vgl. Zeitschr. für deutsches Altertum XXII S. 86 Anm. 1. 6) Gothaischer

Theaterkalender auf das Jahr 1778 S. VII. ") Schrödersche Aufführungen werden in

denselben Quellen i. J. 1776 sieben genannt (4 in Hamburg, I in Altona, 2 in Hannover),

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Gutes und Schönes ist darin; nur scheint mir die Sprache zuweilen mehr

poetisch als dem Sujet angemessen und die Charaktere etwas unbestimmt.

Auch steht die Handlung manchmal still; manchmal läuft sie, und sturzt sich

gleichsam über einander. Es bleibt aber doch ein sehr gutes Stück, und mir

ist seit mehreren Jahren kein besseres vorgekommen. Wie man mit der Aufführung

zufrieden seyn kann, mag H. L. selbst sagen." Das ist das Urteil eines

entschiedenen Freundes der ganzen Richtung, der bald darauP) nach dem

Lesen der "Zwillinge" den "Julius" hoch über diese stellt. Der letzte Satz

scheint auf eine mittelmllssige Leistung der Darsteller hinzuweisen. - Der

zweite Zeuge für die Berliner Aufführungen war wohl Kutschera noch nicht

zugänglich, es ist Nicolai, also auch ein Lessingianer, dem der Dichter des

"Julius von Tarent" besonders empfohlen war. Er antwortet auf Lessings

Empfehlung am 29. Juni 17763) lakonisch: "Herr L. hat mir Ihren Brief vom

16. übergeben"; auf Eschenburgs Empfehlung schreibt er am 4. Oktober

17764): "Dank für die Bekanntschaft mit Herrn Leisewitz. Dies ist ein Mann

nach meinem Herzen. Er gefällt mir auch besser als sein Trauerspiel, das

meines Erachtens mehr den scharfsinnigen philosophischen Kopf als den

Trauerspieldichter verrät." So an die Freunde Leisewitzens. An GebIer aber

schreibt er am 12. Oktober 17766): "Der Verfasser Herr Leisewitz, ist ein

Mann von vielem Verstande und Scharfsinn, das merkt man auch im Stücke;

aber auf dem Theater thut es keine Wirkung. - - Er ist diesen Sommer

beynahe 2 Monate in Berlin gewesen (wo er auch'sein Stück aufführen sahe). "

Im ganzen schliesst er sich also hier der Ansicht seines Korrespondenten, des

österreich ischen Staatsrates und Dramendichters GebIer in Wien an, der, ein

ausgesprochener Lessingianer, bald nachher 6 ) seiner Genugtuung über das

Verbot der "Zwillinge" in Wien Ausdruck gibt, der aber unter dem 16. Juli

1776 an Nicolai geschrieben hat: "Julius von Tarent hat einige gute Stellen,

aber das Ganze gefällt mir nicht, und kann auf keinem Theater gefallen."

(GebIer hatte es freilich nicht auf der Bühne gesehen). - So weit die Nachrichten

Uber die ersten Berliner Aufführungen.

Über die Schrödersehen Aufführungen finden sich in den schon oben genannten

Quellen nur kurze Theaternachrichten, die sich meist mit den Leistungen

der Schauspieler. beschäftigen. Über die erste Hamburger Aufführung

schreibt Schütze 5 ): "Am 9. April 1777 kam Julius von Tarent, von Leisewitz,

eins der wenigen deutschen Originaltrauerspiele, das den Ruhm des deutschen

I) Brief vom 2.8. 1776, Lessings Sämtl. Werke, ed. Lachmann XIII S. 562 . 2) Lessing

S. W. XIII S. 557. 8) Deutsche Literaturzeitung 1890 S. 987.


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dramatischen Genius gleich dem eines Lessing bei der Nachwelt sichert, und

dem Klingers Zwillinge den Preis der Vorzüglichkeit bei der Hamburger

Direktion abgerungen hatte, zuerst auf die Bühne. Leider aber ward dies

Meisterstack nicht durchaus gut gegeben. Was Madame Stark als Äbtissin,

Demoiselle Ackermann als Blanka, Brockmann und selbst Lambrecht als

Zwillingsbruder, auch Madame Schröder (Cäcilia) trefflich oder gut machten,

verhunzte der komische Schütz, der in Aspermontes Kleider gesteckt war,

und ein erbärmlicher Bindriem, der als Erzbischof die Kunst prostituierte." -

Schröders Konstantin fand "den Beifall, den sein Talent auch im tragischen

Rollenspiel dem Publikum abzwang." Der erste Satz dieser Kritik ist offenbar

nachgesprochenes literarisches Urteil; die Besprechung der Auffilhrung

aber beweist, dass das Stück auch auf der Hamburger Bühne "keine Wirkung

getan hat", und wir werden dem Berichte kaum glauben, r dass das bei der

brillanten Besetzung aller übrigen Rollen nur an Aspermonte und dem Erzbischof

gelegen haben sollte. - Über dieselbe Vorstellung hat Meyer 1 ) nur

die kurze Bemerkung: "Am 9ten war Julius von Tarent, in welchem Schröder

den Fürsten, am 25sten die Verschwörung wider Venedig, worin er den

Priuli mit gerechtem Beifall spielte. Zu der ersten Rolle hatte er sich lange

vorbereitet, und seinen Gang sorgfältig geübt." Also nichts von einem Erfolge

des Stücks, nichts von einer hervorragenden Leistung Schröders, wie Meyer

sie gern enthusiastisch verzeichnet. Meyer berichtet dann über die Vorstellung

am 19. Sept. 1777, Bock aus Gotha sei als Guido aufgetreten, und "man

liess dem gelibten Schauspieler Gerechtigkeit widerfahren." - Von der Vorstellung

am 29. März 1780 berichtet dann Schütze 2 ): "Scholz debütirt als

Guido mit nicht ganz unverdientem Beifall", und nachdem er die andern Darsteller

nur aufgezählt hat, schliesst er: "Die Vorstellung fällt zur Zufriedenheit

aus." Derselbe berichtet dann noch aus d. J. 1793, Schröders "guter

Geschmack" habe "verschiedene ältere ehemals beliebte Stücke" wiedergebracht,

so Emilia Galotti, so Julius von Tarent, doch seien die Darsteller

"unfähig" gewesen. Die Hamburger Nachrichten verzeichnen also übereinstimmend

eine kühle Aufnahme des Stackes und tadeln mehr oder weniger

die DarstellerS). - Die eingehendste und wohl auch berufenste Kritik haben

') a. a. O. I S. 295. ') a. a. o. S. 491. ") Es ist sehr interessant, damit zu

vergleichen, welche Wirkung im Jahre zuvor Klingers "Zwillinge" in ganz ähnlicher

Besetzung durch die Schröder'sche Gesellschaft getan haben. Da berichtet derselbe

Schütze (a. a. o. S. 444-445) von der "herzerschütternden Wahrheit, womit die

Reinickes, Brockmann, Lambrecht, die Ackermann die drangvollsten Situationen darstellten",

freilich auch von der "schauderhaften Katastrophe", die dem "zartnervichten Theile des

Hamburger Publikums" zu stark war. Nach Meyer scheint freilich Schröder mit seinem

Grimaldi keinen grossen Erfolg gehabt zu haben, er kämpfte eben damals noch gegen das

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M. NIEBOU!I.

wir über die Mannheimer Aufführungen des "Julius von Tarent" i. J.

1784, deren zweien Schiller beiwohnte. Dieser selbst freilich schreibt,

nachdem er zum 2. Male der Aufführung beigewohnt hati): "Julius von

Tarent ist vortrefflich, beinahe besser als das erstemal ausgefallen." So meint

Schiller, der gerade im Jahre zuvor in Bauerbach sich am innigsten mit dem

"Julius" befreundet hatte 2 ). Anders klingen die bühnenkritischen Urteile, so

die bekannte Besprechung des Freiherrn von Dalberg 3 ) selbst, der das

Stück zur Aufführung brachte, weil es ihm beim Lesen gefallen hatte. Er beginnt

mit der unumwundenen Erklärung: "Die Vorstellung des Stückes brachte

im Ganzen die Wirkung nicht hervor, die man sich beim Lesen davon versprechen

konnte." Er hebt dann die Vorzüge des Stückes heraus, schiebt einen

Teil der Schuld am Misslingen den Darstellern zu, welche des Dichters Absicht

hätten "erhöhen" sollen, kommt aber zu dem Resultat, das Stück passe

besser ins Studierzimmer als auf die Bühne. - Ein noch schärferes Urteil

sprach bald darauf in Schillers Gegenwart Iffland aus 4 ), er bekannte, er selbst

sei als Fürst von Tarent kalt geblieben und das Publikum auch. - Von andem

Aufführungen wird uns wenig berichtet S ). Im ganzen stimmen also die

Vorurteil des Publikums, das ihn durchaus nur in komischen Rollen sehen wollte. Als er

dann '780 den Guelfo spielte, erschütterte er (nach Meyer S. 351) in dieser Rolle mehr

als Brockmann, ja, "das ganze Stück machte tieferen Eindruck und hat ihn überall gemacht,

wo Schröder Guelfo war." Auch Schröder selbst berichtet am I. 10. 1780: "Mein Guelfo

hat Brockmann die letzte Stütze entrissen, an die er sich in Hamburg noch lehnte." -

Über die ersten Hamburger Aufführungen urteilt dann noch der "Neue gelehrte Mercurius"

(Altona '776 S. 220), die Zwillinge seien "eins der vorzüglichsten Producte, die jemalen

auf deutschem Boden gewachsen sind", bei der Aufführung vergesse "jeder, der es beurteile

und fühle, alle Critik", daran sei freilich auch die Darstellung des Guelfo durch

Brockmann und des Grimaldi durch Schröder schuld. Ähnlich urteilt Boie, der Freund

Leisewitzens;- (Rieger a. a. O. S. 105) über die Aufführung der Zwillinge in Hannover:

"Ein Stück voll Kraft und, wie mirs scheint, Überkraft. Brockmann spielte so, dass ich

über ihn den Gang des Stückes vergass", und die erschütternde Wirkung dieses "schrecklichen"

Stückes auf ein gärendes Knabengemüt schildert uns Anton Reiser (a. a. O. III

S. '79 u. IV S. '4): "Er vergass den Fürstensohn und alle die Verhältnisse eines Fürstensohns

und fand nur sich in dem unterdrückten Guelfo wieder." - Das alles sind keine

literarischen Urteile, aber sie schildern einstimmig die grosse, wenn auch aufregende Wir.

kung der Aufführung, und sie lob e n ausnahmslos die Darsteller.

') Brief an Dalberg 4. 6. 1784 (Jonas, Schillers Briefe I, 187). ") Brief an Rein·

wald '4. 4. '783. ") Sie steht im Dresdener Schillerbuch S. 268, das auch Kutschera

citiert. ') Martersteig a. a. O. S. 256. 5) Interessant ist auch das Schicksal der beiden

Stücke in Wien. Wlassak's Chronik des k. k. Hof-Burgtheaters" (Wien 1876) gibt zur

Aufführung des "Julius" i. J. '785 nur eine kurze Notiz, während sie berichtet, dass die

"Zwillinge" nicht gefielen, dass aber Kaiser Josef dem Darsteller des Guelfo ein Geschenk

von '00 Dukaten verlieh. Aus der "K. K. Realzeitung·' (Wien 1777) lässt s!ch dann beim

Publikum eine starke Parteinahme für das letztere Stück herauslesen, während es vom

Hofe verboten wird.

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BEITRÄGI!: ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 97

Berichte darin überein, dass die Bühnenwirkung schon damals gering war.

Wer den "Julius" vorher gelesen hat, ist enttäuscht; wer ihn nicht gelesen

hat, bezeugt kühle Achtung. Nirgend aber hat das StUck fortreissend gewirkt,

ja, überall werden die Darsteller getadelt, obgleich das Stück in Hamburg

und Mannheim mit den ersten Kräften besetzt war, und dabei beschäftigt man

sich wiederholt mit der Darstellung des Guido. Von der Wirkung der Hauptperson,

des Julius, ist nirgend die Rede.

Woher kommt ein so geringer Erfolg einer Bühnenaufführung ? Gerade bei

der Parallele mit dem gleichzeitigen grossen Erfolge der "Zwillinge", die sich

überall von selbst ergeben hat, können wir uns der Einsicht nicht verschliessen :

es fehlt dem "Julius" an Theaterblut, dem Dichter an dramatischer Gestaltungskraft.

Das lehrt uns ja auch heute noch ein kritischer Blick in das Stück, wenn

wir bei ihm auch nicht den höchsten Massstab, den uns unsere Klassiker geliefert

haben, anlegen dürfen, wenn wir auch nicht jeden aus der springenden

Arbeitsweise des Dichters entstehenden kleinen Widerspruch hervorsuchen

wollen. Gewiss ist der Plan des Ganzen sorgfältig erwogen und aufgebaut,

aber das ist mehr Sache des Verstandes, als der Phantasie, und wir finden die

Hauptteile dieses Baus auch mehr mit dem Verstande heraus, als dass sie klar

vor unsre Phantasie treten. Die Exposition zunächst lässt im I. Akt alle Hauptpersonen

(ausser Blanka) Uber die Bühne gehen und charakterisiert ihr Verhältnis

zueinander: Julius tritt auf mit seiner Liebe, Guido mit seinem Ehrgeiz,

der Vater bezeichnet diesen Gegensatz noch einmal genau und will dann

Julius' Liebe durch Cäcilia von ihrem Gegenstande abziehen lassen, dann

werde Guido "von selber aufhören." Das ist alles ganz klar ausgedacht und

berechnet, aber es ist nicht in lebendige Handlung umgesetzt.

Wer von den beiden Brüdern, so fragen wir, hat das ältere Recht auf

Blanka? Guido hat ihr "zuerst" vor einer grossen Versammlung seine Liebe

angetragen; liebte sie damals schon Julius? Dann hat Guido kein Recht an

sie. Der Vater zwingt nun Blanka, Nonne zu werden, nach einer Äusserung

Guidos, um des Zwistes der Brüder willen, nach einer Bemerkung des alten

Fürsten, weil sie zu tief unter Julius' Stande war, und weil die Leidenschaft

für sie in ihm jeden Trieb zu dem, was gross und wichtig ist, erstickte. Trotzdem

sie Nonne ist und trqtzdem sie unter seinem Stande ist, nennt Guido sie

noch bei "königlichen Mahlen" und Turnieren seine Geliebte, und als er die

Mauern von Kandia ersteigt, ruft er ihren Namen, und das ganze Heer ruft

ihn nach. Ist das Trotz gegen den Willen des Vaters? Dann hätte dieser

trotzige Guido lieber ihre Einschliessung in ein Kloster hindern sollen. Ist

diese Einschliessung erst nach seiner Abreise geschehen? Dann war es sehr

unvorsichtig von dem Vater, Guido mitten aus seiner Siegeslaufbahn zurück-

Braunschw. Jahrbuch IV. 7

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M. NIEBOUR

zu berufen, sodass er jetzt untätig hören muss, wie seine Freunde berühmt

werden, wie Schlachten ohne ihn geschlagen werden. Warum ist er überhaupt

zurückberufen ? Wir finden keine andere Antwort als die: weil die

Handlung eben jetzt beginnen soll, und da muss er anwesend sein. Das sind

kleine Lücken in der Exposition, die sich aus der springenden Arbeitsweise

des Dichters!), aus dem "Miniaturpinsel"2), mit dem er arbeitete, erklären,

die aber doch störend sind, denn wir können nun weder Julius, noch Guido,

noch dem alten Fürsten ganz recht geben, wir nehmen mit dem Herzen nicht

Partei. - Im zweiten Akte geht nun die Handlung einen grossen Schritt

weiter: in zwei schön aufgebauten Szenen dringt Julius·. in das Kloster, sieht

Blanka und beschliesst ihre Entführung, lässt sich dann freilich von Aspermonte

überreden, noch einen Monat zu warten, und die Handlung steht wieder still.

Auch das geplante Gegenspiel hört auf, ehe es angefangen hat, denn die dazu ausersehene

Hauptperson, Cäcilia, nimmt Partei für die Liebenden, sie entdeckt

ohne ersichtlichen Grund Julius den Plan und macht ihn dadurch unwirksam.

So wirkt die zweite Hälfte des zweiten Aktes sehr matt. - Der dritte Akt

bringt dann den Höhepunkt, der sich freilich aus dem Vorhergehenden absolut

nicht ergibt. Hier ist zum ersten und einzigen Male ein grösseres Bühnenbild

versucht: der Fürst empfängt inmitten seines Hofes die Glückwünsche seines

Volkes, eine liebenswürdige Szene, die aber kaum auf der Bühne tief wirken

kann, denn die ganze Hofgesellschaft ist völlig unbeteiligt und geht nach einer

kurzen Szene ab. Ausführlicher und wirksamer ist die folgende Szene: der

Fürst macht einen Versöhnungsversuch, er redet bei den Söhnen in ernster

eindringlicher Weise zu, erreicht eine dreifache Umarmung, die freilich nur

"mit halbem Herzen" geschieht, und geht dann ab, sie sich selbst überlassend 3 ),

und nun schliesst sich gleich an den Höhepunkt der Umschlag, die Wendung

zum Schlimmen: Guido will nachgeben, aber Julius kann seine Liebe

nicht aufgeben, sagt aber nicht, was er tun will, sondern geht ab, als Guido

heftig wird. So kommt es doch nicht recht zum grossen dramatischen Kampfe

zwischen beiden, sondern sie gehen auseinander, weil sie nicht zusammenkommen

können. Julius aber, der zurückkehrt, nachdem sich Guido in einem

Monolog ausgesprochen hat, beschliesst jetzt die sofortige Entführung, und

die bei den letzten Szenen zeigen uns Blanka unter der Einwirkung dieses

Planes. So spüren wir in der zweiten Hälfte des dritten Aktes einen Fortschritt

der Handlung auf die Katastrophe zu, wenn auch die Szenen etwas

zusammenhangslos nebeneinander stehen. - Klar und zielbewusst führt uns

nun der vierte Akt der Katastrophe entgegen. Die erste Hälfte zeigt uns Ju-

1) vgl. die Korrekturen des Originalmanuscripts in 1,2, wie sie \Verners Ausgabe S. 14

ergibt. 2) Ausdruck Dalbergs, Martersteig a. a. O. S. 243. 8) Die Ähnlichkeit mit

der I. Szene der "Braut von Messina" ist ersichtlich.

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BE 1 TRÄG E ZUR K EN NTN 1 S DES DIe HTE RS LEIS EWITZ 99

lius, wie er entschlossen von der Heimat Abschied nimmt. Kräftige Züge enthält

wohl die Szene im Erbbegräbnis, nur dass wir sie nicht selbst erleben,

sondern nur durch Julius' ausführliche Nacherzählung davon erfahren. Gewiss

dramatisch ist dann die Szene, wo J ulius vom Vater Abschied nimmt; ohne dass

dieser es weiss. Sehr schön hat der Dichter die Hoffnungen des Vaters auf

ein segensreiches Wirken des Sohnes an diese Stelle verlegt, wir ahnen, was

der Sohn dabei leiden muss. Aber freilich, wir ahnen es auch nur, denn gesagt

wird es nicht. Julius macht nicht etwa noch einen Versuch, den Vater

zum Nachgeben zu bringen (wie Verrina vor der Ermordung des Fiesco),

die verschlossene, unfrische Natur dieses Julius zeigt sich in ihrer ganzen

Passivität gerade im Augenblick, wo er energisch aktiv werden soll, und so

wirkt auch diese Szene auf der Bühne jedenfalls matt, fast peinlicht). Der

Fürst freilich tröstet sich schnell: "Gott! - Doch ich will mich zwingen. Ich

habe heut viel gethan, viel gelitten, und, wie ich denke, einen vergnügten

Abend verdient." Also auch hier ein Abbrechen der starken Effekte. Es folgt

dann noch eine behagliche Plauderszene zwischen den bei den Greisen bei

Wein und Jugenderinnerungen, die Freytag an dieser Stelle vielleicht "das

spannende Moment" nennen würde, aber sie wirkt doch - gegenüber dem

Schrecklichen, das sich hinter der Szene vorbereitet - etwas kleinlich. -

Es folgt die Katastrophe des Brudermords, deren Motivierung die Hauptaufgabe

des tragischen Dichters war. Eins ist dabei, um es Kutschera zuzugeben,

durchaus verständlich: Dieser Julius kann nicht anders handeln, er muss die

Geliebte, auf die er nicht verzichten kann, entführen, um ihretwillen auf

Vater und Fürstentum verzichten. Aber Guido, der ehrgeizige, tatkräftige

Bruder, wird der uns als Brudermörder verständlich? Wohl ist er stets anders

gewesen als Julius, wohl ist er entschlossen, Blanka nicht in Julius'

Händen zu lassen, wohl ist er einmal mit der Waffe schnell bei der Hand;

aber es bleibt doch bei dem, was Otto Ludwig 2 ) sagt: "In den Zwillingen

glaubt man schon in der ersten Szene mehr an den tragischen Ausgang als

hier eine Zeile vor diesem selbst." Freilich wird an einer Stelle (IIl, 5) Guido

ein eigener grosser Plan untergeschoben. Julius sagt hier: "Wenn ich Blankan

nicht aus ihrem Kerker reisse, so thut es Guido - er hat es gelobet,

und auf sein Wort kan man bauen." Davon aber hat Guido gar nichts gesagt,

er hat das auch im vierten Akte nicht vor. Er kommt nur, um den Plan

des Bruders zu hindern, als er (auf irgend eine Weise hinter der Szene!) davon

erfährt. Er denkt aber gar nicht daran, den Bruder zu töten, er will nur

1) Man lese zum Vergleich die entsprechende Szene in Klingers "Zwillingen" (1II, 2),

wo Guelfo von seiner Mutter Abschied nimmt. ") Otto Ludwig, Shakespeare-Studien

S. 75.

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100 M. NIEBOUR

die Schar auseinandertreiben : "Allein will ich sie zerstieben, und keiner soll

nachher mein Gesicht sehen, ohne zu erröthen, von Julius an bis auf den

Knaben, der die Fackel trägt" 1). An Brudermord denkt er in dem ganzen

Stück nicht, und auch wir werden nicht auf einen solchen geführt. Der

schöne Mondschein mit zärtlich schlagenden Nachtigallen und angenehm

zirpenden Grillen bringt uns wahrlich nicht in die Stimmung dazu. Wohl

mag das zu Julius' Stimmung passen, (obgleich der selbst ein unheimliches

Gefühl dabei behält), aber die furchtbare Tat kommt nun zu plötzlich. Guido

will die Schar aufhalten, Julius reizt ihn dadurch, dass er ihm von Trabanten

die Hellebarden vorhalten lässt (ein Zug, der sehr peinlich, fast feige wirkt !),

und Guido ersticht den Bruder, ehe er weiss, was er tut. Gewiss, möglich ist

das bei Guidos rascher Art, aber notwendig, tragisch notwendig ist es nicht.

Menschlich wird Guido durch diese Art der Ausführung entschuldigt, dramatisch

ist es peinlich. Dieser Guido ist eigentlich zu gut für einen Brudermord.

Wenn er gleich danach ausruft: "So schwer wird mich der Himmel nicht

strafen!" so fühlen wir, der Mann hat ein grosses Unglück gehabt, aber er

hat keine tragische Tat getan, vor der wir erschüttert stehen. - Damit soll

gewiss nicht gesagt sein, dass die Brudermordszene nicht im einzelnen in ihrem

sorgfältigen Bau ihre Schönheiten hat (bis auf das aus Shakespeare entlehnte

störende MotivlI), aber gewaltig fortreissend, wie es dem grossen Gegenstande

entspricht, wirkt sie nicht. - Der fünfte Akt beschliesst nun die Handlung

durch den Tod des Brudermörders, und man wird dem tiefen sittlichen Ernst,

der in ihm liegt, nie die Achtung versagen, wenn auch die Ausführung, wie

wir früher sahen S ), etwas durch kleinliche Anlehnung an Emilia Galotti leidet,

auch sonst durch störende Einzelheiten beeinträchtigt wird. üb er aber erschütternd,

wahrhaft tragisch befreiend wirkt, das hängt davon ab, ob der Brudermord

im vierten Akt erschüttert hat, und das mussten wir bestreiten. Wir geraten

da freilich ganz in Widerspruch mit Kutschera, der gerade im Vergleich

mit Klingers "Zwillingen" zu ganz entgegengesetztem Ergebnisse kommt,

und wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen. Wohl nennt er selbst die

Katastrophe "rasch, beinahe unerwartet"'), wohl gibt er zu, dass die Motive

bei Klinger "an sich mächtiger" sind 6 ). Dennoch stellt er Leisewitz hier weit

über Klinger, nur von ersterem gibt er zu, dass er "die tragischen Affekte

in vollem Masse" errege. Lessing fordert nämlich in der angezogenen Stelle 6 ),

"dass wir bei jedem Schritte, den er seine Personen thun lässt, bekennen

müssen, wir würden ihn, in dem nehmlichen Grade der Leidenschaft, bey

der nehmlichen Lage der Sachen, selbst gethan haben." Dieses Mitfühlen nun

1) Es ist, nebenbei bemerkt, heller Mondschein. ') vgl. S. 8S. ") vgl. S. 66 f.

0) Kutschera a. a. O. S. 83. i) ibo S. 87. 6) ibo S. 86.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ 103

gerade für die Mordszene eine grosse Schwierigkeit. Gewiss werden wir hier

Mitleid haben mit dem unglücklichen Jüngling, der kurz vor der Erfüllung

all seiner Wünsche mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen stirbt;

aber zu einem starken Affekt für J u li u s kommt es hier überhaupt nicht,

denn hier ist Guido Hauptperson, also Träger der tragischen Wirkung, weil

er allein der Handelnde ist, und je weniger er vorher hervorgetreten ist, desto

weniger erscheint uns seine Tat innerlich notwendig, desto mehr wird die

tragische Wirkung beeinträchtigt. Die Szene hinterlässt ein tiefes, quälendes

Mitleid mit Guido, und das Gefühl für Julius tritt zurück. Dazu stimmen ja

auch alle Theaternachrichten, die von irgend einer tieferen Wirkung der J ulius­

Rolle nichts wissen. - Nein, hier scheint für Kutschera die Warnung Bayers!)

zu gelten, dass das "sympathischere" Stück nicht immer das bessere sei.

Sympathischer wird dann wohl auch im fünften Akte den meisten Menschen

der Leisewitzsche Guido erscheinen. Merkwürdigerweise aber nimmt

hier Kutschera gegen Leisewitz Partei, er meint, es wäre "ein versöhnenderer

Abschluss" gewesen und hätte "das Nachschleppende des fünften Aktes

vermieden", wenn Guido sich selbst getötet hätte. Aber sollte diese Schwäche

nicht wieder an dem Mangel an Gestaltungskraft, an Grosszügigkeit bei Leisewitz

liegen? Was er will, ist doch klar: Guido, der Rasche, Energische, sühnt

seine Tat durch sich selbst bezwingende, passive Unterwerfung unter das

Gesetz; so bekennt er stark und klar sein Verbrechen, beugt sich, ohne Bitte

um Gnade, vor dem väterlichen Richter, sucht die göttliche Vergebung und

stirbt in der Hoffnung auf Versöhnung und Wiedersehen mit dem Bruder.

Wenn es Leisewitz gelungen wäre, das klar und gross auszugestalten, so

wäre das gewiss ein sympathisches Ende voll tiefen sittlichen Ernstes, ein

Ende, von dem Klinger nur wenig abweicht, indem er den Vater - dessen

heftigem Charakter entsprechend - mehr als Rächer des gemordeten Sohnes

auffasst und den Sohn - dessen Charakter entsprechend 2 ) - sich schweigend

verhüllen lässt. - Aber freilich, Leisewitz hat diese einfachen Linien

nicht festgehalten, und Kutschera hat im Grunde nicht unrecht, wenn er -

drei Motive durcheinander werfend - sagt, Guido sterbe "unter der Motivirung,

dass der Vater, sein richterliches Amt ausübend, den Ermordeten räche

und den Brudermörder der Schande entziehe." Neben der Ausübung des

richterlichen Amtes spielen in der Tat die beiden andern Motive mit hinein,

I) Bayer, Von Gottsched bis Schiller. Prag 1869 II S. 136. 2) Klinger lässt in der

Bearbeitung von 1794 u. 1815 seinen Guelfo durch die Liebe der Mutter zum reuigen

Bekenntnis bringen. Dramatisch notwendig erscheint dieser sittlich klarere Schluss wohl

kaum; das schweigende Sich verhüllen des stolzen Guelfo ist auf der Bühne Bekenntnis

genug.

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sodass auch hier wieder die grossen Züge durch kleine, gebrochene Linien

und Widersprüche gestört werden. - So kommen wir denn am Ende, wie

am Anfange und im ganzen Verlaufe des Stückes, nicht zu einer rechten herzlichen

Anteilnahme, weder für Julius, denn er ist für ein Drama zu passiv,

noch für Guido, denn er tritt zu sehr zurück und wird uns nicht klar genug,

noch für den alten Fürsten, denn er erhebt sich infolge von allerlei WidersprOchen

l ) nicht zur vollen Würde des Richters. So ergibt denn die Analyse

des Stückes dasselbe, was uns schon seine Bühnengeschichte lehrte: fortreissend

wirkt in dem Stück keine Person, weil der Dichter das, was er klar

und verständig gedacht hat, nicht gross und überzeugend auszugestalten vermocht

hat, weil seine Personen - so sorgfältig er sie von einander unterscheidet

- doch nur die "Anschaulichkeit'(2) von Silhouetten haben, die sich

wohl von ihrer Umgebung abheben, aber des inneren Lebens entbehren.

Wenn wir bei dieser Analyse im Anschluss an Kutschera den ,,Julius von

Tarent" wiederholt mit Klingers "Zwillingen" verglichen, so ist dieser Vergleich

gewiss nicht unbillig, da die Geschichte die beiden Stücke der Zeitund

Altersgenossen dicht nebeneinander gerückt hat; aber auch ohne diesen

Vergleich mit dem Klingerschen Stücke, das - trotz sehr beträchtlicher

Schwachen - doch wohl dem "Julius von Tarent" dramatisch überlegen ist,

bleibt das Urteil bestehen, dass Leisewitz in seinem ersten und einzigen

grossen Werke die dramatische Gestaltungskraft fehlt, dass sein Werk mehr

durch verstandesgemässe Konstruktion, durch viele kleine Striche und zahl·

reiche Entlehnungen geschaffen ist.

Leisewitz selbst muss denn auch bald diesen Mangel bei sich empfunden

haben, denn er hat nie wieder eine Tragödie versucht. Wohl aber hat er sich

noch lange mit seiner Komödie beschaftigt3), und in der Tat mochte seiner

Neigung zu Witz, seinem geistreich ausgefeilten Stile das feine Lustspiel

naher liegen; aber man möchte fast glauben, dass ihm auch dabei vor lauter

kleinen Zügen und Einfällen das grosse lneinsschauen der Personen gefehlt

habe. Charakteristisch ist es jedenfalls, wie er in seinem Tagebuch die ausgearbeiteten

Szenen bezeichnet. Er erwähnt "Ginettis Monolog über den

Selbstmord", "Ginetti und Graffio über die Menschenkenntnis", "wie Ginetti

die Medaille erfindet", "Graffios Ciceronische Rede", einen "hypochondrischen

Auftritt" - immer also ist es der Gedankeninhalt der Szenen, der

I) Am störendsten ist sein eigenes Schuldbewusstsein. "Guidon straf ich? - und wer

liess Blanka ins Kloster bringen?" (V, 7, ähnlich V, S u. V, f). Er fühlt sich also schuldig,

wie darf er richten? - Hier wird wohl kaum jemand Hennebergers Motivierung (Hennebergers

Jahrbuch I S. f 3 f) gelten lassen, es sei "eine Art Trost", einem "noch Schuldigeren"

als Richter gegenüber zu stehen. ') Kutschera spricht S. 87 von "treffender

Anschaulichkeit" bei der Charakteristik. 8) vgl. S. 87.

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ihn beschäftigt, Personen und Ereignisse treten zurück. So wird sein eigentlich

dramatisches Interesse immer geringer. Wie mühsam seine Produktion

an der Komödie ist, das geht aus den Tagebuchnotizen deutlich hervor, von

denen Kutschera S. 112 manches abdruckt. Wohl ist auch ein grosser Dichter

manchmal seines Werkes "herzlich satt l )" und möchte es "dem Teufel überlassen,

wenn er es haben will 2 )." Wohl wird er auch einmal entmutigt, wenn

er seine "Einfälle" bei andern findet S ), wohl kommandiert auch er einmal die

Poesie, wenn die Stimmung nicht da ist, wie Leisewitz 4 ): "Ich wollte das

Ding damit forcieren, dass ich ein Blatt Papier vor mich legte und etwas

darauf kritzelte was nicht gehauen und nicht gestochen war, ich fand aber

mein Gehirn so trocken als eine weggeworfene Citrone", oder ein andermaI

6 ): "Als ich mit Gewalt an meiner Comödie schreiben wollte, schrieb ich

albernes Zeug." - Aber dazwischen müssen denn doch wieder Zeiten fröhlicher

Produktivität kommen, und die lassen sich auch in den Tagebüchern

belauschen, wenn sie auch infolge seiner Kränklichkeit immer seltener werden.

Meist wird er zum Dichten angeregt durch Lektüre, die ihn "echauffiert",

so Thomson's "Seasons", "Le philosophe marie" und besonders die Lustspiele

Shakespeares ; auch ein" Versuch über Shakespeares Genie 6 )" bringt

ihn in theatralische Laune", oder Eschenburgs Beifall spornt ihn an 7 ).

Manchmal gerät er dabei so in Eifer, dass er "Einfall über Einfall'(8) hat, dass

er einmal (das einzige Mal!) sogar zwei Szenen an einem Tage schreibt, und

er hätte noch Stoff zu einer dritten gehabt, wenn er nicht abgebrochen

hätte, "um auf das Milnzkabinet zu gehen"9). Oft genug aber verlaufen solche

Stimmungen auch ganz ergebnislos. Er gerät in ein "witziges Delirium"lO),

ist dabei so voll von seiner Komödie, dass er zu allem andern unfähig wird,

dennoch schreibt er erst an seine Braut (der Brief ist leider nicht erhalten),

und als er dann auf seine Komödie denkt, "da wollte nichts heraus kommen".

Ein anderes Mall!) fühlt er sich kurz vor Tische zum Komödienschreiben

aufgelegt, kann aber wegen der Kürze der Zeit "keinen Gebrauch davon

machen". Das bezeichnendste Beispiel für solche Stimmungen druckt Kutschera

(S. I 14 unten) ab, allerdings ohne die zugehörigen Bemerkungen vom

I J. Juli. An diesem Tage kann er sich mit vieler Gewalt nicht von dem Gedanken

an seine Komödie losmachen, er empfindet das wie eine Krankheit

und ist so erregt, dass er nicht schlafen kann; aber - gearbeitet hat er offenbar

an diesem Tage an der Komödie nichts. Am nächsten Morgen ist er sehr

"aufgelegt" zum Schreiben, das Lesen eines Briefes "echauffirt" ihn noch

1) Tagebuch 1 I. 1 2. 1779. 2) ibo 1 I. 3. 1780. 8) Kutschera a. a. O. S. 112.

') Tagebuch 1 I. 3. 1780. b) ibo 22. 4. 1780. 6) ib 26. 6. 1780. r; ibo 21. I. 1780.

6) ibo 8. 7. 1780. ") ibo I. 9. 1780. '0) ibo I. 12. 1779. ") ibo 6. 3. 1780.

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mehr, dann aber liest er "ein starkes Pensum" im Cicero, träumt viel dazwischen,

gerät in seine Geschichte des 30jährigen Krieges und muss endlich

erst im Shakespeare lesen, um sich "wieder in theatralische Laune zu setzen".

Wir glauben es ihm gern, dass dabei seine Komödie "ein steifes Aussehen"1)

bekam, dabei konnten nur die gebrochenen Linien und zahlreiche Widersprüche

herauskommen, wie wir sie schon im ,,Julius von Tarent" beobachteten.

Mehr und mehr führen dann solche Stimmungen überhaupt nicht mehr

zum Schaffen, so schreibt er einmaI 2 ): "Meine Seele war in einer so süssen

Ruhe dass ich lange nicht zum Arbeiten kommen konnte. - Es war als

wenn ich durch Beschäftigung etwas daran verderben würde, und ich fühlte

dass ich in dem goldenen Zustande war, worin erheiternde Ideen von selber

hervorkommen, ohne dass man zu düngen und zu säen braucht." Das ist gewiss

ein poetischer Zustand des Träumens, aber er ist nicht produktiv. Und

in der Tat, nachdem er sich aus der Untätigkeit aufgerafft hat, liest er im

Swift, dann im Hamlet, und dann erst schreibt er an seiner Komödie. So

wird er mehr und mehr rezeptiv in einer mannigfachen, aber zersplitternden

Lektüre, und das Schaffen fürs Theater hört ganz auf. Noch am 4. 2. 1787

freilich hofft er, Döbbelin seine Komödie für 200 Taler anbieten zu können,

und fährt fort: "Freylich hat mich das Bedürfniss der zweihundert Thaler

auf diese Idee gebracht, allein wenn das auch nicht wäre, so glaube ich doch

ein Bedürfniss zu fühlen, für das Theater zu schreiben, ich erwarte mit Ungeduld

die Zeit, in der ich mich mit Musse an den Ideen weiden kann,

die in wollüstiger Dunkelheit vor mir liegen. Ich will eine Menge Pläne

zu Stücken machen bald an diesem, bald an jenem arbeiten, immer

Blätter, Knospen, Blüten und Früchte zugleich sehen." Wir glauben

es ohne weiteres, dass bei einer so zerstückelten Arbeitsweise nicht viel herauskommen

wird, und in der Tat ist er schon zehn Tage später ängstlich, ob

nicht Döbbelin etwas fordere, was er "nicht leisten mag". In der Tat hat der

Verfasser des "Julius von Tarent" ja eigentlich niemals eine Vorliebe fürs

Theater gehabt. Schon Freund Thaer 3 ) bewundert ihn, dass er so gut fürs

Theater schreiben könne, obgleich er "nicht viel Komödie" gesehen habe.

Auch Nicolai 4 ) konstatiert schon 1776: "Herr L. scheint auch eben zum

Theater keine Neigung zu haben", und er selbst bekennt seiner Braut i. J.

17806), dass er hauptsächlich darum nicht in Meiningen bleiben möchte, weil

der Herzog immer vom Theater spreche, und gegen Ende dieser Reise kommt

ihm die StimmungS), dass "eine Comödie nicht das erste Werk in der Weit

1) ibo J. 6. 1780 (Kutschera a. a. O. S. 1 14). ') ibo 4. 6. 1780. S) Kutschera

a. a. O. S. Ijo. 4) Aus dem Josephinischen Wien a. a. O. S. 8). :.) Brief vom

22. 9. 1780. Werner a. a. O. S. LVI. 6) Tagebuch ,. 9. 1780.

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am "Julius von Tarent" anzog, das beweist sein bekannter Brief an Reinwald ' )

ja ganz genau. Er sagt dort, man werde einst ihn und Leisewitz an Karlos

und Julius "abmessen", "nicht nach der Grösse des Pinsels, - sondern nach

dem Feuer der Farben - nicht nach der Stärke auf dem Instrument - sondern

nach dem Ton, in welchem wir spielen." Die Grösse des Pinsels, die

Kraft der Darstellung schreibt er sich also in höherem Grade zu; aber in der

Wärme des Gefühls fühlt er sich Leisewitz verwandt, und später heisst es

deutlicher, Leisewitz habe ihn tief gerührt, weil er der Freu nd seiner Helden

sei; denn, meint er, "in der Dichtung wie in der Freundschaft führen wir

uns durch neue Lagen und Bahnen, wir brechen uns auf anderen Flächen,

wir sehen uns unter anderen Farben, wir leiden für uns unter andern Leibern."

Also das Schwärmerisch-Subjective, die weiche Gefühlssphäre, womit

Leisewitz seinen Julius umgab, war es, was Schiller anzog. Das Mitfühlen

mit seinen Personen schien ihm damals, als er mit Julius und Karlos "durch

die Gegend um Bauerbach herumschwärmte", die Hauptaufgabe des Dichters,

jede Dichtung war ihm "eine enthusiastische Freundschaft oder eine platonische

Liebe zu einem Geschöpf unsers Kopfes 2 )." Dasselbe ist es ja auch, was

die Göttinger Freunde für das Stück gewann, was das Stück trotz seiner dramatischen

Schwächen noch für uns liebenswürdig macht, und dasselbe ist es

auch, was den Verfasser, den edlen, feinfuhligen Menschen, uns 50 anziehend

erscheinen lässt, was ihm zeitlebens die Liebe seiner Freunde und Mitbürger

gesichert hat. Wenn er sich den sanften Julius zum Helden seines Dramas

wählt, so mag das fUr ein Brudermorddrama ein Fehler sein, fUr ihn selber

ist es höchst charakteristisch. Er ist es ja selbst, dieser träumerisch veranlagte,

tief gefühlvolle Mensch, der trotz aller Vernunftgründe nicht von einer innigen

Liebe ablassen kann. Das hat er bald nach der Abfassung des "Julius" bewiesen.

Nachdem er der fünfzehn jährigen Geliebten seine Liebe gestanden

hat, hält er innig an ihr fest durch einen jahrelangen, wenig aussichtsvollen

Brautstand hindurch und vereinigt sich endlich mit ihr in den beschränktesten

Verhältnissen zu einer der glucklichsten Ehen. Kutschera druckt (S. 27-32)

die schönsten Stellen aus den Briefen an die Braut ab, und Werner (S. 52

-53) stellt neben solche Stellen Gefuhlsäusserungen aus dem "Julius 3 )." So

wird uns klar, dass die innige Gefühlssphäre, dass besonders die zarte Liebe

zwischen Julius und Blanka tief aus des Dichters eigener Natur geflossen ist.

1) Brief vom '4. 4. 1783, abgedruckt bei Kutschera S. 96 Ig. 2) Es ist bekannt,

wie anders der reife Schiller über die Objectivität des Dichters dachte, vgl. Brief an Kör·

ner vom 28. I I. '796. lf) Auf eine Beeinflussung seiner Komödie durch den Briefwechsel

mit seiner Braut lässt sich an ein erStelle sicher nachweisen, s. Brief 29· 4. '789

u. Tagebuch 4. 6. '780.

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110 M. NIEBOUR

Hochzeit geglaubt hätte, dass mir ein Weib seyn könne. - - Ich habe zu

verschiedenen Mahlen noch etwas über diese Sache hinzu setzen wollen; es

ist aber darauf hinausgelaufen, dass ich hinging und meine Frau küsste. Es

wird immer so gehen, ich will also nur abbrechen." Und wie schön erscheint

noch im Jahre 1787 dieses Verhältnis, als er beschliesst, seine Komödie für

Döbbelin zu vollenden und überlegt: "Ich weiss noch nicht ob ich Sophie

überraschen oder sie mitarbeiten lassen soll. Was wäre wohl die grösste

Freude für sie?" Diese und andere schon gedruckte Stellen lassen uns einen

heimlichen Blick in dieses einzig schöne Verhältnis tun. Gewiss, er konnte

stolz auf diese tiefe, verschwiegene Liebe und Treue fürs Leben sein; aber die

Liebe eines D ich t e r s ist das wohl eigentlich nicht, der ringt nach Ausdruck, der

muss "sagen, was er leidet" und was ihn freut. Und bezeichnend ist es, dass

der Dichter des "Julius von Tarent", der sein Drama mit so viel lyrischen

Blümchen überstreut, der grossen Lyrik seiner Zeit sehr fern gestanden hat.

Was ihm und seiner Braut und Frau in diesem Genre am besten gefällt, sind

- Göckingks "Lieder zweier Liebenden", und bezeichnend begründet er

dieses Gefallen damit, dass 1 ) "die beyden Liebenden in einem so beständigen

und noch dazu so edlen Charakter erscheinen", und es folgt eine scharfe

Kritik der gewöhnlichen Liebeslieder. - So ist er wohl tief empfindend,

aber stets massvoll und zurückhaltend, nie überströmend.

Auch andern Menschen gegenüber zeigt er dieses feine Zart- und Taktgefühl.

Wie Julius den Gedanken weit von sich weist, auf den Tod seines Vaters

zu rechnen (111, 5 "Ich kann die Idee nicht ausstehn, mein Glück von dem

Tode meines Vaters zu erwarten"), so bleibt auch der Verfasser im Verhältnis

zu andern immer gerade und edel, ist fast ängstlich besorgt um die Reinheit

seiner Motive. So schreibt er einmal!): "Ich legte eine Fürbitte für den Juden

Meyer ein, der Schutz für seinen Bruder sucht, that es aber ungern, weil ich

Geld von ihm haben will. Es kam mir nicht so ganz rein vor." Ein andermal

sagt er nach einem vorsichtig chiffrierten scharfen UrteilS): "Ich werde dass

nirgends anders als in meinem Tagebuch sagen, denn ich verdanke dem Manne

meine Bedienung." Als er dann, um fUr sich und seine Braut eine Existenz

zu begründen, nach einer Anstellung sucht, wie ängstlich vorsichtig ist er da

bei seinen Bemühungen (z. B. in Gotha), wie nobel bei vereitelten Hoffnungen.

Einen schönen Einblick in seine Gesinnung geben uns z. B. seine Tagebuchnotizen,

als er sich vergeblich um Lessings Stelle beworben hatte. Sie

sind bei O. v. Heinemann 4 ) abgedruckt. Ganz ähnlich schreibt er gleichzeitig

1) Tagebuch 26. 2. 1787. 2) Tagebuch 16. 2. 1780. 3) ibo 29. 12. 1780.

') O. V. Heinemann, Zur Erinnerung an G. E. Lessing. Briefe und Aktenstücke. Leipzig

1870' 6) Brief vom 3. j. 1781.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ III

an seine Braut 5 ) von dem Misserfolge und fügt hinzu: "Ich hatte viele Hoffnungen

und ich bin eitel genug zu wünschen dass du mir hättest in das Herz

sehen können wie ich diese Nachricht bekam, meine Gesinnung machte mir

so viel Ehre, dass Seneca mit hätte in den Guckkasten sehen können." -

Wer so gesinnt ist, der macht keine glänzende Karriere, aber er gewinnt

sich durch seine Persönlichkeit langsam und sicher die Achtung der Menschen,

und so wurde seine Stellung in Braunschweig eine immer gesichertere, sein

Wirkungskreis ein immer weiterer und tieferer. Nicht auf ein Ausleben seiner

Ideen, sondern auf Fürsorge für andere richtet sich mehr und mehr sein

Streben, und so wurde aus dem Dramendichter der Armenpfleger.

Aber das Bild wäre nicht vollständig, wenn wir eine Seite seiner Persönlichkeit

verschwiegen. Diese zarte, tief empfindende Seele lebte in einem

ebenso zarten, kränklichen Körper, und aus dieser Verbindung entwickelte

sich mehr und mehr jener Zustand der Willenlosigkeit, des Zurückschreckens

vor starken Affekten, der.Empfindlichkeit für Störungen des Innenlebens und

damit des Zurückweichens vor Berührung mit den Menschen überhaupt, den

wir Hypochondrie nennen. Schon früh hat sich die bei ihm angekündigt, schon

in Göttingen ist er unter den Freunden als "verschlossener Hypochonder"

bekannt, und die Spuren davon finden sich schon im ,,Julius von Tarent."

Eigentümlich - und durchaus undramatisch - zeigte sich ja z. B. wiederholt

ein Ausweichen vor starken Erschütterungen, eine Zufluchtnahme zur

Zerstreuung, wo:der echte Dramatiker seine Helden durch innere und äussere

Kämpfe hindurchführen würde. So weicht Julius jedem starken Kampfe mit

Vater und Bruder aus, Aspermonte empfiehlt ihm als Mittel gegen seine Liebe,

sich zu zerstreuen, die Äbtissin fuhrt Blanka zur Zerstreuung in den Garten,

und der alte FOrst, von dem sich eben sein Sohn unter den verdächtigsten

Anzeichen losgerissen hat, bricht ab mit einem kurzen: "Doch ich will mich

zwingen!" und wendet sich zur Zerstreuung bei einem Glase Wein. - So

lebt auch der Dichter in den ersten Braunschweiger Jahren, wo er mancherlei

Sorgen hat, in einer zerstreuenden, wirren Geselligkeit, und charakteristisch

tritt diese Zufluchtnahme zur Zerstreuung bei Gelegenheit von Lessings Tode

hervor. Aus den Aufzeichnungen bei der Todesnachricht 1 ) fohlen wir deutlich,

wie tief ihn die Sache ergriffen hat, er geht "in der grössten Bewegung" im

Zimmer umher und kann nicht essen und trinken. Am 20. Februar geht er

dann zu Lessings Begräbnis, am Abend aber 2 ) in eine Gesellschaft, wo zwei

französische Lustspiele aufgeführt werden, und sieht nachher dem Tanze zu

und lässt sich mit Behagen selbst von den Damen zum Tanze nötigen. Das

ist ganz gewiss nicht Unempfindlichkeit, sondern der Versuch, sich zu zer-

1) O. v. Heinemann a. a. O. S.141. 1) Tagebuch 20. 2. 1781.

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BEITRÄGE ZUR KENNTNIS DES DICHTERS LEISEWITZ I 13

Pferden 6 ) und wird immer ängstlicher in Gesellschaft. Besonders aber fürchtet

er sich vor literarischem Auftreten, er will durchaus anonym bleiben, ahnt

bei Meinungsäusserungen gleich Verdriesslichkeiten, ja, es klingt noch im

Jahre 1787 eine gewisse Empfindlichkeit über das Urteil der Hamburger

Preisrichter hindurch, wenn er beschliesst, sich mit seiner Komödie um einen

andern Preis zu bewerben, aber hinzufügtl) : "Wenn nur mein Genie gegen

den Unstern aufkommen kann, der mich um den Hamburger Preis brachte."

Aus solcher Empfindlichkeit über das Hamburger Urteil hat man ja früher

sein Verstummen nach dem "Julius von Tarent" erklären wollen, aber aus

allem Vorhergegangenen ist klar, dass seine Unproduktivität in seinem Temperament

und seiner Konstitution lag. So zieht er sich mehr und mehr von

der Weit zurück, lebt fast als Einsiedler mit der geliebten, ihm nur zu ähnlichen

Frau, verliert dabei mehr und mehr die Fühlung mit der Welt und

beschäftigt sich mit ängstlicher Beobachtung der eigenen körperlichen und

geistigen Zustände, wovon seine Tagebücher oft ein trauriges Zeugnis geben.

Solche Tagebücher, die in sorgfältiger Analyse der eigenen Seelenstimmung

ihre Aufgabe sehen, sind freilich ein Zeichen der Zeit, ein Ausfluss der

Wertherstimmung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; und es ist ja

bezeichnend, dass Leisewitz im Laufe seines Lebens den Werther immer

lieber gewann 2 ). Stark empfindende, aber gesunde Naturen wie Goethe

kämpfen solche Stimmung einmal tief durch und schütteln sie dann ab, leidenschaftliche,

haltlose Naturen wie Werther gehen in der Jugend daran zu

Grunde, edle, aber zartbesaitete, grüblerische Naturen wie Leisewitz spinnen

sich immer tiefer hinein, je älter sie werden. So ist der Verfasser des "Julius

von Tarent" auch kulturgeschichtlich interessant als einer der letzten Vertreter

der Werther-Stimmung in einer Zeit, an deren Tore schon ganz andre

grosse weltgeschichtliche Ereignisse pochten.

Von diesen hat er nichts mehr gewusst in seiner Weltflucht. Wohl aber

hat sein edles Herz, seine opferwillige Liebe sich bis zuletzt den Armen und

Hülfsbedürftigen gewidmet, und so gebührt dem Menschen ganz gewiss, was

wir auch dem Dichter, der einen Schiller zu begeistern vermochte, für seine

Zeit nicht versagen dürfen: aufrichtige Achtung.

I) Tagebuch 14. 2. 1787. ") vgl. S. 83.

Braunschw. Jahrbuch IV.

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8


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J. A. LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER

GOTTINGER STUDIENZEIT.

Von Paul Zimmermann.

Unter den Stammbüchern, die kürzlich dem herzoglichen Landeshauptarchive

zu Wolfenbüttel von Herrn August Vasel in Beierstedt geschenkt

worden sind, verdient sowohl wegen der Bedeutung des ursprünglichen Besitzers

als auch wegen der Fülle der interessanten Eintragungen, die es enthält,

das des Dichters Johann Anton Leisewitz in erster Reihe genannt zu

werden. Sein Inhalt stammt fast durchweg aus Leisewitz' Göttinger Studentenzeit,

die im Oktober des Jahres 1770 begann; denn am 16. Oktober 1770

wurde er als Studiosus iuris in die Matrikel der Georgia Augusta inscribiert.

Nur sechs Einträge rühren aus einer früheren Zeit (1769) in Hannover her

und nur ein einziger aus einer späteren (1776), die Leisewitz ebenfalls in

Hannover verlebte. Nicht weniger als 146 Personen haben sich demnach in

Göttingen selbst in das Stammbuch eingetragen.

Leider ist das Bändchen nicht ganz unversehrt auf uns gekommen. Sechs

Blätter sind mindestens herausgerissen, so dass die Seiten 23, 24, 27, 28, 49,

5°,63,64,95,96,153 und 154 jetzt fehlen. Doch scheint die literarische

Einbusse, die wir dadurch erleiden, nicht gross zu sein; nach dem Namenregister,

das Leisewitz mit eigener Hand am Schlusse des Stammbuches

(S. 174-85) anlegte, fehlt nur eine beschriebene Seite (S. 23 Borchmann).

Allerdings ist dieses Verzeichnis keineswegs vollständig, so dass immerhin die

Möglichkeit bleibt, dass uns auch noch andere Eintragungen jetzt fehlen. Das

Format des Buches ist das gewöhnliche der Stammbücher der Zeit, queroktav;

es ist mit Goldschnitt versehen und in rotes Leder gebunden, das auf dem

Rücken wie auf beiden Einbanddecken eine zierliche Goldpressung trägt. Das

erste Blatt zeigt in herkömmlicher Weise die Widmung des Besitzers an seine

Freunde:

Amicitiae sacrum

D. D. D.

J. A. Leisewitz Hann.

Auf sechs sonst leeren Seiten ist von Leisewitz Hand ein "B" geschrieben;

vermutlich sollten diese zu besonderer Verwendung, die dann später nicht

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116 PAUL ZIMMERMANN

Drittel der Studenten, die sich in sein Stammbuch einschrieben, gehörte dem

Landadel oder dem städtischen Patriciate an. Dem entspricht, dass hier 1°4

Juristen 22 Theologen, 9 Medizinern und 7 Mathematikern, zu denen insbesondere

die in Göttingen weilenden Offiziere gerechnet wurden, gegenüber

stehen. In Hinsicht auf die Heimat setzte sich der Verkehrskreis Leisewitzens

hauptsächlich aus seinen engeren Landsleuten, den Hannoveranern, zusammen,

deren wir mit Einschluss der Osnabrücker 68 hier finden. Auffallend gross,

ein volles Dutzend, ist die Zahl der Deutschrussen, adeliger und bürgerlicher.

Sonst finden sich an Ausländern nur noch zwei Niederländer und ein Däne.

Der Rest verteilt sich auf die übrigen deutschen Lande: 10 Hessen, 7 Braunschweiger,

6 aus Frankfurt und der Wetterau, je 5 Bremer und Mecklenburger

(mit Wismar), je 4 Lübecker, Schleswig-Holsteiner und Franken, 3 aus

Ulm usw. usw.

Ferner scheint mir das Stammbuch einen Beweis dafür zu liefern, dass

Leisewitz nicht nur Jünglinge aus guten Familien, sondern insbesondere auch

tüchtige Menschen bei der Auswahl seines Umgangs bevorzugte. Erst wenn

wir die späteren Lebensschicksale und Leistungen der Einzelnen in Betracht

ziehen, können wir hierüber. eine sichere Auskunft gewinnen. Ich habe daher

in dem nachstehenden Verzeichnisse die künftige Lebensstellung der Leisewitzsehen

Bekannten, wo ich sie ohne Schwierigkeit auffinden konnte, kurz

ang-edeutet. Lassen diese Angaben natürlich auch noch sehr viel zu wünschen

übrig, so hoffe ich doch schon durch sie zu dem Schlusse berechtigt zu sein,

dass ein sehr grosser Teil jener Studenten sich zu tüchtigen Männern entwickelt

hat.

Der besondere Wert aber, den dieses Stammbuch für die deutsche Literaturgeschichte

besitzt, liegt in den Beziehungen Leisewitzens zu den Dichtern

des Hainbundes, die darin zu Tage treten. Er wurde in diesen erst gegen das

Ende seiner Studienzeit am 2. Juli 1774 aufgenommen. Schon weit früher

aber hat er, wie das Stammbuch ausweist, mit Bürger, Hölty und Heinr. Chr.

Boie in Verkehr gestanden; der Erste hat sich schon am 2. März 1771, Hölty

am 21. März 1772 und Boie am 12. Mai d. J. in sein Stammbuch eingetragen.

Gerade einen Monat vor Leisewitz' Eintritt in den Bund, den 2. Juni

1774, schrieben sich fünf andere Mitglieder bei ihm ein: v. CIosen, C. F.

Cramer, Fr. Hahn, G. D. Miller und J. M. MiIler, während die Einzeichnung

von J. H. Voss erst am 2., die Overbecks am 12. September d. J. erfolgte.

Auch die Nachrichten, wie sie jetzt vorliegen, würde mir zu bringen unmöglich

gewesen sein, wenn es mir nicht gestattet gewesen wäre!), die Ma·

') Auch an dieser Stelle sage ich dafür Sr. Magnificenz dem Herrn Prorector Professor

D. Althaus meinen aufrichtigen Dank.

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1. A. LEISEWTIZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 117

trikel der Universität Göttingen, in die sich die Studenten eigenhändig eingetragen

haben, in ausgiebiger Weise zu benutzen. Erst durch sie wurde ich

in den Stand gesetzt, an zahlreichen Stellen Vornamen, Herkunft, Studium

und damit die Persönlichkeit des Einzelnen genau fest zu stellen. So wurde

für weitere Nachforschungen eine sichere Grundlage gewonnen. Das Ergebnis

dieser Untersuchungen sowie den Hauptinhalt des Stammbuches habe ich

nun in eine nach Möglichkeit knappe und übersichtliche Form zu bringen

gesucht. Zu dem Zwecke habe ich die Eintragungen chronologisch geordnet,

an die Spitze das Datum gestellt und dann in getreuem Wortlaute die Unterschrift

des Eintragenden folgen lassen, wobei Ergänzungen in den Vornamen,

die namentlich auf Grund der Matrikel gemacht wurden, als solche durch eckige

Klammern bezeichnet sind. Daran reihen sich mitunter kurze Anführungen aus

den Einträgen, die für die persönliche Stellung des Schreibers zu Leisewitz

charakteristisch sind. Die dann in runden Klammern folgende Zahl bezeichnet

die Seite des Stammbuches. Nur einen verhältnismässig kleinen Teil der Stammbuchblätter

habe ich völlig zum Abdrucke gebracht. Es ist dies geschehen bei

den Mitgliedern des Hainbundes, von denen schon oben die Rede war, und

bei einigen Personen, die an sich und für Leisewitz von grosser Bedeutung

waren, wie sein vertrauter Freund Alb. Thcpr, der Begründer der rationellen

Landwirtschaft, und J. Ch. Unzer, dessen wichtige Beziehungen zu Leisewitz

bereits im vorigen Aufsatze S. 68 ff. gekennzeichnet wurden. Die Verse

Wehners (Nr. 15) sind mitgeteilt, weil sie für eine frühzeitige, dichterische

Tätigkeit von Leisewitz einen Beleg bilden, der Inhalt einiger anderen Blätter,

weil sie den nach Freiheit strebenden Zug der Zeit charakterisieren, über

dessen Einfluss auf Leisewitz S. 80 ff. ebenfalls schon gehandelt ist.

Diesen Mitteilungen aus dem Stammbuche selbst habe ich kurze Nachweise

aus der Universitätsmatrikel folgen lassen, stets den Tag der Inscription, bisweilen

auch, nämlich wo sich Abweichungen und Ergänzungen zu dem Stammbuche

ergaben, die Bemerkungen über Herkunft und Studium, sowie über

die Universität, die der Betreffende etwa schon vor der zu Göttingen besucht

hat. Den Schluss machen kurze Angaben über die spätere Lebensstellung der

Studenten, für welche die Anmerkungen die Beweisstellen enthalten.

Nicht ergänzt habe ich die oft sehr kurzen Andeutungen über das Studienfach

in dem Stammbuche, da diese in gleicher oder ähnlicher Weise sehr

häufig wiederkehren. Es möge daher eine kurze Übersicht über sie folgen.

Für das Rechtsstudium werden gebraucht: "D. R. B." oder "B. R. B." = der

oder beider Rechte Beflissener, J. St. oder J. C. = iuris Studiosus oderCultor,

J. U. St. oder J. U. C. = iuris utriusque Studiosus oder Cultor, L. L. C. =

Legum Cultor, E. e. D. = Etudiant en Droit, St. in L. == Student in Law.

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118 PAUL ZIMMERMANN

Theologen werden bezeichnet als: d. G. B., d. G. G. B. oder d. G. G. C. =

der Gottesgelehrtheit Beflissener oder Candidat, d. Th. B. = der Theologie

Beflissener, St. Th. St. = Sanctae Theologiae Studiosus. Mediziner nennen

sich: d. A. W. B. oder d. A. G. B. = der Arznei Wissenschaft (oder: Gelehrsamkeit)

Beflissene, St. of Ph. = Student of Physic.

Um eine schnelle Übersicht und die Auffindung bestimmter Personen zu

erleichtern, habe ich am Schlusse ein alphabetisches Namenverzeichnis hinzugefügt.

I. Hannover den 3. April 1769. C[hristian] P[hilipp] Iffland d. R. B.

"Errinnere Dich ... Deines Dich ewz'g Hebenden Freundes." (S. I 10).­

Inscribiert als "Hannoveranus" und Stud. iur. 19. April 1769. - tals

Stadtgerichtsdirector zu Hannover 19. Nov. 18351).

2. Hannover 14. April 1769. D[ietrich] H[ermann] Hegewiseh aus dem

Osnabr. (S. 130). - t als Professor in Kiel 4. April 1812 2 ).

3. Hann. 16. April 1769. Joamtes Henr. Guz'lz'dmus Gabler (S. 141).

- Inscribiert als "Hannoveranus" und Stud. theol. 19. April 1769.

4. Hann. 26. Juni 1769. Geo. Lud. Hansen. M. D. Physz'cus Hoyae

Regz'us ... "Amt'co et cognato" (S. 55). - 1805 Hofmedicus in HannoverS).

5. Hann. 29· Sept. 1769. G[eorg] H[einr.] Haase d. R. B. "empfiehlet

sti:h Deinem Andenken" (S. 107). - Inscribiert als "llildesiensis" und

Stud. iur. 23. Oct. 1769.

6. Hann. 28. Nov. 1769. G[ottlieb] L[udwig] Holseher d. G. G. C. a. d.

Hannö'v. (S. 133). - Inscribiert I I. Mai 1767.

7. Göttingen 26. Febr. 177 I. Het'nr. Aug. Reitemeyer B. R. B. aus

Braunschwez'g (S. 123). - Inscribiert I. Mai 1770, kam von Helmstedt. -

t zu Braunschweig als Sekretär d. Mairie u. Vicar zu St. Blasien 4. Juli 1809').

8. Gött. 26. Febr. 1771. C[arl] A[nton] W[ilhelm] v. Sehleinitz (S. 33). -

Inscribiert als "Brunovtc." und Stud. iur. 5. Mai 1770, kam von Helmstedt.

9. Gött. I. März 177 I. H[einr.] J[oh.] J[ac.] Elderhorst aus Cdle B. R.

Be.fi. "Dez'n auj'richft'gster Freund" (BI. 87). - Inseribiert 24. Oct. 1770.'

- 1790 Amtsvogt in Bissendorf b ).

10. Gött. I. März 177I. J[oh.] C[hristophor] F[riedr.] Elderhorst d. R.

B. aus Celle "von Dez'nem getreuen Freunde" (S. 88). - Inseribiert

24. Oet. 1770. .

I) Rott'rmund, das Gelehrte Hannover B. II S. 460; Neuer Nekrolog d. Deutschen 13.

Jahrg. (1835) S. 1280 f. ') Rotermund a. a. O. B. II S. LXXXI; Allgern. d. Biographie

B. 11 S. 278. ") Rotermund a. a. O. II, 242. ') Braunschw. Anzeigen 1809

Sp. 21 10. 6) Kgl. Grossbrit. u. Churf. Br. Lün. Staats-Kalender 1790 S. 210.

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J.A. LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 1 I


120 PAUL ZIMMERMANN

Inscribiert als "Siadensz"s" und Stud. iur. 7. Mai 1170. - 1790 Geh. Kanzleisekretär

in Hannover l ).

16. Gött. 7. März In I. A[lbrecht] Thaer d. A. W. B. aus Lelle. Er

trug S. 91 ein:

Erfinder weiser Schwermuthsgründe:

Wenn man bey euren Klügeln lacht;

So rechnets der Natur zur Sünde,

Dass sie die Lust so reizend macht.

Göttingen Dein

d. 7ten Märtz In I . zärtlichster Freund A. Thaer d. A. W. B.

aus Celle.

Inscribiert als Stud. medicin 20. Oct. 1770. - t als Geheimrat und Director

der landwirtschaftlichen Lehranstalt zu Möglin 26. Oct. 1828 2 ).

17. Gött. 10. März 177 I. F[riedr.] L[udolfj B[ernhard] Brüel Hannove1'.

(S. 79). - Inscribiert als Stud. iur. 22. Oct. 1768.

18. Gött. I I. März 177 I. J[oh.] C[hristoph] Unzer aus Wernigerode d.

A. W. B. Er trug S. 83 ein:

Gib, grosser Beherrscher der Natur! gib allen Stoikern die Ruthe!

Göttingen d. I I. März

177 I.

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Zum Andenken

von

Ihrem ergebensten Freund u. Diener

J. C. Unzer a. Wernigerode

d. A. W. B.

Inscribiert als Stud. med. 9. Mai 1767. - t auf der Reise in Göttingen

20. Aug. 18098).

19. Gött. 13. März In I. J[oh.] A[dolf] Hansing Si. z'n L. from Harbrough

"Thy utmost affecHonated /riend" (S. 90). - Inscriblert 19. April

1769. - 1824 Kanzleirat u. Hofsekretär in Hannover 4 ).

20. Gött. 14. März In I. Ben. Frz"ed. Dan. BaUhorn Hols. St. Th. St.

(S. I 13). - Inscribiert als "Holsato Velerensz"s" 9. Mai 1770. - t als Haupt·

prediger zu Lüneburg I 3. Dec. 17825).

2I.GÖtt. 15. März 1171. J[oh.] E[ubert] Boedecker ... Nürnberg(S.

108). - Inscribiert als Stud. iur. 30. April 1170. .

22. Gött. März 177 I. E[rnst] F[riedr.] Hlector] Falcke aus Hannover

(S. 72). - t 27. Febr. 1809 als Bürgermeister u. Geh. Justizrat in Hannover 6 ).

23. Gött. März 1771. Ernst Heydevogel (S. 125). - Inscribiert als "Rz'-

I) Staats·Kalender 1790 S. 3. 2) Allgern. d. Biogr. B. 37 S.636. ") Eb. B. 39

S. 334.


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J. A. LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 121

gensts" und Stud. iur. 18. Sept. 1767. - tals Kanzleiverwandter in Riga

2. März 178t).

24. GOtt. 12. August 177 I. Friedrich Gotthart Findeisen Ltps. (S. 67).

- Inscribiert als Stud. theol. 25. Mai 1768, kam von Leipzig. - tals Conrector

in Dorpat 22. Jan. 17962).

25. Gött. 13. August 1771. Carl Alexander Werner d. R. B. aus der

Hoye (S. I 15). - Inscribiert 12. Oct. 1770 . ..,-- 1790 Geh. Canzlei Sekretär

in HannoverS).

26. Gött. 15. August 1771. J[oh.] H[einr.] A[nton] Schär d. R. B. aus

Hannover ... "Dt'es versichert Dt'r Det'n treuester Freund" (S. I 19).

- Inscribiert 23. April 1771. - 1790 Gerichtsschulze und Deputierter des

Armenkollegiums in Hannover').

27. Gött. 17· August 1771. J[oh.] A[dam] Andreä aus Riga t'n Liejland

(S. 5 I). - Inscribiert als Stud. theol. 23. Sept. 1769.

28. Gött. 23. August 177 I. Renovirt bey meiner Wiederkunft im May 1772.

A[ug.] C[hr.] Hüpeden LL. C. aus Nz"ederhessen . ... "von Det"nem aufrichtigen

Freunde und gehorsamsten Dt'ener" (S. 52). - Inscribiert 28.

April 1770.

29. Gött. 24. August 1771. P[aul] F[ranz] Grandidier d. A. G. B. aus

Cassel ... "zum Andenken an Dez'nen unzertrenlichen Freund und

Bruder" (81. 17 I). - Inscribiert als Stud. med. 20. Oet. 1768.

30. Gött. 24. August 177 I. E. Grosch d. B. R. B. aus Cassel in Hes­

. sen... "zum ewigen Andenken der wärmsten Freundschaft Det"nes

unzertrennlichen Bruders" (S. 172).

3I. Gött. 24· August 1771. J[oh.] G[eorg] F[riedr.] v. Marquart ... "zum

Andenken an Deinen unzertrennlichen Freund" (S. 169). - Inseribiert

als "Cellensts" und Stud. iur. 18. April 1769. - 178o Auditor der Justizkanzlei,

auch Hofgerichts-Assessor extraord. in Celle li ).

32. Gött. 25. August 177 J. Joh. Peier Velthusen aus Wtsmar B. R.

B. (S. 92). -- 1790 Kriegs-Sekretär in Hannover 6 ) ..

33. Gött. 25· August 177 I. W[ilh.] L[udwig] v. Willich aus Zelle ... "von

Deinem unzertrennHchen Freunde" (S. 170). Inseribiert als Stud. iur.

18. April 1769. - 1790 Hof- u. Kanzleirat in Celle7).

34· Gött. 28. August 1771. R[udolf] L[udwig] Carstens Jur. Stud. Cellensts

Lüneb. '" "perpetuae memoriae amict- et cognati sui" (S. 99).

- Inscribiert 18. April 177 I. - 1790 Procurator am Oberappellationsgerichte

zu Celle 8 ).

J) Meusel, Lexikon der 1750-1800 verstarb. teutschen Schriftsteller B. ; S. S02.

0) Rotermund, Gel. Hannover I!. B. S. H. :l) Staats- Kalender 1790 S. 3. .) Ebenda

S. 162. 6) Eb. 1780 S.24. ") Eb. 1790 S. I I. 1) Eb. S. 2,. ") Eb. S. 19.

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122 PAUL ZIMMERMANN

35. Gött. 29. August Inl. J[oh.JA[lexanderJ v.Falckenberg d.R.B • ...

. "Erinnere Dich ez'nes au/richtigen Freundes." Statt eines Spruches steht

hier eine Federzeichnung, die eine Landschaft darstellt (S. 57). - Inscribiert

als "Mundensis" und Stud. iur. 22. Oct. 1768. - 1790 war ein Eisenhütten-Registrator

des Namens in Klausthai und ein Oberstleutnant in Osterodel).

36. Gött. 5. September 1 nl. C[lamor Werner OttoJ von dem Bussehe ...

"Dez"n aU/1'z'chtigste1' Freu1ld und Bruder" (S. 84). - Inscribiert als "L.

B. Osnabrugensis" und "matem. Stud. a 3. April 1 n I. - tals Hannov.

Hauptmann und Domherr zu Osnabrück 17. Aug. 1793 11 ).

37. Gött. 5· September I nl. F[erd.J B[enedictJ Corner d. R. B. a. d.

Hann . ... • ,Dein au/nehtiger Freund u. unzertrenlicher Bruder"

(S. 147). - Inscribiert als "Bipontinus" und Stud. theol. 13. Oct. Ino. -

1790 Amtschreiber in Harburg 3 ). .

38. Gött. 7. September Inl. A[dolf] G[eriachJ von Düring d. R. Cand.

aus dem Bremischen ... "Dein unzertrennlteher Freund" (S. 168). -

Inscribiert als "Eques Brem." 1 3. Oct. 1 no; er kam von Jena. - 1790

Hofgerichts-Assessor in Stade 4 ).

39. Gött. 9. Sep. 1771. C[hristian] L[udwig] Ziegler /rom Luneb. (S. 78).

-Inscribiert als Stud. math. 6. April 1769. - 1790 Landbaumeister in Celle 6 ).

40. Gött. 10. September 1771. Frank Joseph Meyer aus Osnabrück

d. R. B • ... "Dez'n au/rtehlzg-er Freund" (S. 166). - Inscribiert 20. April

I 77 I, kam von Erfurt.

41. Gött. I I. September 1771. Bardewiek aus S. Pdersburg ... "Dez"nes

au/richtigen Freunds" (S. 53). - Er steht als Jurist in der Logis-Liste,

ist aber nicht inscribiert.

42. Gött. I I. September In!. G[eorgJ F[riedr.J Buchholtz E. en D. de

Lubec (S. 98). - Inscribiert 19. Oct. 1768.

43. Gött. 12. September 1771. J[oh.J K[onrad] Negelein aus Nürnberg

B. R. B • ... "Dezn wahrer Freund" (S. 167). - Inscribiert 26. April I no.

44. Gött. 13. September 1771. A. M. G. Haber aus dem Ezchsfeld ...

"Deines unurtrennlichen Freundes U1ld Brude1's" (S. 165).

45· Gött. 5· October Inl. J[oh.J E[richJ Biester aus Lübeck d. R. B.

(S. 94). - Inscribiert 7. Mai 1767. - t als Bibliothekar in Berlin 20. Februar

18 I 6 6 ). -

46. Gött. 10. October 177 I. F[riedr. Wilh. AIbr.J von Ulmenstein d. B.

1) Staats· Kalender 1790 Eb. S. 71 U. 12/. ') Stammtafeln der von dem Bussehe

Taf. III. ') Staats-Kalender 1790 S. 208. 4) Eb. S. 78. 5) Eb. S. 7. ") Allgem.

d. Biographie B. 2 S. 632.

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J.A.LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 123

R. B. aus Wetzlar (S. 73). -Inseribiert 17. Oet 1769. -

rat a. D. in Wetzlar 27. Jan. 1826

t als Regierungs­

1 ).

47· Gött. 16. Oetober 1771. J[ae.] L[udw.] Passavant d. G. B. aus

Frank/urt a. Maz'n (S. 137). - Inseribiert 12. Oet. 1771; kam von Marburg.

- t als I. Prediger und Consistorialrat zu Frankfurt a. M. 8. Jan. 18272).

48. Gött. 17. October 1771. K[arl] W[ilh.] Hilchenbach d. G. K. aus

Frank/urt (S. 173). - Inseribiert 22. April 1771 ; kam von Marburg.

49. Gött. 19· Oetober 1771. G. Ch. Grimm Vismarzensts (S. 157).

50. Gött. 19. Oetober 177 I. C[arl] C[hristian] B[althasar] Koch /rom

Wzsmar (S. 156). -

Febr. 18308).

tals Consistorialrat u. Superintendent in Wismar 15.

5 I. Gött. 20. Oetober I 771. Charte [Ludwig] Hoepfner (S. 85). - Inseribiert

als "Giessensts" u. Stud. iur. 17. Oet. 1771; kam von Giessen und

Leiden, war Informator der von dem Bussche. -

nover Anfang 18o I ').

tals Commerzrat in Han­

52. Gött. 21. Oetober 1771. E[rnst Friedr. Phi1.] de Bussehe (S. 93).­

Inseribiert als "Osnabrugenszs" und Stud. iur. 17. Oet. 1771; kam von

Leiden, war Bruder von Nr. 36. - + als Herr zu Ippenburg u. Bruche, Drost

zu Reckeberg und Iburg 16. März 18 I 65 ).

53· Gött. 23· Oetober 1771. J[oh.] G[eorg] H[einrieh] Öhlrich Jur. stud.

Hannov. (S. 77). -

Hannover

Inseribiert 25. Oet. 1771. - 1790 Kammersekretär in

6 ).

54· Gött. 23· Oetober 1771. J[oh.] A[rnold] Wahrendorff aus d. Hannov.

d. R. B . ... " Wünsche Dez'nes Dt'ch ewtg tiebenden Freundes" (S. 150).

- Inseribiert als "Harbu'l'gensis" 17. Oet. 1771. - 1790 Kammer- u. Hof­

Sekretär in Hannover7 ).

55. Gött. 6. Deeember 177 I. F[riedr.] A[rnold] Klockenbring Stadtschutz

und Commzssarius t:n Hameln (S. 101). - t als Geh. Kanzleisekretär

a. D. in Hannover 12. Juni 1795 8 ).

56. Gött. 6. Deeember 1771. A[dam] F[riedr.] C[hristian] Reinhard P. P.

E.9) (S. 69). - Inseribiert als "EifurtenszS rt und "Jur. Cult01''' 18. April

1768; er kam von Erfurt und Leipzig. - + als wirklicher Kammerrat in

Erfurt 20. Sept. 18089 ).

') Allgem. d. Biographie B. 39 S. 207. ") B. 2S S. 196. B) Neuer Nekrolog

d. Deutschen 8. Jahrg. (1830) S. ISI.


PAUL ZIMMERMANN

57. Gött. 14· December I77!. J[oh.] H[einr.] C[hristian] Gottschalk Th.

St. Hannov. (S. 105). - Inscribiert 19. April 1769.

58. Gött. 177!. G[erh.] F[riedr.] v. Hinüber ... "Denkmaltl der unveränderlz'chen

Freundschaft Deines Dich ewig liebenden unzertrennlz'chen

Freundes" (S. 146). - Inscribiert als "Hannoveranus" und Stud.

iur. 2 I. Oct. 1770. - 1790 wohl Hofrat und Amtmann zu Marienwerder 1 ).

59. Göttingen 8. März 1772. J[an] H[endrik] Fortmeyer Lugduno-Batavus

Sacr. Lt'tt. Cult. (S. 164). - Inscribiert 18. April 1768.

60. Gött. 8. März 1772. Albertus Langebeek Lugduno-Batavus Th.

Stud. (S. 163). - Inscribiert 29. April 1771; kam von Leiden.

61. Gött. 9. März 1772. Joh. Frzed. Gildemeister d. R. B. aus Bremen

(S. 162). - Inscribiert 22. April 1771. -- t als Präsident des Handelsgerichts

zu Bremen 15. Jan. 1812 2 ).

62. Gött. I!. März 1772. Anton Broux aus Osnab1'ück d. An. Gel.

Beß . ... "zum Andenken an Deinen unzertrenlt'gen Freund" (S. I 35).

- Inscribiert 30. Oct. 1771; kam von Erfurt.

63. Gött. 14. März 1772. C[hristian] F[riedr.) Friedrichs Jur. Stud.

(S. 149). - Inscribiert als ,.Gö·ttz'ngenst's" 30. April 1770. - 1790 Amtschreiber

in BurgdorfS).

64. Gött. 14. März 1772. Gh. Friedrichs Lt'eut. (S. 148).

65. GOtt. 2 I. März 1772. L[udw.] C[hristoph] H[einr.] Hölty aus d.

Hann;;vrzschen d. Th. B. Er trug S. 143 ein:

Göttingen

den 21. März

177 2.

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Ehr' Uberfluss und Pracht ist Tand,

Ein ruhig Herz ist unser Theil.

. Kleist 4 ).

Zum Denkmahl der aufrichtigsten

Hochachtung und Freundschaft

von

L. C. H. Hölty, aus dem Hannövrischen

d. Th. B.

Inscribiert als "lVfarz'enst's Hannoveranus" I 9. April 1769. - t in Han·

nover I. Sept. 17765).

66. Gött. 26. März 1772. Otto [Friedr. Julius] de Münchhausen 'J.

C. Hannovn·. (S. 74). - Inscribiert 24. Oct. 177 I. - t als Landrat zu

Schwöbber 2. April 1828 6 ).

1) Staats· Kalender 1790 S. 2 16. 7) Allgem. D. Biographie B. 9 S. 169. B) Staats·

Kalender 1790 S. 207. .) Aus dem Gedichte "Irin" V. 48 u. 49. 6) Allgem. D.

Biogr. B. 13 S. 9. 6) v. Münchhausen, Geschlechts·Historie derer v. Münchh. (Hann.

1872) S. ')2.

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J.A. LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 127

92. Gött. 20. März 1774. F[ranz Wilh. Ludw.] v. Reden (S. 114). - Inscribiert

als "Hannov." und Stud. iur. 3. Mai 177 3. - tals Hannov. Ge·

sandter zu Berlin 4. März 183 1 1 ).

93. Gött. 21. März 1774. P[eter] C[hristian] Gernhard d. G. G. B. aus

Riga in Lzevland (S. 48). - Inscribiert 24. Sept. 1770.

94· Gött. 21. März 1774. F[ranz] Tidemann .trom Bremen (S. 45). -

Inscribiert als Stud. iur. 26. April 1773. - Er ward 17. Sept. 1808 Bürgermeister

in Bremen 2 ).

95. Gött. I. April 1774· G[ideon] E[rnst] von Fock aus Ekstland(S. 59)'

- Inscribiert als "Revalensis" und Stud. iur. 14. Sept. 1772.

96. Gött. 2. Juni 1774. C[arl Aug.] W[ilh.] von Closen. Er trug sich S.

128 ein:

Ohne Freyheit geht das Leben bergab rilckwärts.

C. W. von Closen. Göttingen, d. 2. t Jun. 1774.

Inscribiert als "Car. Aug. GUt"/. Closen BtponNnus'< und Stud. \Ur. 27.

April 1773. - t als Student in Göttingen im December 17763).

97. Gött. 2. Juni 1774. C[arl] F[riedrich] Cramer. Er trug sich S. 142 ein:

Klopstock

Der verkennt den Scherz, hat von den Grazien

Keine Mine belauscht der es nicht fassen kan

Dass der Liebling der Freude

Nur mit Socrates Freunden lacht. .

Einem Freunde des Socrates, und seinem Leisewitz schriebs

C. F. Cramer. Göttingen den 2. Jun. 1774.

Inscribiert als "Quedlt"nburgensz's" und Stud. theol. 21. Mai 1772; kam von

Kopenhagen. - t als Buchhändler in Paris 8. Dec. 1807'),

98. Gött. 2. Juni 1774. [Joh.] Frzedrz'ck Hahn. Er trug sich S. 129 ein:

Klopstock:

- - Ein Jahrhundert nur noch

So ist es geschehen, so herrscht

Der Vernunft Recht vor dem Schwertrecht!

Göttingen Ihr Freund

d. 2 Junius 1774. Friedrich Hahn.

Inscribiert als "BzponHnus lf und Stud. iur. 22. April 177 I. - t in Zweibrücken

im Mai 1779 5 ).

1) Allgem. D. Biogr. B. 27 s. 507. ') Rotermund, Lexikon aller Gelehrten .•. in

Bremen II B. S. 206. 11) Goedeke, Grundriss z. Gesch. d. d. Dichtung IV B' I Abt.

S. 401. 4) Allgem. D. Biogr. B. 4 S. '):;7. 6) Goedeke, a. a. O. S. 401.

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J. A. LEISEWITZ' STAMMBUCH AUS SEINER GÖTTINGER STUDIENZEIT 129

Vielleicht der Amtsverwalter Schlemm, der zu Göttingen 84 Jahr alt 26. Mai

1836 gestorben ist 1 ).

107. Gött. 25. August 1774. B[urch.] G[uilhelm] Rüppell LL. C. Hasso

Cassellanus (S. 126). - Inscribiert 23. April 1774.

108. Gött. 26. August 1774. G[eorg] L[eonhardj von Dassei (S. 17). -

Inscribiert als "Luneburgensz'sH und Stud. iur. 26. April 1773. - Wohl

der Leonhard v. Dassei aus der Barendorfschen Linie, der als Mecklenb.­

Schwerinscher Drost, Herr auf Bandekow am 2 I. Sept. 1838 gestorben ist 2 ).

109. Gött. 27. August 1774. V [ictor] F[riedr.] A[dolf] v. d. Wense aus

dem Celtischen ... "Deines au/rz'chtigsten Freundes und Dieners"

(S. 152). - Inscribiert als Stud. iur 10. Mai 1773. - 1790 Oberappellationsrat

in Celle 3 ).

110. Gött. 28. August 1774. Hans [Friedr. Aug. Freih.] v. Dörnberg

(S. 81). - lnscribiert als "Hasso-Cassellanus lt und Stud. iur. 23. April 1774.

1I I. Gött. 31. August 1774. F. A. Baron Korjf(S. 62).

112. Gött. I. September 1774. F[ranz] E[rnst] Arenhold d. R. B. aus

Hannover (S. 80). - lnscribiert 3· Mai 1773. - 1790 Advokat in Hannover4).

113. Gött. I. September 1774. F[riedr.] M[aximilian] v. Günderrode (S.

44). - lnscribiert als "Franco/urtenst's" und Stud. iur. 16. Ocr. 1772.tals

Stadtschultheiss zu Frankfurt a. M. 9. Mai 18245).

114· Gött. I. September 1774. H[ector] W[ilhelm] v.GÜnderrode (S. 41).

- Inscribiert als" Wetteravzenszs" und Stud. iur. 16. Oct. 1772. - tals

MarkgräfI. Kammerherr u. Regierungsrat [7. Mai [7866).

[ 15. Gött. 2. September 1774. 'Joh. Hez·nr. Voss. Er trug S. 37 ein:

Das Werk des Meisters, welches von hohem Geist

Geflugelt hinschwebt, ist, wie des Helden That,

Unsterblich! wird, gleich ihr, den Lorber

Männlich verdienen, und niedersehen !

Joh. Heinr. Voss.

Göttingen, den 2. Sept. I 774.

Inscribiert als "Megapolt'tanus" und Stud. theol. 5. Mai 1772 mit dem

Zusatze: "ob paupertatem testt'mont't's probatam iura jiscz' remz'ssa

sunt." - t als Professor des Griechischen in Heidelberg 29. März [826 7 ).

116. Gött. 3. September 1774. Chrt-'stt'an Rud. Boie aus Flensburg.

1) N. Nekrolog d. Deutschen 14. Jahrg. (18;6) S. 1029. ') Mittheilungen der

Familie v. Dassei Jahrg. 1890 Stammtafel. S) Staats· Kalender 1790 S. 19. 4) Staats­

Kalender 1790 S. 21. 6) Taschenb. d. freiherrl. Häuser 1862 S. 332. 6) Eb. S. B o.

1) Aligem. D. Biogr. B. 40 S. 314.

Braunachw. 1 ahrbuch IV.

9

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130 PAUL ZIMMERMANN

Er schrieb S. 100 ein:

Gut seyn, gut seyn, ist viel gethan.

Erobern ist nur wenig;

Der König sey der bessre Mann,

Sonst sey der Bessre König.

Göttingen Christian Rudolf Boie

d. 3. Sept. I 774. aus Flensburg.

Inscribiert als Stud. theol. 17. Mai 1774. - tals Conrector zu Eutin 16.

April 1795 1 ).

117. Gött. 3· September 1774. R[udolf] E[rnst] '0. Spörcken aus dem

Lüneb. (S. 13). - Inscribiert als Stud. iur. 15. Juni 1773.

I 18. Gött. 4· September 1774. H[einr.] A[ug.] Kneisen Lunaeb. J. C.

(S. 82). - Inscribiert 29. April 1773. - tin Lüneburg als Obercommerzien­

Commissar und Dekan des Stifts Bardewik 8. Febr. 18 34 I).

119. Gött. 5. September 1774. [Hermann] Doormann de Hambourg.

(S. 43). - Inscribiert als Stud. iur. 3. Mai 1773. - tals Stadtsyndicus zu

Hamburg 4. März 1820 3 ).

120. Gött. 5. September 1774. J[ust.] H[einrich] Franck J. U. C. HannO'lJeran.

(S. 16). - :nscribiert als "Hoknstaedt" und Stud. theol. 25. Mai

1772. - Später Amtmann in Fallersleben').

12 I. Gött. 5. September 1774. o [tto] C[onrad] Hahn B. R. B. aus dem

Lüneb. (S. 38). - Inscribiert 2 I. Oct. 1773.

122. Gött. 5. September 1774. [Johann] W[ilhelm] Pfeiffer aus dem

Hesszschen B. R. B. (S. 26). - Inscribiert als "Ermsckwerd" I. Nov.

1773 ; kam von Marburg.

123. Gött. 5. September 1774. J[acob] S[igismund] Schmerfeld aus H .

. Casset. Er trug S. 29 ein:

Die Freundschaft thront in keines Königs Brust,

Sie flieht den Fürsten in dem Purpurkleide,

Versagt Pallästen ihre Lust,

Und lächelt nur den niedern Hütten Freude.

F. S. Schmerfeld aus H. Cassel

Göttingen den 5. Septemb. 1774. .

lnscribiert als "Casselt. Hassus" und Stud. iur. 25. Oct. 1773, kam von

Marburg.

124. Gött. 6. September 1774. H[arre] F[riedrich] Fedden d. R. B. aus

') Meusel, Lexikon der 17,0-I 800 verstorb. teutschen Schriftsteller I B. S. ,08.

2) Staats- u. Adress-Kalender f. d. Kgr. Hann. 18n S. 111. s:> Allgern. D. Biographie

B. 5 S. 342. 4) Rotermund, Gel. Hannover B. II S. 59.

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PAUL ZIMMERMANN

135. Gött. 9· Sept. 1774. H[einr.] F[riedr.] O[tto] von Brocke E. e. Dr.

de Bronsvz'c (S. 40). - Inscribiert 18. Oct. 177 I. - t in Braunschweig

als vormaliger herzog!. Braunschw. Hofgerichtsassessor 28. Oct. 1812 1 ).

136. Gött. 9. September 1774. E[rnstFriedr.Christian] d.Lenthe(S. 35).

- Inscribiert als" Turin. eques Calenbe1"g" und Stud. iur. 14. Oct. 1771. -

tals Oberkammerherr u. Landrat zu Hannover 19. Juli 18242).

137. Gött. 9· September 1774· H. Müller Cornet 0/ his Majest)' 's own

Regt 0/ Horse (Leib Regz'mentj (S. 42).

138. Gött. 9. September 1774· C[aspar] Fr[anz] Tyrell aus dem West­

{älzschen (S. 155). - Inseribiert als" Weda Westphalus" und Stud. iur.

28. Oet. 1772.

139· Gött. 10. September 1774. J[oh.] D[ietr.] P[hil.] C[hristian] Ebeling

St. o.f Piz. /rom Lunbruglz (S. 140). - Inscribiert als Stud. iur. 26. April

1773. - -!- als Stadt- und Landphysicus zu Parchim 12. Jan. 1795 8 ).

140. Gött. 10. September 1774. J[oh.] C[hristoph] von Haudring aus

Kurland (S. 12). - lnscribiert als Stud. iur. 26. Juli 1773.

141. Gött. 10. September 1774. Justus ChrisNan Loder d. A. G. Be.fi.

aus Riga z'n Lie.fiand (S. 14). - lnscribiert 25· Oet. 177 3· - t als kaiser!.

russischer Geheimrat in Moskau 16. April 18324).

142. Gött. 10. September 1774· J[oh.] G[eorg] F[riedr.] Schultze aus

Anhalt Bernbu1'g Med. Cand. (S. 25). - Inseribiert 28. April 1773.

143· Gött. 12. September 1774. ClhristianJ A[dolf] Overbeck aus Lübeck.

Er trug S. I 32 ein:

Es leben alle redliche Deutschen!

C. A. Overbeek aus Lübeck

Göttingen d. 12. Sept. 1774.

Inscribiert als Stud. iur. 20. Oct. 1773. - t als Bürgermeister zu Lübeck

9. März 1821 6 ).

144. Gött. 12. September 1774. David Henr)' Stoltenberg E. en M.

de Lubeck (S. 18). - lnseribiert 15. Oct. 1773; kam von Leipzig.

145. Gött. 13· September 1774. [Aug.] C[arl Bernh.) Schüler d. R. Philistr.

aus dem Braunschw. Er trug S. 36 ein:

Vergnügte Tage findet man

Woferne man sie finden kann

Nicht auf dem Thron und nicht in Hütten

Kanst du vom Himmel es erbitten

1) Br. Anz. 1812 Sp. 3552. 2) Staats- u. Adress-Kalender f. d. Kgr. Hann. 182,

S. V. lI) Rotermund, Gel. Hannover I B. S. C XXXII. 4) Allgern. D. Biogr. B. 19

S. 76. 5) Eb. B. 25 S. ,.

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J. A. LEISEWITZ' SILHOUETTENSAMMLUNG.

Von Paul Zimmermann.

Im städtischen Museum zu Braunschweig befindet sich eine Silhouettensammlung,

die aus dem Nachlasse von Joh. Ant. Leisewitz stammt. Es wird

dies vor allem durch den Umstand bewiesen, dass von seiner Hand hinter

einer grossen Anzahl von Blättern die Namen der dargestellten Personen geschrieben

stehen. Der Direktor des Museums, Herr Dr F. Fuhse, der auf die

Sammlung aufmerksam machte und mir ihre Benutzung in entgegenkom·

mendster Weise gestattete, hat diese ,Vor einer Reihe von Jahren durch den

inzwischen verstorbenen Professor Dr Hänselmann aus der Stadtbibliothek

ausgeliefert erhalten. Näheres wusste weder er noch ein anderer Beamter über

die Herkunft der Blätter anzugeben. Es steht zu vermuten, dass sie mit dem

Teile des literarischen Nachlasses Leisewitzens, der der Vernichtung entgangen

ist, seiner Zeit von dem Oberförster Hermann Langerfeldt in Riddagshausen

1), einem eifrigen Förderer der Braunschweiger Stadtbibliothek, dieser

geschenkt worden ist.

Die Sammlung umfasst jetzt im Ganzen 1(3 Silhouetten. Von diesen sind

63, zumeist von Leisewitz' Hand, mit Namen versehen. Dreizehn weitere

unbezeichnete Blätter sind völlige Wiederholungen von bezeichneten und

daher als Dubletten anzusehen 2 ). Unbezeichnet, aber von den vorigen abweichend

sind dann noch 26 Silhouetten, von denen 14 Männer-, 12 Frauenköpfe

darstellen und zwei der ersteren wieder übereinstimmen. Die Personen,

die hier abgebildet werden, festzustellen, ist bei diesen Blättern leider in

keinem Falle geglUckt. Alle diese 102 Silhouetten sind, mit Ausnahme von

Nr. 4 und 63, in ganz gleicher Weise, auf demselben Papiere und auch ungefähr

in gleicher Grösse hergestellt worden; sie sind gezeichnet und dann getuscht.

Zumeist sind sie ganz schwarz, nur bei einzelnen Blättern und zwar nur

solchen, die Verwandte von Leisewitz darstellen, sind Jabots, Spitzenbänder

usw. durch Striche wiedergegeben 3 ). Es finden sich dann noch fünf klei-

1) Dieser war ein Enkel des unten unter Nr. 19 genannten J. J. J. Langerfeldt, der

mit einer Schwester von Leisewitz' Mutter verheiratet war; er starb am 7. Dezember 1890.

Vgl. Harzztschr. 24. Jahrg. (1891) S. 343. 2) Es sind die Nr. I, 14,20,21,23,26,

28, 30, 33, 36, 46, 54 u. H des nachfolgenden Verzeichnisses. ") Es sind die Nr. 19,

20 und 37.

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J. A. LI:ISEWITZ' SILHOUETTKNSAMMLUNC 137

nere Männerköpfe und je ein sehr kleiner männlicher und weiblicher Kopf.

Abweichend in der Herstellung sind drei weitere männliche Köpfe, von denen

zwei aus schwarzem Papiere, der dritte aber in weissem Papiere, das dann

mit schwarzem hinterlegt ist, ausgeschnitten sind. Den Beschluss macht end·

lich ein auf Glas gemalter Männerkopf. Alle diese letzteren Silhouetten sind

mit Namen nicht versehen. Sie stammen vermutlich aus späterer Zeit und

haben mit den erst genannten, wie es scheint, keinen inneren Zusammenhang.

Wir haben es daher hier nur mit jenem grösseren und älteren Teile der Sammlung

zu tun, der einen durchaus einheitlichen Charakter trägt.

Mit Sicherheit glauben wir alle diese Blätter in die letzte Zeit von Leisewitz'

Aufenthalte in Hannover, also in das Jahr 1777, verlegen zu können.

Denn weitaus die meisten der dargestellten Personen sind Hannoveraner, die

sich, soweit wir sie überhaupt verfolgen können, sämtlich gerade in diesem

Jahre in Hannover nachweisen lassen. Die Bezeichnung von Höltys Silhouette:

.. Poor Hölty" lässt den frischen Schmerz des Freundes um den so

früh verstorbenen hoffnungsvollen Dichter erkennen. Er starb am I. September

1776. In diese Zeit bis zu Leisewitz' Abgange nach Braunschweig, der

mit Beginn des Jahres 1778 erfolgte, ist offenbar die Entstehung der Silhouettensammlung

zu setzen. Wir lernen aus ihr jedenfalls einen grossen Teil

des Verkehrskreises des Dichters in der Stadt Hannover kennen; insofern ist

die Sammlung auch für die Lebensgeschichte des Dichters nicht ohne Interesse,

und bedarf daher ihre Bekanntmachung gewiss keiner weiteren Rechtfertigung.

In dieselbe Zeit lässt sich sehr gut auch eine zweite, viel kleinere Gruppe

von Silhouetten setzen, die Mitglieder der Schröderschen Schauspielergesellschaft

umfasst: Schröder und Frau, Reinecke und Frau, Frau Ackermann

und Brockmann. Sie waren sämtlich in den Jahren 1776 und 1777 bei jener

Truppe, die im Sommer 1776 und dann im Winter 1776 auf 1777 in Hannover

spiel tel) und hier drei Mal, am 20. und 2 I. Februar sowie am 7. März

1777, auch den Julius von Tarent aufführte 3 ). So kann es uns nicht Wunder

nehmen, auch diese Blätter in Leisewitz' Besitze anzutreffen.

Nicht direkt mit Hannover im Zusammenhange stehen die übrigen bezeichneten

elf Silhouetten. Sie stellen literarische Berühmtheiten dar: Basedow,

Claudius, Ekhof, Gleim, Goethe, Klopstock, Lavater, Lenz, Stolberg d.

Ä., Stolberg d. J. Wie weit hier bei Einzelnen persönliche Bekanntschaft

mit Leisewitz vorliegt, müssen wir dahin gestellt sein lassen. Es wird hier

vor allem für die Aufnahme dieser Männer in die Sammlung das Interesse

1) Vgl. Kutschera v. Aichbergen, Joh. Anton Leisewitz (Wien 1876) S. 24. ') Vgl.

oben S. 92.

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13 8 PAUL ZIMMERMANN

massgebend gewesen sein, das Leisewitz für sie und ihre Werke hegte. Dass

er zu ihnen in einem anderen, nicht so gesellschaftlichen Verhältnisse stand

wie zu den übrigen, scheint schon der Umstand anzudeuten, dass er hier mit

einer Ausnahme (Nr. 55 Ekhof) kein H (= Herr) vor den Namen setzte, das

sonst nur bei Nr. 22 (de Luc), 45 (Zimmermann) und 48 (Brockmann) noch

fehlt.

Auffallend ist nun, dass die Mehrzahl von diesen Silhouetten ganz ebenso

auch in anderen Sammlungen begegnet. So stimmen von diesen 10 Silhouetten

sieben mit denen in der Sammlung von Ayrer, die Kroker uns in

einer sehr ansprechenden Veröffentlichung vorgeführt hat 1), vollständig überein

2 ), während nur drei von ihnen unter einander abweichen S ). Ebenso sind

aus der ersten Abteilung fünf Silhouetten mit den Ayrerschen gleich'). Nur

vier von diesen sind in dem genannten Werke abgebildet, die fünfte (Nr. 45)

konnte ich im Original mit dem Leisewitzsehen Schattenrisse vergleichen, da

Herr Stadtbibliothekar Dr E. Kroker die grosse Liebenswürdigkeit hatte, sie

mir zu dem Zwecke nebst einigen anderen Blättern zu übersenden. Dagegen

weichen drei der Leisewitzsehen Silhouetten von den Ayrerschen hier ab!»).

Aus der zweiten Abteilung, der Schräderschen Schauspielergruppe, ergibt ein

Vergleich mit der Ayrerschen Sammlung drei Übereinstimmungen 6 ) und eine

Abweichung 7 ). In gleicher Weise enthält die Esmarchsche Silhouettensammlung,

mit der uns Adolf Langguth bekannt gemacht hat B ), in sieben Fällen

dieselben Schattenrisse wie die Leisewitzsehe und Ayrerische Sammlung 9 ),

nur in fünf Fällen verschiedene 1o ). Dazu kommt, dass bei zehn Personen, die

bei Leisewitz fehlen, bei Ayrer und Esmarch sich aber gemeinsam finden,

fünf übereinstimmen ll ) und fünf von einander abweichen 12 ). Diese im Ganzen

doch recht weit gehende Übereinstimmung scheint mir deutlich dafür zu

sprechen, dass man der Zeit die Silhouetten sogleich in grässerer Anzahl anfertigte

oder sie nachbildete und ihnen so schnell eine weitere Verbreitung gab.

Schon Kroker sprach S. 3 I die Vermutung aus, dass Friedr. Am. Klockenbring

in Hannover, mit dem der grosse Physiognomiker Lavater in enger

1) Die Ayrerische Silhouettensamm)ung Eine Festgabe zu Goethes hundertundfünfzigstem

Geburtstag von Dr Ernst Kroker. Leipzig 1899. ") Es sind die Nr. 53-S5, S9-62.

3) Nr. S6-S8. ') Die Nr. S, 14. 21, 3S u. 45. ") Nr. IS (von der ich das Original

benutzen konnte), 17 u. 18. 11) Nr. 49, So (beide im Original verglichen) u. 5 I.

'1) Nr.48. 8) In seinem Werke: Christian Hieron. Esmarch u. der Göttinger Dichterbund.

Nach neuen Quellen aus Esmarchs handschriftlichem Nachlass. Mit 60 Schattenrissen

aus Esmarchs Sammlung. Berlin 1903. 9) Nr. 5,21, 35, 4S, 53, H u. 60. 10) Nr.

18, S6-59. 11) Bürger (Ayrer Taf. 28; Esmarch XV), Eschenburg (A. 34; E. III),

Herder (A. 44; E. VI), Sprickmann (A. 37; E. XV) und Zachariä (A. 17; E. VlIl).

12) Campe (Ayrer Tal. 37; Esmarch Taf. XI), Ebert (A. 34; E. VIII), Gotter (A. 3 I ;

E. XIV), Jerusalem (A. 34; E. VII) und Mendelssohn (A. 43; E. V).

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J. A. LEISEWITZ 1 SILHOUETTENSAMMLUNG 139

Verbindung stand 1 ), Ayrer die Vorlagen für manche Silhouette verschafft

habe. Ist das der Fall gewesen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser auch

für Leisewitz in dieser Richtung tätig war. Klockenbring hat sich bereits am

6. Dezember 1771 in Göttingen in Leisewitz' Stammbuch eingetragen, während

er noch Stadtschulz und Kommissar in Hameln war 2 ). Als er dann 1 77 2

als Geh. Kanzleisekretär nach Hannover gekommen war, ist Leisewitz hier

zu ihm, wie aus seinen Briefen hervorgeht, in ein freundschaftliches Verhältnis

getreten S ). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Klockenbring die Teilnahme

für diese seine Liebhaberei in ihm angeregt und ihn damals zu dieser

Sammlung, die er später nicht fortgesetzt zu haben scheint, veranlasst hat.

Der enge Zusammenhang der Ayrerschen und Leisewitzschen Sammlung

liesse sich dann unschwer erklären.

Für die hier aufgestellten Behauptungen und Mutmassungen bringt das

nachstehende Verzeichnis der Silhouetten aus Leisewitz' Nachlasse die erforderlichen

Nachweise. Es ist in ihm die Inschrift, die jedes einzelne Blatt

trägt, vorangestellt worden. Ist nichts dabei bemerkt, so rühren die SchriftzUge

von Leisewitz' Hand her. Eine Anzahl von Bezeichnungen ist von einer

zierlichen Damenhand wohl um den Anfang des 19. Jahrhunderts mit Bleistift

gemacht worden. In einer dritten noch späteren Hand ist mit ziemlicher

Sicherheit die des Oberförsters Herrn. Langerfeldt zu erkennen. Wo diese

Handschriften auftreten, sind sie als zweite und dritte Hand gekennzeichnet

worden. Auf diese oft sehr kurzen und nur andeutungsweise gehaltenen Bezeichnungen,

die mit halbfetter Schrift gedruckt sind, folgt deren Erklärung.

Daran reihen sich kurze Angaben über die Persönlichkeiten, die namentlich

für die Hannoveraner den Beweis liefern sollen, dass sie im Jahre 1777 wirklich

in Hannover unter dem angegebenen Titel geweilt haben. Hieran

schliessen sich noch kurze Bemerkungen über das Verhältnis der Leisewitzschen

Silhouetten insbesondere zu denen der Ayrerschen und Esmarchschen

Sammlung.

Von einer Wiedergabe der Silhouetten, die schon an anderen Stellen abgebildet

sind, konnte hier im Allgemeinen natürlich abgesehen werden. Nur

Leisewitz ist noch einmal wiederholt worden, da hier der Beweis zu erbringen

war, dass es sich um ihn selbst, nicht um seinen Vater handelt, und gerade

sein Bildnis in diesem Buche doch nicht fehlen durfte 4 ).

I) Klockenbring erbat sich von Lavater dessen Vorlesung über Physiognomik für Zimmermann

in Hannover, der die Arbeit dann eigenmächtig drucken liess (Physiognom. Fragmente

I Versuch S. 10). Lavater dankte Klockenbring für die ihm bei seinem Werke

geleistete Unterstützung


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140 PAUL ZIMMERMANN

Eine ganz besondere Stellung in der Sammlung nimmt noch die Silhouette

von Lessing ein. Sie ist die einzige, von der mit Sicherheit anzunehmen ist,

dass sie aus Leisewitz' Braunschweiger Zeit stammt. Sie hat mit den Hannoverschen

Schattenrissen gar keinen Zusammenhang, ist kleiner als sie und

in eine Kupferstichumrahmung gesetzt, in die von unbekannter Hand die

Worte: Go. E. Lessing geschrieben sind. Das Blatt liegt in einem alten Umschlage,

der leider abermals von unbekannter Hand die Aufschrift: "Dem

Herrn Hofrath Ebert" trägt und dessen wohl erhaltenes Siegel von einer gleichzeitigen

Gemme herzurühren scheint. Der Abdruck zeigt drei weibliche Gestalten,

von denen die mittlere unbekleidete vielleicht die Venus darstellt, während

wir die beiden anderen wohl fUr Juno und Minerva, das Ganze also etwa für die

drei vor Paris streitenden Göttinnen ansprechen können. Besonderes Interesse

gewinnt diese Silhouette noch dadurch, dass wir sie in gleicher Grösse auf

einem Medaillon der Fürstenberger Porzellanfabrik wieder finden, das wir

als gleichzeitig ansehen können. Es ist in einem leider zerbrochenen Exemplare

im städtischen Museum zu Braunschweig vorhanden, in das es 1873

durch Geschenk des Dr v Nitschke gelangt ist. Ein Bildnis Lessings, das in

der damals kUnstIerisch sehr hoch stehenden Fabrik, die namentlich auch in

der ähnlichen Wiedergabe von Zeitgenossen der Zeit Hervorragendes leistete,

zur Vorlage gedient hat, das nachweislich im Besitze von Ebert und Leisewitz,

also guten Freunden Lessings, gewesen ist, verdient gewiss volle Beachtung.

Da es unseres Wissens bislang noch niemals veröffentlicht worden ist, so

haben wir es hier in seiner Original umrahmung auf einem besonderen Blatte

wiedergegeben 1).

Die Sammlung besteht aus den nachstehend verzeichneten und mit Namen

versehenen Blättern:

I. H. Andreae = Herr Andreae. Es ist der Hofapotheker Joh. Gerh. Reinhard

Andreae in Hannnover, ein Verwandter von Leisewitz 2 ) (t I. Mai 1793)·

Die doppelt vorhandene Silhouette stimmt sehr gut zu den Profilbildern A'.s

vor dem 77. Bande der Allgemeinen deutschen Bibliothek (1787) und vor

dem Neuen Volkskalender (Hannover 1794). Vgl. über A. Rotermund, das

Gelehrte Hannover B. I S. 39 f.; die Silhouette s. Taf. I.

2. M. Andreae = Madame Andreae, die Gattin des Vorigen.

3. M. Baring = Madame B. Sie ist nicht sicher zu bestimmen. Es gab

der Zeit in Hannover einen Sekretär beim Hofgerichte Christian Ludw. Baring 3 )

und einen Berghandlungsschreiber Joh. Friedr. Baring').

1) Vgl. unten Taf. IV. ') Es war ein Oheim von ihm. Vgl. Kutschera S. 26. I) Kgl.

Gross-Brit.- u. Churf. Br.-Lün. Staats-Calender '776 u. '779 S. 22.


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J. A. LEISEWITZ' SILHOUETTENSAMMLUNG

4. Louise Boehkler? Der Name ist nicht von Leisewitz' Hand und sehr

undeutlich geschrieben.

5. H. S. S. Boie = Herr Stabs Sekretär Boiei). Es ist Heinr. Christian

Boie, der sich auch in Leisewitz' Stammbuch eingeschrieben hat (vgl. oben

S. 125 Nr. 73). Die Silhouette stimmt überein mit der bei Ayrer Taf. 30 und

fast ganz auch mit der bei Esmarch Taf. 11. Vgl. auch die Silhouette in Könneckes

Bilderatlas z. d. Nat. Literatur 2. Aufl. S. 258, die Hennings Sammlung

von Schattenrissen entnommen ist.

6. H. Oberb. Callin = Herr Oberbereiter Friedr. Gottlieb Callin 2 ).

7. Fr. Oberb. Callin = Frau Oberbereiter Callin, Gattin des Vorigen.

8. Fr. v. Döring = Frau v. Döring. Ein älterer Frauenkopf, wohl die

Gemahlin des Hof- u. Kanzleirats Dr Henrich v. Döring in HannoverS).

9. F. v. Döring = Fräulein v. Döring. Ein jüngerer Frauenkopf, wohl

die Tochter der Vorigen.

10. H. HR. Hartmann = Herr Hofrat Gust. Wilh. Christian Hartmann

bei der Justizkanzlei in Hannover 4 ).

11. Fr. HR. Hartmann = Frau Hofrat Hartmann, offenbar die Gattin

des Vorigen.

12 u. 13. M. Hedemann. Wohl ein und derselbe Frauenkopf in zwei

etwas von einander abweichenden Darstellungen.

14. Poor Hölty. Der Dichter Ludw. Christoph Heinr. Hölty, der am I.

Sept. 1776 in Hannover starb, hat sich auch in Leisewitz' Stammbuch eingeschrieben

(vgl. oben S. 124 N. 65). Die doppelt vorhandene Silhouette

stimmt mit der der Ayrerschen Sammlung (Taf. 29), ist aber gegenseitig. Abweichend

ist der Schattenriss, den G. Könnecke in seinem Bilderatlas zur

deutschen National-Literatur (2. Aufl.) S. 258 wiedergibt, und mit dem

Chodowieckis ebenfalls bei Könnecke abgebildeter Kupferstich im Wesentlichen

übereinstimmt.

15. H. HR. v. Hugo = Herr Hofrat Joh. Ludolf v. Hugo bei der Justizkanzlei

in Hannover (t 25· März 1795)6). Die Silhouette weicht von der der

Ayrerschen Sammlung ab. Vgl. S. 138 Anmerk. 5.

16. Fräul. Luise v. Hugo. Von zweiter Hand geschrieben, der Name

"Luise" nicht sicher lesbar. Die Tochter des Vorigen, Frau des Generals v.

Drechsel, t 29. Sept. 17926).

17· H. A. S. Kästner = Herr Archiv-Sekretär Joh. Christian Kestner in

') Kgl. Gross-Brit.- u. Churf. Br.-Lün. Staats-Calender '779 S. '2. ') Eb. '776

u. '779 S. 35· s:> Staats-Calender '776 u. '779 S. ,8. 4) Eb. '776 u. '779 S. ,8.

6) Eb. '776 u. '779 S. ,8; v. Hugo, Geschichte der Familie v. Hugo S. 40. fI) v.

Hugo a. a_ O. S. 4'.

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14 2 PAUL ZIMMERMANN

Hannover (.!- 24. Mai 1800)1). Die Silhouette gleicht fast ganz der der Ayrer·

schen Sammlung Taf. 22; vgl. unten Taf. 11.

18. M. Kästner = Madame Charlotte Kestner geb. Buff, die Gattin des

Vorigen, das Urbild der Lütte in Goethes Werther, t 16. Januar 1828 2 ). Die

Silhouette ist ähnlich den Schattenrissen in der Ayrerschen (Taf. 22) und der

Esmarchschen Sammlung (Taf. VI). Vgl. Könneckes Bilderatlas S. 272 und

unten Taf. 11.

19. Just Johann Joaehim Langerfeldt 14. März S ). Der Kaufmann

Langerfeldt in Hannover, der sich im Jahre 1771 mit Karoline von der Vee·

ken, einer jüngeren Schwester von Leisewitz' Mutter, verheiratete und am

7. Juni 1810 in Hannover starb').

20. Caroline Langerfeldt geb. v. d. Veken 5 ). Die Gattin des Vorigen,

die am 18. August 181 3 in Bückeburg gestorben ist 4 ). Die Silhouette ist dop·

pelt vorhanden.

21. Leisewitz' Vater. Da die Inschrift aber von der dritten, sehr späten

Hand herrührt, die doppelt vorhandene Silhouette einen j u n gen Mann dar·

stellt und mit den Schattenrissen bei Ayrer (Taf. 27), Esmarch (Taf. XIV,

hier gegenseitig) und in Lavaters Physiognomischen Fragmenten (Versuch 11

S. 108) genau übereinstimmt, so dürfen wir die Darstellung, zumal da sie den

übrigen Bildern des Dichters gut entspricht, mit Sicherheit für Joh. Ant. Leise·

witz selbst in Anspruch nehmen. Vgl. Tafel I.

22. de Lue. Wohl der de Luc, den Sulzer, als er im Herbste 1775 in

Lausanne weilte, hier kennen lernte, und von dem er später sagt, dass er

"jetzt Lecteur der Königin von England ist 6 )." Leisewitz wird der Zeit in

Hannover mit ihm bekannt geworden sein.

2 3. H. D. Mareard = Herr Hofmedicus Doct. Heinrich Matthias Marcard

in Hannover 7 ). Die Silhouette ist doppelt vorhanden.

24. H. C. S. Mejer = Herr Cammer·Sekretär Ludw. Joh. Georg Mejer S ).

25. Fr. Cammers. Mejer = Frau Cammersekretär Mejer, Gattin des

Vorigen.

26. H. Amtsehr. Müller = Herr Amtschreiber Müller. Die Bestimmung

der Person muss unsicher bleiben. Es gab 1776 einen Amtschreiber Joh.

Wilh. Müller im Amte Aerzen und Christian MeIch. Müller im Amte Schwar·

J) Staats·Calender 1776 u. 1779 S. 27. Allgem. D. Biogr. B. 11; S. 662 f. 2) Allg'

D. Biogr. a. a. O. lI) Von zweiter Hand geschrieben. 4) Nach den Angaben in

einer alten Familienbibel im Besitze des Kreisdirektors Konr. Langerfeldt in Braunschweig,

eines Urenkels von J. J. J. Langerfeldt. ") Von dritter Hand geschrieben. ß) Kroker,

Ayrersche Silhouettensammlung S. 22. ') Staats·Calender 1779 S. 28. ") Eb. 1776

u. 1779 S. 4.

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J. A. LEISEWITZ' SILHOUETTENSAMMLUNG

zenbeck 1 ), von denen 1799 nur noch der Letztere in dieser Stellung genannt

wird 2 ). Die Silhouette ist doppelt vorhanden.

2]. Fr. Amtschr. Müller = Frau Amtschreiber Müller, die Gattin des

Vorigen.

28. H. E. Müller. Die Silhouette ist doppelt vorhanden.

29. H. Fr. Müller. Die Deutung ist unsicher. Es gab 1776 und 1779 einen

Hofgerichts-SekretärS), sowie einen Leibmedicus Dr Joh. Friedr. Müller 4 ).

30. Prof. M. Müller. Die Silhouette ist doppelt vorhanden.

31. H. Wilhelm Müller. Vielleicht der Postschreiber Aug. Wilh. Müller

in Hannover 5 ).

p. Madam Müller.

n. Mademoiselle Müller. Die Silhouette ist doppelt vorhanden.

34. H. Cassierer Scheele = Herr Berghandlungs-Cassierer Christoph

Heinr. Scheele 6 ).

35. H. C. R. Schlegel = Herr Consistorial Rat Joh. Adolf Schlegel in

Hannover 7 ), t 16 _ Sept. 1793 8 ). Die Silhouette stimmt überein mit der bei

Ayrer (Taf. 16), bei Esmarch (Taf. L) und in Lavaters Physiognomischen Fragmenten

(Vers. II S. 265).

36. H. H. Seyler. Offenbar der Theaterdirektor Abel Seyler, der Schwager

des Hofapothekers Andreae in Hannover und Vater von Leisewitz' Gattin

Sophie Marie Katharine, t 25. April 18o [9). Die Silhouette ist doppelt vorhanden;

vgl. unten Taf. L

37. Henriette v. d. Ve ken 10). Es ist eine der Schwestern von Leisewitz'

Mutter und von Langerfeldts Gemahlin (Nr. 20), die am 9. Juli 17 H geboren

und 1799 gestorben ist ll ).

38. Frl. v. d. Veken 10 ). Eine weitere Schwester der Vorigen.

39 und 40. M. Velthusen. Ein jugendlicher Kopf, der von beiden Seiten

mit ganz geringen Abweichungen sich zeigt. Es ist wohl die Gattin des Advokaten

Joh. Peter Velthusen in lIannover I2 ), der sich am 25. Aug. 1771 in

Leisewitz' Stammbuch schrieb (Vgl. S. 121 Nr. 32) und später Kriegssekretär

wurde.

41. H. M. Volborth = Herr Magister Joh. Kar! Volborth. Er erhielt 177 2

eine HaushofmeistersteIle in Hannover, kehrte 1776 nach Göttingen zurück,

') Staats-Calender '776 S. '92 U. 202. 2) Eb. '779 S. 222. 3) Eb. '776 u.

'779 S. 22. ') Eb. '776 u. '779 S. 34. b) Eb. '776 S. 20,; '779 S. 22,;

'780 S. 226. ") Eb. '776 u. '779 S. 7. ') Eb. '776 u. '779 S. 2J. 8) Allg.

D. Biogr. l' B. 38, tf. 9) Allg. D. Biogr. B. 34 S. 778 tf. Das zweite H. ist vielleicht

als Hoftheaterdirektor zu deuten. '0) Von der dritten Hand. ") Nach der

Langerfeldtschen Familienbibel Vgl. S. '42 Anmerk. 4. '2J Staats-Calender '776 u.

'779 S. 2'; '782 S. I I V gl. Kutschera S. 24.

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PAUL ZIMMERMANN

promovierte hier zum Magister und starb als Superintendent in Gifhorn 29.

Aug. 17961).

42. Sec. Werlhof 2 ).

43. Herr H. Assessor v. Wüllen = Herr Hofgerichtsassessor Albrecht

Christoph von WOllen in HannoverS).

44. M. v. Wüllen = Madame v. Wollen, die Gattin des Vorigen.

45. Zimmermann = Leibmedicus Hofrat Dr Joh. Georg Zimmermann

in Hannover"} Die Silhouette stimmt Oberein mit der in der Esmarchschen

Sammlung (Taf. I), mit der in Lavaters Physiognomischen Fragmenten (Vers. 1II

S. 21), mit einer in meinem Besitze befindlichen und mit einer aus der Ayrerschen

Sammlung, die drei Darstellungen Zimmermanns enthält; diese ist aber

gegenseitig und in Krokers Buche Taf. 38 nicht abgebildet. V gl. oben S. 1 38.

46. Doris. Ein junger weiblicher Kopf, der doppelt vorhanden ist.

47. M. Ackermann = Madame Sophie CharIotte Ackermann, die Mutter

Friedr. Ludwig Schräders, t 14. Oct. 17924). V gI. unten Taf. 111.

48. Brockmann = Schauspieler Joh. Franz Hieronymus Brockmann,

177 1-78 Mitglied der Schröderschen Truppe, t 12. April 1812 5 ). Vgl.

unten Taf. 111.

49. H. Reineke = Schauspieler Joh. Friedr. Reinecke, 1770 bis '5. März

'777 Mitglied der Schröderschen Truppe 6 ). Die Silhouette stimmt überein

mit der der Ayrerschen Sammlung; vgI. unten Taf. III.

50. M. Reineke = Madame Sophie Reinecke geb. Venzig, Gattin des

Vorigen, ebenfalls 1770-77 Mitglied der Schröderschen TheatergeseUschaft,

t 17886). Die Silhouette stimmt Oberein mit der der Ayrerschen Sammlung,

ist aber gegenseitig; vgl. unten Taf. III.

5 I. H. Schröder = Herr Friedr. Ulr. Ludw. Schröder, 177 I -80 Theaterdirector

in Hamburg, t 3. Sept. 1816 7 ). Die Silhouette ist der in Ayrers

Sammlung (Taf. 47) sehr ähnlich.

52. M. Schröder = Madame Anna Christine Schröder geb. Hart, seit 26.

Juni 1773 die Gemahlin des Vorigen, t 25. Juni 18298).

53. Basedow. Der bekannte Philanthrop Joh. Bernh. Basedow t 25. Juli

1790. Die Silhouette stimmt Oberein mit den Schattenrissen in der Ayrerschen

(Taf. 36) und der Esmarchschen Sammlung (Taf. XI).

54. Claudius. Matthias Claudius, der Herausgeber des "Wandsbecker

') Allgern. D. Biogr. B. 40 S. 224. 2) Von der zweiten Hand. 11) Staats· Ca·

lender 1776 u. 1779 S. 2 I. .) Allgern. D. Biographie J. B. S. 38. .) Eb. 3. B.

S. 342 f. 6) Eb. 28. B. S. 20 ff. "') Eb. p. B. S. 506 ff. 8) Eb. S. 5 I I f.

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J. A. LEISEWITZ' SILHOUETTENSAMMLUNG 145

Bothen", t 2 I. Jan. 181 5. Die doppelt vorhandene Silhouette stimmt mit

denen bei Ayrer (Taf. 33) und Esmarch (Taf. 11) überein.

55. H. Eckhof. Der berühmte Schauspieler Hans Konr. Dietrich Ekhof,

seit 1774 Schauspieldirector in Gotha, t 16. Juli 1778. Die doppelt vorhandene

Silhouette stimmt mit der in der Ayrerschen Sammlung (Taf. 40) überein.

56. Gleim. Der Halberstädter Dichter Joh. Wilh. Ludw. Gleim, t 18. Febr.

1803. Die Silhouette ist eine andere wie die bei Ayrer (Taf. 25) und Esmarch

(Taf. VIII), die unter sich gleich, aber gegenseitig sind; vgl. unten Taf. I.

57. Goethe. Joh. Wolfg. Goethe. Die Silhouette hat weder mit den

Schattenrissen bei Ayrer (Taf. 22 u. 45) noch bei Esmarch (Taf. VI XIV u.

XV) Verwandtschaft; dagegen deckt sie sich mit der Darstellung in Friedr.

Zarnckes "Kurzgefasstem Verzeichniss der Originalaufnahmen von Goethes

Bildniss" Taf. 8 Nr. V, die aus Elischers Sammlung stammt. Hier wie dort

handelt es sich offenbar nicht um ein Kinderbildnis, sondern um eine schlecht

angefertigte Silhouette; es scheint mir so gut wie sicher zu sein, was Zarncke

(S. 64 zu Nr. 67) als eine Möglichkeit hinstellt, "dass durch ungeschickte

Projectierung des Schattens die Breite und die kugelige Rundung des Kopfes

erzeugt ist." Wie sollte Leisewitz in dieser Zeit zu einem Kinderbildnisse

Goethes kommen? Vgl. unten Taf. 111.

58. Klopstock. Friedrich Gottlieb Klopstock, der Dichter des Messias,

t 14. März 1803. Die Silhouette ist verschieden von denen bei Ayrer (Taf. 24)

und Esmarch (Taf. IV), die auch wieder unter sich abweichen. Vgl. unten

Taf. 11.

59. Lavater. Joh. Kaspar Lavater, der bekannte Physiognomiker, t 2.

Jan. 1801. Die Silhouette gleicht der bei Ayrer (Taf. 47), von der die bei

Esmarch Taf. V etwas abweicht.

60. Lenz. Jacob Michael Reinhold Lenz, der bekannte Dramatiker, t 24.

Mai 1792. Die Silhouette stimmt überein mit denen der Ayrerschen (Taf. 32,

gegenseitig) und der Esmarchschen Sammlung (Taf. XIV).

61. G. Stollberg d. ä. Christian Graf zu Stolberg-Stolberg, Mitglied des

Hainbundes, t 18. Jan. 182 I. Die Silhouette gleicht der der Ayrerschen

Sammlung (Taf. 26) und der in Lavaters Physiognomischen Fragmenten 2.

Versuch S. 244. V gl. auch Könneckes Bilderatlas S. 275.

62. Gr. Stollberg d. i. Friedrich Leopold Graf zu Stolberg·Stolberg, der

jüngere Bruder des Vorigen und ebenfalls Mitglied des Hainbundes, t 5. Dec.

1819. Die Silhouette ist wie Nr. 61 der Ayrerschen und Lavaterschen gleich.

63. Über die Silhouette Lessings, die Tafel IV wiedergibt, ist das oben

S. 140 Gesagte zu vergleichen.

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VERSCHIEDENES ÜBER J. A. LEISEWITZ.

Leisewitz' Bildnis. Das erste Bild, das von Leisewitz veröffentlicht wurde,

stand vor dem 41. Bande d. Neuen Biblioth. d. schönen Wissenseh. (1790). Es

war ein Kupferstich in üctav, der nach einer Zeichnung Kauxdorfs von Uhlemann

gestochen ist und in der ersten Auflage von G. Könneckes "Bilderatlas

zur Geschichte der Deutschen National-Litteratur" (1887) S. 192 wiederholt

wurde. Nach der Ansicht des Geh. Finanzrates Jac. Friedr. Langerfeldt, dem

als Vetter, Freunde und Mitarbeiter von Leisewitz ein Urteil darüber gewiss

zustand, kann das Blatt "nur auf entfernte Ähnlichkeit Anspruch machen I)."

Alsdaher Schweiger 1838 die "sämmtlichen Schriften von Joh. Ant. Leisewitz"

herausgab, stellte Langerfeldt dem Verleger des Werkes ein in seinem Besitze

befindliches, von J. H. Schröder gemaltes Ölbild des Dichters zur Verfügung.

Nach diesem hat Emil Schulz die Lithographie gefertigt, die vor jener

Ausgabe steht. Nach demselben Gemälde hat dann G. Könnecke in der

zweiten Auflage seines Bilderatlasses (1895) S. 264 das Porträt von Leisewitz

gebracht. Auch das Titelbild dieses Heftes gibt das Ölbild Schröders wieder.

Dieses ist in doppelter, fast ganz gleicher Ausführung noch jetzt in der Langerfeldtschen

Familie vorhanden; beide Bilder werden für eigene Arbeiten

Schröders gehalten; das eine von ihnen besitzt zur Zeit ein Enkel Jac. Fr.

Langerfeldts, Kreisdirektor Konrad Langerfeldt, das andere, das bei Könnecke

und hier wiedergegeben ist, dessen Schwester Sophie Langerfeldt in Braunschweig.

Im städtischen Museum daselbst befindet sich eine Kopie des Gemäldes,

die der Maler H. Neumann gemacht hat. - Über die Silhouetten

des Dichters, die von Lavater, Kroker, Langguth und in diesem Hefte veröffentlicht

sind, und die sämtlich auf eine gemeinsame Vorlage aus der Zeit

von 1777 zurückgehen, ist das auf S. 142 zu Nr. 2 I Gesagte zu vergleichen.

P. Z.

Verbesserungen und Nachträge zu dem Aufsatze "J. A. Leisewitz

als Reformator der Armenpflege". Zu S. 5. Roose war, um es genauer

zu sagen, Professor der Physiologie und gerichtlichen Medizin am anatomischchirurgischen

Kollegium zu Braunschweig.

Zu S. 20: Von Wolffs Armenpredigt ist ein Auszug unter dem Titel" Von

der nöthigen Aufsicht über die Armen" im Braunschw. Magazin 1802 Stück

50 f. veröffentlicht worden. Gehalten war sie schon im Juli J 80 I, wie aus

einer Anmerkung a. a. Ü. Sp. 794 hervorgeht.

') Sämmtliche Schriften von J. A. Leisewitz (Braunschweig, Ed. Leibrock 18;8) S. VI.

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VER S CHI E DEN E S 0 BE R J. A. LEI S E W I T Z.

terzeichnete Aufsatz "Erörterung einiger Beschwerden der Armen über die

neue Armen-Anstalt, nebst Berechnung des Verhältnisses zwischen den Allmosen

dieser und der alten Armen-Anstalt" zu gelten, denn sein Stil legt

Leisewitz' Verfasserschaft sehr nahe. Zweck dieses Aufsatzes ist die Behauptung

zu widerlegen, dass die neue Anstalt den Armen weniger gewähre als

die alte. H. M.

Brief von J. A. Leisewitz. Einen weiteren Beweis für den Eifer und die

bis ins Kleinste gehende Sorgfalt, womit Leisewitz alle Unternehmungen der

Armenfürsorge verfolgte und unterstützte, liefert der nachstehende Brief von

ihm, der wahrscheinlich an den Kaufmann Joh. Pet. Spehr in Braunschweig

gerichtet und kürzlich dem Herzoglichen Landeshauptarchive in Wolfenbüttel

geschenkt worden ist.

Ew. Wohlgeboren

habe ich die Ehre hiebey ein Verzeichniss einiger Familien zu übersenden,

welche die in ihren Küchen abfallenden Knochen der Suppen-Anstalt zukommen

lassen wollen. Es wird inzwischen dabey vorausgesetzt, dass die

Knochen abgeholt werden.

Hiernächst schliesse ich einige, die Bereitung der Knochen Suppe betreffende

Papiere an, weil selbige Ew. Wohlgeboren vielleicht interessiren

mögten. Sie sind mir von des Herrn geheimen Raths von Praun Excellenz

mitgetheilt und muss ich daher bitten, sie mir nach gemachtem Gebrauche

zurück zu senden.

Ich fürchte dass es uns, wenn nicht gleich doch in der Folge, wenigstens

eine zeitlang, bis sich Vorräthe gesammlet haben, an Knochen fehlen dürfte.

Ich freue mich daher sehr darüber, dass Ew. Wohlgeboren auf diesen Fall

schon den Entschluss gefasst haben, Suppen aus Fleisch zubereiten zu lassen,

wobey es mir doch scheint, dass die Suppe[n] jedesmahl allein aus Knochen

oder allein aus Fleisch präpariret werden müssten.

Ew. Wohlgeboren würden mich verpflichten, wenn Sie die Gewogenheit

hätten, mir eine Berechnung von den Kosten, welche die Bereitung einer

Portion Suppe aus Fleisch erfordert zum etwanigen nützlichen Gebrauche

mitzutheilen.

Wenn die mir auf heute bestimmten Suppenzeueln noch nicht abgeschickt

seyn sollten, so bitte ich dieselben Überbringern mitzugeben

Braunschweig, gehorsamst

den 6ten Julius 1805. Leisewitz.

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1.

Nr. 36. Abel Seyler Nr. 21. Joh . Ant. Leisewitz.

Nr. 56. Joh. Wilh. Ludw. Gleim. Nr. I. Joh. Gerh. Reinh. Andreae.

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Nr. 57. Joh. Wolfg. Goethe.

Nr. 17. Joh. Christian Kestner.

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II.

Nr. 58. F'riedr. Gottlieb Klopstock.

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N r. 18. Charlotte Kestner.


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III.

Nr. 48. Joh. Pranz Hieron. Brockmann Nr 47 . Sophie Charl. Ackermann.

Nr. 49. Joh. Priedr. Reinecke. Nr. 50. Sophie Reinecke.

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IV.

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17 9. 73

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